Skip to main content

Full text of "Tristan;"

See other formats





ipreöcnteC) to 

Che Xibrar? 

ot tbc 

üntvereit? of Toronto 

Mrs. Whetham, Westfield, N.Y. 
from the books of her husband 

CHAHLSS ^AfHJiTHüft 
B.A., Toronto. 18e^4; U.A., ISS5. 
J'eilow in the ködern langua^e ■ 
Department, U.C., 1893-1894. 



ÄkÄi^r^^' 



'^';.%A.-^Ä.Ar 









i»;:'^^^^'^.^*i^^i 



. *v'Sfl5r5,t'-'-T 






:^^^^Ä^^ 















tÄ.r'.:,5C>'? 






>M». 



f'^.'s ->: 



A/«''!^ 



.B.;»«: 






DEUTSCHE OLASSIKER 



DES 



MITTELALTERS. 



MIT WORT- UND SACHERKLÄRUNGEN. 



BEGRÜNDET 



VON 



FRANZ PFEIFFER. 



SIEEENTEE BAND. 

OOTTFRIED'S VON STRASSBURGi TRISTAN. 

ERSTER THEIL. 




LEIPZIG: 
F. A. BROCKHAUS. 

1873. 



GOTTFEIED'S VON STMSSBUEG 



/ 



TRISTAN. 



U^^ 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



HEINHOLD BECHSTEI]^r. 



ERSTER THEIL 



ZWEITE AUFLAGE. 





LEIPZIG: 
F. A. B R C K H A ü S 



IST.}. 






* f 






•a 



EINLEITUNG. 



Anraiithig und von künstlerischer Schönheit wie keine 
zw eite Romanclichtung des deutschen Mittelalters ist der Tri- 
stan Gottfried's von Straßburg; in keiner waltet ein solch 
wunderbarer und seelenvoller Einklang zwischen Inhalt und 
Form. Mangelt diesem Dichter die schlichte Einfachheit und 
€dele Klarheit seines Genossen und Vorbildes Hartmann von 
Aue, ist er weit entfernt von der sittlich ernsten Strenge und 
großartigen Hoheit seines Widersachers AVolfram von Eschen- 
bach, so ist er einzig und unübertroffen im leichten Flusse 
der Piede, im geistreichen und zierlichen Spiele der Worte, 
Gedanken und Bilder, in der einschmeichelnden und zaube- 
risch ergreifenden Kunst der Seelenmalerei. Schon von den 
Zeitgenossen und nächsten Nachkommen wird sein Genius be- 
wundert und gepriesen, und über ein Jahrhundert lang findet 
seine Dichtersprache bewusste und unbewusste Nachahmung. 
Mit dem sinkenden Mittelalter wird sein Name vergessen, aber 
mit dem Erwachen der deutschen Studien feierte auch Gott- 
fried nach langem Schlummer seine Wiedergeburt. Nicht 
nur aus literargeschichtlichem Interesse und um der Beleh- 
rung willen vertiefen wir uns in sein Gedicht. Wer vor- 
urtheilslos sich ihm nähert, aber empfänglich ist für die Poesie 
unserer Vorzeit, der wird unwillkürlich in hohem Maße ge- 
fesselt und findet reichen ästhetischen Genuß. Ja Gottfried 
ist auch lebendig für die Gegenwart gewonnen; denn mancher 
Dichter hat sich ihn zum Vorbild auserkoren. 

Daß es dem Dichter des Tristan mit seiner ausgeprägten 
Eigenart zu seiner Zeit nicht an feindseligen Gegnern gefehlt 
habe, das dürfen wir auch ohne bestimmte äußere Zeugnisse 
annehmen und schließen es aus einzelnen Andeutuncren. Auch 



VI EINLEITUNG. 

in imseni Tagen ist er nicht ohne Anfechtung geblieben. Seine 
Lebensanschaimng fand Tadel, der sittlich bedenkliche Stoflf 
seines Liebesromans gab vor allem Anlaß zu verwerfendem 
Urtheil. Auch philologische Bedenken wurden laut wider seine 
Verskunst. Solchen immer nur vereinzelten Ausstellungen 
gegenüber, die noch dazu meist einem grämlichen Gemüthe 
entstammten, hat die Literaturgeschichte doch ihr Urtheil dahin 
festgestellt, daß Gottfried von Straßburg als einer der her- 
vorragendsten Dichter, den Deutschland je geboren, in Ehren 
zu halten ist, als ein wirklicher Classiker unseres Alterthums. 

Wenn der Tristan auch auf heutige Leser noch einen wirk- 
lich ästhetischen Eindruck zu machen vermag, so verdanken 
sie dies gewiss vorzugsweise der unnachahmlichen Kunst des 
Dichters. Einigermaßen wird auch das unbekannte franzö- 
sische Original solches Verdienst beanspruchen dürfen. Ein 
gut Theil aber dieser A^ irkung kommt zugleich den allgemein 
menschlichen Motiven der Erzählung zu, welche uns das mittel- 
alterliche und insbesondere höfisch-ritterliche Costüm in Stoif 
und Darstellung fast ganz vergessen lassen. Gottfried's Ge- 
dicht war zu seiner Zeit gewiss ein echt modernes. Macht es 
aber mit Abrechnung einiger Einzelheiten in der Erzählung 
und einiger geschichtlich charakteristischen Anschauungen 
nicht auch heute noch den Eindruck des Modernen? Auch 
daß die Handlung im fernen Lande vor sich geht, stört uns 
nicht; diese Fremde blickt uns nicht fremd und seltsam an. 

Für die ästhetische Würdigung wird der jeweilige Ge. 
schmack immer maßgebend sein. Beim Tristan können wir 
aus den angedeuteten Gründen ziemlich mühelos zu einer 
lebendigen Nachemptindung gelangen ähnlich wie bei Hart- 
mann's Gregor und Armem Heinrich, während bei Schöpfungen 
wie z. B. bei Hartmann's Erec und Iwein, es vorerst der Ver- 
tiefung bedarf, ehe wir dem Gegenstande und der Kunst des 
Dichters gerecht werden. Erfüllt eine solche Anschauung that- 
sächlich die weiteren Kreise, so wird selbst der Fachmann sich 
ihrem Banne nicht ganz entziehen können, sobald er auf dem 
Standpunkt des genießenden Lesers steht. Aber an sich, 
wissenschaftlich betrachtet, darf dies das literargeschichtliche 
Urtheil nicht bestimmen. Gedichte wie die zuletzt genannten 
hören darum nicht auf, Blüten der Kunst zu sein, weil sie 
vielleicht dem heutigen Geschmacke nicht ohne weiteres zu- 
sagen wollen. In dieser Beziehung werden die Erzeugnisse 
des Mittelalters gar zu leicht unterschätzt. Aber es will mich 
bedünken, als habe auch in der Behandlung der Literatur- 



EINLEITUNG. VI! 

geschiclite Jas historische ürtheil öfters unter dem Drucke 
von Vorliebe und Abneigung gelitten. 

Die Literaturgeschichte scheidet bekanntlich in der erzäh- 
lenden Dichtung des Mittelalters das Volksepos, die dichte- 
rische Verherrlichung der heimischen Heldensage, vom Kunst- 
epos oder, wie es mit Beschränkung auf seine kurze Blütezeit 
auch genannt wird, vom höfischen, vom ritterlichen Epos. 
Eine solclie systematische Scheidung ist wohl nöthig, ja auch 
zweckmäßig, aber sie kann weder hinsichtlich der Form noch 
auch hinsichtlich des Inhaltes genau bis ins Einzelne durch- 
geführt werden. Ein Gegensatz zwischen der heimischen Dich- 
tung und der von außen eingeführten, nach fremden Vor- 
bildern geschaffenen bestand allerdings und wird nie völlig 
geschwunden sein. Er war begründet in den gesellschaftlichen 
Verhältnissen und Unterschieden, ja er tritt auch historisch 
nach den Landschaften hervor. Allein so schroff, wie er oft 
dargestellt und unter Rubriken gebracht wird , Avar dieser 
Gegensatz niemals; die Zeit milderte ihn, sie glich ihn aus 
mit Hülfe des universalen, des kosmopolitischen Geistes, 
welcher das mittelalterliche Leben durchdrang und erfüllte. 
Wenn fremde Stoffe ebendeshalb, weil sie nicht vaterländisch 
w^aren, zunächst auch keine Volksthümlichkeit besaßen, so 
wurden sie doch volksthümlich durch das allgemeine Bedürf- 
niss nach poetischer Anregung und Unterhaltung, sowie durch 
die Kunst hervorragender Meister. Gilt dies vor allen von 
den christlichen, biblischen Erzählungen, so wurden auch 
antike, romanische und keltische, selbst einzelne orientalische 
Sagenstoft'e zu einem Gemeingute der abendländischen AVeit 
und fanden namentlich in unserm Vateriaude, wo schon früh 
das Aneignungsvermögen dem fremden Geiste willig entgegen- 
kam, eine neue Heimat und ihre dichterische Verklärung, wie 
auch hinwiederum manche Dichtungen, die unserm heimischen 
Boden erwachsen waren, ihren Weg in andere Lande ge- 
nommen haben. Sagengestalten wie König Alexander, König 
Artus, Parzival und Tristan sind in der Blütezeit mittelalter- 
licher Poesie und noch lange darüber hinaus nahezu so volks- 
thümlich und in gewissem Sinne so national wie Siegfried und 
Dietrich von Bern. 



Die Sage von Tristan ist eine keltische, ihre Heimat 
Britannien und Irland. In England wird sie frühzeitig dich- 
terisch verwerthet, von da gelaugt sie nach Frankreich, wo 



VIII EINLEITUNG. 

sie mit Vorliebe erfasst wird und manioffaclie Bearbeitung 
findet. Auch der fruchtbarste Roman dichter Frankreichs, 
Chrestien de Troyes, dichtete, wie wir aus einem literari- 
schen Zeugnisse wissen, einen Tristan, aber sein Werk ist 
bisjetzt nicht aufgefunden. Von Autornamen begegnen in 
vorliegenden französischen Tristandichtungen namentlich fol- 
gende beide: Berox und Thomas. Von Frankreich aus ge- 
langen Sage und Dichtung zu uns. In dem langen Zeiträume 
vom Ende des 12. Jahrhunderts bis ins 16. finden wir den 
: Koman von Tristan und Isolt ferner in der Provence, in Spa- 
; nien, in Italien, im skandinavischen Norden, ja selbst in Böh- 
\ raen und in Griechenland. Auch wird die Tristansage in Ver- 
' hindung gebracht mit der Gral- und Artussage , zu der sie 
ursprünglich nicht gehörte. Den eigentlichen Denkmälern ge- 
sellen sich in den verschiedenen Ländern und zu verschiede- 
nen Zeiten vielfache Beziehungen und Anspielungen bei den 
Dichtern, zumal bei den Lyrikern, welche die Bekanntschaft 
mit der Tristansage voraussetzen und erweisen. Mit der Re- 
naissance schwindet die Theilnahme an der Dichtung; die 
Sage fristet nur in schlichten Volksbüchern ihr Dasein. Erst 
die neue Zeit hat den willkommenen Stoff zu künstlerischer 
Bearbeitung wieder hervorgesucht. 

Liebessagen wie die von Tristan und Isolt sind bei 
4 allen Völkern und in grauer Vorzeit anzutreifen. Die bekann- 
^ testen sind außerdem die von Pyramus und Thisbe, von Hero 
und Leander, von Romeo und Julie. Bekannt ist ferner die 
persische Erzählung von der Liebe des Ferhad zu Schirin, 
(Ter Gemahlin des persischen Kaisers Chosroes. Eine an 
Romeo und Julie und zugleich an Tristan und Isolt erinnernde 
Sage ist die Erzählung von Adam und Durkhani. AVir finden 
hier Feindschaft der beiderseitigen Geschlecliter, welche die 
Vermählung hindert. Die Jungfrau wird einem ungeliebten 
Manne gegeben, der in seiner Eifersucht den Geliebten der 
Frau verfolgt und in einem Kampfe verwundet. Er verkündet 
Adam's Tod, und Durkhani stürzt bei dieser Nachricht ent- 
seelt nieder. Darauf stirbt auch Adam, als er den Tod der 
Geliebten vernimmt. Aus ihren Gräbern sprießen zwei Bäume 
empor, deren Zweige sich umarmen, ähnlich wie sich über 
Tristan's und Isoldens Grab Rose und Rebe vereinen. 

Auch die Tristansage ist ursprünglich ein Mythus. Selbst 
in der jüngeren, vom modernen Geiste erfüllten Erzählung Gott. 
fried's blicken noch mythische Bestandtheile hindurch. Er- 
innert sei nur an die zauberlvundige Heilkünstleriji. Isolt, an 



EINLEITUNG. IX 

<len Miiinetrank, an den Drachen, an das Feenhündlein 
Petitcriu, an den Riesen ürgan. Einzelne historische Züge 
haben sich beigesellt, wie die Kämpfe zwischen Fürston und 
Vasallen, die Besiegung des Landes durch fremde Eroberer. 
Die Erforschung dieser Elemente stößt auf ^Schwierigkeiten, 
weil der ältere Sagengehalt nur dürftig oder gar nicht er- 
schlossen ist. Glücklicher konnte unsere deutsche Heldensage 
durch die entsprechende nordische Sagenüberlieferung auf 
ihren mythischen Kern zurückgeführt werden. Zwar wurde 
schon manches über den Mythus der Tristansage vorgebracht, 
allein was bisjetzt für diese sehr wichtige und interessante 
Frage geschah, erhebt sich nicht über die Hypotliese. Es ist 
2U bedauern, daß Männer wie Jakob Grimm und Ludwig 
Uhland die Tristansage nicht zum Gegenstand ihrer Forschung 
und ihres Nachdenkens gemacht haben. Jakob Grimm ist nur 
den verschiedenen literarischen Versionen der Sage nachge- 
gangen, wovon seine schöne Recension des Buches der Liebe 
von Büsching und von der Hagen (in der Leipziger Lite- 
raturzeitung vom Jahre 1812, Kr. 02—64) glänzendes Zeug- 
niss gibt. 

Für die literarische, mehr noch für die ästhetische 
Schätzung der Kunstdichtungen von Tristan und zumal des 
Meisterwerks Gottfried's von Straßburg ist der mythische 
Hintergrund des Stoftes glücklicherweise gleichgültig. "Weder 
in den Dichtern noch in den Hörern und Lesern lebt damals 
ein Bewiisstsein mehr von dem mythischen Gehalte. Selbst 
der Zauber des Minnetranks, an den auch viel jüngere Zeiten 
glaubten, ist hier zum versöhnenden Motive gemildert. Der 
Mythus wurde auch hier zur Sage, die Sage zum Roman, 
das Märchen zur Novelle. Nur durch Gottfried's Kunst ist 
der Stoff wieder emporgehoben zu einem wirklichen Epos. 

Nach diesen allgemeinen Andeutungen wenden wir uns der 
Tristansage und den Tristangedichten in Deutschland zu. 

Ziemlich am Ende des Gottfriedischen Tristan findet sich 
eine charakteristische Stelle (V. 18447—70), aus welcher her- 
vorgeht, daß dem Dichter mehr Einzelheiten vom Leben und 
von den Heldenthaten Tristan's bekannt waren, als in seiner 
Quelle, der er zunächst folgte und zu folgen brauchte, ver- 
zeichnet standen. Mit Absicht übergeht er sie, um nicht 
weitschweifig zu werden. Daß er sie auch verwerfe, weil sie 
nicht wahr seien, kann aus dem Worte fabelen im Gegensatze 
zur irurhcit (zur Quelle, s. Anmerk. zu 150) nicht geschlossen 
werden. 



X EINLEITUNG. 

Dagegen finden sich mehrere Stellen, in welchen der Dich- 
ter sein kritisches Missfallen an bereits vorhandenen Versionen 
der Sage unverhohlen und mitunter nicht ohne Schärfe kund- 
gibt. So sagt er gleich im Eingange (V. 131 — 134), daß viele 
die Geschichte Tristan's gelesen, aber nur wenige sie in der 
rechten Weise erzählt hätten. Er deutet somit auf die allge- 
meine Bekanntschaft der Sage im Volke hin und zugleich auf 
seine literarischen Vorgänger. Diese erste Bemerkung ist all- 
gemein, sie sagt uns nicht, in welcher Sprache jene Erzählungen 
verfasst wurden. Wenn Gottfried dann ferner (V. 146 — 154) sein 
Urtheil dahin erläutert, daß die Erzähler sich nicht nach dem 
Vorbilde des Thomas von Britannie gerichtet hätten, so braucht 
auch hieraus nicht geschlossen zu werden, daß die Getadel- 
ten ausschließlich Deutsche seien, wohl aber ergibt der ganze 
Zusammenhang der Stelle, daß Gottfried hier auch an deutsche 
Vorgänger gedacht, ja daß er diese vorzugsweise im Auge ge- 
habt habe. 

Gleich im Beginne der Erzählung (V. 322 — 328) bietet sich 
dem Dichter Gelegenheit, auf eine Abweichung seiner Quelle 
von der andern populär gewordenen Tradition aufmerksam zu 
machen. Riwalin gilt als ein Lohnoissere, als ein König über 
das Land zu Lohnois, dagegen war er nach sicherer Über- 
lieferung des Thomas ein Parmenier. — Sodann verwirft Gott- 
fried die entschieden poetische Erzählung von der Schwalbe 
und dem Frauenhaar und von Tristan's zielloser Fahrt (V. 8605 
— 32). In dieser für unsern Sinn etwas nüchternen Auslassung 
des Dichters regt sich allerdings, wie Jakob Grimm treffend 
bemerkte, bereits das Gefühl der modernen Kritiker. — Ebenso 
leugnet Gottfried, daß Marke und Isolt den Minnetrank koste- 
ten (V. 12655 — 60), während ihn Brangasne in die See gewor- 
fen habe, wie uns auch Gottfried vorher (V. 11G98 fg.) er- 
zählte. — Der Zwerg Melot war nach dem allgemeinen Glau- 
ben befähigt, Geheimnisse aus den Sternen zu lesen, dagegen 
schildert ihn die Quelle des Dichters nur als gewandt und 
listig (V. 14241 — 53). — Daß in gleicher Weise, wie Gottfried 
es thut, auch andere die Überlieferung der Tristansage mit 
kritischen Augen ansahen, darüber belehrt uns die polemische 
Äußerung (V. 16913 — 26) gegen diejenigen, welche ein bloßes 
Liebeleben in der Wildniss ohne materielle Nahrung nicht 
glaubhaft und unsinnig finden. Zugleich ist die Stelle gegen 
vorliegende Versionen gerichtet, in welchen Tristan als Jäger 
und Fischer geschildert wird, der durch seine Geschicklich- 
keit sich und seiner Geliebten das Leben fristet. 



EINLEITUNG. XI 

Wirklich ist auch eine deutsche Erzählung von Tristan 
vorhanden, welche einmal zeitlich der Gottfriedischen voraus- 
geht, und sodann inhaltlich von dieser abweicht, aber dies 
nicht nur in den von Gottfried berührten Stellen, sondern 
auch noch in gar vielen Einzelheiten. Diese andere Tradition 
stimmt im Allgemeinen mit der französischen des Berox. In 
ihr «hängt die Fabel», wie Jakob Grimm wider ein abfälliges Ur- 
theil von Gervinus bemerkte (Göttingische gelehrte Anzeigen, 
1835, GG2; jetzt auch Kl. Schriften ä, 186), gegenüber der 
Erzählung von Gottfried «noch in festerer Fuge». Es ist dies 
der Tristan des Eilhart von Oberge, eines niedersächsischeuy 
aus dem Hildesheimischen stammenden Ritters und Dienst- 
mannen Heinrich's des Löwen. Er erscheint urkundlich in den 
Jahren 1189 — 1207. Sein Gedicht ist wahrscheinlich nach 
einer französischen (Quelle gearbeitet. Es ist in dem ein- 
fachen Erzählerton abgefasst, wie er vor Heinrich von Vel- 
deke allgemein war. Man setzt es daher um das Jahr 1170. 
Die Sprixche des Dichters ist nicht das Niederdeutsch, son- 
dern das Hochdeutsch der mittleren Lande, das sogenannte 
Mitteldeutsch. Leider besitzen wir eine alte, noch dem 
12. Jahrhundert angehörende Gestalt des Gedichtes nur in 
Bruchstücken. ^) Dagegen hat sich das ganze Werk erhal- 
ten in einer jüngeren Bearbeitung, welche in zwei Hand- 
schriften des 15. Jahrhunderts, einer Heidelberger, früher 
Vaticanischen, und einer Dresdener vorliegt. Im Einzelnen 
weichen beide Handschriften formal voneinander ab. Bisjetzt 
kennen wir von der Bearbeitung selbst nur einzelne kürzere 
oder längere Proben. -) Es ist hohe Zeit, daß sie vollständig, 
wo möglich in einer Gegenüberstellung der beiden Texte 
sowie mit Berücksichtigung der alten Bruchstücke zur Ver- 
öffentlichung gelange. 

Daß es außer diesem einen Gedichte von Eilhart vor Gott- 



1) I. In: Gottfried's von Strasburg Werke von v. d. Hagen 2, 315 (1^23), 
mitgetheilt von Hoffmann von Fallersleben mit den Ergänzungen aus der 
(Dresdener) jüngeren Bearbeitung; wiederholt in Hoffmann's Fundgruben 
1, '-'32 (1830), — II. In: Bruchstücke aus Jansen's des Enenkels gereimter 
Weltchronik, S. 37 (1854) von Karl Roth. — III. In Pfeiffers Germania 
', 155 (18<i4) mitgetheilt von K. A. Barack. 

-') I. In Jakob Grimm's genannter Recension über das Buch der Liebe^ 
Spalte 500 fg. (isi2) aus der Dresdener Handschrift. — II. In v. d. Ha- 
gen's und Büsching's literarischem Grundrisse, S. 127—130 (18l2) aus der 
Dresdener Hs. — III. In Groote's Ausgabe des Tristan (1821), S. XXIX 
Heidelb. Hs., S. 41f, Dresdener Hs. — IV. S. obige Anmerkung 1) I (1S23). 
— V. In einem Aufsatze Rcinhold Köhlcr's in Pfeiffer's Germania 11, 389 fg. 
(186'")) Heidelb. und Dresdener Hs. —VI. In einer Mittheilung R. Köliler's 
in Pf. Germania 14, 24<; (1 '-•;!<; Dresdener Hs. 



XII EINLEITUNG. 

fried's Zeit bei uns nocli andere gegeben habe , dürfen wir 
schon daraus schließen, daß Gottfried öfters geradezu mehrere 
nennt. Sollten aber nicht auch einzelne seiner polemischen 
Äußerungen dies bestätigen? Gottfried spricht in jener Stelle 
nur von einer Scliwalbe, die Bearbeitung von Eilhart's Ge- 
dichte meldet von zwei Schwalben, die sich über den Besitz 
eines Frauenhaares stritten. Dort wird uns ferner erzählt, 
Tristan habe während seiner Verbannung gejagt und gefischt. 
Also kann diese Yersion nicht Anlaß zu den spöttischen Be- 
merkungen gegeben haben, gegen welche Gottfried eifert. Es 
muß vielmehr eine Erzählung vorhanden gewesen sein, welche 
bei aller sonstigen Verschiedenheit von Gottfried's Quelle min- 
destens in diesem einen Punkte mit ihr zusammenstimmte. 

Um das Jahr 1210 dichtete, was hier in Kürze voraus- 
genommen werden soll, Gottfried von Straßburg sein un- 
sterbliches Werk, hinterließ es aber unvollendet. Fort- 
setzung und Schluß lieferte um 1240 Ulrich von Türheim, 
einen ähnlichen Versuch wagte dann später um 1300 Hein- 
rich von Freiberg. 

Aus der jüngeren Bearbeitung von Eilhart's Gedichte gieng 
das prosaische Volksbuch hervor, welches zuerst 1498 in 
Augsburg erschien, in der Folgezeit öfters wiederholt wurde, 
dann auch im «Buch der Liebe;) (zuerst Frankfurt 1587) Auf- 
nahme fand. ^) Keuerdings wurde das Volksbuch wiederholt 
und zum Theil modernisiert in Büsching's und v. d. Hageivs 
Buch der Liebe und in den Volksbüchern von Simrock und 
JNIarbach. 

Aus dem Volksbuche schöpfte hinwiederum Hans Sachs 
bei Abfassung seiner Tragödie: Tristrant mit Isalde, vom 
7. Februar 1553. 

Der neueren Versuche, die Tristansage episch oder dra- 
matisch zu bearbeiten, können wir hier nicht im Einzelnen 
gedenken. Es mag genügen, wenn an Immermann's herr- 
liches, leider unvollendetes Epos, an die schwungvolle Fort- 
setzung des Gottfriedischen Gedichts von Hermann Kurtz 
und an Richard Wagner's geistreiche, aber spröde Opern- 
dichtung erinnert wird. -') 



') Bibliographische Nachweise der beiderlei Ausgaben in Jakob Grimm's 
Eecension, Sp. 491; in v. d. Hagen's Minnesingern 4, 588, Anmerk. 2; in 
Goedeke's Mittelalter, S. 781, und Grundriß 1, 115. 11(5. 

'^) Eine zusammenfassende Besprechung dieser neueren Versuche gedenkt 
der Herausgeber zu geben in einer Schrift, betitelt: Tristan und Isolt in 
deutschen Dichtungen der Neiizeit. 



EINLEITUNG. XIII 

Nicht allein die vorhandenen Denkmäler und diese in ver- 
schiedenen Handschriften, Bearbeitungen und Ausgaben geben 
uns vollwichtiges Zeugniss von der Beliebtheit der Tristan- 
sage in Deutschland während des Mittelalters und im Beginne 
der neuen Zeit, es stehen uns auch zur Ergänzung litera- 
rische Zeugnisse zu Gebote, welche auf die Vertrautheit 
mit der Sage und mit ihren Hauptfiguren schließen lassen. 
Ein Theil derselben beziehen sich nur auf Gottfried's Tristan 
und sind daher besser an anderer Stelle zu berücksichtigen. 
Andere, die allgemein gehalten sind, wurden bisweilen, wie 
mir scheint zu voreilig, auch auf Gottfried gedeutet. Wenn 
nun auch nicht geleugnet werden soll, daß sein Gedicht 
wesentlich zur Verbreitung der Erzählung beigetragen hat, so 
kann doch im einzelnen Falle diese Kenntniss ebenso gut 
durch die andern Bearbeitungen vermittelt worden sein, ja 
manchmal beziehen sich die Anspielungen bei den Dichtern 
entschieden auf eine dieser letzteren. 

Besäßen wir ein leicht zugängliches und handliches Werk, 
V hes, wie es Wilhelm Grimm für die deutsche Heldensage 
geui;(n, die Zeugnisse über die außerdeutsche Sagenwelt in 
den deutschen Dichtungen des Mittelalters in knapper und 
kritisch sichtender Weise zusammenstellte, dann würde hier 
eine einfache Verweisung wohl am Platze sein. Wer diesen 
Dingen näher nachgehen will, muß im vierten Theile von 
V. d. Hagen's Minnesingern sich die Stellen zusammensuchen. 
Eine vollständige Sammlung dieser Zeugnisse kann natürlich 
nicht in der Aufgabe einer einleitenden Betrachtung zu einer 
Ausgabe des Gottfriedischen Tristan liegen, doch möchte, weil 
dieselben auch noch in anderer Beziehung nicht unwichtig 
sind, wenigstens auf einige, auf die ältesten oder bezeichnend- 
sten ausdrücklich hinzuweisen sein. 

Vor Gottfried finden wir auf die Tristansage angespielt in 
einem Liede Heinrich's von Veldeke. Tristan musste un- 
freiwillig der Königin treu sein; ihn zwang der Minnetrank 
mehr als die Kraft der Minne; ich aber, setzt der Dichter 
hinzu, bedarf eines solchen Zaubers nicht, ich minne sie, die 
Cieliebte, doch mehr als er die seine. (Minnesangs Frühling, 
58, 35.) 

Wahrscheinlich ebenfalls noch vor Gottfried finden wir 
fast dasselbe Bild benutzt in einem Liede des Bernger von 
Horheim, eines schwäbischen Ritters, welcher 1190 mit Hein- 
rich VI. nach Apulien zog. Die betreffende Strophe ist er- 
weislich einem französischen Liede nachgebildet, nichtsdesto- 



XIV EINLEITUNG. 

weniger wird dadurch die Bekanntschaft der Sage in Deutsch- 
land bezeugt. (Minnes. Fr. 112, 1.) 

In einem Gedichte des von Gliers in der Pariser Hand- 
schrift heißt es, es sei eine Noth, der Minne zu dienen. 
Mancher leide den Tod durch sie, der ihrer doch mit herzlicher 
Treue pflege; «so Tristan, der mich jammern muß», (v. d. Ha- 
gen's Minnesinger 1, 105, Strophe 7.) 

An den Minnetrank knüpft ebenfalls Reinmar von Zwe- 
ter, der bekannte Spruchdichter, an. Um der Treue willen zu 
einem geliebten Weibe litt Tristan den Tod; er trank diese 
Liebe aus einem Glase. Auch ich habe das getrunken aus 
meiner Herrin Augen. (Hagen, Minnes. 2, 181, Strophe 25.) 

Der Marner, ein Schwabe bürgerlichen Standes (f 1287), 
benutzt ein ähnliches Motiv in einem Wächterliede. Troja 
ward einst zerstört, dem Tristan geschah viel Liebesweh um 
Isalden willen; auch jetzt noch hält die Minne manchen wer- 
then Mann gefangen. (Hagen, Minnes. 2, 237, Strophe 2.) 

In einem eingestreuten Liede, einer Tanzweise, in Ulrich's 
von Liechtenstein Frauendienst bittet der Dichter seine Ge- 
liebte, daß sie ihn wie Isalde den Tristram trösten möge. 
Die Stelle ist auch formal wichtig: 

Min hend' ich välde mit triuwen algernde üf ir füeze, 
däz s'als isalde Tristrämen getrdesten mich müeze. 

(Lachmann 394, 16, Strophe 3.) 

Die Form Isalde, welche hier durch den Reim gesichert ist, 
stammt aus der nieder- oder mitteldeutschen Tradition, die 
auch in Oberdeutschland allgemein war, während Gottfried im 
Nominativ nur Isolt oder Isot sagt und in den andern Casus 
auch nur o und 6, niemals a verwendet. 

Auch Tristan's Altern werden erwähnt in einem Liede 
Konrad's von Würzburg. Der Dichter klagt, Amor sei 
durch Mars verdrängt worden. Liebende wie Riwalin und 
Blanscheflur gebe es nicht mehr. (Hagen, Minnes. 2, 312, 
II, Strophe 3.) 

Wie in Liedern, so wird auch in epischen Dichtungen 
auf die Tristansage angespielt. Wir gedenken nur der Stellen 
bei Wolfram von Eschenbach. Tristan wird in seinen Ge- 
dichten nicht genannt, dagegen erwähnt er den Morolt von 
Irland im Parzival (I, 1445. II, 263. 442. 705. 828), doch ohne 
Beziehung auf seine Schicksale in der Tristanerzählung. Riwalin, 
der minne gernde^ wird ausdrücklich als König von Lohneis 
bezeichnet (II, 440), was wahrscheinlich schon in der Vorlage 



EINLEITUNG. XV 

Stand. Von Parzival wird gesagt, er sei nicht von einem 
Kurvenal erzogen worden, er verstehe sich nicht auf Cour- 
toisie (III, 85G). Parzival's Gattin, Konduiramur, heißt es 
(IV, 247), überstrahle an Schönheit die beiden Isolden. 

AVichtiger sind aber einige Stellen in didaktischen Ge- 
dichten, weil diese das wirkliche Leben berühren. — Tho- 
masin von Zirclaria kommt in seinem Lehrgedichte, der 
wälsche Gast genannt (verfasst 1216), auf die Lektüre der 
Jugend zu sprechen (V. 1023—1078) und empfiehlt aus dem 
Gebiete der höfischen Dichtung eine Anzahl Personen als gute 
Vorbilder. Den Jungfrauen nennt er unter andern auch 
Blanscheflör ; wahrscheinlich meint er die Mutter Tristan's, 
nicht die Geliebte Flore's. Die Jungherren erhalten folgende 
Lehre: 

Juncherren suln von Gäwein 1041 

hoeren, Clies, Erec, Iwein, 

und suln rihten sin jugent 

gar nach Gäweins reiner tugent. 

volgt Artus dem künege her, 1045 

der treit iu vor vil guote 1er, 

und habt ouch in iuwerm muot 

künic Karin den helt guot. 

lät niht verderben iuwer jugent. 

gedenket an Alexanders tugent, 1050 

an gevuoc volgt rr Tristande , 

Seigrimos , Kälogriande. 

Ohne Zweifel hat hier Thomasin den Charakter Tristan's im 
Sinne, wie er von Gottfried geschildert ist. 

In Hugo's von Trimberg Renner, dem bekannten und 
einst vielgelesenen Lehrgedichte (verfasst um 1300), wird uns 
bei Gelegenheit einer Herzensergießung des Dichters, daß man 
es unmöglich allen Leuten recht machen und alle V\''ünsche 
erfüllen könne, auch von der Verschiedenheit und Manig- 
faltigkeit des literarischen Geschmacks erzählt. Da heißt es 
von einem, er höre gern von Dietrich von Bern und von den 
alten Recken, ein anderer wolle von Herrn Ecken, ein dritter 
von der Reußen Sturm , der vierte wolle Siegfried's Wurm, 

der fünfte kU kern Tristerant u. s. w. (IG 154 — 70). 



1043 Sin altertbümlich für ir; vgl. zu Tristan bbO. — 104tj treit = trägt. 
vor tragen, zeigen. — he dat. pl.:=euch. — 1051 gevuoc st. niasc, Schick- 
lichkeit, Anstand. 



XVI EINLEITUNG. 

Hieraus folgern wir, daß diese Stoffe auch damals noch 
nicht bloß stumm gelesen, sondern auch angehört und vor- 
getragen wurden. Sodann ist die Stelle deshalb von Wichtig- 
keit, weil deutsche und nichtdeutsche Helden ganz auf eine 
Stufe gestellt werden: eine Anschauung, für die auch sonst 
noch Belege zu Gebote stehen. 

Eine zweite Stelle im Renner (V. 1253 fg.) gesellt ebenfalls 
britische Helden wie Erec, Iwein, Tristrant, Parzival und 
Wigoleis dem König Rother zu. AVichtiger aber scheint mir 
die Erwähnung dieser Namen zu sein wegen der Polemik, 
welche der etwas nüchterne und pedantische Hugo daran 
knüpft. Er verwirft diese über das deutsche Land bekann- 
ten Erzählungen wegen ihrer Unglaubwürdigkeit. Später 
(V. 214S6 fg.) sagt er geradezu, daß diese Bücher, die er vor- 
her genannt habe, gar Lügen voll seien. Aber doch seien 
sie bekannter und begehrter über manches Land als die Bibel 
und die Wunderthaten Gottes. — 

Einen so volksthümlichen, anziehenden und gestaltenreichen 
Stoff wie die Erzählung von Tristan und Isolt konnte die 
bildende Kunst nicht ungenutzt lassen. Wir gedenken hier 
der bisjetzt bekannt gewordenen Darstellungen, weil auch sie 
Zeugniss abgeben von der Beliebtheit des Romans und von 
seiner Aufnahme in Lebenskreisen, in denen man ihn heute 
nicht suchen würde. 

Von den Handschriften des Gottfriedischen Tristan sind 
drei mit Bildern geschmückt, die Münchner (M) und deren 
Nebenhandschrift, die Blankenheimer (B) sowie die des Grafen 
Reimes (R). Auch die Heidelberger Handschrift der jüngeren 
Bearbeitung des Eilhart enthält einige Bilder. 

Von hervorragender Bedeutung sind die reichen Fresco- 
Darstellungen aus der Tristansage, welche sich in Tirol auf 
dem Schlosse Runkelstein bei Bozen erhalten haben. Einen 
kurzen Bericht gab darüber I. V. Zingerle in Pfeiffer's Ger- 
mania 2, 467 (1857), dann folgte die ausführliche Beschrei- 
bung nebst Abbildung in dem Prachtwerke : «Fresken-Cyklus 
des Schlosses Runkelstein bei Bozen, gezeichnet und litho- 
graphiert von Ignaz Selos, erklärt von Dr. Ignaz Vincens Zin- 
gerle. Herausgegeben von dem Ferdinandeum in Innsbruck.» 
Atlasfolio. (Vorrede datiert vom 20. Sept. 1857.) Die Bilder 
stammen aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts. Aus Einzel- 
heiten der Darstellung geht hervor, daß der Künstler sich 
die Tradition Gottfried's erwählte. 

Auch Stickereien sind bekannt geworden: zuerst ein 



EINLEITUNO. XVII 

prachtvoller Teppich aus dem 14. Jahrhundert, der im 
Frauenkloster Wienhausen bei Celle aufbewahrt wird (Be- 
schreibung und Abbildung in Farben durch H. W. H. Mithoff 
im Archiv für Niedersachseus Kunstgeschichte, II. Abtheilung, 
Tafel C> [Hannover 1853]; ferner kurze Beschreibung und 
Mittheilung der niederdeutschen Inschrift in Goedeke's Mittel- 
alter [18Ö4], S. 818). Ein zweiter unscheinbarer Teppich, 
der wohl als Tafeltuch gedient haben mag, wurde vor nicht 
langer Zeit im Dome zu Erfurt aufgefunden (beschrieben 
mit Beigabe einer bruchstückweisen Abbildung von A. v. Eye 
im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, N. F., 13. Jahr 
gang 1S('6, Sp. 14 fg.). Die Inschrift auf diesem Erfurter Tcp- 
pich, der in das 15. Jahrhundert gehört, ist mitteldeutsch 
(vgl. Pfeiffer's Germania 12, 101), weshalb sein Ursprung wohl 
auch in Thüringen zu suchen ist. H. Kruspe in Erfurt, ein be- 
V ährter Kenner der Geschichte und Alterthümer seiner Vater- 
Stadt, glaubt, daß dieser Teppich nebst verschiedenen andern, 
die neuerdings dort entdeckt wurden, im Ursulinerinnenkloster 
in Erfurt gestickt worden sei. Auf diesen beiden Teppichen 
folgt die Darstellung der Erzählung Eilhart's. 

Erwähnung verdient ferner auch ein außerdeutsches Kunst- 
werk, ein geschnitztes Elfenbeinkästchen, welches sich in 
einer Privatsammlung in England befindet (Beschreibung nebst 
Abbildung in Contour in der nochmals zu erwähnenden Samm- 
lung von Michel, I, LXXIII fg.; ferner kurze Beschreibung in 
v. d. Hagen's Minnesingern 4, 604). — Schließlich sei genannt 
ein Frauenkamm mit Reliefdarstellung der Scene am Brunnen. 
Der Kamm wurde oder wird auch noch heute im Dom zu 
Bamberg aufbewahrt und galt als Reliquie von der heiligen 
Kaiserin Kunigunde. Der Kamm gehört wohl dem 14. Jahr- 
hundert an; die kurze Inschrift ist französisch. Eine Abbildung 
dieses immerhin interessanten Stückes ist bisjetzt, so viel wir 
wissen, nicht geliefert. 



Alle Dichtungen von Tristan, die einheimischen wie die frem- 
den, überstrahlt Gottfried's von Straßburg Meisterwerk. Ein 
eigenes Schicksal hat über dieser Perle unserer Literatur 
gewaltet. p]s fehlt dem Gedichte der Schluß, und darum 
fehlt auch der Name des Dichters. Gottfried hätte sich ge- 
wiss nach der Sitte der zeitgenössischen Erzähler wenigstens 
am Ende genannt, nachdem er es vorher unterlassen, nach 
dem er auch Namen und Vorhaben nicht geheimiiissvoll in 

GOTTFRIED VON STRASSBURG. r. 2. Aufl. b 



XVIII EINLEITUNG. 

einem Akrostichon verewigte. So erfahren wir seine Autor- 
schaft zunächst nur durch die Fortsetzungen der genannten 
jüngeren Dichter, üh'ich's und Heinrich's, welche in mehreren 
Handschriften sich an das Hauptwerk unmittelbar anschließen. 
Vom älteren dieser Fortsetzer ist der von der Welt geschie- 
dene Dichter nur Meister Gottfried genannt, der jüngere fügt 
seinen Beinamen hinzu und nennt ihn Meister Gottfried von 
Straßburg. 

Seltsamerweise fehlt in den Handschriften, welche wir bis- 
jetzt vom Tristan kennen, irgendwelche Überschrift, irgend- 
welcher Titel u. dgl., durch welche der Name des Verfassers 
auch ohne dessen Bekenntniss im Gedichte selbst und ohne 
die Angabe in der folgenden Fortsetzung kundgegeben würde. 
Dafür erscheint er ein paarmal als Autor in andern Hand- 
schriften, sogar auch mit Unrecht. Die Betrachtung dieser 
Zeugnisse führt uns zugleich auf eine andere Seite von Gott- 
fried's Dichterthätigkeit, auf seine Lyrik. 

In der großen Pariser Liederhandschrift, die früher ohne 
Grund die Manessische genannt wurde, stehen drei Gedichte 
unter dem Namen Gottfried von Straßburg; das Register fügt 
diesem Namen «Meister» hinzu. Diese Gedichte sind: ein Früh- 
lings- und Minnelied von 6 Strophen, ein umfangreicher Lob- 
gesang auf die heilige Jungfrau (63 Strophen) und ein Gedicht 
von der Armuth (13 Strophen). Außer dem letzteren Stücke, 
welches bisjetzt nur in der Pariser Handschrift vorliegt, finden 
sich die Gedichte auch anderwärts. Die ältere Heidelberger 
Handschrift enthält das Frühlingslied ebenfalls und zwar unter 
dem Namen Gottfried von Straßburg. Hier sind es aber nur 
5 Strophen. • Der Lobgesang findet sich auch in der Wein- 
gartner Liederhandschrift, hier ohne Namen und nur in 36 
Strophen und diese in anderer Ordnung. Elf Strophen aus 
diesem Lobgesange, darunter zwei bisher unbekannte, haben 
sich später in einer Karlsruher Pergamentsammeihandschrift 
des 14. Jahrhunderts gefunden, aber ebenfalls ohne Namen. 

Das Frühlings- und Minnelied ist uns zweimal unter dem 
Namen des Dichters überliefert. Diese Überlieferungen diffe- 
rieren, wie angedeutet, um eine Strophe; ich glaube, daß nicht 
allein die sechste der Pariser Handschrift, sondern auch die 
fünfte, doppelt überlieferte unecht ist, kann aber die Gründe, 
welche R. Heinzel in seinem Aufsatze «Über Gottfried von 
Straßburg)) (Zeitschr. f. d. österr. Gymn., 1868, VH. u. VIIL Heft, 
S. 559 fg.) gegen die Echtheit des ganzen Liedes vorbringt, 
nicht für stichhaltig finden. 



EINLEITUNG. XIX 

Der Lobgesaiig wurde von Moriz Haupt auf Grund der 
drei Handschriften kritisch herausgegeben in seiner Zeit- 
schrift 4, 513 fg. (184:4). Dem allgemeinen Glauben folgend 
hegte er nicht den mindesten Zweifel an der Echtheit. Franz 
Pfeiffer wies aber in einem glänzenden , auch noch in vielen 
andern Dingen hochwichtigen Aufsatze in seiner Germania 
3, 59 fg. (1858) ') unwiderleglich nach, daß weder der Lob- 
gesang noch auch das Lied von der Armuth von Gottfried 
verfasst sein können. Beide gehören einer jüngeren Zeit an, 
ihre Verfasser sind wohl Klostergeistliche gewesen. 

Hätte der Schreiber und Künstler der Pariser Handschrift 
diesen kritischen Scharfblick besessen, dann würde das allein 
übrigbleibende Frühlingslied für ihn sicher nicht Anlaß genug 
gewesen sein, Gottfried auch im Bilde darzustellen. 

Wird somit die lyrische Production Gottfried's auf ein sehr 
geringes Maß beschränkt, so wird für die abgesprochenen um- 
fangreicheren Gedichte doch ein ganz kleiner Ersatz gewährt, 
indem, wie wir sehen werden, dem Dichter, auf ein glaub- 
würdiges literarisches. Zeugniss hin, zwei Strophen zuerkannt 
werden dürfen, welche die handschriftliche Überlieferung unter 
einen andern Autor stellte. 

Wie in der Pariser Handschrift, so erscheint auch in einer 
Straßburger Sammelhandschrift Gottfried's Name mit Unrecht. 
Unter einer Anzahl kleiner Erzählungen befindet sich dort 
eine Märe von der Minne mit der Angabe in der Über- 
schrift, daß sie von Meister Gottfried von Straßburg gemacht 
sei. Auch im Texte zu Anfang wird dieser Name genannt. 
Es hat sich aber herausgestellt, daß jene Stelle verdorben 
ist, daß vielmehr Konrad von Würzburg diese Erzählung ver- 
faßt hat, welche gewöhnlich unter dem Name «das Herzmäre» ^) 
geht; der Dichter beruft sich hier auf die Autorität Gottfried's 
und bekennt sich als seinen Schüler. 

Jener Irrthum in der Pariser Handschrift und dieser in 
der Straßburger, der allerdings schon mehr das Gepräge ab- 
sichtlicher Fälschung trägt, sind gleichwohl historisch bedeut- 
sam in Hinblick auf Gottfried's Namen und Geltung. 

Die äußern literarischen Zeugnisse über Gottfried und 
sein Hauptwerk sind nicht in so großer Anzahl vorhanden 



') Jetzt auch aufgenommen in : Freie Forschung. Kleine Schriften 
zur Geschichte der deutschen Literatur und Sprache von Franz Pfeififer 
(Wien 18(;-1, Nr. IV). 

-) Herausgegeben von Franz Roth (Frankfurt a. M. 184G) und von 
Hans Lambel, Nr. VII der «Erzählungen und Schwanke» (12. Band dieser 
Sammlung, 1872). 



b* 



XX EINLEITUNG. 

wie die über Walther von der Vogelweide und Wolfram von 
Escheiibacb, aber immer geben sie uns genügende Kunde 
von der Bedeutung, welche ihm und seiner Kunst zugestanden 
wurde. Sie erstrecken sich bis in das ausgehende Mittelalter 
und zeichnen sich,^ wenn sie zugleich Urtheile enthalten, durch 
eine ungewöhnliche Innigkeit aus. 

Rudolf von Ems, der bekannte fruchtbare Erzähler, hat 
seinen Meister Gottfried zweimal verherrlicht, in seinem 
Alexander und in seinem Wilhelm. In beiden flicht er lite- 
rarische Stellen ein, die offenbar der berühmten Stelle in der 
Schwertleite Tristan's nachgebildet sind. Wir fassen zu- 
nächst die einfachere Stelle im Wilhelm ins Auge. ') 

Zu dem Dichter tritt Frau Aventiure und bittet ihn, sich 
ihrer anzunehmen. Rudolf entgegnet: sie hätte sich an bessere 
Meister wenden sollen, und nimmt nun Gelegenheit, eine litera- 
rische Umschau zu halten. Wie Gottfried in der Schwertleite, 
so nennt auch Rudolf zuerst den weisen von Veldeke, hierauf 
den Ouw^Tere und den von Eschenbach und fährt dann fort in 
seinem Rathe : 

oder hastet iuch ergeben 

vieister Götfrides kunst 

von Sträzburc: haetet ir des gunst 

so wol so Tribtan unde Isot, 

der liebe, der triuwe unde ir not 5 

der so wol künde waehen 

mit wisen worten spaehen : 

der haste iu baz dan ich getan. 

Noch [auter und inniger ertönt Rudolfs Lob über Gottfried 
und seine Dichtung von Tristan und Isot in dem früheren Ge- 
dichte , im Alexander. ^) 



') Das ganze Gedicht uocli uugedruckt, eiue Ausgabe war von Pfeiffer 
vorbereitet, sollte zuerst in diese Sammlung der Classiker des deutschen 
Mittelalters aufgenommeu werden und wird nun von K. Bartsch fitr die 
Fortsetzung, für die «Deutschen Dichtungen des Mittelalters» vorbereitet. 
Die wichtige literarische Stelle dagegen findet sich öfters initgetheilt. 

4 so wol .50= so wohl,^in so hohem Grade wie. — 5 der relat. gen. pl. 
bezogen auf Tristan und Lot. — ir setzt der Dichter, um der nicht zu 
häufen. — 6 der = Gof/rit. — waihen swv., woehe , kunstvoll macheu, ver- 
schönen, verherrlichen, — • 7 =mit uiscn spcehenw. — xiin SiAi-., (weise), ver- 
ständig, klug; hier insbesondere sinnreich. — sposhe adj., kunstvoll; vgl. 
zu Tristan 2292. 

-) Auch der Alexander ist noch ungedruckt; die literarische Stelle 
öfters. — Ueber die Frage nach der chronologischen Eeilienfolge der bei- 
den Dichtungen vgl. K. ■ßartscli^ Gernian, Studien (Wien 1872), 1, S. 3. , 



ßiNLEITÜJN^G. XXI 

Eudöil spriciit mit Anerkennung von den kunstreichen 
Dichtern, die ihm vorausgegangen seien. Sagte Gottfried im 
Tristan, Heinrich von Veldeke habe das erste Reis in deut- 
scher Sprache geimpft, so verwendet auch Rudolf dieses Bild 
mit leiser Änderung. Heinrich von Veldeke ist der Stamm, 
auf ihm sind drei Reiser kunstreicher Blumen erwachsen; 
das erste steckte der weise Hartmann, der kunstreiche Ouwaere, 
das zweite von Eschenbach Plerr Wolfram. Dann zum dritten 
libergehend, fährt Rudolf mit gehobener Ausdrucksweise und 
mit Nachahmung, selbst mit überbietung des Gottfriedischen 
Stiles fort: 

Ob ich nu prisen wolde, 

als ich von rehte solde 

daz dirte vollekomen ris, 

so raüeste ich sin an künsten wis : 

daz ist sieht, spsehe, guot unde reht, 5 

sin siieze bluot eben unde sieht, 

waihe, reine, vollekomen. 

daz ris ist eine und iiz genomen 

von künsterichen sinnen: 

wie seit ez siis von minnen! 10 

wie süezet ez den herzen 

der siiezen minne smerzen! 

wie güetet ez der guoten guot, 

der höchgemuoten höhen muot: 

daz stiez der wise Götfrii 15 

von Strthbtirc, der nie valschen trit 

mit valsche in siner rede getrat. 

wie ist ebensieht gesät 

sin funt, wie ist sin sin so rieh! 



1 06 = wenn. — 2 von rehte, mit Recht, von Rechte wegen, eigentlich. 
— 3 dirte =^ dritte. — 4 an künsten (pl.) wis, iu der Kunst erfahren. — 
5 Hle/it adj., (schlicht), glatt. — spa'/ie adj., hier: fein, zierlich. — 6 bluot 
stf. = Blüte. — eöen und sieht oft verbunden (vgl. zu Tristan 4659), eben 
und gerade , ebenmäßig und wohlgeglättet. — 7 wcehe adj. , kunstvoll, 
schon. — 8 eine adj., einzig. — üz genomen part., ausgezeichnet. — 9 von 
k. .1., in künstlerischer Begabung. — lO sus adv., so; es wird aber zu 
lesen sein suoz, siioze, adv., süß. — 11 süezen ewv., versüßen. — 13 güeten 
8wv. trans., gut machen, an Güte erhöhen. — guot stn., das Gute, die 
Güte. — 15 slüzen stv.. stecken; vgl. zu Tristan 929. — 17 oalsch stm., 
eigentlich: falsches Geld, dann : Falschheit (Tristan 9579); hier mit valsche, 
mit Unüberlegtheit, leichtfertig. — getrat perf., getreten hat, gegangen 
ist. — 18 ebcnsleht adv., gleichmäßig. — gesät part. von setzen. — 19 dieser 
Vers nicht richtig überliefert, —funt stm., (dichterische) Erfindung, Dich- 
tung (vgl. zu Tristan 4741); das Wort scheint in jüngerer Zeit und auch 
hier geradezu für: dichterischer Ausdruck gebraucht zu werden; vgl. im 
zweiten Bande Eingang zti Ileinrich's Tristan V. 3 und 35. — 



XXII EINLEITUNG. 

wie ist so gar meisterlich 20 

sin Tristan! swer den ie gelas, 

der mac wol beeren, daz er was 

ein schroeter süezer worte 

und wiser sinne ein jDorte. 

wie kuude er so wol tihten, 25 

getiliten krümbe slihten, 

prisen beider bände lip , 

beide man und werdiu wip! 

wie truoc im so höbe gunst, 

in tiutsclier zungen rebte kunst, 30 

got, der kunst wol gunde, 

daz er sie so wol künde. 

In Rudolfs Alexander findet sieb ferner noch eine Be- 
ziehung auf Gottfried, welche zuerst von Docen nachgewiesen 
wurde (v. d. Hagen's Museum 1, 163). Die Stelle lautet: 

Der wise metster Gotfrit sanc 
daz veste si blcede unde kraue; 
daz glesine gelücke 
ez breche in kleiniu stücke u. s. w. 

Daß unter dem Meister Gottfried nur Gottfried von Straß- 
burg und kein anderer Dichter des Namens Gottfried, wie 
G. von Neifen, G. von Dotzenbach, G. von Hohenlohe, ge- 
meint sei, bedarf keiner näheren Auseinandersetzung. Wichtig 
ist in dem Citate, daß es heißt kscdig»; es ist also von 
einem lyrischen Gedichte die Rede. Wirklich findet sich 
in der Pariser Handschrift eine Strophe über das gläserne 
Glück, dessen Wortlaut mit der Anführung in Rudolfs 



21 swer correl. ^=nlid. wer. — ie adv. =je. — gelas = gelesen )iat. — 
23 scliroeter stm., Schneider, der die Worte fein zuschneidet. — 24 ein (statt 
eine) poi'le, eine Pforte, Thor, bildlicli , etwa wie unser: Mund gebraucht 
wird. Oder sollte der Dichter im Bilde bleibend ein borte swm., Kleider- 
besatz gemeint haben? — 26 die Überlieferung wohl verdorben. — krümbe 
sl,i/iten, eine Krümmung gerade maolieu. — getihten ist zu fassen als gen. 
pl. oder auch als dat. pl. von getilite stf., (nicht stn.), Dichtung. Worauf 
soll diese Bemerkung gehen? War Gottfried ein Bearbeiter älterer un- 
modern gewordener Gedichte? Die Fähigkeit besaß er gewiss wie kein 
anderer. (Fedor Bech vermuthet einen Fehler für: gerillten oder berihten 
swv. ; in rtnie gerillten sage Rudolf öfter; alsdann vor krümbe Komma.) — 

27 beider hande lip, beider Arten Leiber, d. h. beiderlei Personen. — 

28 beide — w/id= sowohl — als auch. — man pl., Männer. — iverJiu irip, 
werthe Frauen. — einem gumf fragen, für einen günstige Gesinnung hegen. 
— 30 vorausgenommenes Object von V. 32 (=Ai>). — 31 gunnen mit dat. 
(kunst), einen begünstigen. 

2 blcede adj., ängstlich, kraftlos. — kranc adj., schwach. — 3 glesin 
adj., gläsern. 



EINLEITUNG. XXIIl 

Alexander fast ganz übereinstimmt. Die Strophe ist dort 
unter die Lieder Ulrich's von Liechtenstein eingereiht, fehlt 
aber in dessen Fraueudienst. Jedenfalls besitzt das Zeugniss 
Rudolfs mehr Gewicht als das des viel jüngeren Schreibers 
der Pariser Handschrift, der auch sonst in den Namen der 
Dichter sich vielfach geirrt hat. Die Strophe vom gläsernen 
Glück ist eine freie Bearbeitung eines Spruchs von Publius 
Syrus. Die Wahl einer solchen dichterischen Aufgabe ist eher 
von Gottfried als von Ulrich von Liechtenstein vorauszusetzen. 
Überdies hat Gottfried auch im Tristan einen Spruch des 
Publius Syrus paraphrasiert (vgl. zu 18047 fg.). Daß hier 
stücke mit gelücke reimt, während im Tristan stucke durch 
zucke, dat. von zuc, erwiesen ist (V. 7060), scheint mir nicht 
gegen die Autorschaft Gottfried's zu sprechen. Die Dichter 
bedienen sich eben der Nebenformen. — Mit dieser Strophe 
verbunden ist eine zweite in gleichem Tone über Mein und 
Dein, welche auch ähnlichen Charakter trägt. Wir können 
sie ohne Bedenken ebenfalls als Eigenthum Gottfried's an- 
erkennen. 

Ein weiteres Zeugniss über Gottfried aus einer etwas jün- 
geren Zeit, aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, findet 
sich im Eingange von Konrad's von Stoffeln Epos Gauriel 
von Montavel, der Ritter mit dem Bocke. Der Dichter be- 
klagt sich, daß seinen Helden keiner der bekannten Erzäh- 
ler, meister Gotfrit und her Wolfram und von Oiiive her 
Hartman^ bisjetzt genannt habe, deshalb wolle er das Ver- 
säumte nachholen (Pfeiffer's Germania 6, 390). 

Wieder wärmer als diese einfache Erwähnung sind zwei 
Zeugnisse aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Gottfried's 
talentvollster Nachahmer, Konrad von Würzburg (f 1287), 
hat in seinen zahlreichen Erzählungen nur einmal seines 
Meisters gedacht, in dem erwähnten «Herzmaere». In einem 
seiner letzten Gedichte, in der sogenannten goldenen Schmiede, 
einem Lobgedichte auf die Jungfrau Maria, ist ihm durch die 
lyrische Haltung des Ganzen noch mehr Anlaß und Gelegen- 
heit gegeben, den Meister voll Dankbarkeit und Begeisterung 
zu preisen. Ähnlich wie es Rudolf von Ems im Wilhelm 
gethan, bekennt Kourad seine Schwäche gegenüber der Meister- 
schaft Gottfried's. «Nachdem Konrad den Wunsch aus- 
gesprochen, der hohen Himmelskönigin in der Schmiede seines 
Herzens ein Lied aus Gold und Edelsteinen zu würken, ge- 
steht er, nicht diejenige Kunst und Meisterschaft zu besitzen, 
um sie nach voller Würdigkeit loben und preisen zu können. 



XXIV EINLEITUNG. 

Das wäre selbst dann unmöglich, wenn seine Rede wie ein 
Adler sich in die Höhe zu schwingen vermöchte. Nun sei 
aber seine Wortfügung ungelenk, er sei fremd in dem Früh- 
lingsgarten der Kunst, wo die (Rede-)Blumen gebrochen wer- 
den, wie sie zu einem ihrer würdigen Kranze gehören; der 
Glanz erhabener Gedanken lasse ihn ungeblendet, seltene 
Reime kommen bei ihm nicht zur Blüte und ebenso wenig 
klinge in ihm der ununterbrochene leise dahinrauschende 
Strom klarer Erfindung» [Worte Pfeiffer'sJ. Dann fährt Kon- 
rad fort: 

Ich sitze ouch niht üf grüenem kle 

von süezer rede touwes naz, 95 

da wirdeclichen üffe saz 

von Strasburg meist er Götfrit, 

der als ein weeher houbetsmit 

guldin getihte worhte. 

der het an' alle vorhte i(»o 

dich gerüemet, vrouwe, baz 

denn' ich, vil reinez tugentvaz, 

immer künne dich getuon. 

Man hat diese Stelle früher fälschlich auf das Vorhandensein 
einer geistlichen Dichtung von Gottfried bezogen und dann 
insbesondere auf den Lobgesang. Nach Pfeiffer's Nachweise 
in dem gedachten Aufsatze bezieht sie sich vielmehr auf eine 
Stelle im Tristan (V. 4851 fg.). Die Wiederholung des Bildes 
vom Klee (Tristan, V. 4919) deutet sicher darauf, daß dem 
Konrad diese Stelle vorgeschwebt habe. 

Aus dem 15, Jahrhundert liegen zwei Zeugnisse vor. In 
dem bekannten Ehrenbriefe des Jakob Püterich aus Reicherz- 
hausen, einem dichterischen Verzeichnisse von Ritterbüchern, 
heißt es unter anderm in der 101. Strophe: von Strasshurg 



95 touwes nu2, naß vom Thaue. — 96 wirdeclichen adv., würdig, erhaben. 

— Cife adv., mit da zu verbinden : darauf, worauf, auf welchem. — 99 gul- 
din getihte = ein ff. (goldenesj get. — ivorhte prset. von würken swv., wirken, 
verfertigen. — 100 fiet ist conj. = hätte. — an' alle vorhte (FurchtJ erklärt 
Wilhelm Grimm; «mit Ziiversicht, ohne, wie ich, an seinen Gaben zu 
zweifeln.)) Das ist nur hinter der Voraussetzung richtig, daß hei Indi- 
cativ ist, wie früher allgemein geglaubt wurde. Vielmehr ist an' alle corhte 
eine auf Ellipse beruhende formelliafte Wendung; ich sage es ohne Furcht, 
ohne Scheu, es ist wahr, und insofern == ohne allen Zweifel, wie auch 
Pfeiffer erklärt Germ. 3, 78. — 101 baz compar., besser. — 102 tugentvaz stn., 
eigentlich: Gefäß der Tugend, Vollkommenheit; vaz wird häufig bildlich 
so gebraucht; es entspricht unserm: Inbegriff, — 103 immer adv., jemals. 

— künne conj. pr£es.= könne, im Stande sei. — getuon, verst. tuon , ver- 
tritt hier das Verbum : rüernen. 



EINLEITUNG. XX 7 

(iotffit Tfistram hat hesachei (d. L. geschaffen) ohne wei- 
teren Zusatz (Haupt's Zeitschrift 6, 50). 

Schließlich gedenken wir zweier Stellen in Ulrich Fiirte- 
rer's großem cyklischen Gedichte von der Tafelrunde, welches 
er im Auftrage Herzog Albrecht's von Baiern (147[> — 1508) 
vorfasste. Zuerst heißt es : 

von Straspiirg her Gotfrides kunst 
man mag mit warheit wol geriimen. 

Später wird gesagt: Gotfrid von Straspurg und Hartman 
von Awe, Rudolf (d. h. Rudolf von Ems), Wirrich (d. h. Wirnt 
von Grafenberg) und von Türlin Herr Albrecht seien mit dem 
Thau der Kunst benetzt gewesen, (v. d. Hagen's Minnes. 4, 
()20. 88G.) 

Gegenüber dem schwärmerischen Lobe aus dem Munde 
zweier Dichter, die selbst Tüchtiges geleistet, wie Rudolf und 
Konrad, sind diese Zeugnisse weniger gewichtig, sie zeigen 
uns aber doch die nachhaltige Theilnahme, welche Gottfiied 
und seinem Werke geschenkt wurde. 

Den betrachteten literarischen Zeugnissen reihen sich die 
beiden Fortsetzungen insofern an, als ihre Verfasser nicht 
ohne weiteres die Erzählung wieder aufnehmen, sondern 
vorerst des großen Verlustes gedenken, welcher das unvollen- 
dete Werk betroifen hat durch des Dichters Tod, und ihres 
Vorgängers hohe Meisterschaft bewundernd preisen. ^) 

Gottfried ist nicht nur von den Vertretern der Literatur 
auf lange Zeit gekannt und geschätzt gewesen, sein unvoll- 
endetes Werk wurde nicht nur abzuschließen gesucht, son- 
dern er wirkte auch lebendig ein auf die Dichterwelt. Er 
hatte eine Schule. Den Einfluß, den seine Dichtersprache, 
seine Technik, sein zierlich spielender Stil auf die Kunst- 
jünger, auf Erzähler und Liederdichter ausübte, lässt sich 
bis ziemlich weit in das 1-1. Jahrhundert verfolgen. Es wird 
sich dies noch schärfer nachweisen lassen, wenn erst Gott- 
fried's Dichtersprache namentlich nach ihrer rhetorischen 
Seite hin im Zusammenhange dargestellt ist. Die Dichter, 
die ihn priesen und fortsetzten, waren auch seine Nachahmer; 
selbst in geistlichen Dichtungen, wie z. B. im Passional. ist 
Gottfried's Art herauszufühlen. Es ist hier nicht der Ort, 
diesen lebendigen Einfluß darzulegen. Nur eins soll bemerkt 
werden. Der nun autorlos gewordene Lobgesang ist ein treff- 



') Vgl. den Wortlaut der ytellen iin zweiten Bande. 



XXVI EINLEITUNG. 

liches Beispiel einmal von der Verzerrung des Gottfriedischen 
Stiles, sodann von dem Bewusstscin, welches diesen stilistischen 
Charakter anerkannte. Der Schreiber der Pariser Handschrift 
verfuhr nicht gedankenlos, aber er verwechselte unkritisch das 
Original mit der verunglückten Copie. Und desselben Fehlers 
haben sich die Neueren schuldig gemacht, auch Pfeiffer nicht 
ausgenommen, denn es gab eine Zeit, wo auch er den allge- 
meinen Glauben von der Autorschaft Gottfried's theilte (s. 
Stuttgarter Ausgabe der Weingartner Liederhandschrift Nr. 30), 
bis die nähere Einsicht zum Zweifel und schließlich zur Wahr- 
heit führte. Entlehnungen einzelner Wendungen werden 
wir immer bei den Epigonen finden, Gottfried's Tristan ist 
aber auch bisweilen geradezu geplündert worden (vgl. die 
Anmerkungen zu 842 fg. 10966 fg. 10991 fg ). 

Aber nicht nur bei den Kunstgenossen fand Gottfried 
Theilnahme und Anerkennung, er hatte auch trotz einer Ccn- 
currenz Halt im Volke, in der Lesewelt. Das beweisen uns 
die Handschriften, die damaligen Bücher. Sie sind uns jetzt 
Quellen, sind das Material, welches uns befähigt, unsere 
alten Literaturdenkmäler in erneuter Gestalt wieder erstehen 
zu lassen, sie sind aber ebenso gut auch literarische Zeug- 
nisse von dem Einflüsse eines Autors oder eines Werkes auf 
die Zeitgenossen und nächsten Nachkommen, und zwar recht 
sprechende. 

Die Zahl der Tristanhandschriften erreicht bei weitem 
nicht die von den Nibelungen und die vom Parzival, allein sie 
ist immer verhältnissmäßig eine ganz stattliche. Und wie 
manche mögen verloren gegangen oder vernichtet worden sein! 
Erhalten haben sich sechs vollständige Pergamenthandschrif- 
ten, von denen vier als Haupthandschriften zu gelten haben, 
dazu kommen zwei Papierhandschriften und vier größere oder 
kleinere Bruchstücke. Zu diesem Material sind noch zwei 
Handschriften ideell zu rechnen, die nach zuverlässiger Nach- 
richt ehedem vorhanden waren. Von der andauernden Be- 
liebtheit des Tristan gibt uns das Alter der Handschriften den 
Beweis. Mehrere gehören in das 14. und 15. Jahrhundert. 
Und fragen wir nach der örtlichen Verbreitung, so belehrt 
uns hierüber die Sprache oder vielmehr der Dialekt der Schrei- 
ber. Wir finden nicht allein oberdeutsches Idiom, sondern 
auch mitteldeutsches und niederdeutsches vertreten. Also in 
ganz Deutschland ist der Tristan zur Lektüre begehrt worden. 



EINLEITUNG. XXVII 

Ein so vielgenannter, gepriesener und einflußreicher Dich- 
ter wie Gottfried von Straßburg, in dessen Schöpfung zudem 
eine scharf ausgeprägte Individualität hervortritt, v^ird immer 
auch ein ])ersönliches Interesse erwecken. Aber leider sind 
wir auch hier wie bei so vielen Dichtern des Mittelalters 
ohne bestimmte historische Zeugnisse. Bei Walther von der 
Vogelweide hat es nahezu gelingen können, eine Biographie 
aus den eigenen Andeutungen herauszulesen und aufzubauen; 
bei Gottfried ist es nicht möglich. Der Tristan, soviel er auch 
lyrische Elemente enthält und Persönliches hindurchschimmern 
lässt, ist immer ein episches Gedicht, in welchem die Indivi- 
dualität des schaifenden Künstlers zurücktritt und in welchem 
kein Raum ist für Beziehungen auf äußere Lebensschicksale, 
und der lyrischen Stücke sind es nur wenige, auch ist ihr 
Inhalt nicht politischer Natur. 

Der Ertrag, welchen uns die Dichtungen Gottfried's und 
mit ihnen die literarischen Zeugnisse für die Biographie ge- 
währen, ist nur ein geringer. Der Name Gottfried von 
Striißburg ist für den Dichter gesichert. Daß wir hier zu- 
nächst an die alte berühmte Bischofsstadt am Rheine denken 
werden, liegt auf der Hand. Man hat auch die Benutzung 
des Rheins zu einem dichterischen Bilde (Y. 19439 fg.) auf 
(üf rheinische Heimat beziehen wollen; allein jenes ist auch 
von andern Dichtern geschehen, die erweislich aus anderer 
Gegend stammten. Geeigneter würde die Erwähnung des Sie- 
bengebirges (V. 12220) erscheinen, wenn diese Stelle über- 
liaupt sicher wäre (s. die Anmerkung). 

Die literarischen Zeugnisse nennen den Dichter Meister 
Gottfried, oder mit dem vollen Namen Meister Gottfried von 
Straßburg, Rudolf von Ems auch den weisen" Gottfried von 
Straßburg. Niemals wird er in den älteren Zeugnissen «Herr» 
genannt. Nur bei dem späten Ulrich Fürterer heißt es her 
Gottfried. Hieraus hat man geschlossen, Gottfried sei nicht 
adelichen, sondern bürgerlichen Standes gewesen. Und daß 
er auch wirklich für einen Bürgerlichen gegolten habe, soll 
sein Bild in der Pariser Handschrift bezeugen, weil es ibm 
kein Schwert, keinen Helm und keinen Wappenschild als 
Kmbleme beilegt. 

Aber der Titel Meister bezeichnet auch den gelehrten 
Stand. Und daß der Dichter wirklich gelehrt war, bezeugt 
sein Tristan zur Genüge. Er sagt selbst, daß er nach seiner 
Quelle in lateinischen und wälschen Büchern gesucht habe 
(155 fg.). In Stelleu, die er nicht der Vorlage entlehnte, son- 






XXVIII EINLEITUNG. 

dern die sein volles Eigenthum sind, zieht er die antike My- 
thologie heran (4851 fg.). Er benutzt, wie wir gesehen, ein- 
mal im Tristan den Publiiis SyruS; ebenso in dem ihm zu- 
erkannten Spruchgedichte. 

Dem geistlichen Stande kann Gottfried nicht angehört 
haben. Zwar die Wahl einer Liebessage für die dichterische 
Bearbeitung würde dies nicht unbedingt beweisen, aber sie 
macht es doch wahrscheinlich. Im Einzelnen kommen Äuße- 
rungen vor, welche nur ein Laie thun konnte (vgl. V. 17947 fg.). 
Die oft angeführte Stelle im Gottesgericht vom tugendhaften 
Christ (V. 15736 fg.) ist keineswegs ein Zeugniss von des 
Dichters Gottlosigkeit und einer frevelhaften Gesinnung, son- 
dern richtet sich mit unerhörter Freisinnigkeit gegen die 
Hierarchie, welche mit dem Aberglauben spielte und heilige 
Handlungen zu bloßen Farcen herabwürdigte und in solcher 
Weise ausnutzte. *) 

Über seine äußern Verhältnisse erfahren wir nichts im 
Tristan; aber aus der behaglichen Stimmung, die dort herrscht, 
aus dem Mangel an Klagen über persönliche Bedrängniss und 
über Kargheit der Gönner, die uns sonst so oft entgegen- 
tönen, dürfen wir schließen, daß sich Gottfried in günstiger 
Lebenslage befunden habe. 

Der Dichter war nach seinem eigenen Bekenntnisse schon 
herangereift, als er sich zum Tristan rüstete (V. 21 fg.). Er 
offenbart sich in bewunderungswürdiger Weise als ein Kenner 
des menschlichen Herzens; aber auch nur der, welcher der 
Liebe Lust und Leid genossen und erduldet hat, kann sie 
so ergreifend schildern. Überdies sagt uns Gottfried selbst, 
daß auch ihm die Liebe genaht sei (vgl. V. 16925 fg. 17104— 
40). Aber wie sollen wir es deuten, wenn der Dichter be- 
kennt, daß er das Ziel nicht erreicht habe? Stellt er sich 
dadurch in einen Gegensatz zu Tristan und Isolt? oder will 
er sagen, daß er ehelos geblieben sei? 

Eine persönliche Beziehung finden wir ferner in einem 
Akrostichon, mit welchem das Gedicht anhebt. Mit Aus- 
nahme der allerersten ergeben die Anfangsbuchstaben der 
neun Eingangsstrophen den Namen Dieterich. Da der Name 



i) Vgl. deu Aufsatz von Hermann Kiirtz : .(Gottfried von Straßbiirg 
und das Grottesurtheil seiner Zeit» in der Wochenausgabe der Aug8burger 
Allgemeinen Zeitung (II. Jahrgang, 1868, Nr. 31—33), dann mit einem zwei- 
ten früher veröffentlichten (s. unten S. XXXI) vereinigt unter dem Titel: 
«Zum Leben Gottfried's von Straßburg», in der Germania, 15. Jahrg. (1870), 
S. 207 fg. 322 fg. 



EINLEITUNG. XXIX 

des Dichters anderwärts belegt ist, so kann dieser Dietericli 
nur einen Gönner bezeichnen, welchem der Tristan gewidmet 
wurde. Der erste Buchstabe ist G; man bezieht ihn auf Gott- 
fried; sollte er nicht zugleich auch den Titel des Gönners, 
also vielleicht grilve ausdrücken? 

Die folgenden Anfangsbuchstaben sind T und I, gewiss vom 
Dichter auf Tristan und Isolt bezogen. 

Welcher Zeit der Dichter und sein Werk angehört, lässt 
sich mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Schon die Sprache 
weist auf die gute, die classische Zeit des Mittelhochdeutschen 
hin. Genaueres ergibt die berühmte literarische Stelle in 
Tristan's Schwertleite (Abschnitt A'III). Yon Hartmann von 
Aue wird gesprochen als von einem noch lebenden Zeit- 
genossen. Hartmann ist, wie wir wissen, um 1220 bereits 
todt; also fällt der Tristan früher. Bliker von Steinahe 
dichtete schon vor 1193. Diese Jahrzahl rückt die Abfassung 
des Tristan von 1220 schon näher an den Anfang des Jahr- 
hunderts. Heinrich von Yeldeke ist bereits geschieden, auch 
die Nachtigall von Hagenau, unter welcher verhüllenden Be- 
zeichnung wir ohne Zweifel Reinmar den Alten zu verstehen 
haben. Nach dem Zusammenhang der Stelle kann Reinmar 
noch nicht lange gestorben sein; die Nachtigall von der Yogel- 
weide soll an ihrer Statt von nun an das Banner tragen. 
Reinmar widmet noch im Jahre 1194 oder 1195 ein Klagelied 
seinem Gönner, dem Herzog Leopold VI. von Osterreich (f 1194). 
Also kann der Tristan nicht in das 12. Jahrhundert mehr ge- 
hören, wenigstens nicht tief hinein. Nach aligemeiner Berech- 
nung würde also die Abfassungszeit sich auf die ersten Jahre 
des 13. Jahrhunderts begrenzen lassen. Nehmen wir die An- 
nahme als gesichert an, daß Gottfried mit seiner Polemik 
gegen die vindcpre v.iilder m/rre auf Wolfram von Eschenbach 
und seinen Anhang und nicht, wie man wohl auch vermuthen 
könnte, auf die P^rzähler der volksthümlichen abenteuerlichen 
Heldengeschichten hinziele, so fällt der Tristan nach 1203, 
um welche Zeit Wolfram den Parzival begann. Im Wilhelm 
hat Wolfram öfters sich polemisch geäußert, und diese Be- 
merkungen wurden dahin gedeutet, daß sie Antworten auf 
die Angriffe Gottfried's seien (s. die Einleitung zur Über- 
tragung von H. Kurtz, S. LXXXIX fg.). Ich bekenne, daß ich 
in diesen Dingen skeptischer Natur bin. Nur einer Stelle 
möchte ich eine directe Beziehung zuerkennen, nämlich der 
Äußerung 4, 19 — 24: 



XXX EINLEITUNG. 

Ich Wolfram von Eschenbach, 

swaz ich von Parziväl gesprach, 20 

des sin äventiur mich wiste, 

etslich man daz priste: 

ir was euch vil, die'z smaehten 

und baz ir rede wsehten. 

Wolfram spricht von vielen Tadlern; er wird auch persönlich 
von seinen Kunstgenossen bittere Bemerkungen vernommen 
haben. 

Wolfram's Wilhelm ist um 1215 gedichtet. Der Tristan 
wird einige Jahre nach 1203 und einige Jahre vor 1215 zu 
setzen sein; in runder Summe erhalten wir somit als Ent- 
stehungszeit das Jahr 1210. 

Stellt sich für den Dichter Gottfried von Straßburg eine 
bestimmte Zeit heraus, so werden wir keinen Augenblick Be- 
denken tragen, einen urkundlichen Nachweis, welchen wir der 
Schrift E. H. Meyer's : «Walther von der Vogelweide identisch 
mit Schenk Walther von Schipfe» (Bremen 1863) verdanken, 
auf ihn zu beziehen. Dort nämlich (S. 5) wird auf eine Ur- 
kunde des Königs Philipp vom 18, Juni 1207 hingewiesen, 
deren Zeugenreihe ein Godofredns Bodelaritts de Argentina 
beschließt. Demnach wäre Gottfried rotularius, Notar, Schrei- 
ber der Stadt Straßburg oder des dortigen Bischofs gewesen. 
Letzteres wohl weniger v/egen seiner ungescheut an den Tag 
gelegten antihierarchischen Gesinnung. Der Stand eines Stadt- 
schreibers würde sich trefflich in Einklang bringen lassen 
mit der Gelehrsamkeit des Dichters. Vielen mag dieser Nach- 
weis zugleich ein weiterer Beleg gewesen sein für Gottfried's 
Bürgerthum. Auch stimmt der Besitz eines Amtes zu der 
Innern Befriedigung, welche aus den Worten des Dichters 
herauszulesen ist. 

Neuerdings sind mit Anknüpfung an diesen urkundlichen 
Nachweis weitere Studien über Gottfried von Straßburg an- 
gestellt worden, welche zum Theil das Bild, welches wir uns 
von ihm machen durften, vervollständigen, zum Theil aber 
einigermaßen verändern. 



20 swaz correl. = was. — gesprach:= gesTprochen habe. — 21 wUen swv. 
mit ace. {mich) und gen. (des), einen zu etwas weisen (stv.), veranlassen. 
— ävent/'ar, äoentiure stf., die in der Quelle vorgefundene Greschichte. — 
22 etslich riuoi, (etlicher Mann), mancher Mann, mancher. — prisen swv. = 
nhd. preisen stv. — 23 ir was vit, ihrer war viel (s. zu Tristan 9. 29), ihrer 
waren viele. — 24 ba:: adv. compar., besser. — wcehen swv., verschönen, baz 
■woehen. schöner einrichten. 



EINLEITUNG. XXXI 

Hermann Kurtz, der Übersetzer und Fortsetzer des Tri- 
stan, hat die Ergebnisse seiner Forschungen zuerst an einem 
Orte niedergelegt, wo sie der Fachmann nicht suchen und 
wohl auch nicht immer finden würde ^) ; um so dankenswerther 
ist die Veröffentlichung an einem zugänglicheren Orte. Wir 
verweisen auf die Ausführung des Einzelnen und heben nur 
die Hauptpunkte hervor. 

Auch nach der Ansicht von Kurtz ist jener Godefredus 
Rotularius de Argentina mit unserm Dichter ein und dieselbe 
Person. Er ist der Stadtschreiber, steht aber nicht im Dienste 
des Bischofs. Denn der vorletzte Zeuge in der Urkunde ist 
ein Rodulphus de Argentina und dieser erweist sich aus 
andern Zeugnissen als Schultheiß von Straßburg. 

Im Gegensatze zu der allgemeinen Annahme, daß der bür- 
gerliche Gottfried von Straßburg seinen Zunamen habe, weil 
er von oder aus Straßburg stamme oder in Straßburg an- 
sässig sei, wird nun die Ansicht aufgestellt, daß Gottfried 
einem straßburgischen Adels- oder Patriciergeschlechte von 
Straßburg angehöre. 

In Schöpflin's Alsatia illustrata ist in den Jahren 1219 
und 1220, also zu Gottfried's Zeit oder doch dieser Zeit 
höchst nahestehend, ein Angehöriger einer familia nobilis 
nachgewiesen, der sich abwechslungsweise Waltherus de Ar- 
gentina und Waltherus de Strazburg schrieb. Hier könnte 
immer der Beisatz de Argentina oder de Strazburg ein Mit- 
glied der Stadt Straßburg bezeichnen. Nun findet sich aber 
in den alten Straßburger Rathsverzeichnissen, welche Schilter 
in seiner Vorrede zu Königshofen's Chronik mittheilt, beim 
.)ahre 1220 ein Rathsherr Waltherus de Strazburg. «Es wird 
einleuchten, daß das Vorkommen dieses Namens im Schöße 
einer Versammlung, die aus lauter Straßburgern im strengsten 
Sinne des Wortes bestand, jede andere Erklärung ausschließt: 
der Name kann nur ein Familienname sein.» 

In elsässischen Urkunden kommt seit den achtziger Jahren 
des vergangenen Jahrhunderts bis 1215, theils mit einem Bru- 
der Waltherus zusammen, theils allein, ein Rudoli'us unter 
dem Titel Scultetiis oder Causidicus, d. h. Schultheiß, vor. 
Im Jahre 1219 erscheint ein Waltherus de Argentina, der 



') Feuilleton der Wochenaussabc der Augsburger Allgemeinen Zei- 
tung, II Jalirgang (1868), Nr. 23. 'J4, 25. 3') (vom 28. August), unter dem 
Titel: .Zum Leben (Jottfried's von Straßburg» (vgl. die Anmerkung auf 
H. XXVIII); im nnuen Abdrucke hat der Verfasser an einzelnen Stellen 
Zusätze gemacht oder leise geändert. 



XXXII EINLEITUNG. 

weiterhin in einer Urkunde von 1220 und in der gleichzeitigen 
Rathsliste bei Schilter Waltherus de Strazburg heißt, da- 
zwischen aber, in einer Urkunde vom Anfang des Jahres 1220 
Waltherus filius sculteti quondam genannt wird. 

«Der Name», sagt Kurtz weiter, «gehört somit einer schon 
vor dem 13. Jahrhundert in Straßburg ansässigen Familie an. 
Daß es in Basel damals eine Familie dieses Namens gegeben, 
hat man längst gewusst, wie denn Wilhelm Wackernagel 
(Pfeiffer's Germania 3, 260) dieselbe für unsern Dichter ins 
Auge fasst, mit rühmlicher Entsagung jedoch zugibt, daß seine 
Sprache nicht gestatte, in Gottfried einen Baseler zu erkennen. 
Um so merkwürdiger, daß noch niemand darauf gekommen 
ist, eine Verzweigung dieser Familie nach Straßburg zu ver- 
muthen; denn die wahrscheinlichste Annahme ist doch wohl 
die, daß ursprünglich ein Straßburger Geschlecht in Basel 
einwanderte, wo es den Namen de Argentina erhielt, und daß 
ein Zweig dieses Geschlechts später mit dem feststehenden 
Familiennamen von Basel nach Straßburg zurückkam, dort 
also, nach neuerem genealogischem Brauch zu reden, eine Linie 
Straßburg-Straßburg bildete. » 

Dürfen wir annehmen, daß unser Gottfried von Straßburg 
dieser Familie angehörte und daß er das Amt eines Stadt- 
schreibers bekleidete, so können wir vielleicht mit Kurtz aus 
einer urkundlichen Nachricht schließen, daß er 1216 nicht 
mehr am Leben war. In einer Urkunde nämlich von diesem 
Jahre 1216 über den Verkauf eines stiftischen Zehntens an 
eins der herrschenden Geschlechter sind die Zeugen, vielleicht 
auch die Bürgen, lauter Collegen des Käufers, nämlich Raths- 
herren, und unter ihnen erscheint zuletzt ein Waltherus nota- 
rius, unter welchem wohl der Stadtschreiber zu verstehen ist. 

Wenn Godefredus de Argentina nicht häufiger in Urkun- 
den erscheint, so sucht Kurtz den Erklärungsgrund in dem 
Umstände, daß des Stadtschreibers Zeugniss immer als selbst- 
verständlich mit eingeschlossen gewesen sei, indem er es war, 
der für alle städtischen Zeugen das gemeinsame Stadtsiegel, 
das ihn stillschweigend repräsentierte, an die Urkunden 
hängte. 

Das Amt eines Stadtschreibers war in älterer Zeit viel 
bedeutender als heute und oft in den Händen des städtischen 
Adels. 

Schon in der Einleitung zu seiner Tristanübersetzung wies 
Kurtz in höchst sinnvoller Weise auf den charakteristischen 
Zug hin, wie der bürgerliche Meister Gottfried in stolzem 



EINLEITUNG. XXXIII 

Sclbstbewusstsein mit soinen Brüdern in Apollo, die sämmt- 
licli Edelleiite waren, wenig Umstände macht imd sie einfach 
mit Namen nennt, ohne sie mit her zu titulieren. Dies hat 
auch jetzt noch seine Geltung, nur ist es anders aufzufassen, 
(iottfried als städtischer Edelmann und im Besitze einer hohen 
Stellung, die ihn von den Fahrenden scheidet, steht dem 
ritterlichen Adel ebenbürtig gegenüber. 

Den Gönner Dietrich findet Kurtz in einer dem Geschlechte 
(Jottfried's verwandten burggräflichen Familie von Straßburg. 

Von dfn Beziehungen zu historischen Vorfällen, welche 
Kurtz aus dem Tristan herauszufinden geneigt ist, scheint 
mir nur die eine einigermaßen begründet zu sein, deren in 
d(>m späteren Aufsatze über das Gottesgericht gedacht wird. 
Es ist wohl möglich, daß der Dichter bei Erzählung des 
Gottesgerichtes an die Kanonisation der heiligen Kunigunde 
vom 3. April l^JOO und an das grausame Ketzergericht zu 
Straßburg vom Jahre 1212 gedacht hat und namentlich durch 
b'tzteres zu dem heftigen Ausfalle getrieben worden ist. Be- 
halt diese Vermuthung Geltung, dann würde der Tristan nach 
1212 vollendet oder vielmehr abgebrochen worden sein. 

Weshalb der Dichter das begonnene Werk nicht zu Ende 
liihrte, darüber besitzen Avir keine gleichzeitigen Nachrichten. 
Ulrich von Türheim sagt uns, der Tod habe den Meister vor 
der Zeit hinweggerufen. Und in gleicher Weise äußert sich 
Heinrich von Freiherg. Wir sind wohl gerne geneigt, einen 
Seelenconflict des Dichters anzunehmen oder eine äußere A'er- 
anlassung, die ihm Halt gebot; so lange wir aber nicht näher 
be'ehrt werden, müssen wir die Nachricht der beiden Fort- 
setzer gelten lassen. 

Die Beweise für das Bürgerthum Gottfried's könnten wider 
seinen Adel geltend gemacht werden. Der Titel «Meister» 
verträgt sich gewiss mit einem städtischen Amte, welches ge- 
lehrte Bildung bedingt und voraussetzt. Allein, wird man 
einwenden, bei einem ailelichen Stadtschreiber wäre nichts- 
destoweniger der Titel «Herr» angewendet worden. Darauf 
möchte allerdings mit Kurtz zu erwidern sein, daß mit den 
«Meistern» des 13. Jahrhunderts säuberlich verfahren werden 
müsse. Das Wort liatte zu Gottfried's Zeit keinen so be- 
schränkten Sinn, wie jetzt allgemein angenommen zu werden 
scheint. Tristan wird von Isolt mit «Meister» angeredet, als 
er das Amt des Schiffskapitäns und ihres Kammerherrn ver- 
waltete (V. 11574. llG()3j, und vom Dichter selbst öfters so 

GOTTFBIED VON STHA88BUBO. I. 2. Aufl. C 



XXXIV EINLEITUNG. 

genannt (V. 11658. 11685), und Tristan war nicht bloß ade- 
licher, sondern fürstlicher Abkunft. Wir können hinzufügen, 
daß selbst heute noch in Zusammensetzung das Wort Meister 
zur Bezeichnung von hohen Ämtern dient, welche fast nur mit 
Adelichen besetzt zu werden jjflegen, wie Forstmeister und 
Jägermeister. Diese Titel hätten nicht entstehen können, wenn 
nicht auch das einfache Meister der hohen Geburt gemäß 
wäre. Der Jägermeister heißt im Tristan auch wirklich 
einmal einfach meister (3056). Die Charge einer Hofmeisterin 
oder in doppelter Zusammensetzung einer Oberhofmeisterin 
kommt auch heute nur einer Adelichen zu; im Tristan wird 
dafür einfach meisterinne gesagt (V. 4798), welches in die- 
sem Zusammenhange nicht abstract für leitcerinne (V. 48lo), 
sondern concret für ze hove kamerfsrhi steht. — Es werden 
sich gewiss noch anderwärts geschichtliche und literarische 
Belege finden lassen, daß das Wort «Meister« als Titel nicht 
bloß auf das Bürgerthum beschränkt war. 

Der Mangel eines Wappens auf dem Bilde Gottfried's in 
der Pariser Handschrift wird von Kurtz dahin gedeutet: der 
Künstler habe auf dem figurenreichen Bilde nicht gut die 
Wappen aller Dargestellten, die wohl Ebenbürtige des Dich- 
ters waren, anbringen können und so habe er lieber auch das 
der Hauptperson weggelassen. Das ist wohl möglich, aber 
ebenso denkbar ist, daß der Schreiber der Handschrift, den 
beinahe ein Jahrhundert von Gottfried trennt, in dem Dich- 
ter eben wegen seines Titels «Meister« einen Bürgerlichen 
sah und sich darum nicht bemühte, sein Wappen zu erlangen. 
Das Bild beweist nicht gegen den Adel Gottfried's, ebenso- 
wenig als die Angabe bei Fürterer für ihn in Anspruch ge- 
nommen werden kann. 

Erneuter Forschung oder glücklichem Zufalle wird es 
hoffentlich noch gelingen, über Gottfried, über sein Leben 
und seine Lebenslage Genaueres zu erkunden. Die dankens- 
werthen Entdeckungen von Hermann Kurtz, die zum minde- 
sten den Stempel der Wahrscheinlichkeit tragen und gegen 
welche bisjetzt nichts Erhebliches eingewendet werden konnte, 
verändern die Gestalt des Dichters nur insoweit, als sie ihn 
bestimmt einem Geschlechte zuweisen und ihn zu einem 
de Argentina machen, ohne ihn der alten Stadt am Rheine 
zu berauben und ohne ihm seine Geburt als Argentinensis 
abzusprechen. Der feine Kenner des Ritterthums und der 
Courtoisie steht auf der Höhe des gesellschaftlichen Lebens, 
aber er hört darum nicht auf, ein Bürger zu sein 



EINLEITUNG. XXXV 

Der Tristan ist Gottfried's letztes Werk. Der Tod hin- 
derte ihn an der Vollendung. Gering an Zahl und Aus- 
dehnung sind die andern sichern Erzengnisse seiner Dichter- 
kraft. Aher gewiss hat Gottfried mehr geschaffen. Kudolf 
von Ems sagt, er habe Männer nnd werthe Frauen ge- 
priesen. Das deutet auf lyrische Production. Lieder und 
Sprüche würden mehr von ihm bekannt und in die große 
Sammlung aufgenommen worden sein, wenn er der Dicht^r- 
zunft der Fahrenden angehört hätte. Der Schreiber der Pa- 
riser Handschrift ließ sich von der Nachahmung des Gott- 
friedischen Stiles im Lobgesange täuschen und hielt ihn fiir 
des Meisters eigenes Werk. Liegt hierin nicht aber zugleich 
auch eine Andeutung, daß Gottfried sich auf dem Gebiete 
der geistlichen Liederdichtung versucht habe? Auch jene 
Fälschung in der Würzburger Handschrift führt auf die V^r- 
muthung, daß Gottfried auch kleine Erzählungen, Novellen 
ohne seinen Namen verfasste. Ebenso weist hierauf die Ent- 
lehnung ganzer Stellen aus dem Tristan in einer solchen 
Novelle. Auch die etwas dunkele Aussage des Rudolf von 
Ems, daß Gottfried es verstanden habe, getihten krümle za 
slihteit , bezieht sich auf eine Thätigkeit, von der wir die 
sichern Belege noch entbehren müssen. Aber der Tristan 
selbst belehrt uns, daß wir es mit keinem Anfänger zu thun 
baber. Eine solche Sprache, ein solcher Stil reift nicht ohne 
jahrelange Übung heran. Und der Eingang mit seiner etwas 
herben Erörterung über Publikum und Kritik sieht nicht da- 
nach aus, als habe ein Dilettant, der dem literarischen Trei- 
ben bisjetzt fern gestanden, nun plötzlich den Entschluß ge- 
fasst, sich auch einmal dichterisch zu versuchen. 

Es wird eine Aufgabe der Forschung sein, wenn auch 
keine leichte, Gottfried's Werke aus ihrer Namenlosigkeit 
hervorzusuchen. Nach meiner Überzeugung, die aber hier 
nur als Vermuthung ausgesprochen sein soll, ist z. B. Hart- 
mann's von Aue zweites Büchlein eine Jugendarbeit Gottfried's. 

I Findet die Dichterthätigkeit Gottfried's mit dem Tristan 

I ihren Abschluß, so ist dieses letzte Werk, auch ohne daß 
wir die vorausgegangenen alle kennen, ganz ohne Zweifel auch 

j als sein Meisterwerk anzuerkennen. Nur der Tristan, der 
noch dazu ohne Verfassernamen in die Welt gieng, wird von 

I den bewundernden Kunstjüngern genannt oder berührt. 

Mit künstlerischem und kritischem Bewusstsein schritt der 

I Dichter an seine letzte große Aufgabe. Er wählt einen schon 



XXXVI EINLEITUNG. 

bekannten Stoff. Aber er will auch stofflich etwas Neues 
bringen, er hat Gründe, mit der landläufigen Erzählung von 
Tristan und Isolt unzufrieden zu sein. Er hätte es gewiss 
vermocht, das vorhandene unmodern gewordene Gedicht des 
Eilhart in eine neue Form umzugießen. Ein Dichter unserer 
Tage würde , wenn ihm auch der Stoff nicht mehr zeitgemäß 
erschien, nach durchaus freiem Ermessen verändern, weglassen 
und zusetzen, verschiedene Traditionen vermischen, neue Mo- 
tive erfinden können. Das war für einen mittelalterlichen 
Dichter unmöglich. Auch Gottfried musste der Sitte folgen; 
er suchte nach einer Quelle, die ihm die bessere, die rechte 
schien. Er suchte nach der Erzählung eines Thomas von Bri- 
tannie in wälschen und lateinischen Büchern (V. 150 fg.). Der 
Dichter ist so glücklich, endlich auch die äventiure, daz 
wäre mccre zu finden. In seiner Polemik gegen die andere 
von ihm verschmähte und verworfene Tradition beruft er sich 
öfters auf seine Quelle, ja er nennt auch den Thomas noch- 
mals ausdrücklich (V. 326). 

Die Vorlage, nach welcher Gottfried arbeitete, war wälsch, 
französisch, d. h. nordfranzösisch. Als unmittelbare Beweise 
sollten früher die zahlreichen französischen Fremdwörter, die 
auch sonst in unserer ritterlichen Poesie vorkommen, sowie 
die nicht selten eingestreuten den Vers füllenden Redewen- 
dungen in französischer Sprache gelten. Dagegen hat sich, 
wie mir scheint mit Recht, Richard Heinzel erklärt^); er 
sieht in diesen fremden Elementen nur einen Ausdruck des 
Zeitgeschmacks, der Mode und weist nach, daß insbesondere 
die französischen Verse bei Gottfried nicht dem Metrum des 
französischen Kunstepos entsprechen und darum vom deut- 
schen Dichter selbständig verfasst sein müssen. Dagegen möchte 
ich doch den Beweis für ein französisches Original, welches 
das Wortspiel mit lameir (V. 11986 fg.) darbietet, nicht preis- 
geben. 

Wie Hartmann bei seinem Erec und bei seinem Iwein dem 
Chrestien von Troyes nachdichtete, so könnte man auch Chre- 
stien's verlorenen Tristan als die Quelle vermuthen, wenn 
nicht der Thomas von Britannie als Gewährsmann genannt 
wäre. Das englische Gedicht in Strophenform Sir Tristrem ^), 



1) Zu Anfang seines Aufsatzes ((Tristan und seine Quelle» in Haupt'a 
Zeitschrift 14 (1869), 272 fg. 

■) Zuerst von Walter Scott 1811 veröffentlicht, wiederholt in v, d. Ha- 
gen's Tristanausgabe 2, 123. 



EINLEITUNG. XXXVII 

welches sich auf einen Thomas von Erceldonne beruft, kann 
aus verschiedenen Gründen, die hier nicht näher zu ent- 
wickeln sind, nicht die Quelle Gottfried's gewesen sein; es 
ist aber insofern für uns wichtig, als es trotz manigfacber 
Abweichungen im Einzelnen doch im Großen und Ganzen mit 
der Tradition der Sage stimmt, zu welcher sich Gottfried be- 
kannte. 

Von den erhaltenen französischen Tristangedichten sind 
namentlich zwei zu beachten. Leider sind beide nur in 
Bruchstücken vorhanden. Das eine Gedicht trägt den Autor- 
uamen eines Berox und stimmt im Großen und Ganzen mit 
der Tradition Eilhart's. Das zweite beruft sich auf einen 
Thomas (bei Michel ') als erstes Stück des zweiten Bandes 
und als erstes und drittes Stück des dritten Bandes). Mit 
Gottfried's Tristan lassen sich diese Fragmente nicht ver- 
gleichen, wie man früher annahm, denn die Erzählung beginnt 
durch einen tückischen Zufall gerade da, wo Gottfried ab- 
bricht. Wohl aber stimmen die Fragmente des Thomas, 
wiederum im Großen und Ganzen, mit dem Schlüsse des eng- 
lischen Tristrem. Der Rückschluß lag nahe, daß das fran- 
zösische Gedicht in seinem nicht erhaltenen vorderen Theile 
mit Gottfried's Tristan übereingestimmt haben werde. 

Somit konnte der Schluß gezogen werden, daß das fran- 
zösische Gedicht des Thomas, welches in seiner Ganzheit nur 
ideell vorhanden ist, wahrscheinlich die Vorlage Gottfried's 
war. Man könnte dies schließen, auch wenn kein Autorname 
genannt wäre, auch wenn sich der Dichter nicht auf einen 
Thomas beriefe. Die Übereinstimmung beider Namen aber, 
zu denen sich noch ein dritter Thomas, der Thomas von Er- 
celdonne gesellt, erschien bedeutungsvoll. Sie erhöhte die 
Wahrscheinlichkeit der Vermuthung. Das Verhältniss übrigens 
des Thomas von Erceldonne zu dem französischen Thomas ist 
noch nicht völlig aufgeklärt, auch nach einer neueren Unter- 
suchung noch nicht, doch berührt dies nicht weiter die Frage 
nach der Quelle des Gottfriedischen Tristan. 

Neuerdings ist die Lösung der Quellenfrage um einen Schritt 
weiter gefördert worden. Ein junger französischer Gelehrter, 



') Der Titel der wichtigen Sammlung ist: Tristan. Recueil de ce qui 
reste de poüms r^latil's ;v ses aventures, composes eu fiaiK^ais, cu auglo- 
normand et eu grcc daus les XII et XIII siecles, publiö par Francisque 
Michel (Londres I, II, 183fi; III, k-M). 



XXXVIII EINLEITUNG. 

A. Bessert, uiiternabm es, jene französischen Bruchstücke 
des Thomas mit dem Ende des Gottfiiedischen Tristan noch 
einmal genauer zu vergleichen ^j, und er fand, daß ein Stück, 
wenn auch nur ein geringes, wirklich gemeinsam sei, soweit 
nämlich eine freie ümdichtung mit einer Vorlage überhaupt 
übereinstimmen kann. Es entspricht die Stelle bei Gottfried 
V. 19478 bis zu Ende den Versen bei Thomas 5—20. 24—26. 
83 — 90 im ersten Fragment des dritten Bandes der Michel'schen 
Sammlung. 

Hierauf stellte Richard Heinzel eine umfassende Unter- 
suchung an über die Quelle des Tristan.^) Die sorgsame Ver- 
gleichung der verschiedenen Traditionen liefert nur ein geringes 
Endergebniss, sie zeigt uns weniger wie die Quelle beschaffen 
gewesen sei, als wie sie nicht gewesen sei. Der Abweichungen 
auch in den sonst verwandten Überlieferungen sind so viele 
und bedeutende, daß es ganz unmöglich ist. sich die wirk- 
liche Gestalt der Quelle zu construieren. Besonders wichtig 
erscheint in Heinzel's Aufsatze der Nachweis, daß sich in den 
französischen Bruchstücken des Thomas Äußerungen und Be- 
ziehungen finden, welche sich mit der Gottfriedischen Sagen- 
gestalt nicht vereinigen lassen. Sodann glaubt Heinzel aus 
einzelnen Wendungen in jenem Bruchstücke schließen zu 
müssen, daß der Dichter nicht die ganze Tristaugeschichte, 
sondern nur den letzten Theil derselben, der anhebt mit der 
Ankunft Tristan's in der Bretagne (bei Gottfried in Arun- 
del), verfasste; somit habe von vornherein der französische 
Thomas nur einen Theil der Quelle Gottfried's ausmachen 
können. Hat diese Annahme Bestand, so fallen alle auf ein 
größeres und vollständiges Tristangedicht des Thomas bezüg- 
lichen Vermuthungen zu Boden. Die neue und seltsame 
Hypothese, mit welcher Heinzel seine Vergleichung der Sagen- 
traditionen einleitet, daß Gottfried im Allgemeinen zwei Quellen 
gefolgt sei, einem lateinischen Chronikwerke des Thomas von 
Britannie und einer französischen Dichtung, wird sich schwer- 
lich der Zustimmung erfreuen können. 

Daß Gottfried seiner Quelle nicht sklavisch folgte, sondern 



') Tristan et Iseult, poeme de Gotfrit de Strasbourg compare ä d'autres 
poemes sur le meme sujet. These presentee ä la facuUe des lettres de 
Paris par A. Bessert (Paris, Franck, 1865). 

'-) lu der vorher S. XXXVI Anmerk. ') genannten Abhandlung. — 
Diese flrifiige und ausführliche Ai'beit wird leider durch eine allzugroße 
Breite und durch den fühlbaren Mangel an Übersichtlichkeit beeinträchtigt. 



EINLEITUNG. XXXIX 

(laß er, ähnlich wie Hartmann von Aue sich an Christian von 
Troyes anschloß, die Vorlage nur zu einem Wegweiser be- 
nutzte, (las konnten wir von vornherein annehmen. So spricht 
und (lichtet niemals ein Übersetzer, sondern nur ein freier 
Künstler. Jetzt nach ßossert's Entdeckung sehen wir selbst 
an den wenigen Zeilen, wie Gottfried dichterisch schaffte. 
Er ist ausführlicher, selbst redseliger als sein Original, aber 
auch unendlich schwungvoller; er überragt den Franzosen 
himmelhoch. 

Dem unbekannten Originale danken wir in Gottfried's Ge- 
dichte in den Hauptzügen die dramatisch lebendige Compo- 
sition und die lebenswahre, seelenvolle Charakteristik. Na- 
mentlich an der Charakteristik hat aber auch der deutsche 
Dichter gewiss wesentlichen Antheil. 

Eine ästhetische Würdigung des Gedichtes kann hier 
nicht bezweckt werden, auch muß der Herausgeber sich ver- 
sagen, die ethische Seite zu berühren. Nur das eine mag 
bemerkt werden, daß das Mittelalter in Tristan und Isolt kein 
verabscheuungswürdiges Liehespaar erblickte. Die beige- 
brachten Zeugnisse über die Beliebtheit der Tristansage sowie 
die über Gottfried's Tristan mögen auch hierfür beweisen. 
Namentlich gewichtig ist hier des strengen Sittenrichters Tho- 
masin von Zirclaria charakteristische Empfehlung des Tristan 
zur Jugendlektüre. Wenn es hier einmal gilt, historisch zu 
fühlen und das ewig junge Kunstwerk und seinen Schöpfer 
mit den Augen eines Zeitgenossen zu betrachten, so möge 
daran erinnert werden, daß der Tristan in den Tagen des 
Minn(jsanges und des Frauencultus entstand, daß er zunächst 
für die vornehme "\\ elt bestimmt war, welche bis auf den heu- 
tigen Tag eine größere Unbefangenheit und Duldsamkeit be- 
währt als jene beengteren Kreise, in welchen das Princip 
der Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit nur zu leicht den 
Blick trübt bei der Anschauung der Kunst und bei Beurthei- 
lung des Genius. Erst ziemlich spät werden verdammende 
Urthcile laut, aber nicht gegen Gottfried, sondern gegen die 
Träger und den Inhalt des Romans. 

Auch bei jedem andern Epos würden wir die NichtvoUen- 
dung beklagen, hier aber ist sie doppelt beklagenswerth. Was 
seinen mittelalterlichen Fortsetzern nicht gelingen wollte, würde 
der beredte und seclenkundige Gottfried gewiss erreicht haben: 
die Lösung des Conflicts, die Sühne nach der tragischen und 
verhängnissvollen Schuld. 



XL EINLEITUNG. 

Haben wir in Gottfried's Tristan auch nur einen Torso 
erhalten, so ist er doch so mächtig und reich, daß wir an 
ihm den Künstler völlig erkennen und bewundern können. 
Schönheiten der Darstellung lassen sich mehr fühlen als zer- 
gliedern und beschreiben. Darum hier nur einige Andeu- 
tungen über Gottfried's Dichtersprache, vor allen für die 
Leser, welche vielleicht zum erstenmal an den Tristan 
herantreten. 

Gottfried hat einen bestimmten Stil. Wir finden diesen 
Stil schon vorbereitet in der vorausgehenden Zeit, namentlich 
bei Hartmann von Aue. Wir finden ihn aber noch ausgepräg- 
ter in der französischen Dichtung. Von beiden Seiten ist 
Gottfried die Anregung geworden, aber er bildete das Über- 
lieferte aus und erhob es zu seiner eigenen, zu einer origi- 
nalen Schöpfung. Dieser Stil besteht in der künstlerischen 
Verwendung und Bevorzugung des grammatischen und rühren- 
den Reimes, ferner der Wiederholung, der Antithese und des 
Wortspiels. Meist findet diese Dichtungsweise ihren Platz in 
den Betrachtungen, so namentlich im Eingange, aber sie er- 
streckt sich auch auf die Erzählung. Mitunter, das ist nicht 
zu leugnen, streift dieses zierliche Spiel an die Spielerei. Und 
darin liegt die Gefahr für diesen Stil, der unter der Hand 
der Nachahmer allzu leicht ausarten kann und wirklich auch 
ausgeartet und selbst zum Unschönen verzerrt worden ist. 

Ist dieser Stil ein künstlerisches Element und musste der 
Herausgeber schon um seiner selbst willen bei der Erklärung 
darauf aufmerksam machen, so ist er immer auch wesentlich 
für das Verständniss. Fast durchgängig findet bei dem Spiele 
gleicher Formen und Worte Verschiedenheit der Function 
und der Bedeutung statt. Natürlich konnten nicht alle und 
jede Fälle in den Anmerkungen berührt werden, der Leser wird 
sich des Dichters Eigenthümlichkeit ohnehin bald einprägen, 

Gottfried's stilistische Originalität besteht ferner unter 
anderm in der Wahl und Bildung von Worten, in der Vor- 
liebe für das Participium prsesentis, in der Anwendung be- 
stimmter Phrasen und Formeln , in der Verbindung verschie- 
dener Tempora und in einer weit ausgedehnten Synonymik. 

Aber Gottfried's Stil ist nicht nur rhetorischer, er ist auch 
technischer Natur. Zunächst ist der «grammatisch correcte» 
Bau seiner Verse wenigstens zu erwähnen , seine Anwendung 
voller ungekürzter Formen. Auch von der verschiedenen Gat- 
tung der Reime und von ihrer Reinheit, die bei Gottfried ge- 



EINLEITUNG. XLT 

radezu bewunderungswürdig ist , soll hier nicht näher gehan- 
delt werden. Wichtiger scheint mir ein Princip, welches zuerst 
durch Gottfried in unserer erzählenden Poesie mit ßewusstsein 
zur Anwendimg kam, das ist das lyrische Princip, die be- 
stimmte Abwechselung von Hebung und Senkung, oder die An- 
erkennung der Nothwendigkeit der Senkung. Noch aber ist die- 
ses Princip nicht systematisch streng durchgeführt, noch kann 
die Senkung, namentlich in zusammengesetzten Worten, fehlen. 
Später erst wird, was wir hier in seinen Anfängen sehen, zur 
festeren Regel, wie vor allen bei Konrad von Würzburg. Dann 
war es nur ein Schritt noch zur Silbenzählung, welche als 
metrisches Princip eine gar lange Zeit bei uns geherrscht hat. 
Gottfried brach nicht vollständig mit der Metrik seiner Vor- 
gänger und Zeitgenossen, aber sein Neues wandte er mit dem 
Alten an gleichsam wie Nebenformen. Er vermied durch die 
Auslassung der Senkungen nicht bloß die ermüdende Weich- 
lichkeit der sonst regelmäßig gebauten Verse, sondern außer 
der Malerei im einzelnen Ausdrucke benutzte er auch die bei- 
den Principien zur stilgemäßen Charakteristik ganzer Stücke. 
Man lese die Betrachtungen, die Reden der einzelnen Perso- 
nen, man lese die Erzählung von Riwalin und Blanscheflur 
und vergleiche diese Abschnitte mit ihren leicht dahinschwe- 
benden Versen mit dem Drachenkampf, mit der Episode von 
Rotte und Harfe und man wird bald in der ganzen Art des 
Vortrags einen Unterschied herausfühlen. Daß öfters keine Ma- 
lerei und kein besonderer Stil bezweckt wird, sondern daß die 
Senkungen rein zufällig fehlen, versteht sich von selbst. 

Ein zweites Princip in Gottfried's Metrik ist der jam- 
bische Rhythmus. Aber der Dichter vermeidet auch nicht 
trochäische Verse, sondern er wechselt mit ihnen ab und ver- 
fällt so nicht in die Eintönigkeit, an welcher der moderne 
Vers leidet. 

Eine Eigenthümlichkeit Gottfried's besteht ferner in der 
häufigen Anwendung des zweisilbigen Auftaktes. Auch da- 
durch wird der eintönige Silbenfall vermieden. Zugleich 
hängt der zweisilbige Auftakt zusammen mit dem Princip des 
jambischen Rhythmus, indem dadurch ein trochäisch angelegter 
Vers zu einem jambischen wird. Dieser Fall tritt namentlich 
ein in den dreimal gehobenen Versen mit klingendem Aus- 
gang, die öfters viermal gehoben und trochäisch sein würden, 
wenn nicht der zweisilbige Auftakt die Wandlung veranlasste. 
Kein einzigesmal kommt es bei Gottfried vor, daß drei- 



XLII EINLEITUNG. 

und viermal gehobene Verse miteinander gebunden werden, 
was sich sonst auch gute Dichter gestatteten, und jeder 
scheinbar viermal gehobene Vers lässt sich leicht in einen 
dreimal gehobenen verändern. 

Diese Wahrnehmungen mussten natürlich bei der Text- 
herstellung sowie in dieser auch für weitere Kreise beabsich- 
tigten Ausgabe bei den Fingerzeigen zur Erleichterung des 
Lesens berücksichtigt und zur Anschauung gebracht werden. 

Die wissenschaftliche Begründung dieser Fälle sowie die 
Darlegung noch anderer Einzelheiten der metrischen Technik 
Gottfried's behält sich der Herausgeber an einem andern 
Orte vor. 

Gottfried hat sein Gedicht, welches wie die meisten Roman- 
dichtungen in den kurzen Reimpaaren abgefasst ist, mit 
einer Reihe von Strophen eröffnet. Und solche Strophen 
kehren bei Beginn größerer Abschnitte oder als Ruhepunkte 
in der Erzählung öfters wieder. Gegen das Ende hin werden 
sie seltener. Die Strophen bestehen aus vier Zeilen, eine 
jode ist viermal gehoben und hat stumpfen Ausgang. Der 
Rhythmus ist jambisch. Die Reime sind alle materiell gleich, 
je zwei sind als gleiche Worte sogenannte gleiche oder rüh- 
rende Reime. Diese Form ist eine volksthümliche, sprich- 
wortähnliche, welche der Dichter zu künstlerischem Spiele be- 
nutzte. Ohne Zweifel hat Gottfried durch diese Strophen dem 
lyrischen Charakter seines Werkes einen äußern sichtbaren 
Ausdruck verleihen wollen. — 

Diese Ausgabe enthält den fünften Abdruck von Gott- 
fried's Tristan. Zuerst wurde das Gedicht veröffentlicht im 
Jahre 1785 im zweiten Bande der Sammlung deutscher Ge- 
dichte aus dem 12., 13. und 1-4. Jahrhundert von Christoph 
Heinrich Müller (Myller) , und zwar nach einer Züricher Ab- 
schrift des Florentiner Codex. An den Tristan schloß sich 
die Fortsetzung Heinrich's. 

Im Jahre 1821 folgte die Ausgabe E. von Groote's mit 
Ulrich, 1823 die von der Hagen's mit Ulrich und Heinrich, 
18-43 die Maßmann's mit Ulrich. Franz Pfeiffer, der nun 
dahingeschiedene Herausgeber dieser Sammlung, wünschte und 
bestimmte anfänglich, daß ich auch einen der Fortsetzer be- 
arbeiten und anfügen solle und zwar den poesiereicheren Heinrich 
von Freiberg. Ich erklärte mich dagegen. Einmal hätte sich 
diese umfänglichere Fortsetzung nicht in den beiden für den 
Tristan bestimmten Bänden unterbringen lassen, sodann schien 



EINLEITUNG. » XLQI 

es mir auch aus Innern Gründen nicht füglich zu sein. Wie 
hoch ich auch den Heinrich und sein Gedicht schätze, und 
ich halte es für weitaus das beste aus der Epigouenzeit, so 
wenig scheint es mir doch in eine Sammlung zu gehören, 
welche unsern mittelalterlichen «Classikern» gewidmet ist. ^) 
Ich habe daher mit Bewilligung meines verstorbenen Freundes, 
damit der Leser dichterisch nicht herabzusteigen brauche und 
doch sachlich einen Abschluß finde, eine schlichte Nacherzäh- 
lung beider Fortsetzungen auf Gottfried's unvollendetes Werk 
folgen lassen. 

Der von mir dargebotene Text ist völlig neu bearbeitet; 
in der zweiten Auflage ist er nicht wesentlich geändert, son- 
dern nur in Einzelheiten verbessert worden. Wenn man ver- 
hältnissmäßig wenig Unterschiede mit den vorausgehenden 
Ausgaben bemerken wird, so hat dies seinen Grund in der 
im Ganzen trefflichen und einheitlichen Überlieferung. Ist 
dieser günstige Umstand für den Herausgeber im Allgemeinen 
eine Erleichterung seiner Arbeit, so bietet er im Einzelnen 
und Feinen gerade recht viele Schwierigkeiten. Durch Pfeiffer's 
Güte erhielt ich seine werthvollen, die Originale völlig er- 
setzenden Collationen der Münchener, Heidelberger und Wiener 
Handschrift. Für die Florentiner Handschrift benutzte ich 
aus von der Hagen^s Nachlasse eine Collation des Müller'schen 
Abdrucks mit dem Florentiner Original. Für die Nebenhand- 
schriften verglich ich, wie mein Vorgänger Maßmaun, die 
Lesarten bei Groote. Das umfangreichere, von Zingerle in 
den «Findlingen» veröffentlichte Bruchstück war für die Ver- 
gleichung wenigstens nicht unwichtig. Über mein kritisches 
Verfahren gedenke ich in Pfeiffer's Germania das Nähere bei- 
zubringen, nur das eine sei hier im Voraus und im Allgemeinen 
bemerkt, daß ich aus Gründen die älteste Münchener Hand- 
schrift, welche Groote nicht kannte, von der Hagen unkritisch 
benutzte, Maßmann allzu sehr vernachlässigte, wieder mehr 
in den Vordergrund gestellt habe. Noch ehe ich dazu gelangen 
konnte, mein Verfahren theoretisch zu entwickeln, erschien eine 
verdienstvolle, die Tristankritik betreffende Abhandlung von 
Theodor von Hagen, aufweiche ich unter «Berichtigungen und 
Zusätze» am Schlüsse des 2. Bandes noch hinweisen konnte. ''=) 



') Heinrich'3 Gedicht wird nun in der zweiten Sammlung oDeutache Dicli- 
tungen des Mittelalters. Herausgegeben von Karl Bartsch- Aufnahme finden. 

-) Kritische Beiträge zu Crottfried's von Straßburg Tristan ('Mühl 
hauseu i. Th. 186S), Göttinger Doctordissertation. 



XLIV EINLEITUNG. 

Sie liegt jetzt auch in theilweise umgearbeiteter Gestalt an 
einem zugänglicheren Orte vor. ') Th. von Hagen versucht eine 
Classificierung der Tristanhandschriften und gelangt zu dem 
Ergebnisse, daß zwei Textrecensionen anzunehmen seien, nach 
welchen die Kritik bestimmt werden müsse. Sowohl gegen 
mein Verfahren wie gegen v. Hagen's Ausführungen ist eine 
nicht minder lobenswerthe Schrift von Hermann Paul gerichtet, 
in welcher eine wesentlich andere Norm für die Textkritik 
aufgestellt wird, indem drei verschiedene Handschriftenklassen 
nachgewiesen werden -) In beiden Schriften sind neben den 
kritischen Erwägungen auch Beiträge zur Stellenerklärung ge- 
geben, namentlich in der Schrift von Paul. Nach beiden Rich- 
tungen, nach der kritischen wie nach der hermeneutischen hin, 
werden mir diese zwei Arbeiten willkommenen Anlaß zur Dis- 
cussion bieten. 

Wenn auch nach der Anlage dieser Ausgaben kritische 
Fragen unberücksichtigt bleiben müssen, so boten sich doch 
bisweilen Fälle dar, wo auch hier zu Gunsten der Erklärung 
die handschriftlichen Überlieferungen heranzuziehen waren. 

In der äußern Einrichtung schließt sich meine Ausgabe 
an die vorhergehenden in dieser Sammlung an. ^) In manchen 
Einzelheiten bin ich meinen eigenen Weg gegangen. Ich habe 
genau zwischen den beiden Mitteln, den Vocal schwächer zu 
machen oder zu tilgen, zwischen Punkt und Apostroph unter- 
schieden. Den Punkt wende ich an bei Synkope, wenn der 
Vocal im ersten Theile einer Senkung steht, den Apostroph 
bei Apokope, wenn der Vocal unmittelbar einer Hebung vor- 
ausgeht. Ausnahmen von dieser Regel kommen allerdings vor. 
An die gekürzte Negation oder vor dieselbe ist kein Apostroph 
gesetzt worden, also ern nicht efn. Nach meinem Systeme 
ist e7'''n=r-er in (acc. von er). Nur wenn ein Missverständ- 



') In Bartsch's Germ, Studien I, (1872), 31 fg.: Die Handschriften des 
Tristan und ihre Bedeutung für die Kritik. 

-) Zur Kritik und Erklärung von Gottfried's von Straßburg Tristan 
(Wien 1872), Leipziger Habilitationsschrift [Sonderabdruck aus der Ger- 
mania, 17. Jahrgang]. — Diese Schrift kam mir leider erst während des 
Druckes dieser Einleitung zu. 

■*) In der Verszählung stimmt meine Ausgabe mit der von der Hagen's. 
Da vielfach nach Maßmann citiert wird, der sich nach der zufälligen 
Spalten- und Verszahl richtet, so ist hierauf Rücksicht genommen vmd die 
Spaltenzahl der Maßmann'schen Ausgabe links in Klammern gesetzt wor- 
den. Die Verse sind danach leicht zu finden. MaÜmann hat auf jeder 
Spalte 40 Zeilen, auf der ersten und zweiten Spalte je 20 Zeilen, auf den 
letzten Spalten (Spalte 589 und 590) je 37 Zeilen. 



EINLEITUNG. XLV 

iiiss eintreten könnte, ist der Apostroph gesetzt worden, z. B. 
sin'':^sine, weil sin auch^nhd. Sinn ist. 

Der Punkt ist ein treffliches Zeichen, die handschriftliche 
Überlieferung zu wahren und doch eine Hülfe für das Lesen 
zu bieten, sodaß häßliche Kürzungen wie ivdrn, wtdr (die 
allerdings geboten sind, wenn sie bei ungewandten Dichtern 
unmittelbar vor einer Hebung stehen) vermieden werden können. 
In gleicher Weise der Accent, wenn er den zweisilbigen Auf- 
takt bezeicbnet. Kürzungen wie iur anstatt iiiicer, umh'' (vor 
Consonant) statt umbe sind nicht nöthig, zumal bei einem 
Dichter, der den zweisilbigen Auftakt so sehr bevorzugt. 

Der Gravis wurde gesetzt bei der sogenannten schweben- 
den Betonung. Man hat gegen diese schwebende Betonung 
mancherlei eingewendet, sie ist aber durch die Lyrik erwiesen. 
Wenn z. B. geschrieben steht h er re sprach er (5119), alle mit 
einem namen (G0G8), so ist nicht damit die Anweisung ge- 
geben, nun zu lesen herre^ aUe^ sondern es hat die Stamm- 
silbe ihre Betonung und die Endsilbe gleichfalls, weil es der 
Rhythmus verlangt. . Ein guter Declamator wird auch niemals 
den öfters citierten Vers aus Schiller's Teil anheben: Sterben 
ist nichts, sondern er wird auch die jambische Betonung 
durchschimmern lassen: Sterben ist nichts. 

Die Anwendung des Accents zur Bezeichnung des jambi- 
schen und trocbäischen Rhythmus, des zweisilbigen Auftaktes 
sowie der Hebungen bei fehlender oder zweisilbiger Senkung 
geschah zunächst, um das Lesen zu erleichtern. Zugleich 
sollten dadurch äußerlich diejenigen Verse Gottfried's hervor- 
gehoben werden, die nicht in unserm Sinne regelmäßig sind, 
in denen sich sein Festhalten an dem überkommenen und zeit 
geuössischen Gebrauche offenbart. Im ersten Bande wurde 
(leshalb die Accentbezeichnung durchgeführt, im zweiten Bande 
dagegen kam sie nur im Interesse der Lektüre und nur spar- 
sam zur Anwendung, da vorauszusetzen ist, daß bis dahin 
der Leser sich hinlänglich geübt haben wird. 

Drei Worte, die anceps sind, wurden je nach Hebung und 
Senkung als Länge oder als Kürze genommen, nämlich 6? und 
si (nhd. s?e, nicht sc/), nu und mi (nhd. Jtirn^ Nu [im Nuj, nicht 
na7(), du und du (nhd. d2(, nicht dau). Ein Zugeständniss an den 
Gebrauch der Herausgeber ist es, wenn ich um der Metrik 
willen l-ei)i für dehein in beiden Bedeutungen für: ein und 
für: kein angesetzt habe. Der Anfänger möge sich durch 
dieses kein nicht irre machen lassen. 



XLVI EINLEITUNG. 



War es beim Beginn der Sammlung nöthig, auch Formen- 
erklärung unter dem Texte zu geben, so war nunmehr im 
Allgemeinen davon abzusehen. Pfeiffer hat schon in seinem 



'ö 



Walther solch rein materielle Dinge in das Wortverzeichniss 
verwiesen, wie z. B. öre, daz, Ohr; siüiiie^ diu, Sonne, ohne 
jegliche Stellenangabe. Dies habe ich weiter ausgedehnt und 
die Worte und Formen, welche nur in ihrer äußern Erschei- 
nung von der jetzigen Sprachgestalt abweichen, hinten in das 
Verzeichuiss gebracht. Auch auf die Unterschiede im Ge- 
schlechte ist dort Rücksicht genommen. Eine vollständige 
alphabetisch geordnete Grammatik wird man aber natürlich 
nicht erwarten dürfen. 

Im Allgemeinen war mein Grundsatz bei der Erklärimg, 
das nicht zu berücksichtigen, was auch ein moderner Dichter 
sagen könnte. Pfeiifer's Wunsch war es auch, daß seine Mit- 
arbeiter mit dem Fortschreiten der Sammlung in den Erklä- 
rungen enthaltsamer sein sollten. Ich meine, man muß den 
Lesern auch etwas zutrauen. 

Nach der Einrichtung dieser Ausgaben, die eines Glossars 
entbehren, ist die Erklärung zunächst auf die erste Stelle 
hingewiesen, in welcher das betreffende Wort mit seiner 
vom Neuhochdeutschen abweichenden Bedeutung vorkommt. 
Damit ist ein Übelstand verknüpft. Die erste Stelle ist näm- 
lich nicht immer auch die geeignetste für die Erklärung. 
Deshalb schien es mir nöthig, öfters Verweisungen auf Parallel- 
stellen zu geben. Ein Wort wird durch ein anderes beige- 
setztes Wort, durch ein Synonym, durch seine Stelle im Reime 
u. dgl. öfters schärfer gezeichnet als da, wo es zufällig zuerst 
begegnet. Wer zunächst um des literarischen und ästhetischen 
Interesses willen den Tristan lesen und genießen will, der 
möge sich um meine Verweisungen nicht weiter kümmern. Ich 
hoffe aber denen, welche tiefer eindringen wollen, damit einen 
Dienst geleistet zu haben, auch werden die Fachgenossen in 
dieser Zugabe die zusammenhangende Arbeit nicht verkennen. 

Wie von einer Stelle auf eine spätere verwiesen wird, so 
musste auch öfters an vorhergehende erinnert werden. 

Ist auf solche Weise öfters das Gedicht gewissermaßen 
aus sich selbst heraus erklärt worden, so habe ich von Parallel- 
stellen aus andern AVerken ahgesehen und nur ganz ver- 
einzelt bei schwierigen oder charakteristischen Worten und 
Stellen solche beigefügt. 

Silberhell ist Gottfried's Sprache. Kein epischer Kunst- 



EINLEITUIS'G. XLVII 

dichter aus der classischen Zeit unseres Mittelalters erschließt 
sich so leicht wie er dem Verständnisse des heutigen Lesers 
oder scheint sich zu erschließen. Daher auch ist die An- 
sicht weit verbreitet, und auch ich habe sie einst getheilt, als 
sei Gottfried überhaupt ein leichter Schriftsteller, sein Tristan 
ein durchaus klares Gedicht. Das aber ist keineswegs der 
Fall. Seine Betrachtungen namentlich , seine lyrischen Er- 
güsse sind reich an Schwierigkeiten, auch in die Erzählung 
trägt seine gewählte Sprache bisweilen tiefere Beziehungen, 
die nicht auf der Oberfläche liegen. Nicht immer, dess bin ich 
mir wohl bewusst, ist es mir gelungen, den Schleier zu heben. 

Die zu Gebote stehenden Hülfsmittel habe ich nach Mög- 
lichkeit benutzt. Von den älteren Herausgebern bot nament- 
lich Groote öfters schätzeuswerthe Fingerzeige. Bin ich vor 
allen dem mittelhochdeutschen Wörterbuche, in welchem auf 
Gottfried's Tristan in ausgedehnter Weise Rücksicht genom- 
men ist, dankbar, so fehlte es doch auch nicht an Gelegen- 
heit, seinen Angaben eine andere Auffassung entgegenzuhalten. 
Auch die Übersetzer, Kurtz und Simrock, sind mitunter heran- 
gezogen worden, theils um ihnen irgend einen schönen dichte- 
rischen Ausdruck zu entlehnen, theils um ihnen zu wider- 
sprechen. Auf die neueren Bemühungen, auf die Arbeiten 
Heinzel's und v. Hagen's habe ich für diese zweite Auflage 
nicht minder Kücksicht genommen; die Erklärungen Paul's, 
welche unabhängig sind von der Textherstellung, sollen für 
den zweiten Band benutzt werden, soweit ich ihnen beipflichten 
kann. 

Leider entbehrte ich bei meiner Arbeit nach der kritischen 
wie nach der hermeneutischen Seite hin den Rath und den 
Beistand des Mannes, welcher diese Sammlung begründet und 
eröffnet und in ihrem Fortschreiten mit seiner Fürsorge be- 
gleitet hat. Nur einen geringen Theil der Textbearbeitung' 
konnte er noch prüfen und mit seinen Bemerkungen versehen. 
Dem begonnenen Drucke vermochte sein ermüdetes Auge nicht 
mehr zu folgen. Nun ist er geschieden, und sein Blick fällt 
nicht mehr auf den Dichter in seiner Sammlung, dem er, 
nächst Walther von der Vogelweide, vor allen zugethan war, 
den er wie kein anderer kannte und verstand, für dessen 
Ehre er ein so gewichtiges Wort gesprochen hatte. 

Von Herzen sei auch hier meinem Freunde Fedor Bech 
Dank gesagt für die aufopfernde Hülfe, w^^dche er auch dieser 
meiner letzten Arbeit angedeihen ließ, nachdem er schon 



XLVIII EINLEITUNG. 

meine vorhergehende, mein Evangelienbuch, mit seinen lexi- 
kalischen Schätzen ausstattete. Die Fachgenossen werden 
später noch näher erfahren, wie viel nicht allein der Heraus- 
geber, sondern überhaupt die Erklärung des Tristan der 
freundlichen Theilnahme Bech's verdankt. 

Zum Schlüsse sei mir vergönnt, den Wunsch, mit welchem 
ich die erste Auflage hinausgehen ließ, zu wiederholen, daß 
meine Bemühungen für dieses goldene Gedicht dazu beitragen 
möchten, seine Freunde ihm noch näher zu verbinden und 
neue Bewunderer ihm zu gewinnen. 

Rostock, im October 1872. 

Reinhold Bechstein. 



INHALT 



Seite 

Einleitung V 

I. Eingang 3 

ir. Ri walin und Blanscheflur . IG 

III. Rual li foitenant 69 

IV. Die Entführung 81 

V. Die Jagd 102 

YI. Der junge Künstler 122 

VII. Wiederseilen. 135 

VIII. Tristan's Schwertleite 158 

IX. Heimfahrt und Rache " .178 

X. Morold 203 

XI. Tantris 245 

XII. Die Brautfahrt 275 

XIII. Der Kan)]>f mit dem Drachen 296 



GOTTFiilED VON STß.\SSBL'KG. I. 2. Aufl. 



TRISTAN. 



OOTTFBIBD VON STBASSBUBG. I. 2. Aufl. 



I. 

In der Betrachtung, mit welcher Gottfried seine Erzählung von Tristan 
eröffnet, berührt er zuerst das Verhältniss des Dichters zur Lesewelt und 
zur Kritik. Nur im dankbaren Angedenken findet das Verdienst seine 
Dauer, und Unrecht ist es, das Verdienst nicht wohlwollend zu schätzen. 
Mehr als die Tadelsucht, die selbst dem begehrten Werke entgegentritt, 
ziemt Lob und Hingabe. Das abwägende Urtheil ist von Wertii, aber nur 
durch Anerkennung gedeiht die Kunst. Der Vergessenheit fällt anheim, was 
nicht Anerkennung findet. Absprechende oder beschönigende Beurthei- 
lung schadet mehr als sie nützt, und gehässige Verkleinerungssucht er- 
tüdtet vollends die Gabe des Urtheils. "Wohl dem, der in solch schwie- 
riger Lage zur Bedeutung gelangt ist! Ich will, fährt der Dichter auf seine 
Person übergehend fort , bei meiner Lebensreife und Erfahrung nicht 
müßig bleiben. Der Welt, aber nur der edeln, nicht der leichtlebigen 
Welt zu Liebe habe ich mir eine Aufgabe gestellt: ich will mit einer Er- 
zählung denen, welche der Kummer der Liebe bedrückt, Zerstreuung und 
Erleichterung gewähren. Zwar heißt es, dafj die Vertiefung in einen Lie- 
besroman den Kummer mehren helfe. Jedoch in diesem Weh liegt so 
viel Herzensfreude, daß ein edeles Herz nicht darauf verzichten mag. 
Wer rein und edel liebt, der wünscht sich solche Dichtung. Und die- 
sen Genuß will ich den Liebenden bieten in meiner Erzählung von Tri- 
stan und Isolt. Es gibt Erzählungen von Tristan , die nicht die rechten 
sind, ich aber habe die rechte gefunden , ich folge dem Thomas von Bri- 
tannie. Dieser Boman soll edele Herzen erfreuen und veredeln und 
ihnen ein leuchtendes Vorbild sein. Diese Liebenden haben mit den 
Freuden der Liebe auch der Liebe Leid gekostet, ja selbst um der Liebe 
willen den Tod erlitten. Darum leben sie fort in unserer Erinneriing. 



(l) Gedsehte mau ir ze guote niht, 

von den der werlde guot geschiht, 

s6 wsere ez allez alse niht, 

swaz guotes in der werlt geschiht. 



1 — 4 Auf die stilistischen Eigenthümlichkeiten in den Eingangs- 
stropben soll zuerst aufmerksam gemacht werden: 1 nild Negation; 3 niht 
sabst. = nichts. — 2 werlt stf., Menschheit; 4 werlt, Erde. — 1 ze guote 
(Ton guot stn.), im Guten, in Güte, mü Wohlwollen [vgl. zu Gute thun, 
halten]; 2 guot stn., Gutes. — ?> alse {=^als6, als) adv. Partikel, wie. — 
4 swaz ( = .sö war), wenn etwas, correlativ = nlid. was: was, wie viel auch 
des Guten. 

1* 



I. EINGANG. 

Der guote man, swaz der in guot 5 

und niwan der werlt ze guote tuot, 
swer daz iht anders wan in guöt 
vernemen wil, der missetuot. 

Ich hoere es velschen harte vil, 
daz man doch gerne haben wil: 10 

da ist des lützelen ze vil, 
da wil man, des man niht enwil. 

Ez zimet dem man ze lobene wol, 
des er iedoch bedürfen sol, 

und läze ez ime gevallen wol, 15 

die wile ez ime gevallen sol. 



5 — 8: 5 in yuot ( = in yuote), in Güte, aubjectiv: in guter Absicht; 
7 in guot , objectiv und elliptisch : in Güte gothan , für etwas Gutes. — 
6 tuon transitiv, schaffen, wirken; 8 tiion in Zusammensetzung misse- 
tuon intrans., übel thun, unrecht handeln. Die Bildung nässe- liebt Gott- 
fried. — 5 der guote man, der wackere Mensch, nicht, wie unser: guter 
Mann, auf die Herzensgüte zu beziehen. — Solche Inversionen finden sich 
im Tristan sehr häufig, vgl. z. B. 33. 39. 103. 111. 1383. 3147. 3211. — 

6 niwan (niwan einsilbig) adv. (daneben niuu-an, niu'dn), nur. — ze guote 
= unserm: zu Gute, zum Besten. — 7 swer (s. zu V. 4) correl. , wer. — 

— iht anders (adv. gen.), in irgendeiner Weise sonst. — ivan adv., außer, 
als. — 8 vernemen stv., auf-, hinnehmen, anerkennen. 

9 — 12: 10 inl in Verbindung mit haben; 12 ^cil selbständig. — 
9 es gen. neutr. von ez , nhd. ersetzt durch den Gen. von da:: dessen, 
abhängig von vil. — velschen swv., für vahch, schlecht erklären, ganz 
wie unser: schlecht machen, herb und ungerecht kritisieren. — harte 
adv. zur Verstärkung von Adject. und Adverb., gar, sehr. — vil, im Mhd. 
nicht adjectivisch, sondern immer substantivischer Singular. — 10 da de- 
monstr. pron. adv., im Mhd. immer örtlich (vgl. 303). da — da, hier — da. 

— 11 iützel adj., hier subst, neutr., klein, wenig. — 12 des gen. abh. von 
niht. — en- proklitiscbe Negationspartikel. Zwei Negationen {niJit und en-) 
verstärken einander, heben sich nicht auf. — Der "VTortlaut der 3. Strophe 
ist klar, aber die beiden letzten Zeilen lassen verschiedene Deutung zu. 
Auch das ersehnte "Werk verschont die Kritik nicht. Hier ist des Unbe- 
deutenden zu viel, urtheilen die einen, d. h. da hat der Dichter zu viel 
Mühe auf einen interesselosen Gegenstand gewandt ; oder heißt es : auch 
das kurze Gedicht ist ihnen zu lang? — 12 auf der andern Seite will man 
(der eine) , was man (der andere) niciit will ; oder soll gesagt werden : 
heute ist der Geschmack so, morgen anders? oder endlich: sind hier ver- 
steckt die sittlich bedenklichen Stoße gemeint? man begehrt sie im Grunde 
des Herzens, gibt sich aber den Anschein, sie verwerflich zu finden. 
Kämen die Worte aus eines heutigen Dichters Munde , so würde man 
ebenfalls zu rathen haben. 

13 — 16: 13 wol adv., gar wohl, sine dubio; 15 v:ol adv., direct zu 
gevallen gehörig, hene. — 14 soZ = muß; 16 sol auxiliar = wird, mag. — 
15 ime, ihm reflexiv = sich; 16 ime rein demonstrativ^ihm. — 15 gevallen 
stv. = nhd.; 16 gevallen, zufallen, zu Theil werden. — 13 ziinet 3. pers. 
prses. von zernen stv. = ziemen swv., geziemen (obgleich diese Worte eine 
mehr ethische Bedeutung gewonnen haben) , anstehen , schön stehen ; 
vgl. 711. — 14: iedoch adv., nicht: jedoch, sondern: doch, ja doch, doch ein- 
mal. — 15 idze conj., elliptisch = /a2e er, möge er lassen. — 16 die wile adv, 
acc, die Zeit, dieweil, so lange. Einem literarischen Bedürfnisse freund- 
lich entgegenzukommen, ist anständig; man soll sich ein neues Werk so 
lange gefallen lassen, als es angeht; d. h. so lange, als es nicht durch ein 
neueres abgelöst und überboten wird. 



I. EINGANG. 



Tiur' unde wert ist mir der man, 
der guot und übel betrahten kan, 
der mich und iegelichen man 
nach sinem werde erkennen kan. 20 



(2)fi 



r' unde lop diu schephent list, 
da list ze lobe geschaffen ist: 
swä er mit lobe geblüemet ist, 
da blüejet aller slahte list. 

Reht' als daz dinc ze unruoche gät, 25 

daz lobes noch ere niene hat, 
als liebet daz, daz ere hat 
und sines lobes niht irre gät. 

Ir ist so vil, die des nu pflegent, 
daz si daz guote z' übele v/egent, 30 

daz übel wider ze guote wegent: 
die pflegent niht, si widerpflegent. 

17 — 20: 17 man subst. uom.; 19 man halb pronominal und acc. iege- 
lichen man, jeglichen Mann, jeden Mann, jedermann. — 17 wert adj.; 
20 werde von icert stn. (nhd, stm.) — IS betrahten swv., mit trahte (Be- 
dacht) erwägen. 

21—24 : 21 list acc. ; 24 Hat nom. — 21 diu pl. neutr. bezogen auf die Subst. 
verschiedener Geschlechter ; vgl. 34. — ■ichephen swv., schaffen, schöpferisch 
hervorbringen, befördern. — li-^t stm., nur selten im Sinne von unserm : 
List stf. (vgl. 2032 u. zu 13742), Klugheit, Weisheit, insbesondere: Kunst, 
Kunstbetrieb (die Zusammensetzungen mit lint brauchen nicht alle ange- 
führt zu werden). — 22 da hier relativ: wo, wenn, sobald, vorausgesetzt 
daß. — list ist hier wohl innerlich zu fassen: Kunstbegabung. — ze lobe, 
auf lübenswerthe Weise. Wenn wirkliches Talent von der Natur beschie- 
den ist, dann regt die Anerkennung zu dichteiischer Production an. — 
23 sicä {^=so ivc'i) coiTel., wenn wo=nhd. wo. — er (nicht o', ere) d. h. list. 
— 24 slafif, auch slahfe sti., Art; aller slahte (gen. sing.) jede Art; a,n{ aller 
liegt ein Nachdruck. Der Dichter will die Einschränkung in V. 22 auf ein 
weites Gebiet ausdehnen. Wenn das Talent ftiit Lob geblümt , wie mit 
Blumen geschmückt wird, dann ist eine allgemeine Kunstblüte möglich. 

2-1 — 2S : 2.T als hier relativ; rehf als. ganz in derselben Weise wie. — 
'ine stn. öfters durch das Synonjnn: Sache zu übertragen. — unruodi 
•:tm., Vernachlässigung (wie 4(iu2), dann Gleichgültigkeit; se unruozho gan, 
zur Bedeutungslosigkeit gelangen, vergessen werden. — 2f; niene doppelte 
Negation (ob aus niht und nc oder aus nie und nc noch fraglich), ent- 
spricht ziemlich unserm nicht localen : nirgends. — 27 als := also, ganz so, 
ebenso. — lieben swv. intrans. (ahd. liobem), belieben, behagen, gefallen; 
vgl. das andere lieben in V. 174. — irre (hier wohl adverbial) gdn eines 
Hny-'<, eines Dinges verlustig gehen, es (wie durch irre gehen) verfehlen 
verlieren. 

29 — 32: 29 pflegen trans.; 32 pflegen in Zusammensetzung und in- 
trans. — 29 ir ist eil 3. zu V. 9, nhd. : ihrer sind viel oder viele. — nu 
adv., nun, jetzt, in unsern Tagen. — pflegen gtv. mit gen., etwas betrei- 
ben, darauf aus sein. — 30. 31 wegen stv., abwägen. Gemeint sind die ab- 
-prcchenuen und unterschätzenden, auf der andern .Seite dio allzu milden 
iiid iberschätzondpn Beurtheiler. — ?,2 pfli'rjen inti-ans., hier in etwas spc- 
oiellerer Bedeutung als in Y. 2;»: pflegen, Fürsorge liaben. — widerpfl^^gen, 
das (lOgentheil von pfl'.g-'n, entgegenwirken. Solche ungerechte und un- 
zuverlässige Beurtheiler meinen es nicht wohl mit der Kunst, sie vorderben 
aie. "Der troibt'g nicht wohl, der hintertreibt.^^ Hermann Kurtz. 



1. EINGANG. 

Ghunst iiüde nähe sehender sin, 
swie wol diu schinen under in, 
geherberget danne nit zuo z'in, 35 

er leschet künst imde sin. 

Hei, tugent, wie smal sint dine stege, 
wie kumberlich sint dine wege! 
die dine stege, die dine wege, 
wol ime, der si wege und stege! 40 

(^) irib' ich die zit vergebene hin, 
so zitec ich ze lebene bin, 
sone vare ich in der werlt sus hin 
niht so gewerldet, alse ich bin. 



33 — 3t>: 33 sin nom. ; 36 sin acc. — 34 in dat. pl. reflexiv: sicli; 
35 m demonstrativ. — 33 chunst=ikunst stf., Können und Wissen, ent- 
spricht hier unserm : Kunst im Sinne von: Kunstübung. — nahe adv., in 
der Nähe, genau, nähe seilender sin, genau zusehender, aufmerksamer 
Sinn, strenge Kritik; vgl. nähe merkende spehe 6510. — 34 swie ( = s6 toie), 
adv. correl., wie auch. — sdnnen conj. prses. von sdnnen stv., scheinen, 
sich zeigen. — under in, untereinander. Kunst und Kritik vertragen sich 
wohl miteinander. — 35 herberge.n swv., Wohnung nehmen, sich gesellen, 
ye- ist hier wie so oft in Gottifried's Sprache Verstärkung des einfachen 
Zeitworts, hier mit der bestimmten Function von: mit (vgl. cutii, con-), 
zusammen, doch kann auch i/e- die Function des Perfects oder besser des 
Aorists haben: hat sich gesellt; s. zu 145. — danne adv., dann, alsdann, 
aber dann; im Keime {-.manne) 11618. — nit stra., Verkleinerungssucht, 
kritische Schelsucht. — znu s' (in), verstärkte Prseposition. — 36 leschen swv., 
löschen, vertilgen, zerstören. — kunst, hier im andern Sinne als V. 33, näm- 
lich : Verständniss. — sin stm., ein Liebliugswort Gottfried's; sin, wie unser: 
Sinn vieldeutig, ist öfters durch Synonymen wie Verstand, Inhalt u. dgl. 
zu geben, sin, hier: Fähigkeit der Beurtheilung. Wird die Kritik persön- 
lich, dann ist sie keine Kritik mehr. 

37—40: 37 stege pl. von stec, Steg, wenn nicht im Gegensatz zu stege 
in V. 39 zugleich ein Wortspiel gesucht ist: stege pl. von stege stf. (sonst 
auch swf.). Stiege, Treppe, steile Bahn; 40 stege conj. praes. von siegen 
swv., einen Steg bereiten, dann bildl. : erstreben. — 38. 39 V)ege pl. von 
wec; wege in V. 38 vielleioht auch zugleich pl. von wege stf., Bahn (aller- 
dings seltenes Wort); 40 wege conj. prses. von ivegen swv., einen Weg 
bereiten, zugleich ist wege conj. von wegen wie V. 30. 31, abwägen, schätzen. 
Nicht eine Bedeutung ist in diesen Fällen anzunehmen, sondern die Worte 
haben bei unserm Dichter wirklich den Doppelsinn; es sind eben Wort- 
spiele, die wir leider nicht nachahmen können. — 37 hei interj. hat niclit 
immer die Bedeutung des fröhlichen Aufjauchzens , sondern auch die der 
Klage^=ach. — tugent stf., vieldeutiges Wort: Tüchtigkeit, Vollkommen- 
heit. Eine Eeminiscenz an Matth. 7, 14 ist hier wohl anzunehmen. — 

38 luruberLldi adj., (kümmerlich), kummervoll, beschwerlich. Zur.^ Voll- 
kommenheit, zur Größe zu gelangen, ist schwer und nur wenigen vergönnt. — 

39 die dine: im Mlid. vor dem Possessivpron. auch der Artikel. — Glücklich 
der, welcher zu den Auserkorenen, allgemein Anerkannten gehört. 

41 — 44: 41 hin gehört zu trtbe: hintreiben, hinleben, verbringen; 
43 hin nicht zu vare zu ziehen (hinfahren, hinleben), sondern ist mit sus 
(synonym von so, vgl. 670) ein Begriff; sus /i/« = sodann. fernerhin, wie in 
V. 4393. 6::03. — 41 Dieser Vers benutzt als Anfang des Schwanks vom 
Häslein, Hagen's Gesammtabenteuer Nr. XXI. — trW und vare in V. 43 
prjBS. in der Function des Conj, prset. ; vgl. 135 fg. — zit in der Regel wie 
nhd. stf, ; vgl, zu 18892. — vergebene adv. hat wie das nhd. : umsonst die 
doppelte Bedeutung frustra ( = nhd. vergebens) und gratis; hiev frustra, 
ohne etwas zu schaffen; vgl. zu 12398. — 42 sitec adj., zeitig, reif. — so 



I. EINGANG. 7 

Ich hall mir eine unmüezekeit 45 

der vverlt ze liebe vür geleit 
und edelen herzen z'einer hage, 
den herzen, den ich herze trage, 
der werlde, in die min herze siht. 
ich meine ir aller werlde niht 50 

als die, von der ich hoere sagen, 
diu deheine swsere müge getragen 
lind niwan in fröuden welle sweben: 
die läze ouch got mit fröuden leben! 

Der werlde und diseme lebene 55 

enkumt min rede niht ebene: 
ir leben und minez zweient sich, 
ein ander werlt die meine ich, 
diu sament in einem herzen treit 
ir siieze sür, ir liebez leit, 60 

ir herzeliep, ir senede not, 
ir liebez leben, ir leiden tot, 
ir lieben tot, ir leidez leben: 
dem lebene si min leben ergeben, 
der werlt wil ich gewerldet w^csen, 65 

mit ir verderben oder genesen. 



relat., wie sehr. — 43 .tone^^so-ne enklit. Negation. — varen stv., gehen, 
leben. — 44 ijeirerUlet, eine Gottfriedische Bildung wie noch in V. 65, 
ahnlich wie: geschult; etwa: welterfüllt. 

4ö annuiezekeit stf., Unmiiße, Arbeit, Aufgabe. — 4ö vür legen, vor- 
setzen, auferlegen. — 47 /ia{je stf., Behagen, Freude. — 48 herze tragen 
mit dat., einem Herz, Neigung entgegentragen, für einen Neigung hegen, 
ehen&o friJude ir. 2.')1; naiot (r. 3404; vgl. zu 77;). — 50 ihrer aller Welt, die 
allgemeine Welt meine ich nicht; werkle ist wohl nicht = der toerlde gen. 
sing. abh. von nUit (alsdann = uichts), sondern entweder = (//e werlde j^lur. 
acc, wie tcerlt öfter gebraucht wird, wogegen freilich V. 58 spricht, oder 
die werlde sing. acc. Nebenform von werlt: s. zu 10868. — 51 als=als6, 
wie zum Beispiel. — die ich nur von Hörensagen, nicht aus eigener 
llrfalirung kenne. — .12 dehein , daneben einsilbig kein, adj. pron. = lat. 
>tUii!f, irgendein oder kein; hier: kein. — swccre s,ti., Beschwerde, Kununer. 
— 'j'-tratjen stv., verstärktes tragen, ertragen. — r)4 schalkhafte Bemerkung : 
diese Leichtlebigen und Vergnügungssüchtigen sind zwar nicht nach meinem 
«ieschmacke, aber meinethalben : möge es ihnen nur immer gut gehen. — 
iiiitfrnuden, hier im stilistischen Gegensatz zu in fröuden nicht = nhd. mit 
Freuden, sondern =^ ?/(// Iiulden: vgl. zu 1*51. 

.')(3 rede stf. ist hier wohl noch nicht bestimmt die dichterische Rede, 
die Erzählung, sondern im Allgemeinen die Sache, die in Rede steht, das 
Vorhaben. — etieiif adv., be(iuem , passend, gelegen. — hl zweien swv., 
trennen [noch in : entzweien]. — 59 .■iamcnt (Nebenform saviet s. zu 3170) 
adv., zusammen. — <;o derselbe Vers in Rudolfs von Ems Barlaam V. 5156 
(13(t,lt;), — süeze^^süezez. — si'r adj. subst. stn., das Saure, Bittere. — 
<>l herzfUe}) stn., Herzensfreude, wie in V. 185. 232 dorn herzeleit entgegen- 
gesetzt. — senede \>a.Ti. ^= senendc; v. not, Sehnsucht, Liebesnoth. — 62 leit 
adj., leid, selten mehr attributiv, dafür: leidig; trüb; vgl. I7.i0. — 65 ge- 
werldet muß hier den Begriff haben : der Welt zugesellt, darum dabei der 
Dativ. — vexcn stv., sein. — 6»; genesen stv., am Leben bleiben.- verderben 
Wt geneien=^\\n?,cvn\: leben oder sterben. — 



I. EINGANG. 

ich bin mit ir biz her beliben 
und hän mit ir die tage vertriben, 
die mir üf nähe gendem leben 
1er' linde geleite solten geben: 70 

der hän ich mine unmüezekeit 
ze kurzewile vür geleit, 
daz si mit minem maere 
ir nähe gende swaere 

ze halber senfte bringe, 75 

ir not da mite geringe, 
wan swer des iht vor oiigen hat, 
da mite der muot ze immuoze gät, 
daz entsorget sorgehaften muot, 
daz ist ze herzesorgen guot. 80 

(4) ir aller volge diu ist dar an: 
swä so der müezige man 
mit senedem schaden si überladen, 
da mere muoze seneden schaden, 
bi senedem leide müezekeit, 85 

da wahset iemer senede leit. 
durch daz ist guot, swer herzeklage 
und senede not ze herzen trage, 
daz er mit allem ruoche 



68 ich habe mit ihr die (prüfungsreichen) Tage hingebracht, verlebt. — 

69 nahe ffcn, ans Herz greifen, nä/ie gende, je nach dem Zusammenhang: 
lieb oder wie hier: leidvoll (V. 74. 918 = nlid.); compar. näher <jm in V. 2378, 
näher yende 13057. — uf prtep. mit dat., selten zeitlich : während [vgl. auf 
der Beise]. — 72 ze kurzewile stf., zur Kurzweil, doch in etwas edlerem 
Sinne als das AVort heute gewöhnlich gebraucht wird : zur Ergötzung. — 
vür legen, hier in etwas anderm Sinne als V. 46: vorlegen, bestimmen. — 
73 mcere stn., Märe stf., Erzählung, (redicht; das Wort auch bei G. häufig 
und vieldeutig. — 7.') senfte stf., (Sanftheit) Ruhe; wir sagen: halb zur 
Ruhe. — 76 geringen swv., verringern erleichtern. — 11 u- an = wände conj. 
demonstr. , denn; s. zu 286. — 78 da hier relativ: womit. — niuot stm., 
überhaupt: Sinn, Herz. — ze unnmoze stf. gän^ zu einer Beschäftigung 
gelangen. — 79 entaorgen swv., von Sorgen befreien; wieder ein Wort in 
Gottfried's Stile. — sorgehaft (sonst sorchaft wie z. B. V. 8636) adj., mit 
Sorgen behaftet, bekümmert. Von Simrock hübsch getroffen: 'idas ent- 
bürdet bürdeschweren Muth. » — 80 0^ pra;p. , für, gegen; ze öfters in 
solcher Weise zu vertauschen nach dem modernen Sprachgebrauch. — 
herzesorge stf., unser: Herzenssorge (nhd. Wechsel: //ero = mhd. oder 
häufiger herzen^-). Der Dichter liebt diese Zusammensetzungen ungemein ; 
sie brauchen nicht immer angeführt zu werden. — 81 volge stf. (Folge, 
Folgerung), Zustimmung, übereinstimmende Ansicht; diese Bedeutung bei 
G. fast durchaus, nur hier und da schattiert; vgl. zu 4641. — 82 ^wä xo, 
Verstärkung der Conditionalconjunction: wenn alsdann, wenn nämlich. — 
83 (der) senede schade, Liebesnoth. — 86 senede (vgl. zu V. C,l)7^senedez. 
— 87 durch prsep. , wegen, um willen; durch daz, deshalb. — herzeklage 
stf., Herzeleid; s. zu 198. — 89 ruoch stm., Bedacht, vorsätzlicher Wille: 
bei (y. auch ruochp stf. 10439. — 



I. EINGANG. y 

dem übe unmuoze suoche: 90 

da mite so müezeget der miiot 

und ist dem miiote ein michel guot; 

und gerate ich niemer doch dar an, 

daz iemer liebe gernde man 

deheine solhe unmuoze im neme, 95 

diu reiner liebe missezeme: 

ein senelichez msere 

daz tribe ein senedaere 

mit herzen und mit munde 

und senfte so die stunde. 100 

Nu ist ab einer jehe vil, 
der ich vil nach gevolgen wil: 
der senede muot, so der ie me 
mit seneden maeren umbe ge, 
so siner swsere ie mere si. . 105 

der selben jehe der stüende ich bi, 



'0 dem Übe, für den Leib , doch nicht wörtlicli zu nehmen , sondern im 
Allgemeinen : äußerlich im Gegensatze zur Trauer im Herzen. — 91 so 
ähnlich verstärkend wie in V. 82, alsdann. — müezcjen swv., müßig wer- 
den. — luu'jt stm. , das Innere, dem lihe entgegengesetzt. Wenn der 
Mensch sich äußerlich beschäftigt , dann hat das gequälte Herz Ruhe. 

— y2 luichel adj. unHect. (häufig im Mhd., insbesondere beim Neutrum)^ 
micfielez : eine große Wohlthat. — i».'> ujkI, mit doch zu verbinden , drückt 
hier Gegensatz und Einschränkung aus : jedoch. — geraten stv., verstärk- 
tes raten: oder ije- als perf. zu fassen? jedocli habe ich damit durchaus 
nicht gerathen, wie wir sagen : ich will damit niclit gerathen haben, dar an 
kann in Bezug auf das Folgende lieißen: dazu; eher scheint es mir auf 
den vorausgehenden Kath zu gehen: dabei, damit. Der Dichter ei'klärt 
sich deutlicher, um wegen seines Ausdrucks dein lihe unmuoze nicht miss- 
verstau den zu werden, als habe er rein leibliches Ergötzen vorgeschlagen. 

— ;»4 ieruer adv., liier: jemals. — liebe stf. hat hier, was beide Übersetzer 
verfehlt haben, entschieden die ursprüngliche Bedeutung: Freude, Lust, 
wie auch in V. 194s.') der Unde stf. entgegengesetzt; ein Liebe begehrender 
Mann kann nicht gemeint sein, weil schon von einem Verliebten die Rede, 
und weil es stilistiscli unmöglich ist, indem in Y. 9H liebe die heutige Be- 
deutung synonym von minne hat , welclie bei Gottfried vorherrscht. Ein 
liebe gernder Mann ist der, welcher, des Dichters Ratli befolgend, Freude 
sucht, um sich von seinem Kummer zu erholen. — 95 fg. er soll oich 
aber nicht etwa irgendwelche derartige (deheine solhe) Beschäftigung 
nehmen , die reiner Liebe übel anstehe (missezeme). — 97 und dieses Me- 
dicament ist ein senrli.:hpz (verliebtes) mccre (= senede marc 104, senem'x:r-', 
IHs), eine Liebesgeschichte. — 9s trlben stv. mit acc. entspricht hier ziem- 
lich unserm: treiben, sich mit etwas beschäftigen; das Verbum wird von 
Gottfried mit einer gewissen Vorliebe angewandt und ist öfters durch 
andere Atisdrücke im Nhd. zu ersetzen. — senedcre stm. (fem. senedcerln 
V. 122. u;4u4), der Liebende; ein Gottfriedisches Wort. — lOO .sen/?*?« swv. 
mit acc, angenelim machen. — die stunde wohl acc. sing., nhd. die Stun- 
den , die Zeit, das lieben. 

lol jehe stf., Sage, Aussage, Ausspruch, Ansieht. — 102 vil nach adv., 
beinahe, zum Theil; vgl. 132.'). — geeolgen swv., verst. volgen, zustimmen. — 
In8. lo.i so ie me — so ie mere, je mehr — desto mehr; im Nlul. sparen 
wir S'j (wenn) — so (so); vgl. V. 112—114. — M.', stner sn-rcre gen. part. — 
st in der Bedeutung von wrde. — lO'I ti stän, beitreten, beipflichten. ■ — 



10 I. EINGANG. 

wan ein dinc, daz mir widerstät: 
swer innecliclie liebe hat, 
doch ez im we von herzen tuo, 
daz herze stet doch ie dar zuo. 110 

der iunecliche minnenmuot, 
so der in siner senegluot 
ie mere und mere brinnet, 
so er ie serer miunet. 

diz leit ist liebes alse vol, 115 

daz übel daz tuot so herzewol, 
daz es kein edele herze enbirt, 
Sit ez hie von geherzet wirt. 
ich weiz ez wärez alse den tot 
und erkenne ez bi der selben not: 120 

(5) der edele senedaere 

der minnet senediu maere. 

von diu swer seneder maere ger, 

derne vär niht verrer danne her: 

ich wil in wol bemseren 125 

von edelen senedseren, 



107 wan conj., nisi, eUiptisch: wenn ein Ding, ein Umstand nicht wäre. — 
u-iderstän, hier nicht im nhd. Sinne: zuwider sein oder Widerstand leisten, 
sondern: entgegenstehen, einen Gegensatz bilden, etwa: dagegen sprechen. 
— Iü9. 110 das erste doch relativ wie noch in V. 11G77. 14236, wenn auch, 
obgleich (mhd. im Ganzen nicht häufig, bei Gottfried nur vereinzelt, nhd. 
abgekommen), das zweite cZocä demonstr.= nhd. — 110 te adv., immer. Das 
Herz hält doch immer daran, an der Liebe fest. — 111 minnenmuot fasse ich 
als Zusammensetzung : Liebesjnuth, Liebessinn. — 112 senegluot stf., Sehn- 
suchtsglut, Liebesglut. — 113 brinnen stv.=nhd. brennen swv. , entzündet 
sein, glühen. — 114 serer compar. von si/re, heftiger. — 115 liebes, wohl nicht 
gen. von liep adj. subst., des Erfreuenden, sondern von liep stn. (dem leit 
entgegengesetzt), die Freude wie in V. 221.— 116 herzeicol, herzlich wohl. — 

117 enbern stv. mit gen. (es), (etwas entbehren), auf etwas verzichten. — 

118 Sit conj., (seit), nachdem, sobald einmal. — gelierzet part. von herzen, 
geherzen wie in V. (31.t2, ermuthigeu, erfrischen. Die reiche Freude, welche 
zugleich im Liebesschmerze liegt, stärkt das Herz, läßt es nicht brechen. 
Man kann aber auch gelierzet im Stile Gottfricd's als direct von herze abge- 
leitet ansehen, dann wäve geherzet part. defect. soviel wie: herzerfüllt (vgl. 
gerierldet V. 44). — 119 warez starke Flexion, wörtlich : als etwas so Wah- 
res, Gewisses. Diese betheuernde Wendung bei Gottfi-ied ziemlich häufig 
z. B. 5837. 9432. 10492. 17751; veränderte Formel in V. 14417: dieselben 
oder ähnliche Ausdrücke aucli bei andern Dichtern, vgl. Haupt zu Engel- 
hard 2102 und Sommer zu Flore 3756. — 120 ich erkenne es. d. h. ich 
habe es kennen gelernt bi, an derselben Noth; ich weiß eä aus eigener 
Erfahrung. — 121 auf edele liegt der Nachdruck. — 123 von diu (instru- 
mentalis), deshalb. — 124 varen, varn stv., (fahren), überhaupt: gehen. — 
verrer compar. von verre adv., ferner, weiter. — danne adv. hier nach compar., 
denn, als. — lier adv., bis hierher. Der suche nicht weit herum. — ■ 125 be- 
mccren swv. findet sich ferner in V. 17231 im Sinuc von: besprechen, er- 
zählen, ähnlich in Ulrich's von Tiirheim Tristan in V. 2115 (550,15); steht 
dasselbe Wort auch hier, dann ist in nach dem Sinne dat. pl. : icli will 
ihnen erzählen. Gottfried's Eigenart gemäßer ist hier bemceren mit acc. 
(ihn), einen mit mcvre, mit einer Erzählung, versehen. — 



I. EINGAKG. 11 

die reiüe scne vvol täten schin: 

ein senedaere, ein senedserin, 

ein man, ein wip; ein wip, ein man, 

Tristan, isot; Isot, Tristan. 130 

Ich M-eiz wol, ir ist vil gewesen, 
die von Tristande haut gelesen; 
und ist ir doch niht vil gewesen, 
die von im rehte haben gelesen. 

Tuen aber ich diu geliche nuo 135 

und schephe miniu wort dar zuo, 
daz mir ir iegeliches sage 
von disem maere missehage , 
so wirbe ich anders, danne ich sol. 
ich entüon es niht: si sprächen wol 140 

und niwan üz edelem muote 
mir unde der werlt ze guote. 
benamen si täten ez in guot: 
und swaz der man in guot getuot, 
daz ist ouch guot und wol getan. 145 

aber als ich gesprochen hän, 
daz si niht rehte haben gelesen, 
daz ist, als ich iu sage, gewesen: 
sine sprächen in der rihte niht, 
als Thomas von Britanje gibt, 150 



127 se7ie stf., (Sehnsucht), Liebespein, oft geradezu synonym mit lieOe und 
minne. — schtn adj., offenbar, sclnn tuon mit acc, klar machen, offen- 
baren, zeigen. — 12S seneda'rin stf. s. zu 98. 

1.32. l.'U beide lesen stÜRemäß verscbieden; das er8te = nlid. lesen, 
das zweite = vortragen, berichten, erzählen; vgl. si sprächen in V. 140 
und lese» iu V. 230. Vgl. auch ^u 2t55ü. — 1.34 rehte adv., aufrechte "Weise; 
im Worte liegt der Doppelsinn : richtig und gut, den Gottfried gleich nach- 
her in V. 14t) fg, aufklärt. — haben (im Gegensatz von hänt 132) conj., 
haben mögen. 

1.35 iliu (instruraent. wie in V. 123) geltche (adv.), desgleiclicn, glei- 
cher Maßen. Die Worte an sich sind klar; bezichen sie sich auf das 
vorhergehende Urtheil: fahre ich iu gleicher Weise mit meinem Tadel 
fortV oder: erwähle ich ebenfalls den Koman von Tristan, werde ich 
Concurrent meiner Vorgänger V — 13(! schrphen swv., hier bestimmter als 
in V. 21: bilden, gestalten. Spräclie ich mich außerdem sogar dahin aus. 
— 137 sacie stf.. Aussage; die Darstellung (aller Erzäliler). — 138 rnisse- 
hagen swv. = missbehagen. — 13'.) werben stv., handeln. — 144 in getuot ist 
ge- wobl das Perfect : getban hat; öfters kann man schwanken, ob ge-* 
80 zu erklären ist, oder ob es das Verbum verstärkt. Der Herausge1)er 
wird ni)ch einige derartige Fälle berühren, im Übrigen dem Leser die Be- 
urtheilung der rerfect-Function überlassen; vgl. zu .3.'). — 143 benamen 
(aus 6i nnrnen) adv., in Walirheit, eigentlich; hat hei Gottfried öfters wie 
hier ziemlich den Charakter einer Betheuerung. — 149 rihte stf., Rich- 
tung, rechte Weise. — l.'<0 gilit 3. pers. pra;s. von jehen stv., spreclien. — 



12 I. EINGANG. 

der äventiure meister was 

und an britünschen buochen las 

aller der lantherren leben 

und ez uns ze künde hat gegeben. 

Als der von Tristände seit, 155 

die rihte und die warheit 
begunde ich sere suochen 
in beider hande buochen 
waischen und latinen, 

und begunde mich des pinen, 160 

(6) daz ich in siner rihte 
rihte dise tihte. 
sus treip ich manege suoche, 
unz ich an einem buoche 

alle sine jehe gelas, 165 

wie dirre äventiure was. 
waz aber min lesen do wsere 
von disem senemaere: 
daz lege ich miner willekür 

allen edelen herzen vür, 170 

daz si da mite unmüezic wesen: 
ez ist in sere guot gelesen, 
guot? ja, innecliche guot: 



151 äventiure stf., eines der vieldeutigsten Worte, hier : Erzählung, Koman. 
— meister stm., hier : Dichter, äventiure kann gen. plur. sein , dann all- 
gemein: Dichter von Romanen; oder gen. sing., dann: Dichter der vorliegen- 
den Erzählung, der äventiure meister ist aber nicht, wie Heinzel in Haupt's 
Zeitschr. 14, 272 will: Chronist. — 152 an prsep. bei lesen=nhd. in. — lesen, 
hier höchst wahrscheinlich wieder: erzählen. — britünsch, britunisch adj., 
hretonisch. — 151-i der ist wohl nicht bloßer Artikel, sondern Demonstrativ: 
aller jener (der bekannten) Landherren, Landesfürsten, einheimischen Ade- 
lichen. Die Zusammensetzungen mit lant-=nhd. Land- oder = nhd. Lan- 
des-, Lands-, nie im Gegensatz zur Stadt oder zum Meer und öfters die 
Allgemeinheit bezeichnend, sind bei Gottfried recht häufig. — Ibi ze künde 
stf. (nhd. Kunde) yeben, bekannt machen. 

156 wär/ieit stf., die rechte Quelle. — 15S hande gen. pl. von Jtant in 
der Bedeutung: Art (während die regelmäßige Form hende lautet); beider 
hande. beider Arten, beider Art; ferner zweier hande 1332, welcher hande 
3540 (s. die Bemerkung), sogar jaemerllcher hande 7277 [nhd. erhalten in: 
allerhand]. — 159 valach (auch välsch) adj., wälsch, romanisch. — Latin 
adj., lateinisch. — IfiO beginnen im Mhd. neben ze mit Infinitiv auch mit 
bloßem Infinitiv, bei Gottfried wiegt letzteres vor; vgl. Gr. 4,95. 108. — 
ptnen swv. refl. mit gen., (peinigen), sich um etwas bemühen. — 162 rihte 
^Tpnet. = rihtete (nicht prjes. ) von rihten swv.. einrichten, ausführen. — 
tihte stf., Dichtung, aber nicht körperlich zu fassen; getihte stn. ist da- 
gegen meist das fertig vorliegende Gedicht. — 163 suoche stf., das Suchen, 
Nachsuchung, Forschung. — 164 anze, unz adv. conj. und prpep., bis. — 
165 gelesen, verst. lesen. — 166 dirre äceniiure {gen.): wie es um diese Ge- 
schichte stand. — 169 väner luilleiür adv. gen., nach meinem freien Ent- 
schlüsse. — 172 nach ez ist mir guot. ließ steht mhd. in der Eegel das Partie, 
prset., wo wir Infinitiv mit zu setzen; vgl. Gr. 4,129. — 



1. EINGANG. 13 

ez liebet liebe und edelt muot, 

ez staetet triuwe und tugendet leben, 175 

ez kan wol lebene tugende geben; 

wan swä man beeret oder list 

daz von so reinen triuwen ist, 

da liebent dem getriuwen man 

triuwe und ander tugende van: 180 

liebe, triuwe, stseter muot, 

ere und ander manic guot, 

daz geliebet niemer anders wa 

so sere noch s6 wol so da, 

da man von herzeliebe saget 185 

und herzeleit üz liebe klaget. 

lieb' ist ein also sseiec dinc, 

ein also sseleclich gerinc , 

daz niemen äne ir lere 

noch tugende hat noch ere. 190 

so manec wert leben, so liebe frumet, 

so vil so tugende von ir kumet, 

owe daz allez, daz der lebet, 

nach herzeliebe niene strebet, 

daz ich so lützel vinde der, 195 



174 lieben ewv., hier traus. (ahd. liuhjit), lieb, angeuchm macheu wie noch 
in V. 8297. (Das Wort erhalten nur in der andern Bedeutung amare, lieb 
haben , und dieses bei Gottfried nur mit dem Acc. der Sache wie in 
V. 123Ö1. 18982; eine Person lieben ist rninnen; vgl. zu 27. 492.) — eclelen, edeln 
8WV., veredeln. — 175 stosten swv., stätigen, stätig machen. — tutenden 
8WV., mit Tugenden zieren, werthvoll machen; das Wort, auch sonst ver- 
einzelt gebraucht, passt recht in Gottfried's Redeweise; vgl. 17975. — 
176 tu'jent steht häufig im Plural; tiiyende liier: Vorzüge, Zierden. — 
179 lieben swv. intrans. (wie in V. 27) hier mit dat. der Person. — 180 da 
im vorhergehenden Vers gehört zu vati. va7i = vo>i , eine Alterthümlich- 
keit (keine dialektische Besonderheit), bei Gottfried sehr häufig, aber nur 
als Abverb und im Keime. — 181 atcete adj., beständig, fest, synonym mit 
triuwe; vgl. 12941. 16404. — 183 yeliebet perf., liat beliebt, ist lieb geworden. 

— niemer — noch (184)=nhd. nimmer — und. — 184 su — äo — so = so — so 

— wie. — 185 lierzeliebe nicht dat. von -liebe stf., was schon liebe (186) sti- 
listisch verbietet, sondern von herzeUep stn. ; vgl. zu 61. — 186 hier ist 
klai/en swv. mit acc. nicht: beklagen, sondern: etwas klagen fnhd. von 
Krankheiten gesagt], innerlicher und passiv gefasst: etwas sclimerzlich em- 
pfinden; vgl. zu 198. — 187 sdiiec adj., (selig), gesegnet. — 188 sceleclich adj., 
synouyme Bildung von sa-lec, hier im Gegensatze subjectiv zu fassen : segen- 
bringend, beglückend. — yerinc stm., Ringen, Bemühen. — 190 noch — noch 
^nhd. weder — noch. — 191 wert adj. unflect. = ut';-rfei, werth, glücklicli. 

— liebe ist nom. — frurnen swv., schaffen, bewirken. — so vertritt das 
Object: wie es die L. schafft oder: welches u. s. w. — 192 = so vil tugende 
(gen. pl.) so ... — 193 der aus dar pron. adv., da, noch jetzt nach dem 
Belativum, namentlich in der Bibelsprache. Dieselbe Wendung in V. 1410; 
coUecti" für: aUe, die da leben. — 195 ^«7?^/ adj., wenig, klein; hier neutr. 
Bubst. (ähnlich wie vil), wenig. — 



14 I. EINGANG. 

die lüterliche herzeger 

durch friunt ze herzen wellen tragen 

niwan durch daz vil arme klagen, 

daz hie bi z'etelicher zit 

verborgen in dem herzen lit. 200 

(7) War umbe enlite ein edeler muot 
niht gerne ein übel durch tüsent guot , 
durch manege fröude ein ungemach? 
swem nie von liebe leit geschach, 
dem geschach ouch liep von liebe nie. 205 

liep unde leit diu waren ie 
an minnen ungescheiden. 
man muoz mit disen beiden 
er' unde lop erwerben 

oder ane si verderben. 210 

von den diz senemaere seit, 
und hseten die durch liebe leit, 
durch herzewunne senedez klagen 
in einem herzen niht getragen, 
sone waere ir name und ir geschiht 215 

so manegem edelen herzen niht 
ze sselden noch ze liebe komen. 
uns ist noch hiute liep vernomen, 
süeze und iemer niuwe 

ir inneclichiu triuwe , 220 

ir liep, ir leit, ir wunne, ir not; 



196 lüterllch adj., lauter. — herzeger stf., Herzenssehnsucht , Herzensnei- 
gung. — 198 wir sagen: und nur. — vil adv. zur Verstärkung, gar, sehr. 
— arra adj., gering (wohl nicht: erbärmlich, wie es Benecke zu fassen 
scheint zu Iwein 2847). — klagen subst. inf. stn., hier nicht das laute Kla- 
gen, der Schmerzausdruck, sondern die Sclimerzemiifindung, das Leid. — 
199 hie bi nämlich bei der herzeger. — eteltch, auch etealich = etlich, 
manch ; z'etelicher zit, bisweilen. — 191 — 200 Der Dichter beklagt, daß trotz 
des Glückes der Liebe und ihrer schönen Wirkungen doch so wenige 
lieben wollen und zwar nur um das ganz geringe Leid, welches unmerk- 
lich mit der Liebe verbunden ist, zu vermeiden. 

202 guot ist Plural; Wohlthaten, wohlthuende Empfindungen. — 207 un- 
gescheiden part. adj., ungeschieden: in, bei der Minne vereint. — 211 ab- 
hängig von die in V. 212. — 212 und mit folg. Conj. conditional; wir 
können dieses und vielfach gerade so setzen, in der Regel reicht der Con- 
junctiv aus: hätten die u. s. w. Gottfried liebt dies conditionale und, 
vgl. z. B. V. 222. 2.376. 6062. 13724. — 215 geschieht stf., Geschichte, Schick- 
sal. — 217 scelden dat. pl. von soelde stf.. Glück, Heil; häufig wie hier 
im Plural gebraucht. — 218 vernomen s. zu 172; ähnliche Wendung in 
V. 517.5. — 219 Apposition zu liep in V. 218. — niuwe adj., frisch und er- 
frischend, etwa: anziehend. — 



I. EINGANG. 15 

al eine und sin si lange tot, 

ir süezer name der lebet iedoch, 

und sol ir tot der werkle noch 

ze guote lange und iemer leben, '225 

den triuwe gernden triuwe geben, 

den ere gernden ere: 

ir tot muoz iemer mere 

uns lebenden leben und niuwe wesen; 

wan swä man noch gehöret lesen 230 

ir triuwe, ir triuwen reinekeit, 

ir herzeliep, ir herzeleit, 

Deist aller edelen herzen bröt. 
hie mite so lebet ir beider tot. 
wir lesen ir leben, wir lesen ir tot: 235 

und ist uns daz süez' alse brot. 

Ir leben, ir tot sint unser bröt. 
sus lebet ir leben, sus lebet ir tot. 
sus lebent si noch und sint doch tot, 
und ist ir tot der lebenden brot. [240] 

(8) Und swer nu ger, daz man im sage 

ir leben, ir tot, ir fröude, ir klage, 240 

der biete herze und ören her: 
er vindet alle sine ger. 



222 al eine adv. coiij., (allein), obgleich, und als Conditioualpart. tritt 
verstärkend hinzu [vgl. nhd. wenn aucli, obgleich aucli]. — 230 noch adv., 
noch fernerhin, in Zukunft. — ge/imren, verstärktes hoeren; bei Grottfried 
öfter. 

233 — [24ii]. In Hagen's Ausgabe sind 2 Verse nicht mitgezählt. — 
JJieso beiden Strophen mit der spielenden Wiederholung derselben Keime 
machen keinen künstlerischen Eindruck. Sie auf eine zu reducieren, macht 
Schwierigkeiten. Ich gebe Hermann Kurtz recht, wenn er in seinen An- 
merkungen S. ").^G sagt: ('Sollten diese Zeilen je von (lottfried herrüliren, 
80 müsste man doch annehmen, daß sie versuchsweise auf den ersten 
Wurf in sein Manuscript kamen und der späteren Überarbeitung beson- 
dere vorbehalten blieben. » 

24(1 k-luf/e stf., hier (wie klagen in V. 198) der fröude entgegengesetzt: 
der Schmerz. — 242 f/rr stf., Kegehren, Wunsch; hier objectiv: was er 
wünscht; vgl. zu 4.")2. 



n. 

RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

Eiu juuger Fürst in Parmenien, Kiwalin mit Namen und mit dem 
Beinamen Kanelengres, zieht gegen den bretonischen Herzog Morgan, von 
dem er ein Lehen besaß, zu Felde. Mit -wechselndem Glücke wird der 
Krieg geführt. Endlich schließen sie auf ein Jahr lang Friede; und Ri- 
walin kehrt voll Befriedigung in sein Land zurück. 



Kanel rüstet sich zu einer neuen, aber friedlichen Fahrt an den Hof 
Marke's, des jungen weitberühmten Königs von Kurnewal und Engeland. 
Parmenien vertraut er der Obhut seines Marschalls Enal li foitenant. 
König Marke empfängt den Gast mit allen Ehren. Beim lieblichen 
Maienfeste Ün Tintajoel's Nähe werden Eitterspiele gehalten, in welchen 
sich Eiwalin glänzend hervurthut und aller Frauen "Wohlgefallen erregt. 
Er sieht Marke's schöne Schwester Blanscheflur und begrüßt sie. Bald 
vereint beide eine glühende Neigung. 



Nach Beendigung des Festes bricht ein Feind in Marke's Land. Ei- 
walin im Heere der Landesvertheidiger wird auf den Tod verwundet. Nie- 
mand trägt größeres Leid als Blanscheflur. In Verkleidung sucht sie den 
Todtwunden in seiner Einsamkeit auf und ergibt sich ihm in inniger Um- 
armung, nicht ahnend, daß sie mit dem empfangenen Kinde den Tod em- 
pfangen sollte. Eiwalin gesundet, und die Liebenden genießen in traulichem 
Umgange des höchsten Erdenglücks. 



Nicht lange danach kommt Eiwalin die Kunde, Morgan bedrohe sein 
Land, und er rüstet sich zur Heimkehr. Sein Scheiden betrauert Blansche- 
flur aufs tiefste. Beim Abschiede gesteht sie ihm ihre drohende Schande. 
Eiwalin tröstet und überredet sie, mit ihm das Land zu verlassen. Nach 
der Ankunft in Parmenien entbietet er seinen Marschall Eual zu sich, auf 
dessen Eath er sich mit Blanscheflur ehelich verbindet. In sicherer Obhut 
lägst er sein "Weib zurück und zieht mit Eual gegen den Feind. In har- 
tem Kampfe findet Eiwalin den Tod. Blanscheflur wird vom Schmerze 
überwältigt, gebiert ein Söhnlein und stirbt. 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUB. 17 



Ein herre in Parmenie was, 
der järe ein kint, als ich ez las: 
der was, als uns diu wärheit 24.5 

an siner äventiure seit, 
M'ol an gebürte künege genoz, 
an lande fürsteu ebengroz, 
des libes schoene und wunneclich, 
getriuwe, küene, milte, rieh; • 250 

und den er fröude solte tragen, 
den was der herre in sinen tagen 
ein fröude berndiu sunne. 
er was der vrerlde ein wunne, 
der ritterschefte ein lere, 255 

siner mäge ein ere, 
sines landes zuoversiht: 
an ime brast aller tugende niht, 
der herre haben solde, 

wan daz er ze verre wolde T 260 

in sines herzen lusten sweben 1 

und niwan nach sinem willen leben; • 
daz ime ouch sit ze leide ergie. 
wan leider diz ist und was ie: 
üf gendiu jugent und voUez guot , 265 

diu zwei diu füerent übermuot. 



243 hvrre swra. mit t : die Kürze bei G. nicht erwiesen. Das vieldeu- 
tige Wort kann in den meisten Fällen durch : Herr wiedergegeben wer- 
den, indem aucli im neuen AVorte, poetisch gefasst, die Begriffe wie Gott, 
Ritter, Fürst u. s. w. enthalten sind. Erklärungen im Einzelnen daher 
nicht geboten. — 244 ein kint, überhaupt: jung, ein Jüngling, Knabe. — 
246 äventiure stf. synonym mit gesdiilit, hier : Geschichte. — 24S ebenyruz adj., 
gleich an GröCe, Macht [vgl. ebenbürtig] : G. liebt diese Bildungen mit eben ; 
8. auch zu lü"<74. —247. 248 künec geht hier auf die Geburt, //irA^e auf die 
Herrschaft, darum folgt der letztere Vergleich als Steigerung an zweiter 
Stelle. — 250 stilgemäßer ist vtilfe, rieh , als milte rieh, mildreich, reich an 
Milde, sehr freigebig (vgl. vier Bezeichnungen ohne Copula in 6iner Zeile 
z. B. in V. 2915 1. — milte adj., mild oder; freigebig. — unter rieh (volle 
Form riehe in V. 745) adj. kann nicht reich, mächtig verstanden sein, was 
schon vorher gesagt ist, und weil hier Tugenden genannt werden; man 
könnte denken: charaktervoll, von mächtiger Persönlichkeit; wahrschein- 
licher ist rieh im Sinne von freigebig, Steigerung von milte, und dieses 
wäre in unserm Sinne mild, voll Herzensgüte; vgl. zu 4469. — 251 friiude 
steht hier synonym mit juuot, huLde; vgl. zu ■)4. 773. — 2.')3 bern stv., bringen, 
auch hervorbringen, gewähren; ein edeles, poetisches, bei G. besonders 
beliebtes Wort, fröude bernde, freudebringend, erfreuend. — 25t) mdc stm., 
gen. maf/es. Verwandter. — 258 bresten stv. mit gen., hier in übertragener 
Bedeutung: gebrechen, an etwas fehlen. — 259 Attraction möglich = rff;' 
fügende die; eher der gen. part., quartnn; vgl. 2543. — hi'rre=ein herre. — 
260 v:an daz, nur daß. — ze verre adv., zu weit, allzusehr. — 263 sU adv., 
seitdem, einst. — 266 ähnlich V. 8406. — bei übermuot wie in V. 340 nicht 
ersichtlich, ob stm. oder stf.; b. zu 297. 582. — 

GOTTFRIED VOX STEASSBURG. I. 2. Aufl. 2 



18 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

vertragen, daz doch vil manic man 

in michelem gewalte kan, 

dar an gedähte er selten; 

übel mit übele gelten, 270 

kraft erzeigen wider kraft: 

dar ziio was er gedanchäft. 

Nune löufet ez die lenge niht, 
der allez daz, daz ime geschiht, 
mit Karies lote gelten wil. 275 

weiz got, der man muoz harte vil 
an disem borge übersehen 
oder ime muoz dicke schade geschehen. 
(9) swer deheinen schaden vertragen kan, 

da wahsent dicke schaden an, 280 

und ist ein yeiclicher site: ;Si't''-" 

hie vähet man den beren mite, "■ 
der riebet einzele schaden, 
unz er mit schaden wirt beladen, 
ich waene, ouch ime alsam gescbach, 285 

. wan er sich alse vil gerach, 



267 vertragen inf. subst. , verträglich geschehen lasseu. — 268 selbst bei 
großer Gewalt, Macht. — 269 selten adv. [das Adj. neueren Ursprungs] 
könnte jetzt ebenfalls in solcher Verbindung gesagt werden ; ebenso V. 4421. 
seZie« hat meist die Bedeutung : niemals; vgl. 4418. 12819. Eine Ironie liegt 
aber hierin keineswegs, wie vom Begriff des modernen Adjectivs aus gelehrt 
wird, sondern selten ist einfach schwächer geworden und hat den Charakter 
der Negation eingebüßt; vgl. zu 322. — 270 gelten atv., vergelten. — 271 kraft 
stf., Gewalt, Gewaltthat. — 272 gedanchäft adj., auf etwas denkend, be- 
dacht ; ein von G. gern gebrauchtes Wort , sonst äußerst selten. 

27.3 G. liebt die Fortführung der Erzählung mit nu, demonstrativ und 
relativ, mit folgendem Praesens w^ie mit folgendem Prset. ; vgl. z. B. 534. 
1636. 3251. 3377 und zu 333. 435. — die lenge loufen=nh.d. die Länge, auf 
die Länge, Dauer gehen. — 274 der = svjer. — 275 wörtl.: mit Karl's (des 
großen Kaisers) Loth (Gewicht) vergelten (abwägen), eine im Mhd. beliebte 
formelhafte Wendung : «etwas nach der größten Strenge erwidern , dem 
Andern nicht das Geringste übersehen oder zu Gute halten.» Benecke. — 
276 weiz got oder weizgot gehört zu den häufigsten Betheuerungen im 
Tristan. — der man, hier wie man ; vgl. Gr. 4, 459. — 277 bore stm., das Er- 
borgte, dann überhaupt: das Zugefügte (vgl. das übertragene vergelten); 
bore als Wort von Kurtz gut gegeben durch: «Handel». — 280 an wahsen, 
daraus erwachsen. — dicke adv., oft: compar. dicker 6440, superl. dickest 5076. 
— schade swm. hier im Plural (wie in V. 283), Schäden, Verluste; ähn- 
liche Wendungen in V. 1065. 1239. — 281 veiclich adj., (eigentlich: zum 
Tode bestimmt), unselig. — site stm., Sitte stf., Brauch, im Allgemeinen 
auch: Art und Weise; site bei G. iin Ganzen nicht häufig, mit Vorliebe 
dagegen in Compositionen angewandt wie bastsite , hovesite u. s. w. — 
283 gemeint sind die einzelnen Bienenstiche. — 285 wcenen swv. , über- 
haupt : glauben, meinen. — alsam (al-sarn b. zu 8490) adv., ganz so, eben- 
so. — 286 wan=wande conj. im Nebensatze, weil; s. zu 77. — gerach 
wohl nicht praet. von gerechen wie in V. 10213, verstärktes rechen, son- 
dern ge- drückt die Gewohnheit aus: sich zu rächen pflegte; das Plus- 
quamperfect dagegen in V. 18932. — 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLÜR. 19 

biz er den schaden dar an genam. 
daz aber er ie ze schaden kam, - -^^Lx^ 
daz enköm von archeite niht, 

da von doch manegem schade geschiht: 290 

ez kom von dem geleite 
siner kintheite, 

daz er in siner blüenden jugent 
mit jugentlicher herren tugent 
wider sin selbes saelden streit. ' 295 

daz geschüof sin spilndiu kintheit, 
diu mit ir übermuote 
in sinem herzen bluote. 
er tete vil rehte als elliu kint, 
diu selten vorbesihtec sint: 300 

er nam vür sich niht sorgen war, 
wau lebete und lebete und lebte et dar. 
do sin leben ze lebene vienc, 
uf alse der tagesterne gienc 

und lachende in die werlde sach, 305 

dö wände er, des doch niene geschach, 
daz er iemer also solte leben 
und in der lebenden süeze sweben. 
» 

Nein sines lebenes begin 
der gie mit kurzem lebene hin; 310 

diu morgenliche sunne 
siner werltwünne, 
dö diu von erste spiln began, 
do viel sin gaeher äbent an, 

der ime vor was verborgen, 315 

und laschte im sinen morgen. i 



387 'jenemen=^neiiien. — 289 archeit stf., Bosheit, arge, übele Gesinnung. — 
291 geleite stn, mit gen. poetisch umschreibend — von seiner Jugend (s. zu 
244); vgl. 2068. — 293 da: conj., indem, weil. — 294 tugent, hier: Strebsam- 
keit (die sich in Thatenlust zeigt). — 295 loider prsep. im Mhd. vorzugs- 
weise mit dat. ; erwiesen im Reime z. B. in V. 14051. — stn selbes, sui ipsius ; 
■wir sagen: sein eigen. — 296 g e seh äff en^= schaffen. — spiln swv. , (spielen), 
sich erfreuen; spilnde part. , vergnügt, heiter. — 297 übermuote dat. von 
übermuot stra., Hochgefühl, stolzer Sinn; vgl. zu 582. — 300 vorbesihtec 
»dj., vorsichtig, vorsorglich. — 302 wan adv. conj., hier nach Negation: 
sondern. — 'H (aus eht) adv., eben, einmal, dem oberd. halt, halter ent- 
sprechend , von G. wirksam angewandt. — dar adv., dahin. — 303 do 
conj .= da (immer zeitlich und causal); in V. 300 do adv.; vgl. zu 11.470. 
— vähen stv., hier: anfangen. — 304 tagesterne 3wm.= Morgenstern. — 
308 in der lebenden Süßigkeit, im süßen Dasein. 

313 von f'rste, zuerst. — yjifn swv., hier: funkeln. — 314 goefte adj., 
jfth, plötzlich. — an oallen , hereinfallen, anbrechen. — 315 vor adv., vor- 
her- vgl. zu 2070. — 

2* 



20 II. BIWALIN UND BLANSCHEFLUE. 

wie er aber genennet wsere, 
daz kündet uns diz maere; 
(10) sin äventiure tiiot ez schin: 

sin rehter name was Riwalin, 320 

sin änam was Kanelengres. 

genuoge jehent und w^enent des: 

der selbe herre er wsere 

ein Lobnoissere, 

künec über daz laut ze Lobuois: 325 

nu tuot uns aber Thomas gewis, 

der ez an den äventiuren las, 

daz er von Parmenie was 

unde haete ein sunderz laut 

von eines Britünes bant 330 

und solte dem sin Untertan: 

der selbe hiez liduc Morgan. 

Nu daz der herre Riwalin 

wol und nach grozen eren sin 

wol driu jär ritter was gewesen 335 

und hsete wol hin heim gelesen 

ganzliche kunst ze ritterschaft, 
i ze iirliug' vollecliche kraft, « 

^* er hsetT'fant, liut' unde guot. 

weder ez do not ald' übermuot 340 

geschüefe, des enweiz ich niht, 

wan als sin äventiure gibt, 



321 änam, änavie swm., Beiuame, Spitzname. — 322 genuoc adj. flect., wäh- 
rend nhd. genug nur im Singular unflectiert steht ; mhd. genuoc selten = 
hinreichend, meist = viel, groß. Eine Ironie ist ebenso wenig wie bei 
selten (s. zu 269) vorhanden; der moderne Begriff verleitete zu der An- 
nahme. — des nicht direct abhängig von den Verben (jehen mit gen., 
wcenen mit acc), sondern= deshalb, darüber, in dieser Sache. — 326 geivis 
tuon=^ge-wiss machen, versichern. — 329 ei>i sunderz laut, ein besonderes 
Land, abgesondert vom Stammsitz Parmenien, insofern ein Lehen, was 
die folgenden Verse erläutern; vgl. sunderlant 5623. — HO Britun stm., 
Breton. — 332 li französischer Artikel; vgl. 467. 3752. f?wc = neufran- 
zösisch ; liduc hier gewissermaßen als Name aufgefasst. 

333 Nu daz, nachdem, sehr häufige relative Satzverbindung zur Weiter- 
führung der Erzählung bei G.; vgl. z. B. 407. 731. 2786. 5742. 6626 und zu 
273. 435. — 336 hin heim, hin nach Hause, eine beliebte Wendung Gott- 
fried's. h. h. lesen, einheimsen, zu seinem Besten erwerben. — 337 ganz- 
lich adj., (gänzlich), vollkommen; bei G. nur adj. — 338 urliuge stn., 
Krieg. — 340 weder — aide (Nebenform von oder), ob — oder. — 342 wan 
hier elliptisch: das weiß ich nicht, aber nur so viel weiß ich, daß . . . 
so in V. 343 fasst zusammen; dieses ivan etwa unserm: genug ent- 
sprechend, mit dem wir bei ausgesprochenem Zweifel die Behauptung fol- 
gen lassen, wenn wir mit: nur, aber, jedoch nicht ausreichen; vgl. 3170. — 



II. RIWALIN ü.ND BLANSCHEFLÜR. 21 

SO greif er Mörga'neu an 
als einen schuldigen man. 

er kom geriten in sin lant 345 

mit alse kreftiger haut, 
daz er im mit gewalte 
genuoge bürge valte; 
die stete muosen sich ergeben 
und Icßsen ir guot unde ir leben, 350 

reht' alse liej) als ez in was, 
nnz er zesamene gelas 
gült' unde güotes die kraft, 
daz er sine ritterschaft 

so stärke gemerte, 355 

swar er mit her gekerte, 
ez waeren bürge oder stete, 
daz er vil sines willen tete. 
(11) ouch nam er dicke schaden dar an. 

er galt mit manegem biderben man; 360 

wan Morgan was an siner wer, 

der bestüont in ofte mit her 

nnd tete in dicke schadehaft; 

wan z' urliug' und ze ritterschaft 

beeret verlüst unde gewin: 365 

hie mite so gänt urliuge hin; 

Verliesen unde gewinnen 

daz treit die kriege hinnen. 

ich wsene, im Morgan alsam tete; 

er valte im ouch bürg' unde stete 370 

und brach im underwilen abe 

sine liute und sine habe 

und tete im, swaz er mohte, 

daz doch niht vil entohte, 



351 8. zu 6896. — 35li giilte stf., Zahlung, Zins. — kru/t stf., hier: Menge. — 
354 fg. Constrnction : 354. 355 (so). :inS((l(iz). 356.357 (swar, ez tvccren b. o. 
St., er mit h. gek.). — 3.55 i/e»<f-rcn swv., verst. meren, vermehren. — 356 swar 
(sö-war) adv. correl., wohin. — keren swv. , sich wenden, ge- Function 
des Plusquamperf. — 'dCO [jiUen stv. , hier: entgelten, büßen. — hlderbe adj., 
tüchtig, tapfer. — 361 auf seiner Hut, zu seiner Wehr, Vertheidigung bereit. 
— HV.\ schadehaft <mo«, schadhaft machen [nhd. nur noch von Sachen], in 
Schaden bringen; vgl. 762. — 365 h(erca swv. r-^ gehören. — 368 hinnen 
tra;ie<i lieißt wohl: hinziehen, verlängern. — 371 underwilen (=under teilen 
dat. pl. von teile) adv., zu Zeiten, bisweilen, öfters. — abe brechen mit dat. 
und acc, einem an etwas Abbruch thun. — .373 mohte nicht=nhd. mochte, 
wünsci.te, sondern^^vermochte , konnte; raugen nur selten mit: mögen zu 
geben. — :;74 tagen anom. v., taugen, nützen. — 



22 II. RiWALlN UND BLANSCHEFLUR. 

wan in tet iemer Ri walin 375 

mit grozem schaden wider in 
und treip des mit im alse vil, 
unz er in brähte üf daz zil, 
daz er sich nihtes künde erwern 
noch sich niender trüte ernern 380 

niwan in sinen vesten , 
den Sterkesten unde den besten, 
die selben besäz Riwalin 
und gap im üz voller hant dar in 
bataljen unde striten. 385 

er tete in z'allen ziten 
strackes rehte unz in diu tor. 
ouch hsete er dicke da vor 
turneie und riche ritterschaft. 

alsus lac er im obe mit kraft 390 

und herte in in dem lande 
mit roube und mit brande, 
unz sich Morgan ze tage do bot 
und daz erwarp mit aller not, 
daz ez getaget wart under in zwein 395 

und ein jär fride getragen enein, 
und wart der von in beiden 
mit bürgen und mit ei den 
(12) gestaetet, alse er solte sin. 

hie mite so kerte Riwalin 400 

mit den sinen heim rieh unde fro. 
üz milter hant lont' er in do 



375 in tiion, hinein (in die Burgen zurüclc) treiben, einschließen. — 378 ü/ 
daz zil, an das Ende, endlich dahin. — 379 nihte>> adv. gen., durchaus 
nicht, keineswegs; bei G. selten; subst. gen. =nhd. nichts z. B. in V. 9504, 
— 380 niender adv., nirgend. — trüwen (vgl. 9534) swv. = getrauen, sich 
getrauen, sich gehört zu ernern swv., (ernähren), erretten. — 383 besitzen 
stv. , belagern. — 384 geben nhd. zu übersetzen: bieten, liefern. — 385 ba- 
taljen swv. subst. inf. Fremdwort, Scharmützeln. — 389 turneie pl. von 
turnei stm. , Turnier, Ritterspiel. — riche adj., allgemein: herrlich. — 
390 obe ligen mit dat., einen besiegen. — 391 heren swv. mit acc, einen 
mit einem Heer, mit Krieg überziehen [erhalten in: verheeren], sodann: 
einem durch den Krieg Schaden zufügen (rauben und brandschatzen). — 
393 sich ze tage bieten, sich zu einer Frist erbieten oder stilgemäßer tac^^ 
Unterhandlung? — 39.') tagen swv., vertagen. — 396 ein jär /nrfe=:nhd., 
d. h. ein , auf ein Jahr lang Friede ; Zusammensetzung järfride nicht ge- 
boten. — enein {;=in ein) s. zu 820. enein trauen mit acc, etwas zusam- 
men, zu Stande bringen; vgl. 10507. — 399 stceten swv., bestätigen. — 
400 hie mite , auch liie mite so liebt unter den Epikern besonders G. zur 
Weiterführung der Erzählung, namentlich am Anfang neuerer größerer 
Abschnitte, z. B. 2551. 3440. 4021. 4211. — 401 rieh und V. 403 nicht: reich 
(etwa mit Beute beladen), sondern: glücklich; vgl. zu 745. — 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 23 

und machte s' alle riebe. 

er lie si froliche 

und wol nach sinen ereu 405 

wider z'ir heimuote keren. 



Nu daz Kanele alsus gelanc, 
nu was da nach vil harte unlanc, 
unz daz er aber einer vart 

durch banekie eneine wart 410 

und er sich aber üz reite 
mit grözer ri'cheite, 
also der eregire tuot. 
al daz geriete und al daz guot, 
des er bediu'fen wolte 415 

und ein jär haben solte, 
daz wart im an ein schif getragen. 
er hgete vil gehoeret sagen, 
wie hövesch und wie erbsere 

der junge künic wsere 420 

von Kurnewäle Marke, 
des ere wuohs do starke: 
der haete do ze siner haut 
Kumewal und Engelaut. 

Kurnewäl was aber sin erbe do. 425 

umb' Engelande stuont ez so: 
daz haete er sit des mäles, 
daz die Sähsen von Gäles 
die Britüne da vertriben 

und si da herren beliben, 430 

von den ez ouch den namen verliez 



406 heimuote dat. von heimuot stu. oder heimuote stf. uud stn. , Heimat; 
von heimuot stf. müsste wie iu Handschr. W heiinüete stehen. 



4(J7 iiiir gelinget unpers., nhd. mir gelingt etwas, ich habe Glück. — 
4u8 eil harte inilanc , nicht gar sehr laug, bald. — 409 aber adv., wiederum. 

— 410 eneine (nach den beiden ältesten Hss.) ausnahmsweise für enein (s. 
zu S20). enein verden mit gen. fV. lü.ifi i/ruhe) , einig werden übe'r etwas, 
beschlieüen. — banekle stf. Fremdwort, Ergötzung, etwa unser: Amüsement. 

— 411 reite =: reitete. nz reiten, ausrüsten. — 412 richeit stf., Reichthum, 
Pracht. — 413 eregir adj. subst., ehrbegierig, ehrgeizig. — ^V.^ hijvesch adj., 
vieldeutiges Wort im Mhd., (höfisch), fein gesittet. — erbccre adj., (ehr- 
bar), auf Ehre bedacht, edel. — 422 vre ist hier: Ansehen , Macht. — 427 sit 
dex mäles, (sintemal), seit der Zeit, seitdem. — 42U s. Namenverzeichniss. 

— 431 verläzen stv. , von G. in den verschiedensten Bedeutungen und 
Wendungen gebraucht, hier: zurücklassen, aufgeben, nicht länger be- 
halten. — 



24 II. KIWALIN UND BLANSCHEFLUE. 

daz lant, daz e Britanje hiez, 
und wart ouch iesa do genant 
nach den von Gäles Engelant. 

Ku die daz lant besäzen 435 

und ez ünder sich gemäzen, 
dö weiten s' alle künegelin 
und herren von in selben sin: 
(13) diz wart ir aller imgewin. 

sus begünden si sich under in 440 

slahen ünde morden starke 

und befülhen ouch dö Marke 

sich und daz lant in sine pflege: 

Sit her dient' ez im alle wege 

so sere und so vorhtliche, 445 

daz nie kein künicriche 

einem künege me gediente baz. 

ouch saget di istorje von im daz, 

daz allen den bilanden, 

diu siuen namen erkanden , 450 

dehein künec so werder was als er. 

da hin was Riwalines ger. 

aldä däht' er beliben, 

ein jär mit ime vertriben 

und von im werden tugenthaft 455 

und lernen niuwe ritterschaft 

und ebenen sine site baz. 

sin edelez herze seite im daz: 

erkaude er fremeder lande site, 

da bezzerte er die sine mite 460 

und würde selbe erkant dervan. 



433 iesd (ic-sd) adv., sogleich. 

435 jVu (ohne daz) hier relativ ; auch diese Satzverbindung bei G. häufig; 
vgl. 471.1449. 1583.^2129 und zu 273. 333. — besitzen stv. , hier: in Besitz 
nehmen. — 436 ff einäzen = gemessen hatten. — 442 befülhen praet. pl. von be- 
velhen stv., befehlen, empfehlen, in den Schutz eines übergeben. — 443 pflege 
stf., mehr als unser: Pflege; Obhut, Schirm und Schutz. — 44.5 vorJäliche 
adv., mit Furcht, Gehorsam. — 447 baz compar. zu icol , besser (öfters 
auch: mehr, weiter). — gediente = geA\ent hat. — 448 istorje stf., Historie, 
verwendet der Dichter einigemal (V. .5884. 15919) neben äventiure, wdrheit, 
geste. — 449 bUant stm. , Nebenland, Nachbarland. — 450 name steht hier 
umschreibend für die Person, aber geistig gefasst •, sinen n. = ihn; vgl. zu 
1058. — iirkennen swv, , kennen, kennen lernen. — 451 werder starke 
Flexion. — 452 j^^r stf., hier subjectiv : wünschte er; vgl. 242. — 455 tugent- 
haft adj., wohl erzogen, fein gebildet; vgl. zu 11164. — 457 ebenen swv., 
gleichmäßig machen, glätten, ausbilden [vgl. feilen, Schliff]. — 461 erkant 
part. steht nahezu adjectivisch im Sinne von V. 451 : bekannt, berühmt. — 



II. BIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 25 

mit disen sinnen huob er an: 

er bevälch sin liut und sin lant 

an sines märschälkes hant, 

eines herren von dem lande, ■ 465 

an dem er triuwe erkande, 

der hiez Rüal li foitenant. 

sus kerte Riwalin zehant 

mit zwelf gesellen über se: 

er bedörfte do deheines me, 470 

er hjete her hie mite gennoc. 

Nu sich diu zit also getruoc, 
daz er ze Kurnewäle kam 
und üf dem mer aldä vernam, 
daz Märke der m^ere 475 

ze Tintajole wsere, 
da kerte er sine reise hin. 
da stiez er üz, da vant er in 
(14) und wart des innecliche fro. 

sich und die sine kleite er do 480 

riliche und alse im wol gezam. 

nu daz er dö ze hove kam, 

Marke der tugenderiche 

der enpfieng in tugentliche 

und mit im al die sine. 485 

man bot da Riwaline 

den antphanc und die ere, 

daz ez ime da vor nie mere 

ze deheinen ziten anderswä 

so werde erboten wart so da 490 



4ü2 tnit disen sinnen, in solcher verständigen Weise. — 463 W«< stn., Volk. — 
467 foitenant Fremdwort, (der Treue haltende), der Getreue: ständiger 
Beiname Rual's; vgl. 1588 fg. .')nO; wirkliclier Name Foitenant in V. 1640 
und öfters. — 46S zehant adv. , (zur Hand), sogleich. — 470 do , hier wie in 
V. 306 demonstr. , aber rein adverbial = jetzt ; vgl. zu 11. 303. — 471 her 
8tn., (Heer), Schaar, Mannschaft, Gefolge; ebenso von einer kleinen Zahl 
in V. 1S372. 

472 <iich getrafjen, sicli zutragen, sich fügen. — 475 niccre adj. , be- 
rühmt. — 477 hin gehört zunächst zu da. — 478 üz stozen (elliptisch ge- 
dacht : ans Land stoßen , um auszusteigen ?) , landen. — 480 die sine ( : Ri- 
waline 4S.'i) stark flect. ^^nhd. schwach: die Seinen. — 481 rtltche = r2ch- 
itche adv., kostbar. — 487 c'nifphanc {='M, anphanc H W) stm. , Empfang, 
speciell Temiinus aus dem Hoflcben, die feierliche Begrüßung der Gäste; 
vgl. 18628. — ere stf., Ehrenbezeugung, die Honneurs. — 488 da vor s. zu 
315. — nie mn-e , niemals, noch niemals. — 490 ruerde adv., werth, Avür- 
dig, herrlich; oder seht es auf den Eindruck d«s Empfangs: so wohl- 
thuend? — 



26 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

hie sputen sine gedanke mite. 

diz liebete ime den hovesite. 

er dähte dicke wider sich: 

«benamen, got selbe der hat mich 

ze diseme lantgesinde bräht! 495 

min sselde hat mich wol bedäht: 

swaz ich von Markes tugenden ie^ 

gehorte sagen, deist allez hie. 

sin leben daz ist höfsch unde guot.)' 

sus Seite er Marke sinen muot, 500 

war umbe er kernen waere. 

nu Marke siniu maere 

und sinen müot haete vernomeu, 

er sprach: «got und mir willekomen! 

lip unde guot und swaz ich hän, 505 

daz sol ze iuwerm geböte stän.» 

Kanelengres der was da wol 
des hoves, der hof der was sin vol: 
arm' unde riche hseten in 

liep unde werden under in, 510 

und wart nie gast geminnet baz. 
euch künde er wol geschulden daz: 
der tugenthafte Riwalin 
der was und künde wol gesin 

mit libe und mit guote, 515 

mit geselleclichem muote 
ze ir aller dienste bereit. 



492 lieben (vgl. 174) hier mit dat. der Person, acc. der Sache, einem etwas 
angenehm machen. Das Prset. liebete (in allen alten Hss. statt liebte) 
eigentlich nicht grammatisch correct; doch ist übei-haupt zu Gottfried's 
Zeit die schwache Conj. schon in Unordnung gerathen ; vgl. Lachmann 
zu Iwein 45. — hovesite stm. , Hofgebrauch, überhaupt: Hofleben. — 
495 lantgesinde stm. (wie Hausgesinde), das Gesinde, die Bewohnerschaft 
des (dieses) Landes. — 496 bedenken [wie unser: einen mit einem Ge- 
schenke bedenken], für etwas sorgen: mein Glück (hier soelde halb perso- 
nificiert) hat es wohl mit mir gemeint ; völlig vom Nhd. abweichende Bedeu- 
tung von bedenken in V. 14803. — 500 rnuot stm., hier: Absicht. Dieses viel- 
deutige Wort bei Gottfried sehr häufig und unmöglich an allen Stellen in 
seinen Schattierungen zu erklären; es bieten sich Synonyma, falls Muth 
nicht passt, Gemüth, Sinn, Gesinnung, Gedanke und dgl. und erklärt sich 
vielfach durch beigesetzte Adjectiva und synonyme Substantiva. 

h07 V!ol roesen (stn) mit gen., erfreut sein über etwas. — 508 vol wesen 
mit gen. (sin sui, ejus), von einem voll, erfüllt sein [vgl. von seinem Lobe, 
seines Lobes voll sein]. Die Wendung kehrt öfters wieder, z. B. 16409. . 
— 512 ge schulden swv. , verschulden, verdienen. — 514 gesin öfters im 
Interesse des Verses für das einfache sin. — 516 geselleclich adj., freund- 
schaftlich. — 



11. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 27 

als lebete er in der werdekeit 
(15) und in der rehten güete, 

die er iu sin gemüete 520 

mit tägelichen tilgenden nam, 

unz Markes hohgezit dö kam. 

die hühzit haete Marke 

besetzet also starke, 

so mit geböte so mit bete: 525 

swenn' er in siiien boten tete, 

so kom diu ritterschaft zehant 

von dem künicriche z' Engelant 

in dem jare z'einem male 

gevarn ze Kurnewäle. 530 

die selben brähten mit in dar 

manege süeze frouwen schar 

und ander manege Schönheit. 

Nu was diu hohgezit geleit, 
benennet unde besprochen 535 

die bliienden vier wöchen, 
so der vil süeze meie in gät 
unz an daz, da er ende hat, 
bi Tintajöl so nahen 

daz si sich undersähen, 540 

in die schoensten ouwe, 
die deheines ougen schouwe 



filS uerdekeit stf., Würde, ehrenvolles Ansehen. — 521 nemen stv., aufneh- 
men, fassen. — r)22 hohgezit stf. = h6hztt , hochztt , Fest, insbesondere das 
Maifest. — .'>24 besetzen swv. , eigentlich: mit Gästen besetzen, dazu ein- 
laden oder in der andern Bedeutung: festsetzen, anberaumen? — 525 so 

— so = so — wie, sowohl — als auch; steht gerne iu Formeln; vgl. z. B. 
1342. — mit geböte und (so) mit bete , öfters angewandte formelhafte Wen- 
dung, in der gebot nicht als strenger Befehl aufzufassen ist; vgl. zu 
t)252. — bete stf. = nhd. Bitte (bite mhd. äußerst selten). — 526 boten 
tuon wie V. 18163; unser: einen Boten senden trifft den Begriff nicht 
ganz, die Wendung ist abstracter; eher: Botschaft senden; boten tuon ^ 
bieten, entbieten, kund thun. — ."i29 mal stn. bei G. nur mit einer Aus- 
nahme (V. 4.')32) von der Zeit gebraucht; z' einem male, zu einer Zeit, 
unser: einmal. — 533 sch6nli<;it stf. ist hier wohl collectiv zu fassen = 
achaene pl. ; es bezielit sich auf die Schönheit der Damen des Gefolges 
(frouiren in V. 532 die edeln Frauen, die Herrinnen); wir würden es pro- 
saisch ausdrücken : und manch andere Schönheiten ; vgl. zu 627. 

534 h'gen stv.. verlegen, festsetzen; vgl. tac legen 9262. — 535 benennen 
8WV., bestimmen, anberaumen. — i>esprechen stv. = nhd., verabreden; vgl. V. 
6463, in V. 15:il.i dagegen gesprochen. — 536 nicht Obj. von V. 535, sondern 
adverb. Acc, auf die vier Woclien. — 537 gün öfters mit Synonymen zu ver- 
tauschen; in g.=an g., einziehen. — 540 sich undersehen, sich unter ein- 
ander, wechselseitig sehen [vgl. sich unterhalten, unterreden]; diese Zu- 
sammensetzungen mit linder- in verschiedenen Functionen bei G. häufig. 

— 541 abhängig von V. 534. 535. — 542 schoiave stf., Anschauen, Blick. — 



28 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

ie überlühte e oder sit. 
diu senfte süeze sumerzit 

diu hsete ir süeze unmüezekeit 545 

mit süezem fiize an si geleit. 
diu kleinen waltvögelin , 
diu des oren fröude sulen sin, 
bluomen, gras, loup unde bluot 
und swaz dem ougen sanfte tuot 550 

und edele herze erfröuwen sol, 
des was diu sumerouwe vol: 
man vant da, swaz man wolte, 
daz der meie bringen solte: 

den schate bi der sunnen, 555 

die linden bi dem brunnen, 
die senften linden winde, 
die Markes ingesinde 
(16) sin wesen engegene macheten. 

die liebten bluomen lacheten 560 

üz dem betöuwetem grase. 

des meien friunt, der grüene wase, 

der hsete üz bluomen ane geleit 

so wunneclichiu sumerkleit, 

daz si den lieben gesten 565 

in ir öugen widerglesten. 

diu süeze boumbluot sach den man 

so rehte suoze lachende an, 

daz sich daz herze und al der muot 

wider an die lachende bluot 570 

mit spilnden ougen machete 

und ir ällez widerlachete. 

daz senfte vogelgedoene , 

daz süeze, daz schoene, 

daz ören unde muote 575 

vil dicke kumet ze guote, 

daz fulte da berc unde tal. 



543 überliuhten swv. , überstrahlen, überblicken. — 558 — 559 die relat. be- 
zogen auf die drei vorhergehenden Subst. — ingesinde dat. — sin steht 
hier, worauf Fedor Bech aufmerksam macht, nachdem es kein Erklärer 
bis jetzt erkannt hat, in alter Weise neutral für jedes Geschlecht und für 
jeden Numerus; hier insbesondere für ir in der Bedeutung suum quidque: 
die jedes in seiner Art (we^en) entgegenkamen, sich darboten; vgl. Gr. 4, 
341 (nur zwei Beispiele). Frommaun zu Herbort 2202. Rückert zu Tho- 
masin 33. — 562 wase swm., Rasen. — 566 widerglesten swv., zurückglänzen. 
^— 572 allez adv. acc. , durchaus, immer. — wider-, re-, entgegen. — 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 29 

diu sselige nahtegal, 

daz liebe süeze vogelin, 

daz iemer süeze müeze sin, 580 

daz kallete üz der blüete 

mit sollier übermüete, 

daz da manc edele herze van 

fröud' unde höhen muot gewan. 

Da hsete diu geselleschaft 585 

fro unde sere fröudehaft 
gehütet üf daz grüeue gras, 
als iegeliches wille was. 
da nach, als iegeliches ger 

ze fröuden stuont, da nach lac er: 590 

die riehen lägen riebe, 
die höveschen hövischliche. 
dise lägen uuder siden da, 
jene ünder bluomen auderswä. 
diu linde was genuoger dach; 595 

genuoge man gehütet sach 
mit löupgrüenen esten. 
von gesinde noch von gesten 
(17) wärt geherberget nie 

so wunneclichen alse hie. 600 

euch vant man da rät über rät, 

als man ze höhgeziten hat, 

an si)ise unde an wsete, 

des iegelicher haste 

ze wünsche sich gewarnet dar. 605 

dar zuo so nam ir Marke w^ar 

so groze und also riebe. 



578 sujulic adj. als Epitlieton meist in schwäclicrcr Bedeutung als : glücklich, 
glückbringend; unser: lieb passt dafür, wenn es auch sodic nicht erreicht; 
▼gl. zu 1218. 1452. — 5S0 in Wunschsätzen mhd. 7««c';6'n = nhd. mögen ; vgl. 
Gr. 4,80. — 581 hallen swv. , laut schwatzen und singen, schmettern. — 
582 übervi9etc dat. von zi/zermt/ol stf. oder übermüete stf.; vgl. zu 297. 

51*^6 fr<">udeliaft adj. , frühlicli. — 587 hüten (mit einfachem t nach o 
Hss. wie biten und bitten) swv., eine Hütte aufsciilagen, unter Hütten, 
Zelten Wohnung nehmen, sich lagern. — r)'.»2 die hnce.ichen, hier vielleicht 
nicht abstract: die Feinen, sondern die zum Hofe Gehörigen , im Gegen- 
satz zu den riehen in V. 591, die Mächtigen, die Herreu. — huvischltche 
adv. , hofgemäß. — .')9.i itnder siden (wohl dat. plur. ; vgl. zu 667), unter 
Seidenstoffen , unter aufgespannten Seidentüchern. — 596 gehütet , hier 
wegen des folgenden >//i7 = mit Hütten versehen. — 599 herbergen hier 
unpers.: ward gewohnt. — 601 rat stm. , Vorrath , Zurüstung. — 603 = V. 
8(j01. — 605 ze vunsche, nach Wunsch, nach Kräften. — icat'nen swv., 
vorbereiten, rüsten. — 607 'jrozc adv. zu r/ro: , in hohem Maße; im Ganzen 
selten gebraucht. — 



30 II. KIWALIN UND BLANSCHEFLUK. 

(laz si alle ri'liche 

lebeten unde wären fro. 

sus huop diu höhgezit sich dö: 610 

und swes der gerne sehende man 

ze sehene guoten muot gewan, 

daz lie diu State da wol geschehen; 

man sach da, swaz man wolte sehen: 

dise füoren sehen frouwen, 615 

jene ander tanzen schouwen; 

dise sahen buhurdieren; 

jene ander justieren. 

swä zuo den man sin wille truoc, 

des alles vant er da genuoc. 620 

wan alle , die da wären , 

von fröudebseren jären, 

die flizzen sich enwiderstrit 

ze fröuden an der höhgezit. 

und Märke der guote, 625 

der hövesche hohgemuote 
I an' ander frouwen Schönheit, 

die er hsete an sinen rinc geleit, 

so hsete er doch besunder 

ein sunderlichez wunder, 630 

[ Blanscheflür sin swester da: 

ein maget, daz da noch anderswä 

schoener wip nie wart gesehen. 

wir beeren von ihr schcene jehen, 

sin' gestehe nie kein lebende man 635 

mit inneclichen ougen an, 

ern minnete da nach iemer me 

wip unde tugende baz dan e. 



(510 sich heben stv. , aubebeu, beginnen. — 613 State stf., Gelegenheit. — 
617 buhurdieren swv. Fremdwort deutschen Stammes, denBuhurt reiten; s. 
zu 650. — 618 justieren swv. Fremdwort =;fjo;.7jerew, die Tjost kämpfen; s. zu 
9214. — ^22 fröudeboere adj., erfreuend. ^— 623 sich fitzen stv. mit gen, = nhd. 
(V. 8540), hier mit ze, sich befleißigen, bedacht sein. — eniuiderstrlt adv., 
um die Wette; öfters mit enwette (s. zu 16897) verbunden. — 626 hohgemuot 
adj., hochgesinnt [wie noch jetzt in poetischer Kede zulässig]; von G. 
sparsam verwendet. — 627 äne prsep., ohne, außer. — Schönheit^ hier 
wieder collectiv wie V. 533 für: au/Jer den andern schönen Frauen. — 
628 Tino stm., Gesellschaftskreis, Umgebung, synonym mit hof (vgl. V. 4985). 
— legen swv. im Mhd. ausgedehnter als heute; hier in ähnlicher Bedeu- 
tung wie unser: die Besatzung wohin legen, etwa: versammeln; vgl. be- 
setzen in V. 524. — 629 besunder adv., besonders, namentlich. — 630 suyi- 
derlich adj., besonders, ausgezeichnet. — 635 gesehen öiteTs= sehen:, hier 
ge- wohl pluequaraperf. : kein Mann hätte sie angesehen, ohne u. s. w. — 
637 iemer rrn', hier: immer fort, fortan. 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 31 

(18) Diu sselege ougenweide 

diu machete üf der heide 640 

vil manegen man frech uiide fruot, 

manec edele herze höchgemuot. 

dar zuo was in der ouwe 

manec ander schceniu frouwe, 

der iegelichiu mohte sin 645 

von schcene ein richiu künigin, 

die muot und fröude ouch hären 

den allen, die da wären, 

und macheten raanic herze frö. 

hie mite huop sich der buhurt do 650 

von gesinde und ouch von gesten: 

die werdesten und die besten 

die riten da zuo wä unde wä. 

ouch was der werde Marke da 

und sin geselle Riwalin 655 

an' ander ingesinde sin, 

die sich ouch getiizzen hseten, 

wie si'z da so getaeten, 

daz ez da sageb^re 

und wol ze lobene waere. 660 

man sach da ze dem male 

von pfelle und von zendäle 

manec örs bedact ze flize, 

manege decke snewi'ze, 

gel, brün, rot, grüen' unde blä, 665 

so sach man ander anderswä 

von edelen siden wol gebriten, 

jene ander manegen wis zesniten, 

gcvehet und geparrieret, 



641/rcc/( adj., kühn, lebendig. — ]ruot adj., munter, fröhlich. — 642 lioch- 
'jeinuot, hier: hochgestimrat, freudig. — Ml die pl. nach dem Sinne auf den 
Sing, manec fr. folgend. — <)50 buhurt stm., Turnierspiel von Schaar gegen 
Schaar. — 653 wä unde vm, hier und da, überall, auch je nach dem Zusammen- 
hange: hierliin und dorthin; im Mhd. häufige Wendung, insbesondere zu 
Gottfried's Stile passend; s. zu 12214. — ß.iS ijetuon^=tuon. — ^b'd sageboare adj., 
(erzählbar), lobenswerth; von U. in verschiedener Nüancierung angewandt. 
— 6<jl ze dem tnäle, zu der Zeit, damals. — 662 pfelle stm., kostbarer Seiden- 
atoff. — zendäl , auch :i7iiläl {anB sindon?) etm. , ebenfalls ein Seidenstoff. — 
663 ors stn. = /-OA', namentlich das Streitross. — ze ßize, mit Fleiß, Sorgfalt. — 
665 brün adj.. niclit immer unsere dunkele braune Farbe gemeint, sondern: 
dunkelroth und violett; vgl. 1112.') fg. und purpur brün 15S41. — 667 Sitie stf. 
und 8wf., bei G. nach den Hss. swf. 2199; hier deutlich Plural, Seidenstoffe 
(vgl. 593). — briten stv. , weben. — 668 manegen wU , manege wts 4615, in 
manege wU 2350, auf manche Weise. — zesntden stv. s. zu 673. — 669 vehen 
swv., bunt machen. — parrieren swv. Fremdwort, abstechend machen. — 



32 II. BIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

sus und SO gefeitieret. 670 

diu ritterschaft diu fuorte kleit 

mit wunderliclier ri'cbeit 

zersniten und zerhouwen. 

ouch lie der sumer wol schouwen, 

daz er da mit Marke wolte sin: 675 

manec wünneclicli schapelekin 

von bluomen sach man an der schar, 

diu er im ze stiure brähte dar, 

(19) lö dirre silezeu sumerkraft 

huop sich ein süeziu ritterschaft: 680 

diu schar sich da dick' underwar. 

si zogeten sich her unde dar 

und triben des vil und so genuoc, 

biz sich der buhurt dar getruoc, 

da Blanscheflür diu werde, 685 

ein wunder üf der erde, 

und manc ander schoeniu frouwe 

säzen an ir schouwe; 

wan dise die riten so riebe, 

so rehte keiserliche, 690 

daz ez manc ouge gerne sach. 

swaz aber von iemen da geschach, 

so was der hövesche Riwalin 

und muose ez ouch benamen sin, 

der ez des tages und an der stete 695 

ze wünsche vor in allen. tete. 

ouch nämen sin die frouwen war 



^li) f eitleren swv. Fremdw. , schmücken. — 672 wunderlich adj., wunder- 
bar. — 673 hier die Synonymen zersntden und zerhouiven zusammengestellt : 
sie bezeichnen das Aufschneiden, Schlitzen des Kleides, d. h. des Ober- 
kleides, wie es in verschiedenen Perioden Mode war, zersntden in V. 668 
scheint dagegen auf die ausgeschnittenen Zacken in den Pferdedecken zu 
gehen, deren Enden öfters mit Schellen geziert waren, — 676 scliai)elekin 
stn. demin. (niederd. , insbesondere flämische Form) von sckapel (3149), 
Kränzlein (zur Zierde des Hauptes.) — 678 stiure stf., Beisteuer, Gabe. 

679 sumerkraft stf., etwa: Sonimerfülle. — 680 ritterschaft stf., hier: 
Eitterleben, ßitterspiele. — 681 underwerren stv. refl., sich untereinander 
wirren (swv.), hin- und hertreiben. — 682 zogen swv., verstärktes ziehen. — 
%M sich getragen, sich hinziehen. — 688 schouwe stf., hier: Schauplatz. — 
689 rxche adv. , reich, kostbar (äußerlich), köstlich (innerlich); hier wohl 
das letztere. — 690 keiserliche adv. hier vereinzelt, das Adjectiv häufiger: 
s. zu 708. — 695 an der stete (dat. von stat) , auf der Stelle, sogleich, wie 
V. 7428 ; könnte hier nicht im Gegensatze zu des tages der Ort gemeint 
sein: zur Stelle, hier? — 696 vor (prtep.) in allen tete, wir sagen: ihnen 
allen vor (adv.) that; derartige Vertauschungen von Prsep. und Adv. sind 
öfters nöthig bei der Übertragung; s. zu 730 und vgl. 997. — 



IL RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 33 

und jähen des, daz in der schar 
nieman nach ritterlichem site 

also behendecliche rite, 700 

und lebeten alle siniu dinc. 
«seht», sprächen si «der jungelinc 
der ist ein sseliger man: 
wie sselecliche stet im an 

allez daz, daz er begät! 705 

wie gar sin lip ze wünsche stät! 
wie gänt im so geliche enein 
diu siniu keiserlichen bein! 
wie rehte sin schilt z'aller zit 

an siner stat gelimet lit! 710 

wie zimet der schaft in siner haut! 
wie wol stät allez sin gewant! 
wie stät sin houbet und sin här! 
wie süeze ist aller sin gebär! 

wie saelecliche stät sin lip! 715 

6 wol si sseligez wip, 
der fröude an ime beliben sol!» 
nu marcto ir aller msere wol 
{•20) Blanscheflür diu guote, 

wan si in euch in ir muote, 720 

swaz ir deheiniu tsete, 
• ze hohem werde ha^te; 

si ha'te in in ir muot genomeu, 

er was ir in ir herze komen; 

er truoc gewaltrcliche 725 



700 behendecliche adv., bebend, geschickt. -- 7U1 alle siniu dinc, häufige 
formelhafte Umschreibung = alles an, von ihm, sein ganzes Wesen; vgl. 
zu l'iüs. — 70G ze n-unsche. hier: auf erwünschte Weise, erwünscht. — xtän, 
beschatten sein, ebenso V. 71.'). — 707 geliche enein gän, auf gleiche Weise 
zusammengehen, d. h. zusammenstimmen, gleichmäßig gewachsen sein ; 
vgl. das Gegentlieil in V. 19304. — lOS keiserlich adj. (das Adv. in V. 690) wen- 
det Gottfried öfters an in der Bedeutung: gleich einem Kaiser, wie sonst 
göttlich, königlich, fürstlich steht, hier sogar in durchaus übertragener 
Weise von den Beinen gesagt. Beispiele von keiserlic// bei andern, auch 
althochd. Diclitern, zumal aber bei Gottfried's Nachahmer, Konrad von 
Würzburts'. sind von Haupt zusammengestellt zu Engelhard 863. Unhöfisch 
ist das Wort nicht, sondern im Gegentheil ein höfisches Modewort, welches 
wieder abkam , sich aber beim Volke lange erhielt. Sollte es nicht durch 
ilen schönen König Philipp und die glänzende Krönung zu Mainz im Jahre 
119S in Scliwang gekommen sein? — 710 gcllmet part. adj., geleimt, bild- 
lich wie unser: angegossen; dasselbe Bild in V. 662;'). — 714 gebar stm., 
Gebahren, Benehmen. — 716 si personalpron. vor subst. (wie heute noch 
bei ich und (///), wofür nhd. das Demonstrativpr. eintritt; Gr. 4, .349. — 
71S ma:re stn., hier : (besprach. — 722 in hohem Werthe hielt, sehr werth 
hielt, ha'ien öfters durch: halten (aestimare) zu geben; vgl. z. B. ^417. 
l."»413. — 

r.OTTFRIKD VOK STEASSBCKG. I. 2. Aufl. 3 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

in ir lierzen künicriclie 

den zepter und die kröne: 

daz si doch also schöne 

lind also toiigenlichen hal, 

daz si'z in allen vor verstal. 730 

Nu daz der bnhiirt dö zergie 
nnd sich diu ritterschaft zerlie 
und iegelicher kerte, 
dar in sin muot gelerte, 

nu köm ez von aventiure also, 735 

daz Riwalin gekerte dö, 
da Blanscheflür diu schcene saz. 
hie mite gesprancte er näher baz 
und als er ir under ougen sach , 
vil minnecliche er zuo ir sprach: 740 

«ä, de vüs sal, la bele!» 
<(merzi!)) dit la buzele 
und sprach vil schämeliche: 
«herre got der riche, 

der elliu herze riche tuot, 745 

der riche iu herze unde niuot! 
und iu si grö'ze genigen, 
und aber des rehtes unverzigen, 
des ich an iuch zo redene hän.» ^ 



729 tougenllchen adv., heimlich. — 73u verstelen , verhehlen, in allen vor 
(adv.) v€rstal:=vox (prasp.) ihnen allen verhehlte; auch diese Art der Ver- 
tauschung von Adv. und Prasp. öfters geboten; s. zu G9G und vgl. 2078. 

7.31 zergän, auseinandergehen, aufhören. — 732 zerläzen stv. rcü., 
sich trennen, sich zerstreuen; ähnliche Wendung 1117 fg. — 734 yeleren=^ 
leren; fast derselbe Vers 2344. — 735 von aventiure, von ungefähr, zu- 
fällig; vgl. (jeschilit 2421. — 736 ge'keren=^'keren , sich wenden. — 738 'je- 
sprengen = sprengen. — 739 minder ougen splien = ins Antlitz sehen. — 
741 de = deus, dien [erhalten im volksthüml. Ade, s. V. 3856]; andereFor- 
men sind deus und deü. — vüs = vos , vous. — sal=^ salue, lat. salveat ; vgl. 
2679 fg. und zu 13301. — bele-= belle. Der Artikel la beim Vocativ wie 
auch im Mhd. ; vgl. zu 744. — 742 merzi^^merci. — dit = dixit , neufr. 
dit. — buzele = nenfr. 2J»celle. — 743 sc//«me;ic7/e adv., verschäint. — 744 der 
Artikel Ijeim Vocativ im Mhd. zu beachten: vgl. Gr. 4, 564 [vgl. das alter- 
thümliche jüdische: Gott der Gerechte]. — 745 riche, auch hier: glücklich, 
froh; vgl. 401. 5199. — tuon^= machen, wie überhaupt der Gebrauch von 
tuon durch das Synon. maclicn sehr beschränkt ist; vgl. 363. — 746 riehen 
swv. trans., (bereichern), beglücken; vgl. 5676. Hier das Wortspiel nicht 
im Wechsel der Bedeutung, sondern in dem der Form, abges. von V. 744 
{riche adj., mäclitig, grofi) , V. 745 ricÄe adj., 746 riche conj. optat. — 
747 nigen stv. mit dat., einem sich verneigend Dank sagen. — 748 nnd aber, 
wiewohl, jedoch; vgl. 1170. 10317. — unverzigen part. adj., (unverziehen), 
unversagt, unverzichtet: ohne auf das Kecht zu verzichten. Solche Wen- 
dungen öfters bei Gottfried. — 749 reden swv. mit gen. d. S. a7i einen, von 
einem etwas in Anspruch nehmen. — 



II. RIWALIN UND ELANSCHEFLUK. 35 

«ach. süeze, waz hau ich getan?» • 750 

sprach aber der hövesche Riwalin. 
si sprach: «an emem friimde min, 
(lern besten, den ich ie gewan, 
da habet ir mich beswjeret an. » 
«ja herre», dähte er wider sich 755 

«waz mxve ist diz? od waz hän ich 
begangen wider ir hulden? 
waz git si mir ze schulden?» 
(21) -ind wände, daz er etewen 

ir mage, disen oder den, 760 

unwizzende an der ritterschaft 
gemachet hiote schadehaft, 
da von ir herze swan'e 
und ime erbolgen wa^re. 

Nein, der friunt, des si gewiioc, 765 

daz was ir herze, in dem si truoc 
von sinen schulden ungemach, 
daz was der friunt, von dem si sprach, 
iedoch enweste er niht hie mite, 
nach sinem älli'chem site 770 

sprach er vil minnecliche z'ir: 
«schoen', ich enwil niht, daz ir mir 
haz oder argen willen traget; 
wan ist ez war, als ir mir saget, 
so rihtet selbe über mich: 7 75 

swaz ir gebietet, daz tuon ich.o 



754 besu-ai-n swv., in Eeschwerniss versetzen, beleidigen. — löö ja h'rrc! 
Ausruf wie : ach Gottl solche Interjectionen bei Gottfried beliebt z, B. 10804. 
■: h'-rrc -''ti?. nu ln-rre lOTOs, einfach htrre 12893. 17768. — 7ö») mwre 
1. pl. abhuiij;"ig von waz, wörtlich: was der Geschichten, der Dinge ist 
. -, ; was der J.'inge sind das; was ist das. Gottfried braucht diese Wen- 
dungen öfter'*, vgl. 10^)7. 7f;26. 8690. 922;^ und zu 1668. — 7')7 huhh' stf., Huld, 
Gnade, im Mhd. oft im Plural. — 7.58 -n ■•<c/iuUlen, wir sagen einfach: 
schuld. — 7'>;« eteu-er pron., etwelcher, irgend wer, irgend ein. — 761 un- 
wizzend-' i)art., unwissentlich, aber verbaler: ohne ihn) zu wissen, zu ken- 
nen; vgl. ."^■^78 ohne (es) zu wissen. — an der ritterscliaft, nicht: unter den 
Kittern, sondern wie in V. 'i^o beim Ritterspiel, im Turnier. — 7('.2 vgl. ?,&?,. 
— 764 i-rb'bf'n stv. mit dat., zornig werden über einen; das Part, prast. 
steht hier adjectivisch, etwa: gram. 

76.') yriruoc prret. von ii':>i:ahe>i (kommt bei Gottfried im Infin. und 
Prses. nicht vor) stv. mit gen., erwähnen [dies aus 'jcu-äfienen swv. in V. 
13774] , gedenken. — 767 von sineri schulden , um seinetwillen. — 769 Iiie 
mite (selten bei iri:2''n) = davon. — 770 äulc/i (von al) adj., allgemein, 
gewöhnlich. — 77.T u-ille swm. ist im Nhd. oft unsorm: Gesinnung ent- 
sprechend, insofern Synon. von muot; vgl. 4.''i36. — trayn, auch hicr = 
hegen wie in V. 48. — 

1 :5* 



OÖ II. EIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

diu süeze sprach : c durch dise geschiht 

enhazze ich iuch ze sere niht; 

i'ne minne iuch euch niht umbe daz. 

ich wil iuch aber versuochen baz, 780 

wie ir mir ze buoze wellet stän 

umbe däz. daz ir mir habet getan. » 

Sus ueig er ir und wolte dan , 
und si, diu schoene, ersüfte in an 
vil tougenlichen unde sprach 785 

üz inneclichem herzen: «ach, 
friunt lieber, got gesegene dich!» 
do alrerste huob ez sich 
mit gedanken under in. 

Kanelengres der kerte hin 790 

in maneger slahte trahte: 
er trahte maneger slahte, 
waz Blanschefliure swsere 
und dirre msere wsere. 

ir gruoz, ir rede betrahte er gar, 795 

ir süft, ir segen, al ir gebär 
daz marcte er al besunder 
und begünde iedoch hier under 
(22) ir siuften unde ir süezen segen 

üf den wec der minne wegen: 800 

er kom benamen an den wän, 

diu zwei diu wseren getan 

durch niht niwan durch minne. 

daz enzünte ouch sine sinne, 

daz si sä wider fuoren 805 

und nämen Blanschefluoren 

und fuorten si mit in zehant 



779 umbe daz, darum, deslialb. — 781 ze buoze stän mit dat., ciucin Kläger 
gegenüber Buße, Genugthuung leisten, sich rechtfertigen. 

783 ntgen mit dat., hier ursprüngl. Bedeutung: sicli vor einem ver- 
neigen. — dan (= danne, doJinen) adv., von dannen, weg : Gottfried wech- 
selt zwischen dan und von dan. — 784 ersiu/ten swv. =nhd. erseufzen; 
an ers. fehlt nhd., nur: anseufzen. — 787 gesegenen=^segenen; vgl. 10628. 
— 788 alrerste (^=aller erste) adv., nun erst. — 791 trahte stf., Ti-achten, 
Betrachtung, Grübelei. — 792 trahten swv., (betrachten), bedenken. — 
79.3 swcere., wohl nicht gen. (52) abhängig von waz, sondern conj. von swern 
stv., (schwären swv.), wehe thun, schmerzen. — Blanschefliure ist wohl 
dat., nicht acc; vgl. zu 12250. — 795 r/ar adv., gänzlich, durchaus (sonst 
auch garwe s. zu 1297). — 796 svft stm., Seufzer. — 798 liier under. hierbei, 
während dem; vgl. zu 1606. — 799 siuften subst. infin., das Seufzen oder 
auch acc. von siufte swm., Seufzer. — 800 wegen stv., erwägen, deuten. — 
801 wärt stm., überhaupt: Glaube, Gedanke. — 805 sä adv., sogleich. — 



II. RIWALJN UND BLANSCHEFLUK. 37 

in Riwaliiies herzen lant 

und kronden si dar inne 

im /'einer küniginne. 810 

ja Blanscheflür und Riwalin, 

der künec, diu süeze künigin, 

die teilten wol geliche 

ir herzen künicriche: 

daz ir wart Riwaline, 815 

da wider wart ir daz sine; 

und wiste iedoch dewederz niht 

umbe des anderen geschiht. 

si hieten sich wol under in zwein 

einmüetecliche und rehte enein 820 

mit ir gedanken undernomen. 

da was wol reht ze rehte komen: 

si lag ouch ime ze herzen 

mit dem selben sraerzen, 

den si von sinen schulden leit. S2b 

und wände er aber gewisheit 

ir willen niene h?ete, 

in welher wis si'z tiete, 

durch haz od aber durch minne, 

daz machete sine sinne 830 

in zwiVele wanken: 

er wancte mit gedanken 

wilen abe und wilen an. 

iezuo wolt' er benamen dan 

und al zehant so wolte er dar, 835 

uuz er sich alse gar verwar 

in den stricken sinor trabte, 

daz er dännen niene mähte. 

(2:3) Der gedanchäfte Riwalin 
. der tete wol iin im selben schin, 840 



817 dcwcdtr: neutr. von deweder pron., keiner von beiden. — 819 ander 
in zwt'in (neben ander in) bei Gottfried sehr häufig, untereinander, beider- 
seitig. — 820 entin (= in ein) adv., zusammen, übereiii; häufig eng mit 
Verben verbunden (vgl. 396. 41(i), seltener wie hier in selbständig adver- 
bialer Weise; hier wie unser: einig. — S2l undernemen stv. refl., sich 
untereinander nehmen; d. h. gegenseitig fesseln. — ,s27 //■ u-illen gen. 
abh. von .jcwis/ieit. — ,^33 iviten (eigentlich dat. pl. von u-tle ; vgl. undrr- 
UiWn :wi) adv., zuweilen, w. — w., bald — bald. —a6<' und an, ab und zu, 
hm und her; vgl. 890. ir.ir)4. — .s34 iezuo (ie-zuo) adv., jetzt (jetzo). — 
i^ib ocrwerren stv. [nhd. nur noch part. verworren] = verwirren swv., ver- 
wickeln; vgl. zu las^f). — vV38 dünnen adv., nhd. nur: von danncn. 



38 11. EIWALIN UND BLANSCHEPLUK. 

däz der minuende muot 

reht' alse der frie vogel tuot, 

der durch die friheit, die er liät, 

üf daz gelimde zwi gestät; 

als er des limes danne entsebet 845 

und er sich üf ze flühte hebet, 

so klebet er mit den füezen an. 

sus reget er vedern und wil dan. 

da mite gerüeret er daz zwi 

an deheiner stat, swie küm ez si, 850 

ezn binde in unde mache in haft; 

so sieht er danne üz aller kraft 

dar unde dar und aber dar, 

unz er ze jüngeste gar 

sich selben vehtende übersiget 855 

und geli'met an dem zwige liget. 

reht' in der selben wise tuot 

der unbetwüngene muot: 

so der in senede trabte kumet 

und liebe an ime ir wunder fruinet 860 

mit senelicher sw?ere, 

so wil der senedsere . 

ze siner fri'heite wider: 

so ziuhet in diu süeze nid er 

der eelimeten minne. 865 



841—851 fast wörtlich entlehnt vom Dichter des bchwaukcs von Ari- 
stoteles und Phillis. Ges.-Abent. Nr. II. V. 8u9 — 319. — SU ztci stn., 
gen. zu'iges, Zweig stm. da: yelinule, yeli/nete zv:i, die Leirarutlie. — (lestan 
= sich stellen, sich niederlassen. — 845 eniseben stv. mit gen., merken. — 
848 vedern, vederen sw. pl., (die Federn), die Fittige, Flügel. — 849 gerüereriy 
verstärktes rüeren , berühren. — 850 deliein=^'ke\n: an keiner Stelle, nir- 
gends. — ku'ia adj. (zu adv. kume, unser: kaum), schwach; seltenes Wort. — 
851 haft adj., haftend, fest. — ezn binde = ezne binde, ez enbinde: wir wenden 
für solche beschränkende Sätze am besten: ohne daß an. 849 — 851 damit 
(mit den Flügeln; berührt der Vogel die Euthe an keiner Stelle, ohne daß 
sie, die Ruthe, wie schwach und dünn sie auch sei, ihn nicht fessele 
(durch den Leim); positiv gefasst: überall, wo der Vogel mit den Flügeln 
die Euthe berührt, fesselt sie ihn trotz ihrer Schwäche. Die Erklärung 
im mhd. Wb. unter Icuin I, 9()S «wiewohl es beinahe unmöglich ist. daj es 
ihn nicht binde» trifft den Sinn nicht. Die Übersetzer beziehen f:vie Ivm 
ez sl auf die Schwäche der Berührung, was mit der Natur des Vogels nicht 
zusammenstimmt. — 854 ze jüngeste, auch ze jungest adverbiale Wendung, 
zuletzt. — 855 übersigen swv., überwältigen, schwächen. Die Zusammen- 
setzungen mit über- in Verben, Adj. und Subst. und hier in vericiiiedenen 
Functionen liebt der Dichter; in der 2. Hälfte sind sie häufiger. — Sri5 dieses 
Bild würde uns jetzt sehr trivial klingen, aber in alter Zeit war itmen. in 
der allgemeinen Bedeutung: befestigen, fesseln durchaus edel. Ob hier 
diu gel'imete ininm' auf diese allgemeine Bedeutung zurückgelit oder das 
Bild von dem Vogel auf der Leimrutlie zu Grunde liegt, wie Bcuecke zu 
Iwein 532S glaubt, ist fraglich; vgl. zu 11814. — 



11. KIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 39 

<la verwirret er sich inne 
so sere, daz er sich von daii 
noch sus noch so verrihten kan. 
iils ergieng ez Riwaline, 

den ouch die trahte sine 870 

vcrwiirren in der minne 
sines herzen küniginne. 
in hiute wol beworrenheit 
in wunderlich parat geleit; 

wan er cnwiste, weder ir niiiot 875 

wider in WtTr' übel oder guot; 
orn erkände dannoch diz noch daz, 
weder ir minne noch ir haz. 
(•24) ern sach noch tröst noch zwivel an, 

daz enliez ouch in noch dar noch dan. 880 

trost unde zwLvel fuorten in 

unendeclicheir under in : 

trost Seite im minne , zwivel haz. 

durch disen kriec und umbe daz, 

sone mohte er sinen vesten wan 885 

an ir dewederez verlän, 

au haz noch ouch an minne. 

sus swebeten sine sinne 

in einer ungewissen habe: 

tröst truog in an und zwivel abe. 890 

orn vant niht staetes an in zwein. 

si gehüllen so noch sus enein: 

so zwivel kom und seite im, daz 

sin Blanschefiür wser' ime gehaz, 

so wancte er unde wolte dan. 895 

zehant kom tröst und truog in an 



^ü!s verrihten swv. vetl., sich wieder in die richtige Verfassung hringen; 
liier das Loswiuden gemeint; ähnliches Bild in V. ltJ502. — 873 öeworren- 
heit stf., Verwirrung. — ts74 /Jrt/äf stf. Fremdw., AV'echsel; hier wohl ähn- 
lich wie zu-ictl in V. ^iU. — s82 unendedichen adv., unentschieden. — 
sst) arlän stv. , hier: au etwas hingeben. — 88S sweOen swv., nicht bloß 
von der schaukelnden Ecwegunu in der Luft, von Gang und Flug, son- 
dern auch vom Schwimmen, Fließen (9082; gebraucht, dient den Dichtern 
iifters zum Bild; bei Gottfried vereinzelt. — :s,s9 /laOe stf., Hafen, gerne 
im Bild gebraucht; vgl. l.Vja. — 890 das Bild von den Wellen genommen: 
Trost trug, brachte ilin ;im Schiffe sitzenden) heran (ans Ufer, ans feste 
Land der Gewissheit , Zweifel entfernte ihn, trieb ihn weiter in die See 
hinaus. — ^i»2 (jehellcn stv., zusammentönen, zusammenstimmen, enei» 
;ieh., ül)erciii8timmen; in V. lls4s under in geh., untereinander zusammen- 
stimmen. — s9.') wancte swv. pra-t. von wanken {: gedanken s;il) oder auch 
von wenken {: brdenken 15117). — 896 an tragen stv. mit doppeltem Acc. 
'■>ftcrs bei Gottfried, einem etwas bringen; vgl. 25So und zu 2142. — 



40 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

ir minne und einen lieben wän: 

sus muose er aber da bestän. 

mit disem kriege enwiste er war: 

ern mohte weder dan noch dar. 900 

so er ie serer dannen ranc, 

so minne ie mere wider twanc. 

so er ie harter dannen floch, 

so minne ie vaster wider zöch. 

sus treip ez minne mit im an, 905 

biz doch der tröst den sige gewan 

und er den zwivel gar vertreip, 

und Riwalin gewis beleip, 

sin Blanscheflür diu minnet' in : 

des was sin herze und al sin sin 910 

einb^ereliche an si geleit, 

daz niemen do da wider streit. 

Nu daz diu süeze minne 

sin herze und sine sinne 

al nach ir willen haete bräht, 915 

dannoch was ime vil ungedäht, 

daz herzeliebe wsere 

so nähe gende ein swaere. 
(25) do er da sin äventiure 

von siner Blanschefliure 920 

von ende her betrahte 

und allez sunder ahte: 

ir här, ir stirne, ir tinne, 

ir wange, ir munt, ir kinne, 

den fröuderichen östertae, 925 

der lachende in ir ougen lac, 
\ do kom diu rehte minne, 
1 diu wäre fiuraerinne 
I und stiez ir senefiuwer an , 



897 u-än in der Bedeutung von Hoffnung meist mit liep verbunden ; bei 
Gottfried einmal noch saelecltcher lu. 6201. — 899 ivar adv., wohin, relativ 
zu dar. — 903 harter compar. adv., mehr, entschiedener. — 904 vaster compar. 
adv, (vgl. 8869), fester, stärker. — 911 einbcereliche adv., übereinstimmend, 
durch und durch. 

916 dannoch (=unserm: dennoch) adv., hier: noch damals, noch. — 
ungeddht part. adj., unvermuthet. unbewusst. — 922 sunder adv., beson- 
ders, im Einzelnen; häufig bei Gottfried. — ahten swv. mit acc, beach- 
ten. — 923 tinne stn., Schlaf (an der Stirne), hier wohl plur. — 928 fiurop- 
rmne stf., wörtlich etwa : Anfeurerin ; ein Gottfriedisches Wort. — 929 atozfn 
stv. wird wie hier in vielen Wendungen durch unser: stecken ersetzt; ein 
anderes an stözen in V. 1.581. — senefiuwer stn., Liebesfeuer. — 



11. ßlWALIN UND ELANSUHEFLÜR. 41 

daz fiur, da von siu herze cnbran, 930 

daz sinem libe sä zestunt 
schinbiereliche tete kunt, 
waz nähe geiidiii swaere 
' und senediu sorge waere. 
wan er greif in ein ander leben: 935 

ein niuwe leben wart ime gegeben. 
er verwandelte da mite 
äl sine sinne und sine site 
und vi^art mitalle ein ander man-, 
wan allez daz, des er began, 940 

daz was mit wunderlichen siten 
und mit blintheit undersniten. 
sin ane geborne sinne 
die wären von der minne 

als wilde und alse unstcTte, 945 

als er si erbeten ha^te. 
sin leben begunde swachen 
von rehtem herzelachen: 

des er da vor was wol gewon, y 

da zocli er sich mitalle von. 9^ 

swigen unde wesen unfro 
daz was sin beste leben do, 
wan elliu sin gemüotheit 
was gar in senede not geleit. 

Ouch vergie sin senelich geschiht 955 

die seneden Blanschefliure niht: 
diu was ouch mit dem selben schaden 
durch in, als er durch si, beladen. 
(26) diu gewältaerinne Minne 



932 sddnbcxreliclie adv., sichtbar, deutlich. — 935 •jr'tfen stv. mit prscp. 
in c. acc, etwas angreifen, ergreifen, beginnen. — 939 mitalle adv., gänz- 
lich. — 942 undersnlden stv., bunt, manigfaltig machen (zunächst von der 
Tracht gesagt). Wir können in ähnlichem Bilde etwa übersetzen : ver- 
l)rämt; vgl. 212H. 4H94. — 94G Tbcten der Hss. gibt keinen Sinn, xxud Er- 
klärungen von : erbitten befriedigen nicht. Vielleiclit erweten in der Be- 
fleutung von e/i^jre^en (vonvc// cn^wi^e), aus dem Joclie gelassen; daseinfache 
jeweten in V. l.')243. Zur Bestätigung meiner Vermnthung weist F. Bech 
auf Pseudo-Conrad Troj. Krieg 47(i32. Meine Conjectur, welcher aucli Lexer 
im mhd. Handwb. 2, (il*; eine Stelle angewiesen, scheint vielseitige Zustim- 
mung gefunden zu haben; dennoch ist sie nicht in den Text zu setzen. — 
947 swacjipn swv., schwacli werden. — 94^ an rechter Herzensfreude. — 
953 ijemnotheit stf., Frolisinn. 

9.").T midi vfrgät i;(eu\, mich flieht, mir entgeht etwas, bleibe von etwas 
verschont. — 9.i9 {/evaltcerinne stf., Gewalthaberin; ein Gottfriedisclies 
Wort. — Minnf swf. hier personificiert. — 



42 II. RIWALIN UND JJLANSCHEFLUR. 

diu was ouch iu ir sinne 9C0 

ein teil ze sturmeliclie komen 

und Löete ir mit geiY:a,lte genomen 

den besten teil ir mäze. 

sine was an ir geläze 

ir selber noch der weit nibt mite 9G5 

nach ir gewonli'chem site : 

swaz si sich fröiiden an genam, 

swaz Schimpfes ir e wol gezam, 

daz missestiiont ir allez do. 

ir leben enschuof sich niiiwan so, 970 

als ez ir an der not gewac, 

diu nähen an ir herzen lac. 

und alles des, des si geleit 

von senelicher arebeit, 

sone wiste si niht, waz ir war. 975 

wan si wart nie da vor gewar, 

waz sus getäniu swsere 

und herzesorge wfere, 

und sprach vil dicke wider sich: 

aowe got herre, wie leb ich! 980 

wie unde waz ist mir geschehen? 

ich han doch manegen man gesehen, 

von dem mir nie kein leit geschach ; 

und Sit ich disen man gesach, 

Sit wart min herze niemer nie 985 

noch fri noch fröudehaft als e. 



i*61 ein teil ndwaoc, etwas. — sturmelicJie aclv., atürmiscli. — 'Jü3 7/iß^e stf., 
die gleichmälöige Stimmuag und gleicbinäßige Haltung und Gebärde, galt 
als ein besonderer Vorzug und wird bei den Dicbtern öfters gepriesen 
und empfohlen und wie andere Tugenden auch personificiert; bei Gottfried 
vgl. 18012 fg. 2737 fg. Hier ist luuze der Gleicbmuth, die Seelenruhe. — 
964 gelaz stm., Benehmen. — 9(5.5 mite wesen mit dat., einem zugesellt sein 
wie in Y. 13479; sie gehörte sich und der "Welt nicht mehr an. — 966 ge- 
ironlich adj., gewöhnlich, gebräuchlich. — 967 sic/t an ne/nen {genam plus- 
quamperf.) einen oder eine.'i oder aucli von Sachen sidi an neiuen ein dinc 
oder eines dingen häufiger und ausgedehnter als unser : sich annehmen 
(nur mit gen.), öfters durcli andern Ausdruck zu ersetzen; hier: sich hin- 
geben. — 96S schtjiqjf stm., Scherz, Kurzweil. — Auch gezam plusquamperf. 
von zemen. — 969 missestän, übel anstehen. — 970 ■■ichaßen refl., sich ge- 
stalten. — 971 geinegen stv. intrans., Gewicht haben , ausschlagen , sich 
fügen, angemessen sein. — 973 gelUlen stv., verst. llden , erleiden. — 
974 orrbeit , arbeit stf., Mühe, Trübsal. — 975 ^car prffit. von 7verren stv. 
mit dat. der Person, Kummer verursachen, meist entsprechend unserm: 
fehlen; öfters die Frage: u-az wirret dir z. B. 11969. — 977 sus getan part. 
adj., so beschaffen, solcli [vgl. das veraltete sothan]. — 



11. HIVVALIN UKD BLANSCHEFLUß. 43 

diz sehen, daz ich in hän getan, 
daz ist ein dinc, da von ich hän 
erworben nähe gendiu leit. 

min herze, daz nie not geleit, 990 

daz ist da von verseret; 
ez hat mich gar verkeret 
an muote unde an libe. 
sol iegelichem wibe, 

diu in gehoeret unde gesiht, 995 

geschehen, alse mir geschiht, 
und ist ez danne an ime geborn, 
so ist michel schoene an ime verlorn 
(27) und ist unnütze lebende ein man. 

ist aber, daz er von lere kan 1000 

deheiner slahte zouberlist, 

da von diz fremede wunder ist 

und disiu wunderliche not, 

so wsere er maneges bezzer tot 

und ensölte in niemer wip gesehen. 1005 

durch got, wie'st mir von ime geschehen 

so leide und also swärel 

nun' gesäch ich doch zewäre 

noch in noch nie deheinen man 

mit vientlichen ougen an 1010 

nocli getruoc nie manne haz: 

wä mite mac ich geschulden daz, 

daz mir von iemen leit geschehe, 

den ich mit friundes ougen sehe? 

Waz wize ich aber dem guoten man? 1015 

er ist hie lihte unschuldec an. 
swaz herzesorge ich mir von im 



'S7 tuon hier Verbura vertreteud , darum der Acc. in (von sehen); daz 
fasse ich nicht als Kelativ zu sehen subst. Inf. stu., sondern als Conj.|: 
der Anblick (das heißt, setzt sie erklärend hinzu), dalj icli ihn gerade 
erblickt habe, das ist u. s. w. —991 verseren swv., in edelcr Sprache noch 
gebräuchlich: verletzen. — 997 an ime yeborn^=ime an geborn wie iu V. 
17936 = nhd. — 99H verlorn part., vergeblich; die Wendung etwa — an, 
auf ihn verscliwendet. — 999 nhd. Schachtelung nöthig: ein uniitzel. vi. — 
i'nniiizr adv. , hier mit gesteigertem Begriff: schädlich. — 1002 fremede, 
tretiide adj., seltsam. — li)04 iuanenea adv. gen., um manches, viel; vgl. 
1474. — I0ü7 sväre adv., scliwer, schmerzlich. — \0^?> zeware (:e wäre), 
:wdre adv., in "Wahrheit [zwar, ijuidem jünger]. 

101.1 iri:en stv. mit dat., einem einen Verweis ertheilen , einen schel- 
ten. — 



44 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

lind ouch durch sinen willen nim, 
daz wizze got, deist allermeist 
min selbes herzen völleist. 1020' 

ich sach da manegen man und in: 
waz mag er mir des, daz min sin 
vor den andern allen 
an in einen ist gevallen? 

do ich so vil manc edele wip 1025 

den sinen keiserlichen lip 
und sinen ritterlichen pris 
mit lobe gehorte in ballen wis 
als umbe triben unde tragen 

und sines lobes so vil gesagen, 103O 

und ich mit ougen selbe sach 
die tugende, der man von im jach, 
und allez in min herze las, 
swaz lobeliches an im was: 

da von ergouchete mir min sin, 1035 

hie von geviel min herze an in. 
entriuwen, daz erblante mich, 
daz was daz zouber, da von ich 
(28) min selber sus vergezzen hän. 

ern hat mir leides niht getan, 1040- 

der liebe man, von dem ich klage, 

den ich mit klage ze maere trage. 

min tumber meisterlöser muot, 

der ist, der mir da leide tuot, 

der ist, der minen schaden wih 1045 



1018 nemen stv. im Mhd. und namentlich von Gottfried in Verbindung mit 
Subst. sehr häufig angewandt; datur nhd. annehmen und Synon. fassen, 
finden u. dgl. oder die zu den Subst. gehörigen Verben; hier: wie viel 
ich mich um ihn herzlich absorge; vgl. 18575. — 1020 volleist stm. stf., 
(völlige Leistung), Hülfe, Ursache; hier unentschieden, stf. in V. 19409. — 
1022 mugen mit gen. der Sache (des) und öfters mit gemüthl. Dativ = 
dazu, dafür können; vgl. 9932. 17786 (wer kann für diese seine Blindheit 
was?). — 1028 in ballen wis, nach Art eines Balles; "Walther v. d. Vogelw. 
Pfeiffer 176, 2: in balles wis. Oallen gen. \or\ balle swm. (=nhd. Ballen) in 
der Bedeutung: Ball. — 1035 eryouchen swv. intrans., gouch (Narr, eigentl. 
Kukuk) werden, sich bethören. — 1036 gevallen, verst. vallen, verfallen auf 
(an) einen, sich neigen zu einem; ein Lieblingswort des Dichters. — 
1037 entriuwen i = in triuwen) adv., in Treuen, traun (aus trüiven, trän). — 
erblante prset. von erblenden swv., verblenden. — 1041 von, die Ursache be- 
zeichnend. — klagen, hier wohl wie in V. 186, aber intrans.: durch den 
ich Schmerz empfinde. — 1042 klage stf. dagegen =5M^rda. — ze mmre 
tragen, eigentlich zur Sprache bringen, erwähnen, gedenken. — 1043 tump 
adj., unverständig [dumm, stuUus jünger], — meisterUh adj., führerlos, un- 
gezügelt. — 1044 vgl. zu 12409. — 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 45 

er wil und wil joch alze vil, 

des er niht wellen solte, 

ob er bedenken wolte. 

waz fuoge wsere und ere. 

nune siht ab er niht mere 1050 

niwan sin selbes willen an 

an disem sceligen man, 

an den er in so kurzer frist 

so rehte gar gevallen ist. 

und semir got, ich wsene wol, 1055 

ob ich es mit eren wsenen sol, 

und sol ich mich der rede niht schämen 

durch minen magetlichen namen, 

so danket mich, diu herzeklage, 

die ich durch in ze herzen trage, 1080 

diu ensi' niwan von minnen : 

des wirde ich hier an innen, 

daz ich im so gerne wsere bi. 

und swaz so dirre msere si, 

mir wahset etewaz hier an, 10G5 

daz minne meinet unde man. 

wan swaz ich allen minen lip 

umbe rehte minnendiu wip 

und umbe liebe han vernomeu, 

daz ist mir an min herze kernen: 1070 

der süeze herzesmerze, 

der vil manc edele herze 

quelt mit süezem smerzeu, 

der liget in minem herzen.» 

Nu daz diu hövesche guote 1075 

mit gänzlichem muote 



1046 >oc/( adv., auch, aber auch. — lOiS obe, ob, op conj. wie noch in dich- 
terischer Si)rache = wenn. — lOVJ fnoye stf., Schicklichkeit, Austaud ; das 
Wort auch im Plural in V. 1261. 525H. — 105.') semir {=seiu. sam iitir) gel, 
ei(?entlich so mir Gott (vgl. so dir got 7070), hinzugedacht: lielfe. IJiese 
aus einem Schwur gekürzte Betheuerung ziemlich häufig bei Gottfried. — 
lUJS magetlich adj. (zu viaget, Mädchen), jungfräulich. — nanie swra., liier 
nicht Name, Ehre, guter Ruf, sondern die Person und Eigenschaft um- 
schreibend: m. n. =magetuo7a, Jungfräulichkeit in Bezug auf die Scl.ain- 
haftigkeit. — 1062 innen = nh.d. inne; ferner im Reime 10447. — 10G7 Itp 
8tm. synon. von leben: mein Lebtag. — lü6S ?/iribe praep., in l^etreff, über, 
Ton ; im Mhd. von bedeutenderem Umfang als das nhd. um. 
101*] ganzl'rl, adj., hier: ganz. — 



46 ir. RIWALIN UND BLANSCHEPLUR. 

sich in ir herzen des entstuont, 
als die minnenden alle tiiont, 
(29) daz ir geselle Kiwalin 

ir herzen fröude müese sin, 1080 

ir meister trost, ir beste leben: 

si begünde im ouge und oiige geben 

und sach in, swä s'in mohte sehen. 

swenn' ez diu fuoge lie geschehen, 

so gruozte si in vil tougen 1085 

mit inneclichen ougen. 

ir seneliche blicke 

die sähen in vil dicke 

lang' unde minneclichen an. 

do daz der minnende man, 1000 

ir friunt, begunde merken, 

alrerste begunde in Sterken 

diu minne und ouch sin trost an ir; 

alrerste enbran sin herzegir, 

und sach der süezen allez sider 1095 

baltlicher unde süezer wider, 

dan er ie da vor getaete. 

swenn' er die State haete, 

so gruozte ouch er mit ougen dar. 

nu sin diu schcene wart gewar, 1100 

daz er si meinde als si in, 

do was ir meistiu sorge hin; 

wan si wand' allez e, daz er 

hin z'ir enh^ete deheine ger. 

]iu wiste ab si wol, daz sin muot li05 

hin z'ir was süezo und alse guot, 

als liebes muot ze liebe sol. 



1077 entstein, auch cntstän refi. mit gen. der Sache, sicli auf etwas ver- 
stehen, etwas verstehen, merken. — 1082 die Wiederholung von onyi; 
drückt die fortgesetzten Elicke (wie in V. 10S6) aus, bezieht sich nicht 
körperlich auf die heiden Augen, das eine und das andere ; solche Wieder- 
holungen zur Verstärkung des Ausdrucks gehören zu Gottfried's Stile ; 
vgl, zu 12214. ou'je ist liier wohl Plural statt des regelmäßigen ougen. 
0. (/<?6?« = Blicke schenken [vgl. Winke geben]. — 1084 üioenm; ( = $0 
wenne) correl. conj., sobald. — fi'ofje stf., hier: schickliche Zeit , Gelegen- 
heit. — lOS.') tougen adv., heimlich. — 1092 alrerste adv., hier: nun erst 
recht. — 109.1 sider (compar. zu sit) adv., danach. — 1090 baulicher adv. 
compar., kühner. — wider zu sehen, der süezen ist dat. : sah ihr entgegen, 
sah sie an. — 1101 meinen swv., im Sinne haben, hier synonym mit 
minnen; vgl. 7501. — 1107 liebes gen. und liebe dat. von liep stn., das Lieb, 
Liebchen, der Geliebte. — 



11. RIWALIN UND ELANSCHEFLUK. 47 

claz selbe wiste er an ir wol. 

(laz selbe euzunde ir beider sin. 

da von begunden s' iiiidcr in 1110 

sich meinen unde minnen 

mit herzenliclien sinnen. 

ez ergienc in relite, also man gibt: 

swä liep in liebes enge siht, 

daz ist der minnen fiure. 1115 

ein wähsendiu stiiire. 

Nu Markes hobgezit zergie 
und sich diu herschaft gar zerlie, 
(30) do komeu Marke maere, 

daz ein sin vient wsere, 1120 

ein küncc, geriten in sin lant 

mit also kreftiger hant, 

der in niht schiere t?ete wider, 

er brseche im allez daz dernider, 

daz er beriten künde. 1125 

zehant und an der stunde 

besande Marke ein michel her 

und kom in an mit starker wer. 

er valit mit ime und sigete im an 

und sluog und vienc so manegen man . 1130 

daz ez von grozon söelden was, 

der dannen kom od da genas. 

'da wart der werde Kiwalin 

mit einem sper zer siten in 

gestochen und so sere wunt, 1135 

daz in die sine sä zostunt 



1111 meinen unde minnen beliebte allittorieroiulc Tautologie; aucli minnen 
und (nucfi) meinen bei Gottfried in V. 191.'')4. — IIU fg. Paraphrase eines 
Spriclxwortes. — 111") /iure ist dat. — 111C> stiure stf., hier: Beihülfe. 



111> hi':rschaf( stf., die üesellschaft der Hehren, der Adel, der Hof 
[uhd. pl. Herrscliaftenj. — 112u ein Feind von ihm; mhd. das Possessivpr. 
eigentlich gen. des Personalpr.) öfters zwischen Artikel und Subst. ; vgl. 
uns. — 112:^ der = sirer, wenn der, wenn einer, wenn man. — achiere adv.. 
bald. — willer iuon mit acc., einen zurückbringen, vertreiben. — 1124 freie 
Construction in Folge dos eingeschobenen Satzes V. 1128; -v briuche für 
daz er hrcKdn-, abh. von cüiu. — im = Marke. — 112.1 henten .stv., (zu Rosse; 
erreiclien. — 1127 hesenden swv., durch entsendete lioten aufbieten lassen, 
eine Art Terminus für J^inbcrufung des Heeres und der Vasallen, dann 
überliauiit : holen lassen. — ll2s an komcn mit acc. = aw einen koiifn. 
«1. h. einem i^freuiullich oder fcindlicli) entgegentreten; hier: einen an- 
greifen; vgl. 2172. — 1129 an sigen mit dat., an einem, über einen den 
Sieg ^e.vinnen. — 11.3<'. zesiunt (zf stunde) adv.. zur Stunde, sogleich, oft 
mit X(t (so.'i) verbunden. — 



48 II. ßlW'ALIN L'ND BLANSCHEFLUR. 

vür einen hälptoten man 
mit manegem jämer fuorten dan 
hin heim ze Tintajole wider. 

da leiten si'n totsleken nider. 1140 

zehant erschullen msere, 
Kanelengres der wsere 
tötwunt und in dem strite erslagen: 
des wart ein jfemerlichez klagen 
in dem hove und in dem lande. , 1145 

swer sine lügende erkande, 
dem was sin schade von herzen leit. 
si klageten, daz sin frumekeit, 
sin schoener lip, sin süeziu jugent, 
sin wol gelobetiu herrentugent 1150 

so schiere solte an ime zergän 
und ein so früejez ende hän. 
sin friunt der künic Marke 
der klagte in also starke, 

daz er durch nie deheinen man 1155 

so nähe gende klage gewan. 
in weinde manic edel wip, 
manec frouwe klagete sinen lip; 
(31) und swer in ie da vor gesach, 

den erbärmete sin ungemach. 1160 

swaz aber ir aller swa^re 

umbe sihen schaden waere, 

so was ez iemer eine 

sin Blanscheflür, diu reine, 

diu hövesche, diu guote, 1165 

diu mit durnähtem muote, 

mit ougen und mit herzen 

ir herzeliebes smerzen 



114u totsleken nach Hs. M; Hs. H totsiegen; totsiechen, wie nach Hs. W 
und F in der 1. Auflage geschrieben wurde, ist doch gewagt, stehen fiect. 
a,cc. von einem Adj. slec=slac, wie es im Alts, heißt und im Ahd. u. Mhd. 
in der Form stalu stach vorkommt, mit der Bedeutung: schwach, schlaff. 
Wahrscheinlich liatte die Vorlage von M totslahen, welches für siechen ge- 
lesen und worin ch für k genommen wurde, was dem bairischen Schreiber 
nicht fremd war, denn die Form mit k ist als eine bairische nachgewiesen. 
Gottfried schrieb wohl totslachen, was aber nicht in den Text zu setzen ist. 
Zusammensetzungen mit tot bei G. sind toticunt 1143. totsiech 12S7. — 1143 er- 
slagen nicht = nhd. todtgeschlagcn (denn er lebt ja nocli), sondern nieder- 
geschlagen, verwundet; in V. 1675 = nhd. — IHS frumekeit stf., Tüchtig- 
keit, Tapferkeit [Frömmigkeit, pietas jünger]. — 11. i4 klagen trans., hier: 
beklagen. — 1157 tveinen mit acc. =r beweinen. — 11H3 eine adj., öfters in der 
Bedeutung: allein, ganz besonders. — 116(\ dnrnähte (ahd. durulmohti) adj., 
eigentlich: durch und durch genügend, dann : ..vollkommen, aufrichtig. — 
1168 herzeliep stn. s. zu 1107. — 



11. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 49 

beklagete und ouch beweinete 

und aber, do si vereinete 1170 

und si ze klage State gewan, 

so gie si sich mit banden an: 

die sluoc si tüsent stunde dar 

und niuwan dar, da ez ir da war, 

da engegene, da daz herze lac, 1175 

dar tete diu scboene manegen slac. 

sus quelte daz vil süeze wij) 

ir jungen, schoenen, süezen lip 

mit alse klägelicher not, 

daz si einen andern tot, 1180 

der niht von minnen wsere komen, 

do hsete vür ir leben genomen 

und waere iedocb verdorben 

und in dem leide erstorben, 

wan daz si der trost labete 1185 

und der gedingc.iif habete, 

daz si in benamen wolte sehen , 

swie so ez mühte geschehen ; 

und als si in gessehe, 

swaz ir dar nach geschsehe, 1190 

daz si daz allez gerne lite. 

hie friste si daz leben mite , 

unz daz si wider ze sinnen kam 

und in ir trabte do genam, 

wie si in gesehen mühte, 1195 

als ez ir leide tobte. 

Sus kom ir in ir sinne 
umb' eine ir meisterinne, 
{'62) diu si alle zit und alle wege 

haet' in ir lere und in ir pflege 1200 

und si uz ir huote nie verlie: 



inO^vereinen swv. intrans. , vereinsamen, allein sein. — 1172 an gän 
mit aoc, einen angreifen, Hand an einen legen. — 1186 <jedin<je swm. (s. 
9182 außer Reim) , Hoffnung. — /ia>>en swv., pnct. habete [vgl. sich ge- 
haben], halten, vf A. = unserm: aufrecht erhalten. — 1188 swie so Ver- 
stärkung der correl. Conj. (s. zu 34), wie auch dann. — 1196 leide dat. 
von leit 8tn. oder von leide stf.: ihrem Leide taugte, angemessen wäre. 

1197 Unpersönliche Construction : (ez) kam ihr in ihren Sinn (mhd. 
plur.). — 1198 umbe prfep. , in betreff (wie lOCS), wie wenn vorher ein ein- 
ziges Verbuni, etwa gedenken, stünde. — meisterinne (mcistcrin 1215) stf., 
Erzieherin, wie aus dem Folgenden hervorgeht. — 

GOTTFRIED VON STBASSBURO. I. 2. Aufl. 4 



50 11. KIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

die nam si sunder iinde gie, 

da niemen was niwan si zwo, 

und huop ir klage bin z'ir also, 

als si ie täten und noch tuont, 1205 

den ir dinc stät, als ez ir stuont. 

ir ougen über wielen, 

die beizen träbene vielen 

gedibteclicbe und ange 

über ir vil liebtiu wange; - 1210 

ir bende si zesamene vielt, 

fleblicbe si die vür sieb bielt: 

«ach mines libes!« si dö spracb, 

«acb», spracb si «mines libes, acb, 

acb, berzeliebiu meisterin, 1215 

nu tuo mir dine triuwe scbin, 

der vil und wunder an dir ist! 

und Sit du nu so sselic bist, 

daz al min sselde und al min rät 

niwan an dinem rate stät, 1220 

so klage icb dir min berzeleit 

üf alle dine saelekeit: 

dune belfes mir, so bin icb tot.» 

«nu, frouwe, waz ist iuwer not 

und iuwer klägelicbez klagen?» 1225 

«ei, trüt, getar icb dir'z gesagen?» 

«ja, liebiu frouwe, sprechet an!» 

«micb toetet dirre tote man,"! 

von Parmenie Riwalin: 

den ssebe icb gerne, möbte ez sin, 1230 

und weste ich wie icb'z erwürbe. 



1202 sunder adv., liier: abgesondert, bei Seite. — 1206 ir dinc hier Singu- 
lar, ihre Sache, Angelegenheit. — 1209 gedthteclic^ie adv., dicht; vgl. 13054. 

— atige adv., eigentlich: enge (wie iu V. 18201), dicht, öfters wortspieleud 
mit ancltche verbunden; ein Lieblingswort des Dichters. — 1210 wange 
starker Plural statt v-angen. ebenso dat. sing. st. in V. 1304, demnach das 
Wort bei Gr. stn. statt swn. (nhd. sing, stf.) — 1212 ßehliche, fleheltche ady., 
flehentlieh. — 1217 wunder stn. steht öfters gleichsam adverbial, eine 
wunderbare Menge, sehr viel. — 1218 scelic adj. hat hier deutlich die Be- 
deutung: lieb und gut; ebenso scelekeit V. 1222 Gnade, Güte; vgl. zu 578. 

— 1219. 1220 rat in Gottfried's Weise in beiden Versen verschieden: 
1) Eettung, 2) guter Eath, consilium, doch kann auch hier: Hülfe ver- 
standen sein wegen V. 1223. — l226 trut subst. zu trat adj., traut, lieb; 
das Geschlecht wechselt zwischen masc. (V. 1308) und neutr. ; hier in der 
Anrede an ein Weib natürlich neutr. (wie das Lieb , Trautchen) , Freun- 
din. — geturren anom. v. , verst. tiirren, wagen, dürfen. — gesagen = sagen. 

— 1227 sprechet a« = saget an. — 1231 erwerben stv. , erlangen, durch- 
setzen. — 



II. RIWALIN UND BLANSCilEPLUR. 51 

e (lanne er volle erstürbe; 

wan leider ern mac niht genesen. 

mäht du mir dar zuo guot gewesen, 

ich engan dir niemer nihtes abe, 1235 

die wile und ich daz leben habe.» 

Diu meistcriune gedahte do: 
"gestate ich dirre dinge also, 
(33) -svaz mac da schaden gewahsen an? 

wan dirre hälptote man 1240 

der stirbet morgen oder noch: 

so hän ich miner frouwen doch 

gefristet lip und ere 

und bin ir iemer mere 

lieber danne ein ander wip.» 1245 

«trüt frouwe», sprach si «lieber lip, 

iuwer klage ist mir von herzen leit 

und swä ich iuwer arebeit 

mit minem libe erwenden kan, 

da gezwivelt niemer an. 1260 

ich sei selbe gän dar nider 

und in gesehen und iesä wider. 

ich sol die State erkunnen da, 



1232 volle adv. (zu vol), völlig, vollends. — ersterben stv., absterben, über- 
haupt: sterben. — 1234 guot, hier in der Bedeutung: nützlich, hülfreich; 
vgl. 5029. — geioesen. verst. wcsen wegen des erweiterten Keimes wie noch 
V. 44'-7. — I23ö ahe gän mit dat. der Person, gen. der Sache, einem etwas 
versagen; fast dieselbe Wendung in \'. (;'JC>4. — 123(3 unde steht öfters iu 
Vertretung des Relativs, namentlich in dieser Wendung: die Zeit, in der; 
BD lange als; vgl. z. B. 1755. 1870. 11433. 13515. 

123b gextaten in der Regel mit gen. , nhd . gestatten mit acc. — dirre 
dinge gen. pl. ; wir begnügen uns oft mit dem Singular, dinc sing, und pl. 
im Mhd. in Verbindung mit Adjectiven und adject. Pronomen umschreibt 
Substantiva und subst. Pronomina; öfters bieten sich dafür Adverbia. 
Nicht alle diese Wendungen brauchen im Einzelnen berücksichtigt zu wer- 
den; vgl. zu Ttil. — 1239 gewahsen stv., \&x?,t. u-ahsen, erwachsen; vgl. 280. 
— 1241 derselbe Vers 7(555. Die Wendung ist nicht ohne Weiteres zu er- 
klären; steht noch elliptisch für : noch heute? oder ist hier eine bestimmte 
Redensart mit oder auzuuehmcnr=unserm : morgen noch, noch morgen? 
oder ist auch hier der (iebrauch Gottfried's wirksam, die specielle Angabe 
der allgemeinen vorausgehen zu lassen: erstirbt morgen oder (überhaupt) 
noch statt: er stirbt noch, vielleicht schon morgen? vgl. zu 2510. 3039. 
3320. — 1243 fristen swv., hier: Frist geben, erhalten (V. 1192 = nhd). — Irp 
(Leben; und ere (Glück) stellt formelhaft. — 1244 iemer viere s. zu 037. — 
1'_'49 erwenden swv., abwenden. — 1250 gezwit>eln = ziciveln. — 1251 sidn im 
Mhd. das hauptsächl. Hülfsverbum für das Futurum, nhd. vielfach beizu- 
behalten oder zu vertauschen wie hier mit: wollen oder mit: werden. — 
1252 und iesä nider an gän anzuschließen. — 1253 erkunnen swv., kennen 
lernen, erforschen. — state stf., hier überhaupt: die Verhältnisse , die Ge- 
legenheit (in weitcrem Siune), wie wir aucli noch sagen, — 

4* 



52 11. KIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

wie er da lige oder wä, 

und euch der Hute nemen war.» 1255 

sus körn si in den gebserden dar, 
als si sin angest wolte Idagen 
und begünde im tougenliche sagen, 
ir frouwe wolte in gerne sehen, 
daz er ez lieze geschehen 1260 

nach fuogen und nach eren. 
sus begünde si do keren 
mit disen mseren wider dan. 
si nam die maget und leite ir an 
eines armen betewibes kleit. 1265 

ir antlützes Schönheit 
mit dicken risen si verbaut 
und nam ir frouwen an die hant 
und kom ze Riwaline. 

nu hsete ouch er die sine 1270 

al besunder üz getriben 
und was al eine beliben. 
er sagete in allen unde jach, 
einoede wasre sin gemach. 

ouch jach diu meistcrinne, 1275 

si brsehte ein arzätinne, 
und erwärp, daz man si zuo im liez. 
daz sloz si vür die tür do stiez: 
(34) «nu frouwe», sprach si «sehet in!» 

und si, diu schcene, diu gie hin 1280 

und do si im under ougen sach, 
«ach», sprach si «hiute und iemer ach, 
owe daz ich ie wart geborn: 
wie ist min trost alsus verlorn!» 



1257 ah conj., hier: als, wie wenn. — angest (G-eschlecht bei G-. unbe- 
stimmt), hier nicht: Angst in unserm Sinne, sondern: der beängstigende, 
gefahrvolle Zustand, Leid und Schmerz. — 12bd /rouwe swf., hier die eigent- 
liche Bedeutung: Herrin. — 1264 s. zu 1058. — 1265 betewip (you beten, bit- 
ten, betteln"* stn., Bettelweib. — 1267 die Bedeutungen von dicke, dick und 
dicht kommen hier nah zusammen. — rtse fem. (st. u. sw.), Schleier, 
Kopftuch. — verbinden stv. , s. zu 16283. — 1271 al besunder adv. , eigentl. : 
ganz abgesondert, besonders, jedes für sich, hat im Mhd. öfters die Be- 
deutung: jedes einzelne, dann: alle nacheinander. — 1272 al eine, ganz 
einsam, unser: allein. — 1274 eincede (Geschlecht unbestimmt), Einsam- 
keit. — gemach stn. (s. V. 16356), Gemächlichkeit, Buhe (4430), Erholung 
(gemach ist hier nicht und überhaupt nicht: Wunsch, wohl aber steigert 
sich der Begriff zu: Vergnügen; vgl. 15803. 16356; synonym mit fröudc 
15785). — 1278 5^02 stn., nicht: Schüsselschloß, sondern: der beschließende 
Biegel. — stozen stv., hier: schieben. 



II. RIWALIN ÜNJJ BLANSCHEFLUR. 53 

Alsus neic ir dö Rivvalin 1285 

vil küme, als ez dö mohte sin 
von einem totsiechen man. 
ouch sach si daz vil lützel an 
und nam es harte kleine war, 
wan saz et blintlichen dar 1290 

und leite Riwaline 
ir wange an daz sine, 
biz daz ir aber do beide 
von liebe und ouch von leide 

ir libes kraft da von gesweich: 1295 

ir rösevarwer munt wart bleich, 
ir lieh diu kora vil garwe 
von der vil liebten varwe, 
diu da vor an ir libe lac; 

ir klären ougen wart der tac 1300 

trüeb' unde vinster als diu naht, 
sus lac si in der ünmäht 
und äne sinne lange, 
ir wange an sinem wange 

geliche als ob si waere tot. 1305 

nu daz si do von dirre not 
ein lützel wider ze krefte kam, 
ir trüt si an ir arm dö nam 
und leite ir munt an sinen munt 
und kuste in hundert tüsent stunt 1310 

in einer kleinen stunde , 
unz ime ir munt enzunde 
sinn' unde kraft zer minne, 
wan minne was dar inne: 

ir munt der tete in fröudehaft, 1315 

ir munt der brähte im eine kraft, 
daz er daz keiserlichc wip 
an sinen halptötcn lip 



1286 kutne adv. (zu ktiin 850), kaum (aber nicht zeitlich); viL k., nur 
mit großer Mühe. — 129u .>t»7if« stv., sich setzen. — blintlichen adv., blind- 
lings. — 1293 öe/rfe (auch st. flect. bcidiu) — und = engl, both — and, sowohl 
- als auch. — 1290 geswiclifn stv., entweichen, verloren gehen. — 1297 Itch 
rhalton in Leiche) stf., der Leib, dann: körperliches Aussehen, namcnt- 
. !i wie hier: die Gesichtsfarbe, welclie Bedeutung bei G. vorherrscht; 
> u'l. zu 10914. — fjarwe adv. (zu f/(ir adj. 595(;) , ganz und gar, durchaus; 
:,'!. gar adv. 79.'), ber/arirc 7773. — l.'{04 = Ver8 18202. — 1308 an den arm 
lieh an dem arme) =in den Arm (im Arme). — 1310 stunt (auch volle 
rm stunde) stf., hier=:raal, 1311 st:inde=Zeit , Zeitraum. — 



54 II. KIWALIN UND ELANSCHEFLUR. 

(35) vil nähe und innecliclie twanc. 

da nach so was vil harte unlanc, 1320 

luiz daz ir beider wille ergie: 

und daz vil süeze wip enpfie 

ein kint von sinem libe. 

ouch was er von dem wibe 

und von der minne vil nach tot; 1325 

wan daz im got half üz der not, 

sone künde er niemer sin genesen: 

sus genas er, wände ez solte wesen. 

Sus was, daz Kiwalin genas; 

und Blanscheflür diu schoene was 1330 

von ime entladen unde beladen 

mit zweier bände herzeschaden: 

groz leit lie si bi dem man 

unde truoc daz groezer dan; 

si lie da senede herzenot 1335 

und truoc mit ir von dan den tot: 

die not si mit der minne lie, 

den tot si mit dem kinde enpfie. 

und iedoch, swie so si genas, 

in swelher wise so si was 1340 

von ime entladen unde beladen 

so mit frumen so mit schaden, 

sone säch si doch niht anders an 

wan liebe liebe und lieben man. 

weder kint noch tödes ungeschiht 1345 

enwiste s' an ir libe niht: 

minn' unde man wiste s' wol 

und tete, reht' alse der lebende sol 
I und alse der minnende tuot: 
l ir herze, ir sin, ir gernder muot 1350 

lac niwan an Riwaline. 

da wider lac ouch der sine 



1319 twingen stv., zwingen, drücken, wird häufig von der Umarmung und 
vom Kusse gesagt; vgl. 12599. 12669. — 1321 der i(,'<7ie (Wunsch) ergöt (qe- 
schieht, wird erfüllt), eine edele dichterische Wendung für die Erreichung 
des Liebesziels. — 1327 wir sagen: so hätte er nimmer genesen können. 

1329 Sua tt'«s = so war es, so geschah es. — 1339 swie so conj. correl. 
(s. zu 34), wiewohl auch. — l'ii2 fr unte , froine swm. (vgl. 10475, sonst 
auch bei G. stf. 5842), Frommen, Nutzen, Gewinn; vgl. zu 3040. — 134i 
ungescMht stf., Unheil, Missgeschick. — 



II. EIWALIN UND BLANSCHEFLüR. 



55 



aii ii\uucl au ir minnen. 
si lia3teu in ir sinnen 
beid' eine liebe und eine ger: 
sus was er si, und si was er, 
er was ir, und si was sin; 
da Blanscheflür, da Riwalin, 
(3G) da Riwalin, da Blanscheflür: 
da beide j^ da leal amiir.'] 
ir leben was vil gemeine du, 
si wären mit ein ander fro 
und hüllten ir gemüete 
mit vil gemeiner güete. 
und swenne si mit fuogen 
ir State enein getruogen, 
so was ir werltwünne vol, 
so was in sanfte und alse wol, 
daz si enhagten niht ir leben 
iimbe kein küuicriche gegeben. 



Doch werte daz unlauge, 
wan in ir anevange, 
do si allerbeste lebeten 
und in dem wünsche sw^ebeten, 
du komen Riwaline boten: 
Morgan sin vient haete geboten 
ein starke samenung' in sin lant. 
mit disem maere und al zehant 
wart Riwahne ein schif bereit 
und al sin dinc dar an geleit, 
spis' unde ros, daz allez wart 
zohant bereitet an die vart. 



1355 



1360 



1365 



1370 



1375 



1380 



1360 Iml adj. Fremdwort, lat. legalis, ncufr. loyal, treu, innig; deutlicher 
iu V. 37Ö2. — amur (: Blan.-ichejlür) subst. Fremdwort, lat. ainor , Aus- 
sprache =neufr. aiiioi/r. — Die Kürze des a beweist das AVortspiel mit 
litmeir 119itO fg. — 13t!l getneine adj., gemeinsam; das Wort wendet Cr. 
namentlich im -Ji. Theile des Gedichts mit Vorliebe an. — i;{G3 hohen swv., 
erhohen, freudig erheben. — VM\h .u , die Liebenden, ist Subject. — 136G State 
stf., hier speciell : die (Gelegenheit der Zusammenkunft, Umgang. — getragen 
— tragen, enein getragen: vgl. zu 396. — 1368 san/te adv., angenehm, wohl. 
(1370 in der Lesart kein ander {künicrtche , himelriche) ist ander nicht=: 
nhd. ander, sondern das ander der Vergleichung; vgl. zu 6683.) 



1373 allerhexte adv. , am allerbesten. — 1374 wünsch stm. . die höclistc 
Vollkommenheit, Seligkeit. — 1376 gebieten stv., durch Befehl entbieten, 
aufbieten. — 1377 samenungc stf., Versammlung, Heeresmacht. — 1382 an 
rrnr- mit acc.=auf, für. 



56 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUß. 

Diu minnecliche Blanschefluor, 
do si diu leiden mcere erfuor 

umbe den vil herzelieben man, 1385 

alrerste gieng ir kumber an: 
von herzeleide ir aber geschach, 
daz sine gehorte noch gesach. 
ir lieh wart an ir libe 

als einem toten wibe. 1390 

üz ir munde gie niht me 
wan daz vil arme wort «owe!» 
daz eine sprach si und ouch niht me. 
«Owe!» sprach si vil lange «owe! 
owe nu minne und ouwe man! 1395 

wie Sit ir mich gevallen an 
mit also maneger arebeit ! 
minn', al der Averlde unsfelekeit, 
so kurziu fröude als an dir ist, 
so rehte unstsete so du bist, 1400 

waz minnet al diu werlt an dir? 
ich sihe doch wol, du lönest ir, 
(37) als der vil välschäfte tuot: 

din ende daz ist niht so guot, 

als du der wcrlde geheizest, 1405 

so du si von erste reizest 

mit kurzem liebe üf langez leit. 

din gespenstigiu trügeheit, 

diu in so valscher süeze swebet, 

diu triuget allez, daz der lebet: 1410 

daz ist au mir wol worden schin. 

daz al min fröude solte sin, 

da von hän ich nü niht mere 

wan totlich herzesere: 

min trost vert hin und lät mich hie.^) 1415 

In disem klagemsere gie 
ir trütgeselle Eiwalin 

1396 an vollen raii a,cc.^ nhd. mit dat. (vgl. 5213), einem zufallen; hier 
bildlich: Minne und Geliebter werden wie ein Erbe, wie ein unfreiwilliger 
Erwerb aufgefasst, — 1398 unswlekeit stf., Unheil. — 1403 valschaft = 
valschhaft adj. subst. , mit valsch (9579) behaftet, trügerisch. — 1405 [/,<- 
heizen stv. , hier: verheißen. — 1406 reizen (lies reißen wie heißen) swv., 
reizen, locken. — 1408 f/espensiic adj., zauberisch, verführerisch. — 
trügeheit, auch trügenheit stf., Trügerei, Falschheit. — 1414 herzesere stf., 
Herzeleid. 

1416 klagemccre stn., Klagerede [vgl. Klagelied]. — 1417 frut geselle, 
trauter, lieber Freund (vgl. 2835. 3741), hier eher trütgeselle, Trautgeselle 



II. RIWALIN V}iD BLANSCHEFLUR. 57 

mit weinendem herzen in 
und wolte nemen urloup von ir. 
^;frouwe», sprach er «gebietet mir, 1420 

ich sol und muoz ze lande varn; 
iuch, schoene, müeze got bewarn: 
weset iemer sselec unde gesunt!» 
alsus geswant ir anderstuut, 

aber viel si von der herzenot 1426 

vor ime in unmaht und vür tot 
in ir meisterinne schoz. 
der ir getriuwe senegenöz, 
do der daz michel ungemach 

an sinem herzeliebe ersach, 1430 

er leiste ir wol gesellekeit; 
wan er uam sich ir senede leit 
vil innecliche mit ir an. 
sin varwe und al sin kraft began 
an sinem libe swachen. 1435 

nach klägelichen sachen 
gesaz er riuweclichen nider 
und erbeite küme, daz si wider 
(38) und alse vil ze kreften kam, 

daz er si do mit banden nam 1440 

und hielt daz fröudelöse wip 

vil suozecliche an sinen lip 

und kuste ie z' etelicher stunt 

ir wange, ir ougen unde ir munt 

und trüte si sus unde so, 1445 

biz si ze jüngeste dö 



(vgl. tiüthcrre 5860); ebenso trutgesellin 16774. G. liebt die Zusammen- 
setzuugen mit geselle. — 1418 ähnliche Persouification des Herzens in 
V. 116i<6: mit tüteni herzen, in V. 46S0: daz herze lache dar. — 1419 urloup 
8tm., Erlaubniss (zu gehen), Urlaub, dann überhaupt die persönliche Ver- 
abschiedung. — 1420 gebietet mir, Hoflichkeitsformel beim Urlaub und 
Abschied: ich stelle zu Befehl, dann überhaupt: lebt wohl. — li21 ze 
lande, nach dem (Vater-) Lande, heim. — 1424 mir geswindet (stv.), mir 
schwindet das ISewusstsein [nhd. mir schwindelt]. — ayiderstunt adv. acc, 
zum anderninal, wiederum. — 1428 nenegenoz stm., Genosse in der Liebe 
und im Liebesleid, « Leidgenosse ». Simrock. — 14.'U gesellekeit leisten [vgl. 
Gesellschaft leisten], hier: Freundschaft, Liebe bewähren. — 14.36 nach 
prsep., den Umstanden nach, ficmäß. — sache stf. sing. u. pl., oft in Um- 
schreibung gebraucht (wie dinc, vgl. zu 1238). näcli klägelichen sachen, 
wie es in solchen traurigen Verhältnissen und Ausenblicken zu geschehen 
pflegt. — 1437 riuicecÜchr adv. , mit riutve (vgl. zu 1789), schmerzvoll. — 
1438 erbritpii swv., erwarten. — 1442 suozecliche adv., süß, lieblich, mit 
Innigkeit. — 144."» trüte pra;t. von triuten swv., trüt, lieh haben, lieb- 
kosen. 



58 II. KIWÄLIN UND BLANSCHEFLUR. 

ze ir selber kom baz unde baz 
und üfrelit von ir selber saz. 

Nu Blanschefiür ze ir selber kam 
und aber ir friundes war genam, 1450 

si sach in jsemerlichen an: 
«ach», sprach si «sselfger man, 
wie ist mir so leide an iu geschehen! 
herr^, wie hän ich iuch gesehen 
ze so vil maneger herzeklage, 1455 

als ich an minem herzen trage 
von iu, von iuwern schulden '.^ 
getorste ich ez mit hulden 
hin z'iu gereden, so möhtet ir 
friuntlicher tuon und baz ze mir. 1460 

herr' unde friunt, ich hän von iu 
manec leit und vor den allen driu, 
diu toedec unde unwendec sint: 
daz eine ist, daz ich trage ein kint; 
des entruwe ich niemer genesen, 1405 

got enwelle min gehelfe wesen. 
daz ander deist noch merre: 
min bruoder und min herre, 
so der an mir dis ungeschiht 

und ouch sin selbes laster siht, 1470 

der heizet mich verderben 
und lästerliche ersterben, 
daz dritte ist aber diu meiste not 
und maneges erger danne der tot: 
ich weiz wol, obe daz wol ergät, 1475 

daz mich min bruoder leben lät 
und er mich nilit ersterbet, 
daz er mich aber enterbet 
(39) und nimet mir guot und ere. 



1451 josmerlichen adv. , mit Jammer. — 1452 sctlic iu der Anrede 
häufig; vgl. zu 1218. — 145:^ an prsep., hier: durch, von. — 1454 wie adv., 
hier in der Bedeutung: warum [nhd. beschränkter]; vgl. .3136 = nhd. — 
1455 ze prsep. bezeichnet Ziel und Zweck; für: warum habe ich euch 
sehen, kennen lernen müssen, um so manigfachcs Herzeleid davon- 
zutragen , wie ich (wirklich) um euertwillen im Herzen trage. — 1459 ge- 
reden, verst. reden. — 1463 tcedec adj., todbringend. — unwendec adv., un- 
abwendbar. — 1466 Bedingungssatz mit Conjunctiv, nhd. Indicativ : will 
Gott nicht u. s. w. — gehelfe swm. , Mithelfer, Retter. — 1470 laster stn., 
Schmach, Schande. — 1472 lästerliche adv,, schmählich. — ersterben swv., 
sterben lassen, tödten. — 



II. RIWALIN UND BLINSCHEFLUR. 59 

SO muoz ich iemer mere 1480 

unwert und swaches namen siu. 

dar zuo muoz ich min kindelin, 

daz einen lebenden vater hat, 

ziehen äne vater rat. 

und enwölte ich nieraer daz geklagen, 1485 

seit' ich daz laster eine tragen, 

daz min vil hoch geslehte 

und der künic min bruoder mehte 

des itewizes unde min 

mit eren ledec und äne sin. 1490 

swenn' aber alle, die nu siut, 

diu msere sagent, ich habe ein kint 

erworben kebesliche, 

deist disem und jenem riche, 

Kurnewäle und Engelande 1495 

ein offenbseriu schände. 

und ouwe, swenne daz geschiht, 

daz man mich mit den ougen siht, 

daz zwei laut von den schulden min . 

genidert unde geswachet sin, 1500 

so wsere ich eine bezzer tot. 

seht, herre», sprach si «deist diu not, 

daz ist diu wernde herzeklage, 

in der ich alle mine tage 

mit lebendem libe sterben muoz. 1505 

herr', iuwer helfe diu entuoz, 

und got enfüege ez danne also, 

sone wirde ich niemer mere frö.» 

«Trüt frouwe», sprach er do ze ir 
((habet ir deheine not von mir, 1510 

die sol ich büezeu, obe ich mac. 



li-Sl man kann schwanken, ob swac// = niedrig oder ethischer gefasst = 
geschändet ist; ähnlich birgt unser: verachtet den Doppelsinn. — name 
steht hier wohl wieder umschreibend (vgl. zu 1058), awachea namen=: 
swiicli, sonst bezeichnet nmne auch den Stand. — 1484 rät stm. , Beihülfe. 
— vater ist Genetiv. — 1485 'jeklagen, verst. klagen, beklagen. — 1486 eine 
adj., allein. — 1489 itewiz stm. , Vorwurf, Schande. — 1490 äne erscheint 
in solchen Wendungen als unflect. Adjectiv und Synonym von ledic^ frei, 
los [los und ledig]. — 1493 kefeslicfte adv. , nach Art eines Kebsweibes, 
unehelich. — 150(i niiiern swv. , erniedrigen. — sv-adten (vgl, 8299i swv. 
trans., su-ucli machen, beschimpfen. — 1503 wernde, teerende part. adj., 
fortwährend, beständig; vgl. 11678. — 1506 entuoz = entuo^z, entuo ez. 

1511 büezen swv., nicht: büßen, Strafe leiden, sondern: wieder gut 
machen, vergelten; öfters hezzern und i. ; vgl. 5'234. — 



60 II.. EIWALIN UND BLANSCHEFLUK. 

und ouch bewarn vür disen tac, 
daz in durch mine schulde iht me 
leit oder laster üf erste. 

ich hän, swaz her nach süle geschehen, 1515 

so lieben tac an iu gesehen, 
daz ez unbillich wsere, 
ob ir deheine swsere 
(40) mit minem willen soltet tragen. 

frouwe, ich wil iu rehte sagen: 1520 

min herze und allen minen muot, 

leit unde liep, übel unde guot 

und allez daz, daz iu geschiht, 

da von enscheide ich mich niht: 

da wil ich iemer wesen bi, 1525 

swie kumberlich ez danne si; 

und biute iu zweier dinge kür, 

diu leget iuwerm herzen vür: 

weder ich belibe oder var. 

hier under nemet selbe war: 1530 

weit ir daz, daz ich hie beste 

und sehe, wie iuwer dinc erge, 

daz si. geruochet aber ir 

heim unde hinnen varn mit mir, 

ich selbe und allez, daz ich hän, 1535 

daz ist iu iemer undertän. 

ir erbütet mir ez hie so wol, 

daz ich es wol gedenken sol 

mit aller slahte guote. 

swes iu nu si ze muote, 1540 

frouwe, des bewiset mich, 

wan swaz ir weit, daz wil ouch ich.» 



1512 bewarn swv., hier intrans. : abwenden, verhüten. — vür disen tac, 
von diesem Tage an, von nun an. — 1519 mit rrdnern vjillnn = durch m. w., 
um meinetwillen. — 1520 reJite adv. , hier: gerade heraus, aufrichtig. — 
1525 bi wesen , (hülfreich) nahe sein. — 1527 kür stf. , Wahl. — bie- 
ten stv. , anbieten , überlassen. . bieten ein Lieblingswort Grottfried's. — 
1529 weder — oder hier in directem Satze (vgl. zu 340), entweder — oder; 
wir können auch weder sparen. — 1530 war stf., Acht, Aufmerksamkeit. 
xoar we/ne/i^wahrnehmen, hier: mit Aufmerksamkeit beachten. — 1531 bestän 
anom. v. , bleiben. — 1533 geruochen swv. = nhd. geruhen, wünschen, be- 
gehren. — 1537 erbieten mit dat. der Person, acc. der Sache {ez) , einem 
eine (gute oder übele) Behandlung angedeihen lassen, sich einem erweisen ; 
ebenso bieten in V. 1544. — 1541 bewisen swv. mit gen. und acc, belehren, 
bescheiden. 



II. RIWALIN UND ELANS CHEFLUR. Gl 

«Genäde, herre», sprach si dö 
«ir redet und bietet mir'z also, 
als in got Ionen müeze, 1545 

und alse ich iuwer füeze 
iemer gerne suochen sol. 
friunt uude herre, ir wizzet wol, 
belibeus mac hie niht gesin: 

min angest umbe min kindelin 1550 

die enmäg ich leider niht verheln; 
wan möhte et ich mich hin versteln: 
daz wsere nü der beste rät 
nach dem dinge, als ez mir stät. 
friunt herre, dar zuo ratet ir. » 1555 

«nu frouwe», sprach er «volget mir: 
ze naht, als ich ze schifte ge, 
so flieget ir daz, daz ir e 
(-41) vil tougenliche dar sit komen; 

biz daz hän ich urloup genomen, 1560 

daz ich iuch danne vinde 

bi minem ingesinde. 

sus werbet! also muoz ez sin.» 

Mit dirre rede kom Riwalin 
ze Marke und seite im msere, 1565 

waz ime enboten waere 
umb^ sin Hut und umbe sin lant. 
urloup uam er von ime zehant, 
da nach von al den sinen. 

die klageten Riwalinen, 1570 

daz er die klage e nie gesach, 
diu dö und da nach ime geschach: 



1543 (tchikIp stf., aufjer Gnade, Huld aueli wie hier: Dank. — 15J5 a/.<t 
logisch ricbti;.; an also angeschlossen; wir lassen dalür: daß folgen. — 
1Ö46 fg. HöHichkeitsfurmel [vgl. zu Füßen legen. Hand küssen]: innigst 
(in Gedanken fußfiillig) danken. — 15.50 nicht Angst um das Kindlein, 
sondern die (eigene droliende) (Gefahr wegen des (künftigen) Kindleins. — 
1552 van stein öfters zur Eröffnung von Wunschsätzen wie utinain 
(Gr. 4, 7y); wir müssen unser: nur in die Mitte des Satzes nach dem Per- 
sonalpronomen steUen; bei G. selten: vgl. 2590. — 1553— .5.> hier wieder 
wie in V. 1219—20 verschiedene Bedeutung von räf und raten: 1, Eettung, 
Ausweg, 2j helfen. — 1555 friunt herre, nicht //•. h.=fr. unde h. wie in 
V. 1548, sondern = nhd. Herr Freund; herre in dieser Weise nachgesetzt 
ferner: yot h. 1715. 1726. 235S. — 1558 füegen swv. , einrichten, bewerk- 
stelligen. 

1564 Mit prsep. gewinnt öfters die Bedeutung: sogleich nach; vgl. 
hie mite 400. — 1565 muere sagen, eine beliebte Wendung, überhaupt: mit- 
thellen. — 1572 hier do und da, jetzt und hier, nebeneinander. — nach 
v>/je = um ihn. 



62 II. EIWALIN UND BLANSCHEFLÜE. 

manec segeu wart im näcli gegeben, 

daz got sin ere und sin leben 

geruochte in sinem schirme hän. 157.') 

nu ez an die naht begunde gän, 

und er ze sinem schüfe kam 

und al sin dinc dar an genam, 

do vander sine frouwen da, 

die schcßnen Blanscheflür : ie sä 1580 

so wart daz schif gestozen an. 

alsus so fuoren si von dan. 

Nu Riwalin ze lande kam 
und die vil grozen not vernam, 
die Morgan hsete üf in gewant 1585 

mit überkrefteclicher haut, 
sinen märschalc er besaude, 
an dem er triuwe erkande, 
an dem sin meister tröst do lac, 
der aller siner eren pfiac 1590 

über sin liut und über sin lant: 
daz was Eüal li foitenant, 
der eren unde der triuwe ein habe, 
der nie gewancte au triuwen abe: 
der Seite im aller hande, 1595 

als er ez wol erkande, 
waz ängeslicher swsere 
dem lande erstanden waere. 
(42) «doch», sprach er «sit daz ir enzit 

ze tröste uns allen komen sit 1600 

und iuch got wider gesendet hat, 

so sol sin alles werden rät, 

und mugen vil harte wol genesen; 

wir suln nu hohes muotes wesen, 

unser angest sol nu kleine sin.» 1605 



1581 an stozen (elliptiscli an, in, daz ruer) , das Gegentheil vou üz stozen. 
■ — 1586 überkreftecuch adj., übermächtig. — 1590 eines eren (gen. pl.) pflegen, 
ein bestimmter Terminus für die Repräsentation und Stellvertretung in 
der Herrschaft. — 1594 i/eicawc^e = gewankt war. — 1597 ängeülch , auch 
angeslich = anyestlich adj., (ängstlich), gefahrvoll. — 1599 enzit (■= in zit) 
adv., zur Zeit, zu rechter Zeit. — 1602 sin gen. neutr. = es. — rat werden 
mit gen., Eath, Hülfe in einer Sache geschafft werden. — 1603 im Mhd. 
wird oft das Personalpronomen gespart; vgl. 1628. — 1604 hohes inuotes = 
huchgerauot , fröhlichen Sinnes [vgl. gutes Muthes]. — 1605 sol im Gegen- 
satz zu suln (sollen, wollen) in V. 1604 Auxiliar des Futurums = wird. 



II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 63 

Hier under seitc im Eiwalin 
die lieben äventiure 
umbe sine Blanscheliiure. 
des wart er innecliche fro: 

«ich sihe wol, herre», sprach er dö 1610 

«imver ere wähset alle wis, 
iuwer werdekeit und iuwer pris, 
iuwer fröude und iuwer wunne, 
diu stiget als diu sunne. 

irne möhtet üf der erden 1615 

von wibe niemer werden 
so hohes namen als von ir. 
von danne, herre, volget mir: 
habe si wol ze iu getan, 

des sult ir si geniezen län. 16-20 

so wir unser dinc nu genden, 
die not von uns gewenden, 
diu uns nu so ze rucke lit, 
so gebietet eine höhgezit 

wol herlich unde riche: 1625 

da nemet si offenliche 
vor magen und vor mannen z'e. 
und rate zwäre, daz ir e 
ze kirchen ir geruochet jehen, 
da ez pfäffen unde leieu sehen, 1630 

der e nach kristenlichem site: 
da speleget ir iuch selben mite, 
und wizzet weerli'chen daz, 
iuwer dinc sol iemer deste baz 
ze eren und ze guotc ergän. o 1635 

Nu daz geschach, daz was getan, 
daz er des alles voUokam; 



16CH) Hier under adv. (vgl. zu 798) dient öfters zur Anknüpfung iu 
der Erzählung; vgl. z. B. 21*)2. 3(>9S. — 1611 alle wis adv. acc. , auch //* 
•lUe uts 12943, auf alle Weise, in jeder Hinsicht; bei G. häufig. — 1617 na;««^, 
hier: Würde, Ansehen. — 1618 von danne adv., hier causal, verschieden 
von dem örtlichen von dan: deslialb ; von dannen 9362. — 1621 genden = 
'jeenden swv., verst. enden, beenden, zu gutem Ende führen. — 1622 (/e- 
icenden-^wenden ; vgl. 4921. — 1623 ze rucke stm., auf dem Kücken (als 
schwere Bürde); [daraus: zurück]. — 1629 jehen stv. mit dat. der Person 
(ir) und gen. der Sache (der e V. 1631), einem etwas geloben. — ze kirchen, 
rein urtlicli: in der Kirche. Dieses Gelübniss ist aber noch nicht die 
Trauung; vgl. Grimm's Rechtsalterthümer, S, 434 fg. — 1632 scelejrn swv., 
beseligen, beglücken. — 1633 iva-rHclien adv., wahrlich, fürwahr. 

1637 volttkomen stv. mit gen. der Sache, (vollends kommen), etwas 
erreichen ; bei G. meist vollen, seltener vol. — 



64: II. mWALlN UND BLANSCHEPLüB. 

und alse er si dö z'e genam, 
(43) er bevälcli si hant von hande 

dem getriuAven Foiteuande. 1640 

der fuorte si ze Kanoel 

üf daz selbe kastei, 

nach dem sin herre, als ich ez las, 

Kanelengres genennet was, 

Kanel nach Kanoele. 1645 

üf dem selben kästele 

hsete er do sin selbes wip, 

ein wip, diu müot ünde lip 

mit wiplicher staete 

der werlt gewirdet hsete. 1650 

der bevalch er sine frouwen dö 

und scliuof ir ir gemach also, 

als ez ir namen wol gezam. 

Nu Rüal wider zem herren kam, 
do wurden si zwen' under in' zwein 1655 

umbe ir ängest enein," 
alse ez in do was gewant. 
si sanden über al ir laut 
und samenten ir ritterschaft-, 

alle ir State und alle ir kraft 1660 

die kerteu si niwan ze wer. 
alsus komea si mit her 
Morgäne engegene geriten. 
ouch wart ir harte wol gebiten 
von Morgane und von den sinen: 1665 

si enpfiengen Riwalinen 
mit einer herten vehte. 
hei waz da guoter knehte 



1639 hant von hande ferner in Y. 11403, wie von hande ze hande 15038, von. 
Hand zu Hand, aus einer Hand in die andere, d. h. ohne Zwischenperson, 
unmittelbar. — 1650 iverlt dat. — wirden swv. trans. , würdigen, verehren 
[wie unser verehren im Sinne von: darbringen, weihen]. 

1657 ez ist Jiiir (oder auch wie in V. 5121 umbe mich) yeivant (^= ge- 
wendet), eine häufige und auch bei G. sehr beliebte Kedensart, welche in 
der modernen Sprache durch verschiedene Wendungen zu geben ist: es 
hat eine Bewandtniss mit mir, es entspricht meinen Verhältnissen, es ist 
mir angemessen, es gereicht mir, es steht mit mir u. dgl.; vgl. zu 1874. — 
1660 State stf. hat auch öfters die Bedeutung: die augenblicklich zu Ge- 
bote stehende Macht; vgl. zu 7393. — 1661 'keren swv. trans., wenden, ver- 
wenden. — 1664 gebiten part. praet. von bit^n stv. mit gen., auf einen war- 
ten. — 1667 vehte stf., Gefecht stn. — 1668 waz mit gen., hier = wie viel. 
— guoter kneht ist eine Art Terminus, namentlich in Anreden, für : Ritter, 
ohne daß guot eine ethische Bedeutung hat; vgl. zu 5416. — 



il 



II. KIVVALIN UND BLANSCHEFLUR. C5 

gevellet unde geveiget wart! 

wie lützel der da wart gespart! 1670 

wie manic man kom da ze not, 
lind wie vil maneger lac da tot 
und wunt von ietwederm her! 
an dirre veigen läntwer 

wart der vil klageban-e erslagen, 1675 

den al diu werlt wol solte klagen, 
ob klägelichiu swsere 
nach töde nütze waere. 
(44) Kanelengres der guote, 

der ritterlichem muote 1680 

noch herren tugende an keiner stete 

nie fuoz noch halben wanc getete, 

der lac da jsemerlichen tot. 

iedoch in aller dirre not 

körnen die sine über in 1685 

und brähten in mit nceten hin: 

mit maneger klage si'n fuorten dan 

und bestatten in als einen man, 

der minner noch mere 

niwan ir aller ere 1G90 

mit ime do fuorte hin ze grabe. 

daz ich nu vil von ungehabe 

und von ir jamer sagete, 

waz iegelicher klagete, 

waz solte daz? es wsere unnot. 1695 

si wären alle mit im tot 

an eren unde an guote, 

an allem dem muote, 

der guoten Hüten solte geben 

sa^ld' unde ScTledichez leben. 1700 



1669 veigen swv., veiye (1H74) machen, dem Tode weihen, tödten; vgl. zu 
6456. — 1673 teticecler pron. adj., jedweder, jeder von beiden. — 1674 veiffe 
adj., dem Tode geweiht, dann: furchtbar, unglückselig [nhd. feige, f/m/c/^^s 
jünger]. G. liebt das Wort. — lantwer &t{., (Landwehr), abstract : Landes- 
vertheidigung ; vgl. zu 1S77, 1878. — liu-i kla[/eba're ndi. subst., beklageus- 
werth. — 1682 fuo: adv. acc, eine Malobezeichnung, einen Fuß breit; 
▼gl. /uo: treten in V. 7373. Die "Wendung fuoz noch Italien elliptisch 
= (einen) fuoz noch halben (fuoz); vgl. wurt noch halOez in V. 11228. — 
icanc stm. tuen, eine zurückweichende oder seitwärts gerichtete Bewegung 
machen, wanken, weichen, — getete plusquainperf., gethan hatte. In der 
Kegel bei vayi'^ tuon die Pnop. von, hier der Dat., als stünde icanken oder 
wenken , nhd. wanken, weichen von..., entweichen mit dat. — 1686 mit 
nceten, nur mit großer Notb, kaum. — 16s9 ininner noch niere niwan (wan) 
= un8erm: nicht mehr und nicht weniger als. — 1692 ungehabe stf., Leid- 
wesen, Klage. — lt;9ö ?/«>i'j7 = unnothig, aber unnot ist wohl subst. 

r.OTTKRIED VOX STEASSBURG. I. 2. Aufl. 5 



G6 II. RIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

Diz ist geschehe!] , ez muoz nii sin : 
er ist tot der guote Riwalin; 
dane hderet nü niht mere zuo 
wan eine, daz man umbe in tuo, 
als mit rehte umb' einen toten man. 1705 

da enist doch nü niht anders an: 
man .sol und nuioz sich sin bewegen, 
und sol sin got von himele pflegen, 
der edeler herzen nie vergaz ! 

lind Silin wir sprechen vürbäz, J710 

wie ez umb' Blanschefliure kam: 
dö diu vil schcfene vernam 
diu klagebseren meere, 
wie dö ir herzen wsere? 

got herre, daz solt du bewarn, 1715 

daz wir daz iemer suln ervarn. 
ich enhan da keinen zwivel an, 
gewan ie wip durch lieben man 
(45) totlichen herzesmerzen, 

derne wsere ouch in ir herzen. 1720 

daz was tötliches leides vol. 

si bewserte al der werkle wol, 

daz ir sin tot ze herzen gie. 

ir engen diu enwurden nie 

in allem disem leide naz. 1725 

ja, got herre, wie kern daz, 

daz da niht wart geweinet? 

da was ir herze ersteinet: 

dane was niht lebenes inne 

niwan diu lebende minne 1730 

und daz vil lebeliche leit, 

daz lebende üf ir leben streit. 

geklägete s' aber ir herren iht 

mit klageworten? nein si niht: 

si erstümmete an der stunde, 1735 



1704 tuon umbe eirtew= verfahren mit einem. — 1707 beivegen stv. rcfl. 
mit gen., sich eines Dinges (oder auch einer Person) begeben , sich über 
etwas trösten. — 1708 sol im "Wunschsatz : möge. — 1710 vürbaz (baz vür, 
-weiter vorwärts) adv., weiterhin [unser: fürbaß fast nur noch örtlich]. — 
1720 abhängig von V. 1717; die Negation (-ne) steht mhd. nach niht zwiveln 
ähnlich wie im Lat., wo wir nhd. sie sparen; in diesen Fällen mhd. meist 
conj., nhd. indic. — 1728 ersteinen swv., versteinen. — 17.31 lebelich adj., 
im Gegensatz zu tötliches leides in V. 1720, lebendig, lebhaft. — 1732 üf 
prsep., gegen. — 1735 erstummen swv. = verstummen; die Zusammensetznnge» 
mit er- liebt der Dichter. — 



II. EIWALIN UND BLANSCHEFLÜR. 67 

ir klage starp in ir munde; 

ir zunge, ir munt, ir herze, ir sin, 

(laz was allez dö da hin. 

diu schoene enklagete do niht me: 

sine sprach dö weder ach noch we; 1740 

si seig et nider unde lac 

quelnde unz an den vierden tac 

erbärmeclicher danne ie wip ; 

si want sich unde brach ir lip 

BUS unde so, her unde dar 1745 

und treip daz an, biz si gebar 

ein sunelin mit maneger not. 

seht, daz genas und lac si tot. 

Owe der ougenweide, 
da man nach leidem leide 1750 

mit leiderem leide 
siht leider ougenweide! 

Der ere au Riwaline lac, 
der er nach grözen eren pfiac, 
die wile und ez got wolte, 1755 

daz er ir pflegen solte: 
der leit was leider alze groz 
und alles leides übergenoz; 
(46) wan al ir trost und al ir kraft, 

ir tuon und al ir ritterschaft , J760 

ir ere und al ir werdekeit, 
daz allez was do hin geleit. 



1741 iigcn stv., sich niederwärts bewegen, sinken, nider algen^ Verstärkung : 
niedersinken. — 1742 quelnde part. nicht von quelen, queln swv., quälen 
trans., sondern von quelen stv. (quil, quäl) intrans. [nhd. aufgegeben], sich 
quälen, Schmerz erdulden ; vgl. 19390 und zu 5093. — 1743 erbärmeclicher 
compar. adj. (oder adv.), erbarmenswerther. — 1744 stnen lip brechen, wohl 
nicht gleichstehend mit: Bein brechen, sondern activer = sich brechen im 
Sinne: sich krampfhaft krümmen. — 1746 an triben stv., weiter treiben. — 
1748 mhd. Wortstellung lac •sj = nhd. sie lag; vgl. 18555. 

1749 ougenneide stf., überhaupt: Anblick. — llhlmit, zugleich mit. — 
leid*:r adj. compar. — 1752 leider niclit adv. interj., sondern adj. acc. cova- 
^tLr.^= leidere. Noch deutlicher wäre die Steigerung, wenn der Superl. 
leideste stünde. Das leidige Leid (17.iO): Riwalin's Tod. Das traurigere Leirl 
(17.M): Blanschetiur's Tod. Der (noch) traurigere Anblick (1752): Tristan's 
Geburt, die ihn der Mutter beraubte. 

1753 Der relat., ea cujus. — 1757 der demonstr. — 175S übergenoz 
stm., eigentlich der Genosse von höherem Ansehen; abstract und prosaisch 
ausgedrückt: Extrem oder die höhere Potenz; das Wort wird im Mhd. 
ziemlich häufig zu poetischen Vergleichen benutzt. — 1702 hin legen ^ bei 
Seile Irgcn, a-'ifgebon ; hier passivisch: zu Ende sein; vgl. l^fS. — 



()3 II. EIWALIN UND BLANSCHEFLUR. 

siü tot was aber wol lobelicli, 

der ir ze sere erbärmeclich. 

swie schäclelicli diu swsere 1765 

liut' unde lande wajre, 

diu von ir herren tode kam, 

ez euwäs doch niht so klagesam, 

so daz man dise quelende not 

und den erbärmecliclien tot 1770 

an dem vil süezen wibe sach: 

ir jämer unde ir ungemach 

beklage ein ieclicli sselec man: 

und swer von wibe ie muot gewan 

oder iemer wil gewinnen, 1775 

der trahte in sinen sinnen, 

wie lilite misselinge 

an sus getanem dinge 

guoten liuten üf erstät, 

wie lihte ez in ze leide ergät 1780 

an fröuden unde an libe; 

und si dem reinen wibe 

genäden wünschende umbe got, 

daz sin güete und sin gebot 

ir helfe, ir trost geruoche sin! 1785 

und sagen wir umbe daz kindelin, 

daz vater noch muoter haete, 

waz got mit deme getaete. 



1763 vgl. zu 1743. — lohelich adj., löblich, ehrenvoll (als Heldenthat). — 
1768 klaoesara adj., beklagenswerth ; G. liebt die Bildungen mit -savi, vor- 
zugsweise; die Fälle bei ihm und andern Dichtern sind in großer Menge 
zusammengestellt von Haupt zu Engelhard 1185 ; unhöfisch scheinen mir 
diese Adjectiva nicht, sie machen im Gegentheil den Eindruck des Ge- 
wählten; bei G. zumal sind einige, wie dieses klagesam, sicher original, 
seiner ganzen Art angemessen, und Konrad von Würzburg hat es dem 
Meister abgesehen. — 1769 wie das war, daß man u. s. w. ; -wir können 
übersetzen : so wie. — quelende scheint part. von quelen swv. trans., die 
quälende, marternde Noth; es ist aber part. von (^we/ew stv. nach Analogie 
von Mojjende not, partic. prses. act. mit passiver Bedeutung; vgl. Gr. 
4, 65 fg. — 1774 nvaot stm., hier alleinstehend mit der sichern Bedeutung : 
Frohsinn, Freude, Glück. — 1777 misselinge stf., Misslingen, Missgeschick. 
— 1783 genuden gen. pl., abh. von loünschen (sonst bei wünschen der Acc). 
genäde, hier: Segen, gnädige Aufnahme. — si vjünschende = wünsche; im 
Mhd. und insbesondere bei G. beliebte Umschreibung (Gr. 4, 6), günstig 
für den Dichter, in jüngerer Zeit ins Abgeschmackte ausartend; vgl. bei 
G. z. B. 1899. 5501. 13967 und zu 5511. — umbe pr8ep. = bei. 



III. 

RUAL LI FOITENANT, 

Nach Riwalin's Fall bestimmt der treue Kual die Laudcshcrren, mit 
Herzog Morgan Frieden zu schließen. Um Riwalin's und Blanscheflur's 
Söhnlein vor dessen Anschlägen zu sichern, gibt er das Kind für sein 
eigenes aus im Einverständnisse mit seiner Gemahlin Plorsete, welche die 
Wöchnerin spielt und nach der üblichen Frist ihren Kirchgang hält. 
Das Kind empfängt durch Kual in der Taufe den beziehungsreichen 
Namen Tristan. Die sieben ersten Jahre ist Tristan in seiner ]Mutter 
Pflege, dann wird er mit einem Erzieher in die Fremde gesandt, wo er in 
den Sprachen und in allen schönen und ritterlichen Künsten unterrichtet 
wird. Mit dem vierzehnten Jahre nimmt ihn Rual zu weiterer Ausbildung 
wieder nach Hause^ 



Riiiw' imde staetiu triuwe 
nach friuüdes tode ie niuwe, 1790 

da ist der friimt ie niuwe: 
daz ist diu meiste triuwe. 

Swer nach dem friunde riuwe hat, 
nach töde triuwe an ime begät, 
daz ist vor allem lone, 1795 

deist aller triuwe ein kröne, 
mit der selben kröne was 
gekrcenet dö, als ich ez las, 
(47) der marschalc und sin saelec wip, 

die beide ein triuwe unde ein lip 1800 

gote linde der werlde wären, 
des si guot bilde baren 



1789 Riuwe stf., nicht: Reue, sondern : Trauer (über einen Verlust). — 
1790 — 91 das 1. njuice^ erneut, das 2. =fri6ch, unvergänglich. 

1802 den gen. neutr. rel., davon. — bilde stn., Vorbild, Beispiel. — 
bem stv., hier: gewähren. — 



70 HI RUAL LI FOITENANT. 

beidiu der werlde unde gote, 

wan si wol nach gotes geböte 

ganzlicher triuwe wielten 1805 

und ouch die wol behielten 

an' alle missewende 

unz an ir beider ende. 

solt' iemen üf der erden 

von triuwen halben werden 1810 

künic oder künigin, 

benamen daz möhten si wol sin, 

als ich iu von in beiden 

wserliche mac bescheiden, 

wie er gefuor und si gewarp. 1815 

tio Blanscheflür, ir frouwe, erstarp 

und Riwalin begraben was, 

des weisen dinc, der da genas, 

daz gefüor nach ungenäden wol 

als des, der vürbaz komen sol. 1820 

der marschalc und diu marschalkin 

nämen daz kleine weiselin 

und bürgen ez vil tougen 

(den liuten von den ougen. 

si sageten unde hiezen sagen, 1825 

ir frouwe hgete ein kint getragen; 

daz wsere in ir und mit ir tot. 

von der gedri'eten not 

wart aber des landes klage do me; 

ir klage wart aber do me dan e: 1830 

klage, daz Riwalin erstarp, 

klage, daz Blanscheflür verdarp, 

klage ümbe ir beider kindelin, 

an dem ir tröst do solde sin, 



1805 wallen stv. [nhd. swv., im Gebrauch sehr beschränkt] mit gen., pfle- 
gen, besitzen. — 1807 mUsewende stf., (Misserfolg), Tadel, Schande, an' 
alle m. auch ane m. gehört zu den mhd. Formeln; bei Gottfried nur hier. 
— 1810 lialben dat. von halbe swf., Hälfte, Seite, von halben=:von Seiten, 
wegen, durch; vgl. von gotes halben 4128. — 1815 gevarn stv., verfahren, 
handeln. — geiverben, verst. tverben. — 1818 weise swm, (nhd. stf.), der 
Verwaiste. — 1819 gevarn stv., hier: ergehen, ausschlagen. — ungendde 
stf., ungünstiges Geschick, Unglück, nach ungenäden, nicht: zeitlich nach 
dem Unglück, das ihn betroffen, sondern: im Verhältnisse zu dem Un- 
glück seines Verwaistseins gestaltete sich sein dinc, sein Schicksal gün- 
stig. — 1820 als eines solchen, der vürbaz, vorwärts, emporkommen 
soll, dem ein günstiges Geschick bestimmt ist. — 1822 weiselin stn. dimin. 
von vjeise. — 1328 gedrlct part. adj., verdreifacht, dreifach. — 



III. ßUAL LI FOITENANT. 71 

daz daz verdorben wasre. 1835 

zuo aller dirre swaere 
gienc in diu starke vorlite, 
die Morgan an in worhte, 
(48) als nähen alse ir lierren tot. 

wan diz daz ist diu meiste not, 184 

die man zer werlde haben mac, 

swä so der man naht unde tac 

den totvint vor ougen hat, 

daz ist diu not, diu nähen gät 

und ist ein lebelicher tot. 1845 

in aller dirre lebenden not 

wart Blanscheflür ze grabe getragen. 

michel jämer unde klagen 

daz wart begangen ob ir grabe. 

ir muget wol wizzen, ungehabe 1850 

der was da vil und alze vil. 

nune söl ich aber noch enwil 

iuwer oren niht beswaeren 

mit z'erbärmeclichen maeren. 

wan ez den oren missehaget, 1855 

swä man von klage ze vil gesaget; 

und ist vil lützel iht so guot, 

ez enswäche, der's ze vil getuot. 

von diu so läzen langez klagen 

und flizen uns, wie wir gesagen 1860 

umbe daz verweisete kint, 

von dem diu maere erhaben sint. 

Sich treit der werlde sache 
vil ofte z' ungemache 

und aber von ungemache 1865 

?e wider ze guoter sache. 



1835 würken swv. anom., bewirken, verursachen. — 1855—58 wieder Para- 
phrase einer sprichwörtlichen Redensart. — 1857 vü lützel iht, gar wenig 
etwas, d. h. nichts. — 1858 ez'n swache (vgl. zu 947), ohne daß es gering 
werde, abnehme; wir wenden in diesem Falle Relativsatz an: das nicht ab- 
nehme, seine Wirkung verliere, wenn man u. s. w. — 1859 fg. läzen, vlizen 
conj. opt., lassen wir! bemühen wir! die ältere Sprache kann das Personal- 
pronomen entbehren ; vgl. Gr. 4, 206 fg. — 1862 erheben stv., anheben, be- 
ginnen, aber nicht in dem Sinne: von dem früher die Rede war (denn das 
Kind ist ja kaum erst erwähnt), sondern : welches dieses Gedicht veranlasst 
hat, welches der eigentliche Gegenstand des Gedichtes ist. 

ISeii tragen refl., sich wenden, fügen. — der ire7-ldc in der modernen 
Sprache concreter zu geben als in V. 2: der Menschen. 



72 III. KUAL LI FOITENANT. 

Reht' in den noeteu sol der frume, 
ze swelhem ende ez danne kume, 
bedenken, wie sin werde rät: 

die wile und er daz leben hat, 1870 

so sol er mit den lebenden leben, 
im selben trost ze lebene geben, 
als tete der marschalc Foitenant: 
wan ez im ze sorgen was gewant, 
do bedähte er mitten in der not 1875 

des landes schaden, sin selbes tot; 
wan ime diu wer niht tohte 
noch sich mit wer enmohte 
(49) wider den vint gefristen, 

dö friste er sich mit listen. 1880 

er sprach die herren al zehant 

über ällez sines herren lant 

und brähte si ze suone. 

wan in was niht ze tuone 

wan flehen unde sich ergeben: 885 

si ergäben güot ünde leben 

an Mörgänes hulde. 

die häzlifchen schulde 

under Morgäne und under in 

die legeten si mit listen hin 1890 

und nerten ir Hut unde ir lant. 

Der getriuwe marschalc Foitenant 
fuor heim und sprach sin saelic wip 
und bevälch ir verre und an den lip, 
daz si sich iii leite 1895 

nach der gewoneheite, 
als ein wip kindes inne lit, 



1867 fruia adj. subst., wacker, tüchtig; vgl. zu 1148. — 1874 wan = 
wände (Hs. W.), weil, da. — ze wegen des Begriffs der Bewegung in wen- 
den; wir übertragen solche Zusätze bei mir ist gewant (vgl. zu 1657) am 
besten durch ein entsprechendes Adverb : weil es mit ihm besorglich 
stand. — 1877 wer stf., hier abstract: Vertheidigung. — 1878 wer, hier 
concret: Heeresmacht; vgl. 1128 [vgl. unser: Landwelir]. — 1S79 gefrissten 
swv., verst. fristen. — 1880 list öfters im Plural, — 1881 sprechen stv. mit 
acc. der Person, sich mit einem besprechen und berathen; vgl. 1978 und 
zu 9303 (gleichgültiger = nhd. einen sprechen in V. 3939). — 1883 suone 
stf., (Sühne), Versöhnung, Friedensvertrag. — 1888 häzlich , hazlich adj., 
gehässig, feindselig. — schulde stf., hier pl., Verschuldung, Vergehen. — 
1891 neren, nern swv., (nähren), retten. 

1895. 1897 sich in legen, sich zu Bette legen; inne ligen, zu Bette liegen ; 
beides speciell vom Wochenbette gesagt. — kindes gen. wie noch in V. 193U; 
wir sagen: mit einem Kinde; vgl. Gr. 4, 671. 



III. RÜAL LI rOITENANT. 73 

und daz si näcli der selben zit 
jaeh' unde jehende waere, 

daz si daz kint gebsere, 1900 

daz ir juncherre solte sin. 
diu sielige marschalkin , 
diu giiote, diu staete, 
diu reine Flönete, 

diu wibes ere ein Spiegelglas 1905 

und reliter güete ein gimme was, 
diu was des li'hte gemant, 
daz ir doch z'eren was gewant: 
si stalte ir muot und al ir lip 
ze klage und relite alse ein wip, 1910 

diu eines kindes sol genesen, 
si hiez ir kamere unde ir wesen 
stellen unde machen 
ze heinlichen Sachen; 

und wände s' oucli erkande wol, 1915 

wie man hie zuo gebären sol, 
do nam si ir willeklage hier aber 
si geli'chsente groz ungehabe 
(50) an muote unde an libe, 

gelich einem wibe, 1920 

diu ze solhen noeten gät, 

diu al ir dinc gestellet hat 

ze sus getaner arebeit. 

sus wart daz kint zuo z'ir geleit 

vil tougenlichen unde also, 1925 

daz ez vil lützel iemen du 

an' eine ir ammen bevant. 



1901 sin (wesen) suln , meist sin solle, eine Umschreibung, deren Gottfried 
sich öfters bedient für einen Begriff, der zwischen: sein und: nicht sein 
inne liegt; dieser neue Begriff gestaltet sich verschieden, je nachdem das 
Nichtsein in den Verhältnissen oder in der Vorstellung beruht, darum 
öfters in dem einen sin solte scheinbar das Gegentheil vom andern. Hier: 
das Bonst ihr Jungherr, Prinz, sein sollte, gewesen wäre; wir können 
übersetzen: das ('eigentlich» ihr Herr war; vgl. zu 1954. 2210. — 1906 gimme 
(lat. geruiiia) swf. , Edelstein. — 1907 manen swv., mahnen, hier mit gen. 
und der Bed. : um etwas bitten. — 1909 stalte pra;t. von stellen mit acc, 
richten, einrichten, gestalten. — 1912 wesen stu., hier: Leben, Aufenthalt, 
Aufenthaltsort [vgl. Anwesen, Heimwesen]. — 191«; 'jeharen swv., sich be- 
nehmen, sich anstellen. — 1917 hiervon, von ihrer Kenntniss des Kind- 
bettes, nahm sie ab, ahmte sie nach ihre willeklage, ihren freiwilligen, ver- 
stellten Schmerz. — 19 is gHichsenen, gelicfisen swv., heucheln. — 1927 be- 
oinden stv., erfahren. 



74 III. RUAL LI FOITENANT. 

Hie wart ein maere sä zehant: 
diu guote marschalkinne 

la3g' eines sunes inne. 1930 

ez was oiicli war, si tete also: 
si lac des sunes inne do, 
der ir sunlicher triuwe pflac 
unz an ir beider endetac. 

daz selbe süeze kint truoc ir 1935 

als süezliche kindes gir, 
als ein kint siner muoter sol: 
und was daz billich unde wol. 
si leite ouch allen ir sin 

mit muoterlicher liebe an in 1940 

und was des alse staete, 
als ob si in selbe haete 
undör ir brüsten getragen, 
als wir daz maere beeren sagen, 
son' geschäch ez weder sit noch e, 1945 

daz ein man unde ein wip ie me 
mit solber liebe ir herren zugen, 
als wir her nach erkennen mugen 
an disem selben ma?re, 

wie väterliche swser e 1950 

und wie vil manege arebeit 
der getriuwe marschalc durch iu leit. 

Xu daz diu guote marschalkin 
der not genesen solte sin 

und nach ir sehs wöchen, 1955 

als den fröuwen ist gesprochen, 
des suns ze kirchen solte gän, 
von dem ich her gesaget hän, 
(51) si selbe in an ir arm näm 

und truog in suoze, als ir gezam, 1960 



1933 sunlich [nhid. aufgegeben] adj., kindlich. — pflegen mit dat. der 
Person (ir), gen. der Sache (s. tr.), einem etwas gewähren ; vgl. 3733. — 
1934 endetac stm., letzter Tag. Gottfried liebt das Wort ende in Bildungen 
und Zusammensetzungen, — 1936 süezlich adj., süß, zart, innig. — 1946 ie 
ine^ jemals wieder. 

1954 (vgl. zu 1901) hier können wir solte = videbatur , dicebatur bei- 
behalten, um auszudrücken: (im Sinne, nach dem Glauben der Leute) 
wieder gesund war. (Fedor Bech dagegen: o. solte g. s. = nach dem Gang 
der Dinge musste wieder genesen sein«.) — 1956 gesprochen , ähnlich wie 
in V. 535 besprochen, zur Bedingung, zur Pflicht gemacht. — 1957 dieses 
solte stilistisch verschieden von dem in V. 1954; hier: pflichtgemäß sollte, 
musste. — des suns , vgl. zu 1897. — 1958 her adv., bisher. — 



III. ßUAL LI FOITKNANT. iO 

mit ir zem gotes liüse also. 

und als si ir inleite dö 

goteliche hsete eupfangen 

und von opfer was gegangen 

mit schoenem ingesinde, 1965 

do was dem kleinen kiude 

der heilige touf bereit, 

durch daz ez sine kristenheit 

in gotes namen enpfienge, 

swie'z ime dar nach ergienge, 1970 

daz er doch kristen wsere. 

nu daz sin toufaere 

alles sines dinges was bereit 

nach töuflicher gewoneheit, 

er frägete umbe daz kindelin, 1975 

wie sin name solte sin. 

diu hövesche marschalkin gie dan 

und sprach vil tougenliche ir man 

und fragte in, wie er wolte, 

daz man ez nennen solte. 1980 

der marschalc der sweic lange, 

er trahte ange und ange, 

waz namen ime gebsere 

nach sinen dingen wsere. 

hier under so betrahte er 1935 

des kindes dinc von ende her, 

reht' alse er hsete vernomen, 

wie sin dinc allez dar was komen: 

«seht», sprach er «frouwe, als ich vernam 

von sinem vater, wie ez dem kam 1990 

umbe sine Blanschefliure, 



ld62 inleite stf., wörtlich: Einführung (vgl. .-brülleite, swcrtleile), spcciell 
und terminologisch : der erste feierliche Kirchgang der Wöchnerinnen. >— 
1%3 das mhd. Wörterbuch, I, 558 erklärt ^o^eii'c/c^ adv. ethisch: aufgottes- 
fürchtige Weise; ich ziehe vor: (göttlich), christlich, kirchlich, feierlich; 
vgl. zu 15()5y. — enpfangen: mit diesem Kirchgange ist zugleich Einsegnung, 
purißcatio, verbunden; daher die inleite enp/angen. — 1964 op/er stn., die 
Opferung, die übliche Opferspende (nicht die Messe). — 1968 kristenheit 
stf. = Cliri8tenthum. — 1971 kristen adj. (aus christianus, christlich) subst. 
inasc, Christ. — 1972 tovfcerp stm. = Täufer, der die Taufe vollziehende 
Geistliche (das Wort als Beiname des heil. Johannes lebendig und ge- 
läufig, scheint in der vom Diclitcr gebrauchten allgemeinen Anwendung 
auch früher nicht vorzukommen). — 1974 touäich adj., was zur Taufe ge- 
hört; vgl. 202."i. — 19S2 ange adv.. hier: mit sorgfältiger Mühe. — 1983 ge- 
fxrre adj. mit dat. (allein V. 113^8), angemessen; ein Lieblingswort Gott- 
fried's. — 1990 ntir kumet um'ic = e3 ergeht mir mit; vgl. 1711. — 



76 III. RUAL LI FOITENANT. 

mit wie vil maneger triure 
ir gcrnder wille an ime ergie, 
wie si diz kint mit triure enpfie , 
mit welher triure si'z gewan, 1995 

so nennen wir in Tristan. « 
nu heizet triste triure: 
und von der äventiure 
(52) so wart daz kint Tristan genant, 

Tristan getoufet al zehant. 2000 

von triste Tristan was sin nam. 

der name was ime gevallesam 

und alle Avis gebaere; 

daz kiesen an dem niisre: 

sehen wie trüreclich ez was, 2005 

da sin sin müoter genas; 

sehen wie fruo im arebeit 

und not ze rucke wart geleit; 

sehen wie trüreclich ein leben 

ime ze lebene wart gegeben; 2010 

sehen an den trüreclichen tot, 

der alle sine herzenöt 

mit einem ende beslöz, 

der alles todes übergenoz 

und aller triure ein galle was. 2015 

diz maere , der daz ie gelas , 

der erkennet sich wol, daz der nam 

dem lebene was gehellesam: 

er was reht', alse er hiez, ein man 

und hiez reht', alse er was, Tristan: 2020 

und swer nu gerne h^ete erkant, 

durch weihe liste Foitenant 

daz hieze sagen ze maere, 

daz Tristan daz kint wsere 



1992 triure (ferner: äventiure 14383. 1.V793) 8tf.=:<rwrg, Trauer.^ 1997 triste 
franz., schriftgemäß zweisilbig ferner noch in V. 2001. — 2002 gevallesam adj., 
schicklich. — 2004 kiesen stv., sehen, ersehen. kiesen-=kiesen wir, ebenso sehen 
in den folgenden Versen; vgl. zu 1859. — 2005 trüreclich adj., traurig. — 
2013 rnit einem ende verstärkt den Begriif besliezen. — 2015 galle swf. vielfach 
bei mhd. Dichtern bildlich gebrauclit für Bitteres, Böses, Haß u. dgl.; vgl. 
bei Gottfried I29ö(;. 13900 und Zusammensetzungen wie herzegalle 10243, 
zorngalle 141b0, ntt galle 15G90. — 2017 erkennen refl., öfters bei Gottfried: 
einsehen, eine Überzeugung gewinnen [refl. nhd. aufgegeben , doch noch : 
sich auskennen]. — 2018 gehellesam adj., übereinstimmend, entsprechend. 
— 2019 — 20 die Nebensätze mit ahe in prosaischer Übertragung an das 
Ende zu stellen. — 



Hl. RUAL LI FOITENANT. 77 

von der geburteclichen not 2025 

in siner toten muoter tot, 
den sulen wir ez wizzen län: 
ez wart durch triuwe getan. 
der getriuwe tete ez umbe daz: 
er vorhte Morganes liaz: 2030 

ob er daz kint da wiste, 
daz er ez so mit liste 
so mit gewalte verdarbte, 
daz lant an ime entarbte. 

durch daz nam der getriuwe man 2035 

ze kinde sich den weisen an 
und züch ez alse schone, 
daz ime diu werlt ze lone 
(53) der gotes genäden wünschen sol: 

daz verdiente er an dem weisen wol. 2040 

Nu daz daz kint getoufet wart, 
nach kristenlichem site bewart, 
diu tugenderiche marschalkin 
nam aber ir liebez kindelin 

in ir vil heinliche pflege: 2045 

si weite wizzen alle wege 
und sehen, ob ime sin sache 
stüende ze gemache, 
sin süeziu muoter leite an in 

mit also süezem flize ir sin, 2050 

daz si im des niht engunde, 
daz er ze keiner stunde 
unsanfte nider getrsete. 
nu si daz mit im ha^te 

getriben uuz an sin sibende jär, 2055 

daz er wol rede und ouch gebär 



2025 'jefjurteclic/i adj., die Geburt anlangend ; von der Noth bei der (.ieburt, 
infolge der Geburtswehen; vgl. 1974. — 2032 List stm., liier: Hinterlist. — 
2034 pnterbcn swv., hier nicht das gewöhnliche enterben wie in \. 147S: 
des Erbes berauben, sondern: des Erben, des rechtmäßigen Herrn berau- 
ben. — 203() (vgl. zu it67) hier: annehmen (ohne sich) mit acc. ze kinde, 
als Kind, an Kindesstatt. 

2u42 bewarn swv., hier: mit dem Sakrament versehen. — 2045 /lein- 
lich = fiewdicii adj., vertraut, liebevoll; vom Dichter gerne gebraucht. — 
2047 fg. ob sein Befinden ein gemächliches, behagliches sei. — 2uöl gunncn 
swv. anom. mit gen. und dat. = gönnen, doch decken sich beide Wörter 
nicht; hier wäre gönnen nicht am Platze; wohlwollend gestattete sie ihm 
nicht. — 2053 getreten stv., verst. treten. — 2u.iH gebär ist wolil hier die 
äußere Haltung und Umgangsform . wie sie auch dem Kinde schon eigen 
ist, nicht die menschliche Gebärde in unserm Sinne; vgl. 3S14 und zu 8031. — 



78 III. KUAL LI FOITENANT. 

verneinen künde und ouch vernam, 
sin vater, der marschalc, in do nam 
und bevälch in einem wisen man: 
mit dem sant' er in iesä dan 2060 j 

durch fremede spräche in fremediu lant, ' 

und daz er aber al zehant 
der buoche lere an vienge 
und den ouch mite gienge 

vor aller slahte lere. 2065 

daz was sin erstiu kere 
üz siner fri'heite: 
do trat er in daz geleite 
betwungenlicher sorgen , 

die ime da vor verborgen 2070 

und vor behalten wären, 
in den üf blüenden jären, 
do al sin wunne solte erstän, 
do er mit fröuden solte gän 

in sines lebenes begin, . 2075 

do was sin beste leben hin: 
do er mit fröuden blüen began, 
do viel der sorgen rife in an, 
(54) der maneger jugent schaden tuot, , 

und darte im siner fröuden bluot. 2080 | 

in siner ersten friheit 
wart al sin friheit hin geleit. 
der buoche lere und ir getwanc 
was siner sorgen anevanc; 

und iedoch, do er ir began, 2085 

dö leite er sinen sin dar an 
und sinen fliz so sere, 
daz er der buoche mere 
gelernete in so kurzer zit 
dän kein kint e oder sit. 2090 



2063 der buoche lere, zunächst: der Unterricht im Lesen, dann: Wisscn-j 
Schaft. — 2064 einem oder einem dinge mite ffän = init einem gehen, d. h. 
einem folgen, sich nach einem richten (wie V. 3617); Gottfried hat einef 
Vorliebe für diese Wendung. — 2066 kere stf., Wendung, Gang. — '. 
2069 betwungenlich adj., erzwungen, unfreiwillig. — 2070 — 71 Spiel mit vor.[ 
1) vor zu da . davor, vorher. 2) vor zu behalten synon. mit verbergen , be- 
wahren, wie: vorenthalten. — 2083 getwanc stm.. Zwang, Last. — 2085 be- 
ginnen im Mhd. mit gen.; vgl. Gr. 4, 667. — 2089 gelernen swv., verst. 
lernen, erlernen, d. h. überhaupt: lesen, studieren. 



in. RUAL LI FOITENANT. 79 

Under disen zwein lernüngen 
der buoche unde der zungen 
so vertete er siner stunde vil 
au iegelichem seitespil: 

da kerte er späte unde fruo "2095 

sin emzekeit so sere zuo, 
biz er es wunder künde, 
er lernete alle stunde 
hiute diz und morgen daz, 

hiure wol, ze järe baz. 2100 

über diz allez lernet' er 
mit dem schilte und mit dem sper 
behendecliche riten, 
daz ors ze beiden siten 

bescheidenliche rüeren. 2105 

von Sprunge ez freche füeren, 
turnieren und leisiren, 
mit schenkelen sambelieren 
relit' und nc\ch ritterlichem site. 
hie bankete er sich ofte mite. 2110 

wol schirmen, starke ringen, 
wol loufen, sere springen, 
dar zuo schiezen den schaft, 
daz tete er wol nach siner kraft, 
ouch hoere wir diz m^ere sagen, 2115 

ez gelernete birsen unUe jagen 



2091 lernunge stf., Studium. — 2092 zujige swf.=Sprache. — 2093 ver- 
tuoH, aufwenden. — 2100 ze järe, übers Jahr. — 2105 bescheidenliche adv., 
verständig, kunstgcmäli. — rüeren swv., terminus teclmicus in der Reit- 
kunst, zunächst wohl vom Schenkeldruck und vom Sporn genommen; 
allgemein heißt es : antreiben, dann elliptisch und intransitiv: daher spren- 
gen; vgl. V. 873fi; einen an rtteren = ansprengen 6981. An unserer Stelle 
soll wohl gesagt werden , daß Tristan lernte das Eoss nach rechts und 
links zu dirigieren ohne Zügel. — 2106 von Sprunge, im Sprunge, d. h. im 
Hochsprung, nicht im Galop, der eine leichte Gangart ist. — freche adv., 
kühn, dreist. — 2107 turnieren swv., Fremdwort vom franz. tourner, hier 
in ursprüngl. Bedeutung: wenden. — leisieren, laisiren (die Hss. wecliseln) 
Fremdwort vom franz. laissier = laisser, lat. laxare, das Ross mit ver- 
hängtem Zügel laufen lassen. — 2108 sambelieren swv., Fremdwort, mit 
gainba, gainbegla verwandt, dem Rosse die Schenkel (eigentlich das Knie) 
geben; mit schenkelen tritt verdeutlichend hinzu. — 2110 banken = buneken 
9WV., sich erlustigen; vgl. banekie V. 410. — 2111 für schirmen haben wir 
das fremde : parieren eingeführt. — 2113 schuft stra., Lanze (einschließlich 
der Spitze); in V. 9172 = n]id. Speerstange. — 2116 birsen unde jagen , die 
beiden -Tagdarten ; die Wendung steht beinahe formelhaft, birsen, die 
Jagd mit dem Spürhund oder der einsame Jagdgang, und jagen , falls der 
Ausdruck niclit allgemein das Jagen bezeichnet, die Treibjagd. Die dritte 
Art, da: tfizen, die Falkenjagd, wird in Gottfried's Gedichte niemals ge- 
nannt. — • 



80 III. EUAL LI FOITENANT. 

nie kein man so wol so er, 
ez wsere dirre oder der. 
(55) aller liande liovespil r 

diu tele er wol und künde ir vil. 2120 

euch was er an dem libe, 

daz jungelinc von wibe 

nie sseleclicher wart gcborn. 

sin dinc was allez üz erkorn 

beid' an dem muote und an den siten. 2125 

nu was aber diu saelde undersniten 

mit werndem schaden, als ich ez las, 

wan er leider arbeitsaelic was. 

Nu sin vierzehende jär vür kam, 
der marschalc in hin heim dö nam 2130 

und hiez in z'allen ziten 
varen unde riten, 
erkunnen Hute unde lant, 
durch daz im rehte würde erkant, 
wie des ländes site wjere. 2135 

diz tete der lobebsere 
so lobelichen unde also, 
daz in den ziten unde dö 
in allem dem riche 

nie kint so tugentliche 2140 

gelebete alse Tristan, 
al diu werlt diu truog in an 
friundes ouge und holden muot, 
als man dem billi'che tuot, 

des muot niwan ze tugende stät, 2145 

der alle untugende unmtere hat. 



2119 hovespil atn. = Jiöresc?iez spU: gemeint sind die andern, nicht speciell 
ritterlichen, Künste und nobeln Passionen: Gesang, Waldliorn, (Saiten- 
spiel ist schon genannt V. 2094), Schachzabelspiel, Parlieren verschiedener 
Sprachen. — 2128 aröeitscelic adj., «bei steter Mühsal oder durch stete 
Mühsal selig«. Sommer; in einem Worte etwa: leidbeglückt. Ähnliche 
Bildungen mit -scclic vgl. Sommer zu Flore 1753. 

2129 vür Ironien gebraucht Gottfried öfters in verschiedener Bedeutung; 
hier: herankommen; ähnlich in V. 4203 == unserm : auskommen; vgl. zu 
V. 6295. — 2136 lobebcjere adj. subst., lobenswerth, löblich. — 2138 formel- 
hafte öfters vriederkehrende Wendung ; vgl. 2147. — 2142 hier steht in der 
Wendung an tragen mit doppeltem Accus, (vgl. zu 896) wohl in an = an 
2n=dem Dativ inte; vgl. zu 48. — 2l^& unma;re adj., unlieb, unwerth: un- 
moere hän wie liep hän (nhd. auch gerne h., dagegen werth halten); hier 
wegen des auslaut. e die Construction nicht sichtbar; vgl. zu 19160. 



IV. 

DIE ENTFÜHRUNG. 

Zu dieser Zeit landet ein norwegisches Handelsschiff bei Kanoel. Der 
Marschall geht mit Tristan und seinen andern Söhnen nach dem Schiffe, 
um die Waaren zu beschauen und um Einkäufe zu machen. Tristan er- 
blickt in dem Schiffe ein schönes Schachbret hangen und beginnt mit 
einem der Kaufleute ein Spiel. Vater und Brüder begeben sich wieder 
nach Hause, nur Kurvenal, sein Meister, bleibt bei ihm zurück. Die 
Kaufleute finden an dem schönen, hochbegabten und liebenswürdigen 
Knaben solches Gefallen, daß sie ihn zu rauben beschließen. Unmerklich 
wird das Schiff vom Lande abgestoßen. Wie Tristan und Kurvenal diese 
Entführung und den Entschluß der Fremden in Erfahrung bringen, er- 
heben sie laute Klage. Kurvenal darf zurückkehren; in einem Bote fährt 
er wieder heim und berichtet den trauernden und wehklagenden Altern 
den unglückseligen Vorfall. Die Norweger haben einen furchtbaren acht 
Tage währenden Sturm zu bestehen. Sie erkennen darin den Zorn und 
die Strafe Gottes und wollen Tristan an das Land setzen. Darauf be- 
ruhigt sich Meer und Wind. Tristan befindet sich in Kurneval. In ein- 
samer Wildniss sucht er einen Weg und gelangt endlich auf eine Straße. 
Dort gesellt er sich zwei Pilgern zu, mit denen er unter dem Vorgeben, 
er sei aus diesem Lande und habe sich auf der Jagd verirrt, eine Strecke 
zusammen wandert. 



In den ziten unde do 
kom ez von äventiure also , 
daz von Norwaege über se 

ein koufschif unde deheinez me 2150 

in daz hint ze Parmenie kam 
und sin gclende da genam 
und üz gestiez ze Kanoel 



2U9 SorwoE'je st. subst. (Geschlecht unbestimmt), Norwegen; vgl. Nor- 
UMBge Volksname 2400. — 2150 dichterische Wendung für: ein einzelnes 
Handelsschiff; ebenso 74S3 dehein me = einzig, 8597 =nur. — 2152 gelende 
«tn., Landung. — l>153 uz gest6:e>i, verst. u: stozen (V. 478). — 

OOTTPEIKD VON 3TBAS3BUEO. I. 2. Aufl. 6 



82 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

vür Jaz selbe kastei , 

da der märschalc ze staite 2155 

sin wesen üfe haete 
und sin juncherre Tristan, 
nu daz die fremeden köufman 
(56) ir market bieten üz geleit, 

vil schiere wart ze hove geseit, 2160 

waz da koufrätes wpere. 

hier under körnen msere 

Tristande ze unheile: 

da wseren valken veile 

und ander schoene vederspil; 2165 

und wart des maeres alse vil, 

bis zwei des märschalkes kint, 

wan kint der dinge flizec sint, 

under in zwein würden enein, 

daz si Tristanden zuo z'in zwein, 2170 

ir wänbrüoder, nämen 

und an ir vater kämen 

und bäten den behanden, 

daz er in durch Tristanden 

der valken koufen hieze. 2175 

der edele Rüal lieze 

und hsete ez note verlän , 

ez enmüese allez vür sich gän, 

des sin friunt Tristan bsete, 

wan er in werder hsete 2180 

und bot ez baz im einem 

dan aller der deheinem 

von lande od von gesinde. 



2155 se stcete, (in Beständigkeit), für gewöhnlich. — 2161 kou/rdt stm. 
(Vorrath zum Verkaufen), Waare. — 2165 vederspil stn. [vgl. Windspiel],^ 
zur Jagd abgerichtete Vögel. — 2168 ßhec stn mit gen., sich einer Sache 
befleißigen, auf etwas Bedacht nehmen; auch persönlich wie in V. 2185: 
sich jemandem mit Aufmerksamkeit hingeben. — 2171 wänbrüoder stm., 
vermeintlicher Bruder; vgl. vaterwän 4229. — 2172 an einen körnen {siimlich. 
wie einen an k. in V. 1128), wie unser : einen angehen, einem anliegen. — 
1273 behanden ( = bt handen) adv., eigentlich: bei der Hand, sogleich (vgl. 
mhd. zehant, nhd. behend). — 2175 der valken gen. part. — 2176—78 Idzen 
hier synonym mit dem folgenden verläzen, unterlassen. — note adv., mit 
Noth, ungern; das Wort gewissermaßen Negation vertretend gehört auch 
zu lieze; ebenso ez. — nach idn und verlän wird der folgende Satz im 
Mhd. hypothetisch und negativ gewendet. Kual würde nicht im Stande 
gewesen sein, etwas zu lassen und zu unterlassen, was Tristan erbat, ohne 
daß es wirklich ausgeführt wurde (vgl. 6236). Jeden "Wunsch erfüllte er 
ihm. — 2180 werder compar. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 83 

siner eigeneii kinde 

was er so flizec niht so sin. 2185 

dar an tet er der werlde schin, 

wie Yollekomener triuwe er pflac. 

waz tilgende und eren an im lac. 

Er stüont üf unde nam zehant 
sinen sün Tristanden an die hant 2190 

nach vil vaterlichem site. 
sin ander süne die giengen mite 
lind da zuo hovegesindes vil, 
die so durch ernest so durch spil 
in volgeten unz an den kiel 2195 

und swäz iemanne da geviel, 
da in sin wille zuo getruoc, 
des vant er umbe kouf genuoc, 
(57) kleinoede, siden, edele wät: 

des was da rät über rät. 2200 

ouch was da schcene vederspil, 

valken bilgerine vil, 

smirlin und spärwsere, 

habeche (miiz^ere 

und ouch in roten vederen): 2205 

von disen ietwederen 



2186 fg. diese Bemerkung bezieht sich nicht auf die Gegenwart, da das 
eigentliche Verhältniss zwischen Kual und Tristan der Welt verborgen war, 
sondern deutet im voraus auf die künftige Entdeckung des Geheimnisses. 
— 218S liijen an einem ^ häufige mlid. "Wendung, nur durcli Umschrei- 
bung wiederzugeben; hier: sich an einem, bei einem finden; vgl. zu 509S. 
2198 umhe kouf, zum Kaufen, für Geld, feil. — 2199 kleinoede stn., zier- 
liches Kunstwerk, Bijouteriewaare. kl. hier pl., ebenso stden pl., Seiden- 
stoffe; vgl. zu 667. — wdt, hier collectiv : Garderobe. — 2202 hilgerin (lat. 
peregrinus. franz. pelerin) atm., hier wohl in directer Entlehnung adjecti- 
viech: valken pilyenne pl. gen. von vil abh., falcones peregrini , "Wander- 
falken. (Xuch pilgrimealke kommt vor.) — 2203 smirlin (falco smirillusy 
franz. emcrillon) stn. (hier pl.), Lerchenfalke. — 2204. 2205 die Klammer 
soll die Apposition zu den vorhergehenden Vogelnamen andeuten (nicht 
bloß auf habeche zu beziehen). Von zweierlei Art waren die zum Verkauf 
ausgestellten Vögel: müzuere stm. pl., Maußer, d. h. die die Maußer über- 
standen haben, also ausgewachsene, und zweitens welche in rothen Federn, 
also noch junge (s. Bech in Pf. Germania 7, 437). Heinrich Mynsinger in 
seinem Buch von den Falken, Pferden und Hunden schreibt im 2. Kapitel 
(S. 4): So ist dunckelfar der schwantz (bei den Falken), vnd darnach an 
der prust vnd an den andern stetten , so int er oeech , Also das ain taile, 
besunder in dem ersten Jar , ist gestreiffeit schwartz, vnd das ander iail 
üunkelrotr , vnd darnach so wirf die selb rotte von Jar zu Jar ije weißer nach 
dem vnd sich der falck ije vier maußet. — 2206 hier Plural von ietweder, von 
beiden Arten; Haupt zu Erec (2. Ausgabe) 8371 bezieht ietwederen nicht 
auf die Maußer und die rothgefiederten , sondern nimmt das Wort in all- 
gemeinerer, nicht auf zwei beschränkter Bedeutung: jeder, all, was aller- 
dings hier vorzuziehen ist. Der Ausdruck bezieht sich also wie die Be- 
merkung in der Klammer a-'if alle vorhergenannten Vogelarten. — 

6* 



84 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

vaiit man vollen market da. 

Tristande hiez man koufen sä 

valken unde smirli'n. 

die sine bruoder solten sin, 2210 

den wart gekoufet ouch durch, in. 

man gewan in allen drin, 

swes iegelicher gerte. 

Nu man si do gewerte 
alles, des si wolten, 2215 

und dannen keren solten, 
von äventiure ez do geschach, 
daz Tristan in dem schiffe ersach 
ein schächzäbel hangen, 

an brete und an den spangen 2220 

vil schöne und wol gezieret, 
ze wünsche gefeitieret. 
da bi hienc ein gesteine 
von edelem helfenbeine 

ergraben wol meisterliche. 2225 

Tristan der tugenderiche 
der sach ez flizeclichen an. 
«ei», sprach er «edelen köiifmän, 
so helfe iu got! und kunnet ir 
schächzäbelspil? daz saget mir!» 2230 

und sprach daz in ir zungen. 
nu sähen si den jungen 
aber noch flizeclicher an, 
do er ir spräche reden began, 
die lützel iemen künde da. 2235 

sus begünden s' an dem jungen sä 
merken elliu siniu dinc. 
nu gediihte si nie jungelinc 



2210 sin suln hier = nhd.; hauptsächlich noch in Mundarten der bestimmte 
Ausdruck für : vorstellen (ebenso in V. 13534 : das sein Bette in der "Vor- 
stellung des Traumes war); vgl. zu 1901. 

2214 geweren^ gewern mit acc. der Person, gen. der Sache = einem 
etwas gewähren. — 2219 schächzäbel (aus lat. tabula, Zwillingswort von:. 
Tafel) stn., Schachbret. — 2223 ein gesteine stn., collectiv für: Steine, die 
zum Brete gehörigen Spielfiguren. — 2225 ergraben part., eingegraben, 
graviert, geschnitten; der Ausdruck ist allgemein : wahrscheinlich soll bloß 
die kunstvolle Schnitzerei angedeutet werden, nicht die Gravierung der 
Details. — meisterliche adv., meisterhaft, künstlerisch. — 2227 flizeclichen 
adv., (fleißig), aufmerksam. — 222'^ so helfe iu got! (auch öfters gekürzt wie 
einmal in der Hs. M. seif iu got), häufiger Zuruf der Überraschung = wahr- 
haftig! bei Gott! oderunserm: wohlan! entsprechend; vgl. 4656. — 2238 ge- 
dunken anom. v., verst. dünken. — 



IV. DIE ENTFÜHRU>IG. 85 

(58) so saelecliche sin getan 

noch also schcene site hän. 2*240 

«ja», sprach ir einer «friunt, ir ist 

under uns genuoc, die disen list 

wo\ kimnen; wellet ir'z besehen, 

so mag ez harte wol geschehen: 

wol her, so wil ich iuch bestän!» 2245 

Tristan der sprach: «daz si getan!» 

sus säzen si zwen' über daz spil. 

der marschalc sprach: «Tristan, ich wil 

wider üf ze herbergen gän; 

wil du, du mäht wol hie bestän. 2250 

min ander süne die gen mit mir; 

so si din meister hie bi dir, 

der neme din war und hüete din.») 

Sus gie der marschalc wider in 
und sin Hut al gemeine 2255 

wan Tristan al eine 
und sin meister, der sin pflac, 
von dem ich iu wol sagen mac 
vür war, als uns diz m?ere seit, 
daz knappe nie von hövescheit 2260 

und von edeles herzen art 
baz noch schöner gedelt wart; 
und was der Kurvenal genant, 
er hsete manege tugende erkant, 
als er dem wol ze lere kam, 2265 

der ouch von siner lere nam 
vil manegiu tugentlichiu dinc. 
der tugentriche jungelinc, 
der wol gezogene Tristan 



2243 beseh'^n stv., versuchen, erproben. — 2245 wol her adv. inteij., wie 
unser: wohlan! wohlauf! bei Gottfried öfters auch wol hin z. B, 3077. — 
2249 herberge stf. öfters im Plural; ze h. nach Hause; vgl. 1S409. — 
2252 meister stm., hier im Sinne von : Lehrmeister , Hofmeister. 

2255 gemeine hier adv, wie in V. 11613. al gem., eigentlich : durchaus 
gemeinsam; zusammen. — 2260 hövescheit (= Höfischheit) stf., feiner An- 
stand; Übertragung von courtoisie. — 2263 der nicht Artikel zu Kurvenal, 
aondem deraonstr. dieser, derselbe [nhd. und der war]; vgl. 3909, 16653. 
Gr. 4, 405. — 2264 tugent ist auch das, was zu einer guten Erziehung ge- 
bort; vgl. zu 11164. — 2265 aia vertritt hier Relativbegriff von ttigent abh.: 
mit welcher er demjenigen als Lehrer trefQich half, der u. s. w. — 2266 m- 
me» 8tv,, hier: annehmen, lernen; vgl. 3290. — 



86 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

saz undc spilte vür sich an 2270 

so schöne und so hofliche, 
daz in gemeinliche 
die fremeden aber an sähen 
und in ir herzen jähen, 
j sin' gessehen nie deheine jugent 2275 

gezieret mit so maneger tugent. 
swaz fuoge er aber an der stete 
mit gebserden oder mit spil getete, 
(59) daz was in da wider alse ein wiut: 

si nam des wunder, daz ein kint 2280 

so manege spräche künde: 

die fluzzen ime ze munde, 

daz si'z e nie veruämen, 

an swelhe stat si kämen. 

der hövesche hovebsere 2285 

lie siniu hovemssre 

und fremediu zabelwortelin 

underwilen fliegen in: 

diu sprach er wol und künde ir vil, 

da mite so zierte er in sin spil. 2290 

euch sang er wol ze prise 

schanzüne und spsehe wise , 

refloit und stampenie. 

alsolher cürtosie 



2270 vür sie fi, nicht: still für sich , sondern: vorwärts, weiter; vgl. 10124, — 
an spiln (wie ansetzen, anheben), zu spielen beginnen, welche Function 
an namentlich bei Gottfried öfters hat. Tristan setzte sich (wieder) und 
begann weiter zu spielen, weil das Spiel durch Eual's Anaprache und 
Weggang unterbroclien worden war. — 2271 hofliche, hoveliche adv., hof- 
gemäß, artig, — 2272 gemeinliche adv., gemeinsam, zusammen. — 221b jugent 
stf., hier abstract für: Jüngling; ebenso V. 3126 in der Anrede; dem Fran- 
zösischen nachgebildet in Y. 3139. — 2279 da wider, nämlich gegen die 
im Folgenden erwähnte Sprachfertigkeit. — alse ein wint , poetische For- 
mel für: wie ein Xichts, gering und unbedeutend. — 2282 ze munde ■= im. 
Munde, dann dem Sinne nach := unserm : vom Munde. — 2285 hoveboei-e 
adj., höfisch, gesittet. — 2286 hovemoere stn. , Hofrede, feine Auadrucks- 
weise. — 2287 zabelwortelin stn., zierlicher Schachausdruck. — 2290 in dat. 
pl., für sie. — 2291 ze jjrise , mit dem Erfolg des Preises, lobenswerth, 
trefflich. — 2292 schanzüne pl. von schanznn (bei Gottfried nur im PL) stf., 
Fremdwort, franz. chanson, Gesang, Lied, wahrscheinlich im Gegensatz zu 
spa;he vAse von einfachem Bau. — wise stf., gemeinhin: die Tonweise, Me- 
lodie; hier liegt der Nachdruck auf spcehe adj., kunstvoll. — 229;! ri^ttoit 
stn., Fremdwort, altfranz. reßet. mittellat. reflcctum, eine Liedergattung, ohne 
Zweifel mit Kefrain ; vgl. zu 19216. — stampenie stf., Fremdwort, altfranz. 
estampie, eine Liedergattung heitern Inhalts, gewöhnlich zur Fiedel ge- 
sungen; bei Hans Sachs heißt eine schwankähnliche Dichtung noch Stam- 
paney. — 2294 cürtosie (nach den ältesten Hss. statt cürtolsie) stf., Fremd- 
wort, courtoisie, hofgemäßes Benehmen. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 87 

der treip er vil und so vil an, 2295 

biz aber die werbenden man 

ze rate wurden under in: 

künden si in iemer bringen hin 

mit deheiner slahte sinnen, 

si möhten sin gewinnen 2300 

grözen frumen und ere. 

und biten ouch do niht mere, 

si gebüten ir ruodergeren, 

daz si bereite wseren, 

und zugen si selbe ir anker in, 2305 

als ez der rede niht solte sin. j 

si stiezeii an und fuoren dan: 

so lise, daz es Tristan 

noch Kurvenal nie wart gewar, 

unz si si hseten von dem var 2310 

wol eine groze mile bräht. 

wan jene die wären verdäht 

an ir spil so sere, 

daz si do nihtes mere 

niwan ir spils gedähten. 2315 

Nu si'z do Yollebrähten, 
so daz Tristan daz spil gewan, 
und er sich umbe sehen began, 
(60) do sach er wol, wie"z was gevarn. 

DU gesähet ir nie muoterbarn 2320 

so rehte leidegen als in: 

üf sprang er und stuont under in, 

«ach», sprach er cedelen köufmän, 

durch got waz get ir mit mir an? 



2296 werben, hier: Handelschaft treiben, die w. ?«., die Kaufleute. — 

2297 ze rate werden, übereinkommen. — 2299 sin und namentlich pl. sinne 
hat wie hier öfters die Bedeutung von unserm : List-, vgl. 9110 und zu 
ISSf^S. — 2300 sin=ies, damit, dadurch. — 2306 wie wenn es etwas Gleich- 
gültiges wäre. — 2307 an stozen hier intransitiv und doppelt elliptisch 
(vgl. zu 15>*1), entspr. unserm: in See stechen wie in V. 115:35; dann auch 
von den Schiffen, die als lebende Wesen gedacht werden, selbst gesagt in 
V. 11^79. — 2309 nie, öfters verstärkte Negation: durchaus nicht. — 2310 var 
8tn., Fähre, Landungsplatz. - 2312 verdä/ä part. adj., (in Gedanken) ver- 
tieft. — 2319 .';^rarn = gegangen , geschehen. — 2320 viuoterharn stn., 
(Mutterkind), häufige Umschreibung für: Mensch, jemand [vgl. Menschen- 
kind]. — 2321 leidec adj., in Leiden, schmerzvoll. — 2322 stan = üich. 
stellen, treten; under in alsdann = unter sie. — 2324 an fjän mit einem = 
anfangen mit einem. — 



88 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

saget, wä wellet ir mich hin? 2325 

«seht, friunt», sprach einer imder in 

«diz enmäc nu niemän bewarn, 

ir enmüezet hinnen mit uns varn. 

gehabet iuch wöl und sit fro!« 

Tristan der arme der huop dö 2330 

so jsemerlichez klagen an, 

daz Kurvenal sin friunt began 

mit ime von herzen weinen 

und solhe klage erscheinen, 

daz al daz kielgesinde 2335 

von ime und von dem kinde 

unmuotic wart und sere unfro. 

Kurvenälen säzten si do 

in ein vil kleine schiffelin 

und leiten züo z'ime dar in 2340 

ein ruoder unde ein kleine brot 

ze der verte und ze der hungers not 

und sprächen, daz er kerte, 

swar in sin muot gelerte; 

Tristan der müese hin mit in. 2345 

mit der rede si fuoren hin 

und liezen in da swebenden, 

in manegen sorgen lebenden. 

Kurvenal swebete üf dem se. 
in manege wis so was im we: 2350 

we umbe daz michel ungemach, 
daz er an Tristande sach; 
we umbe sin selbes not, 
durch daz er vörhte den tot, 

wan er niht varen künde 2355 

noch es nie da vor begunde. 
und klagende sprach er wider sich: 
«got herre, wie gewirbe ich? 
(61) i-ne wärt alsus besorget nie. 



2325 Verbalellipse, zu ergänzen: thun oder bringen [nhd. noch: wo wollt 
ihr mit mir hin?]; vgl. Gr. 4, 135 fg. — 2334 erscheinen swv., sehen lassen, 
zeigen, äußern. — 2341 für das Bedürfniss des Hungers, also: für den 
Hunger. — 2347 läzen häufig mit dem Part., statt mit dem Inf. verbunden, 
gewöhnlicher mit dem Part, prast. als prses. ; diese Construction in der 
Regel bei ■oinden und sehen; vgl. Gr. 4, 126. 

2359 besorget sin, werden stärker als unser: besorgt sein; in Ängsten 
sein. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 89 

nu bin ich äiie liute hie 2360 

und kan ouch selbe niht gevarn. 

got herre, du solt mich bewarn 

und min geverte hinnen sin! 

ich wil üf die genäde din, 

des ich nie began, beginnen: 2365 

wis min geleite hinnen!» 

hie mite greif er sin ruoder an: 

in gotes namen fuor er dan 

und kom in kurzer stunde, 

als es im got gegunde, 2370 

wider heim und seite msere, 

wie ez gevaren wsere. 

der marschalc und sin sselic wip, 

diu beide leiten an ir lip 

so jaemerliche klagenot, 2375 

und wsere er vor ir ougen tot, 

daz in diu selbe swsere 

niht näher gangen waere. 

sus giengen si do beide 

in ir gemeinem leide 2380 

und al ir ingesinde 

nach ir verlornem kinde 

weinen üf des meres stat. 

manec zünge da mit triuwen bat, 

daz got sin helfe wsere. 2385 

da wart manc klagemsere: 

ir klage was sus, ir klage was so; 

und alse ez an den äbent do 

und an ein scheiden muose gän, 

ir klage, diu e was undertän, 2390 

diu wart dö gar einbsere: 

si triben da niwan ein msere, 



2363 ijeeerte swm., hier im poetischen Ausdrucke ursprüngliche Bedeutung: 
Gefährte, Mitfahrender zugleich mit dem Anklänge an: Fahrender, Steuer- 
mann; deutlicher geleite swm., Führer. — 236(> hinnen adv. = von hinnen, 
von hier weg; vgl. 10737. — 2370 gegunnen anom. v. mit dat. und gen., 
verst. gunnen: wie es Gott über ihn verfügte. — 2375 klagenot stf., schmerz- 
liche Trauer. — 2383 stat stm. u. stn. (nach vorwiegenden Lesarten bei 
Gottfried stn.), gen. Stades, Gestade, Ufer. — 23"^.'S ?ielfe vielleicht nicht 
stf., Hülfe, sondern swm., Helfer (vgl. gdielfe in V. 1466), was sich an ge- 
leite in V. 23»U; gut anschließen würde. — 2390 undertän part., eigentlich 
dazwischengethan , untermischt, verschieden. — 2391 einbcere adj., ein- 
hellig. — 



^0 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

si riefen hie, si riefen dort 

niht anders wan daz eine wort: 

«beäs Tristant, cürtois Tristant, -2395 

tun cors, ta vie a de comant! 

din schcener lip, din süeze leben 

daz si hiute gote ergeben!» 

(62) In disen dingen fuorten in 

die Nörwsegen allez hin 2400 

und haeten ez also bedäht, 

si hseten an im voUebräht 

ir willen allen unde ir ger. 

do widerschuof ez allez der, 

der elliu dinc beslihtet, 2405 

beslihtende berihtet , 

dem winde, mer und elliu kraft 

bibendo sint dienesthaft. 

also der wolte und der gebot, 

do huqp sich ein so michel not 2410 

von stürmwetere uf dem se, 

daz si alle samet in selben me 

enmohten niht ze staten gestän, 

wan daz si ir schif et liezen gän, 

dar ez die wilden winde triben 2415 

und si selbe äne tröst beliben., 

umbe ir lip und umbe ir leben: 

si hseten sich mitalle ergeben- 

an die vil armen stiure, 

diu da heizet äventiure: 2420 

si liezen ez an die geschiht, 

weder si' genseren oder niht, 



2395 beäs (auch beä oline Unterschied der Function in V. 10721) adj., lat. 
bellus, franz. beault, beau. — curtois adj. = neufr. courtois. — 2396 cors 
= Corps. — a de = ä dien, ■ — vie (lat. vita) = neufi., doch ie wohl nicht 
= i, sondern Diphthong mit hörbarem e, also = mhd. ie; vgl. 19218. — 
comant = covimendand . .mit Ellipse des Hülfsverbs. 

2399 In (auch unter) disen dingen, öfters wiederkehrende "Wendung: 
währenddem (unterdessen). — 2400 Norwoege swm. , der Norweger. — 
2401 hccten indic. — 2402 hceten conj. — 2404 widerschaffen stv., entgegen- 
wirken , rückgängig machen. — 2405 beslihten swv., schlichten, ausglei- 
chen. — 240fi berihten swv., einrichten, ordnen. — 2408 dienesthaft adj., 
untergeben, ergeben, gehorsam. — 2407. 2408 Keminiscenz an Matth. 8, 27. — 
2413 ze staten gestän mit dat. {in selben ^=%\c\\. selbst), häufige Kedewendung 
[vgl. zw Statten kommen] , einem zu Hülfe kommen, helfen. — 2419 stiure 
stf. kommt hier der Bedeutung: trost nahe. — 2421 geschiht stf. öfters = 
äventiure (vgl. zu 735), Zufall; vgl. von geschihte 2569. — läzen an einen 
oder an eleu-., einem überlassen, einem anheimgeben; vgl. 10651. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 91 

wände ir dinges was nie nie, 
wan daz si mit dem wilden se 
üf als in den himel stigen 2425 

und iesä wider nider sigen 
als in daz äpgründe. 
si triben die tobenden ünde 
wilen iif und wilen nider , 

iezuo dar uud iesä wider. 2430 

ir aller keiner künde 
noch enmohte deheine stunde 
üf sinen füezen gestän. 
alsus so was ir leben getan 

wol ahte tage und ahte naht. 2435 

hie von so haeten s' alle ir mäht 
vil nach verloren unde ir sin. 
nu sprach ir einer under in: 
(63) «ir herren alle, semir got, 

mich dunket, diz si gotes gebot 2440 

umb' unser angeslichez leben: 

daz wir so küme lebende sweben 

in disen tobenden ünden, 

deist niuwan von den Sünden 

und von den üntriuwen komen, 2445 

daz wir Tristanden hän genomen 

sinen friunden roupliche.» 

«ja», sprächen s' al geliche 

«sich, du hast war, ez ist also.» 

Hie mite berieten si sich do: 2450 

möhten si stille vinden 
an wazzer unde an winden, 
daz si ze Stade gestiezen, 
daz si in vil gerne liezen 

friliche, swar er wolte, gän. 2455 

und iesä, dö diz was getan, 



'Ji'il apffründe stn., Abgrund, insbesondere die Hölle (Gegensatz von hiinel 
2425). — 2428 und« 8tf. = lat. rmrla., Welle, Woge. — 243« 7naf>f stf., Kraft 
ivgl. Ohnmacht] ; vgl. dOl'S. — 2447 roupliche adv., räuberisch. — 2448 al 
etliche adv., (ganz gleich), gemeinsam, zusammen; in der Bedeutung zwi- 
schen al gdiclte und alle (pl. aubst.) yelxche meist kein Unterschied. — 
2449 war /m6«n = recht haben. 

24r)l stille stf. [nhd. beschränkt], Ruhe. — 2455 friliche ^diX.. frei, un- 
oehindert. — 



92 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

daz diz ir aller wille wart, 
do wart ir kumberlichiu vart 
gesenftet an der stunde: 

wint imde wac begunde 2460 

sich sä zerlcesen und zerläu, 
daz mer begunde nider gän, 
diu sunne schinen liehte als e. 
hie mite entbiten s' ouch do nime, 
wan der wint haete si geslagen 2465 

innerhalp den ahte tagen 
in daz länt ze Kurnewäle 
und wären ze dem male 
bi dem Stade so nähen, 

daz si bereite sähen, 2470 

und stiezen üz ze lande aldä. 
Tristanden nämen si sä 
und sazten den üz an daz lant 
und gäben ime brot an die hant 
und ander ir spise ein teil. 24-75 

«friunt», sprächen si «got gebe dir heil 
und müeze dines libes pflegen!» 
hie mite so buten s' im alle ir segen 
(64) und kerten iesä wider dan. 

Nu wie gewarp do Tristan? 2480 

Tristan der eilende? ja 
da saz er unde weinde aldä; 
wan kint enkunnen anders niht 
wan weinen, alse in iht geschiht. 
der tröstelose eilende 2485 

der vielt üf sine hende 
^ ze gote vil innecliche: 

«ei», sprach er «got der riche, 

so riche du genäden bist, 

so vil so güete als an dir ist, 2490 



2459 senften swv., hier: besänftigen, beruhigen. — 2461 zerlassen swv. refl., 
sich auflöeen , aufhören. — 2464 nime (aus nie me, aber verschieden von 
diesem) adv., nicht mehr, nicht länger. — 2468 vgl. zu 661. — 2469. 2470 so, 
hier verstärkend [vgl. alsobald, alsbald, sogleich] und das folgende daz 
relat. — bereite adv., hier: nahe. 

2481 eilende adj. und adj. subst., hier in der eigentlichen Bedeutung: 
von der Heimat entfernt, fremd; öfters streift der Begriff bei Gottfried an 
den heutigen an : verlassen , elend. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 93 

vil süezer got, so bite ich dich, 
daz du genäde wider mich 
und dine güete noch begast, 
Sit daz du des verhenget hast, 
daz ich alsus verfüeret bin; 2495 

und wise mich doch noch da hin, 
da ich bi liuten müge gesin. 
nu warte ich allenthalben min 
und sihe niht lebendes umbe mich, 
dise groze wilde die fürht'ich: 2500 

swar ich min ougen wende, 
da ist mir der werlde ein ende; 
swä ich mich hin gekere, 
dane sihe ich ie nimere . 

niwan ein toup gevilde 2505 

und wüeste unde wilde, 
wilde velse und wilden se. 
disiu vorhte tuot mir we; 
über daz allez so fürht'ich, 

wolv' unde tier diu frezzen mich, 2510 

swelhen ende ich kere. 
ouch siget der tac sere 
gegen der äbentzite. 
swaz ich nu me gebite, 

daz ich von hinnen niht engän, 2515 

daz ist vil übele getan: 
ich enile hinnen balde, 
ich benähte in disem walde 
(65) und wirt min danne niemer rät. 

nu sihe ich, daz hie bi mir stät 2520 

hoher velse und berge vil: 



2495 terfüeren swv., irre führen [vgl. verschlagen]. — 2498 tvarten swv., 
sich umschauen, umherijlicken. — irdn gen. nicht abh. von warten (wel- 
ches auch den Gen. nach sich hat wie in V. 13679), sondern von allent- 
halben adv. : auf allen Seiten von mir, überall um mich her; vgl. 11189. — 
2500 wilde stf., "Wildniss. — 2504 nimere adv. 8. zu 24B4. — 2505 toup adj., 
(taub), öde. — 2510 unter den Thieren haben wir hier keine besondere 
Gattung von Wild zu verstehen: "Wölfe und (überhaupt andere wilde) 
Thiere. Es ist diese Weise, die bestimmte Bezeichnung vorauszustellen 
und die allgemeine nachfolgen zu lassen , öfters bei Gottfried zu finden, 
und zwar ist sie der volksthümlichen Bede abgelauscht; vgl. zu 1241. — 
2511 sicelhen ende (ebenso allen e., manigen e.) adv. acc, nach welcher 
Richtung hin (correlativ). — 2514 s^t•a^ pron. correl., hier: wenn irgend. — 
gebiten stv., verst. biten, warten, hinzögern. — 2517 Conditionalsatz : eile 
ich nicht. — 2518 dann übernachte ich, dann muß ich übernachten. — 
2519 rät werden hier mit persönl. Gen. und in negativem Satze: und dann 
bin ich verloren; vgl. zu 1602. — 



94 IV. DIE ENTiÜHBüNG. 

• 

ich wsene, ich üf ir einen wil 

klimmen, ob ich iemer mac, 

und sehen, die wile ich hän den tac, 

ob deheiner slahte bü hie si 2525 

eintweder verre od nähen bi, 

da ich liute vinde, 

ze den ich mich gesinde, 

mit den ich aber vürbaz genese, 

in swelher wise ez danne wese.» 2530 

Sus stuont er üf und kerte dan. 
roc unde mantel haete er an 
von einem pfelle, der was rieh 
und an gewürhte wunderlich: 

er was von Sarrazinen 2535 

mit kleinen bortelinen 
in fremdeclichem prise 
nach heidenischer wise 
wol underworht und underbriten, 
und was der alse wol gesniten 2540 

nach sinem schoenem libe, 
daz von manne noch von wibe 
enwurden edeler kleider nie 
baz gesniten danne die. 

dar zuo seit uns daz msere, 2545 

der selbe pfelle er wsere 
ingrüener danne ein meiesch gras, 
und da mit er gefüllet was, 
daz was so rehte wiz härmin, 
daz ez niht wizer künde sin. 2550 



2525 bu stm., gen. büwes, Bau, Wohnung. — 2528 gesinden swv. refl., sich 
gesellen. — 2529 genesen stv., hier überhaupt: in gutem Wohlbefinden 
leben. 

2534 gewürhte (von würken, wirken) stn., Gewebe. — 2535 Sarrazin 
stm., Sarazene, doch mit allgemeiner Bedeutung: Orientale, Heide, d. h. 
Mohammedaner. — 2b37 fremdeclich adj., fremdartig, insofern auch wunder- 
bar. — prts stm., hier objectiv: Vortrefflichkeit. (Zarncke's Erklärung im 
mhd. Wb. II, 1,532,43 : ,,80 wie man im Auslande Ehrenkleider verfertiget'^ 
scheint mir zu viel in die Wendung zu legen); vgl. V. 6563. — 2538 hei- 
denisch adj., unchristlich, orientalisch; selten und nur bedingt dogma- 
tisch. — 2539 underwürken (-wirken) swv. anom., daz wischenwirken, durch- 
weben. — underbriten stv. hat ähnliche Bedeutung : durchsticken ; vgl. 
undersniden in V. 942. — 2547 ingrüene adj., sehr grün, echt grün. — 
meiesch adj. zu meie [nhd. aufgegeben]. Solche Adjectivwendungen statt 
der Substantivzusammensetzungen bei Gottfried öfters; vgl. Gr. 4, 258 fg. — 
2548 füllen swv., der alte Ausdruck für unser: füttern, insbesondere vom 
Pelzfutter gesagt; vgl. vol 11124. — 2549 härmin adj. zu härm, von Hermelin. 



IV. DIE EXTi-ÜHRUNG. 95 

Hie mite bereite er sich do 
weinende unde sere unfrö 
üf sine kumberliclie vart. 
dö ime diu vart unwendic wart, 
linder s^nen gürtel zoher 2555 

sinen röc ein lützel hoher; 
den mantel wänt er enein 
und leite in üf sin ahselbein 
{Qß) und streich üf gegen der wilde 

durch walt und durch gevilde. 2560 

ern hsete weder wec noch pfat 

wan alse er selbe getrat. 

mit sinen füezen wegeter, 

mit sinen banden stegeter: 

er reit sin arme und siniu bein. 2565 

über stoc und über stein 

wider berc er allez klam, 

unz er üf eine hoehe kam: 

da vant er von geschihte 

einen waltstic äne slihte 2570 

mit grase verwahsen unde smal; 

den kerte er anderhalp ze tal: 

der trüege in eine rihte hin; 

in kurzer wile brähte er in 

üf eine schoene sträze, 2575 

diu was ze guoter mäze 

breit unde geriten hin unde her. 

an dem selben wcge saz er 

durch ruowe weinende nider. 

nu truoc in ie sin herze wider 2580 



2557 enein winden, zusammenwickeln. — 2hb^ ahselbein sin., über- 
haupt: Achsel, Schulter. — 2559 strichen stv. wird häufig wie ziehen von 
der Bewegung, zumal der eiligen, gesagt, wie uz strichet balde 11579; bei 
Gottfried wie hier meist mit Adverbien, einfach z. B. in V. 3865, vf Str., 
bergan eilen. — 2563 wegen swv., hier im eigentlichen Sinne: Weg berei- 
ten. — 2564 steyen swv., ebenso : Steg bereiten. — 2565 rtten stv. gilt nicht 
allein speciell vom Keiten: er bewegte gewaltsam Arme und Beine, ge- 
brauchte sie zum Vorwärtsdringen; eine Metapher: er brauchte "Statt 
Rosses ') u. s. w. liegt nicht in dem Ausdruck, ebenso wenig ein Scherz; 
vgl. zu 9173. — 2570 waltstic stm. s. zu 2700. — slihte stf., Geradheit: 
einen ungeraden, gewundenen Waldsteig. — 2572 anderhalp adv. acc, 
auf die andere Seite, jenseits. — 2573 trüege (nach den ältesten Hss.) conj. 
im Sinne Tristan's: der würde, wie er glaubte, wohl hinführen auf eine 
rihte stf.. auf einen geraden Weg, d. h. auf einen Hauptweg. — 2576 ze 
'•:r jnäzf, in gutem Verhältnisse, hinreichend; vgl. ze mäze 3191. — 
' geriten part. adj. nicht bloß speciell vom Reiten, 8ondern = begangen, 
:anrbar, gebahnt. 



96 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

zen friunden und zem lande, 

da er die Hute erkande: 

diz truog in grozen jämer an. 

vil jsemerliche er aber began 

ze gote klagen sin ungemach; 2585 

ze himel er innecliche sach: 

. «Got», sprach er «berre guoter, 

' min vater und min muoter 

wie hänt si mich alsus verlorn! 

owe, wan haete ich verborn 2590 

min veigez schachzäbelspil , 

daz ich iemer hazzen wil! 

spärwaere, valken, smirli'n 

die läze got unsselic sin! 

die hänt mich minem vater benomen. 2595 

von der schulden bin ich komen 

von friunden und von künden; 

und alle, die mir gunden 
(67) gelückes unde guotes, 

die sint nu swseres muotes 2600 

und sere trüric umbe mich. 

ach, süeziu muoter, wie du dich 

mit klage nu quelest, daz weiz ich wol; 

vater, din herze ist leides vol: 

ich weiz wol, ir sit beide 2605 

ser' überladen mit leide. 

und, ouwe herre, wiste ich doch, 

daz ir daz wistet, daz ich noch 

mit wol gesundem libe lebe, 

daz wöere ein michel gotes gebe 2610 

iu beiden unde da nach mir. 

wan zwäre ich weiz vil wol, daz ir 

küm' oder niemer werdet fro, 

ezn gefüege danne got also, 

daz ir bevindet, daz ich lebe. 2615 



2590 verhern stv. (berührt sich mit enbern s. zu 117) mit acc, unter- 
lassen, vermeiden, einem entsagen; vgl. 17723. — ibdlveige adj., hier noch 
stärker als in V. 1674: unselig, verwünscht. — 2595 benernen stv., entziehen, 
entreißen. — 2597 künde adj. siibst. swm., der Bekannte, meist im Plural 
[nhd. Kunde beschränkter]. In V. 2817 die Awnden = die Einheimischen 
den gesten gegenübergestellt. — 2610 gebe stf., Gabe. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 97 

aller sorgaere rixtgebe, 

got lierre, nü gefüege daz!» 

Uiider diu, dö er so saz 
klagende, als ich gesaget hau, 
do gesäch er zuo von verre gan 2620 

zwen' alte wällnere, 
die wären gote gebcere: 
getaget unde gejäret, 
gebartet unde gebäret, 

also diu wären gotes kint 2625 

und wälbore dicke sint. 
die selben wällenden man 
die truogen unde halten an 
linkappen unde solhe wät, 

diu wälUi^ren relite stät, 2630 

und uzen an ir wa?te 
mermuschelen genahte 
und fremeder zeichen genuoc. 
ir ietwederre der truoc 

einen wällestap an siner hant. 2635 

ir liüete unde ir beingewant 
daz stuont wol nach ir rehte. 
die selben gotes knehte 
(GS) die truogen an ir schenkelen 

linhosen, die obe ir enkelen 2640 

wol einer hende erwunden. 



2616 ratgebe swm., Rathgeber, Tröster. — aorgcere stm. = Sorger , [nhd. 
nur: Versorger], der Unglückliebe; fem. sorgcerin in Y. 14490. 

2<J1S l'nder (?m (instruiuentalis), unterdessen, während. — 2G"JI wallocre 
stm., Waller, Pilger [vgl. Wallfahrt, dagegen nur: Pilgerstab für n-olle- 
stap 263')]. — 2t>22 gote gpba're (s. zu 198o) , mit Gott, mit der Heiligkeit 
übereinstimmend, ihr Äußeres verrieth ihre heilige Stellung. — 2623. 2624 ge- 
taget part. adj. u. s. w. = be-tagt u. s. w. — 2G25 gotes kint häutiges Bei- 
wort (ebenso goies kneht in V. 2G38) für Geistliche, Pilger und Gottes- 
fürchtige; dagegen in V. 33.56 gotes /;/«; = Christus. — 2629 Itnkappi' swf., 
Kappe, talaraitiges Oberkleid mit Kapuze, von Leinen. — 2632 genwte wird 
part. fiect. sein, dem Subst. nachgesetzt: angenähte Meermuscheln (acc), 
doch ist möglicherweise gemete stn. {=znät) anzunehmen: von Meer- 
muscheln (gen.) eine Stickerei, wenn nur das Wort überhaupt sonst vor- 
käme. Auf alten Bildern werden die Pilger auch stets mit Muscheln auf 
dem Kratjen dargestellt. — 2633 die Abzeichen, außer den Musclieln, 
welche die Fahrt in die Fremde oder die Rückkunft aus der Fremde an- 
deuten sollen. — 2637 rcht stn., hier: Stand. — 264u enkel stm., Fuß- 
!;n.ichel. — 2i")4l einer hende adv. gen. (Nominalellipse), eine Hand breit; 
rhaihfr hende 2902. — erwi/nden pl. prtet. von enrinden stv. intrans., 
itlich: an einem bestimmten Punkte umwenden, aufhören. — 

'■OTTFBIED VOX STRASSrURG. T. 2. Aufl. 7 



98 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

näh' an ir bein gebunden. 

füeze und enkele wären blöz 

vür den trit und vür den stuz. 

oucb truogen s' über ir ruckebein, 2645 

dar an ir riuwec leben schein, 

geistliche stende balmen. 

ir gebet ünde ir salmen 

und swaz si guotes künden, 

daz lären s' an den stunden. 2650 

Tristan, da mite und er si ersach, 
vorhtliche er wider sich selben sprach: 
«genredeclicher trehti'u, 
welch rät gewirdet aber nu min? 
jene zwehe man, die dort her gänt, 2655 

ist daz si mich ersehen haut, 
die mugen mich aber wol vähen.» 
nu si im begunden nähen 
und er ir dinc erkande 

an Stäben und an gewande, 2660 

zehaut erkande er wol ir leben 
und begünde im selben herze geben: 
sin gemüete wart ein lützel frö. 
üz vollem herzen sprach er do: 
«lop dich, herre trehtih! 2665 

diz mügen wol guote Hute sin; 
i'ne darf kein angest von in haben.» 



2642 gebunden braucht nicbt wörtlicli genommen zu werden: mit einem 
Bändel zugebunden (wie Unter- oder Eeithosen), sondern näJie gebunden = 
nahe, fest anliegend. — 2645 ruckebein stn., Eückgrat, überhaupt: Bücken. 
— 2646 riuwec adj., reuig, bußfertig. — 2645—47 «sie trugen auf ihrem 
Eücken , zum Zeichen (dar an schein) daß sie Büßer waren {riuwec leben, 
bußfertiges Leben, Büßerleben), Palmen, die ihnen ein heiliges Ansehen 
gaben» (wörtlich: die geistlich standen^. Diese Erklärung Bech's ist die 
richtige; meine in der 1. Ausgabe geäußerte Ansicht gebe ich auf. — 
264S saline swm. Lehnwort aus ^jsaimws, Psalm Fremdwort. — 2650 lesen, 
hier nicht: ablesen, vorlesen, sondern: hersagen. — an den stunden, zu 
der Zeit, damals, eben, gerade. 

2651 da mite und (ahnl. relat, wie die wile und 1236), hiermit als, 
sobald. — 2653 genccdeclich aäj. = gena2dec [nhd. nur adverb.]. — frektin 
stm., Herr, hauptsächlich für Gott und Christus gebraucht. — 26.54 ge- 
iverden, verst. werden, von Gottfried öfters in solchen Fragen und in Ver- 
bindung mit rät gebraucht; vgl. 54S9. 14397. — 2661 leben stn. berührt 
öfters den Begriff: Stand. — 2662 im herze geben, sich Muth machen. — 
2665 lop dich Pronominalellipse = ?c/i lobe dich (?) oder besser mit F. Bech:. 
alop dich wie got lop! neben gote lop! (ähnlich wol mich! neben wol 
mir!)y> — 2667 dürfen swv. anom., bedürfen, brauchen. — 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 99 

vil schiere wart, daz si den kuaben 
vor iu sitzen sähen. 

nu si im begimden nähen, 2670 

höfschliche er üf gein in spranc, 
sine schcene hende er vür sich twanc. 
nu hegünden in die zwene man 
vil flizecliche sehen an 

und nämen siner zühte war. 2675 

guotliche giengen si dar 
und gruozten in vil suoze 
mit disem süezen gruoze: 
(69) «den sal, beäs amis! 

vil lieber friunt, swer so du sis, 2680 

got müeze dich gehalten!» 

Tristan geneic den alten: 

«ei», sprach er «de benie 

si sainte companie! 

sus beilege geselleschaft 2685 

die gesegene got mit siner kraft!» 

aber sprächen ime die zwene zuo: 

«vil liebez kint, wannen bist duo 

oder wer hat dich da here bräht?» 

Tristan der was vil wol bedäht 2690 

und sinnesam von sinen tagen, 
er begi'inde in fremediu ma3re sagen: 
«söeligen herren», sprach er z'in 
«von diseme lande ich bürtic bin 



■J66S iver(ien= geachehen. — 2672 die Hände vor sich, über die Brust fest 
zusammenzulegen, war die Stellung für den ehrerbietigen Gruß (bei den 
Geistlichen noch heute). — 2(176 guotliche adv. , gütig, freundlich. — 
2679 (U'il CHs. 'M.) = de (vgl. zu 741). deü sal, im Folgenden übersetzt = 
Gott halte, behüte (dich); niclit elliptisch in V. 315S. — amis, lat. arnicus, 
neufranz . ami ; öfters auch als Fremdwort vgl. z. B. 8955. — 2681 ge- 
halten stv. , erhalten, behüten, segnen. — 2GS2 genigen. , verst. nigen. — 
2683 6enie, benedicat; vgl. zu 2960. — 2684 si 5aiw^e = neufranz. — com- 
panie =rompagnie hier im franz. Satz, sonst cumpanie als Fremdwort 
z. B. 4S13. 9418 [vgl. Kumpan]. — 2688 loannen adv., von wannen, woher; 
die Betonung wannm findet Grund und Zulässiglieit im alten hwanän 
(sonst immer wannen z. B. in V. 2751); ebenso einmal innen in V. 10953. 
2690 jcol bedäht part. adj. , sehr besonnen, vorsichtig [vgl. unbe- 
dacht]. — 2691 sinnesam adj., verständig, listig. — von sinen tagen, für 
sein Alter, trotz seiner Jugend, oder = ü. s. kindes tagen, von Jugend auf? 
Eine Änderung in vor, wie v. Hagen Germ. Studien 1, 55 vorschlägt, ist 
nicht geboten. — 2692 fremediu nuvre, sonderbare Geschichten, schalkhafter 
und edeler Ausdruck für: Lüge; etwa: ein wunderliches Märchen. — 
2694 bürtic adj. = gebürtig. — 



100 IV. DIE ENTFÜHRUNG. 

und solte riteu hiute 2695 

ich und ander liute 
jagen üf disem walde alhie. 
do entreit ich, i'ne weiz selbe wie, 
den jägeren unde den hundeu. 
die die waltstige künden, 2700 

die gefüoren alle baz dan ich: 
wan äne stic verreit ich mich, 
unz daz ich gar verirret wart, 
sus traf ich eine veige vart, 

diu truoc mich unz üf einen graben, 2705 

dane künde ich min pfärt nie gehaben, 
ez enwölte allez uider vür sich, 
ze jungest geläc pfärt und ich 
beide z'eiuem hüfen nider. 

done künde ich nie so schiere wider 2710 

ze minem stegereife komen, 
ez enhaete mir den zügel genomen, 
und lief allez den walt in. 
sus kom ich an diz pfädelin, 

daz hat mich unze her getragen. 2715 

nu enkän ich memänne gesagen, 
wä ich bin od war ich sol. 
nu guoten liute, tuot so wol 
(70) und saget mir, wä weit ir hin?» 

«friunt», sprächen si dö wider in 2720 

«gerüochet es unser trehtih, 

so welle wir noch hinaht sin 

ze Tintajole in der stat. « 

Tristan guotiiche si do bat, 

daz si in mit in dar liezen gän. 2725 

«vil liebez kint, daz si getan», 



2698 entnten stv. mit dat., einem (reitend, zu Pferde) entkommen. — 
2700 kunnen anom. v. mit acc., sich auf etwas verstehen [unser: können 
passt hier nicht]. — 2701 die sind besser, glücklicher dahingezogen , oder 
= unserm: die sind besser gefahren, denen ist es besser ergangen? — 
2702 sttc stm., im Mhd. nicht nur: Steig, Bergweg, sondern überhaupt: 
Pfad, Wegbahn. — 2704 vart stf., "Weg, Fährte. — 2706 gehaben swv., an- 
halten. — 2707 der Bedingungssatz mit der Negation (en) abhängig von 
einer Ellipse : dort konnte ich mein Pferd durchaus nicht bändigen (d. h. 
ich hielt das Pferd an ohne Erfolg, würde es aber vermocht haben), wenn 
es nicht immer weiter niederwärts gewollt hätte; die ganz ähnliche Wen- 
dung in V. 2710 fg. — 2710 .so seiner e = sogleich, alsbald. — 2711 stegereif 
stm., Steigbügel. — 2718 tuot so tüoZ = unserm: seid so gut. — 2721 ge- 
ruochen swv. mit gen., hier: geruhen, gestatten. — 2722 hinaht (alter In- 
strumentalis, vgl. hiute) diese, d. h. hier die bevoi-stehende, Nacht. 



IV. DIE ENTFÜHRUNG. 101 

sprächen die wällenden man 
«wil du da hin, so kere dan.» 

Tristan der kerte mit in hin. 
hie mite so hiiop sich linder in 2730 

maneger slahte mrere, 
Tristan der hovebaere 
der was mit rede also gewar, 
si frägeten her oder dar, 

daz er alles des antwürte bot 2735 

niwan ze staten und ze not. 
er hsete sine mäze 
an rede und an geläze 
so wol, daz es die wisen, 

die getageten und die grisen 2740 

ze grözen saelden jähen 
und aber ie baz besähen 
sine gebaerde und sine site 
und sinen schoenen lip da mite; 
siniu kleider,. diu er ane truoc, 2745 

diu gemareten si genuoc, 
durch daz si wären sere rieh 
und an gewürhte wunderlich; 
und sprächen in ir muote: 

«ä herre got der guote, 2750 

wer öder wannen ist diz kint, 
des Site so rehte schoene sint?» 
sus giengen si betrahtende 
und allez sin dinc ahtende: 

diz was ir kurzewile 2755 

wol eine willsche mtle. 



2733 gaoar adj., (gewahr), vorsichtig. — 2741 jehen stv. hier mit gen. 
und pra;p. ze^ wie z. B. noch in V. 11239, eine Sache für etwas erklären, 
auslegen; sie sahen in Tristan einen begnadeten (ze scelden= salegen ) 
Menschen [vgl. unser: begabt, Begabung] ; vgl. 3493. — 21 ^'o gerne rken svf^., 
verst. merken, bemerken, beachten. — 275C die wülsche intle im Gegensatz 
zur grözen, zur deutschen (vgl. V. 2311) ist die kleine. 



DIE JAGD. 

In der Nähe der Straße hatten gerade die Hunde seines Oheims , des 
Königs Marlve von Kurnewal , einen Hirsch gejagt. Die Jäger kommen 
heran, und Tristan verabschiedet sich von den Pilgern : diese Leute eben 
habe er heute verloren. Er naht den Jägern im Augenblicke , als der 
Hirsch enthäutet und geviertheilt werden soll. Tristan erhebt Einsprache; 
in seinem Lande werde der Hirsch entbästet. Die Jäger ersuchen ihn, 
dieses hier unbekannte Eutbästen zu zeigen. Tristan A^ollführt meister- 
haft und mit Bewunderung der Jäger nacheinander den Bast, die Furkie 
und die Curie. Dann lehrt er , wie der zerlegte Hirsch in rechter Ord- 
nung nach Hause geschafft und übergeben werden solle. Beim Heimritt 
nennt er den Jägern seinen Xamen und gibt sich für den Sohn eines par- 
menischen Kaufmanns aus; mit fremden Kaufleuten sei er hierher ge- 
kommen. Vor Tintajoel angelangt, ordnet Tristan den Zug; mit Hörner- 
schall reiten sie ein. Tristan begrüßt den König, der sich unwiderstehlich 
zu ihm hingezogen fühlt. Man lobt vor Marke des Jünglings Sitten und 
Jagdkünste, und dieser ernennt ihn zu seinem Jägermeister. 



C^l) Nu kom ez in kurzer stunde: 
sines Geheimes huncle, 
Markes von Kurnewäle, 

die hseten ze dem male, 2760 

als uns daz wäre msere saget, 
einen zitegen birz gejaget 
zuo der sträze nähen, 
da liez er sich ergäben 
und stuont aldä ze bile: 2765 



2757 Tiomen stv., öfters [wie noch in volksthümlicher Rede] geschehen, 
zufällig ijassieren. — 2763 nahen adv. ; vgl. 11902. — 2764 ergdhen swv., 
ereilen. — 2765 bil stm., Jagdausdruck: der Augenblick, wenn das gejagte 
Wild steht, sich wendet und sich gegen Jäger oder Hunde zur Wehr setzt. 
Über die Abstammung mancherlei Yermuthungen, noch keine Gewissheit. — 



V. DIE JAGD. 103 

im htete fluht und ile 

alle sine kraft benomen. 

nu wären oucli die jägere komen 

mit michelem geschelle 

liürnende ze gevelle. 2770 

Tristan, dö er den bil ersach, 

wider die pilgerine er sprach 

wisliche, als er wol kimde: 

<cir herren, dise liuude, 

disen hirz und dise Hute, 2775 

seht, die verlos ich hiute; 

nu hän ich s' aber funden: 

diz sint mine künden. 

gebietet mir, ze den wil ich.» 

akint», sprächen si «got segene dich; 2780 

ze Salden müezest du gevarn!» 

«genäde, got müez' iuch bewarn!» 

sprach aber der guote Tristan. 

sus neig er in und kerte dan 

gein dem liirze üf sine vart. 2785 

Ku daz der hirz gevellet wart, 
der da Jägermeister was, 
der stracte in nider üf daz gras 
üf alle viere alsam ein swin: 

«wie nu, meister, waz sol diz sin?» 2790 

sprach aber der hövesche Tristan: 
«lät sten! durch got, waz gät ir an? 
wer gesäch ie hirz zewirken so?» 
der Jäger stuont üf höher do; 

er sach in an und sprach im zuo: 2795 

«wie wiltu, kint, daz ich im tuo? 
hie ze lande enist kein ander list, 
wau alse der hirz entblutet ist, 
(72) so spaltet man in über al 

von dem houbete ze tal 2800 



2769 gesehene stu. collect, zu schal, Getöse. — 2770 hürnen swv., auf dem 
Home blasen. — rjeveHe stn., Fällung (des Wildes), der G-enickfaug. 

2792 lat «/«^"?j .' — lasst's gehn! hört auf, halt ein! — an gän; vgl. zu 
2324. — 2794 vf hoher stän (auch blo(j hoher st.) sich weiter weg stelleu, 
zurücktreten. — 28o0 ze tal, hier bildlich, überhaupt: abwärts: wörtlich 
m V. 2572. — 



104 V. DIE JAGD. 

und da nach danne in viere, 

s6 daz der vier quartiere 

deheinez iht vil groezer si 

dan daz ander da bi: 

diz ist in disem lande site. ' 2805 

kint, kanstu ihtes iht da mite?» 

«ja, meister», sprach er wider in 

«daz laut, da ich gezogen bin, 

da ist der site niht also.» 

«wie danne?» sprach der meister do. 2810 

«man enbestet da den hirz.» 

«entriuwen, friunt, dun' zeigest mirz, 

sone weiz ich, waz enbesten ist. 

ezn M^eiz niemen disen list 

in disem künicriche hie; 2815 

son' geh orte ich euch genennen nie 

von künden noch von gesten. 

trüt kint, was ist enbesten? 

als guot du sist, nu zeige mirz: 

gä her, enbeste disen hirz!» 2820 

Tristan sprach: «lieber meister min, 
sol ez mit iuwern huklen sin 
und mag iu liep dar an geschehen, 
so läze ich iuch vil gerne sehen, 
als verre als ich's gemerket han, 2825 

wie min lantsite ist getan, 
als ir da fraget umbe den hast.» 
der meister sach den jungen gast 
vil güotli'ch'e lachende an, 

wan er was selbe ein hövescher man 2830 

und erkände al die fuoge wol, 
die guot man erkennen sol. 
«ja», sprach er «lieber friunt, nu tuo! 



2801 in viere elliptisch: in vier Theile; die Ellipse in V. 2789 = nbd. — 

2802 quartier stn., Fremdwort, Viertheil. — 2806 Uties (gen.) iht, verstärktes 
/■///', irgend was [vgl. das mundartliche nichts nicht]. — da mite bei kunnen 
(Verbalellipse Gr. 4, 137), nhd. davon bei: verstehen; ebenfalls: damit bei: 
Bescheid wissen; vgl. zu 3043. — 2811 enbesten = entbesten swv., vom bast 
(s. zu 2827) entledigen , weidmännisch enthäuten. 

2827 bast stm., Haut, (inwendige) Rinde wie in V. 2948 = nhd. ; ins- 
besondere ist bast auch die thierische Haut (nhd. selten), davon schließ- 
lich der weidmännische Kunstausdruck bast , die kunstmäßige Ablösung 
der Haut (nicht bloß des Felles). — 



V. DIE JAGD. 105 

wol her, bist du ze kraue derziio, 

triit geselle, liebez kint, 2835 

ich selbe und die hie mit mir siiit, 

wir helfen dir'ii mit hcnden 

legen und umbe wenden, 

swie so du vor gebiutest 

und mit dem vinger tiutest » 284:0 

Tristan der eilende knabe 
sinen mantel zoli er abe 
und leite den üf einen stoc: 
er zoch hoher sinen roc. 

sin ermel vielt er vorne wider; 2845 

sin schcene här daz streich er nider, 
üf sin öre leite er daz. 
nu besähen si"n baz unde baz, 
die da zem haste wären: 

sin geläz und sin gebären 2850 

daz nämen s' alle in ir muot 
und dühte si daz alse guot, 
daz si'z vil gerne sähen 
und in ir herzen jähen, 

sin dinc wser' allez edelich , 2855 

siniu kleider freraede unde rieh, 
sin lip ze wünsche getan, 
si begünden alle zuo z'im gän 
und siner dinge nemen war. 

nu gie der eilende dar, 2860 

der junge meister Tristan: 
er greif den hirz mit banden an 
und wolte in üf den rucke legen, 
done künde er in nie dar gewegen, 
wan er was ime ze swaere. 2865 



-834 kraue adj., schwach [nhd. krank, aef/or jünger]. — 2839 vor gebieten,' 
■wie unser: vorschreiben. — 2840 verstärkter Ausdruck : andeutend zeigen. 
■ii'^45 Hagen's Erklärung: »er knüpfte die ausgezogenen Ärmel vorn 
zusammen und schnürte damit den Kock auf» ist sehr gesucht. V. 2844 
stellt für sich; das Aufziehen des Rockes geschieht viel leichter durch 
den Gürtel; vgl. 25.').^ fg. Vielmehr ist der Sinn: Seine Ärmel, die an- 
liegenden Kockärmel (vgl. zu lä74ü) faltete er vorne zurück, schlug sie 
um, damit sie ihn bei seiner Arbeit nicht hinderten und damit er sie zu- 
gleich nicht mit Blut besudelte. — 2S.Ö0 i/ebären subst. inf. ; vgl. zu WK'k 
— 28.'i.'> eclelich = e(iell!c/i adj , edelartig, edel. — 2804 fjeivegen stv., be- 
wegen . wenden. 



106 V. DIE JAGD. 

do bat der liovebsere, 
daz si'n im rehte leiten 
und iif den bast bereiten. 

Nu daz was schiere getan, 
ze dem hirze gieng er obene stän. 2870 

da begimde er in entwseten, 
er sneit in uude entnaeten 
unden von dem miüe nider. 
ze den buocbeinen kerte er wider, 
diu entrante er beide nach ir zit, 2875 

daz rehte vor, daz linke sit. 
diu zwei hufbein er dö nam 
unde beschelte diu alsam: 
(74:) do begimde er die hüt scheiden 

von den siten beiden, 2880 

do von den heften über al, 

al von obene hin ze tal, 

und breite sine hüt do nider. 

ze sinen büegen kerte er wider, 

von der brüst entbaste er die, 2885 

daz er die brüst da ganze lie. 

die büege leite er dort hin dan. 

sine brüst er do began 

üz dem rucke scheiden 

und von den siten beiden 2890 

ietwederhalp driu rippe da mite. 

daz ist der rehte bästsite: 

diu lät er iemer dar an, 

der die brüst geloesen kan. 

und al zehant so kerte er her, 2895 

vil kündecliche enbaste er 



2S71 entwceten swv., eigentlich: entkleiden, enthäuten, synon. mit ent- 
besten. ■ — 2872 entnceten = entna'te in. entncejen swv., eigentlich: eine Naht 
auftrennen , aufschneiden. — 2874 buocbein stn. , Bugbein , der vordere 
Oberschenkel, das Vorderblatt (entgegengesetzt dem hufbein 2877). — 
2875 entrennen swv., auseinander trennen, ablösen. — nach ir zit, nach 
ihrer zeitlichen Ordnung, regelrecht nacheinander. — 2876 vor adv. und 
sit adv. hier zusammen: vorher, zuerst; hierauf, nachher. — 2877 hufbein 
stn., Hüftbein, die Keule. — 2878 beschelen swv., beschälen, enthäuten. — 
2881 heften dat. pl. von haft stf., Band oder von hefte stn., Heft? — 
2884 buoG Btm. = buocbein 2874. — 2891 ietwederhal]) adv., auf jeder von 
beiden Seiten. — rippe stn. in der Form = nhd., Nebenform von riebe 
swf. — 2894 geloesen swv., verst. lotsen, ablösen. — 2896 kündecliche adv., 
kundig, geschickt. — 



V. DIE JAGD. 107 

beidiu siniu hüfbein 

besunder uilit wan beide euein. 

ir reht er ouch den beiden liez : 

den braten, da der rucke stiez • 2900 

über lankeu gein dem ende 

wol anderhalber hende, 

daz die da ziraere uennent, 

die den bastlist erkennen!. 

die rieben er dö beide schiet, 2905 

beid' er si von dem rucke schriet, 

dar nach den panzen üf den pas: 

und M'an daz uugebaere was 

sinen schcenen banden, do sprach er: 

«wol balde zwene knehte her! 2910 

tuot diz dort hin danne baz 

unde bereitet uns daz!» 

sus was der hirz enbestet, 

diu hüt billiche entlestet; 

die brüst, die büege, siten, bein, 2915 

daz hajte er allez über ein 

vil schöne dort hin dan geleit: 

hie mite so was der hast bereit. 

(75) Tristan der eilende gast 

«seht«, sprach er «meister, deist der hast 2920 
und alse ist disiu kunst getan, 
nu gerüochet ir her näher gän 
ir und iuwer massenie 
und machet die furkie!» 



)uO breite swm., Braten, Fleisclistück. — 2901 lanke stf. und swf., (eigentl. 
enkung), Lende (franz. r/anc). über /. = über den Lenden. — ende stn., 
ier speciell: der Schwanz. — 2903 zimere sing. (vgl. 2942) oder pl. von 
Hier (in einigen Hss. auch zimbre) Fremdwort, franz. ciniier, Ziemer masc. 
läufiger in: Hirsch-, Ochsenziemer]. — 2905 riebe (so in den beiden ältesten 
Las.) swf. im Geschlecht =: nhd. , Nebenform von rippe stn. (sonst der 
ocal kurz ribe). — 2906 schroten stv., schneiden, hauen. — 2^^0~i jjanze 
kvm., franz. pance , Wanst, Magen. — pas stm. Diese und die zweite 
teile in V. 3007 ergeben nicht, welches der Eingeweidestücke unter die- 
jm Worte zu verstehen sei; vielleicht der Mastdarm? Nach F. Bech: 
pas Fremdwort = jL>a>v.!,MÄ", dann vfohl = mazga7ic i. e. anus?)) — uf praep., 
ier wohl = bis auf, den pas mit inbegriffen; vgl. zu 18331. — 2908 ziriffe- 
tre adj., unangemessen. — 2914 billiche adv., billig, nach der Ordnung. — 
'Ulest'Ti 8WV., entlasten, losmachen. — 2918 bereit adj., fertig, abgemacht. 
2923 iiiasseme stf., Fremdwort, altfranz. viaisnie von maison , mansio, 
igentlich: Gesellschaft, im ursprünglichen Sinne : Hausgenossenschaft; 
ann: Ingesinde, Gefolge; vgl. die franz. Form viehnie 32.J7. — 292 i für- 
te stf., Fremdwort, etwa: Gabelung oder Gabelei; die Erklärung gleich 
m Folgenden. — 



108 V. DIE J/..'?D. 

cfurkie? triit kint, waz ist daz? 

du nennest mir vor, i'ne weiz waz. 

du hast uns disen jagelist, 

der fremde und guot ze lobene ist, 

wol meisterlichen her getan : 

nu läz in ouch noch vür sich gän, 

volfüere dine meisterschaft! 

wir sin dir iemer dienesthaft. » 

Tristan spranc enwec zehant: 

eine zwisele hiu er an die hant, 

daz die da furke nennent, 

die die furkie erkennent. 

doch ist niht sunders an den zwein; 

furk' unde zwisele deist al ein. 

sus kom er wider mit sinem stabe. 

die lebere sneit er sunder abe, 

netz' unde lumbele schiet er dan. 

die zimeren er abe gewan 

von dem lide, an dem si was. 

Sus saz er nider üf daz gras, 
diu stucke nam er elliu driu: 
an sine furken baut er diu 
mit sinem netze vaste; 
mit einem grüenen baste 
verstricte er'z sus unde so. 
anu seht, ir herren», sprach er do 
«diz heizent si furkie 
in unser jagerie; 
und wände ez an der furken ist, 
dur daz so heizet dirre list 



292ti vor nennen wie vor zeln in "V. 306.5, nennen, mit Namen vorbringen: 
du bringst da einen mir unbekannten Xamen vor; oder sollte vor nennen 
im Sinne stehen wie vor benennen in V. 11383, verheißen? du machst mich 
neugierig? — 2929 her adv., bisher, bisjetzt, soweit; oder her tuon^ da.T- 
thun, mittheilen, zeigen? — 2933 enwec (=in wec) adv., weg; nhd. dafür: 
hinweg; vgl. zu 13691. — 2934 zwisele stf., Gabel, gabelförmiger Zweig. — 
Der Ausdruck ist knapp : Tristan hieb eine zwinele ab, die er in die Hand 
nahm. — 2935 Jurke swf., Fremdwort, lat. furca, franz. fourque, Gabel. — ; 

2941 netze stn., das Netz um die Eingeweide; netze hier wohl pl. : die bei- 
den Netze, das große und das kleine. — lumbel stn.? stm. ? (andere Hss.' 
schwach lurnbelen), Theil der Eingeweide, wohl die Nieren (lat. lumbus). — 

2942 hier erscheint ziraere (andere Hss. zimbern, zimberen') in. schwacher 
Elexion und deutlich als fem. Ist hier vielleicht der Ziemer gemeint 
oder ein Theil der Eingeweide? — gevjinnen stv., öfters allgemein : bekom- 
men, abe gew., herabnehmen. — 2943 lit stn., gen. Udes, Glied, Stück. 



V. DIE JAGD. 109 

furkie, und füeget ouch daz wol, . 2955 

Sit ez äu der furkeu weseu sol. 
diz neme ein kneht an sine hant! 
nu tälanc weset ir gemant 
(76) umb' iuwer ciine.» 

«curie? de benie! » 2960 

sprüchän si alle «waz ist daz? 

wir vernj^emeu sarrazinesch baz. 

waz ist curie, lieber man? 

swic unde sage uns nibt hie van: 

swaz es si, daz lä geschehen, 2965 

daz wir'z mit ougen an gesehen. 

diz tuo durch dine hövescheit ! » 

Nu Tristan der was aber bereit: 
den herzeric er dö gevienc 

(ich meine, an dem daz herze hieuc) 2970 

und enblüzte in aller siner habe, 
daz herze sneit er halbez abe 
hin gein dem spitzen ende 
und nam ez in sine hende 

und begüude ez teilieren, 2975 

in kriuzewis ze vieren 
und warf daz üf die hut nider. 
ze sinem ricke kerte er wider, 
milz unde hingen loste er- abe ; 
do was si hin des rickes habe. 2980 

nu daz lac üf der hiute da, 
ric unde gorgen sneit er sä 
obene, da diu brüst erwant. 
daz houbet loste er al zehant 
mit dem gehürne von dem kragen 2985 



2\)bb fliegen swv., passend, entsprechend sein. — 2956 stt conj., hier 

.usal: weil. — 2958 tcüanc {=ta;/etanc) adv., für diesen Tag, heute, noch. 

manen swv. hier mit prtep. /^?/;6e = bitten um [mahnen an]. — 2959 c/n-tc 

f., Fremdwort, franz. cuire; die Erklärung ebenfalls gleich im Folgeu- 

•D- — 29tJ0 du benie Ausruf (Pronominalellipse) wie >jot segene 13694. 

2969 herzeric stm. gen. -rickes, das Band, an dem das Herz und die 

idern Eingeweide hängen, das Geschling (Hs. M herzer ine, danach also 

?r Herzbeutel). — gecä/icn stv., \evst. vähen, körperlich: erfassen, ergrei- 

n; vgl. zu 7s:i5. — 2971 /laOe stf., hier: was drum und dran hängt; cdie 

üllen". Simrock. — 2975 teilieren Fremdwort, franz. tailler, wenn nicht 

ilieren 15ildung von teil wie ivandelieren von vandel. — 2976 in kriuzewis 

Iv.. nhd. nur: kreuzweis. — 2978 hier allgemein )'ic ; vgl. 2969. — 

'■ge swm. (vgl. 92ia), Gurgel stf., überhaupt: Schlund, Kehle. — 

'lünie stn. collect, zu hörn, Gehürn, Geweih. — krage swm., (Kra- 

' *:m.), Hals; vgl. 15S49. — 



110 V. DIE JAGD. 

• und hiez daz ziio der brüste trcageii. 
«nu wol her balde!» sprach er z'iii 
«nemet balde disen rucke hin; 
kome iemen armer Hute her, 
der es geruoche oder ger, 
dem teilet disen rucke mite, 
oder tüot dermite nach iuwerm site: 
so mache ich die curie.» 

Dar gie diu cumpanie 
und nam siner künste war. 
Tristan hiez ime bringen dar, 
daz er im e bereiten bat. 
nu daz lac allez an der stat 
(77) wol gemachet unde bereit, 
als er in hsete vor geseit. 
nu wären der quartiere 
von dem herzen viere 
vier halben üf die hüt geleit 
nach jägelicher gewoneheit 
und lägen üf der hiute also: 
milz unde lungen sneit er dö, 
dar nach den panzen unde den pas 
und swaz der hunde spise was 
in also kleiniu stuckelin, 
als ez ein fuogemohte sin, 
und spreite ez allez uf die hüt. 
hie mite begunde er überlüt 
den hunden ruofen: «za za zä!» 
vil schiere wären s' alle da 
und stuonden ob ir spise. 
«seht)), sprach der wortwi'se 



2991 rucke (so lesen die besseren Hss.): an den Eücken ist wolil niclit zu 
denken, und ricke als Nebenform von ric passt ebenfalls nicht. Bech hält 
rucke für den vorderen, weniger werthvollen Theil des Hirschrückens. Ade- 
lung 3, 1189 (Wien ISll) : « bei den Jägern werden die kleinen hornigen 
Theile , welche den Hunden und allem Wildbrete zu beiden Seiten unten, 
an den Läufern gleich über den Ballen herausgewachsen sind, die Eücken 
oder Oberrücken genannt. » Aber auch das will nicht passen. i 

3003 halben dat. pl. von kalbe swf. : nach den vier Seiten hin. — 1 
3004 jägelich adj., jagdmäßig. — 3010 wie es passend war. — 3011 spreiten < 
swv., hinstreuen. — 3012 überlüt (=züber lüt wie über al), eigentlich: offen- 
bar, klar; vgl. zu 15051; hier = laut (über hat im Mhd. viel seltener als 
jetzt den Begriff des Übermäßigen wie er im heutigen: überlaut hervor- 
tritt). — 3013 der Ruf za za zä ! ist das in sprachliche Form gebrachte 
Schnalzen der Zunge. — 3016 ivortwtse adj. subst., der Wortkundige, Be- 
redte; vgl. 4708. — 



V. DIE JAGD. 111 

«diz heizent si curie 
da heime in Parmenie, 
und wil in sagen nmbe waz: 

ez heizet curie umbe daz, 3020 

durch daz ez üf der cuire lit, 
swaz man den hunden dannc git; 
als hat diu jägerie 
den selben namen curie 

von cuire funden unde geuomen. 3025 

von cuire so ist curie komen. 
und zwäre ez wart den hunden 
ze guoten dingen funden 
und ist ein guot gewoneheit, 

wan swaz man in dar üf geleit, 3030 

daz ist in süeze durch daz bluot 
und machet ouch die hunde guot. 
nu sehet an disen bästsite, 
da enist kein ander spsehe mite: 
nemet war, wie'r iu gevalle.« 3035- 

«ä herre!» sprächen s' alle 
«waz seistu, siieligez kint? 
wir sehen wol, dise liste sint 
(78) bracken unde hunden 

ze grozen frumen funden.» 3040 

Aber sprach der guote Tristan: 
«nu nemet iuwer hüt hin dan, 
wan ich enkan hie mite niht baz. 
und wizzet wterliche daz , 

künd' ich iu baz gedienet hän, 3045 

daz hit'te ich gerne getan, 
der man der houwe sine wit 
und widet üf sunder iuriu lit, 



i02l, cuire stf., Fremchvort, franz. cuir, Haut, carte demgemäß wörtlich 
etwa: Lederei (Häutung würde den Sinn verrücken), aber mit dem Sinne: 
Speisung der Hunde mit den Eingeweiden , die auf der Haut liegen. — 
3030 'jelcit von 'jele(/en, verst. lec/en. — 3034 spcche stf., Kunst. — 303;) brache 
8wra., Leithund, Spürhund. — die hunde wohl nicht speciell die Jagd- und 
Hetzhunde zu verstehen, sondern überhaupt: Hunde. — ZdiO frurae hier 
pl. ; ohne Adject. ze frumen 6003 [vgl. zu Nutz und Frommen]; nach fru- 
men 5147. 

3043 hie mite bei kunnen (vgl. 2S06); hier die Ellipse zu ergänzen: ich 
weiß damit nichts weiter anzufangen. — 3047 wit (auch 2vide) stf., (Wiede), 
Reis, Zweig zum Binden und Hängen, Strang. — Die Construction wech- 
selt im folgenden Verse: der //(a?i := jedermann (von euch) für das 2. Per- 
Bonalpron., mit welchem dann fortgefahren wird. — 3048 vf xciden swv., 
mit Wieden aufbinden; vgl. 344s fg. — 



112 V. DIE JAGD. 

daz houbet füeret an der hant 

und bringet iuwern pri'sänt 3050 

ze hove nach liovelicbem site: 

da liovet ir iuch selben mite. 

so wizzet oucb ir selbe ^Yol, 

wie man den birz prisanten sol: 

prisantet in ze relite!» 3055 

Den meister und die knehte 
die uam aber dö wunder, 
daz in daz kint besunder 
und mit bescheidenlieite 

so manc jägerebt vür leite oOßn 

und daz ez so vil wiste 
von sus getanem liste, 
«sich», sprächen si <'Sceligez kint: 
diu wunderlichen underbint, 

diu du uns vor zelst und hast gezalt, 3065 

diu dunkent uns so manicvalt. 
wir sehen si noch baz z'ende gän: 
swaz du biz da her hast getan, 
daz ahten wir ze nihte.» 

sus zugen si'm enrihte 3070 

ein pfärit dar und bäten in, 
daz er durch sine tugent mit in 
nach siner kunst ze hove rite 
und er si sinen läntsite 

uuz an ein ende lieze sehen. 3075 

Tristan sprach: «daz mac wol geschehen, 
nemet den hirz üf und wol hin!» 
sus saz er üf und reit mit in. 

(79) ]S^u si also mit ein ander riten, 

nu hseten jene vil küme erbiten 3080 



.3050 prisant stra., Fremdwort, Präsent, Ehrengabe. — 3052 hoven swv., ähn- 
lich wie eren, Dienst erweisen. — 3054 prisawfe« swv., Premdwort, präsen- 
tieren, ehrerbietig darbringen. 

3059 bescheidenheit stf.^ (Unterscheidungsgabe), Verstand, Geschick- 
lichkeit. — 3060 jagereht stn. , .Tägerpflicht, richtiger Jägerbrauch. — 
3064 underbint stn., (Unterbindung), Unterschied: Bast, Furkie, Curie im 
Gegensatz zu der gewohnten Enthäutung und Viertheilung. — 3065 vor 
zeln swv., aufzählen, überhaupt: mittheilen. — 3069 ze ni/tte = für nichts; 
vgl. 7255 und zu 12393. — 3070 enrihte (= in rihte) adv., alsbald, sogleich; 
bei Gottfried meist zeitlich, ferner z. B. in V. 7256. 14968; vgl. zu 6840. — 
3073 bezieht sich nicht auf die Keitkunst, sondern auf das kunstgemäße 
Nachhauseschaffen des zerlegten Hirsches. 

3080 erbiten part. von erbiten stv., erwarten. — 



V. DIE JAGD. 113 

(1er State iinde der stunde: 

ir iegelich begunde 

entwerfen siniii msere, 

von welhem laude er waere 

und ^vie er da bin woere komcn. 3085 

si bseten gerne vernomen 

sin dinc und sin ahte. 

diz uam in sine trabte 

der sinnesame Tristan. 

vil sinneclicbe er aber began 3090 

sin äventiure vinden. 

sin rede diu enwas kinden 

nilit gelicb nocb sus noeb so. 

vil sinneclicbe spracb er dö: 

«jensit Britanje lit ein laut, 3095 

deist Parmeni'e genant: 

da ist min vater ein köufmän, 

der wol näcb siner abte kan 

der werkle leben scbon' unde wol, 

icb meine ab, alse ein koufman sol. 3100 

und wizzet endelicbe: 

ern ist docb nibt so riebe 

der babe unde des guotes 

so tugentlicbes muotes: 

der biez micb leren, daz icb kau. 3i05 

nu komen dicke koufman 

von fremeden künicricben dar: 

der dinges uam icb so vil war 

beid' an ir spriicbe und an ir siten, 

unz mich min muot begunde biten 3110 

und scbünden stseteclicbe 

in fremediu küuicricbe; 

und wände icb gerne baete erkant 

unkunde liute und fremediu laut, 

du was icb späte unde fruo 3115 



30S3 entwerfen stv. = nhd. , bestimmte Vorstellungen sich machen Ver- 
muthungen aufstellen über xtiÜK ina;re, über Tristan's Geschichte, Verhält- 
nisse. Müllers Erklärung im mhd. Wb. III, 737l^, 11 «jeder theilte seine 
besonderu Vorstellungen darüber mit» scheint mir nicht in den Zusam- 
menhang zu passen. — 3087 ahte stf., Stand. — 30S8 in trahte nemen, in 
Erwägung zielien. — 30;>i) sinnecliche adv. , besonnen, listig. — aber = 
wiederum; er bringt zum zweitenmal Erdichtetes vor. — 3091 vinden stv. 
= erfinden, erdichten; derselbe Ausdruck von der musikalischen Produc- 
tiou in V. 19200. 19204. — 3101 endeliche adv., schließlich; um eucli alles 
genau zu sagen: vgl. zu 1365.'-). — 3111 schünden svw., antreiben, reizen — 



GOTTFF.IED VON STBASSBURG. I. 2. Aufl. 



114 V. DIE Jagd. 

also beträhtic dar zuo, 
biz daz ich minem vater cntran 
und fuor mit köufliuten dan: 
(80) als bin ich her ze lande komen. 

nu habt ir al min dinc vernomen. 3120 

i'ne weiz, wie'z iu gevalle.» 

«ä trüt kint», sprächen s' alle 

«ez was an dir ein edeler muot. 

imkünde ist manegem herzen guot 

und leret maneger hande tugent. 3125 

trüt geselle, süeziu jugent, 

gebenediet si daz lant 

von gote, da ie dehein marschant 

erzoch so tugentlichez kint! 

alle die künege, die nu sint, 3130 

dien' erzügen alle ein kint niht baz. 

nu, liebez kint, nu sage uns daz: 

din hövescher vater, wie nante er dich?» 

«Tristan», sprach er «Tristan heiz' ich.» 

« deus adjüt», sprach einer do 3135 

«durch got, wie nante er dich do so? 

du wserest zwäre baz genant 

juvente bele et la riant, 

diu schoene jugent, diu lachende.» 

sus riten s' ir msere machende, 3140 

dirre sus und jener so. 

ir kurzewile diu was do 

niwan mit disem kinde. 

sus frägete daz gesinde, 

swes iegelichen do gezam. 3145 

In kurzen ziten ez do kam, 
Tristan daz er die burc gesach. 
von einer linden er do brach 



3116 beträhtic adj., bedacht, dar zuo, darauf. — 3124 unkünde stf., Fremde, 
Leben in der Fremde. — 3128 marschant stm., Fremdwort, Kaufmann. — 
3135 deus 3. Form, die älteste (vgl. zu 741) nach allen Hss. — adjüt franz. 
conj. von adjouster, adjustare, beistehen; [vgl. unser: Gott bewahre, Gott 
behüte]. — 3138 fg. wird wieder gleich deutsch gegeben mit Ausnahme 
von et, welches übrigens in einer Hs. fehlt. — 3140 ncoire machen, Gespräch 
führen. — 3145 iegeltchen ist acc. sing., nicht dat. pl. mich gezimt eines 
dinges, es steht mir an, es passt für mich, ebenso in V. 7976. 10069. 17594; 
dagegen braucht G. den Dativ bei zemen, yezemen in V. 13. 3546. 

3147 Nach Maßmann fasst auch von Hagen (Germ. Studien 1,55) Tristan 
als dat., abh. von kam und will dafür schreiben Tristande der (=daz er). 
Tristan ist vielmehr nom. : Tr. daz e/- Inversion = c^aJ Tristan; vgl. 3211 u. 
zu Y. 5. — 



V. DIE JAGD. 115 

zwei schapel wol gelouLet: 

eiuez säzte er iif sin houbet, 3150 

daz ander er do witer maz, 
dem Jägermeister bot er daz: 
«ei», sprach er («lieber meister min, 
saget waz bürge mac diz sin? 
diz ist ein küniclich kastei» 3155 

der meister sprach : u (deist) Tintajoel. » 
«Tintajoel? a welch kastei! 
de te sal, Tintajoel 
(81) und allez din gesinde!» 

«a wol dir süezem kinde!» 3160 

sprachen sine geverten dö 

«wis iemer stelle imde frö 

und dir müez' alse wol geschehen, 

also vil gerne wir'z gesehen I» 

Sus körnen si zem bürgetor: 3165 

Tristan gehabete dö da vor. 
«ir herren», sprach er aber dö z'in 
((ich enweiz, wan ich iu fremede bin, 
wie iuwer keiner ist genamet: 
wan varn ie zwene und zwene samet, 3170 

und ritet rehte ein ander bi, 
also der hirz geschaffen si! 
daz gehürne daz ge vor, 
diu brüst da nach in sinem spor, 
die rieben nach den büegen! 3175 

dar nach so sult ir füegen, 
däz daz jüngeste lit 
iesä den rieben volge mit! 
da nach so sult ir nemen war, 
daz allerjüngeste var 3180 

diu cuire und diu furkie: 
deist rehtiu jägerie. 
und lazet iu niht sin ze gäch. 



3149 schapel atn., Kranz von Laub. — [/cloubet part. adj. := belaubt. — 3151 er 
machte das Maß des andern größer. 

316Ü gehaben swv., hier intrans. (durch Ellipse), anhalten. — 3170 s. zu 

342. — surftet adv., Nebenform von sament (vgl. 59), hier im Reime, ferner 

COKT; samet und sunder = \\h(i. s. u. sonders 1314S. — 3174 spor stn., Spur 

' ' . in seiner Richtung. — 3177 jungest superl. adj., letzt. — 3180 aller- 

i'i3te=^ze ailerj., zu allerletzt. — 3183 mir ist gäch = ich bin eilig, habe 

....0 (vgl. 13841); die Wendung mit luzen: seid nicht zu eilig. — 

8* 



116 V. DIE JAGD. 

ritet schone ein ander nach: 

min meister hie und ich sin kneht 3185 

wir riten samet, dunk' ez iuch reht 
und obe ez iu gevalle.» 
«ja, trüt kint», sprächen s' alle 
((swie so du wilt, als wellen wir.» 
«diz si!» sprach er «nu lihet mir 3190 

ein hörn, daz mir ze mäze si, 
und Sit ouch des gemant da bi, 
swenn' ich an hebe, so beeret mir, 
und alse ich hürne, als hürnet ir!» 
der meister der sprach ime do zuo: 3195 

«vil lieber friunt, hürn' unde tuo 
reht' alse dir gevalle: 
des volgen wir dir alle, 
(82) ich unde die hie mit mir sint. » 

(ca böneüre» sprach daz kint 3200 

«mit guote, daz lät also sin.» 

ein kleine hellez hornelin 

daz gäben si'm an sine hant. 

«nu hin!» sprach er «allez avant!» 

Sus riten si gerotieret in 3205 

zwen' unde zwene: als solte ez sin. 
und als diu rotte gar in kam, 
Tristan sin hornelin dö nam 
und hürnete also riebe 

und also wunnecliche, 3210 

jene alle, die da mit im riten, 
daz die vor fröuden küme erbiten, 
daz si'm ze helfe kämen 
und alle ir hörn nämen 

und hürneten vil schöne 3215 

mit ime in sinem done. 
er fuor in vor ze prise, 
si nach in siner wise . 



3191 ze mäze, angemessen, passend. — 3193 hoeren mit dat., einem zuhören, 
auf einen hören. — 3200 a boneure, eigentlich: zur guten Stunde wie noch 
heute: d la bonne heure, ein Ausruf: wohlan! — 3201 mit guote. Übers, von 
a boneure; vgl. 3375. — 3204 allez franz. imper. = neufranz. — avant = 
neufranz. 

i2(ib rotieren =^rottieren Fremdwort, in Rotten eintheilen; gerotieret 
nach V. 6895 u. 7005 vier Mann hoch; hier aber: paarweise. — 3207 rotte 
stf., Schar [vgl. Rottenfeuer]. 



V. DIE JAGD. 117 

besclieideulichen imde wol: 

diu biirc diu Avart gedcenes vol. 3220 

Der künec und al diu hovediet, 
do si daz fremede jageliet 
gehorten unde verMamen, 
si erschräken unde erkämen 

vil inuecliche sere, 3225 

wan ez da vor nie mere 
da ze hove wart vernomen. 
nu was diu rotte iezuo koraen 
vür den palas an die tür: 

da waz vil ingesindes vür 3230 

geloufen durch den hörnschäl , 
si nara groz wunder über al, 
was des geschelles wsere. 
ouch was der lobebajre 

Marke selbe komen dar, 3235 

nemen*dirre mcere war, 
und mit im nianic cürtois man. 
nu Tristan den künic sehen began, 
(83) er begünde im wol gevallen. 

vor den andern allen 3240 

sin herze in sunder üz erlas, 

wan er von sinem bluote was: 

diu natiure zoh in dar. 

er nam sin mit den ougen war 

und begüude in grüezen schone. 3245 

in fremedem horndone 

ein ander wise huob er an: 

so lüte er hürne* began, 

daz im nieraen an der stunde 

wol gevolgen künde. 3250 



3221 hovediet stf., Hofbevölkerung. Hofgesellschaft. — 3224 erkoinen 
stv., erschrecken. — 3229 pnlas stm., (Palast, Palais) Hauptgebäude der 
Burg. — 3236 das Mhd. kann das ze beim Inf. nach Verben der Bewegung 
entbehren. — 3242 fg. es war im Mittelalter allgemeine Ansicht, daß die 
Blutsverwandtschaft auch die Herzensneigung bewirke, z. B. im Märchen 
von deu sieben Schwänen Altd. Blätter 1, l;U : zuhant bewegete sich das blut 
in im con natürlicher Übe. — 3240 horndon stm. : don nicht der materieUe 
Klang des Tons, sondern die Art des Blasens. — 3249 an der stunde, hier 
wohl: damals wie in V. 13373; oder soll gesagt werden, daß ihm niemand 
«sogleich > (vgl. zu 3Sl!S) in richtiger Weise folgen konnte? 



118 V. DIE JAGD. 

Nu des was schiere ein ende: 
der wol gezogen eilende 
der lie sin hürnen iinde sweic. 
vil schone er gein dem künege neic 
und sprach mit süezem munde 3255 

vil suoze, als er wol künde: 
«deus säl roi et sä mehni'e: 
künec und sin massenie 
die gehälte got der guote!» 

Marke der wol gemuote 3260 

und al sin ingesinde 
die danketen dem kinde 
vil tugentlichen unde wol, 
als man dem tugenthaften sol. 

«ä!» sprächen s' al gemeine 3265 

groze unde kleine, 
«de duin duze äventiire 
si duze creatilre: > 

got gebe Suez' äventiure 
so süezer creatiure!» • 2270 

Der künec der nam des kindes war: 
den Jäger den besande er dar 
«sage an», sprach er «wer ist diz kiut, 
des wort so wol besniten siut?» 
«ä herre, ez ist ein Parmenois, 3275 

so wunderlichen curtöis 
und alse rehte tugentsam, 
daz ich'z an kinde nie vernam, 
(84) und gibt, er heize Tristan, 

und si sin vater ein köufmän. 3280 

i'n geloube ez aber niemer: 

wie hsete ein koufman iemer 

in siner ünmüezekeit 

so gröze muoze an in geleit? 



3257 mehnie fem., eine frauz. Form vom Fremdwort massenie. — 
3266 solche Formeln zur Bezeichnung der Allgemeinheit bei Gottfried 
selten. — 3267 (iwm = conj. donne. — düze:=dulce, neufr. douce. — 3269 der 
Dichter behält das franz. Wort äventiure bei in der Bedeutung: Glück- 
seligkeit, Heil, die noch öfters hervortritt, z. B. ere und ävcnt. 18938. llnge 
und ä. 17061. 

3274 besniten part. adj., (in Eeden und Wort) fein, zierlich [vgl. ge- 
feilt, zugespitzt]. — 3284 legen mit acc. und prsep. an c. acc, auf einen, 
für einen etwas verwenden. — 



V. DIE JAGD. 119 

solt' er die muoze mit im liän, 3285 

der sich unmuoze sol began? 
ä lierre , er ist so tugenthaft , 
seht, dise niuwe meisterschaft, 
also wir nü ze hove sin komen, 
die hall wir gar von ime genomen. 3290 

und ho3ret wunderlichen list : 
relit' alse der hirz geschaffen ist, 
als ist er her ze hove bräht : 
wä wart ie list so wol bedäht? 
nu sehet, daz houbet daz gat vor, 3295 

diu brüst da nach in sinem spor, 
büeg' unde bein, diz nnde daz, 
daz wart schöner nnde baz 
ze hove geprisantet nie. 

seht dort, gesähet ir ie 3300 

sus gemächete furkie? 
i'n vernam von jägerie 
solher liste nie niht me. 
dar zuo liez er uns sehen e, 

wie man den hirz enbesten sol: 3305 

diu kunst gevallet mir so wol, 
daz ich niemer hirz noch tier 
gehouwen wil in vier quartier, 
und solte ich iemer mere jagen.» 
sus begünde er sinem herren sagen 3310 

von ende siniu ma^re, 
wie vollekomen er wsere 
an hövescher jagerie 
und wie er die curie 

den hunden vür leite; 3315 

und swaz der Jäger seite, 
des nam der künec vil guote war 
und hiez dem kinde ruofen dar, 
(85) die jägere ze herbergen varn, 

ir ambet unde ir dinc bewarn. 3320 



32S6 began refl. mit gen., sich mit etwas beschäftigen, in einem Verhält- 
nisse leben. — 3307 tier ist speciell und im Gegensatz zu ////•; die Hirsch- 
kuh [wie noch heute], dann auch das Reh. — 330S gehouwen stv., verst. 
fiouiren. — 3309 wenn ich wieder jagen werde. — 3311 von ende = von An- 
fang; von ende z'ende 34<)1. von ende unz ende 1004.^. — 3317 guote adj. zu 
v:ar (s. zu 1530); dem schenkte der König gar groDe Aufmerksamkeit; vgl. 
13l7"<. 1430."). — 3320 hier wieder der specielle Begriff vorausgenommen : um 
ihr Geschäft (avibet) und ihre Sachen (din:) zu "besorgen (tjcv:arn). — 



120 V. DIE JAGD. 

die kerteii umbe und riten daii. 
der Jägermeister Tristan 
der gap sin liornelin da wider 
und erbeizete zuo der erde nider. 

Daz junge hovegesinde 3325 

daz lief engegen dem kinde 
und condewierte ez schöne 
under armen vür die kröne, 
ouch künde er selbe schöne gän. 
dar zuo was ime der lip getan, 3330 

als ez diu Minne gebot: 
sin munt was_rehte_ rösenröt ^_, 
«TUT varwe liehtT^sfn ougen klär; 
brimreideloht was ime sin här, 
gekrüspet bi dem ende; 3335 

sin arme und sine hende 
wol gestellet unde blanc; 
sin lip ze guoter niäze la nc; 
sine füeze und siniu bein, 

dar an sin schoene almeistec schein, 3340 

diu stuonden so ze prise wol, 
als man'z an manne prisen sol. 
sin gewant, als ich iu hän geseit, 
daz was mit grözer hövescheit 

nach sinem li'be gesniten. 3345 

an gebserden unde an schoenen siten 
was ime so rehte wol geschehen, 
daz man in gerne mohte sehen. 



3324 erheizen swv., absteigen (vom Pferde). 

3327 condewieren swv., Fremdwort, franz. conduire, geleiten. — 332S under 
armen y zwischen, an den Armen (vgl. 17ö27), am Arm. Das ist franzö- 
sische Sitte, die aber zur Zeit des Dichters schon eingeführt gewesen sein 
muß, sonst hätte er gegen die Vorlage die Situation geändert; vgl. Eudolf 
Hildebrand in Pf. Germania 10, 130 Anmerk. — vür die kröne, vor den König. 
[Wir brauchen Krone, Thron, Cabinet auch für die Person des Regenten, 
aber nur abstract, nicht für die leibhaftige Erscheinung; jener Brauch 
ähnelt unserm : vor die Majestät, Hoheit.] Vgl. V. 18454, wie noch ge- 
sagt werden könnte, und zu 11162. — 3331 gebieten stv., hier = wünschen; 
vgl. zu 525. — 3334 reideloht adj., lockicht. brün nicht als selbständiges 
Wort aufzufassen, sondern Zusammensetzung brünreideloht , braungelockt 
[vgl. unser häufiges: blondgelockt]; vgl. mit brünreidem häre 3919. — 
3335 gekrüspet part. adj. von kruspen swv.; häufiger ist krispen^= crispare, 
kräuseln. Dieser Vers keine unnötiiigc Wiederholung. Tristan hatte 
krause Locken, während z. B. Wate und Frute lange mit Goldschnüren 
durchflochtene Locken trugen; Kudrun 355, 3. — 3337 gestellet jjart. adj. 
von stellen, gestaltet, gebildet; vfel. 4077. 10899 und zu 15.349. — 3340 al- 
meistec adv., allermeist, ganz besonders ; das nur einmal erscheinende ein- 
fache meistec in V. 12223. 



V. DIE JAGD. 121 

Marke sach Tristanden an: 
«friunt«, sprach er «heizest du Tristan?) 3350 
«ja, herre, Tristan; deü sal!« 
«deü sal, beäs vassal!» 
«merzio, sprach er ageutil röis, 
edeler künic Kürnewalöis , 

ir lind iur gesinde 3355 

ir Sit von gotes kinde 
iemör gebenedietl» 
do wart ge merztet 
(86) wunder von der hovediet. 

si triben niwan daz eine liet: 3360 

«Tristan, Tristan li Parmenois, 

cum est beäs et cum cürtois!» 

Mark^ sprach aber Tristande zuo: 

«ich sage dir, Tristan, waz du tuo: 

du solt mich einer bete gewern, 3365 

der wil ich von dir niht enbern.» 

«swaz ir gebietet, herre min.» 

«du solt min Jägermeister sin!» 

hie wart ein michel lahter van. 

hier under sprach do Tristan: 3370 

«herre, gebietet über mich. 

swaz ir gebietet, daz bin ich: 

iuwer Jäger und iuwer dienestman, 

daz bin ich , alse ich beste kan. ■> 

»mit guote, friunt», sprach Marke dö 3375 

((diz ist gelobet, nu si also!» 



3352 vassal franz., hier nicht iu unserm Sinne: Lehusträger, sondern: 
Ritter, Junker. — 3353 gentil rois (hier Nomin., sonst roi in V. 3257) wie- 
der im Folgenden verdeutscht. — 3358 mei'zien swv., Fremdwort, merzt 
sagen, danken. — 33G2 c///n = franz. comme. — 3364 iuo ist nicht prses.= 
ttiost, sondern imper. : was du thun sollst. — 3366 s. zu 117; hier mit praep. 
oon. — 3369 lahter stn., Lachen, Gelächter. — 3374 beste acc. ueutr. in 
adverb. Anwendung: aufs beste; alse beste = nhd. so gut. — 3476 gelobet 
part. von geloben = iih(l. oder auch von loben in der Bedeutung: geloben, 
zusagen; vgl. 5150. 



VI. 

DER JUNGE KÜNSTLER. 

König Marke sucht dem fremden Jüngling das Leben an seinem 
Hofe so angenehm wie möglich zu machen. Tristan zeigt dem neuen 
Herrn seine Jagdkünste, den Bast, die Farkie und die Curie, ganz in 
derselben Weise wie vorher den Jägern. Am Hofe macht er sich bei allen 
beliebt. Als ein walisischer Harfner vor Marko spielte, offenbart sich 
auch Tristan als des Harfenspiels und des Gesanges kundig, und erregt 
dadurch allgemeine Bewunderung. Auch bekennt er, daß er noch andere 
Saitenspiele und fremde Sprachen verstehe. Hierauf dringen die Fremden 
am Hofe herbei, um Tristan in ihren Zungen auf die Probe zu stellen, 
und allen weiß er zu antworten. Auch dies erregt Staunen und Bewun- 
derung, und Marke trägt dem jungen Künstler seine Freundschaft an. 



Nu Tristan der ist ze liuse komen 
imwizzende, alse ir habet vernomen, 
und wände docli eilende sin. 

der unverwände vater sin, 3380 

Marke der tugendericlie 
der gewärj) vil tugentliclie; 
oucb was des dö vil michel not: 
er bat besunder unde gebot 

al dem hovegesinde, 3385 

daz si dem fremeden kinde 
guot unde geusedic waeren, 
und daz si'm ere baeren 
mit rede und mit gesellekeit. 

des wären s' alle samet bereit 3390 

mit willeclichem muote. 



3380 unverwanf part. adj., unvermuthet. — vater, weil Marke mit dem 
Tode von Tristan's Altern als nächster Blutsverwandter in aufsteigender 
Linie Vaterstelle zu vertreten hätte. — 3389 gesellekeit stf., hier: freund- 
schaftlicher Umgang. — 



VI. DER JUNGE KÜNSTLEK. 123 

sus was Tristan der guote 
des küneges ingesiude dö. 
der sach in gerne und was sin fro, 
wan in truoc oucb sin herze dar, 3395 

und nam sin gerne und ofte war, 
wan er was z'allen ziten 
höfschliclie an siner siten 
(87) und truog in sinen dienest an 

als ofte, als er sin State gewan. 3400 

swä Marke was od swar er gie, 

da was Tristan der ander ie, 

und uam daz Marke wol vür guot: 

er truog im harte holden muot, 

und tete im wol, swenn' er in sach. 3405 

In den dingen ez geschach: 
innerhalp den ahte tagen 
reit Marke selbe mit im jagen 
und hovegesiudes vil da mite, 
schouwen sinen jagesite 3410 

und siner künste nemen war. 
nu hiez im Marke bringen dar 
sin jagephärt und gap im daz. 
Tristan wart nie geriten baz, 

wan ez was starc, scho3n' unde snel. 3415 

ein hornelin süez' unde hei 
hiez er im geben an sine hant. 
«Tristan», sprach er «nu wis gemaut, 
daz du min jagemeister bist, 

und zeige uns dinen jagelist; 3420 

nim diue hunde unde var 
und schicke diue warte dar, 
da, si dich rebte dünken stän.» 
«nein, herre, ezn mac so niht ergän; » 
sprach aber der hövesche Tristan 3425 



33i^:i ingesinde hier swm., Dienstmaun. — 339Ö vgl. 3241 fg. — 3405 ellip- 
tisch = ez tete. 

3414 geriten part. adj. = beritten , mit einem Rosse versehen; hier 
wegen vart mehr wirkliches l'articipium, gewöhnlich ivas. — 3419 jage- 
meister (hier nicht Jägermeister), Jagdmeister im Wortspiel mit jagelist. — 
3422 varte stf., hier und im Folgenden Jägerausdruck: in V. 3427 eigent- 
liche Bedeutung, hier übertragen: die zur v:arte gehörige Mannschaft; 
darum im folgenden Verse in natürlicher Coustruction der Plural. — 



124 VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 

«heizet die jägere keren dan, 
die sulü die warte säzen 
und suln von ruore läzen: 
die erkennent hie ze lande sich 
und wizzent michel baz dan ich, 3430 

wä der hirz hin ziuhet 
und vor den hunden fliuhet; 
die erkennent die gelegenheit. 
so bin ich, der hie nie gereit, 

und bin mitalle ein fremede kneht.» 3435 

«daz weiz got, Tristan, du hast reht: 
dune känst dich hier an niht bewarn, 
die jägere müezen selbe varn 
(88) und sich verrihten under in.» 

Hie mite kerten die jägere hin 3440 

und kuppelten ir hunde 
und stalten an der stunde 
ir warte, als si wol wisten wä, 
und liezen z'einem hirze sä 

und jageten den ze strite 3445 

unz gein der äbentzite; 
do erliefen in die hunde. 
und an der selben stunde 
kom Marke und sin Tristan 

und mit in zwein manc hoveman 3450 

gerant ze dem gevelle. 
da wart gr6z horngeschelle 
in maneger slahte done: 



3426 keren dan-, sich von dannen wenden (vgl. V. 356. 468), dann über- 
haupt: gehen. — 3427 warte^ hier: der Anstand, der Hinterhalt, wo das 
aufgespürte und gejagte Wild in die Schußlinie kommen soll. — sazen 
swv. mit acc, besetzen. — 3428 ruore stf., ebenfalls Jägerausdruck, viel 
besprochen und bestritten (vgl. Zarncke im mlid. Wb. II. 1, 816, wo Ver- 
weis auf die einzelnen Schriften). Wie bei allen .Kunstausdrücken die 
ursprüngliche Bedeutung zum Tlieil oder ganz verwischt und vergessen 
wird und je nach den Umständen die verschiedensten Bedeutungen mög- 
lich sind (erinnert sei an warte und curie), so auch bei ruore. Hier ruore 
die Koppel, von r. läzen elliptisch: (die Hunde) von der Koppel lassen; 
vgl. 3444 und zu 17294. — 3433 gelegenlieit stf., Lage (eigentl. wie hier: 
Ortsbeschaffenheit, und übertragen: Beschaffenheit, Umstände). — 3437 be- 
warn refl. , hier: sich vorsehen, Fürsorge zeigen, dem Sinne (nicht dem 
Wortlaute) nach: sich bewähren; vgl. Parzival VII, 1014. — 3439 verrihten 
refl., hier: sich einrichten, die nöthigen Anstalten treffen. 

,3442 stellen swv., hier: aufstellen. — 3444 doppelt elliptisch: sie ließen 
(die Hunde) auf einen Hirsch (los zum Verfolgen); Gr. 4, 133. 641. vgl. 
3428 und zu 17294. — 3445 ze strite = um die Wette, — 3447 erloufen stv. 
[wie erjagen], durch Laufen erreichen. 



VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 125 

si hürneten so schone, 

daz ez Marken sanfte tete 3455 

und mit im niancgem an der stete. 

Nu si den liirz gevalteu, 
ir meister si dar stalten 
Tristanden, den heinlichen gast, 
und bäten, daz er si den hast 3460 

von ende z'ende lieze sehen. 
Tristan sprach: «daz sei geschehen!» 
und mit der rede bereite er sich, 
nu woene ich wol und dunket mich, 
daz ez undurfte waere, 3465 

ob ich iu zwir ein msere 
nach ein ander vür leite, 
reht' alse ich iu e seite 
von jenem hirze, rehte also 

enbaste er aber disen dö. 3470 

den hast und die furkie, 
die kunst von der curie, 
do si den begunden sehen, 
si begunden eines mundes jehen, 
daz uiemen von dem liste * 3475 

niht bezzers enwiste 
noch niemer künde ervinden. 
der künec der hiez dö binden 
(89) den hirz üf unde kerte dan, 

er und sin jägere: Tristan 3480 

und al sin massenie. 

mit gehürne und mit furkie 

riten si do ze hüse wider. 

Als was der guote Tristan sider 
ein lieber hoveman under in. 3485 

künec ünde gesinde hoeten in 
in güoter geselleschaft. 
euch was er alse dienesthaft 



3437 hier wieder plusquamperf. : gefällt hatten. — 3459 heinltch adj. 
hier mit yast zusammengestellt: vertraut, lieb geworden. — 3465 undurfte 
= H8. M und II (wohl dat. von undurft), unnöthig; vgl. undurften 14804. 
14954. — 3460 zwir adv., zweimal. — 3474 eines mundes = mit einem Muude, 
emstimmig; vgl. 4166. — 3482 s^e//ir«e stn., hier wohl nicht wie in V. 2935, 
sondern subst. eu hürnen (2770): Geblase, Hornschall. 

34>7 geselleschaft stf., freundscliaftlicher Verkehr. — 



12G VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 

dem armen imde dem riehen; 

möht' er ir iegelicben 3490 

üf siner hant getragen han, 

daz hsete er gerne getan. 

die saelde hsete im got gegeben, 

er künde und wolte in allen leben: 

lachen, tanzen, singen, 3495 

riten, loufen, springen, 

zuhten imde schallen: 

daz künde er mit in allen. 

er lebete, swie man wolte, 

und als diu jugent solte, 3500 

swes ir deheiner began, 

daz huob er iemer mit im an. 

Xü gefüogte sich daz, 
daz Marke an einem tage saz 

ein Kitzel nach der ezzenzit, 3505 

so man doch kurzewile pflit, 
und losete sere an einer stete 
einem leiche , den ein harphaere tete , 
ein meister siner liste, 

der beste, den man wiste; 3510 

der selbe was ein Gäiöis. 
nu kom Tristan der Parmenois 
und saz ze sinen füezen dar 
und uam so flizecliche war 
des leiches unde der süezen noten, 3515 



3490 fg. hätte er tragen können; ebenso V. 3517. — 3493 saclde stf., hier: 
Begabung; vgl. 2741. — 3497 zuhten swv. intrans., sich mit zuJit beneh- 
men, fein und sittsam sein im Gegensatz zu schallen swv., lärmen (Hs. 
M liest iuhten: hat der Schreiber an ein "Wort gedacht wie: jauchzen?); 
vgl. Bech im Zeitzer Osterprogramm 1868, S. XXIV. 

3503 gefüegen, verst. füeyen; hier sich p?/. =:nhd. sich fügen; vgl. zu 
15795. — 3507 losen swv., lauschen, zuhören. — an einer stete, an einer 
Stelle, auch auf saz in V. 3504 zu beziehen oder = aw der stete, so- 
gleich? oder will die "Wendung besagen: in einem fort, mit gespannter 
Aufmerksamkeit? — 3508 leich stm. ist hier wie in Y. 13325 ein In- 
strumental-Tonstück ohne Gesang (über leich s. Müller im mhd. Wb. I, 
959, ferner Franz Pfeiffer's Vorbemerkung zum Leich "Walther's von der 
Vogelweide in seiner "Walther- Ausgabe). Im Tristan hat leicli auch andere 
Bedeutung: s. insbesondere zu 3524. ZeicÄ ^?<ow [vgl. Spiel machen] = Leich 
spielen; vgl. 3607. 3610 tmd zu 526. 745. — 3511 Gälois Fremdwort masc, 
einer aus "Wales. — 3512 Parmenois Fremdwort masc. , Parmenier. — 
3515 note swf., nicht bloß Tonzeichen, sondern auch der lebendige Aus- 
druck des Tones, der Ton selbst; die noten dann: die Melodie, der Satz; 
insbesondere scheint aus den Stellen, wo von noten und noteltn die Eede, 
hervorzugehen, daß im Gegensatz zu don und wise das Wort vorzugsweise 
das Figurierte des Instrumentalspieles bezeichnen soll, die von der Me- 
lodie nicht gebotenen Verzierungen. — 



VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 127 

wser' ez im an den lip geboten, 
ern möhte cz niht verswigen hän. 
sin muot begunde im ii'f gan. 
(90) sin herze daz wart muotes vol. 

«meister», sprach er «ir harphet wol: 3520 

die noten sint rehte vür braht 

seneli'che und alse ir wart gedäht. 

die macheten Britime 

von minem hern Gurime 

und von siner friundinne.» 3525 

Diz nam in sine sinne 
der harphier' und lost' allez dar, 
als er der rede niht nseme war, 
unz er den leich volante. 

gein dem kinde er sich dö wante: 3530 

«waz weistu'), sprach er «liebez kint, 
von wannen dise noten sint? 
kanstu ihtes iht hier an?« 
«ja, schoener meister», sprach Tristan 
«ich haete hie von meisterschaft; 3535 

nu hat ez aber so kleine kraft, 
daz ich vor iu niht engetar.» 
«nein, friunt, se dise harphen dar, 
lä beeren, welher bände 

kan man in dinem lande?» 3540 

«gebietet ir daz, meister min, 
und söl ez mit iurm urloube sin, 
daz ich iu harphe?» sprach Tristan. 
«ja, trüt geselle, se, harph' an!» 



3516 hier im strengsten Sinne: tei Todesstrafe gebieten oder verbieten, 
sonst überhaupt: ernstlich gebieten; vgl. I!s94. — 3517 versaigen trans. 
8. zu 15495. — 3522 scnellchc adv., innig; geht auf den guten Vortrag. — 
alse ir wart (/eciaht = {so) wie ihrer gedacht wurde, wie sie der Componist 
gewollt und vorgeschrieben hatte; hier wird das correcte Spiel belobt. — 
3524 /lern hier gekürzt vor dem Namen = Afr/ve/i ; min /icr=^monsieur, bei 
G. nicht häufig; vgl. 14282. — 3524 fg. zeigen, diaß der leich des Harfners 
die Melodie eines Gesangstückes, einer Ballade war. 

3534 scficene adj., hier nicht in unserm Sinne: (äathetiscli) schön, auch 
wohl nicht = vornehm, als ehrendes Beiwort in der Anrede (mhd. Wb. II 2, 
lyi), sondern, wie aucli öfters das altfranz. bei: lieb. — 3535 kein Selbstlob : 
meistcrscfiaß stf., hier wie in V. 32s8: Kunstübung, Geschicklichkeit. — 
3536 kleine kraft haben, poetische Wendung für: gering sein; vgl. arme 
(schwache^ kr. 13972. — 3537 gcturren anom. v., hier : wagen, sich getrauen. — 
3538 se ein Imper. von sehen, verschieden von sich, sieh, iu der Bedeutung 
ecce,voilci, sieh da! da! hat also mehr die Geltung einer Interjection. Nach 
Pfeiffer zu Walther 66, 4 in der Schweiz noch jetzt als Lockruf gebraucht. 
se — dar, da, nimm hin! — 3539 welher hande ohne Substantiv = welcherlei, 
was alles. — 3542 urlvup stm,, hier eigentliche Bedeutung: Erlaubniss. 



128 VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 

Als er die harphen do genam, 3545 

sinen händeu si vil wol gezam-, 
die wären, alse ich hän gelesen, 
daz si nilit sclioener künden wesen, 
weich unde linde, kleine, lanc 
und rehte alsam ein härm blänc; 3550 

mit den so ruorte er unde sluoc 
ursuoche und notelin genuoc 
seltssene, süeze, guote. 
hie mite wart ime ze muote 

umbe sine leiche von Britün. 3555 

sus nam er sinen plectrün, 
nagel unde selten zoher, 
dise nider, jene hoher, 
(91) rehte als er si wolte hau. 

nu diz was schiere getan: 3560 

Tristan, der niuwe spileman, 

sin niuwez ambet huob er an 

mit flizeclichem ruoche. 

sine nöten und sine ursuoche, 

sine seltssene grüeze 3565 

die harj)hte er also süeze 

und machete si so schoene 

mit schoenem seitgedoene, 

daz iegelicher dar zuo lief, 

dirre jenem dar näher rief. 3570 



3546 gezeruen stv. mit dat., für etwas passen. — 3549 Unde, häufig im 
Mhd. von der Weichheit und Zartheit der Haut und des Fleisches ge- 
braucht. — kleine Si^i.-i hier: fein, zart, zierlich. — Zanc adj., langgestreckt, 
schlank, schmal ; vgl. 10898. — 3550 liarm stm., das große Wiesel, Hermelin 
(statt Härraelein). — 3551 rüeren swv., harfen, mit Fiugergriffen spielen; 
dagegen slahen das Spielen mit allen Fingern oder mit einem Instrumente. 
Beide Ausdrücke dann formelhaft (wie etwa: singen und sagen). — 3552 ur- 
suoche stf. (wenn nicht pl. von ursuoch stm.), eigentlich: Untersuchung, 
Versuch; gemeint ist das übliche Präludieren zum Versuch des Instru- 
ments und der Stimmung. — 3553 seltsccne adj., seltsam, wunderbar. — 
3554 hie mite, während des Vorspiels. — mir wirt ze muote umbe . . . = 
ich gedenke an . . ., mir fällt etwas ein. — 3555 Britün, xa-:' £c,o/7iv König 
Artus. — 3556 jjlectrün stm., Fremdwort, lat. plectruin, das bekaniite Werk- 
zeug, der Griffel, um die Saiten zu schlagen. Zarncke fasst das Wort im 
mhd. Wörterbuche II 1, 523 in Beziehung auf die folgenden Zeilen nur 
als: Stimmschlüssel, Saitenzieher. Nach Diefenbach 441*" hat plectrurn 
allerdings vorzugsweise diese Bedeutung , daneben auch percussorium ci- 
thare, sogar werbet (Wirbel), unter andern auch rottenhamer, richthemerlin 
u. s. w., also ähnlich wie unsere Stimmhämmer Schlüssel und Hämmer zu- 
gleich sind. — 3557 nagel pl. (selten negele) , Stimmschrauben, Wirbel. — 
3558 dise und jene auf seilen zu beziehen: die einen, die andern. — 
3565 grüeze werden die Eingangssätze, das Anschlagen genannt; denselben 
Terminus weist Bech nach im J. Titurel 2512, 1. 35i4, 1. — 3570 einem dar 
7iäher r«o/^K = einem zurufen, herbeizukommen. — 



VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 129 

vil schiere kom diu liovescliar 

almeistec löufeude dar 

und wände niemer komen ze fruo. 

Nu Marke der sacli allez zuo 
und saz allez trahtende, 3575 

sinen friunt Tristanden alitende 
und wunderte in des sere, 
daz er so liövesclie lere 
und alse guote liste. 

die er an im selben wiste, 3580 

also verhelen künde, 
nu Tristan der begunde 
einen leicli da läzen klingen in 
von der vil stolzen friundi'n 

Gräländes des schoenen. 3585 

do begunde er suoze dornen 
und harphen so ze prise 
in britunsclier wise, 
daz maneger da stuont unde saz, 
der sin selbes namen vergaz: 3590 

da begünden herze und oren 
tumben unde toren 
und üz ir rehte wanken: 
•da würden gedanken 

in maneger wise vür braht. 3595 

da wart vil ofte gedäht: 
«ä, saelic si der köufmän, 
der ie so höveschen sun gewan!» 
(92) ja sine vinger wize 

die giengen wol ze flize 3600 

walgende in den selten, 
si begünden doene breiten, 
daz der palas voller wart. 

3573 niemer ze fruo, nicht bald genug. 

ib'^h 8. Nameuverzeichniss, — 35Sfi dcvnen swv., Töne hervorbringen 
singen [uUd. tönen nur intrans. und nicht subjcctiv = klingen]. — 3590 sin 
■telOes namen (wie sin selbes llbes Gr. 4, 296) Umschreibung für: sich selbst. 
— 3592 tniiiben swv., tump , unverständig werden. — toren swv., tore, thö- 
richt werden. — 3593 rehte. dat. von reJd stn., hier: Art und Weise wie in 
V. 4541. 169S4; oder vielleicht dat. von relde stf. in der Bedeutung = r//<^<?, 
gerade Richtung? oder wortspielend beides zusammen? — 3594 ijedanken 
('.tranken) schw. Plural statt gcdanke, von Vortheil für den Dichter. 
DisBe dem Nhd. gleiche Nebenform vorzugsweise in mitteldeutschen Denk- 
inftlern. — 3001 lealgen swv. intrans., sich wälzen, «wühlen». Simrock; 
'Wogen». Kurtz. — 3'>02 breiten swv., ausbreiten. — 3603 voller nicht 
' "mpar., sondern starke Flexion; vgl. z. B. V. 3S67. 10739. — 

GOTTFRIED VON STKASSBUKG. I. 2. Aufl. 9 



130 VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 

dano wart oucli oiigen uiht gespart, 

der käphete vil manegez dar 3605 

und nämen siner hende war. 

Nu dirre leicli der was getan: 
nu liiez der guote künec dar gän 
lind sprach, daz man in b^ete, 
daz er noch einen trete. 3610 

«mü volimtiers!» sprach Tristan, 
riliche hiiob er aber an 
einen senelichen leich als^e 
de la cürtoise Tispe 

von der alten Bäbilone. 3615 

den harphete er so schone 
und gie den noten so rehte mite 
nach rehte meisterhchem site, 
daz es den harphcer wunder nam; 
und alse ez ie ze staten kam, 3620 

so lie der tugenderiche 
suoz' unde wunnecliche 
sine scliänzüne fliegen in: 
fr sanc diu leichnotelin 

britunsche und gälöise, 3625 

latihsche und franzoise 
so suoze mit dem munde, 
daz niemen wizzen künde 
wederz süezer w£ere 

oder baz lobebsere, 3630 

sin harphen oder sin singen, 
sich huop von sinen dingen 
und von siner fuoge 
rede ünde zal genuoge: 

si jähen al geliche, 3635 

sin' vernsemen in dem richo 



3604 sparen swv, in der Bedeutung: unterlassen öfters in solchen passi- 
vischen Wendungen: da wurde nicht unterlassen, Blicke zu werfen, da 
fehlte es nicht an Blicken. — 3605 kaphen swv. =^ gaffen (aber ohne tadeln- 
den Nebensinn), überhaupt: eifrig auf etwas schauen. 

3611 md=^mou, moult, lat. viultum, viel, sehr. — voluntiers = -a.ex\ir:Q,nz. 
nolontiers. — 3615 aus dem alten Babylon. ■ — 3623 der Leich bestand als(< 
abwechselnd aus reinem Instrumentalsatz und aus G-esang mit Begleitung. 
— 3625 galols hier adj., walisisch. — 3626 franzois (aus franziscus oder 
noch wahrscheinlicher aus franciensis) adj., französisch [dies eigentlich 
ein doppeltes Adjectiv]. — 3629 wederz neutr. von weder pron. interr., 
welcher von beiden. — 3G33 fuoge stf., hier: Geschicklichkeit, Kunst. — 
3634 zal stf., Erzählung, Erwähnung, Gespräch. — 



VI. DER JUNGE KUNSTLER. 



131 



an einem man die fuoge nie. 
der sprach dort und dirre hie: 
(93) «ä, waz ist diz von kinde? 
waz hän wir ze gesinde? 
ez ist allez umbe den wint, 
elliu diu kint, diu nu sint, 
wider ünserm Tristände. »> 



3G40 



Tristan dö der verande 
sinen leich nach siner ger, 
Marke sprach: «Tristan, gä her: 
der dich da hat geleret, 
der si vor gote geeret 
und du mit ime! daz ist vil wol. 
dine leiche ich gerne hoeren sol 
underwilen wider naht, 
so dii doch uiht gesh\fen mäht, 
diz tuostu wol mir unde dir.» 
«ja, herre, wol.» «nu sage mir, 
kanst du kein ander seitspil noch?» 
«nein, herre» sprach er. «nü iedoch, 
reht' alse lieb als ich dir si, 
Tristan, da frage ich dich es bi.» 
«herre,» sprach Tristan al zehant 
«irn dorftet mich niht hän gemant 
so verre , ich seite ez iu doch wol , 
sit ich ez iu doch sagen sol 
und ir ez wellet wizzen: 
herre, icli lian geflizzen 
au iegelichem seitespil, 
und enkän doch keines alse vi), 
i'ne künde es gerne mere. 



1645 



3650 



.jooü 



3600 



3665 



2639 eon kinde steht für den Gen.: waz kinde.i ist diz, was für ein Kind ist 
dies; 9. zu 75<>. — 'ii^40 geainde stn., hier in ursprüngliclier Bedeutung: Ge- 
sellechaft, oder (/ainde dat. von yesint stm., Genosse? — 3641 tonbe den 
wint, um Nichts, soviel wie Nichts; ähnliche Wendungen bei Gottfried 
Bind: uinbe ein loup I<;0s8, umbe ein ijlänn ointjeriln 1(5874; vgl. zu 8673. 

3644 ehrenden swv. trans. = beenden ; vgl. 8352. — 3651 wider naht, 
gegen Abend. — 3652 gosläfen stv., verst. ulafen, einschlafen. — 3657 wii- 
t:agen : wenn ich dir lieb bin, im Vertrauen auf deine Zuneigung. — 3658 da 
vieUeicht nicht zu bi geliürijj, sondern das satzbeginnende däf vgl. zu 3971. 
— bi frä'jen mit acc. und gen., einen um etwas Ijefragen, bei einem Nach- 
frage halten liber etwas , seltene Wendung [auch befragen in älterer Zeit 
ungemein selten]. Kher da bi mit Bezug auf V. 3557: unter der Voraus- 
aeUung (daß ich dir lieb bin; bei deiner Liebe). — 3664 flUcn stv. hier 
nicht reflexiv, aber dieselbe Bedeutung: sich bemühen ; an, um. — 3*)67 daß 
ich 6B nicht «^orne noch besser verstünde. — 

9* 



132 VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 

euch hän ich dise lere 
niht vil manegen tac getriben, 

und zwäre ich bin derbi beliben 3670 

under malen küme siben jär 
oder lützel mere, daz ist war. 
mich lerten Parmenien 
videln ünde Symphonien: 

harphen iinde rotten 3675 

daz lerten mich Gälotten, 
zwene meister Galoise. 
mich lerten Britünoise, 
(94) die wären üz der stat von Lüt, 

rehte li'ren ünde sämbiüt.» 3680 

«sarabiiit, waz ist daz, lieber man?» 

«daz beste seitspil, daz ich kan.» 

aseht», sprach daz gesinde 

{(got der hat disem kinde 

üf rehte wunneclichez leben 3685 

siner genäden vil gegeben.» 

Marke der fragte in aber do me: 
«Tristan, ich horte dich doch e 
britiinisch singen und gälois, 

guot latine und franzois: 3690 

kanst du die spräche?» «herre, ja, 
billiche wol.» nu kom iesä 
der hüfe dar gedrungen; 
und swer iht fremeder zungen 

von den bilanden künde, 3695 

der versüochte in sä zestuude: 
dirre sus und jener so. 



3671 under malen {underwUen ist adverbialer) = mitunter , bisweilen, kann 
hier nur die Bedeutung haben: zwischen hindurch, mit Unterbrechung. — 
3673 Farmenie swm. = Parmenois, Parmenier. — 3674 Lymphomen swv., auf 
der Symphonie, einem musikalischen. Instrumente , spielen; es wird eine 
Art des Geigenspiels gemeint sein. — 3675 rotten swv., auf der rotte (s. zu 
13123) spielen. — 3676 Gälotte sv^m. = Galoix, Waliser; vgl. 16276 fg. — 
3678 Britunois adj. subst. %iva.. = Britun, Bretone. — 3680 llren swv., die 
lire (s. zu 7995) spielen. — sambiut (Geschlecht?) Fremdwort, franz. sam- 
huque, lat. sarnbuca , ein Saiteninstrument und Saitenspiel, wohl eine Art 
Harfe. — 3685 uf praep., für. 

3690 latine ist subst. stf., Latein (aus latina sc. lingua) wie in V. 11953. 
Die vorhergehenden "Worte wie das folgende sind auch substantivisch zu 
fassen, nicht adverbial, wie wir sagen: Deutsch, das Deutsche. — 3691 spräche 
plur. — 3692 billiche adv., hier: ziemlich, b. tcol, ziemlich gut, ao ziem- 
lich. — 



VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 133 

hier uuder antwürte er do 

hofsliche ir aller maeren: 

Norwaegen , irlandreren , 3700 

Alamanjen, Schotten imde Tenen. 

da begünde sich mauc herze senen 

nach Triständes fuoge. 

da wölten genuoge 

vil gerne sin gewesen als er. 3705 

im sprach vil maneges herzen ger 

siioz' unde minneclichen zuo: 

«ä Tristan, wsere ich alse duo! 

Tristan, du mäht gerne leben: 

Tristan, dir ist der wünsch gegeben 3710 

aller der fuoge, die kein man 

ze dirre werlde gehaben kan.» 

ouch macheten si hier under 

mit rede michel wunder: 

'«hörä!» sprach dirre «horä!» sprach der 3715 

«elliu diu werlt diu hoere her: 

ein vierzehenjaerec kint 

kan al die liste, die nu sint!» 

(95) Der künec sprach: «Tristan, hoere her: 

an dir ist allez, des ich ger; 3720 

du kanst allez, daz ich wil : 

jagen, spräche, seitespil. 

nu suhl ouch wir gesellen sin, 

du der min und ich der din. 

tages so suln wir riten jagen, 3725 

des nahtes uns hie heime tragen 

mit höveschlichen dingen: 

harphen, videlen, singen, 

daz kaustu wol, daz tuo du mir: 

so kan ich spil, daz tuon ich dir; 3730 

des ouch din herze lihte gert, 

schceniu kleider unde pfert, 



3701 Alamanje swm., Deutscher. — 3710 wunach stm. , das Höchste, die 
größte Meisterschaft; vgl. A*M^. — .Mlh horä = h<£rä imper. mit der ver- 
stärkenden Partikel «; vgl. Gr. 3, 29o. Zingerle in Pf. Germania 7, 257. 

3723 o«:A zu ge%t>Uen. — 372ö tages adv. gen. = des Tags [wie nachts]. 
— 3726 hie hehne adv., daheim. — tragen stv. refl. mit f-tew., sich mit etwas 
beschäftigen. — 373(t der König maclit einen Scherz mit den Worten spü, 
und spikn (3734), er fasst sie im Gegensätze zu dem musikalischen Spiele 
TriBt«n'8 aligemeiner: Unterhaltung, Ergötzung , und Unterhaltung bieten.— 



134 VI. DER JUNGE KÜNSTLER. 

der gibe ich dir, svvie vil du wilt: 

da mite hän ich dir wol gespilt. 

sich, min swert und mine sporn, 3735 

min armbrust und min guldin hörn, 

geselle, daz bevilhe ich dir: 

des underwint dich, des pflic mir 

und wis du hövisch unde fro!» 

Sus was der eilende do 3740 

da ze höve ein trüt gesinde. 
ezn gesäch nie man von kinde 
die s?elde, die man an im sach: 
swaz er getete, swaz er gesprach, 
daz dühte und was ouch alse guot, 3745 

daz ime diu werlt holden muot 
und inneclichez herze truoc. 
hie mite si der rede genuoc. 
wir suln diz msere legen nider 
und grifen aber an jenez wider, 3750 

sin vater, der marschalc dan Rüal 
li foitenant et li leal, 
waz der nach ime getrete, 
do er in verlören haete. 



^^738 pfleyen stv. mit dat. der Person, gen. der Sache, hier etwas anders 
als in V. 1932: sich für einen eine Sache angelegen sein lassen. 

3749 nider legen [vgl. nhd. niederschlagen] gebraucht Gottfried neben 
hin l. öfters im Sinne von: bei Seite legen, aufgeben, auf sich beruhen 
lassen; vgl. 9743. 15023 und zu 4410, 9604. — 'SlbO r/rifen an . . . öfters ge- 
sagt von mcere, liet = iinserm: aufnehmen; steht auch elliptisch z. B. 7235. 
— 3751 dan Fremdwort, dominus, neuspanisch Don. — 3753 nach praep., 
eigentlich : hinter her [wie bei senden, suchen auch näcfi steht] ; nur durch 
Umschreibting zu geben: was der, um nach ihm zu suchen, unternahm. 



Yll. 
WIEDERSEHEN. 

Rual li Foitcnant begibt sich auf die Keise, um nach dem verlorenen 
Tristan zu suchen. Er verarmt, geht zu Fuße und muß sein Brot erbet- 
teln. Im vierten Jahre seiner Wanderung begegnet er in Dänemark jeneu 
beiden Pilgern und wird von ihnen auf Tristan's Spur geleitet. Er fährt 
nacli Kurnewal, und in Tintajoel findet er den Ersehnten, der seineu 
Vater mit herzlicher Freude begrüßt und ihn trotz seines ärmlichen Ge- 
wandes und Übeln Aussehens vor den König führt. Dieser heißt den 
vermeintlichen Kaufmann als den Vater seines jungen Freundes will- 
kommen. Rual wird gebadet und neu gekleidet, und speist an des Königs 
Tische. Nach dem Essen erzählt er mit Rührung und unter schmerzliclier 
Theilnahme Marke's und der Ritterschaft seine Fahrt und die Geschichte 
Tristan's und seiner unglücklichen Altern. Tristan ist die neue Kunde, 
<laß er nicht der Sohn Rual's sei, nicht erfreulich zu hören. Marke er- 
klärt, seinem Neffen Erbvater sein zu wollen, und Rual rüth, Tristaix möge 
sich von seinem Olicim zum Ritter machen lassen. 



Dan Küal li foitenant 3755 

der schiffcte über mer zeliaiit 
mit nnchelem guote , 
wan ime was wol ze niuote, 
(96) ern wolte niemer wider komen, 

ern haete etewaz vernomen 3760 

endeclicher m»re, 

wä sin juncherre wsere, 

und stiez ze Korwjege zuo. 

da vorsclite er späte unde fruo 

in allem dem lande 3765 

nach sinem friunt Tristande. 



^ 3761 endeclich adj., zum Ziel fahrend, voUbtäadig, sicher. — 3763 zuo 
slo'.en, anlanden. — 



13G VII. WIEDERSEHEN. 

waz half in daz? ern was da iiiht: 

al sin siiochen was ein wiht. 

imd alse er sin da niht envant, 

dö kerte er Avider Irlant. 3770 

seht, däne künde er iht me 

von ime ervorschen danne als e. 

hie mite begunde er an der habe 

so swachen und so nemen abe, 

daz er sich nider ze fuoze liez 3775 

und siniu phärt verkoufen hiez 

und mit dem guote sande 

sine Ifute wider ze lande. 

sich selben liez er in der not, 

wan er gie betelen umbe bröt 3780 

und treip daz stsetecliche 

von riebe ze riche 

von lande ze lande, 

vorsehende nach Tri stände 

wol driu jär oder mere, 3785' 

biz daz er also sere 

von sines libes schoene kam 

und an der varwe als abe geiiam, 

swer in da vor htete gesehen, 

dern hsete niemer gejehen. 3790- 

daz er ie herre würde. 

die schameliche bürde 

die truoc der werde dan Rüalt 

geliche alsam ein art ribalt, 

daz ime dehein sin armüot, ' 3795 

als ez doch weizgot manegem tuot, 

sinen giioten willen nie benam. 

Nu ez in daz vierde jär do kam , 
(97) do was er ze Tenemarke 

und vorschete euch da starke 380O 

von stete ze stete, hin unde her: 



3767 h'A/en im Mhd. auch mit acc. [nhd. seltener]. — 376S ein wiJit = ein 
Nichts, umsonst; vgl. 8185. — 3775 (vom Pferde) herabstieg. — 3781 stce- 
tecilche adv., beständig. — 3792 schamelich adj., schimpflich. — 3794 ein 
arf, nicht: eine Art, Gattung, sondern: in der Art; etwa = unserm: seines 
Zeichens ; vgl. 7595. — ribalt stra., Fremdwort, Landstreicher, Vagabund. — 
3795 armiwt stn. (vgl. 4454), Armuth stf. — dehein sin: im Nhd. diese und 
ähnliche Verbindungen nicht mehr möglich; dehein ist je nach ümständerk 
durch Negation zu geben oder wegzulassen; vgl. 17266. 



VII. WIEDERSEHEN. 137 

von gotcs genädeu cid vant er 

die zwoiie wällende man, 

die sin juncherre Tristan 

uf der wältstraze vant. 3805 

die selben frägete er zehant; 

die Seiten ime oucli mcere, 

wenn' und wie lange es waere, 

daz si einen knaben hseten gesehen 

reht' als si in da hörten jehen 3810 

und wie si'n mit in liezen gän, 

wie sin dinc allez was getan 

au antlütz' unde an häre, 

an rede und an gebäre, 

an libe und an gewande, 3815 

und wie maneger hande • 

sprach' unde fuoge er künde. 

zehant und an der stunde 

bekande er wol, im wierc also. 

die wälljere bat er do 3820 

däz si'z durch got tceten, 

swä si'n geläzen haeten, 

ob si die stat erkanden, 

daz si si'm rehte nanden, 

sus Seiten si Rüäle, 3825 

ez wi3ere in Kurnewäle 

ze Tintajöle in der stat. 

die stat er ime dö nennen bat 

aber und aber und sprach dö z'in: 

cnu wä lit Kurnewäle hin?» 3830 

'<ez stozet» sprächen jene zehant 

«jensit Britanje an daz lant.» 

«A!» dähte er «herre trehtih, 
diz mac wol din genäde sin: 

ist Tristan, also ich hau vernomen, 3835 

alsus ze Kurnewäle komen, 
so ist er rehte komen hin heim; 
wan Märke der ist stn ddieim. 



3S18 vgl. V. 419»;. an der a'unde, hier entschieden in der Bedeutung: 
sofort; an manchen Stellen zweifelhaft, ob diese Bedeutung oder = da- 
mals , da; vgl. «477. 0.'>4l. 7102. 12918 und zu .3249. — 3819 bekennen swv., 
erkennen, merken. 



138 VII. WIEDERSEHEN. 

(98) da wise mich hin, süezer got! 

ä herre got, durcli din gebot 3840 

nu lä mir noch so wol geschehen, 

daz ich Tristanden müeze sehen! 

diz msere, daz ich hän vernomen, 

daz müeze mir ze fröuden komen! 

ez dunket mich und ist ouch guot: 3845 

ez hat mir minen swieren muot 

erwecket unde gemachet fro. 

sseligen liute«, sprach er do 

«der megede sim m.üez' iuch bewarn! 

ich wil üf mine sträze varn 3350 

und sehen, ob ich in vinde.» 

«nu gewi'se iuch nach dem kinde, 

der al der werlde hat gewalt!» 

«genäde!» sprach ab dö Rüalt, 

«gebietet mir, hie'st bite nime.» 3855 

«friunt», sprächen jene «a de, a de!» 

Rüal dö sine sträze gie, 
so daz er sinem libe nie 
ruow' einen halben tac genam, 
unz daz er zuo dem mere kam. 3860 

da ruowete er, daz was im leit: 
wan schif diu wären unbereit; 
und alse er dö schiffunge vant, 
er fuor ze Britanje in daz lant. 
durch Britanje streich er do 3865 

so striteclichen unde also, 
daz nie kein tac so langer wart, 
daz des iht würde gespart, 
ern striche in iemer in die naht, 
da zuo gap ime muot unde mäht 3370 

der gedinge, der im was geseit. 
ez machete ime sin arebeit 
senft' unde harte lihtesam. 



3847 erwecken swv. , erquicken , erbeitern. — 3849 der megede sun wie 
in V. 5167, Umsclireibung für Christus. — 3852 gewisen swv., verst. wisen, 
führen. — 3855 bite stf., Warten, Verweilen; vgl. 8860. 

3859 ruoioe nemen, genemen sinei/i Itbe, sich Buhe nehmen, ausruhen. — 
3862 unbereit aclj. = nicht bereit; Gottfried hat eine Vorliebe für diese Zu- 
sammensetzungen mit tm-. — 3863 schiffunge stf., Einschiffung, Schiffs- 
gelegenheit. — 3866 striteclichen adv., (streithaft), tapfer, eifrig. — 
3873 lihtesam adj., leicht; vgl. zu 1768. — 



VII. WIEDERSEHEN. 139 

iiu er ze Kurnewäle kam, 

zehant (16 fragte er nifere, 3875 

wa Tintajoel wsere; 
vil schiere er des bewiset wart. 
(00) sus kerte er aber üf sine vart 
und kom ze Tintajole zuo 

eines sunnen äbendes fruo, 3880 

do man ze messe solte gän. 
sus gieng er vür daz münster stän; 
da gie daz volc her unde dar, 
und er nam allenthalben war 

und spehete wä unde wä, 3885 

obe er iemen fuude da, 
der ime reht unde gebaere 
ze siner frage waere, 
wan er däht' allez wider sich: 

«diz volc ist allez baz dan ich; 3890 

swen ich mit rede bevähe, 
ich fürhte, ez in versmähe, 
daz er mir gebe antwürte umb' in, 
Sit ich als armer fuore bin: 
rät, herre got, waz ich getuo!» 3895 

Nu gie der künic Marke zuo 
mit einer wunneclichen schar, 
der getriuwe der nam aber war 
und ersäch niht, des er wolte. 
und alse der künec do solte 3900 

von messe wider ze hove gän, 
Rüal gie von dem wege stän 
und nam sunder dort hin dan 
einen getageten hoveman: 

« ä herre», sprach er «saget mir 3905 

durch iuwer güete, wizzet ir, 
ob ein kint hie ze hove si? 
mau seit, ez wone dem künege bi 



3'<H1 bevähen stv., mit acc, wie unser: einen in Anspruch nehmen, oder: 
angehen; mit rede 0er., einen anreden; vgl. 4112. — 3892 in nach den 
Has. Btatt j//( , darum wolil altcrthümlich venntälicn 8wv. trans. = r^r- 
■<)iu'lien in der Bedeutung: beleidigen; vgl. zu 7554. Übrigens kommt 
auch, v;\Q Bech nachweist, versmäfien, verächtlich dünken, mit dem Acc. 
vor in einigen alten Hss. der Kaiaerchronik 2:{r»8. 14121 und Walther (L) 
CO, ö Hs. A und E. — 3894 /«ore stf., Lebensweise, dann auch wie hier: 
Auesehen , Erscheinung. 

3908 l/i uonrn mit dat. = bei einem wohnen, einem zugesellt sein, iu 
Beziehung zu einem stehen. — 



140 VII. WIEDERSEHEN. 

und ist daz Tristan genant.» 

«ein kint?)) sprach jener al zehant 3910 

"i'ne säge iu niht von kinde: 
ein knappe ist hie gesinde, 
der sol schiere nemen swert 
und ist dem künege harte wert, 
wau er kan kunst geuuoge 3915 

und erkennet manege fuoge 
und manege höveschlichiu dinc: 
der ist ein starker jimgelinc 
(100) mit brünreidem häre, 

mit schcenem gebäre 3920 

und ist ein eilende man: 
den heizen wir hie Tristan.» 

«Xu herre», sprach Rüal iesä 
«sit ir hie hovegesinde?») «ja.)) 
«herre, durch iuwer ere 3925 

so tuot ein Ititzel mere, 
wan ir tuot harte wol dar an. 
saget ime, hie si ein armer man, 
der welle in sprechen unde sehen, 
euch muget ir ime des wol verjehen, 3930 

ich si von sinem lande.») 
sus Seite jener Tristande, 
ein sin lantman waere da. 
Tristan der kerte dar iesä; 

und äl da mite daz er in gesäch, 3935 

mit herzen und mit munde er sprach: 

«Nu müeze unser trehtih 
iemer gebenediet sin, 
vater, daz ich dich sehen mnoz!*) 
daz was sin aller erster gruoz; 3940 

da nach lief er in lachende an 
und kuste den getriuwen man, 
als ein kint sinen vater sol : 
daz was vil billich unde wol. 
er was sin vater und er sin kint. 3945 



3913 swert nemen, Terminus für: Ritter werden (durch Empfang und An- 
legung des Schwertes). — 3919 reit adj., gen. reides, gelockt; brunreit, 
braungelockt; vgl. zu 3334. 

3930 verjehen stv. mit dat. und gep., einem etwas sagen. 



VII. WIEDERSEHEN. 141 

alle die viitere, die iiu sint 
oder die vor uns Avurden ie, 
dien' getaten alle ir kinde nie 
väterlicher danne er im tete. 

ja Tristan der ha3t' an der stete 3950 

vater, muoter, mäge, man, 
alle die friunt, die'r ie gewan, 
enzwischen sinen banden da. 
vil innecliclie sprach er: Ȋ, 

getriuwer vater guoter, 3955 

sage an, min süeziu muoter 
und mine bruoder, lebent die noch?» 
«i'ne weiz», sprach er «trüt sun, iedoch 
(101) lebeten s', do ich s' nähest sach, 

wan daz si michel ungemach 3960 

von dinen schulden hseteu. 

wie si aber sit her getseten , 

desu kan ich dir niht gesagen, 

wan ich gesach in manegen tagen 

nieman, den ich erkande; 3965 

sone köm ich ouch ze lande 

Sit der veigen stunde nie, 

daz mir an dir so missegie. » 

«ä», sprach er aber «trüt vater min, 

waz sol dirre m?ere sin? 3970 

din schoener lip, war ist der komen?» 

«sün, da hästu mir'n genomeu.» 

«so wil ich dir'n wider geben.» 

«sun, daz muge "vvir ouch gelebeu.» 

«nu vater, gä dan ze hove mit mir.» 3975 

«nein, sun, dar gän ich niht mit dir: 

du sihest wol, ich wsere 

alsus niht lioveba;re. » 

«nein, vater», sprach er «diz muoz geschehen, 

der künoc, min herre sol dich sehen.» 3980 

Rüal der hövesche, guote, 

der gedä'hte in sinem muote: 



39:)3 enzwischen (—inzwischen nhd. nur adv.) prscp. mit dat. := zwi- 
schen, iu. — 3959 nähest adv., jüngst, zuletzt. — 8961 s. zu 767. — 
3968 v,issp;ian mit dat., einem übel ergehen: ««, mit. — 3972 da steht 
öfters satzbeginnend, namentlich in Antworten; vgl. 8695 und zu 365S, 
Benecke zu Iweiu 490. — 3974 'jelcbcn, verst. Ichcn, erleben. — 3973 hove- 
lixre adj., hier in ursprüngl. Bedeutung: dem Hofe angemessen, [vgl. hof- 
fähig], überhaupt: anstandsgemäß. — 



142 VII. WIEDERSEHEN. 

«min nackotage enwirret uilit, 

swie mich der küiiec nu varnde siht, 

er wirt mich gerne sehende, 3985 

und wirde ich ime verjehende 

iimbe si'nen neven, der hie stat; 

swenn' ich im alle mine tat 

von anegenge her gesage, 

ez wirt vil schoene, daz ich trage.» 3990 

Tristan der nam in an die hant. 
sin bereitschaft nnde sin gewant, 
daz was, als ez do mohte sin, 
ein vil armez rockelin 

beschaben nnde verslizzen, 3995 

wä unde wä zerizzen: 
daz truog er äne mantel an. 
diu kleider, diu der guote man 
(102) under sinem rocke truoc, 

diu wären armeclich genuoc , 4000 

vernozzen unde verselwet gar. 

von ünrüoche was sin här 

an houbet unde an harte 

verwalken alse harte, 

als obe er wilde wa^re. ' -1005 

euch gie der sagebrere 

an füezen unde an beinen bar. 

dar zuo was er so wetervar, 

als alle die von rehte sint, 

den hunger, frost, sunn' unde wint 4010 

ir varwe und ir lieh hat benomen. 

alsus was er vür Marken komen, 

daz er im under ougen stich. 

Marke ze Tristande sprach: 



:J9S3 nacketage swm., Xacktheit. — werren stv., ihier = unserm: schaden; 
vgl. 12490. — 3985 fg. altes Beispiel vom ruturura mit dem Hülfswort wer- 
den (nebst partic. prses., iihd. scheinbar infin.); vgl. Gr. 4, 7. — 3989 aa-i- 
'jenfje stn. , Angehen, Anfang. 

3992 bereitschaft stf., Ausrüstung (wie unser: Equipierung), Tracht. — 
3995 beschaben part. von beschaben stv., abschaben swv. • — verslizzen part. 
von versitzen stv., (eigentlich: verschleißen), zerreißen, abnutzen. — 
4000 armeclich adj., ärmlich. — 4001 vernozzen part. von verniezen stv,, 
verzehren , verbrauchen. — verselwen swv. , verschmuzen. — 4004 ver- 
walken part. von verwalken stv., zusammenwalken swv., verfilzen. — 
4006 sageba:re adj., hier subst., der Löbliche. — 4008 w/^ryar adj., (wetter- 
farbig), vom Wetter gekennzeichnet. — 4009 von rehte, mit Recht, von 
rechtswegen , etwa: natürlicl). 



VII. WIEDERSEHEN. 143 

«sage du, Tristan, wer ist der mau?» -4015 

«min vater, herre», sprach Tristan. 

«hast du war?») «ja, lierre min.» 

«der sol uns willekomen sin!» 

sprach aber der tugenderiche. 

Küal neig ime hofliche. 4020 

Hie mite so kom diu ritterschaft 
zuo geloufen herhäft 
und da mit al diu hoveschar, 
und riefen alle sunder dar: 

«sire, sire, deu sal!» 4025 

nu wizzet doch daz, daz Rüal, 
swie unhovebsere 
gewandeshalp er waere, 
er was iedoch zeware 

an libe und an gebäre 4030 

vollekomen unde rieb, 
er was des libes edelicb, 
an geliden und an geliuno 
gewahsen alse ein hiune: 

sin arme und siniu bein wol lanc; 4035 

schoen' unde herlich was sin gauc; 
sin lip was aller wol gestalt. 
ern was weder ze junc noch z'alt, 
(103) wan in der aller besten tugent, 

da daz alter und diu jugent 4040 

dem lebene gebent die besten kraft. 

er was an rehter herschaft 

aller keiser genoz. 

sin stimme alsam ein hurn doz, 

sin rede diu was vil wol besuiten. 4045 

man sach in mit herlichen siten 

vor al der heVschefte stan: 

er biete euch r alsam ffetan. 



4022 Iierliajt adj., scharenweise. — 402.') sire Frenulwort (lat. senior), 
Herr; einsilbige Nebenform in V. 10721. — 4027 tcnhoveba're adj., vgl. zu 
3978. — 4028 f/ewandes/ialp adv. , wegen, in Betreff des Gewandes. — 
4033 geliiine stn., Bescliaffenheit , Gestalt. — 40;{4 hiuno swm., Heune 
(Hunne), unser: Hüne, Kiese. — 4o;i7 aller starke Flexion = sein Leib war 
ganz, durchaus u. s. w., oder: sein ganzer Leib; vgl. 45t>3. — 4042 her- 
scha/t stf., ein Lieblingswort des Dichters, hier innerlich: die Herrlichkeit, 
Hoheit. — 4044 du: prait. von diezen (4H(;j) stv. , tosen, schallen. — 
4047 hü-ichaft, hier wortspiclcnd in anderer Bedeutung als in V. 4042. 
üußcrlicli: die Herren, der Hof wie in V. 1118, 



144 VII. WIEDERSEHEN. 

Ilie liuop sicli micliel rünen 
von rittern und barünen: 4050 

si redeten hin, si redeten her: 
«ja», sprächen s' alle «und ist daz der? 
ist daz der hövesche köufman, 
von dem uns sin sun Tristan 

so manege tagende hat geseit? 4055 

"wir haben von siner frumekeit 
maer' unde maere vil vernomen. 
wie ist er alsus ze hove komen?» 
und spelleten sus unde so. 

der guote kimec der hiez in do 4060 

füeren ze kemenäten 
und hiez in da beraten 
mit ri'li'cher waete. 
Tristan in schiere hsete 

schone gebadet und wol gekleit. 4065 

ein hüetelin was da bereit: 
üf sin houbet sazte er daz], 
und gestüont ouch daz niemanne baz, 
wan er was under ougen rieh, 
sin geschepfede diu was herlich. 4070 

Tristan der nam in an die haut 
liepliche, als ez im was gewant, 
und fuorte in wider ze Marke, 
nu begündß er in do starke 

und sere wol gevallen. 4075 

si sprächen under in allen: 
«nu kieset, wie schiere edeliu wät 
den man ze lobe gestellet hat! 
(104) diu kleider stänt dem köufman 

wol unde lobelichen an. 4080 

ouch ist er selbe herli'ch. 

wer weiz, ern si vil tugenderich: 

er gebäret diu geliche wol, 

ob man der wärheit jehen sol: 



4049 rvnen infin. subst. stn., Kaunen, Zuflüstern, heimliches Ge- 
spräch. — 4059 spellen swv. , erzählen, plaudern. — 4061 kemenäte swf. 
(14255), heizbares Gemach, dann: Frauengemacli , hier ohne Zweifel ins- 
besondere = Garderobe. — 40G2 beraten stv., ausrüsten. — 4069 under ougen 
(dat.), im Antlitze. — rtcli adj., hier: herrlich, schön; vgl. 6659. — 4070 ge- 
schepjfede stf., Beschaffenheit, Gestalt; vgl. 11102. 

4078 stellen swv., gestalten", bilden. — 



I 



VII. WIEDERSEHEN. 145 

jui seht, wie herli'che er gät, 4085 

wie schcene gebaerde er hat 

in eclclem gevvande, 

und niuwan an Tristande 

da kieset sine tugende an: 

wie künde ein werbender man 4090 

sin kint so schone erzogen hän , 

ez enmüese üz edelem herzen gän?» 

Xu haete man wäzzer genomen, 
lind was der künec ze tische komen. 
sinen gast Rüäleu sazte er sä 4095 

ze sinem tische und hiez im da 
l>öfschliche dieneu unde wol, 
4ils man dem böveschen dienen sei. 
<• Tristan», sprach er «gä balde dar, 
iiim selbe dines vater war!» 4100 

deiswär, ich weiz wol, daz geschach: 
elliu diu ere und daz gemach, 
daz er'm erbieten künde, 
daz tete er, alse er'm gunde. 

ouch az Rüal der guote 4105 

mit willeclichem muote, 
wan Tristan tete in fröudehaft. 
Tristan der was sin Wirtschaft: 
daz er Tristanden ane sach, 

daz was sin meiste gemach. 4110 

und als man do von tische gie, 
der künec den gast mit rede bevie 
und fragte in aller hande 
beidiu von sinem lande 

unde ouch umbe sine vart. 4115 

und alse er in fragende wart, 
diu ritterschaft lost' elliu dar 
und nam Rüäles maere war. 

(105) «H^rr^», sprach er «ez ist vür war 

vil nach wol vierdehälp jar 4120 

Sit des, daz ich von lande schiet; 



4088 niuican hat hier wahrscheinlich, ausgehend von der Bedeutung: nur, 
aasgenommen, den Begriff: besonders aber, vor aUetu. 

410S xcirtschaft stf., Bewirthung, Mahlzeit, bildlich gebraucht, etwa: 
seine beste Kost. — 4116 Um8chreibung=/röy('e, von Vortteil für den Dichter. 

4121 sff (/cj = Seitdemi vgl. 4J7. — 

OOTTFBISD VON STBASSB^RG. I. 2. Aufl. 10 



146 VII. WIEDERSEHEN, 

und swar ich sider hin geriet, 
(lane fragte ich keines mseres nie 
wan des, da ich mit nrabe gic 
und daz mich her geleitet hat.» 4125 

«waz was daz?» «Tristan, der hie stat. 
und zwäre, herre, ich hän noch kint, 
diu min von gotes halben sint, 
und gan den guotes alse wol, 

als dehein man sinen kinden sol: 4130 

dri süne, wser' ich gewesen bi in, 
' daz eteslicher under in drin 

iezuo wol ritter wsere; 
hset' ich die halben swsere 

erliten durch si alle dri, 4135 

swie fremede so mir Tristan si, 
die ich durch in erliten hän, 
es waere vil und vil getan.» 
«fremede?» sprach der künic do 
«saget an, wie'st disem msere so? 4140 

er ist iur sun doch, alse er gibt?» 
«nein, herre, er bestät mich niht, 
wan alse vil ich bin sin man.» 



t5 

I 



Tristan erschrac und sach in an. 
aber sprach der künec: «nu saget uns daz, 4145 
durch weihe schulde und umbe waz 
habet ir die not durch in erliten, 
iuwer wi'p und iuwer kint vermiten, 
als ir da jehet, so lange frist, 
Sit daz er iuwer sun niht ist?» 4150 

«herre, daz weiz got und^ch.« 
«nu, friunt, bewi'set ouch mich!» 
sprach aber der guote Marke 
« es wundert mich vil starke.» 
«wesf ich», sprach der getriuwe 4155 

«ob ez mich niht geriuwe 
und obe ez mir hie wsere 
ze sägene gebaere, 



4142 mich bestät, mir kommt zu, mich geht an; von Gottfried öfters an- 
gewandt; vgl. 12323 u. zu 4580. 

4148 vermiden stv., verlassen. — 4152 bewtsen hier ohne Genitiv; vgl. 
1541. — 4156 (/er iuwen stv. (12857), nicht: reuen, sondern: schmerzen; vgl. 
zu 1789. — 



VII. WIEDERSEHEN. 147 

(lOG) hCn'YOj ich möchte iu wunder sagen, 

wie sich diz dinc hat her getragen 4160 

und wie ez sich gefüeget hat 

nmbe Tristanden, der hie stät. » 

Mark' und sin barünie 

und al diu massenie, 

die baten an der stunde 4165 

alle üz einem munde: 

«säget an, s^oliger man, 

getriuwer man, wer ist Tristan?» 

Der guote Rüal der sprach dö: 
«herre, ez kom hie vor also, 4170 

als ir wol wizzet unde die, 
die bi den ziten wären hie, 
daz min herre Riwalin, 
des man ich was und solte sin, 
ob ez got also wolte, 4175 

daz er noch leben solte, 
dem wart von iuwer frumekeit 
s6 vil und also vil geseit, 
daz er mir sin liut und sin laut 
allez bevalch in mine haut. 4180 

sus kom er her ze lande, 
wan er iuch gerne erkande, 
und wart ingesinde hie: 
so wizzet ir wol, wie ez ergie 

umbö die äventiure 4185 

der schoencn Blanschefliure , 
wie er die ze friunt gewan 
und si mit ime von hinne entran. 
im si dö heim kämen, , 

ein ander z'e genämen, 4190 

(in minem hüse daz geschach, 
daz ich'z und manic man gcsach) 
do bevalch er mir si in mine pflege: 
Sit her pflac ich ir alle wcge, 
so ich iemer beste künde. 4195 

zehant und an der stunde 



4160 her trage n = z\itTageii. 

4172 bi den ziten, damals. — 4187 ze friunt, nhd. zur Freundin; vgl. 
10487. 10506. — 

10* 



148 VII. WIEDERSEHEN. 

warb er unde besaiide 
eine reise in sinem lande 
(107) mit mägen und mit mannen 

und fuor ouch iesä dannen 4200 

und wart in einem strite erslagen, 

als ir wol habet geliceret sagen. 

und als daz msere vür kam 

und diu vil schoene frouwe vernam, 

wie ez gevaren waere, 4205 

diu totli'che swsere 

so sere ir in ir herze sluoc, 

(Tristan hie stat, den si do truoc) 

daz si den von der not gewan 

und lac si selbe tot dervan. » 4210 

Hie mite gie den getriuwen man 
als inneclicher jämer an, 
als er ez wol bescheinde, 
wände er saz und weinde, 

als ob er ein kint waere. 4215 

ouch begünden von dem msere 
den änderen allen 
ir ougen über wallen, 
der guote künic Marke, 

dem gieng ez also starke 4220 

mit jämer in sin herze, 
daz ime der herzesmerze 
mit trähenen üz den ougen floz 
und ime wang' unde wät begöz. 
Tristande was daz maere 42 2i 

vil inneclichen swaere 
von anders nihte wan von dan, 
daz er an dem getriuwen man 
vater unde vaterwän 
also verloren solte hän. 4230 

Sus saz Rüal der guote 
mit trüreclichem muote 



4198 reise stf., Kriegazug; vgl. 18841. 

4213 bßscheinen awv., (bescheinigen), kund geben. — 4227 von dan., h.ier= 
von danne in V. 1613, deshalb. — 4229 vaterwän atm,, Vaterglaube, Glaube, 
einen Vater zu besitzen. 



I 



VII. WIEDERSEHEN. 149 

und Seite dem gesindo 
von dem vil armen kinde, 

wie starke er des liiez uemen war, 4235 

dö ez diu müoter gebar, 
wie er'z an tougeuliclier stat 
verbergen unde verlielen bat; 
(108) wie er ze msere werden liez, 

den läntliuten sagen hiez, 4240 

ez waere in siner muoter tot; 

wie er sinem wibe gebot, 

alse ich iu e seite, 

daz si sich in leite, 

als ein wip kindes inne lit, 4245 

und daz si nach der selben zit 

der werkle jehende wasre, 

daz si daz kint geb?ere; 

wie si mit ime ze kirchen gie, 

und wie er da die toufe eupfie: 4250 

war umbe er Tristan wart genant; 

wie er in sante in fremediu laut, 

und swaz er fuoge künde 

mit banden und mit munde, 

wie er in daz leren hiez; 4255 

wie er in in dem schiffe liez , 

und wie er ime da wart genomen, 

und wie er nach im dar was komen 

mit maneger arebeite. 

Sus saz er unde seite 4260 

diz nvc^re gar von ende her. 
daz weinde Marke, daz weinde euch er, 
daz weinden s' al gemeine 
niwan Tristan al eine, 

derne mohte es niht beklagen, 42Gj 

swes er da gehörte sagen : 
in kom diu rede ze gahes an. 
swaz aber Rüal der guote man 
dem gesinde erbarmekeite 
von den gelieben seite, 4270 



42b7 'jafirs a-lv. gen.. jäh, plötzlich. — 4209 erban/fkeit stf., Erbärm- 
licbe», Mitleid Erregendes. — 4270 gpli^p adj. (vgl. zu 108 2.-. ) , zusammen, 
äcgenseitig heb, hier subst. pl.; die Geliebten, unser: die Liebenden. — 



150 VII. AVI«DER SEHEN. 

Kanele und Blanschefliure: 
elliu diu äventiure 
diu was hie wider kleine 
niwan diu triuwe al eine, 

die er nach tode an ime begie, 421 

als ir wol habet gehoeret wie , 
an ir beider kinde : 
daz was dem ingesinde 
(109) diu meiste triuwe, die kein man 

ze siner herschaft ie gewan. 4280 

Xu disiu rede alsus geschach, 
Marke zuo dem gaste sprach: 
«nu herre, ist diser rede also?» 
Rüal der guote bot im do 

ein vingerlin an sine hant: 4285 

anu herre», sprach er «Sit gemant 
miner rede und miner mgere.» 
der guote und der gewsere 
Marke nam ez und sah ez an. 
der jämer, den er do gewan, 4290 

der wart aber do vester. 
«ä», sprach er «süeziu swester, 
diz vingerlin daz gab ich dir, 
und min vater der gab ez mir, 
do er an sinem tode lac. 4295 

disem msere ich wol gelouben mac 
Tristan, gä her und küsse mich! 
und zAväre, soltu leben und ich, 
ich wil din erbevater sin. 

Blanschefliure der muoter din 4300 

und dinem vater Kanele, 
den geuäde got zer sele 
und ruoclie in beiden samet geben 
daz ewecliche lebende leben. 

Sit ez alsus gevaren ist, . 4305 

daz doch du mir worden bist 



4273 J: leine — nicht so groß, darum niivan. — 4280 htrachaft , ]iier=iilKl. 
coucret im Sinne von: Obrigkeit für: Herr und Herrin. 

4285 vinyerlin stn., Fingerring. — 4288 gcivcere adj., wahrhaft, treu; 
vgl. 5180. — 4299 erbevater, Pflegevater, der den blutsverwandten Pflegesohn 
zugleich zum Erben annimmt, entsprechend unserm: Adoptivvater. — 
4.!02 den genäde got noch im Nhd. erhalten; genäden swv., gnädig sein, 
synonym von helfen (vgl. 12125). — zer sele, für die Seele, zum Besten der Seele. 



VII. WIEDERSEHEN. 151 



von der vil lieben swester min, 
i^eniochet es min trehti'n, 
so wil ich iemer wesen fro.» 

Zem gaste sprach er aber (16: 4310 

«nu lieber friunt, nu saget mir, 
wer Sit ir oder wie heizet ir?» 
«Rüal, herre.» «Rüal?» «ja.» 
liie mite versan sich Marke sä, 
wan er ouch e in sinen tagen 4315 

von ime vil ha^te gehoeret sagen, 
wie wise und wie erb?ere 
und wie getriuwe er wsere, 
(HO) und sprach: «Rüal li foitenant?» 

cjä herre, also bin ich genant.» 4320 

nu gie der guote Marke hin 

und kuste in unde enpfienc in 

herliche und alse im wol gezam. 

diu herschaft al zehant do kam 

und kusten in besunder: 4325 

si begünden in ze wunder 

mit armen enbrazieren, 

liöfschliche saluieren : 

"willekömen, Rüal der werde, 

■ein wunder üf der erde ! » 43i»0 

Rüal was da willekömen. 
nu hi^te ouch in der künec genomen 
an sine haut und leite in hin; 
vil liepli'che sazte er in 

ze sich an sine siten nider, 4335 

und griffen an ir maere wider 
und redeton aller hande 
beidiu von Tristande 
und ouch von Blanschefliure 

ulle die aventiure , 4340 

waz Kanel unde Morgan 
ein ander bieten getan, 
und wie daz ouch ein ende natn. 
vil schiere ez an daz ma^rc kam , 
daz der künec Rüäle seite, 4345 



4327 enbrazieren swv., Freradwoit, franz. eiuhra^si^r , uniarinen. 
4328 salüierrn swv., Fremdwort, grü&en, öfters bei Gottfried; vgl. :)204. 



152 VII. WIEDERSEHEN. 



% 



mit welher kündekeite 
Tristan dar komen wsere 
und wie er seite m.'ere, 
sin vater waere ein köufmän. 

Rüal der sacli Tristanden an: 4350 

«friunt», sprach er «ich hän lange 
vil anclich und vil ange 
mine marschandise 
in armeclicher wise 

dur dinen willen her getriben; 4355 

deist aber allez nü beliben 
an einem guoten ende, 
dar iimbe ich mine hende 
(111) iemer ze gote bieten sol.*) 

Tristan sprach: «ich hoere wol, 436 

sich machent disiu maere also, 

daz ich ir späte wirde fro. 

ich bin, also ich hän vernomen, 

ze wunderlichen m^eren komen: 

ich hoere minen vater sagen, 4365 

min vater der si lange erslagen. 

hie mite verzihet er sich min, 

sus muoz ich äne vater sin, 

zweier väter, die ich gewannen hän. 

ä, vater unde vaterwän, 4370 

wie Sit ir mir alsus benomen! 

an den ich jach, mir waere komen 

ein vater, an dem selben man 

da verliuse ich zwene vätere an, 

in unde den ich nie gesach.» 4375 

der guote marschalc aber dö sprach: 

«wie nü, geselle Tristan, 

lä dise rede, dän' ist niht an. 

ja bistu von der küufte min 



4346 künrlekeit stf., Klugheit, List. — 4352 ancltdi , ancliche , andicken 
adv. = an.'7e adv. (19S2), eifrig; diese Verbindung Lei Gottfried öfters, vgl. 
13089. 17803. 18294. — ,4353 marschandise stf., Fremdwort, Kaufmann- 
schaft. — 4856 fg. nhd. hat ein gutes Ende genommen. — 4367 verzihen 
8tv. refl. mit gen. (min)., auf etwas verzichten, sich von etwas lossagen. — 
4368 äne vater, scheinbar dne prsep. mit acc; der folgende als Apposition 
stehende Genetiv zweier väter beweist, dafi dne hier adj. mit gen. ist, wenn 
CS auch dem Subst. vorangeht; vgl. 5158. 6662. 15278 u. zu 1490. — ^^12 jehen 
stv. an einen, sich zu einem bekennen, von einem voraussetzen; oder hier 
einfacher: von einem aussagen? die jüngere Lesart an dem verwischt den 
stilgemäßen Wechsel und verbindet einfacher an dem mit komen: an dem 
ich glaubte einen Vater gewonnen zu Jiabeu, in dem verliere ich u. s. w. — 
4379 kunft stf.; Ankunft. - 



VII. WIEDERSEHEN. 



153 



werder, dan du wändest sin, 
und bist ir geret iemer me, 
und liäst doch zwene väter als e, 
hie minen herren unde mich: 
er ist din vater, also bin icii. 
\olge et miuer lere 
und wis iemer mere 
allen künegen ebenher. 
läz alle rede und tuo niht mer. 
minen herren, diuen cieheim, 
den bit, daz er dir helfe heim 
und dich hie ritter mache, 
wan du mäht diner sache 
sus hin wöl selbe ncmen war. 
ir herren, sprechet alle dar, 
daz cz min herre gerne tuo!» 

Sus sprächen s' alle samet derzuo : 
«herr'j ez hat guote fuoge: 
Tristan hat kraft genuoge 
(112) und ist ein wol gewahsen man.» 
der künec sprach: cneve Tristan, 
sage an, wie stät din muot hie zuo? 
ist ez dir liep, daz ich ez tuo?» 
"trfit lierre, ich sage iu minen muot. 
h?et' ich so ri'li'chez guot, 
daz ich wol nach dem willen min 
und also ritter mölite sin, 
daz ich mich ritterliches namen 
noch er sich min niht dörfte schämen; 
und ritterlichiu Averdekeit 
an mir niht würde iiider geleit, 
s6 wolte ich gerne ritter sin, 
die müezigen jugende min 
lieben unde kercn 
zo werltlichen eren; 
wan ritterschaft, also man seit, 
diu muoz ie von der kintheit 
ncmen ir anegenge 



4380 



■138{> 



4390 



•4395 



•4400 



4405 



4410 



4415 



3S1 ir gen., durch sie, durch die Ankunft geehrt. — 4387 ebenher adj., 
•leich helir, gleich an Holieit; vgl. zu 24.s. — 4',VM — ze ritter, z' einem ritter 
lache wie noch in V. 12744 ; vgl. Gr. 4, 823. 

4.399 ivol gewa/ixen, nicht: scliün von Wuchs, sondern: vollkommen 
rwachscn. — 4410 ni'ler logen, hier: erniedrigen; vgl. öGG2 und zu 374',). 



154 



VII. WIEDERSEHEN. 



(ii; 



oder si' wirt selten strenge. 

daz ich min unversuoclite jugeut 

iif wcrdekeit ünde üf tugent 

so relite selten güebet liän, 

daz ist vil sere missetän 

und hän es an niicli selben liaz. 

nu weiz ich doch nu lange daz, 

senft' imde ritterlicher pris 

diu missehellent alle wis 

und mugen vil übele samet gewesen. 

ouch hän ich selbe wol gelesen, 

daz ere wil des libes not. 

gemach daz ist der ereu tot, 

da man's ze lange und ouch ze vil 

in der kintheit pflegen wil. 

und wizzet wol zewäre, 

haet' ich vor einem järe 

oder e min dinc so wol gewist, 

als ez mir hie gesaget ist, 

ez enwsere niht unz her gespart. 

Sit ez ab do gesümet wart, 

so ist reht, daz ich mich noch erhol, 

wan min dinc stät billiche wol 

an libe unde an muote. 

got rate mir zem guote, 

daz ich dem muote vollevar!» 



4420 



4425 



4430 



4435 



4440 



Marke sprach: «neve, nim selbe war, 
sich, wie du werben weitest, 4445 

ob du künic wesen soltest 
und herre übr allez Kurnewal. 
so sitzet hie din vater Rüal, 
der ganze triuwe zuo dir hat, 
der si din rätgeb und din rät, 4450 

daz di'n dinc also vollege, 
daz ez nach dinem willen ste. 



I 



4418 strenge adj., stark, fest. — 4423 und habe deshalb wider mich selbs; 
einen Unwillen, mache mir selbst Vorwürfe. — 4425 senfte stf., hier: ru- 
higes, behagliches Leben. — 442G missehellen stv., eigentlich: verschieden 
lauten, dann : nicht übereinstimmen. — 4428 fg. vgl. den ähnlichen Gedanken 
in V. 12511 — 16. — 4438 sümen swv., hier trans. : versäumen. — 4439 erholn 
swv. refl. = unserm : nachholen; in V. 12026 = nhd. — 4442 raten stv., 
helfen, verhelfen. — 4443 vollevarn stv. mit dat., etwas vollziehen, aus- 
führen, einer Sache genügen; vgl. zu 4519. 
4451 voUegen, in Erfüllung gehen. — 



VII. WIEDERSEHEN, 155 

vil lieber iieve Tristan, 
liiiii dicli niht ärmuotes an; 

wall Parnieiiie daz ist din 4455 

und muoz din eigen iemer stn, 
sol ich und din vater Rüal leben, 
dar zuo wil ich dir stinre geben: 
nun lant, min Hut und swaz ich hän, 
trüt neve, daz si dir üf getan. 4460 

\\i\ du din herze keren 
ze vorderlichen eren, 
und ist din wille also getan, 
als ich von dir vernomen hän, 
sone spar des minen niht dervor: 4465 

Kurncwal daz si din ürhor, 
min kröne si din zinsoerin. 
wil dii zer werkle gewirdet sin, 
so schaffe et umlie riehen muot: 
ich gibe dir richlichez guot. 4470 

sich, dCi hast keiserliche habe, 
nune ganc dir selbe nihtes ahe. 
bist du dir selbem alse hoH 
und hästu muot, also du solt 

und also du mir hast verjeben, 4475 

daz hän ich schiere an dir gesehen. 
sich, vinde ich herren muot an dir, 
du vindest iemer mere an mir 
(114) dines willen vollen schrin: 

Tintajoel muoz iemer sin 4480 

din triskämere und din trisor. 
gesprengest du mir rehte vor 



■1454 sei um Armuth nicht besorgt; oder: lialte dich uicht für arm; (die 
Erklärung im mhd. Wurterbuche II, 1, 3^56'*, olcbe nicht wie ein armer 
MauD». scheint mir nicht in den Zusammenhang zu pasbcn). — 4460 vf 
(uon, Terminus aus dem Lehnrecht, eröffnen, zur Verfügung stellen. — 
4462 vorderlich adj., (förderlich), vorzüglich. — 446j dervor adv., deshalb, 
mit Kücksicht darauf (daß es mein ist). — 44<j(3 urlor stf., Zinsabwurf, 
Rente. — 44(17 zinsa;r1n stf., Zinszahlerin; ein Gottfriedisches Bild. — ■ 
44B!S wirden swv., liier: würdigen, ehren; bei Gottfried öfters; vgl. 18045. 
ISOS'J und zu l()öO. — 44t;9 schaßi'u stv. umbe . . ., sorgen für ... — r'icher 
muot, freigebiger Sinn (der nur durch Besitz zu erlangen und zur That zu 
machen ist). — 4471 keiserlicfi adj., hier nicht abstract (vgl. zu 70S) ; ein 
neuerer Dichter könnte ebenso sagen. — 447.'! holt adj., hier: treu; vgl. 
Hech zu Gregor 127^. — 4476 han ist hier wie vereinzelt noch heute 
.Vuxiliar für das Futurum exactum. — 4471» sv-rhi stm. , insbesondere 
rotier sc/iroi , öfters bei uihd. Dichtern bildlich gebraucht. - 44^1 tris- 
Jainere stf., Schatzkammer. — trhcr stm., Fremdwort, franz. (rhor, Schatz. 
— 44!S2 geaprenrien swv., verst. sprengen; hier bildlicli vor fff sprengen = 
vorangehen. 



150 VII. WIEDERSEHEN. 

mit ri'lichcm muoto, 

volg' ich dir nilit mit guoto, 

so müeze mir allez daz zergän, 4485 

daz ich ze Kurnewäle häii.o 

Hie wart genigen riche: 
si nigeii al geliche, 
die bi dem m?ere Maaren. 

si buten im unde baren 4490 

er' imde lop mit schalle: 
.«künec Märke», sprächen s' alle, 
"du sprichest, als der hövesche sol. 
diu Wort gezement der kröne wol. 
din zunge, din herze und din hant, 4495 

die gebieten iemer über diz lant ! 
wis iemer künic über Kurnwal!» 
der getrmwe marschalc dan Rüal 
und sin juncherre Tristan, 

die griffen ir geschäfede an 4500 

nach solher ri'cheite, 
als in der kün^c vür leite 
und in diu mäze was gegeben. 

Nu strite ich umbe ir beider leben 
beidiu des vater unde des suns. 4505 

wan eteswer der fraget uns 
durch daz, daz alter unde jugent 
selten gehellent einer tiigent, 
und jugent daz guot unruochet, 
da ez daz alter suochet, 4510 

wie si sich under in beiden 
ie künden so bescheiden , 
daz letwederre besunder 
siner ger hier under 

und sines rehtes wielte, 4515 

so daz Rüal behielte 

4485 zerfjaii. liier juit dat., einem verloren gehen. 

4487 riche adv., hier: in reicliem Maße, sehr viel. — 44!tl mit schalle, 
mit Freudenachall, mit Jubel. — AhOO geschäfede stn., Geschäft, Sache. — 
4503 rnäze, hier : MaI5, Kichtschnur. 

4504 strtten stv. umbe . . ., hier wohl nicht bildlich: gegenüberstellen,, 
vergleichen, sondern: ich bin im Streit (mit mir), im Zweifel wogen . . . 
[vgl. unstreitig, unbestritten]. — 4508 gchellen stv. hier mit dat._ (oder 
gi^Ai.!:), in einer Sache zusammenstimmen. — 4509 unruocheu swv. mit acc, 
unbeachtet lassen. — 4512 bescheiden stv. refl., sich einrichten , überein- 
kommen. — 4515 fg. Conjunctive, nhd. Indicative. — 



VII. WIEDERSEHEN. 157 

die mäzG an dem guote, 
und Tristan sinem muote 
11')) mit vollem guote voUezüge? 

diz prüeve ich schiere siinder lüge. 4520 

lliial uude Tristan 

die truogcu beide ein ander an 

als ehenwilligen muot, 

daz ir dcwedere übel noch guot 

weder riet noch raten solte, 4525 

wan alse der ander wolte. 

Rüal, der tugende erkande, 

der geloubete Tristände 

und sach die jugcnde an im an; 

so entweich ab Tristan 4530 

den tugenden an Rüäle. 

diz truoc si z'einem male 

und z'einem zil gemeiner ger, 

daz dirre gerte alse der. 

alsus so wären s' under in zweiu 4535 

mit willen und mit muote al ein. 

hie von wart alter unde jugent 

gehellesam an einer tugent; 

alhie viel höher muot in sin, 

hie mite behielten s' under in 4540 

Tristan sin reht an muote, 

Piüal die mäzc an guote, 

daz ir ietwedere an der stete 

niht wider sinem rehte tete. 



4519 toil'.'zlehen stv. mit dat., (vollzieheu), ctwa = uuscrm: gcnügeu. — 

4520 prüeven swv., beurtlieilen, erklären. — sunder lüge, formelhafte Wen- 
dung und niclit wörtlich zu nehmen, etwa entsprechend unserm: ohne Kück- 
halt; oder noch gleichgültiger als Betheuerung= cur loär? — 4523 eben- 
irillic adj.. gleich willig, gleichgestimmt. — 4528 (idouben swv., (glauben), 
Zutrauen hegen. — 4529 jagende (=Hs. M und H) Plural oder Neben- 
fonnV — 4ö3ü .<o conj., dagegen. — entwichen stv., nachgeben. — 4532 7näl 
8tn., hier: Zielpunkt. — 4536 al ein, ganz eins, zusammen eins; vgl. 13015. 
14342. — 4538 gehellesam adj., übereinstimmend. — 4539 vallen stv. in . . ., 
sich neigen zu . . ., gelangen [vgl. zufallen]. — sin stm., hier: Verstand, 
Besonnenheit. Der Jugendmuth gesellte sich allhicr zu der Besonnenheit 
(des Alters). 



VIII. 
TRISTAN'S SCHWERTLEITE. 

Tristan und seine dreißig Genossen sind zur Schwertleite bereit und 
ausgerüstet. Der Dichter getraut sich nicht, den Glanz dieses Festes 
würdig und mit Erfolg zu beschreiben, nachdem solche Sceuen schon so 
manigfache dichterische Bearbeitung gefunden haben , und so nimmt er 
Gelegenheit, zeitgenössische oder erst kurz dahingeschiedene Dichter zu 
erwähnen und ihre Vorzüge zu preisen. Zuerst nennt er Hartmann 
den Auer; ihm gesteht er den Dichterlorber zu, indem er zugleich ainen 
strafenden Seitenblick wirft auf Wolfram von Eschenbach und seine An- 
hänger, auf die > Finder wilder Mären » , ohne aber einen Namen zu nen- 
nen. Weiterhin jireist er unter den u Färbern», den erzählenden Dich- 
tern, den Bliker von Steinahe, den Dichter des «Umbehanges ». Den 
Heinrich von Veldeken hat Gottfried selbst nicht mehr gesehen, er 
erinnert aber voll Dankbarkeit an ihn, weil er das erste Reis in deutscher 
Zunge impfte. Von den ('Nachtigallen», von den Liederdichtern, will Gott- 
fried nicht sprechen , aber er gesteht zu , daß ohne ihren Sang die Welt 
arm an Freuden wäre. Seit die Nachtigall von Hagen au (Reinmar 
der Alte) verstummt ist, soll die von der Vogel weide das Banner 
votantragen. Der Dichter wünscht, daß seine Worte ebenso wie die an- 
derer Erzähler beschaffen sein möchten, darum richtet er seine Bitte zum 
Helikon, dem Sitze Apollo's und der neun Musen, daß sie ihm die Gabe 
der Worte und Gedanken spenden. Aber wenn er auch mit seiner Rede 
die Herzen zu erfreuen vermöchte, so will er doch darauf verzichten, 
einen Gegenstand zu behandeln, an dem sich mancher vergeblich bemüht 
habe. — Mit einer Vergleichung Tristan's mit seinen Gesellen , denen er 
äußerlich gleiche, die er aber an inneren Vorzügen überstrahle, lenkt Gott- 
fried wieder in die Erzählung ein. 

Nachdem Tristan und die andern Jünglinge im Münster den Segen 
empfangen haben, legt Marke seinem Neffen Schwert und Sporen an und 
ermahnt ihn zu allem Guten. Auch den Schild reicht er ihm dar mit 
Kuß und Segensspruch. In gleicher Weise rüstet Tristan seine Genossen 
mit Schwert und Sporn und Schilde aus. Nach dieser Feier eilen sie zum 
Ritterepiel. 



VIII. tristan's schwertleite. 159 



Sus greif Rual und Tristan 4545 

ir dinc bescheidenlichen an, 
als ez in beiden was gewant. 
si gewünnen liarnasch unde gewant 
innerhalp den diizec tagen, 

daz drizec ritter selten tragen, 4550 

die sich der hövesclie Tristan 
ze gesellen wolte nemen an. 
swer mich nu fraget unibe ir kleit 
und umbe ir kleider ri'cheit, 

wie diu zesamene wurden bräht, 4555 

des bin ich kürze bedälit, 
dem sage ich, als daz maere gibt, 
sage ich ime anders iht, 
(IIG) so widertribe er mich dar an 

und sage er selbe baz dar van : 4560 

ir kleider wären üf geleit 

mit vier bände ri'cheit, 

und was der viere iegelich 

in ir ambete rieh: 

daz eine daz was hoher muot; 4565 

daz ander daz was voUez guot; 

daz dritte was bescheidenheit, 

diu disiu zwei zesamene sneit; 

daz vierde daz was hövescher sin, 

der naete disen allen drin. 4570 

si worhten alle viere 

vil rehte in ir maniere: 

der hohe muot der gertc, 

daz volle guot gewerte, 



454'J innerlial]/ adv. prsep. mit dat. (und gen. , nhd. luir mit gen. — 
4356 vgl. unsere Wendung : icli bin hierin nicht lange bedenklich, ra,sch(kurzc 
adv. selten) entschlossen; vgl. 5394 (die Erklärung im mhd. Wörterbuch I, 
345'' «darauf brauche ich mich nicht lange zu besinnen» passt nicht). — 
4559 iciileitrtOen stv. mit acc, einen widerlegen. — 4561 v/ legen, häufig 
angewandt bei Gottfried und in verschiedenen Bedeutungen, hier: aus- 
denken; vgl. 11441 [vgl. aufstellen]. — 4564 ambct stn., hier bildlich: Be- 
stimmung. — 4568 jffa??*««^ •i«i'(/?n, bildlich: im Schnitte zusammenbringen, 
zusammenfügen, zusammenhalten; der Dichter wiederholt den in V. 4504 fg. 
und namentlich in 4539 ausgesprochenen Gedanken. — 4570 noejen 8wv., 
nähen, hier mit dat., also intrans. (dagegen transit. in V. 4576): der hü- 
fische Sinn war für diese alle drei die Nadel; er vereinte sie zu einem 
ganzen Kleide. — 4572 mauirre stf., Fremdwort, Manier, Art und Weise, 
▼gl. 12672. — 



160 VIII. TRISTAN'« SCHWEETLEITE. 

besclieidenlieit schiiof unde sncit; 4575 

der sin der noote ir aller kleit 

und ander ir feitiure, 

baniere und covertiure 

und anderen der ritter rät, 

der den ritter bestät. 4580 

swaz so daz ros und ouch den man 

ze rittere geprüeven kan, 

der geziuc was aller sere rieh , 

und alse^ rieh , daz iegelich 

einem künege wol gezaeme, 4585 

daz er swert dar inne nseme. 

Sit die gesellen sint bereit 
mit bescheidenlicher ri'cheit, 
wie gevähe ich nü min sprechen an, 
daz ich den werden houbetman 4590 

Tristanden so bereite 
ze siner swertleite, 
daz man ez gerne verneme 
und an dem msere wol gezeme? 
i'ne weiz, waz ich da von gesage , 4595 

daz iu geliche und iu behage 
und schone an disem mgere ste. 
wan bi minen tagen und e 
(117) hat man so rehte wol geseit 

von ritterlicher werdekeit, 4600 

von richem geraete, 
ob ich der sinne hajte 
zwelve, der ich einen hän, 
mit den ich umbe solte gän. 



4575 schaffen stv., hier: ins Werk setzen, einrichten. — 4577 feitiure stf., 
Fremdwort, lat. factura, Einrichtung, Schmuck; vgl. zu 670. — 4578 baniere 
stf. (4797)-, banier^=-n.'h.d., Sanier stn., Fahne. — cocertiure sti., Fremdwort, 
Decke, insbesondere: Pferdedecke; vgl. zu 1S794. — 4580 bestän, hier ein 
wenig anders als in V. 4142: einem zukommen, zu einem gehören; vgl. 
4935. — 4581 swäz so verstärktes CorreL, was auch, was alles. — 4582 ze 
rittere = ritterlich, rittermäßig. — geprüecen swv., yex?,t. prüeven, darstellen, 
zurecht machen.^ — 4583 geziuc stm., Ausrüstung; das Wort tritt erläu- 
ternd zu sv:az so: die ganze Ausrüstung nämlich war u. s. w. 

4587 die gesellen, Genossen, hier Tristan wohl mit einbegriffen; vgl. 
4552. — 4589 an gevähen=an vähen. — ^h^Q houbetman, die Hauptperson. — 
4592 schu-ertleite stf., eigentlich: Schwertführung, technischer Ausdruck für 
den feierlichen Act der Wehrhaftmachung, der Erhebung zur Kitterwürde. 
— 4594 elliptisch = ^3 gezeme; a« = passen zu; vgl. 4651. — 4596 geliehen 
swv., gefallen; dieselbe Wendung in V. 9496. — 4600 daneben die Lesart: 
von weritlicher zierheit ; vielleicht wertlicher zierheit? vgl. jedoch Y. 4409. 5085. 




VIII. tkistan's schwertleite. IGl 

und ^v8ere daz gefücge, 4605 

daz ich zwelf zuugen trüege 

in min eines munde, 

der iegelichiu künde 

sprechen, alse ich sprechen kan, 

i'ne weste, Avie gevähen an, 4610 

daz ich von richeite 

so guotes iht geseite, 

maue hiete baz da von geseit. 

ja ritterlichiu zierheit 

diu ist so manege wis geschriben 4615 

und ist mit rede also zetriben 

daz ich niht kan gereden dar abe, 

da von kein herze fröude habe. 

Hartman der Ouwa}re, 
ahi, wie der diu msere 4620 

beid' uzen unde innen 
mit Worten und mit sinnen 
durchvärwet und durchzieret I 
wie er mit rede figieret 

der aventiure meine! 4625 

wie Kiter und wie reine 
sin kristalli'niu wortelin 
beidiu sint und iemer müczen sin ! 
si koment den man mit siten an, 
si tuont sich nahe zuo dem man 4630 

und liebent rehtem muote. 
swer guote rede ze guote 
und ouch ze rehte kan verstau, 
der muoz dem OuwiGre lan 



46Ü5 'jefüerie adj., passend, streift liier an den Begriff: möglich. — 4i)lU ine 
tceste , da(o ich nicht wüsste, abh. von so in V. 45^1». Die Verse 4602—9 
sind Zwischensätze. — 4t)13 mane nach Hs. M = man Me = daß man nicht 
liiitte. — 4614 zierheit stf., Zierde, Schmuck. — 4616 zetriben stv., eigent- 
lich: auseinander treiben, zerstreuen; hier bildlich: abnutzen; vgl. 122SS. 

— 4617 dar abe adv., davon. 

4619 s. Namenvcrzeichniss: vgl. Eecli's Einleitung zu Hartmanu von 
Aue, I. — 4620 aZ/tinterj. wie unser: ei; hier freudig, dagegen vorwurfsvoll in 
V. »S60. — 4622 fg. vgl. Bech's Einleitung zu Hartmann von Aue, I, viii. 

— 4G24 figieren swv. Fremdwort, lat. jigere , treffen; vgl. zu 10847. — 
-' meine stf., INleinung, Gedanke, Bedeutung; vgl. 12000. — 4629 an 

■•II mit acc, sich einem nähern. — mit siten, mit Anstand, Sanftheit. — 
«Kl nicli nahe tuon zuo, sich ansclimiegen an; hier bildlich, wörtlich in 
V. 10914, mit praep. an in V. 1112s. _ 4631 lieben swv. (vgl. zu 27) hier 
mit dat. — \ i> > 

COTTIKIED VON STKASSBUBG. I. 2. Aufl. 11 



162 viii. tristan's schwertle^te. 

sin schapel uiide sin lorzwi. 4035 

— swer nü des liasen geselle si 
— und üf der wörtheide 
-Hiüch Sprünge und ^Yitweide 
(118^)-Tiiit bickelwerten welle sin 

und üf daz lorschapelekin 4640^ 

wän ane volge welle hän , 
der läze uns bi dem wäne stän, 
.wir wellen an der kür euch wesen: 
wir, die die bluomen helfen lesen, 
mit den daz selbe loberis 4645 



4635 lurzwi stn., Lorberzweig, Lorber. — 4G36 des liasen ;/esdle , wie ein 
Hase; hier nicht von der eigeutlicLen Furchtsamkeit, sondern von der 
Flüchtigkeit, Unruhe gesagt. Man hat den Vergleich, da der ganze Augriff 
höchst wahrscheinlich auf Wolfram von Eschenbach geht, für eine directe 
Anspielung gehalten auf den Anfang des Parzival, insbesondere auf 1, 19: 
diz vlie'jende bispel ist tuinben Hüten gar ze snel, sine niugen' s nilit ^denken: 
uand' ez kan vor in wenken relde alsani ein schellec (scheu) }tase. Groote 
fasst des hasen geselle als: Mitbewerber Hartmann's von Aue (weil die Aue 
des Hasen Aufenthalt ist), was aber die folgende Ausführung des Bildes 
verbietet. Mit der Annahme einer ausdrücklichen Anspielung auf den 
Parzival kann ich mich nicht befreunden ; es ist einfach ein Bild, bei dem 
in erster Reihe die Worte hochsprünge und uttweide stehen, die ihrerseits 
die Wahl des Hasen veranlasst haben. — 4637 wort/ieide im Bilde; /teide, 
der Tummelplatz des Hasen; ohne Bild; da wo es sich um Worte, um den 
dichterischen Ausdruck handelt. — 4638 hSdisprünge adj., wörtlich etwa: 
hochsprüngig, hochspringend (wie der Hase) [vgl. unser: hochtrabend].— 
wUiveide adj. (swm. anzusetzen ist nicht iiöthig), wörtlich: weitweidig, der 
weit umher weidende, d.h. nach dem mlid, Wörterbuche: «der nacli Gott- 
fried's Ansicht seine Worte und Bilder weither zusammenholt. » Oder 
sollte Witweide nicht vielmehr unserm: weitschweifig entsprechen, da die 
ungewöhnlichen Worte durch das folgende mit bickelworten charakterisiert 
werden? — i^'dd bickelwort, welches nur hier erscheint und wahrscheinlich 
vom Dichter eigens gebildet ist, hat verschiedene Deutungen gefunden; 
Groote: «scherzhafte, anzügliche Narrenreden (von /^/AÄren, hacken)«; Hagen: 
" «wörtlich Würfelworte, von bikkeln , werfen, würfeln; bikkelspiel, Würfel- 
spiel, jetzo Peilkenspiel» ; zweifelnd das mhd. Wörterbuch: «Stichelrede 
(oder zusammengewürfeltes Wort?).» Stichelrede gewiss nicht, das würde 
in den Augen des humoristischen und vielfach auch sarkastischen Dich- 
ters kein Fehler sein. Und zusammengewürfelte, also ungehörige, un- 
zusammenhängende und unklare Worte können auch nicht gemeint sein, 
da es sich hier weniger um den Sinn als um den Ausdruck handelt. Mit 
Hagen fasse ich bickclwort = bickelspilwort wie zabtiworteün in \. 2287 = 
zabelspilwortelin; die fremden und technischen, sonst ungewöhnlichen Aus- 
drücke, wie sie sich an jedes Spiel halten, hat der Dichter im Sinne, und 
•wählt hierzu bickelwort bildlich für die Ausdrücke, die innerhalb der 
dichterischen Sp^rache das Gegentheil von rein und krystallklar sind. — | 
4640 lorschapelekin stn., Lorberkränzlein ; vgl. zu 676. — 4641 u-än haberiy i 
Hoffnung haben, sich Hoffnung machen, beanspruchen. — äne volge, ohne 
Zustimmung, d. h. hier : auch gegen die Ansicht anderer, — 4642 wän, hier 
im stilistischen Gegensatze zu wän im vorhergehenden Verse: Meinung; 
der lasse uns wenigstens bei unserer Meinung bleiben, der verwehre bei | 
seiner Eitelkeit uns nicht zu kritisieren. — 4643 wellen, hier wohl im Sinne 
von: meinen, glauben, also nicht: wir wollen, wir wünschen auch beider 
Prüfung zu sein, sondern: wir glauben auch unter den Beurtheilern zu 
sein, zur Kritik berechtigt zu sein. — 4645 7-is stn., Zweig [Reis nhd. be- 
schränkter]. — loberis, Ehrenzweig, Ehrenkranz. — 



VlII. TIUSTAN's SCHWEKTLEITE. 163 

uiiderfluhteii ist in bluomeu wis, 

wir wellen wizzen, wes er ger: 

wan swer es ger, der springe her 

und stecke sine bliiomen dar. 

so nemen wir an den bkiomen war, 4650 

op si so wol dar an gczemen , 

daz wir'z dem Oüwsere nemen 

und geben ime daz lorzwi. 

Sit aber noch niemen komen si , 

der ez billicher süle hän, 4G55 

so helfe iu got, so läze wir'z stän. 

wirn' suln ez niemen läzen tragen , 

siniu wört ensin vil wol getwagen, 

sin rede ensi ebene i'mde sieht, 

op iemcn schone unde üireht 4660 

mit ebenen sinnen dar getrabe, 

daz er dar über iht besnabe- 
"Tindoare wilder mrere , 
-der masre wildenajre, 

die mit den ketenen liegent ' 4665 

und stumpfe sinne triegent, 



464^) untcrri eilten stv., dazwisclieiifiechten , diirchflechtcn. — 4644 fg. unter 
vir versteht der Dichter sich und seine Dichtergenossen, nicht das gc- 
sammte Publikum. — bluoiia-n lesen helfen ist zu bezielien auf die gemein- 
same Dicliterthätigkeit; wir Dichter, die wir ebenfalls Blumen lesen, d. h. 
Dichtungen schaffen und dadurch zum Plechteu jenes Ehrenkrauzes hel- 
fen und beitragen, wir wollen (hier «T//»'«=nhd.) u. s. w. Die Concurrenten 
verhelfen gerade dem sie überragenden Dichter zu seiner Größe, aus ihren 
Werken bestellt gewissermaßen erst dessen Kuhm, aber darum haben sie 
auch ein Anrecht auf die freie Zuerkennung des Preises. — 4658 getwagen 
part. von tuahen stv., waschen, getivagcn adjectivisch , rein (gewaschen), 
sauber. — 4659 ebene und sieht, eljen und gerade, werden im Mhd. gerne 
verbunden. — 4iW;i getruben swv., verst. traben. — 4662 besnaben swv., 
straucheln. — 4663 vindoere stm., Erfinder, Dichter. — wilde adj., hier: 
seltsam, wunderbar; das Wort scheint uns tadelnder als es in früherer 
Zeit w.ir; es steht ähnlieh wie Jreiurde ; Kudolf von Ems spricht in der 
literarisciien Stelle seines Alexander ebenfalls von den wilden äccntiuren 
des Wolfram von Eschenbach , lobt sie aber als kurzweilig. — nia're pl. 
muß nacli Gottfried's Art hier und im folgenden Verse verschieden ge- 
faset werden; den Doppolsinn würde bei uns: Geschichten ziemlich er- 
reichen; hier allgemein: Dinge. — 4664 moere, hier dagegen : Erzählungen. 
— irUderticre, Wilderer, Wildschütz, Jäger; in dieser Bedeutung in V. 17463, 
bildlich drr minnen wildrnai Q li;i34 ; hier kann es auch nichts anderes als: 
.lüger bedeuten an Wildsihütz in uuserra Sinne, an Wilddieb ist aber 
nicht zu denken): Geschichtenjäger wohl in dem Sinne: die Jagd auf Er- 
z4hlung88toffe machen: die ohne gosclimackvolle Auswahl alles Mögliche 
behandeln. Hier richtet sich Gottfried gegen die Anhäufung von Aben- 
teuern und Episf)den. — 4665 — Tu hier siaingt der ])ichter über zu einem 
andern Bilde, welches er von den Künsten der Gaukler, der Taschenspieler 
entlehnt. — \>'<*'>ö liegen stv.. lügen, betrügen, täuschen. — mit den ketenen, 
mit den Zauberketten. .Solche Kunststücke mit Ketten sind heute noch 
▼ielfach im Gebrauch. — 

11* 



164 Vlll. TRISTAN's tJCHWEKTLEITE. 

die golt von swachen Sachen 
den kinden kunnen machen 
und üz der bühsen giezen 

stoubme mergriezen: 4670 

die bernt uns mit dem stocke schate, 
niht mit dem grüenen meienblate, 
mit zwigen noch mit esten, 
ir schate der tuet den gesten 

vil selten in den ougen wol. 4675 

op man der wärheit jehen sol, 
dane gat niht guotes muotes van, 
dane li't niht herzehistes an: 
(119) ir rede ist niht also gevar, 

daz edele herze iht lache dar. 4680 

'^die selben wilden^ere 
*~Bi müezen tiut^ere 
'mit ir maeren läzen gän : 
wir enmügen ir da nach niht verstän, 
als man si hoeret unde siht: 4685 

sone hän wir ouch der muoze niht, 
daz wir die glöse suochen 
Jn den swarzen buochen. 

Noch ist der värwaere mer: 
von Steinähe Bliker 4690 

diu siniu wort sint lüssäm, 
si worhten frouwen an der ram 
von golde und ouch von siden, 
man möhte s' undersniden, 
mit kriecheschen borten. 4695 



4667 swach adj., hier: gering, werthlos (von Stein, Holz u. dgl. ). — 
4669 bühse swl, Büchse sg. stf., zunächst ein Futteral; Groote denkt an 
den Glückstopf (die Pandorabüchse) ; sollte hier bühse nicht den hohlen 
Zauberstab der G-aukler bezeichnen, aus dem sie Gegenstände kleinerer] 
Umfangs schütten (giezen) und schütteln oder auch Flüssigkeiten gieiSen': 
— 4670 stoubin adj., von Staub. — mergrieze swf., Perle. — 4671 stoc stm. 
Baumstock, Stamm (vgl. 2843), Pfahl. — 4672 lueienblat (nach Hs. M u 
H, die andern in Übereinstimmung mit V. 4912 lindenblat), nicht zu fasser 
als Blatt der Meie, der Birke, sondern: das im Maien, im Lenz grünende 
Blatt. — 4679 gevar adj. = 2>ar (6592), beschaffen. — 46S0 = ein edelez h. — 
4682 tiutcere^ stm., Deuter, Ausleger; poetisch personificiert für: Deutungen. -^' 
4684 für da nach ist vielleicht zu lesen dannoch. — 4687 glose stf.. Glossej 
Auslegung. — 4688 unter den swarzen buochen haben wir zu verstehen 
Bücher der schwarzen Kunst, Zauberbücher. 

4689 Der Dichter nennt die epischen Dichter im Gegensatz zu den 
nahtegalen 4749 fg. hier Färber, Maler. — 4690 s. Namenverzeichniss. — |' 
4691 lussam (= lustsam) adj., tust erweckend, anmuthig; öfters bei Gott- 
fried. — 4692 ram stf. {ramc swm.:=Eahmen stm.), (Sticlcrahmen), Gestel 
zum Bortenwirken. — 



.VIII. TRISTAX'S SCHWERTLEITE. 165 

er hat den wünsch von worten: 
sinen sin den reinen, 
ich waene daz in feinen 
ze wandere haben gespunnen 

und haben in in ir brunnen -iTOO 

geliutert unde gereinet: 
er ist benamen gefeinet. 
sin zuuge, diu die harphen treit, 
diu hat zwo volle sselekeit: 

daz sint diu wort, daz ist der sin: 4705 

diu zwei diu harpheut under in 
ir mjere in fremedem prise. 
der selbe wörtwi'se, 
nemet war, wie der hier under 
an dem ümbehange wunder 4710 

mit sp?eher rede entwirfet; 
wie er diu mezzer wirfet 
mit behendeclichen rimen. 
wie kan er rime limen, 

als ob si da gewahsen sin! 4715 

ez ist noch der geloube min, 
daz er buoch ünde büochstäbe 
vür vedern an gebunden habe; 
(120) -Avau, weit ir sin nemen war, 

sin wort diu sweiment alse der ar. 4720 



K)9s jeine sonst auch feie) swf., Fee. — 4099 ze vundere, auf wunderbare 
iVeise; vgl. 494<i. — 4701 reinen swv., reinigen. — 4102 feinen {auch feien) 
wv., durch die Feen schützen und begaben (erlialten : gefeit] ; vgl. 495^ 
allgemeiner) und zu löSlO. — 4710 innhelianr stm. (auch stn.), Vorhang; 
•gl. 15142-, s. auch Namenverzelchniss. — 4712 « das Messerwerfen war ein 
gefährliches Kampfspiel, das z. B. Wolfdietricli gegen einen Heiden be- 
lebt ; da hierzu große Geschicklichkeit geholte, so gebraucht Gottfried 
m Tristan das Bild von der Kunst des Blikers », :Mhd. Wörterbuch 11, 
, J63'' 'nach Hagen). Sollte das Bild nicht vielmehr wieder von der 
iaukelkunst genommen sein wie 4665? Würde das nicht eher passen zu 
ler leicliifen und spielenden Sprache Bliker's, wie sie der Dichter uns 
icliildert y — 4713. 4714 unter rhu dürfen wir nicht immer nach dem mo- 
lernen Spracligebrauche das Reimwort, den Endreim verstehen, sondern 
lie Reimzeile, den ganzen Vers. Auf der andern Seite ii*ren die gewiss, 
velche neuerdings die letztere Bedeutung ausschließlich gelten lassen 
vollen; rhu hat eben beide Bedeutungen [wie Vers nach populärer An- 
•chauung bald Verszeile, bald Strophe bedeutet]. Nach Gottfried's Rede- 
veise werden hier beide Bedeutungen anzunehmen sein. V. 4713=Reim 
die scliwierigsten Reime behandelt er wie der Gaukler sein Messerspiel 
nit Leichtigkeit und Sicherheit, oder geht, wie Bech vermuthet, das Messer- 
.vcrfen auf den geflügelten Dialog, auf das Spiel mit Frage und Antwort, 
mf die Sticboraythie wie z. B. im Erec 7492 fg. und im 1. Büchl. 1170 fg.?), 
V. 4714 = Vers. — rtme limon ist ein oft gebrauchter bildlicher Ausdruck, 
ler sich auf den metrisch gleichmäßigen und correcten Bau der gereimten 
i'.eilen bezieht ; vgl. Fedor Bech in Pfeiffer's Germania 7, 79 fg. — 4720 tv^ei- 
'/(«-n swv., schweben, schweifen; das Wort wird hauptsächlich von dem 
majestätifchen Fluge der Raubvögel gebraucht. 



166 VIII. tristan's schwertleite. 

"Wen mac ich nü mer iiz gelesen? 
ir ist und ist genuoc gewesen 
vil sinnec und vil rederich. 
von Yeldeken Heinrich 

der sprach üz vollen sinnen : 4725 

wie wol sanc er von minnen! 
wie schöne er sinen sin besneit! 
ich waene, er sine wi'sheit 
üz Pegases urspringe nam, 

von dem diu wisheit elliu kam. 4730 

i'ue hän sin selbe niht gesehen; 
nu hoere ich aber die besten jehen, 
die do bi sinen jären 
und Sit her meister wären, 

die selben gebent im einen pris, "4735 

er impete daz erste ris 
in tiutescher zungen: 
da von sit este ersprungen, 
von den die bluomen kämen, 

da si die spashe üz nämen 4740 

der meisterlichen fünde; 
und ist diu selbe künde 
so wi'ten gebreitet, 
so manege wis geleitet, 

daz alle, die nu sprechent, 4745 

daz die den wünsch da brechent 
von bluomen und von risen 
an Worten unde an wisen. 



4723 sinnec adj., (sinnig), sinnreich, gehaltvoll. — redericit aclj., der 
Kede mächtig, beredt. — 4725 uz vollen sinnen bezieht sich wohl auf die 
vollendete Klarheit der Ausdrucksweise. — Zu beachten ist sprechen=^\ox- 
tragen, erzählen im Gegensatz zu sanc im folgenden Verse, wo Heiurich's 
lyrische Poesie gepriesen wird. — 4728 wisheit stf., nicht ethisch zu fassen, 
sondern: Kenntniss, Fertigkeit, Kunst. — 472d Feffases, s. Namenverzeich- 
niss. — ursprinc stm., Quelle; vgl. zu 17988. — 4734 hier liegt in ruei-^ter 
der Begriff der Meisterschaft, der Autorität. — 4736 impete n (alte Form 
Hs. M), >impfeten swv., impfen, pfropfen. Die bildliche "Wendung geht nicht 
auf den Stoff, auf die Einführung französischer Eittergedichte in die deut- 
sche Poesie, sondern auf die Form, auf die künstlerisch vollendete Hand- 
habung des Metrums und des Reimes, in welcher Yeldeke vorausgieng. — 
4738 ers] ringen swv., hervorspringen, entsprießen. — 4741 fünde gen. pl. 
\on funt stm., Fund (dichterische) Erfindung, dann überhaupt: Dichtung; 
vgl. 19200 fg. — 4742 künde stf., hier = Kunde, Kenntniss. — 4743 iL-iten = 
witene, verschieden von ivtte adv., weit, weithin. — 4746 hier liegt wohl in 
viinsch ein "Wortspiel ; zunächst bedeutet das Wort wie in V. 1374. 3710 
und wie kurz vorher in V. 4696 abstract die höchste Vollkommenheit, 
das Schönste; zugleich klingt wünsch (wegen brechen) an die Bedeutung: 
"Wünschelruthe , mit deren zauberischer Kraft "Wort und "Weise erlangt 
werden. — 4747 rUen dat. pl. von ri^ ; hier deutlich: daß wir uns das 
Keis nicht kahl, sondern belaubt und blühend zu denken haben. 



VIII. tkistan's schwertleite. 167 

Der nahtegalen der ist vil, 
von den ich nü niht sprechen wil: 4750 

sine ha'rent niht ze dirre schar. 
dur daz sprich' ich niht anders dar, 
wan daz ich iemer sprechen sol: 
* si kunnen alle ir ambet wol 
und singcnt wol ze prise 4755 

ir süeze sumerwise; 
ir stimme ist lüter unde guot, 
si gebeilt der werkle hohen muot 
(121) und tuont reht' in dem herzen wol. 

diu weiit diu wrere uuruoches vol 4760 

und lebete rehte als äne ir danc, 

wan der vil liebe vogelsanc: 

der ermant vil dicke den man, 

der ie ze liebe muot gewau, 

beidiu liebes unde guotes 4765 

und maneger hande muotes, 

der edelen herzen sanfte tuot : 

-ez wecket friuntli'chen muot. 

hie von kumt inneclich gedanc, 

so der vil liebe vogelsanc 4770 

der wcrlde ir liep beginnet zalen. 

uu sprechet umbe die nahtegaleu; 

die siut ir dinges wol bereit 

und kunnen alle ir senede leit 

so wol besingen unde besagen. 4775 

welhiu sol ir baniere tragen, 

Sit diu von Hagenouwe, 

ir aller leitevrouwe 

der wcrlde alsus geswigen ist, 



4749 nahtegalen neuut Gottfried die Liederdichter, weil die lyrische 
L'oesic stets mit dem Gesäuge verbunden ist. — 475'5 suiiiencisi' stf., nicht: 
äommerweise im engen Sinne, sondern : Frühlingsweise, Frühlingsmelodie ; 
iU)iier in der alten Sprache umfasst auch die Lenzmonate [nhd. auch bis- 
kveilen, aber viel beschränkter]. — 476U unruoch stm., hier: Sorglosigkeit, 
Apathien (Zarucke), Freudlosigkeit. — 47m äne danc, ohne Willen, uu- 
rreiwillig, interesselos. — 47G2 wan, vgl. zu 107. — 4769 innedk/i ffedanc, innig- 
liches Denken, Innigkeit. — 4771 zalen, zaln swv., erzählen, verkünden. — 
4775 besagen swv., besprechen, doch decken sich beide Wörter nicht, he- 
"iinrjen und besagen steht formelhaft wie das liüufigere singen und sagen. — 
4777 8. Namenverzciclmiss. - -illS leitevrouwe swf., (Leiterin), Anführerin; 
vgl. 4M0. — 4771) wird im Mhd. Wörterbuclie II, 2, 788 zu den seltenen 
Fällen gestellt, wo bei swujen der Dativ stellt; es soll aber nicht gesagt 
werden: die vor der Welt verstummt ist, ihr etwa schweigend zuhört; ich 
fasse vielmehr d''r irffldc als selbständigen Dativ = für die Welt ver- 
;tumrat iit; vgl. zu ^79:]. — 



168 VIII. TRISTAN's SCHWEKTLEITF. 

diu aller doene lioubctlist -fTSO 

versigelt in ir zungen truoc? 

von der denk' ich vil iinde genuoc, 

(ich meine ab von ir doenen 

den süezen, den schocnen), 

wä si der so vil na^me, ' 4785 

wannen ir daz wunder kasme 

SU maneger wandelunge. 

ich w^ne, Orpbees zunge, 

diu alle doene künde, 

diu doenete üz ir munde. 4790 

Sit daz man der nu niht enhät, 
so gebet uns etelichen rät! 
ein sselic man der spreche dar: 
wer leitet nu die lieben schar? 
wer wiset diz gesinde? 4795 

ich wsene, ich si wol vinde, 
diu die baniere füeren sol : 
ir meisterinne kan ez wol, 
(122) diu von der Vogelweide. 

hei, wie diu über beide 4800 

mit hoher stimme schellet! 

waz Wunders si gestellet! 

wie spaehe s' organieret! 

wi si ir sanc wandelieret! 

(ich meine ab in dem done 4805 

da her von Zitheröne, 

da diu gotinne Minne 

geblutet üf und inne). 



•47S1 vgl. zu 7818. — 4783 hier erklärt der Dichter wie hernach in V. 4805^ 
daß er nur die eigentlichen Lieder, die Minnelieder, nicht die sogenannten 
Sprüche im Sinne habe. — 4785 der^ derer, bezogen auf dcewe, und zwar, da 
V. 4783. 4784 Zwischensatz ist, auch auf dcene in V. 4780. Die Übersetzer 
haben sich in der etwas verwickelten Construction nicht zurechtgefun- 
den. — 4787 wandelunge stf., Wechsel, Variation. — 4788 Orphees, s. Na- 
nienverzeichniss. — 4790 dcenen swv., auch hier nicht = tönen (vgl. zu 3586),. 
sondern: singen. 

4793 dar sprechen, dazu sprechen, sich (beirathend) erklären; vgk 
11309. — 4797 vgl. zu 4809. — 4801 schellen swv., schal machen, scliallen, 
schmettern. — 4802 gesf eilen, verst. stellen, anstellen, verrichten. — 
4803 spcche adv. ( = adj. 2292; spähe in Hs. M nicht maßgebend), kunst- 
voll. — organieren swv., Fremdwort, eigentlich: orgeln, dann überhaupt: 
pfeifend musicieren; vgl. 17359. — 4804 wandelieren swv., Fremdwort (in 
der Form, Stamm aber deutsch), wandeln, wechseln (12072), variieren; vgl. 
47S7. — 4806 s. Namenverzeichniss. — 4807 hier die Personification spe- 
cieller als in V. 959, hier: die Venus. — 



VIII. tristan's sciiwertleite. 169 

diu ist da z' Iiöve kamerrorin: 

diu sol ir leitcerinne siul 4810 

diu wiset si ze wünsche wol, 

diu weiz wol, wä si suochen sol 

der minnen melodie. 

si unde ir cumpänic 

die müezen su gesingen, 4815 

daz si ze fröuden bringen 

ir triiren unde ir senedez klagen: 

und daz geschehe bi minen tagen! 

Nu han ich rede gcnuoge 
von guoter Hute fuoge 4820 

getuegen liuten vür geleit. 
ie noch ii:t Tristan umbereit 
ze siner swertleite. 
i'ne weiz wie'cli in bereite: 

der sin wil niender dar zuo; 4825 

sone weiz diu zunge, waz si tuo, 
al eine und äne.des sinnes rät, 
von dem si ir ambet allez hat. 
waz aber werre in beiden, 
des wil ich iuch bescheiden. 4830 

Si zwei hat daz verirret, 
daz tusendcn wirret: 
dem man, der niht wol roden kan. 



4S0a diu = (liu (nahtegal) von der VoyeJiveide 479*,). — da ze hooe nicht auf 
/it/ierone zu beziehen, sondern da ze hove stellt hiei* wie öfters formelliaft 
für das einfache ze hove ohne örtlichen Hinweis. — kamercerln stf., niciit : 
Kammcrfv-iu (vgl. zu 776."^), sondern etwa eutspi-echend der Charge: Ober- 
hofmeistcrin {=jneistcrinne in V. 4798). Pfeiffer erklärt in der Einleitung 
zu Walther, S. xvi: die ist am «Hofe der Minne» Hofnieisterin (also mit 
Beziehung auf die Zwischenerklärung ; ich fasse den Satz: die ist über- 
hofmeisterin , welcher diu banicre zukommt, welche am Hofe die Schaar 
der (natürlich hier gedacht: weiblichen) Gäste anführt und anweist. Sollte 
die baniere fiieren nicht concreter zu nehmen sein als bildlich: anführen? 
.Sollten nicht die IMeisterinnen einen mit einem Fähnlein geschmückten 
Stab getragen liaben, wie noch heute der Oberkammerherr den Stab führt? 
— 4815 'je.singcn, verst. singen. — müezen hier Aiixiliar des Futurums mit 
iraperativischem Charakter. 

4821 gi'jüege adj., fuoge habend; liier aber kann das Wort niclit: kunst- 
fertig sein ; erstens verbietet es stilistisch fuoge 4820= Kunst; daiin hat 
der Dichter auch seine literarische Abschweifung zunächst nicht den 
Kunstgenossen bestimmt, vielmehr: fügsam; die mir gerne gefolgt sind, 
Interesse nehmen. — 4>!2(; so — dann, alsdann. 

4s:il .s'i zuri, die beiden : zunge und sin. — verirren swv., irre machen, 
irre führen. — 



170 VIII. tristak's schwertleite. 

kumt dem ein redelicher man, 
im erlischet in dem munde 4835 

daz selbe, daz er künde, 
ich wsene, mir ist alsam geschehen: 
ich sihe und hän biz her gesehen 
^123) so manegen schone redenden man, 

daz ich des niht gereden kan, 4840 

ezn dunke m.ich da wider ein wint, 

als nü die liute redende sint: 

man sprichet nü so rehte wol, 

daz ich von grozem rehte sol 

miner worte uemen war 4845 

und sehen, daz s' also sin gevar, 

also ich wolte, daz si wseren 

an fremeder liute maeren 

und alse ich rede geprüeven kan 

an einem änderen man. 4850 

Nunc weiz ich, wie's beginne: 
min zunge und mine sinne 
dien' mugen mir niht ze helfe komen; 
mir ist von worten genomen 

enmitten üz dem munde 4855 

daz selbe, daz ich künde, 
hie zuo enweiz ich, waz ich tuo, 
ich entüo daz eine dar zuo , 
dciswär, daz ich noch nie getete: 
mine flehe und mine bete 4860 

die wil ich erste senden 
mit herzen und mit henden 
hin widere z' Elikone 
ze dem niunvalten trOne, 

von dem die brunnen diezent, 4865 

üz den' die gäbe fliezent 
der Worte unde der sinne, 
der wirt, die uiun wirtinne, 



-1S34 redeiich adj. wechselt in den Hss. oft mit redertch (dieses auch hier als 
Lesart vorkommend); hier redeiich passender; der mit Kede begabte (der 
noch nicht rederich zu sein braucht); sonst hat redeiich andere Bedeu- 
tung. — 4840 des gen. neutr. abh. von niht: das nicht, nicht so. — 4S49 'je' 
prüeven swv., verst. prüeven, hier: prüfen, beurtheilen. 

4855 enmitten adv., (inmitten), mitten. — 4860 ßehe stf., (flehende) 
Bitte. — 4864 niunvalt adj., neunfaltig, neunfach. — 4865 diezen stv., rau- 
schen. — 4866 gäbe, wenn überhaupt ilas "Wort richtig überliefert ist, hier; 
Gaben im Sinne von: Begabung, Talente (in V. 4871. 4894 = Geschenke). — 
4S68 wirt stm., Hausherr. — wi.iinae stf., Hausfrau. — 



VIII. tristan's schwertleite. 171 

Apolle und die Camencn, 

der ören niiiii Sirenen, 4870 

die da ze liove der gäbe pflegent, 
ir genadc teilent unde wegent, 
als si ir der werkle giinnen , 
die gebent ir sinne brunnen 

so vollecliche manegem man, 4875 

daz si mir einen traben da van 
mit eren niemer mugen versagen, 
und mag euch icb den da bejagen , 
(124) so behalte ich mine stat da wol, 

da man si mit rede behalten sol. 4880 

der selbe traben der eine 

der ist ouch nie so kleine, 

erne müezc mir verrihten, 

verrihtende beslihten 

beide zungen unde sin, 4885 

an den ich sus eutrihtet bin. 

diu minen wort muoz er mir län 

durch den vil liebten tegel gän 

der camenischen sinne 

und muoz mir diu dar inne 4890 

zc fremedem wunder eiten, 

dem wünsche bereiten 

als golt von Arabe. 

die selben gotes gäbe 

des wären illikones, 4895 

des oberisten trones, 

von dem diu wort entspringent, 

diu durch daz öre klingent 

und in daz herze lachent, 



487U scheint mir unrichtig überliefert. Nacli dem einheitlich (nur B, 
Nebenhs. von M, hat der eren) vorliegenden Text ist der Vers als Appo- 
sition zum vorhergehenden zu fassen: die Karaueneu, die neun Sirenen 
der Ohren, die neun Ührenberückerinneu. Sirene (bei Gottfried swf.), 
kann hier nur in übertragener Bedeutung genommen werden, aber die 
ijrklärung befriedigt nicht. — 4S71 da ze hove bestimmt bezogen auf 
Klikon 4863. — 4872 teilen swv. , austheilen. — werjen stv. , hier: zu- 
w&gcn. — 4873 gunnen mit dat. und gen. (ir^=gendde) , hier nicht bloß 
wie in V. 2598 : einem etwas gönnen , sondern : einem etwas zuwen- 
den. — 4874 bei Gottfried's Redeweine und Vorliebe für Zusammen- 
setzungen vielleicht sinnebrunnen'i — 487t) trahen stm., Tropfen; vgl. zu 
749<i. — 4878 bejagen swv., erjagen, bekommen, erlangen; vgl. zu 12298. — 
4883 verrihten swv., einrichten, in rechter Weise herstellen. — 4886 ent- 
rihtrn swv., in Verwirrung bringen. — 4889 camenisc/i adj., (kamrenisch), 
den Musen oigenthümlicb ; das Wort von Gottfried wohl eigens gebildet 
im Stile von meiisch, fruuwlii; vgl. zu 2.347. — 4891 eiten swv. Irans., bren- 
nen, schmelzen. — 



172 Vlll. TRISTAN's SGIIWERTLEITE. 

die rede diirliulitcc maclient 490O 

als ein erweite gimme, 

die gerüochen mine stimme 

und mine bete erhoeren 

oben in ir himelkoeren 

und rehte, als ich gebeten liän. 4905 

Nu diz Kit allez sin getan, 
daz ich des alles si gewert, 
des ich von Worten hän gegert, 
und habe des alles vollen hört, 
senft' allen oren miniu wort, 4910 

ber iegelichem herzen schate 
mit dem ingrüenen lindeublate , 
ge miner rede als ebene mite, 
daz ich ir an iegelichem trite 

rüm' unde reine ir sträze •4-915 

noch an ir sträze enläze 
deheiner slahte stoubelin, 
ez enmüeze dan gescheiden sin, 
(125) und daz si niuwan üf dem kle 

unde üf liebten bluomen ge; 4920 

dannoch gewende ich minen sin, 

so kleine als ich gesinnet bin, 

küm' oder m'emer dar an, 

dar an sich alse manic man 

versuochet unde verpriset hat. 4925 

deiswär, ich sol es haben rät; 

und kerte ich alle mine kraft 



4900 durlluhtec adj., (durchlauchtig), durchsichtig, glänzend klar. — 4901 er- 
weit part. adj., erwählt, ausgesucht, kostbar, 

4906 Wörtliche Übersetzung halbwegs im Nhd. verständlich, idzen 
öfters in solchen Wendungen, wo wir: angenommen, gesetzt gebrauchen» 
— 4907 passivische Construction von geivern (vgl. zu 2214), mir wird etwas 
gewährt, ich erlange etwas. — 4909 hört stm., Schatz, Fülle. — 4918 ez, 
das Stäublein. — dan sclieiden stv. , wegschaffen. — 4919 si = rede, — 
4922 kleine adv., wenig, gering. — gesinnet part. adj., (mit Sinn) begabt; 
9886 = nlid. — 4925 wegen ver- kann versuoclien refl. allerdings die Be- 
deutung haben : sich vergeblich versuchen, « sich suchend verirren» (Mhd. 
Wörterbuch); es ist aber nicht unbedingt nöthig; versuochen sonst bei 
Gottfried = nhd. in V. 3696. 14182. — verprisen swv. dagegen muß ein un- 
rechtes oder verfehltes prisen bedeuten. Zarncke weist mit Kecht Mhd. 
Wörterbuch II, 1, 535 Hagen's Erklärung von fiich verprisen : sich Preis 
erwerben zurück, entscheidet sich aber nicht für eine hier bestimmt gel- 
tende Bedeutung. Groote: sich überschätzen ; Zarncke's zweite Erklärung 
(nach Wackernagel) : «seinen Preis verscherzen» scheint mir die treffendste; 
das Wort entspricht etwa unserm prosaischen: blamieren. — 4926 rat haben, 
mit gen., etwas oder auch eine Person entbehren müssen, einer Sache oder 
Person entsagen , verzichten. — 



VIII. TRISTAN'» SCHWERTLEITE. 173 

ze ritters bereitscliäft. 

als ^^•eizgot maneger bat getan; 

und Seite iu daz, wie Vulkan -4930 

der wi'se, der msere, 

der guote listwürkaere 

Tristande sinen lialsperc 

swert unde hosen und ander werc, 

daz den ritter sol bestan , 4935 

durch sine hende lieze gän 

schön' und nach meisterlichem site ; 

wie er'm entwürfe unde snite, 

den kuonheit nie bevilte, 

den eher an dem schilte; 494.0 

wie er'm den heim betihte 

und oben dar üf rihte 

al nach der minneu quäle 

die fiurihen sträle; 

wie er im al besunder 4945 

ze wünsche und ze wunder 

bereite ein und ander. 

und wie min frou Cassander 

diu wise Trojerinne, 

ir liste und alle ir sinne 4950 

dar zuo heete gewant, 

daz si Tristande sin gewant 

berihte unde bereite 

nach solher wi'sheite, 

so si'z aller beste 4955 

von ir sinnen weste, 

der geist ze himele, als ich ez las, 

von den goten gefeinet was: 



i'.>2S bereilsc/ioft stf., Ausrüstung (3992), hier mit speciellcT IJezicluiiigauf die 
Waffen [vgl. die noch geltende specielle Bedeutung von: Eüstung= Panzer]. 
— 49.12 listwürkccre stm., Künstler, insbesondere der Schmiedekünstler. — 
4933 lialsperc (halsbcrc) stm., Küstung (von Ringen), bis zum Knie rei- 
chend; vgl. 6546. — 4934 hosen pl., hier die Bekleidung der beiden Unter- 
beine bezeichnend; zwo hosen in V. 6540. Die Hosen der Küstung bestan- 
den ebenfalls aus Ringen. — werc stn., Kunstwerk; künstlerisch gearbeitete 
Rüstuugsstücke; vgl. 6545.6629. — 4937 »«m/fWicA adj., meisterhaft, künst- 
lerisch; vgl. 2225. — 4939 den eher zu beziehen auf eher als auf Tristan. — 
mich beeilt mit gen. (kuonheit), eigentlich: mir wird etwas zu viel, ich 
werde eines Dinges müde, ich lasse von etwas ab. — 4941 betihten swv., 
mit Überlegung herstellen. — 4943. 4944 die Wendung mit 7iäch ist durch 
das Adjectiv a;^; i'rt veranlasst: gemäß, entsprechend der Liebesqual, wie 
die Liebe feurig. — strale stf., Pfeil. Als Heinischmuck und Zeiclien 
koninien Pfeile öfters vor. — 4957 der abhängig von V. 4949. — 



174 Viil. TKISTAIS'S SC'clWEKTLElTE. 

(12G) waz hsete daz iht ander kraft 

dan, alse ich die geselleschaft -4960 

Tristandes e bereite 

ze siner swertleite? 

mac ich die volge von iu hän, 

so ist min wän also getan, 

und weiz daz wol, muot unde guot, 4965 

swer zuo den zwein geraeten tuet 

bescheidenheit und höveschen sin, 

diu vieriu würkent under in 

als wol als iemen ander. 

ja, Yulkän und Cassander, 4970 

diu zwei bereiten ritter nie 

baz ze prise danne ouch die. 

Sit nü die vier richeite 
riliche swertleite 

SQS kunnen geprüevieren, 4975 

so bevelhen wir in vieren 
unsern friunt Tristanden. 
die nemen in ze banden, 
bereiten uns den werden man, 
Sit ez niht bezzer werden kan, 4980 

mit dem geziuge und mit dem snite, 
da sine reitgesellen mite 
so schone sint bereitet, 
sus si Tristan geleitet 

ze hove und ouch ze ringe, 4985 

mit allem sinem dinge 
sinen gesellen ebengelich, 
ebenziere und ebenrich: 
ich meine ab an der wsete, 

die mannes hant da nsete, ' 4990 

niht an der an gebornen wät, 
diu von des herzen kamere gät. 



4959 hier erst der Nachsatz zu Y. 4927. — kraft, hier in anderm Sinne 
als in V. 4927: Wirkung; vgl. 13003. — 4966 gereute stn., hier mit Be. 
Ziehung auf V. 4601 bildlich: Ausstattung, förderliche Dinge. 

4974 riliche sivertleite ist acc. und zwar wohl sg. = eine r. s. — 
4975 geprüevieren swv., Fremdwort (in der Form, Bildung aus geprüeven 
4582), zurechtmachen. — 4978 ze landen nemen entspricht ziemlich un- 
serm: vornehmen (von Personen und Sachen). — 4981 snit stm., Zuschnitt, 
Fagon. — 4982 reitgeselle swm. (von reite, Kriegszug, Fahrt) Kriegs- 
genosse, Kamerad. — 4987 ebengelich adj., durchaus gleich. — 4988 eben- 
ziere adj., gleich schmuck. — ebenrich adj., gleich ausgestattet, — 



VIII. TRISTAN 's SCHWERTLEITE. 175 

die si da heizent edelen miiot, 
diu den man wolgemuoten tiiot 
und werdet li'p ünde leben: 4996 

diu wät wart den gesellen geben 
dem lierren ungeliche. 
ja weizgot , der muotrichc , 
(127) der eregire Tristan 

truoc sunderlicliiu kleider an, 5000 

von gebare und von gelaze 

gezieret üz der mäze. 

er ha3te s' alle an scbosnen siten 

unde an tugenden tibersnitcn. 

und iedoch an der waete, 5006 

die mannes bant da nsete, 

dane was niht underscheidung' an, 

der truoc der werde boubetman 

in allen gelicbe. 

Sus was der muotes riebe 5010 

der voget von Parmenie 
und al sin massenie 
ze münster mit ein ander komen 
und liseten messe vernomen 

und oucli enpfängen den segen, 5015 

des man in da solte pflegen: 
Marke nam dö Tristanden 
sinen neven ze banden, 
swert unde sporn strict' er im an. 
«sich», sprach er «neve Tristan, 5020 

Sit dir nu swert gesegenet ist 
und Sit du ritter worden bist, 
nu bedenke ritterlichen pris 
und oucb dich selben, wer du sis; 
diu gebürt und din cdelkeit ^02 6 

si dinen ougen vür geleit: 



4995 werden swv. trans. , wert machen (synonym von tt/rf/e«), vervoll- 
kommnen; vgl. 5031. — 4997 ungeliche adv. mit dat., nicht in Überein- 
stimmung mit ... — 4998 muotriche adj. subst. (in V. 5010 j/iuotes iichc), 
freudenreich, wohlgemuth. — b002 uz der inäze ^ über die Maßen, vor- 
züglich; vgl. 9991. — 5004 übersnulen stv., im Schnitte übertreffen, dann 
überhaupt: übertreffen. — 5007 iinderscheidun'je (=Hs. H, dagegen W und 
F undenc/ii'lunge, M underscheiden) stf. = Unterschied. 

5019 an stricken swv., anschnüren, anbinden, um- und anthun. — 
5025 edelUit stf., Adel. — 



17G viii. tiustaxn's schwertleite. 

wis diemüot' und wis iinbetrogen . 

M'is wärliaft und wis Avolgezogen : 

den armen den wis ienier guot, 

den rieben iemer hücligemuot; 5030 

zier' unde werde dinen lip, 

er' unde minne elliu wip; 

wis inilte unde getriuwe 

und iemer dar an niuwe! 

wan üf min ere nim ich daz, 5035 

daz golt noch zobel gestuont nie baz 

dem spere unde dem schilte 

dan triuwe unde milte. » 

(128) Hie mite bot er im den schilt dar. 

er küste in und spracli: «neve, nu var 5040 

und gebe dir got dur sine kraft 

heil ze diner rittcrschaft! 

wis iemer hövesch, wis iemer fro!» 

Tristan verrihte aber do 

sine gesellen an der stete, öO-tS 

rehte als in sin oeheim tele, 

an swerte , an s])orn , an schilte. 

diemüete, triuwe, milte, 

die leite er iegcliches kür 

mit bescheidenlicher lere vür. 5050 

und enwärt euch da niht nie gebiten : 

gebuhurdieret unde geriten 

wart da, zewäre deist min wan. 

wie si aber von ringe liezen gan, 

wie si mit scheften stcechen, 5055 

wie vil si der zerbr.Tchen 

daz sulen die garzune sagen, 

die hülfen ez zesamene tragen. 

i'ne mac ir buhurdiercn 



5027 diemiicte adj., (demütliig), bescheiden. — ■ anbetruijen part. adj., nicht 
bethürt, nicht eingebildet. — biiZQ liodigemuot aäii., hier: hochsinnig, stolz; 
■der Dativ den riclien=^i\xv die Eeichen, den Kelchen gegenüber. — 5035 uf 
die ere neiuen, bei der Ehre etwas auf sich nehmen^ mit der Ehre für etwa^ 
einstehen; doch nicht im strengsten Sinne, sondern nur betheuerud. — 
5038 mille stf., Freigebigkeit; vgl. zu 250. 

5044 verrillten swv. hier mit acc. der Person, zurechtmachen, aus- 
statten. — 5048 diemüete stf., Demuth, Bescheidenheit; vgl. 1706S. — 
5050 bescheidenlich adj., verständig. — 5054 rinc stm. ist liier der Umkreis 
des abgegrenzten Turnierplatzes. — gän läzen, Verbalellipse (das Eoss;, 
ansprengen. — l)()bl garzun stm., Fremdwort, franz. gar<;on , Knappe. — 



VIII. TRISTAN's SCHWEETLEITE. 177 

iiilit allez becioieren 50G0 

wan einen dienest biute ich in , 

des ich in sere wiliec bin: 

daz sich ir aller ere 

an allen dingen mere, 

und in got ritterlichez leben 5065 

ze ir ritterschefte iiiüeze geben! 



OGO becrSieren swv., Fremdwort, beschreien, ausrufen (als Herohl oder als 
'arz'in beim Turnier); das einfache Yerbum in V. 5578 (croicrfn nach den 
iUesten Hss. ; keine sclireibt zwei iz=croüeren oder Arei ^^croijieren). — 
1O61' wiliec adj. mit dat. der Person und gen. der Sache, für einen in oder 
;u einer Saclie geneigt (sein oder werden). 



GOTTFRIED VOX SXKASSLUEQ. I. 2. Aufl. 12 



IX. 
HEIMFAHRT UND RACHE. 

Der Gedanke an seiner! erschlagenen Vater lässt Tristan nicht zur 
Buhe kommen, und es drängt ihn nach der Heimat. Bei seinem ISchei- 
den setzt ihn Marke zu seinem Erben ein, um seinetwillen will er ehelos 
bleiben. Marschall Bual tritt zuerst in Parmenien an das Ufer und be- 
■willkommt den Herrn in seinem Erblande und geleitet ihn nach Kanoel, 
wo Florsete ihren Herrn und Sohn in hoher Freude empfängt. Die Lan- 
desfürsten erhalten von Tristan ihr Land zu Lehen und schwören ihm 
den Huldigungseid. Hierauf zieht Tristan , Schmerz und Bachegefühl im 
Innern bergend, nach Britannie, um, wie er sagt, aus seines Feindes 
Hand sein Lehen zu empfangen. Die wohlausgerüstetc, aber äußerlich fried- 
fertig erscheinende Bitterschaar trifft den Herzog Morgan auf der Jagd. 
Tristan bringt sein Anliegen vor, aber Morgan verweigert ihm die Gunst 
und nennt, auf Tristan's uneheliche Geburt anspielend, Eiwalin's und 
Blanscheflur's Bündniss eine Liebschaft. Nach hartem Wortwechsel spaltet 
Tristan seinem Feinde das Haupt. Ein wechselvoller Kampf zwischen 
den Britunen und den Parmeniern beginnt. Bual kommt zu Hülfe, und 
Tristan bleibt Sieger. Fortan ist sein Herz getheilt zwischen der Liebe 
zu seinem Vater und Getreuen Bual und seinem Oheim Marke. Sein mit 
eigener Hand erworbenes Erbland gibt er dem Marschall zum Erblehen 
und ertheilt dessen beiden Söhnen, seinen Brüder« und künftigen Eiben 
die Bitterwürde und mit ihnen zwölf Jünglingen , unter ihnen auch sei- 
nem Meister Kurvenal. Mit diesem kehrt er unter dem Wehklagen seiner 
Freunde und Unterthanen nacli Kurneval zurück. 



Truoc lernen lebender Staate leit 
bi stseteclicher sselekeit, 
so truoc Tristan ie stsete leit 
bi staeteclicher sselekeit. 5070 



5067 iemen lebender, nicht: ein Lebender, sondern lebender gen. pl. 
(wie in V. 2989), einer der Lebenden; vgl. 5104. — 5068 stceteclich adj.= 
gtccte, beständiglich. 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 179 

Als ich es iucli besclieiclen wil: 
im ^vas ein endeclicliez zil 
gegeben der zweier dinge 
leides unde liuge; 

wan alles des, des er began, 5075 

da lang im allerdickest an, 
und was ie leit der linge bi. 
swie ungelich diz jenem si, 
(129) sus wären diu zwei conterfeit, 

stsetiu linge und wernde leit, 5080 

gesellet an dem einen man. 

«so helfe iu got, nu sprechet an: 

Tristan der hat nu swert genomen 

und ist ze richer linge komen 

mit ritterlicher werdekeit: 5085 

lät lioeren, w-elher hande leit 

haet' er bi dirre linge?» 

weiz got, an einem dinge, 

daz iegelichem herzen ie 

und oucli dem sinen nähe gie: 5090 

daz inie der vater was erslagen, 

als er Rüälen horte sagen, 

daz quäl in in dem muote. 

alsus was übel bi guote, 

bi linge schade, bi liebe leit 5095 

eines herzen stsetiu Sicherheit. 

ir aller jehe diu lit dar an, 

haz der lig ie dem jungen man 



5072 endeclich adj. ist hier wolil nicht, wie es das mhd. Wb. 1, 432 
iffasst, vollständig, wirklich wie in V. 18222, sondern einfach zil ver- 
ärk«nd : schlieülich, letzt; vgl. endczil 10902. — zil geben häufige mhd. 
»endung von verschiedener Bedeutung und meist zu umschreiben; hier: 
estimmung. Bei ihm lief es schließlich auf zweierlei, auf Leid, Unglück 
ud Gelingen, Glück {.linge stf.) hinaus. — j076 lang praet. von lingen stv. 
-gelingen, glücken. — a//?/rf/cA('i< adv., allerhäufigst, meist. — b01% coiiter- 
it Btn. Fremdwort, Gegensatz; vgl. 102G4. — 5u81 in dem 6inen Mann 
ereint; dat. bei gesellen iu Y. 5134. — 5093 quäl in (acc.) nach Hs. M und 
; der Dat. im in Hs. "\V und F ist ebensowenig bei dem intrans. queln 
V., Qual leiden, sich martern (s. zu 1742) erklärlich; wahrscheinlich findet 
erwechseluDg statt zwischen (/utln stv. und tiuelu swv. traus., qual=qual(e, 
i>-lte. — 5090 Sicherheit stf., S'erpflichtung , Bündniss. «Freude bei Leid 
ar das, dem ein Herz sich durch feste Verpflichtung unterworfen hatte» 
ilhd. Wb. II, 2, 259'') verstehe icli nicht. Vielmehr heißt es : Glück und 
uglUck (und die Empfindung davon) war in einem Herzen beständig ver- 
luden. — .'1097 vgl. zu 2188; hier ilar an ligen etwa glcicli uiiserm : die 
Igemeino Ansicht (vgl. 101) gelit dahin. — 5098 haz hier in unserra Sinne 
ürde die Wahrheit des Ausspruchs zweifelhaft machen; gemeint ist viel- 
ehr: der Zum, die Leidenschaftlichkeit. — an ligen einem, ähnlich wie 
id.: einen 'jcdrängen (vgl. zu 12520) wie in V. 5107. Oder steht in sti- 

12* 



180 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

mit grdezerem ernest an 

daii einem stündigen man. 5100 

ob aller siner werdekeit 
so swebete Tristand' ie daz leit 
und daz verborgene ungemacli, 
daz niemen lebender an im sach, 
daz ime Eiwalines tot 5105 

und Morganes leben bot; 
daz leit lac ime mit sorgen an. 
der sörcsäme Tristan 
und sin getriuwelicher rät, 

der noch von triuwen namen bat, 5110 

der sselige Foitenant: 
die bereiten zehant 
mit ri'chem gersete, 
des man den wünsch da haete, 
eine richliche barken: 511.' 

sus komen si vür Marken. 
Tristan sprach: «lieber herre min, 
ez sol mit iuwern hulden sin, 
(130) daz ich ze Parmenie var 

und neme nach iuwerm rate war, 512( • 

wie unser dinc da si gewant 
umbe liute und umbe daz laut, 
daz ir da sprechet, ez si min.» 

Der künec sprach: «neve, diz sol sin. 
swie küme ich din doch müge enbern, 512; 

ich wil dich diner bete gewern. 
var heim ze Parmenie 
du und din cumpanie; 
bedarftu ritterschefte me, 

die nim, als dir ze muote ste: 513* 

nim ros, nim silber unde golt 
und swes so du bedürfen solt, 
als du bedürfen wellest; 
und swen du dir gesellest, 



listischem Gegensatze zu letzterem Verse an ligen mit dat. = an einem lige 
wie in V. 2188: der Zorn sei mehr eine Eigenthiimlichkeit der Jugend al 
des Alters? — 5100 stündic adj., zeitig, gereift. — 5109 getriuweltch adj. = 
getriuwe, von Gottfried nicht ungerne gebraucht, sonst im Mhd. Verhältnis: 
mäßig selten. — 5121 ez , ehi dinc ist gewant, es ist bewandt, beschafifei 
es steht; vgl. zu 1657; persönlicher in Y. 18958. 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 181 

dem biut ez so mit guote, 5135 

mit geselleclichem muote, 
daz er din dienest gerne si 
und dir mit triuwen wese bi. 
vil lieber neve, wirp unde lebe, 
als dir din vater lere gebe, 5140 

der getriawe Riial, der hie stät, 
der michel triuwe und ere liät 
mit dir begangen unze her; 
und si, daz dich des got gewer, 
daz du dich da verrihtest 5145 

und din dinc da beslihtest 
nach frumen und nach eren, 
so soltu wider keren: 
kere wider her ze mir. 

ein dinc lob ich und leiste dir, 5150 

se mine triuwe an dine hant, 
daz ich dir min guot und min lant 
iemer geliche teile; 
und si ez an dinem heile, 

daz du mich sulest überleben, 5155 

so si dir allez z'eigene geben: 
wan ich wil durch den willen din 
eliches wibes äne sin, 
(131) die wile ich iemer leben sei. 

neve, du hast vernomen wol 5160 

mine bete und minen sin. 

bist du mir holt, als ich dir bin, 

treist du mir herze, als ich dir trage, 

weiz got, so suln wir unser tage 

froliche mit ein ander leben. 5165 

hie mite si dir urloup gegeben. 

der mägede sun, der hüete din! 

und lä dir wol bevolhen sin 

din geschäfede und din ere.» 

hie enbiten s' euch nimere: 5170 

Tristan und sin friunt Rüal 

die schiffcten von Kurnewal 

si unde ir massenie 

heim wider ze Parmenie. 



5137 dienest stm., Diener; vgl. zu lfi891. — 5143 begän mit einem = 
ahd. an einem; beyän nhd. beschränkter (vgl. 705), hier zu geben etwa, 
lurch: bewähren; vgl. 5223. 



182 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

Ob iu im vil liep ist vernomen 5175 

umbe dirre herren willekomeu , 
ich sage iu, alse ich hän vernomen, 
wie si da wären willekomen. 

Ir aller 1 eitlere, 
der getriuwe, der gewsere 5180 

Rüal trat vor üz an daz lant; 
sin hüetelin und sin gewant 
leit' er höfschliche dort hin dan: 
Tristanden lief er lachende an, 
er kuste in und sprach: «herre min, 5185 

gote sült ir willekomen sin, 
iuwerm lande unde mir! 
kieset, herre, sehet ir 
diz schcene lant bi disem mer? 
veste stete, starke wer 5190 

und manic schoene kastei: 
seht, daz hat iuwer vater Kanel 
an iuch geerbet unde bräht, 
Sit ir nu biderbe unde bedäht, 
swes iuwer ouge hie gesiht, 5195 

des engät iu niemer niht: 
des bin ich iemer iuwer wer. » 
mit dirre rede so kerte er her 
(132) mit richem herzen unde frö; 

vil froli'che enpfieng er do 5200 

die ritter al besunder: 

er begünde si ze wunder 

mit sineu werten süezen 

salüieren unde grüezeu. 

hie mite fuort' er si üf Kanoel. 5205 

die stete unde diu kastei, 

diu von Kaneles jären 

in siner pflege wären 

in allem dem lande, 

diu gab er üf Tristande 5210 

nach vil getriuwelichem site; 

und euch diu sihen da mite. 



5193 erben swv., vererben; an = nhd. auf. — 5197 «-«r swm., Gewährs- 
mann; dafür stehe ich euch. — 5210 uf yeben mit dat., Terminus aus dem 
Lehnrecht, übergeben. — 



IX. HEIMFAHET UND RACHE. 183 

diu in waren au gevallen 

von sinen vordem allen. 

waz so! der rede nii mere? 5215 

er haDte rät und ere: 

dur daz bot er dem herren rät 

als der, der rät und ere hat, 

und mit im al den sinen. 

daz flizen und daz pinen, ö?20 

daz er mit süezem muote 

in allen ze guote 

und alle wis an in begie, 

dazu gesäcli männes ouge nie. 

Wie do? wie ist mir sus geschehen? o225 

ich hän mich selben übersehen: 
wä sint nu mine sinne? 
die guoten marschalkinne, 
die reinen, die Staaten 

mine frouwen Florseten, -5230 

daz ich die sus verswigen hän, 
deist niht da her von hove getan, 
ich sol ez aber der süezen 
bezzern unde büezen. 

diu hövesche, diu guote, 5235 

diu guote gemuote, 
diu werdeste, diu beste, 
ich weiz wol, daz si ir geste 
(133) niht eine mit dem munde enpfie; f 

wan swä daz wort von munde gie, 5240 

da gie der süeze wille ie vor. 
ir herze daz fuor rehte enbor, 
als ez gevidert wsere. 
si wären vil einbsere 



5220 ßtzen hier subst. Inf. stn. (vgl. 623), Eifer, Sorgfalt. — pinen subst. 
inf. stn. (vgl. It^U), Bemühung. 

5225 Wie do? wie nun? — 522tj übersehen siv., vergessen. — 5230 »u/ic 
fromce^madarne ; vgl. zu 3524. — 5232 das ist nicht anständig gehan- 
delt. — 5234 bezzern swv., vergüten; vgl. zu 1511. — 523G guote nach Über- 
einstimmung von Hs. H, W und F und durchaus stilgemäß im Wortspiel 
mit gwjte fem. in V. 5235; das Adverbium guote statt icol, in damaliger Zeit 
sonst ungebräuchlicli, ist dem Dichter, der so frei mit der Sprache schaltet, 
wohl zuzutrauen, und einmal musste mit diesem Adverbium, an dem die 
jüngere Zeit gar keinen Anstoß nimmt und welches nach Bech's Nachweis 
um die Mitte des 13. Jahrhunderts schon geläufiger ist, der Anfang ge- 
macht werden; Hartraann Iwein 7300 spielt anders: diu süeze, diu gtiote^ 
'liu suoze geiHuole. — 5243 gevidert part. adj., geflügelt. — 



184 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

beidiu ir wille unde ir wort. 52^5. 

ich weiz wol, daz si über bort 

vil geselleclicbe giengen, 

da si die gaste enpfiengen. 

diu saelege Florsete 

waz fröiide ir herze hsete 5250 

wider ir herren unde ir kiut, 

daz kint, des disiu mcere sint, 

(ir sun Tristanden den mein' ich) 

entriuwen, des erkenne ich mich 

an manegen unde an guuogen 5255 

ir tugenden unde ir fuogen, 

die ich von der saelegen las; 

daz der niht ein lützel was, 

daz bewserte s' alse wol, 

als ein wip allerbeste sol : 5260 

wan si schuof ir kinde 

und sinem ingesinde 

al die ere und daz gemach, 

diu ie ritteren geschach. 

ouch waene ich eines alse wol, 5265 

daz ich es niht baz wsenen sol 

von dem hoveschen Kurvenäle; 

dem enwsere er ze dem male 

ein willekomener Tristan, 

ich enhän da keinen zwivel an. 5270 

Hietmite so würden besant 
ze Parmenie übr al daz lant 
die herren und diu heischäft, 
die da hseten die kraft 

der stete und der kastele. 5275 

nu die ze Kanoele 
gemeinliche kämen, 
gesähen unde veruämen 
(134) von Tristande die wärheit, 

als uns daz msere von im seit 5280 

und alse ir selbe habet vernomen, 



5246 bort stm. (?), Bord, Schiffsrand, Ufer, über bort gan bildlich, sich 
ergießen, tiberströmen. — si^= wille und wort. — 5254 sich erkennen hier 
mit gen., darauf verstehe ich mich, das schließe ich; alsdann a«^aus. 
5274 kraft stf. mit gen., Gewalt über; anders = nhd. in V. 5727. — 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 185 

dö flugcii tüsent willekomen 

von iogclichcs munde. 

liut undc lant begunde 

von langem leide erwachen 5285 

und sich ze frönden machen 

ze wunderlichem wunder: 

si enpfi'engen al besundcr 

ir lehen, ir liutc unde ir lant 

von ir herren Triständes haut: 5290 

si swuoren hulde und wurden man. 

Hier under haete ic Tristan 
den tougenlichen smerzen 
verborgen in dem herzen, 

der da von Morgäne gie. 5295 

der smerze der begab in nie 
weder fruo noch spate, 
alsus gienc er ze rate 
mit magen und mit mannen 

und jach, er wolte dannen 5300 

ze Britänje gäben , 
sin leben enpfähen 
von sines viendes hant, 
dur daz er sines vater lant 

mit rehte haete deste baz. 5305 

diz sprach er unde tete ouch daz: 
er fuor von Parmenie 
er und sin cumpanie 
bereitet unde gewarnet wol, 

also der man ze rehte sol, 5310 

der üf angesliche tat 
ernestlichen willen hat. 

Do Tristan ze Britänje kam, * 

von äventiure er da vernam, 
und horte wserliche sagen, 5315 



5282 fliegen stv. braucht Gottfried gern in solcher Weise; vgl. z. B. 5481. — 
.'»286 machen refl., wie noch volkstbümlich : sich wohin begeben, wenden; 
ze frijuden, sich den Freuden zuwenden, sich erfreuen; vgl. 559. — 5291 hulde 
stf., hier: Uutertl)ancutreue ; //. au-«/-« = huldigen. 

5295 rjän von einnin , von einem ausgelien, herrühren; vgl. 5667. — 
5296 begehen stv. mit acc, einen aufsjebcn, von einem ablassen. — 53Ü9 ge- 
icarnct part. adj. s. zu P05 und vgl. 5471. 



186 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

Morgan der herzog rite da jagen 
von wälde ze walde. 
nu liiez er ilen balde , 
(135) die ritter sich bereiten 

und under ir rocke leiten 5320' 

ir hälsperge unde ir dinc, 

und so daz niemen keinen rinc 

üz dem gewande lieze gän. 

nu diz geschach, diz was getan; 

und über daz leite ie der mau 5325 

sine reisekappen an 

und säzen üf ir ors also. 

ir gezoc hiezen s' dö 

stätliche wider riten 

und niemaunes biten 5330 

und teilten ir ritterschaft. 

dö wärt diu grdezere kraft 

geschicket an die widervart, 

daz der gezoc wsere bewart, 

da der üf sine sträze gie. 5335 

dö diz geschach, dö h?eten die, 

die mit Tristande kerten hin, 

wol drizec ritter under in; 

jene an der widerkere 

wol sehzic oder mere. 5340 

Yil schiere wart, daz Tristan 
liund' unde jägere sehen began. 
die selben fragte er msere, 
wä der herzöge wsere. 

die täten ez im iesä kunt; 5345 

und er des eudes sä zestunt 



5319. 5320 bereiten, leiten sind Infinitive, abh. von hiez. — leiten stv., führen; 
«»cZer 7> rocAe, Accusativwendung ; im Neuhochd. dafür; unter ihren Röcken. 
5322 rinc stm., Panzerring, Stück vom Ringpanzer. — 5325 leite im Spiel 
mit leiten in V. 5320 \xiQr^= legete. — ie der man nicht formal = jeder 
Mann (nhd. jeder aus ieweder , iegetceder Gr. 3, bb), sondern (e=je und 
der 7nan = einer; man sagt auch ähnlich nhd.: man immer ( = der man 
vgl. 3047); in der Bedeutung ist ie der man allerdings = jedermann. — 
5326 reisekappe swf., Eeisemantel; vgl. zu 2629. — 5328 gezoc stm. (5334), 
.Zug, Mannschaft. — 5329 stätliclie adv. (zu State), gemächlich, ruhig; vgl. 
zu 15978. — 5333 tcidervart stf., Rückfahrt, Rückweg; ebenso 5339 wider- 
kere stf., Rückkehr (wie in Y. 17094); beide Worte sind hier technisch 
aufzufassen wie: Retirade und Retraite. 

5346 des endes gen. adv., an den Ort, dahin; bei Gottfried ziemlich 
häufig; vgl. z. B. 7407. Das Verbum der Bewegung in diesem Verse fehlt 
zu Gunsten des lebhaften Ausdrucks : und er gleich dahin und fand u. s. w'. — 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 187 

und vant ouch da vil schiere 
üf einer waltri viere 
vil ritter Britune, 

den Avarcn pavelüne 5350 

und hüten üf daz gras geslagen, 
dar umbe und dar in getragen 
loup unde lieliter bluomcn vil. 
ir hunde unde ir vederspil 

daz hseten si ze banden. 5355 

die graozten oucli Tristanden 
und sine rotte da mite 
höfschliche nach dem hovesite; 
(136) die Seiten ime ouch iesä, 

Morgan ir berre rite da 5360 

vil nahen in dem walde. 

dar ilten si do baldo. 

da fuudon s' ouch Morgänen 

unde üf kastelänen 

vil ritter Britune haben. 5365 

ISii si begunden zuo z'im draben, 
Morgan enpfie die geste, 
der willen er niht weste 
vil gastlichen unde wol, 

als man die geste enpfähen sol. 5370 

sin lantgesinde tete alsam: 
ir iegeli'cher der kam 
gerant mit sinem gruoze. 
nach dirre ünmüoze, 

do diz grüezen gar geschach, 5375 

Tristan ze Morgane sprach: 
«berre, ich bin komen da her 
nach minem leben unde ger, 
daz ir mir daz hie lihet 

und mir des niht verzibet, 53S0 

des ich ze rehte haben sol: 



5348 waltririrre sÜ., Fremdwort, Waldbach (vgl. 10^88); dann auch: Wald- 
bezirk = Waldrevier. — hSbO paveluiie stf. (13271) Fremdwort, (Pavillon), 
Zelt. — 5351 fiülen nach Hs. M (fie/cn Hs. \Y) = hütfen; vgl. zu 587. — 
5364 kastelän stn., Fremdwort, Castilier, castilischea Boss; vgl. 6G(J4 und 
zu 921.'). — 53G5 /ia6e;i = halten. 

5379 l!/if>n stv. , verleihen, zu Lehen geben. — 5380 verzihen stv. mit 
dat. und gen., einem etwas versagen, abschlagen. — 



188 IX. HEIMFAHRT ÜND RACHE. 

SO tuot ir liöfsclilicli iinde wol.» 
Morgan sprach: «herre, saget mir, 
von wannen oder wer sit ir?» 

Tristan sprach dö wider in: . 5385 

«von Parmenie ich bürtec bin, 
und hiez min vater Riwalin. 
herre, des erbe sol ich sin; 
ich selbe heize Tristan.» 

Morgan sprach: «herre, ir komet mich an 5390 
mit alse unnützen mseren, 
daz si als wsege wseren 
verswigen, alse vür brä'ht. 
ich bin des kürze bedäht: 

soltet ir iht von mir hän, 5395 

des wsere iu schiere State getan ; 
wan iu enwürre niht dar an, 
irn wseret ein gezaeme man 
(137) einen legelichen eren, 

dar ir ez soltet keren. 5400 

wir wizzen aber alle wol, 

(diu lant sint dirre mserc vol) 

in welher wise Blanschefluor 

mit iuwerm vater von lande fuor, 

ze weihen eren ez ir kam, 5405 

wie diu friuntschaft ende nam.» 

«friuntschäft? wie meinet ir daz?» 

ui'ne sage iu nü niht vilrbäz, 

wan diser rede der ist also.» 

«herre», sprach aber Tristan do 5410 

«hi disem maere erkenne ich mich: 

ir meinet ez also, daz ich 

niht eliche si geborn 

und süle da mite hän verlorn 



5392 wcege adj., (überwiegend), vortheilhaft, gut; als iü. = unserm: ebenso 
gut; vgl. 10413. — 5395 terminologische Wendung: hättet ihr ein Recht 
auf ein Lehen von mir"; vgl. Bech zu Erec 538. 10087. — 5396 State tuon 
mit dat. uJid gen., einem zu etwas Gelegenheit geben, einem in etwas will- 
fahren. — . 5397 enwürre conj. prset. von werren stv. , hier: hindern. — 
5398 nhd. positiv: daß ihr wäret oder: zu sein; die Negation { = quin im 
Lat.) veranlasst durch enwerren. — gezccrne adj. mit dat., (geziemend), an- 
stehend, würdig. — 5399 ein adj. im Mhd. bisweilen auch im Plural, nlid. 
dafür Singularwendung oder Auslassung des "Wortes. — 5404 von, lande, 
aus dem Lande, der Heimat. — 5411 ernennen hier wieder reflexiv; nicht: 
durch diese Rede fühle ich mich getroffen, sondern: ich verstehe diese 
Rede, schließe daraus; vgl. 16563 und zu 2017. — 



J 



IX. HEIMFAHRT UND EACHE. 189 

min leben und min lelienrelit.» 54:15 

«entriuwen, herre guoter knelit, 
da vür hän ich ez und manic mau.» 
«ir redet übel», spracb Tristan 
«ich wände doeb, ez wsere 

gevellec unde gebaere. 5420 

swer dem man leide taete, 
daz er mit rede doch haste 
sin unde gefuoge wider in. 
baetct ir nu fuoge unde sin, 

so leide als ir mir habt getan, 54:"25 

ir raöhtct mich doch rede erlän, 
diu niuwe swaere wecket 
und alte schulde recket: 
ir sluoget mir den vater doch; 
hie mite endünket iuch noch 5430 

mines leides niht genuoc, 
irn jehet, min muotcr, diu mich truoc, 
diu trüege mich kebesliche. 
sem mir got der riche! 

ich weiz avoI, so manc edele man, 5435 

des ich hie niht genennen kan, 
sine hende mir gevalden hat; 
und haeten s' dise Untat, 
(138) der ir da jehet, an mir erkant, 

ir deheiner haite sine haut 5440 

zwischen die minc nie geleit. 

die wizzen wol die wärheit, 

daz min vater Riwalin 

niine müoter an daz ende sin 

brähte vür ein elich wtp: 5445 

ist, daz ich daz üf iuwern lip 

bewaeren unde bereden sol, 

entriuwen, daz berede wol.» 



5416 nicht htrre, r/uo'cr kneht, sondern herre yuotcr kncht^ Herr Eitler; vgl. 
zu 1668. — 5420 gevellec adj., (gefällig), passend. — 5423 gefuoge stf.= 
fuoge. Schicklichkeit, Anstand. — 5426 erläzen mit acc. und gen. (rede), 
einen mit etwas verschonen. — 5428 recken swv., von Grimm Gr. 4, 603 mit 
cxcitarr, movere erklärt; das scheint mir stilistisch das vorliergcliende wecken 
zu verbieten; ich glaube vielmehr: recken, ausdehnen, vergrößern: die 
alte, die erste Schuld erhöht. Bech vermuthet : vorhalten, vorrücken (aus 
die hant oder die vinger recken). — 5436 genennen, verst. nennen. — 5437 die 
lunde einem valden, ein Actus der Belehnung; vgl. Grimmas liechtsalter- 
thümcr 139 und ferner V. 5440 fg. — 5447 bewivrcn swv., beweisen. — be- 
reden swv., bezeugen, erhärten. — 



190 IX. HEIMFAHRT VISD HACHE. 

«üz!» sprach Morgan «in gotes haz! 

iuwer bereden waz sol daz? 5450 

iuwer släc engät ze keinem man, 

der ie ze hove reht gewan.» 

«diz wirt wol schin», sprach Tristan. 

er zucte swert und rande in an, 

er sluog im obene hin ze tal 5455 

beidiu hirne und hirneschal, 

daz ez im an der zungeii want. 

hie mite so stach er ime zehant 

daz swert gein dem herzen in. 

dö wart diu wärheit wol schin 5460 

des Sprichwortes, daz da gibt, 

daz schulde ligen und fulen nilit. 

Morgaues cumpanjüne 
die frechen Britü'ne, 

die enkünden ime da niht gefromen 5465 

noch ze helfe im nie so schiere komen, 
ern Isege an dem valle. 
iedoch so wären s' alle, 
als si do mohten, an ir wer. 

ir wart vil schiere ein michel her: 5470 

die ungewärneten man 
si komen alle ir vinde an 
mit mänlichem muote. 
warnünge unde huote 

der nam da lützel iemen war, 5475 

wan drungen et mit hüfen dar 
und täten s' alle mit gewalt 
üz hin ze velde vür den walt. 



5449 uz adv., liier eine Interjectiou, es ist aber niclit der Euf, der zum 
Schwertauszieheu (wie etwa: zielit!) auffordert, sondern = hinaus ! fort! — 
in gotes haz, eine Verwünschung, etwa = zum Teufel! — 5451 slac stm., 
hier nicht der Handschlag zur Bekräftigung der Aussäge, sondern der 
Schwertschlag. — gän ze einem, zu einem gelangen , einen treffen ; es liegt 
hierin nicht allein eine social -rechtliche Überhebung, sondern vielleicht 
auch der Glaube, daß der Uneheliche dem Ritter nichts anhaben könne. — 
5454 sivert zucken = das Schwert zücken; vgl. swert nemen , sw. geben, fer- 
ner swert gesogenen 5021. .s^jer uf und nider werfen 6854. — 5455 obene adv., 
hier = »Ort obene; vgl. 8239. 16176. — 5457 winden stv. in der Bedeutung 
von erwinden 2641, hier mit dat. ; vgl. 8983. 

5463 cumpanjvn stm., Fremdwort, nhd. Fremdwort corupagnon. Lehn- 
wort Kumpan, Genosse. — 5465 gefromen swv., verst. fromen. — 5471 un- 
gewarnet adj. part., unvorbereitet, überrascht. — 5474 warnünge stf., Vor- 
bereitung, Vorsicht. . — 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 191 

(130) hie biiop sich ein raichel ruoft, 

iiiichel weinen unde wuoft. 5480 

alsus flouc Morganes tot 

mit maneger hande klagenöt, 

als obe er flücke wcere. 

er Seite leidin msere 

nf die bürge und in daz lant. 5485 

in dem lande flouc zebant 

uibt wan daz eine klagewort: 

"ä noster sires, il est mort! 

welch rät gewirt des landes nuo? 

nu zieren beide, keret zuo 5490 

von steten und von vesten 

gelonen disen gesten, 

des si uns ze leide haben getan!» 

Sus liezen s' üf ir rucke gäii 
mit staeteclicbem strite. 5495 

ouch funden s' alle zitc 
an ir gesten vollen strit. 
die kerten ie ze nianeger zit 
mit einer ganzen rotte wider 

und würfen mänegen dernider 5500 

und wären doch ie fliehende 
und allez wider ziehende, 
du si da Westen ir kraft, 
sus kömeii s' üf ir ritterschaft: 
da nämen s' ouch herberge 5505 

üf einem vesten berge, 
dar üfe was ir wcsen die naht, 
der nebte wart des landes mäht 
so Stare und also veste, 
daz si aber ir leiden geste 5510 



M79 ruofi stm., Ruf, Geschrei, reimt nur mit dem folgenden 5480 wuoft 
stm. (von ■u;uofen%\.\.') Geschrei. Wolieruf. — 5483 /'«cA-^ adj., hier bildlich : 
des Fliegeus fähig, etwa : beflügelt [nhd. eingeschränkter]. — 5488 noster 
altfr. = lat., neufr. notre. — mort adj. r^ neufranz. ; hier im franz. Satze, als 
Fremdwort in V. 9215. — 54WÜ ziere adj., liier eiufacl» (vgl. 4988): schmuck. — 
549:.' yelnnen swv., verst. Innen, belohnen, vergelten. — gast stm., hier: der 
Fremde im bösen Sinne, der Feind (vgl. /loxpes und /lostii). 

5494 vf den rucke eines gan, einen verfolgen. — 5504 ritterschaft stf. 
ist hier wohl nie auf 'He uidervart 5333 geschickte zahlreichere Schaar; 
Groole erklärt: Festungslinie. — 5508 der neUte gen. adv., während der 
Kacht. — 



192 IX. IIEIMFAIUIT V}\D RACHE. 

als schiere als ez wart tagende 
mit gewälte wurden jagende 
und manegen nider stächen, 
den hüfen dicke brachen 

mit speren und mit swerten, 5515 

diu da niht lange werten, 
da wären swert ünde sper 
deiswär in harte kurzer wer: 
(140) ir wart da mänegez vertan, 

so si hl die rotte liezen gän. 5520 

euch was daz Kitzele her 

so frechli'che an siner wer, 

daz da vil michel schade geschach, 

da man in in den hüfen brach. 

die schar die wurden beider sit 5525 

ze einer und ze maneger zit 

mit grözem schaden überladen. 

si nämen unde täten schaden 

vil schädeliche an manegem man. 

sus triben si'z mit ein ander an, 5530 

biz daz daz innere her 

begunde swachen an der wer, 

wan in gienc abe und jenen zuo: 

die mereten sich spät' unde fruo 

an ir State und an ir mäht, 5535 

so daz si dannoch vor der naht 

besäzen aber die geste 

in einer wazzerveste, 

da sich die geste üz werten 

und sich die naht da nerten. 5510 

Sus was daz her besezzen, 
/ mit her al umbemezzen, 

als ez beziunet wsere. 
die fremeden sörgaere 
Tristan unde sine man, 5545 



.5511 icart tagende u. fg. Vers 'Um^chreihving ^= tagele, jageten; diese Wen- 
dung mit dem Praet. von werden und dem Part, prses. auch öfters bei Gott- 
fried; vgl. z. B. 7343. 8837 und zu 1783. 3985. — 5518 wer stf. {=wer, von 
wern 5516, währen), Dauer. — 5522 wer stf. (=iuiir), hier kurz nach wer 
wortspielend = Wehr. — 5525 beider sit stf. ( = site), auf jeder Seite, auf 
beiden Seiten [uhd. beiderseits]. 

5542 riinbeinezzen stv., (messend) umgeben. — 5543 beziunen swv., um- 
zäunen. 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 193 

IUI wie geviengen s' ir dinc an? 

daz sage ich in, wie'z in ergie, 

wie sich ir sorge zerlie, 

wie si von dannen kämen, 

sige an ir vinden nämen. 5550 

Tristan do der von lande schiet, 
als ime sin rät Kual geriet: 
sin lehen da ze enpfähene 
und iesä wider ze gähene, 

Sit des lac'z'allem male 5555 

dem sselegen Rüäle 
der selbe wän ze herzen ie, 
reht' alse ez ouch Tristande ergie. 
(141) icdoch geriet er die geschiht 

umbe Mörgänes schaden niht. 5560 

hundert ritter er besaiide 

und kerte nach Tristande 

ebene und rehte üf sine vart. 

unlange und vil schiere ez wart, 

daz er ze Britanje kam, 55G5 

vil rehte er al zehant vernam, 

wie ez gevarcn wsere. 

und nach des landes m?ere 

so nam er siner reise ein mez 

ze den Britünen üf daz sez. 5570 

nu SJ begundcn nähen, 

daz si die vinde sähen, 

done wart an ir rotte 

ir deheinem ze spotte 

weder nach noch niender abe gezogen: 5575 

si körnen alle samet geflogen 

mit fliegenden banieren. 

da wart michel croieren 



555-1 ydlicn swv., hier einfach (vgl. zu 2765): eilen. — öö5ö z'allem vialCj 
zu jeder Zeit, immer [vgl. allemal]. — !)bhd ff e raten stv., verst. raten; doch 
hier wohl ;/e- plusquamperf. vertretend : hatte gerathen. (Simrock im An- 
schluß an Groote fasst das Wort mit Unrecht als: errathen, ahnen.) — 
'ÜWA unlan'je (nicht unlantj adj.) wie noch heute bei werden und sein steht 
adverbial, in kurzer Zeit (vgl. die Lesart von Hs. H und W unlanges). — 
.")56l» mez stn. (seltenes Wort), Ziel. — 5570 scz stn., Sitz, Belagerung. — 
.[)575 der Gegensatz liegt nicht in nach und abe, sondern in nach adv., liier : 
in der Nähe, in die Nähe und in niender adv., (überhaupt) nirgends liin. — 
5."»78 croieren (vgl. 50G0) swv. hier subst. inf. stn., Rufen, Schlachtruf. — 

GOTTFRIED \0-S STRASSüUKG. I. 2. Aufl. 13 



194 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

und^r" ir massenie: 

«schevelier Parmenie! 5580 

rarmenie schevelier!» 

da jagete bänier und banier 

schaden und ungefüere 

durch die hütesnüere. 

si täten die Britüne 5585 

durch ir pavelüne 

mit tdedigen wunden. 

Nu die inneren begundeu 
ir lantbaniere erkennen, 

ir zeichen beeren nennen, 5590 

si begünden ir rüm witen, 
üz an die wite riten. 
Tristan lie vaste striten gän; 
da wart michel schade getan 

an den lantgesellen: 5595 

vähen unde vellen, 
slahen unde stechen, 
daz begünde ir schar durchbrechen 
(142) ze beiden siten in dem her, 

und brähte s' ouch daz üz ir wer, 5600 

daz die zwo cumpanie 

«schevelier Parmenie!» 

so vil geriefen unde getriben. 

des wären s' äne wer beliben: 

under in was wer noch kere 5605 

noch deheiues strites mere 

wan tuschen unde fliehen, 

zogen unde ziehen 

wider bürge und wider walt: 

der strit der wart da manicvalt. 5610 



580 schevelier (frauz. Chevalier) P. steht hier im Schlachtruf als Personen- 
name für den Herrn des Landes. — 5582 hier die gekürzte Form banier in 
doppelter Betonung; das Geschlecht hier nicht zu erkennen. — 5583 un- 
gefüere stn., Nachtheil. — 5584 hütesnuor stf., Hüttenschnur, Zeltstrick. 

5589 baniere ist Plural von banier stf. oder baniere stf., lantbaniere, 
vaterländische Banner. — bb'äO zeichen, hier insbesondere : Parole, Feld- 
geschrei. — 5591 rurn stm. witen swv., Raum erweitern, eine Redewendung 
für: sich entfernen. — 5595 lant'jeselle swm., Genosse des Landes, aber 
hier nicht «der Landsmann, den man bei sich führt« (mhd. Wb. II, 2, 30), 
sondern gemeint sind die Bewohner des feindlichen Landes, die Britunen i 
dagegen in dem andern Sinn von: Landsmann in V. 18905. — 5G03 getriben 
stv., verst. triben. — 5607 tuschen swv,, sich verbergen. — 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 195 

ir flnht diu was ir meistiu wer 
und vür den tot ir bestiu ner. 

Nu disiu scliumpfentiure ergie, 
diu ritterschaft sich nider lie 

und nämen herberge sä; 5G15 

und die von ir gesinde da 
ze velde lägen erslagen, 
die hiezen si ze grabe tragen, 
jene, die da wunt wären, 

die hiezen si üf baren 562 

und kerten wider ze lande, 
hie mite was Tristande 
sin lehen und sin sunderlant 
verliheu üz sin selbes hant. 

er was von dem herr' unde man, 5625 

von dem sin vater nie niht gewan. 
sus h^te er sich verrihtet 
und al sin dinc beslihtet: 
verrihtet an dem guote, 

beslihtet an dem muote; 5630 

sin unreht daz was allez reht, 
sin swKrer muot liht' unde sieht. 
er haete do ze siner hant 
sines väter erbe und al sin lant 
unverspröchenlichen unde also, 5635 

daz niemen in den ziten dö ' 
anspräche hrete an kein sin guot. 
hie mite so kertc er siuen muot, 
(143) als ime gebot und ime geriet 

sin ceheim, dö er von im schiet, 5640 

hin wider ze Kurnewäle 

und enmöhte ouch von Rüäle 

niht gewenden sin gemüete , ' 

der also manege güete 

mit väterlicher st^ete 5645 



5612 ner stf., (Nalirung), Rettung. 

5613 schumpfentiure stf., Fremdwort, Besieguug. — 5G20 uj baren bwv., 
(aufbahren), auf die Bahre legen. — 5623 sunderlant stn. (hier wohl nicht 
xunder Sidi. = sund^rez l. wie in V. 329), Sonderland, Lehen. (Diemer 
fasst es zu Heinrich's Gediclit vom gemeinen Leben G52 als südlich ge- 
legenes Land.) — 5632 sle/it adj., (schlecht), schlicht, geschlichtet, wieder 
zum Bessern gewendet. — 5635 unverspröchenlichen adv., ohne Anspruch, 
unangefochten. — 5637 anspräche stf. = Anspruch. — 5643 geinüete stn., 
'nn , Gedanken. — 

13* 



106 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

ime erzeiget hsete. 
sin herze daz lac starke 
an Riiäl' unde an Marke: 
an disen zwein was al sin sin: 
der sin stunt' in her unde hin. 5650 

Nu sprseche ein sseliger man: 
«der sselige Tristan 
wie gewirbet er nü hie zuo, 
daz er in beiden rehte tuo 

und lone ietwederem, alse er sol?» 5655 

iuwer iegelich der weiz daz wol, 
ern kan daz niemer bewarn, 
ern müeze ir einen läzen varn 
und bi dem andern bestän. 

lät beeren, wie sol ez ergän? 5660 

vert er ze Kurnewäle wider, 
so leit er Parraenie nider 
an aller siner werdekeit, 
und ist ouch Rüal nider geleit 
an fröuden unde an muote, 5665 

an allem dem guote, 
von dem sin wunne solte gän; 
und wil er aber da bestän, 
sone wil er sich niht keren 

ze hdeheren eren 5670 

und übergät ouch Markes rät, 
an dem al sin ere stät. 
wie sol er sich hier an bewarn? 
weiz got, da muoz er wider varn: 
daz sol man ime billi'chen. 5675 

er sol an eren riehen 
und stigen an dem muote, 
wil ez sich ime ze guote 
(144) und ouch ze saelden keren; 

er sol wol aller eren 5680 

billiche muoten unde gern. 



5G50 stunte (Hs. M stont im, H stunt in) = stundete prset. von stunden swv. 
(im Ganzen seltenes, vorzugsweise in mitteld. Quellen erscheinendes Wort), 
stoßen, treiben. Vielleicht stunt aus scunt^schunt = schunte , schündetef 
schünden bei Gottfried in V. 3111. 

5671 übergän anom. v., übertreten, missachten. — 5675 billichen swv., 
billigen, angemessen erachten; mit dat., einem beistimmen; vgl. 13063. — 
5676 riehen swv. hier intrans., reich werden; vgl. zu 746. — 5681 muoten 
swv., wünschen. 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 197 

wil oucli iii saelde des gewerii, 
des hat si reht, daz si daz tuo; 
wan al sin muot der stät derzuo. 

Tristan der sinneriche 5685 

der kom vil sinnecliche 
sines willen über ein, 
daz er sich sinen vätern zwein 
als ebene teilen wolte, 

als man in sniden solte. 5G90 

sich selben teilete er enzwei 
geliche und ebene alse ein ei 
und gäp ir ietwederm daz, 
daz er wiste, daz im baz 

an allen sinen dingen kam. 5695 

swer nü die teile nie vernam, 
die man an ganzem libe hat, 
dem sage ich, wie diu teile ergat. 
däne hat niemen zwivel an, 

zwo Sache enmachen einen man: 5700 

ich meine lip , ich meine guot. 
von disen zwein kumt edeler muot 
und werltli'cher eren vil. 
der aber diu zwei scheiden wil, 
so wirt daz guot ein armüot: 5705 

der lip, dem niemen rehte tuot, 
der kumet von sinem namen dervau, 
und wirt der man ein halber man 
und doch mit ganzem libe. 

als habet iu von dem wibe: 5710 

ez si man öder wip, 
so muoz ie guot unde lip 
mit gemeinlichen Sachen 
einen ganzen namen machen; 

und werdent s' aber gescheidcn, 5715 

son' ist niht an in beiden. 



5686 über ein komen stncs willen, io seinem Entschlüsse, mit sich eins 
werden. — 5689 ebene adv., hier: gleichmäßig. — 5G94 daz relat., acc. abli. 
von wiste = nhd. von dem. — baz komen im Sinne von wol komen, passend 
sein. — 6698 teile stf., Theilunf.'. — 5700 die Negation en- von niemen zwtvel 
abhängig. — 5707 man kann schwanken, ob name hier zu fassen ist als: 
Würde oder als: Wesen; der Sinn ist jedenfalls: der lip leidet dadurch 
Einbuße. — 5710 i)n haben von efew., sich etwas vorstellen, davon halten; 
dasselbe gilt vom Weibe. — 5713 in Gemeinsamkeit. 



198 IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 

Dise rede die liuop Tristan 
rieh' imde willeclichen an . 
(145) und fürdert' s' oueh mit sinnen: 

er hiez ime gewinnen 5720 

schoeniu ros und edele wät, 

spi'se und änderen rät, 

des man ze liohgeziten pflit, 

und machete eine hohgezit: 

dar ladte er unde besaude 5725 

die besten von dem lande, 

an den des landes kraft do stuont: 

die täten, als die friunde tuont, 

und körnen, alse in wart geseit. 

nu was ouch Tristan bereit 5730 

mit allen sinen dingen. 

er gap zwein jungelingen, 

sines väter Rüäles sünen, swert, 

wan er ir z'erben hsete gegert 

nach ir vater Rüäle. 5735 

und swaz er zuo dem male 

ze ir wirde und ze ir eren 

siner koste mohte keren, 

da hsete er späte unde fruo 

als inneclichen willen zuo, 5740 

als op si wreren siniu kint. 

Nu daz si ritter worden sint 
und zwelf gesellen mit in zwein, 
nu was der zwelf gesellen ein 
Kurvenäl der hoveliche. 5745 

Tristan der tugenderidie 
nam sine bruoder an die hant, 
wan ez im ze hövescheit was gewant, 
und fuorte si behanden dan. 
sine mäge und sine man 5750 



5717 rede stf., die in. Rede stehende Saclie wie in V. 56. (Für rede 
haben einige Hss. teile.) — 5719 furdern svw. (im Ganzen seltenes Wort), 
fördern, zu Stande bringen (dafür auch die Lesart ante =^ endete) \ vgl. zu 
8178. fürderf 5' (=si, dise rede) nach Hs. M: für der t se; Hs. H vurdertes, 
vielleicht = t"Mr(;e?-^ e:? alsdann: und brachte e« auch zu etwas; vgl. Bech 
zu Erec 5685; Gregor 1517. — 5732 sivert geben im Gegensatz zu .fic^rr neihcn, 
die Eitterwürde ertheilen. — 573G zuo (auch in Hs. M), nicht ze, hier: zu, 
aiißer. — dem, hier demonstr. = (^t'5e»;. — med stn., hier: Zeichen, Aus- 
zeichnung (sc. sivert). — 5738 l<oste gen. (abh. von sioaz 5736) von koste 
oder kost stf. (das Wort kommt sonst bei Gottfried nicht vor), Aufwand, 
Kosten [nhd. plurale tantum; Kost sg,=: Speise; vgl. köstlich, kostbar]. 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 199 

und alle, die da wären 

von sinnen oder von jären 

oder aber von in beiden 

beträhtic unde bescheiden, 

die wurden alle zeliant 5755 

ze hove geladet unde besant. 

Nu herre, die sint alle da. 
Tristan stuont üf vor in sä: 
<(U6) «ir herren alle», sprach er z'in 

«den ich iemer gerne bin 5760 

mit triuwen und mit durnähtekeit , 

an allem dienste bereit, 

als verre alse ich iemer kan, 

mine mäge und mine liebe man, 

von der genäden ich ez hän, 5765 

swaz mir got eren hat getan, 

von iuwer helfe hän ich mich 

verrihtet alles des, des ich 

in minem herzen gerte. 

swie mich es got gewerte , 5770 

so weiz ich doch wol, daz ez ie 

von iuwerr frumede vollegie. 

waz mac ich nu mere sagen? 

ir habet in disen unmangen tagen 

iuwer ere und iuwer spelekeit 5775 

so manege wis an mich geleit, 

daz ich des keinen zwivel hän, 

disiu werlt diu eumüeze e zergän, 

€ ir mir iemer keine zit 

mines willen wider sit. 5780 

friunt unde man und alle die, 

die durch miuen willen hie 

oder durch ir selber tugende sin, 

nu läzet iu die rede min 

niht serc missevallen; 5785 



5754 bescheiden part. adj., verständig [uhd. bescheidcu, vtodesttcs 
jünger]. 

_576l durnähtekeit stf.. Vollkommenheit, Aufrichtigkeit; vgl. zu llüC. 
— _5772 frumede stf. (seltene Rildung neben frumekeit) , Tüchtigkeit. — 
•ü7iiinmanr/en dat. pl. = Hs. M und W. unmanic adj., nicht viel, wenig. 
— h'^Q wider sin mit dat. (mir) und gen. (mines willen), einem etwas ver- 
weigern; vgl. Wigalois 2?^2l. — 57S2 durch minen willen, hier: auf meinen 
Befehl hin. 



20O IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 



ich künde und sage iu allen, 
als Rüäl min vater, der hie stät, 
gesehen und euch gehceret hat, 
daz mir min ceheim sin lant 

gesetzet hat in mine hant 5790 

und wil ouch durch den willen min 
eliches wibes äne sin, 
dur daz ich sin erbe si, 
und wil, daz ich im wone bi, 

swä er si und swar er var: 5795 

nu hän ich mich bewegen dar 
und stat mir al min muot dar zuo, 
daz ich sinen willen tuo 
(147) und wider zuo im kere. 

min urbor und min ere, 5800 

die ich in diseme lande han, 

die wil ich lihen unde län 

minem vater Rüäle, 

op mir ze Kurnewäle 

iht anders danne wol erge, 5805 

sweder ich sterbe od da beste, 

daz ez sin erbelehen si. 

so Stent ouch sine süne hie bi 

und mit im ander siniu kint; 

die aber sin erben vürbaz sint, 5810 

die haben alle reht dar an. 

mine man und mine dienestman, 

diu leben über allez lant 

diu wil ich haben ze miner hant 

al miniu jär und mine tage.» 5815 

Hie wart groz jämer unde klage 
under aller dirre ritterschaft ; 
si wurden alle unherzehaft, 
ir muot, ir tröst was aller hin: 
«ä herre», sprächen s' under in 5820 



i 



5791 durch den willen min dagegen: um meinetwillen, mir zu Liebe. — 
5796 bewegen stv. refl., sich entschließen, dar, dazu. — 5800 ere hat hier 
sicher die specielle Bedeutung: Herrschaft, Besitz. — 5805 mir ergät (auch 
ohne ez), mir schlägt es aus, es glückt. — 5806 sweder prou. correl., wel- 
cher von beiden; hier neutral und conjunct. = ob. — besten^ hier: am Leben 
bleiben. 



IX. HEIMFAHRT UND RACHE. 201 

«nu waere uns michel baz geschehen, 
und hsete wir iuch nie gesehen; 
sone wsere ouch dises leides niht, 
des uns nü von iu geschiht. 

herr', unser trost und unser wan 5825 

der was also hin z'iu getan, 
uns waere ein leben an iu gegeben; 
nein l^der unser aller leben, 
daz wir zc fröuden sollen haben, 
daz ist erstorben unde begraben, 5830 

swenn' ir von hinnen keret; 
herr', ir habt uns gemeret 
und niht geminret unser leit. 
unser aller sajlekeit 

diu was ein lützel üf gestigen 5835 

und ist nu wider uider gesigen. » 
ich weiz ez wärez alse den tot, 
swie Stare ir aller klagenot 
(148) und swie groz ir swaere 

von disem maere wsere: 5840 

Rüal, dem ez ze guote ergienc, 

der groze frume da von enpfienc 

und michel ere an guote, 

daz ez im in dem muote 

unsanfter danne in allen tete. 5845 

er enpfi'eng ein leben an der stete, 

weiz got, daz er deheinez nie 

mit solhem jamer enpfie. 

Nu Rüal unde siniu kint 
belehent unde geerbet sint 5850 

von ir herren Triständes haut, 
Tristan ergab liut' unde laut 
gote unde fuor von lande, 
ouch kerte mit Tristande 

Kurvenal sin meister dan. 5855 

Rüal und ander sine man, 
daz lantliut al gemeine, 
obe ir klage iht kleine 



hH2 fnone hier ausnahmsweise stf., Nutzen. 

5850 erben swv., zu Erben einsetzen. — 5857 lantliut stn., das Volk 
des Landes, die Einwohner. — 



202 IX. HEIMFAHRT UND BACHE. 

linde ir herzeswaere 

nach ir trütherren waere? 5860 

entriuwen, daz verweiz ich wol. 

Parmeiiie daz was vol 

klage imde klagemsere: 

ir klage was sagebsere. 

diu marschalkiü Florsete, 5865 

diu triuwe und ere hsete, * 

diu leite marter an ir lip, 

also mit allem reiite ein wip, 

der got ein gehertez leben 

an wibes eren hat gegeben. 5870 



.5860 trntherre swni. Zusammensetzung (sonst stünde trütem herren; vgl.: 
Jungherr, Junker, Freiherr), lieber Herr. — 5861 verwizzen anora. v., 
wissen. — 5864 sagebaere adj., hier: begründet. — 5869 gehert part. adj. 
von h^ren swv., verherrlichen, erheben, beglücken. 



X. 

M R L D. 

Gleich bei Ankunft in Kurnewal vernimmt Tristan, daß der starke 
Morold, ein Herzog in Irland, im Namen seines Schwagers, des dortigen 
Königs Gurmun Gemuotheit den Zins von Kurnewal und Engeland fordere. 
Dieser Gurmun, Sohn des Königs in Afrika, hatte mit Bewilligung und 
im Auftrage der Römer von Irland Besitz genommen und auch Kurnewal 
und Engeland zur Zeit, als Marke noch in jugendlichem Alter stand, zins- 
pflichtig gemacht. Der Zins war drei Jahre, jedes Jahr hi erhöhtem 
Werthe, geleistet worden. Im vierten kam Morold und forderte von jedem 
Lande dreißig edele Knaben. Niemand wagte den bei Verweigerung dieses 
Zinses bedungenen Einzelkami^f mit Morold zu bestehen , und zu einem 
Kriege waren die beiden Lande zu schwach. Tristan kehrt gerade zu- 
rück, als dieser harte Zins aufs neue erhoben werden soll; er erscheint 
am Hofe, als die Edeln zur Auslobung ihrer Kinder schreiten. Er schilt 
sie wegen ihrer Feigheit und erbietet sich, als alle muthlos bleiben, selbst 
zum Kampfe, wovon ihn Malke vergeblich abzubringen sucht. Morold 
macht seine Rechte geltend und beschwert sich über Treulosigkeit. Tristan 
besteht auf der Bedingung des Kampfes. Zu allgemeinem Streite ist Mo- 
rold nicht gerüstet, so willigt er endlich ein in den Einzelkampf. 



Auf den dritten Tag wird der Kampf festgesetzt. Zum Kampfplatze 
ist eine kleine Insel im Meere ausersehen. Morold rudert mit seinem 
Rosse zuerst hinüber und bindet sein Schifflein am Gestade fest. Tristan 
tröstet bei der Abfahrt den Oheim; er lässt bei Ankunft auf dem "Werder 
sein .Schifflein schwimmen: für den Sieger sei eines genug. Vergeblich 
mahnt Morold den jungen Gegner zur Versöhnung. Tristan wird in den 
Schenkel durch Morold's vergiftetes Schwert verwundet. Die "Wunde, so 
gestellt ihm Morold, könne nur durch seine Schwester Isolt, die Königin 
von Irland, geheilt werden. Auch jetzt noch verweigert Tristan den Frie- 
den, und bleibt im neuontbrannten Streite Sieger. Ein Stück seines 
Schwertes bleibt in Morold's Haupte stecken. Tristan rudert in Morold's 
Schifflein zurück, jubelnd empfangen, und verbirgt vor den Fremden mit 
dem Schilde Blut und Wunde. Diese kehren mit Morold's Leiche zu 
König Gurmun zurück. Größeres Leid als dieser trägt Morold's Schwe- 



204 ^. X. MOROLD. 

ster Isolt und deren Tochter, die junge Isolt. Sie finden in der Kopf- 
wunde jenen Schwertsplitter und verwahren ihn trauernd in einen Schrein. 
Gurmun gebietet: wer von Kurnewal Irland betrete, habe eein Leben 
verwirkt. 



Waz lenge ich du me hier an? 
der landelose Tristan, 
dö der ze Kurnewäle kam, 
ein msere er al zehant vernam, 
daz ime yil swsere was vernomen, 5875 

daz von Irlande wsere komen 
Morolt der sere starke 
und vorderte von Marke 
(149) mit kämpflichen handen 

den zins von beiden landen, 6880 

von Kurnewal und von Engelaut. 

umbe den zins was ez so gewant: 

der dö ze Irlande künic was, 

als ich an der istorje las, 

und als daz rehte msere seit, 5885 

der hiez Gurmun Gemüotheit 

und was geborn von Affricä, 

und was sin vater künic da. 

do der verschiet, dö viel daz laut 

an in und sines bruoder haut, 5890 

der als wol erbe was als er. 

Gurmun was aber so richer ger 

und alse höhe gemuot, 

daz er dehein gemeine guot 

mit niemanne wolte hän. 5895 

sin herze enwolte in niht erlän, 

ern müese selbe ein herre wesen. 

er begünde üz welen unde üz lesen 

die starken, die muotvesten 

und ZUG der not die besten, 5900 

die ieman erkande, 



5871 lengen swv., verlängern, in die Länge ziehen; vgl. 6569. 9248. — 
5879 Icampflich adj., zum Kampf geeignet; kampfbereit. — 5892 unter dem 
mächtigen Verlangen haben wir weniger die Gewinnsucht als die Herrsch- 
sucht zu verstehen. — 5893 hohe hier volle Form des Adv. bei gemuot = 
hochgernuot, hochgesinnt im Sinne von: stolz. — 5896 niht erlän im Sinne 
von: nicht locker lassen, dann: antreiben hat in der Eegel einen negativ 
gewendeten Nebensatz im Conjunctiv nach sich. — 



X. MOBOLD. 205 

ritter und särjande, 

die er mit sinem guote 

oder mit höfschlichem muote 

zuo z'ime gewinnen künde. 5905 

und liez ouch an der stunde 

sinem bruoder al sin laut. 

Sus kerte er (Jännen zehaut 
und nam von den mseren, 

den gewältegen Romseren 5910 

urloup uude boteschaft, 
swaz er betwünge mit kraft, 
daz er daz z'eigen hsete 
und ouch in da von taete 

etslich relit und ere; 5915 

und enbeite ouch do niht mere: 
er fuor mit einem starken her 
über laut und über mer, 
(150) biz daz er ze Irlande kam 

und an dem lande sige genam 5920 

und si mit strite des betwanc, 

daz si in ze herren äne ir danc 

und ze künege nämen 

und Sit her dar an kämen, 

daz si im ze allen ziten 5925 

mit stürmen und mit striten 

diu bilant hülfen twingen. 

in disen selben dingen 

betwang er ouch ze siner haut 

Kurnewal und Engelaut. 5930 

do was aber Marke ein kint, 

als kint ze wer imveste sint, 

und kom also von siner kraft 

und wart Gurmüne zinshäft. 

Ouch half Gurmünen sere 5935 

und gab im kraft und ere, 



.■|902 särjande (Hs. M sccrjande) pl. von aärjaiit , sonst gewöhnlich sarjant 
8tin., Fremdwort, Dienstmann (serciens). Knappe; das Wort bezeichnet in 
der Kegel den Kämpfer zu Fuß; hier, ritter entgegengesetzt, formelhaft. 

•i'.Ul urloup ne7/<ert = nhd., aber hier: Erlaubniss erwirken. — boteschaft 
stf., Vollmacht. — 5914 jn = den Römern. — tuon, hier stärker als das 
nhd. Wort: verschaffen. — 591f) beite = beitete praet. von bciten swv., war- 
ten; vgl. zu 1GG4. — .■)9:j4 zinshaft adj., zinspfliclitig. 



206 X. MOROLD. 

(laz er Möroltles swester nam; 
von dem so wart er vörhtsäm. 
der was ein herzöge da 

und h?ete oucb vil gerne etswä 5940 

selbe ein lant besezzen. 
wan er was wol vermezzen 
und hsete lant und michel guot, 
lip unde mänli'chen muot. 

der was sin vorvehtsere. 5945 

waz aber des^ zinses wsere , 
den man ze Irländen sande 
von ietwederem lande? 
des bescbeide ich iuch reht' und vür war: 
si sanden in daz erste jär 5950 

driu hundert marc messinges 
und anders keines dinges; 
daz ander Silber, daz dritte golt. 
des vierden so kom Morölt 

der starke von Irländen dar 5955 

ze wige und euch ze kämpfe gar. 
vür den so würden besant 
ze Kurnewäle und z' Eugelant 
(151) barüne und ir genoze: 

die giengen ouch ze löze 5960 

ze siner gegenwürte, 

welher ime antwürte 

sin kint, daz dienestbsere 

und an dem libe wsere 

so schcene und so genseme, 5965 

als ez dem hove gezseme, 

niht mägede, niuwan knäbelin 

und solten ouch der drizec sin 

von ietwederem lande; 

und ensölte dirre schände 5970 

niemen anders widerstän, 



5938 vorhtsam adj., furchtbar, gefürchtet [furchtsam, timidus jünger]. 
— 5942 vermezzen part. adj., kühn. — 5945 vorcehtaere stm.', Vorkämpfer; 
so wurden die Schwaben genannt, weil sie ein Anrecht hatten, im Reichs- 
heere zuerst zu stehen ; vgl. zu Ebernand 658. — 5956 wie, wig stm., Streit, 
Kampf. — fj(^>' adj., bereit, gerüstet. — 5960 ze loze., zur Ausloßung, Ver- 
loßung, um zu loßen. — 5962 antwürten swv., wohl verschieden von ant- 
würten respondere (vgl. mhd. Wörterbuch III, 599): überantworten, über- 
geben; vgl. 13264. — 5963 dienestöcere adj., (dienstbar; vgl. brauchbar), 
diensttüchtig. — 



I 



X. MOROLD. 207 

ez enmüese mit eiuwige ergän 
oder aber mit lantvelite. 

Nune möhten s' aber ze rehte 
mit oifenlicher wer niht komeu, 5975 

wan diu lant haeten abe genomen. 
so was oucli Mörolt alse starc, 
als unerbärmic unde als arc, 
daz wider in lützel dehein man, 
sach er in imder ougen an, 5980 

getorste wägen den lip 
iht mere danne ein wip. 
und alse der zins üf sine vart 
hin wider Irlant geschicket wart 
und daz fünfte jär in gie, 5985 

so muosen aber diu zwei lant ie 
iemör ze sunnewenden 
die boten ze Röme senden, 
die Röme wol gezaimen, 

und daz die da vernaemen, 5990 

welch gebot und weihen rät 
der gewaltege senät 
eubute unde sande 
einem iegelichem lande, 

daz undertän ze Röme was; 5995 

wan man in alle jär da las 
und tete in kunt mit mceren, 
wie si nach Römaeren 
(152) lois unde lantrecht solten wegen, 

wie s' ir gerihtes solten pflegen 6000 

und müesen ouch reht' also leben, 

als in da lere wart gegeben. 

daz zinsreht unde disen prisant 

den liezen disiu zwei lant 

in dem fünften järe ie schouwen 6005 

die werden Röme, ir frouwen. 

doch buten si'r dise ere 

niht ällich also serc, 



.'>972 einwic stm., Einzelkampf. — 5973 lantvchle stf., Land-, Volksgefecht, 
Kampf zweier Heere. 

5978 unerbärmic adj., unbarmherzig. — arc adj., hier: gefühllos. — 
5999 loii Fremdwort, Gesetz, franz. loi, lat. lex. — 6008 ällicfi, ällic/ie adv. 
(zu al), durcliaus, ganz und gar, immer: vgl. 12645 und zu 770. 



208 X. MOROLD. 

weder durch relit noch durch got 

so durch Gurmunes gebot. 6010 

Nu suhl wir wider zem msere komeu! 
Tristan der hsete wol vernomen 
diz leit ze Kurnewäle; 
ouch was im vor dem male 

wol kunt, mit welher Sicherheit 6015 

der selbe zins was üf geleit. 
iedoch so horte er alle tage 
von der läntliute sage 
des landes laster und sm leit, 
swelhen enden er gereit 6020 

vür stete oder vür kastei; 
und als er ab ze Tintäjoel 
zuo dem hovegesinde kam, 
seht, da gehorte er iinde vernam 
in gazzen unde in sträzen 6025 

von klage al solch geläzen, 
daz ez in muote starke, 
vil schiere komen Marke 
und hin ze hove maere, 

daz Tristan komen wsere: 6030 

des wären s' alle samet fro. 
fro meine ich aber, als ez in d6 
nach ir leide was gewant; 
wan die allerbesten, die man vant 
in allem Kurnewäle, 6035 

die wären ze dem male 
alle dar ze hove komen 
ze laster, alse ir habet vernomen. 
(153) die edelen lantgenoze 

die giengen da ze loze 6040 

ir kinden z' einem valle. 

sus vant si Tristan alle 

kniewende unde an ir gebete, 

daz iegelicher sunder tetc 

iinschamelich unde imtougen, 6045 



6020 swelhen enden adv. dat., nach welchen Orten, Seiten hin , wohin 
auch. — 6026 geläzen subst. iuf. sin., Gebahren; vgl. geläz 964. — 
6027 muote prset. von müejen swv. , mühen, kümmern, schmerzen. — 
6039 lantgenoz stm., Landbewohner [uhd. abgekommen ; vgl. Hausgenosse]. 
— 6045 nnschamelich adv., ohne Scham. — untougen adv., unheimlich, 
offen. — 



4 



X. MOROLD. 20D 

mit riezeuden ougen, 

mit inueclichem smerzeu 

des libes unde des herzen, 

<laz ime got der guote 

beschirmete unde beliuote 6050 

sin edelkeit und oucli sin kint. 

Nu si alle an ir gebete sint, 
Tristan kom zuo gegangen, 
■wie wart er aber enpfangen? 

<laz ist iu li'hte geseit: 6055 

Tristan wart von der wärheit 
under allem dem gesinde 
von deheinem muoterkinde 
noch ouch von Markes gruoze 

enpfangen niht so suoze, 6060 

als er doch wsere getan, 
und haste si diz leit verlän. 
des nam ab Tristan kleine war, 
wan gienc et bältli'chen dar, 

da man in daz 16z da maz, 6065 

da Morolt unde Marke saz. 
«ir herren», sprach er «alle samet, 
alle mit einem namen genamet, 
die hie ze loze loufent, 

ir edele kint verkoufent, 60T0 

schämet ir iuch der schänden niht, 
diu diseme lande an iu geschiht? 
so manhaft, alse ir alle zit 
all' unde an allen dingen sit, 

so soltet ir billiche 6075 

beid' iuch und iuwer riche 
ahtba?ren unde ereu 
und au den eren meren! 
(154) nu habet ir iuwer fri'heit 

iuwern vi'nden geleit 6080 

ze füezen und ze banden 
mit zinsli'chen schänden; 



6046 riezcn stv., fließen, thräuen; vgl. 11501. — G051 edelkeit stf., (Adel), 
hier: Geschlecht. 

605G ron der wdrheit, in Wirklichkeit. — G065 daz loz mezzen, einer 
der Termini beim Loßen (häufiger l6z verfen, seltener loz idn, legen, setzen), 
das Loß zumessen, ertheilen. — G077 ahtbcercn swv. , ahtbcere., achtbar, 
achtungswerth machen; nur hier bei Gottfried. — 

GOTTFRIED VOX 3TKASSBUEG. I. 2. Aufl. U 



210 X. MOROLD. 

und iuwer edelen kindeliii, 
diu iuwer wunne solten sin, 

iuwer lust und iuwer leben, 6085 

diu gebet ir unde habt gegeben 
ze Schalken und ze eigen 
und enkünnet niht gezeigen, 
wer iuch betwinge dar zuo 

oder welher hande not ez tuo, 6090 

niwan ein einwic unde ein man. 
dehein ander not enist hier an; 
und enkünnet und er iu allen 
an einen niht gevallen, 

der wider einen man sin leben 6095 

an die wäge welle geben, 
weder er belibe oder gesige. 
nu si, daz er da tot beiige, 
deiswär so ist doch der kurze tot 
und disiu lange lebende not 6100 

ze hiraele und üf der erde 
in ungelichem werde, 
ist aber, daz er da gesiget, 
und daz daz ünreht geliget, 

so hat er iemer mere 6105 

dort gotes Ion, hie ere. 
ja sulen vätere vür ir kint, 
wan si mit in ein leben sint, 
ir leben geben: daz ist mit gote. 
ez ist gar wider gotes geböte 6110 

der siner kinder fnheit 
der eigenschefte vür leit, 
daz er si ze schalken gebe 
und er mit fri'heite lebe. 

sol ich iu rät umb' iuwer leben 6115 

nach gote und nach den eren geben, 
so rate ich zware dar an, 
daz ir iu kieset einen man, 
(155) swä so man den vinde 



6087 achalken dat. pl. ( = Schälken) von schale stm., Kueclit. — eiyen adj. 
subst. stm., der Leibeigene , Hörige. — i!)Oi^ gezeigen swv., verst. zeigen, 
erzeigen, beweisen. — 6094 gevallen stv., verst. vallen, an einen, verfallen 
auf einen , einen finden. — 609G an die (eine) wäge geben = wagen , aufs 
Spiel setzen; vgl. 13252. — 6098 beiigen stv., liegen bleiben, bleii)en; vgl. 
6807. — 6104 geLigen stv., verst. ligen^ erliegen, unterliegen. — 6112 eigen- 
schefte dat. von eigenschaft stf., Leibeigenschaft. — vür legen mit dat. und acc, 
hier : vorlegen, übergeben. — 6118 kiesen stv., hier=nhd. erkiesen, wählen, — 



X. MOROLD. 211 

linder disem lantgesinde, 6120 

der ZG kämpfe si getan 

und au gelücke welle lau, 

weder er genese oder entuo; 

und bitet alle den dar zuo 

dur gotes willen allermeist, 6125 

daz ime der heilige geist 

gelücke gebe und cre, 

und enfürhte niht ze sere 

Moroldes groeze und sine kraft; 

si et an gote gemüothaft, 6130 

der nie d eheinen man verlie, 

der mit dem rehten umbe gie. 

wol balde get ze rate: 

beratet iucli wol dräte, 

wie ir iuch dirre schände erwert 6135 

und iuch vor einem manne crnert! 

geuneVet niemer mere 

iur gebürt und iuwer ere!» 

«A herre» sprächen s' alle dö 
«ja ist disem manne niht also: 6140 

ime kau niemen vor genesen.« 
Tristan sprach: «lät die rede wesen! 
durch got, versinnet iuch doch noch; 
nu Sit ir an gebürte doch 

allen künogen ebengröz, 6145 

aller keisere genöz, 
und wellet iuwer edelen kint, 
diu in geliche edele sint 
verseilen unde versachen 

und z'eigenschalken machen. 6150 

und ist, daz ir deheinen man 
niht muget geherzen hier au, 



<J130 gemüothaft ailj., getrost; vortrauend auf; ebenso an 7230, ohne prspp. 
13101; scheint eine Gottfriedische Bildung. — lil34: dräte adv. , schnell, 
sofort. — G137 (jeuncren (auch gnna-en, wenn es der Vers verlangt) swv. 
=^ uneren (14088), beschimpfen. 

6140 sin (icPien) unpers. mit dat., eine Bewandtniss mit etwas oder mit 
einer Person haben; mit einem, um einen stehen; vgl. 10109. 1249.'). — 
til41 einem vor (adv.) r)('nn.ten = uhd. vor (prjep.) einem genesen, sicher 
■'Cin. — 6149 verseilen swv., lüngebcn, opfei-n. — versuchen swv., verleugnen ; 
!<eltene3 Wort im Oberdeutschen, liäufiger in Mittel- und Niederdeutsch- 
land. — 61.i0 f/^c^ac//«!''; stm., leibeigener Knecht. — (,\'^2 yehcrzen %\v\-., be- 
herzt machen, ermuthigen; vgl. zu 118; herzen Heinrich's Tristan 1('24. — 
/*/';;• an = hierzu. — 

14* 



212 X. MOROLD. 

(laz er durch iuwer aller leit 
und durch des landes armekeit 
getürre nach dem rehten 6155 

in gotes namen vehten 
gegen dem einen manne, 
geruochet ir ez danne 
(156) an got geläzen unde au mich, 

deiswär, ir herren, so wil ich 6160 

mine jugent und min leben 

durch got an äventiure geben 

und M'il den kämpf durch iuch bestän: 

got läze in iu ze guote ergän 

und bringe iuch wider ze rehte! 6165 

ouch swie mir an der vehte 

iht anders danne wol geschiht, 

daz enschädet iu z'iuwerm rehte niht. 

gelige ich an dem kämpfe tot, 

da mite ist iuwer keines not 6170 

weder äbc noch ane gekeret, 

geminneret noch gemeret: 

so stät ez aber rehte als e. 

si, daz ez aber ze heile erge, 

daz ist benamen von gotes geböte: 6175 

des endänket niemen niuwan gote. 

wan den ich eine sol bestän, 

als ich vil wol vernomen hän, 

der ist von muote und ouch von kraft 

ze ernestlicher ritterschaft 6180 

ein lange her bewseret man: 

so gän ich allererest an 

an muote und an der krefte 

und bin ze ritterschefte 

niht also kürbsere, 6185 

als uns nu not wsere; 

wan daz ich aber zer vehte 

an gote und ouch an rehte 

zwo sigebaere helfe hän, 



6154 armekeit stf., Elend. — 6157 gegen prsep. mit dat. = nhd. mit acc, 
nach den Hss. im Ganzen bei Gottfried selten, gewöhnlich steht wider. — 
6159 geläzen stv. an einen, einem überlassen, anheimgeben. — 6162 an 
äventiure geben, ähnlich wie an die wäge geben in V. 6096, dem Zufall, dem 
guten Glück anheimgeben, aufs Spiel setzen. — 6185 kürbaere adj., (wähl- 
bar), erwählenswerth, vorzüglich. — 6189 sigebaere adj., siegreich. 



X. MOROLD. 213 

die suln mit mir ze kämpfe gän! 6190 

dar zuo hän ich willigen muot, 

der selbe ist ouch ze kämpfe guot; 

und helfent mir die selben dri, 

swie unversuocht ich anders si, 

so hän ich guoteu trost dar an, 6195 

ich genese wol vor einem man.« 

((Herr^)), sprach al diu ritterschaft 
«diu heilige gotes kraft, 
(157) diu al die werlt geschaffen hat, 

diu vergelte iu trost unde rät 6200 

ünde den sseleclichen wän, 

den ir uns allen habet getan. 

herre, lät iu daz ende sagen: 

unser rat mac lützel vür getragen. 

solt' unser saelde hau gemocht, 6205 

so vil so wir sin hän versuocht, 

als ofte es ie begunnen wart, 

ez waere niht biz her gespart. 

M'ir haben niht z'einem male 

wir hie ze Kurnewäle 6210 

umb' unser angest rät genomen; 

wir sin an manage spräche komen 

und enkünden doch deheinen nie 

under uns vinden, eru wolt' ie 

sin kint vür eigen gerner geben, 6215 

dan er verlür sin selbes leben 

wider disen välandes man.» 

«wie redet ir sus!» sprach Tristan 

«ja ist der dinge vil geschehen; 

man hat des wunder gesehen, 6220 

daz ünrehtiu hochvärt 

mit kleiner kraft genidert wart: 

daz möhte ouch vil wol noch ergän, 

der ez getörste bestän. » 

Nu Morolt der hört' allez an 6225 

und verdCihte in sere, daz Tristan 



6201 einem wän <«on = einem Hoffnung machen. — 6204 getragen=^ 
iiag-^n. vür <je(r., vorwärts bringen, fördern; hier intrans., helfen, nützen; 
vgl. 9\ix und zu 72C)7. — <'.2l2 apräche stf., Unterredung, Verhandlung. — 
6217 tälant stni., Teufel, välandes man braucht Gottfried öfters, z. B. in V. 
6910. 160t'>9^ ferner df.t välandpx larn 159(j5. 

6226 mich verdanket, mich dünkt übel. — 



214 X. MOROLD, 

SO vaste nach dem kämpfe sprach, 
do er'n so kindeschen sach, 
und truog im in dem herzen haz. 
Tristan sprach aber dö vürbaz: 6230 

«ir herren alle, redet hie zuo, 
waz ist iu noch liep, daz ich tuo?» 
«herre», sprächen s' alle do 
«künde ez iemer werden so, 

der wä,n, den ir uns habet getan, 6235 

daz der möhte vür sich gän, 
daz wsere unser aller ger.» 
«ist iu daz liep?» sprach aber er 
(158) «Sit daz ez danne an dise frist 

und her ze mir behalten ist, 6240 

Avil es dan got geruochen, 

so wil ich versuochen, 

ob iu got habe üf geleit 

an mir deheine sselekeit 

und obe ich selbe iht sselden habe.» 6245 

Hie begünde in Marke leiten abe 
mit allen sinen sinnen, 
er wände im abe gewinnen, 
ob er'z in läzen hieze, 

daz er ez durch in lieze. 6250 

nein er, weizgot, er entete; 
weder mit geböte noch mit bete 
kund' er im so vil niht mite gegän, 



6227 sprechen nach etew., (sprechend) nach etwas verlangen, etwas fordern. 
— 6228 kindesch adj., nicht in unserm Sinne: kindisch im Gegensatze zu: 
kindlich, sondern: kindlich, jung, knabenhaft. — 6240 die Erklärung im 
mhd. Wörterbuche I, 620'', 3-i von ze mir behalten ist a nicht _früher ge- 
schehen ist», scheint mir nicht bestimmt genug; vielmehr entspricht die 
Wendung wohl unserer: mir vorbehalten ist. ze mir gehört niclit zu her, 
bis auf mich, sondern an dise frist und her (bisher) ist eine tautologische 
Wendung ganz im Stile Gottfried's. — 6243 uf legen, hier: aufwenden, 
bestimmen. 

6246 abe leiten-= unterm.: abbringen (von einem Entschlüsse). — 
6248 abe yeivinnen mit dat., von einem erlangen. — 62.52. 6253 die Erklä- 
rung im mhd. Wörterbuche I, 467'', 20 von i)u so vil mite gegän «so viel 
über ihn gewinnen, vermögen > bezieht das Subject des Satzes auf Marke, 
wohl veranlasst durch weder mit geböte noch mit bete (ebenso die Über- 
setzer); passender ist er in V. 6253 auf Tristan zu beziehen und mite gegän 
(verst. gän, im Ganzen selten) mit dat. bedeutet wie in V. 3617: einem 
folgen, sich willfährig zeigen. Jene Formel kann eben in ihrer Natur als 
Formel auch passiv gefasst werden: Tristan konnte ihm, dem König Marke, 
trotz allen Bittens nicht soweit sich willfährig erweisen, daß er um seinet- 
willen von seinem Entschlüsse abstand, sondern gieng hin u. s. w. — 



X. MOROLD. 215 

daz er cz durch in wolde län; 

•wan gieng et hin, da Morolt saz 6255' 

und redete aber do vürbaz: 
«herre», sprach er a saget mir, 
so helfe iu got, w^az werbet ir?» 
«friunt», sprach Morolt sä zestunt 
'(wes fraget ir? iu ist wol kunt, 6260 

waz ich hie wirbe und wes ich ger. » 
«ir herren alle, beeret her: 
der künec min herre und sine man!» 
sprach aber der wise Tristan; 

«min her Morolt, ir habet war, 6265 

ich weiz ez uude erkenne ez gar: 
al si ez lasterbsere, 
ez ist iedoch ein niaere, 
daz niemen undertreten mac : 

man hat den zins nu mauegen tac 6270 

von hinnen und von Engelant 
ze Irländeu äne reht gesant. 
dar zuo brach ez sich lange 
mit michelme getwange , 

mit raänegem gewalte, 6275 

wan man den landen valte 
beidiu bürge unde stete 
und in ouch au den liuten tete 
(150) so grozen und so manegeu schaden, 

biz daz si wurden überladen 6280 

mit gewältc und mit unrehte, 

unz daz die guoten knehte, 

die dannoch waren genesen, 

die muoscn undertsenic wesen 

alles, des man in gebot, 6285 

durch daz si vörhten den tot, 



•i26u ives adv. geu., weshalb. — 02G4 icis, ivise adj., nicht ethisch zu fasseu 
wie das heutige Wort, sondern ^= klug , verständig. — 6267 al, hier Con- 
junction vertretend mit folg. Conjuuctiv = ai e/«e, allein, wenn, obschon ; 
vgl. 10535. — laster'jcere adj., sclimachvoll. — 6269 undertreten stv., unter- 
drücken, ungeschehen machen. — 6273 sich brechen, eine seltene Wen- 
dung, am häufigsten noch im Mitteid. , steht hier wohl ähnlich wie in V. 
11314, nur unpers. Die Grundbedeutung oder das zu Grunde liegende 
Bild vor der Hand unbekannt; gesagt soll werden: dazu entschied 63 
sich, daliin gelangte man. — 627-1 getwanc stm., hier: Zwangsmaßregel, 
Gewaltstrcicli. — 6284 undertccnic adj.=^nhd. unterthänig, unterworfen i 
der Genetiv (alles) steht nicht wie sojist der Dativ dircct abhängig, son- 
dern selbständig: in allem. — 



216 X. MOROLD. 

und eumöhteu, alse in was getan, 

die zit niht anders ane gegän. 

als ist daz niichel ünrelit, 

als ir noch hiutes tages seht, 6290 

an in begangen iemer sit, 

und wsere zwäre lange zit, 

daz si der grözen swächeit 

mit wige hseten widerseit, 

wan si sint sere vür körnen: 6295 

diu laut diu habent zuo genomen 

an künden unde an gesten, 

an steten unde an vesten, 

an guote unde an eren. 

man sol ez widerkeren, 6300 

daz unze her verkeret ist, 

wan unser aller genist 

muoz sus hin an gewalte wesen; 

süln wir iemer genesen, 

daz müezen wir beherten 6305 

mit wige und mit herverten. 

unser dinc stät an den Muten wol, 

diu laut sint beidiu Hute vol. 

man sol ez uns her wider geben, 

daz man uns allez unser leben 6310 

mit gewalte hat genomen. 

wir suln dar selbe zuo z'in komen, 

swenn' uns got schiereste lät; 

swaz man des unseren da hat, 

ez si lützel oder vil, 6315 

der mines willen volgen wil 

und mines rätes dar an pflegen, 

man muoz ez uns her wider wegen, 



6288 zit, hier: Lage, Zustand: die z. adv. acc, in der Lage, — 6292 lange 
wohl adv., (schon) lauge, längst. — 6293 swächeit stf., Schmach. — 
6294 widersagen mit dat., absagen, sich entschlagen ; vgl. zu 6606. — 6295 vür 
komen, hier: vorwärts komen; vgl. vürbaz k. 1820. — 6300 widerkeren 
swv., (zurückwenden), zurückerstatten, ersetzen, — 6301 verkeren swv., 
verwandeln, verändern, verderben. — 6302 genist stf., Bettung, Sicherheit. 

— 6305 beherten swv., erhärten , erzwingen. — 6306 Jierverten dat. pl. von 
hervart stf., Heerfahrt, Feldzug; vielleicht auch herverten swv. subst. inf, 
stn., etwa: Kriegmachen; letzteres würde besser zum Singular lut^e passen. 

— 6313 schiereste superl. zu schiere adv, (1123), auf das schnellste = nhd. 
sobald als möglich. — 6316 volgen swv. im Mhd. mit gen. der Sache. — 
6318 her leider wegen stv., (zurückwägen), vergelten. — 



X. MOROLD. 217 

(IGO) unz an den jüugesten rinc. 

ie noch mölit' unser messinc 6320 

ze rotem golde werden. 

ez ist vil üf der erden 

fremeder dinge geschehen, 

der man sich niemer hat versahen, 

und dirre herren edeliu kint, 6325 

diu da ze Schalken worden sint, 

die möhten noch wol werden fri, 

swie ungedäht es in doch si : 

got si, der mich des noch gewer! 

wan ich's in sinem namen ger, 6330 

daz ich noch mit min selbes hant 

den hervanen in Irlant 

mit disen lantgenözen 

also müez' üf gestozen, 

daz daz lant und diu erde 6335 

von mir genidert werde.» 



Morolt sprach aber: «her Tristan, 
noemet ir iuch minner an 
dirre dinge und dirre msere, 

ich wsene, ez iu guot wsere; 6340 

wan swaz hier under rede geschiht, 
wirn läzen doch dar umbe nilit, 
des wir ze rehte sülen han.» 
hie mite gienc er vür Marken stän: 
«kiinec Märke», sprach er «sprechet hie, 6345 

lät beeren, ir und alle die, 
die hie ze gegenwürte sint 
mit mir ze redene umbe ir kint, 
bescheidet mich der msere baz: 
ist iuwer aller wille daz 6350 

und lit ouch iuwer muot dar an, 
als iuwer voget, her Tristan, 
mit Worten hie bescheiden hat?» 
«ja, herre, eist unser aller rat, 
unser wille und unser muot, 6355 

swaz er gesprichet oder getuot.» 



t;;tl9 sprichwörtliche Wendung; ist hier rm: = FInperring , oder Ring im 
Panzerhemd? (vgl. 9öOS) jedenfalls: kleinster Theil; vgl. eines rinrjes 7Üht 
Gute Frau 1019; die Wendung etwa = bis auf den letzten Pfennig. 

Ö347 zc gegenwürte, in Gegenwart, zugegen, gegenwärtig. — G3Jö ge- 
spredien, verst. sjjrechen. 



i 



218 X. MOROLD. 

Morolt sprach aber: «so brechet ir 
miiiem herren uiidc mir 
(161) iuwer triuwe und iuwern cit 

und alle die Sicherheit, 6360 

diu under uns allen ie geschach.» 

der höveschp Tristan aber dö sprach: 

«nein, herre, ir misseredet hier an: 

ez lütet übele, SM-er dem man 

an sine triuwe sprichet. 6365 

ir aller keiner brichet 

weder triuwe noch eit. 

ein gelübede unde ein Sicherheit 

wart wilen under iu getan, 

die sol man ouch noch stsete län, 6370 

daz si alle jär ze Irlanden 

mit guotem willen sanden 

von Kurnewal und von Engelaut 

den zins, der in da wart benant, 

oder aber si sazten sich ze wer 6375 

mit einwig' oder mit länther. 

sint si der dinge noch bereit 

und loesent ir triuw' unde ir eit 

mit zinse oder mit vehte, 

so tuont s'iu allez rehte. 6380 

herre, hie zuo denket ir: 

beratet iuch und saget mir, 

sweder iu lieber si getan: 

an swederz ir iuch wellet län, 

an kämpf öder an läntstri't, 6385 

des Sit ir nü und alle zit 

an uns gewis und ouch gewert. 

ez müezen doch sper unde swert 



6363 missereclen swv., übel reden. — 6365 sprechen mit dat. und prsep. 
an c. acc, cisich nachtheilig über einen äußern iu Bezug auf. . .» Benecko; 
einem etwas antasten. — 6368 gelübede nicht stn. = nhd., sondern stf., 
sonst würde iu den Hss. wohl in V. 6370 diu stehen (dagegen in V. 10502. 
15032 stu.), doch vgl. V. 2541: die (kleider): nie. — 6369 ivilen adv. (dat. pl. 
von wUe], zur Zeit, unser: weiland (dieses a,\x?, wilent mit unorganischem <), 
einst; vgl. zu 833. — 6370 stcete (adj.) lun , beständig lassen, bestehen 
lassen, aufrecht erhalten. — (io76 lanther stn., Heer des Landes, gesammte 
Streitmacht. — 6381 denken Itie zuo, darauf denken, etwas überlegen. — 
6384 sich läzcn an etew. , sich einer Sache hiugebeu, sich für etwas ent- 
scheiden. — 6385 kämpf stm. , hier insbesondere: Einzelkampf = e/ntüic 
5972. — lanfsfnf stm. = lanfve/äe 5973. — 



X. MOROLD. 219 

under uns und in bescheiden: 

nu kieset under den beiden 6390 

ir einez uude saget uns daz: 

der zins enlichet nii niht baz.» 

Morolt sprach aber: «her Tristan, 
hie bin ich schiere komen an; 
ich weiz wol, wederz ich da wil. G395 

min ist hie nü niht alse vil, 
daz ich ze läntstri'te 
iht gewärli'che rite. 
(162) ich fuor von k\nde über mer 

mit einem heinlichen her 6400 

und kom vil frideliche 

her in disiu riche, 

als ich e mäles hän getan. 

ich wände, ez sus niht solte ergän. 

i'ne versach mich dirre geschiht 6405 

an dise läutherren niht; 

ich wände varn von hinnen 

mit rehte und.ouch mit minnen: 

nu habt ir mir wie vür geleit, 

dar zuo bin ich noch unbereit. » 6410 

Tristan sprach: «herre, ist iuwer muot 
ze einem läntstri'te guot, 
so keret ümbe zehant, 
vart wider heim in iuwer laut, 
besendet iuwer ritterschaft, 6415 

besament alle iuwer kraft 
und kumet her wider und lät uns sehen, 
wie unde waz uns süle geschehen; 
und tuot ir des niht zwäre 

in disem halben järe, 6420 

so nemot ir unser da z'iu war: 

€389 bescheiden stv. = entscheiden. — 6392 l'ichon (das einfache Wort; vgl. 
gelicliPii 4596) swv., gefallen; vgl. 14077. 

6394 an kotnen, ans Ziel kommen, zur Entscheidung (in der Wahl) 
gelangen. — 6398 t/euärlic/ie adv., sicher, ohne Gefahr. — 640U heinlich adj. 
könnte hier bedeuten: heimisch; mit einer Schaar aus der nächsten Um- 
gebung, o Dienerschaar- : Hermann Kurtz und danach Simrock; vielleicht 
ist heinlich aber innerlicher zu fassen: vertraut, befreundet; etwa: mit 
ein paar Freunden. — 6405 nich verseilen mit gen. im Mhd. verbunden 
mit an c. acc. = nhd. an c. dat., häufiger mit von. 

6416 besamen, besamenen swv., versammeln. — 6421 z'iu, zu euch, bei 
euch , in euerm Lande. — 



220 X. MOROLD. 

SO kome wir sicherlichen dar. 

man hat uns doch hie vor gezalt, 

gewält hdere wider gewalt 

und kraft wider krefte. 6425 

Sit man mit ritterschefte 

laut unde reht sol swachen, 

herren ze Schalken machen, 

und daz ein billich wesen sol, 

so getruwen wir des gote wol, 6430 

daz unser aller swächeit 

noch werde wider hin z'iu geleit.» 

"Got weiz», sprach Morolt «her Tristan, 
ich hoere vil wol, daz ein man, 
der nie ze solhem schalle kam 6435 

noch dirre dro nie niht vernam, 
dem wseren disiu maere 
sorclich und angestbsere: 
(163) ich trüwe ir aber vil wol genesen. 

ich bin ouch dicker da gewesen, 6440 

da schallen unde hochvärt 

mit solher rede getriben wart. 

ez ist wol der geloube min, 

Gurmün well' äne sorge sin 

umbe sin liut und umbe sin lant 6445 

vor iuwerm vanen unde iuwerr hant. 

ouch Wirt dis übermüetekeit, 

man breche uns danne triuwe und eit, 

niemer gespart ze Irlanden: 

wir suln ez hie mit banden, 6450 

wir zwene, under uns beiden 

in einem ringe scheiden, 

weder ir reht habet oder ich.» 



(J429 billich stm. (9374), (Billigkeit), Angemessenheit, Eecht; von Gottfried 
gerne gebraucht. — 6432 tvider geleit werden, zurückfallen; hin z^iu, auf 
euch; frei: euch vergolten werde. 

t;435 schal stm., hier : Lärm, Gezänk. — 6436 dirre dro ist nicht Plural: 
dieser Drohungen, sondern Sing.: solcher Drohung. — 6438 sorclich adj., 
Besorgniss erregend. — angestbcere adj., gefährlich, ängstlich. — 6441 schallen 
swv. subst. inf. stn. hat hier wohl andere Bedeutung als schal in V. 6435, 
nämlich synonym von höchvart: Prahlen. — 6444 tcellen ist hier Hülfswort 
für das Futurum. — 6447 übermüetekeit stf. = übermHof, — GMd sparn swv., 
hier: unbeachtet lassen, vergessen; oder: erlassen, ungestraft lassen? • — 
6452 rinc stm., hier: Kampfplatz, Schranke, dann übertragen: Kampf> 
Duell; vgl. 6783. — scheiden stv., hier: entscheiden. 



I 



X. MOROLD. 221 

Tristan sprach aber: «diz muoz ich 
mit gotes helfe erzeigen 6455 

und müeze den geveigen, 
der uureht under uns beiden habe.» 
sinen hantschuoch zoh er abe, 
er bot in Morölde dar: 

«ir herren», sprach er «nemet war: 6460 

der künec min herre und alle die, 
die hie sin, die beeren, wie 
ich discn kämpf bespreche, 
daz ich daz reht niht breche; 

daz min her Mörolt, der hie stät, 6465 

noch der in her gesendet hat, 
noch mit gewalt kein ander man 
zins ze rehte nie gewan 
ze Kurnewäle noch z' Engelant: 
daz wil ich mit miner hant 6470 

war machen und wärbseren, 
gote linde der werlt bewoeren 
iif disen herren, der hie stät, 
der imze her gefrumet hat 

daz laster und daz ungemach, 6475 

daz disen zwein landen ie geschach.» 

Da rief an der stunde 
von herzen und von munde 
(164) manec edeliu zunge hin ze gote, 

daz got mit sihem geböte 6480 

bedachte ir laster unde ir leit 

und luste si von schälcheit. 

swaz aber ir aller swrere 

von disem kämpfe wajre, 

daz gie Mörolde kleine 6485 

ze herzen oder ze beine: 

er was vil unerkomen da van. 



6456 müeze nicht ich müeze, sondern elliptisch und in freier Con- 
struction er müeze, nämlich got. — geveigen swv., hier allgemein : verderben, 
vgl. zu 1669. — 6471 wärlccren (zusammengeschrieben nach Hs. M und H) 
svw., als wdrbaere erweisen , wahrscheinlich machen ; vgl. zu 68'>0. 

P4S0 gpbot stn. entspricht hier nicht unserra : Gebot, vielmehr: Wille, 
Gewalt, Allmacht. — 6482 schälcheit stf., Knechtschaft. — 648.1 die Wen- 
dung ze herzen und ze heine gen im Mhd. ziemlich häufig, von der wir nur 
einen Tlieil gerettet haben; vgl. durch Mark und Bein. — 64S7 unerkomen 
adj. part., unerschrocken, unberührt; vgl. zu 3224. — 



222 X. MOROLD. 

der wol gestandene man 

dern leite ez niender nidere, 

er bot oucli ime da widere 6490 

des kämpfes bei^^serde 

mit herter gebserde, 

mit fierer contenanze. 

in diihte disiu schanze 

vil wol nach sinem willen wesen : 6495 

er trüte ir harte wol genesen. 



Nu diz gewisset was also, 
der kämpf der wart den herren do 
unz an den dritten tac gespart, 
nii daz der dritte tac dö wart, 6500 

do kom al diu lantschäft 
und Volkes ein so michel kraft, 
däz daz stät bi' dem mer 
allöz bevangen was mit her. 

]M6rölt fuor wä'fenen sich. 6505 

mit des gewaefene wil ich 
noch mit siner sterke 
mines herzen merke 
noch mines sinnes spitze sehe 
mit nähe merkender spehe -6510 

niht stumpfen noch lesten, 
so dicke als er zem besten 
an rehter manheit ist gezalt: 



6488 gestanden part. adj., erfahren, bewährt. — 64Sy nidere adv.=nidcr ; vgl. 
zu 16953. 7i("d('/- Lepren behalten die Übersetzer bei: cder vielversuchte Recke 
der legte den Span (Speer, Simrock) nicht nieder». H. Kurtz; der Sinn 
des "Wortes ist aber hier vielmehr: hinlegen, bei Seite legen, abweisen, 
ez unbestimmt = Tristan's Forderung. — 6491 bewcerde stf.. Beweis, Ent- 
scheidung, oder: Zeichen, Pfand (nämlich den Handschuh)? — 6493 ^e/- 
adj., Fremdwort, stolz. — contenanze stf., Fremdwort =neufr, contenance, 
Haltung. — 6494 schäme stf., (franz. c/tance), Glücksspiel, Wagniss. 



6497 gewissen swv., gewiss machen, festsetzen, — 6501 lantsdiaft stf., 
hier im Gegensatz zu volc, die vornehme Vertretung des Landes, die Ritter- 
schaft, hersciiaft. — 6504 bevangen part., (umfangen), eingenommen, ange- 
füllt. — 6506 gev:a'fene stn. (collect, zu loäfen), Bewaffnung, Rüstung. — 
6508 merke stf., Aufmerksamkeit. — 6509 sehe stf., (das Sehen), Sehkraft. 
— QblO nähe merlendiu spehe stf. j genau aufmerkendes Schauen. — 6511 stum- 
pfen swv., stumpf machen, abstumpfen. — lesten swv., belästigen. — 
6513 gezalt part. von zaln oder zeln (vgl. 3065) swv., im stilistischen Gegen- 
satze zu zal stf., Erzählung, hier: zählen, reclmen. — Statt des Sing. 
zem besten gebrauchen wir den Plural oder Sing, von ein mit gen. : wie 
viel er auch zu den Besten an Tapferkeit gerechnet wird, als einer der 
Besten gilt. — 



MOilOLD. 



223 



diu zal von ime ist manicvalt, 
(laz er an muote, an groeze, an kraft 6515 

ze vollekomener ritterschaft 
daz lop in allen riehen truoc. 
hie si des lobes von ime genuoc. 
(165) ich weiz wol, daz er künde 

do und ze aller stunde 6520 

ze kämpfe und euch ze vehte 

nach ritteres rehte 

sinem li'be vil wol mite gän. 

er hjete es e so vil getan. 

Der guote künic Marke 6525 

dem gie der kämpf so starke 
mit herzeleide an sinen lip, 
daz nie kein herzelosez wip 
die not umb' einen man gewau. 
ern ha3te deheinen tröst dar an, 6530 

ez enw£ere Trfständes tot 
und hsete gerne. jene not 
iemer umbe den zins gellten, 
daz der kämpf Wiere vcrmiten. 
nu ergieng ez aber allez baz 6535 

umbe diz und umbe daz, 
umbe zins und umbe man. 
der unversuochte Tristan 
ze notli'chen dingen 

der begünde ouch sich mit ringen 6540 

warnen an der stunde, 
so er allerbeste künde, 
sinen lip und siniu bein 
diu bewiirte er schone und wol euein; 
dar über leite er edel werc, 6545 

zwo hosen und einen hälsperc , 
die wären lieht ünde wiz , 



<>523 Gottfried'a beliebtes mite fjan mit dat. (unein itöe) ist von H. Kurtz 
nicht getroffen: «seinen Leib wohl zieren auf dem Plan», was yimrock 
abschreibt; es soll hier ohne Zweifel gesagt werden: er konnte seiner 
Kraft vertrauen. 

tiö'JS /terzelijs adj., nicht in unserm Sinne: herzlos, gemüthlos , son- 
dern: muthlos, verzagt, schwach. — (>530 fg. activ gewendet: er glaubte 
(/uete indic), es wäre u. s. w. — <;.')32 //«^e conjnnct. — (i53S fg. nhd. der 
in Xijthen unversuchte, unerfahrene Tristan. — 



224 X. MOROLD. 

also der meister sinen fliz 
und alle sine wi'slieit 

an si hsete geleit; 6550 

zwen' edele sporen starke 
die spien im sin friunt Marke 
und sin getriuwer dienestman 
mit weinendem herzen an. 

sine wafenriemen er im bant 6555 

alle mit sin selbes liant. 
ein wäfenroc wart dar getragen, 
der was, also ich hörte sagen, 
(166) mit drihen in den spelten 

zen fuogen und zen velteu, 6560 

ze allen sinen enden 
mit fröuwihen henden 
in fremedem prise bedäht 
und noch prislicher vollebräht. 

Hü do er den an sich genam, 6565 

wie lustic und wie lobesam 
er do dar inne wsere, 
daz wsere sagebaere, 
wan daz ab ich ez niht lengen wil. 
der rede würde alze vil, 6570 

ob ich ez allez wolte 
ergründen , alse ich solte. 
und sult ir doch wo! wizzen daz : 



i 



GÖ52 Sielen prset. von spannen stv. (nlid. swv.). o.n sp. entspricht unserm: 
anschnallen [erhalten für das Anschirren]. — 6559 drihe swf., Sticknadel. 

— spelte swf., Geräth zum Weben. Beide Worte im Plural drihen und 
■spelten werden oft zusammengestellt und synonym gebraucht, darum ist 
im mhd. Wb. I, 391"\ 41 fg. A^Drgeschlagen statt in den spelten der Hss. zu 
lesen und mit spelten; die an sich ansprechende Conjectur ist aber der 
Überlieferung gegenüber nicht in den Text zu setzen, auch kann die Er- 
klärung versucht werden, daß die Sticknadeln in die Webemaschine ein- 
gesetzt wurden, sodaß die Wendung stünde für den Begriff eines Compo- 
situms speltedrihe; Bech fasst spelten als dat. pl. von spali stm.=Schlitz. 

— 6560 fuoge stf., hier = nhd. Fuge; die Stelle an den gewirkten Klei- 
dern, welche der Naht entspricht. — velten dat. pl. von valt stra. (10918), 
Falte; gemeint ist wohl nicht der natürliche Faltenwurf, sondern die 
künstiiclien Falten, die Stellen, wo das Eockzeug wirklich gefaltet wird. 

— 6562 fröuicin adj. zu frouwe, weiblich ; hier wieder die Adjectivwendung 
statt der Genetivzusammensetzung /ro^/Jüen/i^wc^e«; vgl. zu 2547. Das Adj. 
fräuwln [nhd. aufgegeben], bei Gottfried noch öfters z. B. 9.349, kann ich 
sonst aus älterer Zeit nicht nachweisen. — 6564 prislich adj., preiswürdig, 
köstlich ; prislicfier comp. adv. 

6565 Hi interj. bei Gottfried öfters z. B. 17967 ähnlich wie hei. — 
6566 lustic adj., nicht in unserm Sinne: lustig, fröhlich, sondern last er- 
regend, anmutliig; vgl. 8263. — 



X. MOROLD. 225 

der mau gezam dem rocke baz 
und truog in lobes und eren au 6575 

-vil mere danne der roc den man; 
swie guot, swie lobebajre 
der wäfenroc doch wsere, 
er was doch siner werdekeit, 

der in dö haHe ane geleit, 6580 

küm' unde kumecliche wert, 
dar über gurte im Marke ein swert, 
daz sin leben und sin herze was, 
Yon dem er allermeist genas 

Tor Morold' und ouch dicke sider. 6585 

und wac daz also rehte nider 
und lag üf siner sträze 
in so gefüeger mäze, 
daz ez noch üf noch uider wac 
wau rehte, da sin weide lac. 6590 

ein heim wart ouch besendet dar, 
der was als ein kristalle var, 
lüter unde vestc, 
der schceneste ünde der beste, 
den ie ritter üf genam. 6595 

ich wa?ne ouch, ic so guoter kam 
in daz laut ze Kurnewäle. 
dar üffe stuont diu sträle, 
(167) der minneu wisaginne, 

diu Sit her mit der minne 6600 

an ime vil wol bewahret wart, 
swie lange ez würde dar gespart, 
den säzte im Märke üf unde sprach: 
«ä neve, daz ich dich ie gesach, 



fwSl kumecliche adv. Bildung von kfa/ie , kaum, bei weitem nicht. — 
*>5S6 nider uoyen stv. intraus., sich niederwärts bewegen, hängen: hier 
wird das Schwert gelobt , weil es in richtiger Weise im Gleichgewicht am 
Gurte hieng. — 6ö89 uf und (noch) nider wegen, sich auf und nieder be- 
wegen, hier in leisem andern Sinne die Bewegung des Schwertes durch 
den, der es trägt und führt. — 6590 roeide, hier bildlich: der Leib des 
Gegners; «die rechte Richte» (Kurtz, was Simrock abschreibt) ist vor- 
her schon charakterisiert durcli sträze; voan rehte = a]a nur gerade. — 
6592 krislalle (swf. 17116), Krystall stm. — var adj., färb, gefärbt, dann 
überhaupt: aussehend, beschaffen. — 059G ie (nach wa;nen)=nie. — 6599 «i- 
»aginne stf. (zu wUa<je , auch tcissage Bwm., ahd. u-izago, nhd. entstellt: 
Weissager), Prophetin; das poetische Wort entspricht liier wohl halbwegs 
unserm abstracten: Symbol; vgl. zu 4943 fg. Tristan hatte nicht bedeu- 
tungslos den Pfeil, das Emblem des Liebesgottes zum Helmschmucke, wenn 
sich dies auch später erst zeigen sollte. — 

OOTTFBIED YON STEASSüUr.O. I. 2. Aufl. 15 



226 X. MOROLD. 

daz wil ich gote vil tiure klagen: 660J 

ich wil dem allem widersagen, 

des kein man ze fröuden giht, 

ist , daz mir leide an dir geschiht. » 

Ein schilt der wart ouch dar besant; 
an dem haet' ein gefüegiii hant 66 1( 

gewendet allen ir fiiz 
und was der niuwan silberwiz, 
durch daz er einbaäre 
heim' unde ringen wsere. 
er was ab gebrünieret, 661{ 

mit lütere gezieret 
reht' alse ein niuwe Spiegelglas, 
ein eher dar üf gesniten was 
vil meisterlichen unde wol 
von swarzem zobel alsam ein kol: 662( 

den leite im aber sin oeheim an. 
der stuont dem keiserlichen man 
und fuogete ime zer siten 
dö und ze allen ziten 
als er dar gelimet waere. 662! 

Nu daz der lobebaere, 
der genseme kindesche man, 
Tristan den schilt an sich gewan, 
nu lühten disiu vier werc 

heim unde halsperc, 663j 

schilt unde hosen ein ander an 
so schöne, op si der wercmän 



6605 tiure adv., innig, sehr [vgl. hoch und theuer]. — 6606 widersayen mit 
dat., hier: entsagen. — 6607 kein, dehein, hier: ein, je ein. 

6615 brünieren swv. Fremdwort (deutschen Stammes von brün , glän- 
zend), glänzend machen , polieren. — 6616 lütere dat. von luter stn., das 
Lautere, die Lauterkeit (oder Inter, lütere stf.? wie noch im J. Tit. 496,3). 
So wird die Stelle wohl meist verstanden, weil sich V. 6617 gut daran- 
schließt; lüter ist aber im Gegensatze zu dem Eber aus Zobel gar zu ab- 
stract ; sollte nicht zu denken sein an lütere dat. von luter (nachgewiesen 
in der Form lotter), Fremdwort aus lutra, die Fischotter? (Bech weist 
zur Bestätigung verschiedene Stellen nach; insbesondere das Adj. luter- 
vech.) V. 6616 würde dann als ein eingeschobener Satz zu betrachten sein. 
Wir können uns denken , daß der Otterpelz um den Rand des Schildes 
gieng, während der Eber von Zobel in der Mitte saß. — &^2^ fuogete = 
fuogie , füegete von füegen swv. mit dat. (oder ein Verbum /wo^e« anzu- 
nehmen?), einem passen. 

6632 wercman stn., Künstler; hauptsächlich der Schmiedekünstler; 
vgl. 10978. — 



X. MOROLD. 227 

alle viere also hset' üf geleit, 
daz iegeliches Schönheit 

dem andern schoene beere 6635 

und sin geschoenet wsere, 
sone künde ir aller vierer schin 
ebenliehter niemer sin. 
(168) und aber daz niuwe wunder, 

daz dar mne und dar under • 6640 

ze schaden und ze sorgen 
den vinden was verborgen, 
haet' aber daz deheine kraft 
wider dirre fremeden meisterschaft, 
diu iizen an gebildet lac? 6645 

ich weiz ez wärez alse den tac, 
swie so der üzer wsere, 
der innere bildfere 
der was baz betihtet, 

bemeistert und berihtet 6650 

ze ritters figiure 
dan diu ü'zere fäitiure. 
daz werc daz was dar inne 
an geschepfede unde an sinne 
vil lobelichen üf geleit. 6655 

des wercmännes wi'sheit 
hei, wie wol diu dar an schein! 
sin brüst, sin arme und siniu bein 
diu wären herlich unde rieh, 

wol gestalt und edelich. 6660 

im stuont daz i'sen d^r übe 
wol und ze wunderlichem lobe, 
sin ors daz habte ein knappe da. 
- in Spanjenlant noch anderswä 

wart nie kein schoenerez erzogen. 6665 

ezn was niender in gesmogen: 
ez was rieh und oifen 



6633 t// legen , das der Dichter ungemein häufig verwendet, hat hier deut- 
lich einen im Nhd. völlig abhanden gekommenen Sinn: ausdenken, ent- 
werfen, bilden; vgl. 11441 und Benecke's und Lachmann's Bemerkungen 
zu Iwein 1190. — 6635 sc/nene stf. [in dichterischer Sprache noch erhalten]. 
— 6636 scfioenen bwv., verschönen. — .stn = es, damit, dadurch, — 6638 eben- 
ti^fit adj., gleich glänzend. — 6650 bemeistern swv., meisterlich gestalten. — 
6666 in gesmogen part. adj., (eingeschmiegt), eingefallen. — 6667 ojen adj. 
hat hier die Bedeutung von: breit, voll, — 

15* 



228 X. MOROLD. 

zer brüst und zuo den goffen, 
starc ze beiden wenden, 
erwünschet z'allen enden. 667( 

sine füeze und siniu bein 
diu behielten ouch vil wol enein 
al ir geschepfede unde ir reht; 
die füeze sinwel, diu bein sieht, 
üfrihtec alle viere 667j 

als einem wilden tiere; 
ouch was ez kürzlicher kust 
hin von dem satele und vor der brüst; 
(169) da stuont ez also rehte wol, 

als ein ros iemer beste sol. 6680 

dar üffe ein wiziu decke lac, 

lieht unde lüter alse der tac, 

den andern ringen gelich, 

und was diu lang und alse rieh, 

daz si wol ebene nider gie 6685 

dem orse vaste vür diu knie. 

Nu daz Tristan ze vehte 
nach ritteres rehte 
nach kämpfes gewoneheit 

wol und ze prise was bereit, 6690 

die do wol künden prisen 
beidiu man und iseu, 
die körnen alle samet dar an, 
daz beidiu, isen unde man, 

geworhten schoener bilde nie. 6695 

swie wol daz aber schine hie, 
ez schein doch vil und verre baz, 
Sit do er üf daz ors gesaz 
und sper ze bänden genam, 



6668 goffe swf., Hinterbacke. — 6669 wenden dat. pl. von want stf. (nicht 
von wende stf.), (Wand), Seite. — 6670 erwünschet part. adj. wie nhd., 
nur abstracter und allgemeiner: vollkommen, herrlich; vgl. 7721. — 6674 sin- 
wel adj., rund, gewölbt. — 6675 vfrihtec adj., aufrecht, in die Höhe stre- 
bend, schlank. • — 6677 kurzlich adj., kurz, gedrungen. — kust (von kiesen) 
stf., Beschaffenheit. — 6683 andern steht hier wie das franz. autre im Ver- 
gleich und ist im Nhd. nicht zu übersetzen; vgl. Gr. 4, 456. — 6685 ebene 
adv., gleichmäßig. 

6693 dar an komen kann hier nicht heißen : herzukommen , um es zu 
sehen und zu beurtheilen, sondern: darin übereinkommen. — 6695 ge- 
u-orhten conj. praet. von würken swv. ge- plusquamperf. : gewirkt, ge- 
schaffen hätten. — 6698 gesaz plusquamperf. von sitzen, sich setzen. — 



Ül 



X. MOROLD. 229 

(16 waz daz bilde lüssäm, 6700 

dö was der rittcr lobelicli 
obe dem satel und iindeu rieh, 
arme und absei beide 
die bieten breite weide. 

in den satel kund' er sich wol, 6705 

da man den satel sitzen sol, 
gesetzen und gefüegen. 
hin neben des orses büegen 
da swebeten siniu schoene bein 
strac unde sieht alsam ein zein. 6710 

dö stuont daz ors, dö stuout der man 
so rehte wol ein ander an, 
als op si waren under in zwein 
mit ein ander unde enein 

also gewahsen unde geborn. 6715 

die gebierde wären üz erkorn, 
stcetelich und staete, 
die Tristan z' orse hsete. 
(170) dar zuo, swie wol gebaere 

gebaerdehalp er w^ere, 6720 

so was doch iunerhalp der muot 
so reine geartet und so guot, 
daz edeler muot und reiner art 
under helme nie bedecket wart. 

Sus was den kempfen beiden 6725 

ein kämpfstät bescheiden 
ein kleiniu insel in dem mer, 
dem Stade so nähen unde dem her, 
daz man da wol bereite sach, 
swaz in der insele geschach. 6730 

und was ouch daz bereit dar an, 
daz äne dise zwene man 
niemen dar in k?ome, 
biz der kämpf ende nseme. 



»>704 iveide stf., hier wieder bildlich und allgemein : Ausdehnung. — 6706 sitzen 
mit acc, besitzen, sitzend einnehmen. — 6707 gesetzen, verst. setzen. — 
'jf/iiegen, verst. j'üegen, swv. refl., sich einfügen, schmiegen. — 6710 strac 
adj., strack, gerade. — zrin stm.. Ruthe, Gerte. — <)717 stoEielich adj., Bil- 
dung von .s'^f^', beständig, gleichmäßig. — (u20 gcbn'i-dehalp adv., hin- 
sichtlich der Gebärde, der Erscheinung. — 6723 edeler, reiner Comparative. 
— art (Geschlecht hier nicht ersichtlicli), hier ziemlich = nhd. Art, Natnr, 
"Wesen; vgl zu 96.J9. 



230 X. MOROLD. 

daz wart ouch wol behalten. 6735 

sus wurden dar geschalten 

den kempfen zwein zwei schiflfelin, 

der ietwederz mohte sin, 

daz ez ein ors und einen man 

gewäfent wol getrüege dan. 6740 

nu disiu schif diu stuonden da. 

Morolt zoch in ir einez sä: 

daz ruoder nam er an die hant: 

er schiffete anderhalp an laut 

und alse er üz zem werde kam, 6745 

sin schiffelin er iesä nam, 

zuo dem stade hafte er daz. 

üf sin ors er balde saz, 

an sine hant nam er sin sper, 

al über den wert so liez er her 6750 

riliche gän punieren, 

hin unde her laisieren; 

und wären sin puneize 

in dem ernestkreize 

so ringe und so schimpf bsere, 6755 

als ez ze schimpfe wsere. 

Nu Tristan ouch ze schiffe kam, 
sin dinc dar in zuo sich genam 
(171) beidiu sin ors und ouch sin sper, 

vorn' in dem schiffe da stuont er. 6760 

«künec», sprach er «herre Marke, 

nune sorget niht ze starke 

umbe minen lip und umbe min leben: 

wir suln ez allez gote ergeben. 

unser ängest hilfet hie zuo niht. 6765 

waz obe uns lihte baz geschiht, 

dan man uns habe üf geleit. 

unser sisre und unser saelekeit 



6736 geschalten part, von schalten stv., stoßen (mit der Ruderstange). 
— 6745 werde dat. von wert stm., "Werder, Fluroinsel. — *r,lb\ punieren swv., 
Fremdwort, fxa,iiz. jjugner , stechen, dann: den Turniergang (auch ohne 
Gegner) reiten, einhersprengen. ■ — 6753 puneiz stm., Fremdwort, punierende 
Keiten, Turniergang, verbunden mit dem Einlegen und Schwingen der 
Lanze; vgl. 9164 fg. — 6754 ernestkreiz stm., Kampfbezirk. — 6755 ringe 
adj., gering, geringfügig, dann auch: leicht, spielend. — sciiimpfhivro a<j., 
scherzhaft, wie zum Spasse; vgl. zu 968. — 6756 in. scliimpife ist der Begriff: 
Scherz, der in schimpf bfKre schon ausgedrückt ist, nicht allein enthalten, 
sondern auch die prägnante Bedeutung: Kampfspiel, Turnier. 

6766 -waz obe, wie wenn? wer weiß ob (vgl. 8578); die Wendung bei 
Gottfried vereinzelt. — lihte adv., vielleicht; vgl. zu 10498. — 



X. MOROLD. 231 

diu entstat an keiner ritterschaft 

Avau an der einen gotes kraft. 6770 

lat alle vörvörhte wesen, 

wan ich mac harte wol genesen. 

mir ist ze disem dinge 

min gemüetc harte ringe. 

als tuot ouch ir! gehabet iuch wol! 6775 

cz ergat doch niiiwan, alse ez sol; 

und aber, swie min ding erge, 

an swelhem ende so ez geste, 

so lat ir iuch doch hiute, 

iuwer länt und iuwer liute, 6780 

an den ich mich verläzen hän: 

got selbe, der mit mir sol gän 

ze ringe und ouch ze vehte, 

der bringe reht ze rehte! 

got muoz benamen mit mir gesigen 6785 

oder mit mir sigelös beiigen: 

der walte es unde müeze es pflegen!» 

Hie mite bot er in sinen segen. 
sin schiffelin daz sliez er an 

und fuor in gotes namen dan. 6790 

hie wart sin lip und ouch sin leben 
von manegem munde gote ergeben; 
im wart von maneger edelen haut 
manec süezer segen nach gesant. 
und alse er üz ze Stade gestiez, 6795 

sin schiffelin er fliezen licz 
und saz üf sin ors iesä. 
nu was ouch Morolt iesä da: 
(172) «sage an», sprach er «waz tiutct daz, 

durch weihen list od umbe waz 6800 

hast du daz schif sus läzen gän?» 
«daz hän ich umbe daz getan: 
hie ist ein schif und zwene man, 
und ist ouch da kein zwivel an, 



<'77l to-cor/ite stf., Vorfurcht, Furcht im voraus; vgl. 12399. — 6774 ringe 
adj., hier: leicht, sorglos. — tiT7S gesteii, hier: stehen bleiben (vgl. 9149); 
die Wendung nhd.: was es für ein Ende nehme. — 6779 sich ldzen = sich 
terli'izen in V. 6781. — 6781 an rf?« ^ nhd. auf den. — 6787 iralten stv. mit 
gen., über etwas walten swv., behüten, Segen geben. 
6796 .rf/>ce« stv. = schwimmen. — 



2B2 X. MOROLD. 

belibent die niht beide hie, 6805 

daz aber beuamen ir einer ie 

tif disem werde tot beiiget, 

so hat oiich jener, der da gesiget, 

an disem einen genuoc, 

daz dich da her zem werde triioc.« 6810 

Morolt sprach aber: «ich beere wol, 

daz diz unwendic wesen sei, 

der kämpf enmüeze vür sich gän. 

liezestu in noch imderstän 

und schiede wir mit minnen 6815 

iif solhe rede von hinnen, 

daz ich min zinsreht stsete 

von disen zwein landen hsete: 

daz diuhte mich din sselekeit. 

wan zwäre mir ist sere leit, 6820 

ist, daz ich dich slahen sol; 

mirn gevi'el nie ritter alse wol, 

den ich mit oiigen ie gesach.» 

der gemüote Tristan aber do sprach: 

«der zins miioz fürder sin getan, 6825 

sol dehein suon' imder uns ergän.» 

«entriuwen», sprach der ander do 

«diu suone wirdet niht also: 

sus komen wir niht ze minnen. 

der zins muoz mit mir hinnen.» 6830 

«so tribe wir», sprach Tristan 

«vil harte unnütziu teidinc an. 

Morolt, Sit daz du danne min 

ze slahene so gewis wilt sin, 

so wer dich, wellest du genesen: 6835 

hie enmäc niht anders ane gewesen.» 



6814 understän, (dazwischen stehen), stille stehen. — 6816 rede, hier: 
Verabredung. — 6824 geniuot adj. hier, allein stellend, wohl in der Bedeu- 
tung: wohlgemuth, unerschrocken, froh; vgl. 7794. — 6S25 fürder iuon, 
abthun, abschlagen; vgl. 1.5518. — 6829 ze minnen (dat. pl.), zur Ver- 
einigung, zur Schlichtung des Streites ; eine Art Terminus aus der Rechts- 
sprache; {mit minnen in V. 6Slö ist wohl innerlicher = mit Liebe, in Freund- 
schaft); vgl. zu l335.->. — 6832 teidinc, tagedinc stn. ist ein Lieblingswort 
des Dichters, welches er meist in übertragener Bedeutung in verschiede- 
nen Schattierungen gebraiicht; nach ihm hat es Konrad von Würzburg be- 
vorzugt: s. Haupt zu Engelhard .5058; hier: Eede. — an zu friöen. an 
triben, hier wie in V. 2295 in derselben Bedeutung wie das einfache triben^ 
vollführen. 



X. MOROLD. 233 

Daz ors daz warf er umbe, 
er machte iiz einer krumbe 
(173) eine rihtige slihte. 

er lie her gän enrihte 6840 

mit aller sines herzen ger: 

mit gesenketem sper, 

mit fliegenden schenkelen, 

mit Sporen und mit enkelen 

nam er daz ors zen siten. 6845 

wes mohte euch jener do biten, 

dem ez umbe daz leben stuont? 

der tete, reht' als si alle tuont, 

die üf rehte manheit 

alle ir sinne hänt geleit: 6850 

er nam ouch eine kere 

nach sines herzen lere 

wol balde hin und balde wider; 

sper warf er üf und iesä nider. 

sus kom er her gerüeret, 6855 

als den der tiuvel füeret. 

beidiu rös ünde man 

kömön Tristanden fliegende an 

noch balder danne ein smirlin: 

als giric was ouch Tristan sin. 6860 

si kömen mit gelicher ger 

geliche fliegende her, 

daz si diu sper zestächcn, 

daz si in den schilten brächen 

wol ze tüsent stucken. 6865 

do gieng ez an ein zucken 

der swerte von den siten. 

si giengeu z'orse striten: 

got selbe mühte ez gerne sehen. 

Xu hoere ich al die werlde jehen, 6870 

und stät ouch an dem miere, 
daz diz ein einwic wa3re ; 



6S40 enrihte adv., hier räumlich: in gerader Richtung; vgl. zu 3070. — 
•■-851 kere stf. (2066) nemen, Wendung machen, Richtung nelimen; bei Gott- 
fried kere beliebt. — 6860 [/iric adj., gierig, mit gen. = nhd. auf. 

6870 fg. Der Gedanke, daß der einzelne Kämpfer mit seinen Kräften 
ein f,rr, mehrere Personen ausmache und vertrete, findet sich im Tristan 
ähnlich benutzt und ausgefülnt in V. 7005 und 9020. — 



234. X. MOEOLD. 

und ist ir aller jehe dar an, 
hiene wteren niuwan zwene man. 
ich prüeve ez aber an dirre zit, 6875 

daz ez ein offener strit 
von zwein ganzen rotten was: 
swie ich doch daz nie gelas 
(174) an Triständes maere, 

ich mache ez doch wärbsere. 6880 

Mörolt, als uns diu wärheit 

ie hat gesaget und hiute seit, 

der hsete vier manne kraft, 

diz was vier manne ritterschaft: 

daz was der strit in eine sit. G885 

so was anderhalp der strit, 

daz eine got, daz ander reht, 

daz dritte was ir zweier kneht 

und ir gebsere dienestman, 

der wol gewsere Tristan: G890 

daz vierte was williger muot, 

der wunder in den noäten tuot. 

die viere und jene viere 

üz den gebilde ich schiere 

zwo ganze rotte od ahte man, 6895 

als übel als ich doch bilden kan. 

E dühte iuch. daz diz maere 
gar ungefüege waere, 
daz üf zwein orsen zwei her 

iemer möhten komen ze wer: 6900 

nu habet ir ez vür war vernomen, 
daz hie zesamene wären komen 
under einem helme ietweder sit 
vier ritter oder vier ritter strit; 



6880 ivärbccre adj., Bildung von loär, wahrsclieinlich, scheiut dem Dichter 
eigentliümlich; danach auch das Verbum icärbccren 6471. — 6885 in eine 
Sit ( = 8ite), auf einer Seite. — 6S94 r/ebilden swv., verst. bilden [vgl. Gebild 
neben Bild].. — 689G diese Wendung wörtlich übersetzt [übel beibehalten) 
würde den Sinn verfehleu und beinahe das Gegentheil erzielen; der Dich- 
ter will sich nicht als ungeschickt hinstellen nach der zuversichtlichen 
Äußerung in V. 6880; vielmehr ist übel ironisch zu fassen, es soll gesagt 
werden: so gut oder schlecht ich eben bilden kann, d. h. umgekehrt von 
übel: so gut ich es eben kann; vgl. V. 351: reltV ühe liep als ez in was = 
wie unlieb es ihnen auch war. 

6898 ungefüege adj., unpassend, etwa: ungereimt. — 6903 s. zu 5525. — 



X. MOKOLD. 235 

die riten ouch ze den ziten 6905 

vast' üf ein ander striten. 
alsus kom ein gesellescliaft, 
Morolt mit vier manne kraft, 
Tristanden alse ein doner an. 

der veige väläudes man 6910 

der sluoc als kreftecliche üf in, 
daz er im kraft ünde sin 
vil nach mit siegen btete benomen, 
wser' ime der schilt ze staten nilit komeu, 
under dem er sich mit listen 6915 

künde schirmen unde fristen. 
weder heim noch halsperc 
noch dehein sin ander kämpfwerc 
(175) daz enhsete in da niht vür getragen, 

ern haete in durch die ringe erslagen; 6920 

ern liez im nie die State geschehen, 
daz er vor siegen moht' üf gesehen. 

Sus gieng er in mit siegen an, 
biz er'm mit siegen an gewan, 
daz Tristan von der siege not 6925 

den schilt ze verre ^n im bot 
ünde den schirm ze höhe truoc, 
biz daz er im durch daz diech slüoc 
einen älse hüzli'chen slac, 

der vil nach hin zem tode wac, 6930 

daz ime daz fleisch und daz bein 
durch hosen und durch halsperc schein, 
und daz daz bluot üf schrsete 
und after dem werde wsete. 
«wie do», sprach Morolt «wiltu jehen? 6935 



Ü916 fristen 8wv., hier: retten wie in V. liS79; vgl. zu 124S. — (5918 kämpf- 
werc stn., Rüstzeug. — (J919 vür (ragen hier mit acc, einem nützen; vgl. 
6204. — 6920 uhd. positiv zu wenden als neuer Satz oder es folgt: sondern. 
6924 an ijewinnen mit dat., einen überwinden. — (J928 dlecli stn., .Schen- 
kel. — 69.30 wegen stv., hier: sich (wiegend) hinneigen, sich bewegen, aus- 
schlagen. — 69,'U bein stn., hier im (iegensatze zu fleisch: Knochen. — 
6933 schrcEte prset. von .■sc/ircejen swv., spritzen, vf sehr., auf-, emporspritzen. 
— 6934 after prsep. mit dat., über hin. — 6934 xoa-jen swv., (wehen) in 
früherer Zeit nicht bloß vom Winde und Feuer, sondern auch bildlich 
von festeren Körpern gesagt; vgl. 7025 [ähnl. nlid. springen]. — 693.5 ;>/;<?« 
Btv., hier intrans. ohne jeden Zusatz; im mhd. Wb. I, j12 erklärt: «(willst) 
du dich für befugt erklären r ■> Druckfehler für: besiegt? denn dies ist 
der Sinn, jehen ähnlich wie: willst du gestehen? (daß du Unrecht hast 
und besiegt bistj. — 



236 X. MOROLD. 

hier an mäht du wol selbe sehen, 
tlaz niemeu iinreht füeren sol: 
din iinreht schinet hier an wol; 
noch denke, wellest du genesen, 
in welher wise ez müge gewesen, 6940 

wan zewäre, Tristan, disiu not 
diu ist din endeclicher tot, 
ich eine enwende ez danne; 
von wibe noch von manne 

sone wirdest du nie mer gesunt: 6945 

du bist mit einem swerte wunt, 
daz toedec nnde gelüppet ist. 
ärzät noch arzätes list 
ernert dich niemer dirre not, 

ez entüo min swester eine, Isot, 6950 

diu künegin von Irlande: 
diu erkennet maneger bände 
würze und aller kriute kraft 
und arzätliche meisterschaft; 

diu kan eine disen list G955 

und anders niemen, der der ist. 
diu enner dich, du bist ungenesen. 
wil du mir noch gevcfl^ic wesen, 
(176) und mir des zinses jehende sin, 

min swester, diu künigin, 6960 

diu mnoz dich selbe heilen, 

und ich wil mit dir teilen 

gesellecliche, swaz ich hän, 

und wil dir nihtes abe gän, 

da dich din wille zuo getreit.» 6965 

Tristan sprach: «mine wärheit 

und mine ere die engib ich 

durch dine swester noch durch dich: 

ich hän in miner frien haut 

da her gefüeret zwei friiu laut, 6970 

diu varnt ouch mit mir hinnen, 



(J943 wenden svw. hier trans. mit acc, abwenden; vgl. zu 13775. — 
<J947 gelüppet part. adj., vergiftet; vgl. zu 7272. — 6949 ernern (380) hier 
mit gen.: von. — 6953 würze ist wolil nicht gen. pl., sondern, gleich- 
stehend mit kraft, acc. pl. von tvurz stf., Wurzel; vgl. 16109. — 6957 tin- 
yenesen adj. part., unheilbar, verloren. — 6958 gevolgic adj., folgsam. — 
6963 gesellecliche adv., als geselle., in freundschaftlicher Weise. — 6966 ivär- 
lieit, hier im Zusammenhang mit ere: Wahrhaftigkeit, Treue, das gegebene 
Wort; vgl. 8914. 9821. — 



X. MOROLD. 237 

oder ich muoz ie gewinnen 

grojzern schaden od aber den tot. 

ouch enbin ich noch ze selber not 

mit einer wunden niht getriben, 6975 

daz ez ällez hier an si beliben. 

der kämpf ist under uns beiden 

ie noch vil ungescheiden. 

der zins ist din tot oder der min; 

hie enmac niht anders ane gesin.» 6980 

Hie mite ruort' er in aber an. 
nu sprichet daz vil lihte ein man, 
ich selbe spriche ez ouch dar zuo: 
cgot unde reht, wä sint si nuo, 
Tristandes stritgesollen? 6985 

op si im iht helfen wellen, 
des nimet mich michel wunder, 
si süment sich hier under: 
ir rotte und ir geselleschaft 

diu ist sere worden schadehaft; 6990 

sine kömen danne dräte, 
so koment si al ze späte: 
von diu so komen schiere! 
hie ritent zwene an viere 

und stritent niuwan umbe ir leben. 6995 

daz selbe deist ouch sere ergeben 
an zwivel unde an üntrost. 
Silin si iemer werden erlost, 
(177) daz muoz vil kürzliche sin. 

got unde reht diu riten do in 7000 

mit rehtem urteile, 

ir rotte ze heile, 

ir vi'nden ze valle. 

hie begünden si sich alle 

geliche röttieren, 7005 

viere wider vieren. 

alsus reit schär wider schar, 



<J978 ungescheiden ailj. part., liier: unentschieden; vgl. zu 6452. 

6981 an rue/eri mit acc, man kann zweifeln, ob die Bedeutung ist 
feindlich auf einen losgehen wie in V. 9013 fg. (s. die Bemerk.), wo es 
auch vom Drachen gesagt ist, oder ob Ellipse zu Grunde liegt wie bei 
rtieren (s. zu 210.'}; : einen ansprengen (mit dem Rosse), eher wohl letzteres. 
— 6997 unlro^t stm., Muthlosigkcit. — 



23 X. MOROLD. 

und Tristan, alse er wart gewar 

der sinen stritgesellen, 

do wuohs im muot und eilen: 7010 

im brähte sin geselleschaft 

beidiu herze unde kraft. 

daz ors er mit den sporen nam: 

so sere er her gerüeret kam, 

daz er nach s^ner gelust 7015 

hurtende mit des orses brüst 

sin vint so sere erschalte , 

daz er'n zer erden valte 

mit örse betalle; 

und alse er von dem valle 7020 

ein lützel sich erholte 

und wider zem orse wolte, 

dö was ouch Tristan iesä da; 

den heim den sluog er ime iesä, 

daz er wsete al dort hin dan. 7025 

hie mite so lief in Mörolt an: 

durch die covertiure er sluoc 

Tristandes orse abe den buoc, 

daz er ünder ime dar nider gesaz 

und tete er weder wirs noch baz, 7030 

wan sprang et anderhalp dervan. 

Morolt der listige man 
den schilt ze rucke er kerte, 
als in sin witze lerte. 

mit der hant so greif er nider, 7035 

den heim den nam er aber wider, 
er haete in siner wi'sheit 
also gedäht und üf geleit, 
(178) so er wider ze orse kseme, 

daz er den heim üf nseme 7040 

und rite aber Tristanden an. 
nu er den heim ze sich gewan 



7010 eilen stn., Kraft, Stärke. — 7015 gelust stf., Begierde. — 7016 hurten 
swv., stoßen. — 7017 erschalte prset. von erschellen swv., erschüttern. — 
7019 betalle a,äv. = mitaUe, zusammen; s. zu 939. — 7030 wirs adv. (znübel), 
schlimmer; die "Wendung weder icirs noch baz (ähnlich wie minner noch 
niere 8. zu 1689) =^ nichts anders. 

7034 witze stf., Verstand; hier entsprechend etwa unserm: Geistes- 
gegenwart; im Plural gebraucht V. 15348, vielleicht auch V. 7917. — 



X. MOEOLD. 239 

und hin zem orse gahte 

und dem also genähte, 

daz er die hant zem britel liez 7045 

unde den linken fuoz gestiez 

wol vaste in den stegereif 

und mit der hant den satel ergreif: 

nu hfete in ouch Tristan erzogen, 

er sluog im iif dem satelbogen 7050 

daz swert und ouch die zeswen hant, 

daz si beidiu vielen üf den sant 

mit ringen mitalle ; 

und under disem valle 

gab er im aber einen slac 7055 

reht' obene, da diu kuppe lac, 

und truog ouch der so sere nider, 

do er daz wäfen zucte wider, 

daz von dem selben zucke 

des swertes ein stücke 7060 

in siner hirneschal beleip; 

daz ouch Tristauden sider treip 

ze sorgen und ze grozer not: 

ez hrete in nach bräht üf den tot. 

Morolt, daz tröstelose her, 7065 

do er ane kraft und äne wer 
so sere türmelende gie 
und sich an den val verlie, 
«wie do, wie dö!» sprach Tristan 
«so dir got, Morolt! sage an, 7070 

ist dir dirre mtere iht kunt? 
mich dunket, du sist sere wunt; 
ich waene, din dinc übele ste. 
swie ez miher wunden erge. 



7044 genahen swv., verst. nälien. — 7045 hritcl stm., Zügel. — lazen, hier: 
bewegen, greifen. — 7046 gestozen etv., verst. stelzen. — 7049 erziehen stv., 
erreichen ; Tristan war ihm wieder auf den Leib gerückt. — 7050 satelboge 
swm. ist hier der hintere Sattelbogen. — 7051 zesea.dj., gen. zeswcs, recht. 

— 7056 kuppe swf. (7089), die Haube unter dem Helme; vgl. 9407. — 
7057 nider tragen, eigentlich: niederziehen; eindringen. — 7059 zuc stm., 
das Zucken, heftiger Zug, Hieb. — 7064 nach adv., hier = rj7 nach (102), 
beinahe. 

7(167 lurmelen swv., taumeln. — 7068 verletzen refl. an eleu: heißt hier 
wohl eigentlich: sich einem Dinge überlassen, hingeben; sich dem Falle, 
dem Niedersinken hingeben ist bildliche Umschreibung für: niedersinken. 

— 7070 so dir got ! elliptisch für so helfe dir got ! vgl. zu 2229. — 



240 X. MOKOLD. 

dir waere guoter würze not: 7075 

swaz so diu swcster Isot 
von erzenie hat gelesen, 
des wirt dir not, wil du genesen. 
(179) der rehte und der gew£ere got 

und gotes gewserlich gebot 7080 

die habent din unreht wol bedäht 

und relit an mir ze rehte bräht, 

der müeze min ouch vürbaz pflegen! 

disiu höchvart diu ist gelegen.» 

hie mite trat er im näher baz. 7085 

daz swert daz nam er und gap daz 

ze beiden sinen banden: 

er sluoc sinem anden 

daz houbet mit der kuppen abe. 

Sus kerte er wider zuo der habe: 7090 

do er Moroldes schif da vant, 
da saz er in und fiior zehant 
gein dem stade und gein dem her. 
aldä gehorte er bi dem mer 

gröze fröude und gröze klage, 7095 

fröud' unde klage, als ich in sage: 
der sselde an sinem sige lac, 
den was ein soeleclicher tac 
und michel fröude erstanden: 

si slägeten mit banden, 7100 

si lebeten got mit munde, 
si sungeu an der stunde 
ze himele michel sigeliet. 
so was ez aber der fremedcn diet, 
den leiden gesten von Irlant, 7105 

die dar wären gcsant. 



7075 ez ist not mit gen. und dat., es ist einem etwas nöthig (aber not ist 
wohl Substantiv, nicht Adjectiv). — 7078 ez wirt not mit gen. und dat. 
synonymer Ausdruck mit ez ist n. in V. 7075. — 7086 fg. solche Wendungen 
verzeichnet Haupt zu Erec 857 (2. Ausgabe), daz swert geben {geben im Mhd. 
häufiger in solcher "Weise verwendet als das heutige Wort) ist wohl hier 
eine Umschreibung für: zuhauen [vgl. Sporn geben = anspornen, Schuß 
geben = schießen, Peitsche geben = peitschen u. dgl.]. ze=m.ii. Simrock 
übersetzt: und gab es da in seine beiden Hände; Kurtz in ähnlicher Auf- 
fassung: fasste das in seine beiden Hände. Das scheint mir nicht in der 
Wendung zu liegen. Ein Scherz mit dem Terminus swert geben (s. zu 5733): 
Tristan ertheilte dem Gegner den Kitterschlag, würde zu fern liegen und 
überdies geschmacklos sein. — 7088 ande swm., Feind; vgl. zu 8992. 

7100 slagen swv., schlagen (dieses aus slahen stv. ) , klatschen. — 
7104 diet stf., Volk. — 



X. MOROLD. 241 

ze michelem leide ertaget: 

von den wart alse vil geklaget, 

also von disen gesungen. 

si wunden unde twungen 7110 

ir jämer under ir lienden. 

Die .jämerigen eilenden 
die klagenden Iiiandaere, 
die wile s' in ir swaere 

ze schiffe wolten gäben, 7115 

Tristan begunde in nähen 
und an dem Stade bekom er in: 
((ir herren», sprach er «keret hin, 
(180) enpfähet jenez zinsreht, 

daz ir dort üf dem werde seht, 7120 

und bringet iuwerm herren heim 

und saget im, daz min ceheim 

der künic Marke und siniu lant 

diu senden ime den prisant 

unde enbieten ime da bi, 7125 

swenn' ez an sinem willen si, 

daz er's geruoche unde ger, 

daz er sine boten her 

nach solhem zinse sende; 

wir enläzen s' itelhende 7130 

niemer wider gekeren; 

mit sus getanen eren 

sende wir si im hinnen, 

swie küme wir'z gewinnen.» 

und swaz hier under rede ergie, 7135 

mit dem schilte dacte er ie 

daz blüot und die wunden 

vor den ünkünden. 

und ernerte in ouch daz selbe sider, 

wan jene die komen also wider, 7140 

daz ez ir keiner nie bevant; 

wan si schieden dan zehant 



7107 ertagen swv., hier unpersönlich: tagen, Tag erscheinen: der Tag war 
für sie zu große n Leide aufgegangen. — 7110 fg. poetische Wendung für : 
sie wanden und rangen (zwangen) vor Jammer ihre Hände. 

7112 jäineric adj., vom Jammer erfüllt. — 7117 bekomen mit dat., einem 
begegnen; in dat. pl., den Irländern (danach mhd. Wb. I, 904'', b fg. zu 
streichen). — 7121 Pronominalellipse : zu ergänzen e;. — 71.30 itelhende ikAi., 
(leerhändig), mit leerer Hand. 

«OTTFBIED VON STBA8SBURG. I. 2. Aufl. 16 



242 X. MOKOLD. 

und fuoren hin zem werde sä 

und fimden vür ir herren da 

einön zerstücketen man. 7145 

den selben fuorten s' ouch von dan. 

Nu si ze lande kämen, 
ze bänden si nämen 
den jsemerlichen pri'sänt, 

der bi in dar was gesant. 7150 

diu stucke meine ich elliu driu: 
zesamene leiten si diu, 
daz iemen iht da von verlür; 
ir herren truogen si si vür 

und Seiten ime, als ich e las, 7155 

vil rehte als ime enboten was. 
ich wsene unde versihe mich wol, 
des ich mich wol versehen sol, 
(181) der künec Gurmün Gemüotheit, 

der hsete unmuot und raichel leit 7160 

und gieng in ouch des not an: 

er verlos an disem einen man 

herz' unde muot, trost unde kraft 

und maneges mannes ritterschaft. 

diu schibe, diu sin ere truoc, 7165 

die Morolt friliche sluoc 

in den bilanden allen, 

diu was do nider gevallen. 

Diu künigin sin swester, 
der leit was aber noch vester, 7170 

ir jämer unde ir klagenöt: 
si unde ir tohter Isot 
si quelten manege wis ir lip, 
als ir wol wizzet, daz diu wip 
vil nähe gende klage hänt, 7175 

da in diu leit ze herzen gänt. 
si sähen disen toten man 
durch niht niwan durch jämer an, 



7161 mich gät not (subst.) an mit gen. (des), ich habe Ursache dazu. — 
7165 schibe swf., die Scheibe, das Rad des Glücks; vgl. 14474; häufiger die 
schiben triben; d. seh. slahen, z. B. Martina 219, 54. — 7166 in friliche adv. 
muß an dieser Stelle mehr enthalten sein als der Begriff: frei, rückhalts- 
loB ; vielmehr subjectiver: mit unverzagtem, frischem Sinn (vgl. 15778). 



X. MOBOLD. 243 

durch daz ir herzeswaere 

al deste groezer waere. 7180 

daz houbet kusten s' und die hant, 
diu in Hute unde lant 
hsete gemachet undertän, 
als ich hie vor gesaget hän. 

des höubetes wunden 7185 

besähen s' oben und unden 
ang' unde jsemerliche. 
nu ersäch diu sinneriche, 
diu wise küniginne 

die schärten dar inne. 7190 

si besände ein kleinez zängelin , 
da mite reichte si dar in 
unde gewan die scharten dan. 
si unde ir tohter sähen s' an 

mit jämer und mit leide 7195 

und nämen si do beide 
und leiten si in einen schrin, 
da Sit daz selbe stuckelin 
(182) Tristandeu brähte ze not. 

Nu herre Morolt der ist tot: 7200 

tribe ich nu michel msere 
von ir aller swsere 
und von ir klage, was hülfe daz? 
uns waere nihtes deste baz. 

wer möhte ir aller leit beklagen? 7205 

Morolt wart ze grabe getragen, 
begraben alse ein ander man. 
Gurmün dö truren began 
und hiez gebieten al zehant 

über äl daz riche ze Irlant, 7210 

daz man genöte nteme war, 
swaz in der werlde lebendes dar 



7190 scharte swf., Scharte [nhd. beschränkter], Lücke, Wunde, und 
zwar, im Gegensätze zu uv/«(/e«inV. 7185, der Kern der Wunde. — IWl reichen 
swv. = unserm: langen. — 7193 hier hat scharte andern Sinn als in V. 7190 
(wo stilgemäß das Wort entschieden nicht den hier gültigen haben kann), 
nämlich: das ausgehauene Stück (vom Schwerte Tristan's), der Splitter; 
vgl. zu 10189. 10192. 

720-1 uns wäre damit nicht gedient, geholfen; vgl. die ähnliche Wen- 
dung in V. 7268. — 7211 genSte adv., eifrig, angelegentlich; bei Gottfried 
häufig, namentlich im Reime ( : Isöte, Melute) gut verwendbar. — 

16* 



244 X. MOROLD. 

von Kurnewäle kseme, 

daz man im den lip nseme, 

ez waere wi'p öder man. 7215 

diz gebot und dirre ban 

der gie vür sich so sere, 

daz niemen keine kere 

ze deheiner slahte stunde 

da hin gehaben künde 7220 

von kurnewalscher diete, 

daz er deheine miete 

mohte gebieten oder gegeben, 

ez engienge im niuwan an daz leben, 

biz maneger muoter kint da van 7225 

unschuldeclichen schaden gewan; 

und was daz allez äne not, 

wan Morolt lac billichen tot; 

der was niwan au siner kraft 

und niht an gote gemüothäft 7230 

und fuorte z'allen ziten 

ze allen sinen striten 

gewält ünde hochvärt, 

in den er ouch gevellet wart. 



7216 ban stm., Bann; aber wohl nicht: Verbannung, weltliche Proscription 
(mhd. Wb. I, 86^, 42 fg.), sondern als Synonym von gebot allgemeiner; 
Strafbefehl. — 7222 miete stf., (Miethe), Lohn, Bezahlung, Lösegeld. — 
7223 gebieten stv., verst. bieten, anbieten. 



XI. 
TANTRIS. 

Tristan's Sieg wird gefeiert, seine Verwundung beklagt. Kein Arzt 
kann ihm helfen, darum will er, die Wahrheit von Morold's Rede erken- 
nend, zur Königin Isolt nach Irland fahren. Marke willigt ein. Das Ge- 
rücht soll verbreitet werden, er weile in Salerne um seiner Heilung willen. 
Mit Kurvenal und acht Mannen tritt er die Reise an; bei Develin, dem 
Sitze der Königin, machen sie Halt. In ärmliches Gewand gekleidet, be- 
steigt Tristan in der Xacht eine halbe Meile vor der Stadt ein Schifflein, 
nimmt seine Harfe zu sich und versorgt sich mit Nahrung auf einige Tage. 
Kurvenal und die Gefährten sendet er in der Barke zurück mit Grüßen an 
den Oheim und mit Befehlen im Falle seines Todes. 

Am Morgen werden die von Develin das verlassene Schifflein auf dem 
Wasser gewahr und senden Boten dahin aus. Diese erblicken niemand, 
hören aber Harfeuspiel und eines Mannes Gesang. Sie kommen heran, 
und Tristan erzählt ihnen ein erdichtetes Abenteuer und bittet sie zu- 
gleich , sich seiner anzunehmen. Um seiner Kunst willen bringen ihn die 
Boten nach der Stadt, und die Bürger erbarmen sich seiner und geben 
ihn in die Pflege eines Arztes. Das Gerücht vom todtwunden Spielmann 
kommt auch zu Ohren eines Pfaffen , des Lehrmeisters der Königin und 
der jungen Isolt. Er ist entzückt von Tristan's Spiel und berichtet der 
Königin von seiner Meisterschaft und von der Wunde, die sein Arzt nicht 
hätte heilen können. Die Königin lässt Tristan zu sich schaffen, erkennt 
sofort seine Vergiftung und erbietet sich , ihn zu heilen. Der Spielmaun, 
der sich Tantris nennt, harft und singt vor den Frauen. Als Entgelt für 
seine Heilung wünscht die Königin, daß Tantris ihre Tochter in Sprachen 
und Saitenspiel unterweise. In zwanzig Tagen ist die Wunde geheilt. Mit 
Eifer und Erfolg genießt die junge Isolt den Unterricht ihres neuen Mei- 
sters. Endlich begehrt Tristan von dannen, aus Furcht, er möge doch 
vielleicht von einem der Irländer erkannt werden. Die Frauen gewähren 
ihm erst dann den Urlaub, als er vorgibt, er habe ein geliebtes eheliches 
Weib, die einem andern gegeben werde, wenn er nicht wiederkehre. Be- 
Bchenkt kehrt hierauf Tristan über Engeland nach Kurnewal wieder heim. 



Nu grife wider, da ich ez liez. 7235 

Tristan do der ze Stade gestiez 
äne ros und äne sper, 
nu körnen tüsent rotte her 



246 XI. TANTRIS. ^ 

(183) gedrungen mit ir gruoze 

ze orse und ze fuoze: 7240 

si enpfiengen in froliche. 

künec ünde künicriche 

dien' gelebeten nie so lieben tac, 

des man in wol getrüwen mac; 

wan in was üf erstanden 7245 

groz ere üz sinen banden: 

ir aller laster unde ir leit 

daz haete er eine hine geleit. 

und aber die wunden, die er truoc, 

die beklageten si genuoc 7250 

und gieng in sere nähen; 

wan si sich aber versähen, 

daz er von dirre swsere 

schiere genesen wsere, 

done ähten si'z ze nihte, ■ 7255 

si fuorten in enrihte 

hin wider zem palas under in. 

wol balde entwäfenten s' in 

und schuofen ime senft' unde gemach, 

als er od iemen vor gesprach. 7260 

Arzäte man besande 
von bürgen und von lande 
die allerbesten, die man vant. 
wie do die wären besant, 

die leiten allen ir sin 7265 

mit arzätlichem liste an in. 
waz truoc daz vür od waz half daz? 
im was doch nihtes desto baz, 
daz si alle samet wisten 

von arzätlichen listen 7270 

daz enmohte im niht ze staten gestän: 
daz gelüppe was also getan, 
daz si'z mit nihte künden 
gescheiden von der wunden, 



7260 vor gesprechen stv., vorschlagen, verlangen; mit acc. in V. 7888. 

7267 vür tragen, nützen; vgl. 6204. 11835. — 7272 gelüppe stn., Gift; 
in der Regel das Gift an den Waffen, welches die Wunden unheilbar 
macht. — 



XI. TANTRIS. 247 

und ez im al den lip ergienc 7275 

und eine värwe gevienc 
so jaemerlicher hande, 
daz man in küme erkande. 
(184) dar zuo gevie der selbe slac 

ein^n so griuwelichen smac, 7280 

daz ime daz leben swärte, 

sin eigen lip unmärte. 

euch was sin meistez ungemacli, 

daz er daz alle zit wol sach, 

daz er den begunde swären, 7285 

die sine friunde e wären, 

und erkande ie baz unde baz 

Moroldes rede; ouch hsete er daz 

e mäles dicke wol vernomen, 

wie schoene und wie vollekomen 7290 

Isot sin swester waere; 

wan von ir fleug ein msere 

in allen den bilanden, 

die ir namen erkanden: 

diu wise Isot, diu schoene Isot, 7295 

diu liuhtet alse der morgenröt. 

Tristan der sorchäfte mau 
hie gedähte er z'allen ziten an 
und wiste woi, solt' er genesen, 
daz enkünde niemer gewesen 7300 

wan eine von ir liste, 
diu disen list da wiste, 
diu sinneriche künigin. 
wie ez aber möhte gesiu, 

des enkünde er niht betrahten. 7305 

nu begunde er aber daz ahten. 



7275 ergan , hier transitiv: durchgehen, durchströmen; vgl. 13327. — 

7276 elliptisch; zu ergänzen: er. — gecähen, hier: empfangen, bekommen. — 
727^ slac stm., hier: der empfangene Schlag, die "Wunde. — 7280 smac 
8tm., (Geschmack), Geruch. — 7281 swärle prset. von swceren swv. intrans. 
(bei Gottfried nur trans.) oder prset. von swären swv., hier letzteres, swären 
i: wären 7285) mit dat., einem schwer, lästig werden. — 7282 unmocren 
swv., mit dat. der Person, unincere, unwerth (2146) sein oder werden. — 
ItM die ( nach den Hss. ) nicht direct grammatisch auf bilanden zu be- 
ziehen , sondern nach dem Sinn auf die Einwohner der Nachbarländer; 
eine Änderung in diu, wie sie Maßmaun vorgenommen hat, ist nicht 
geboten und nicht statthaft. 



248 XI. TANTRIS. 

Sit ez sin tot doch waere, 

so wsere im alse maere 

der lip gewäget oder tot 

als disiu totliche not. 73101 

hie mite besazte er sinen sin, 

er wolte benamen da hin, 

ez ergienge im, swie got wolte, 

gensere, obe er solte. 

Sinen deheim den besande er: 7316J 

er Seite im al von ende her 
sin tougen unde sinen muot, 
als ein friunt sinem friunde tuot, 
(185) wes im wille waere 

nach Moroldes maere. 7320' 

diz geviel im übele unde wol, 

wan daz man schaden ze noeten sol 

dulten, als man beste kan. 

under zwein übelen kiese man , 

daz danne minner übel ist: 7325 

daz selbe ist ouch ein nütze list. 

sus wurden si zwen' under in zwein 

ir dinges alles enein, 

als ez ouch allez gendet wart, 

wie er volante sine vart; 7330 

wie man'z yerswigen solte, 

daz er ze Irlanden wolte; 

wie man solte sagen maere 

daz er in Salerne waere 

dur sines li'bes genist. ^ 7335 

nu disiu rede besetzet ist, 

Kurvenal wart ouch besant. 

dem selben selten s' ouch zehant 

ir beider willen unde ir muot. 

diz dühte Kurvenälen guot 7340 

und jach, er wolte mit im wesen, 

mit ime ersterben oder genesen. 



7308 maere adj., hier: lieb; vgl. wegen geuäget zn 172. — 7311 besetzen, 
hier: festsetzen: er fasste den festen Entschluß; vgl. 11781. 19060. 

7317 tougen stn., Geheimniss. — 7330 volante ist conj. — 7336 besetzen, 
hier wie in V. 7311 = festsetzen, beschließen. 



XI. TANTRiS. 249 

Und alse ez äbende wart, 
nu bereite man in ziio z'ir vart 
eine barken unde ein schiflfelin 7345 

und schuof in vollen rät dar in 
an lipnar unde au spise, 
an andere scLifwi'se. 
da wart der arme Tristan 

mit maneger klage getragen an 7350 

vil tougenlichen unde also, 
daz dirre schiffünge dö 
vil lützel iemen wait gewar, 
wan die man ouch besande dar. 
sinem ceheime Marke 7355 

dem bevälch er harte starke 
sin gesinde und ander sin dinc, 
daz sines dinges iemer rinc 
(186) von ein ander kseme, 

biz man von ime vernseme 7360 

gewislichiu miere, 

wie cz im ergangen waere. 

sine härphen er besande: 

die fuorte er ouch von lande 

und sines dinges nie uiht me. 7365 

Hie mite so stiezen s' an den se. 
sus fuoren si von dannen 
niwan mit ahte mannen; 
die selben haeten ouch ir leben 
ze bürgen und ze pfände gegeben 7370 

und ouch versichert bi gote, 
daz si üz ir zweier gelote 
niemer fuoz getrseten. 
nu si geschiffet hseten, 

und Marke nach Tristande sach , 7375 

sin kurzewile und sin gemach, 



7343 äbende part. pises. { = äbendende) von äbenden bwv., Abend wer- 
den; Wendung wie tagende werden, vgl, zu 5511. — 7347 lipnar stf., Lei- 
besnahrung, Lebensmittel, Unterhalt. — 734S schifwise stf., (Schiffaweise), 
Schiffsausrüstung. — 7352 schiffünge stf., liier abstract = Einschiffung. — 
7358 linc stm., hier wie in V. 6319. iemer rinc^= niemer rinc, niemals auch 
nur das Geringste. — 7361 gewislich adj. = (/cii/y. 

7374 ichiffen construiert mit //a6e/i:=8ich einschiffen. — 



250 XI. TANTRIS. 

ich weiz wol, daz was kleine: 

ze herzen und ze beine 

gieng ime daz selbe scheiden,' 

wan daz ez aber in beiden 7380 

ze fröuden und ze liebe kam. 

nu daz daz läntvölc vernam, 

mit wie getaner swsere 

Tristan gevaren waere 

hin ze Salerne durch genesen, 7385 

waer' er ir aller kint gewesen, 

sin leit enwaere in allen nie 

nähör gegangen, danne ez gie; 

und wände im ouch sin ungemach 

in ir dienste geschach, 7390 

al deste näher gieng ez in. 

Nu Tristan der fuor allez hin 
über State und über mäht 
beidiu täc ünde naht 

die rihte wider Irlänt, 7395 

als in des märnseres hant 
wol geleiten künde, 
und als daz schif begunde 
(187) Irlande also genähen, 

daz si daz laut wol sähen, 7400 

Tristan den stiurmeister bat, 

daz er sich gein der houbetstat 

ze Develine wante, 

wan er daz wol erkante, 

daz diu wi'se küniginne 7405 

hsete ir wesen dar inne. 

des endes er do gähte; 

und alse er ir genähte, 

daz er si kos und ebene sach, 

«seht, herre», er ze Tristande sprach 7410 

«ich sihe die stat: waz ratet ir?» 



7385 genesen subst. inf. stn., Genesung , Heilung. 

7393 über State und über mäht, über Verhältnisse und Kräfte hinaus; 
doch kann auch state nach V. 7678 zu schließen als Synonym von mäht 
angesehen werden = Ära/^ — 7396 marncere, märnoBre stm., Schiffer, Steuer- 
mann. — 7409 ebene adv., hier: genau, deutlich. — 



XI. TANTRIS. 251 

Tristan do sprach: «da sulen wir 

hie enkeren unde beliben, 

disen äbent hie vertrlben 

und ouch der naht ein teil hie sin.» 7415 

sus würfen st den anker in 

und ruoweten den äbent da. 

und in der naht do hiez er sä 

gein der stat hin läzen gän. 

und alse daz do was getan, 7420 

daz si so nähe kämen, 

daz si ir gemerke nämen 

eine halbe mile von der stat, 

Tristan ime do geben bat 

daz allerermeste gewant, 7425 

daz man in der barken vant. 

und als mau ime daz ane getete, 

er hiez sich legen an der stete 

üz der barken in daz schiffelin. 

sine härphen hiez er ouch dar in 7430 

und in der mäze spise geben, 

daz er ir möhte geleben 

dri tage oder viere. 

Nu diz was allez schiere 
nach siuem willen getan. 7435 

Kurvenälen hiez er vür sich gän 
und ouch die schifmän mit im: 
«friunt Kurvenal», sprach er «nu nira 
(188) dise barken und diz liut an dich 

und pflig ir schone und wol dur mich 7440 

alle stunde und alle zit! 

und alse ir wider komen sit, 

so lone in also riebe, 

daz si unser heinli'che 

getriuweliche mit uns tragen 7445 

und niemen niht hier umbe sagen. 



741.S die vereinzelte Lesart von M heren vielleicht die echte = Halt machen. 
— 7422 geiuerkr stn. nemen kann hier nur heißen: einen Standort für die 
Beobachtung einnehmen; fraglich ist, ob das Wort Collectiv zu inarke 
oder zu merke; wohl letzteres. — 7432 ir = der sjjise , davon. — geleben 
= leben. 

7444 hcinliche stf., hier: Heimlichkeit, Geheimniss. — 



252 XI. TANTRIS. 

und kere balcle wider heim; 
grüeze minen deheim 
und sage im daz, daz ich noch lebe, 
und müge ouch noch mit gotes gebe 7450 

wol vürbaz leben unde genesen: 
ern sol niht leidic umbe mich wesen. 
und sage im daz zewäre, 
ich kome in disem järe, 

ist daz ich genesen sol; 7455 

gelinget minen dingen wol, 
daz wirt im schiere bekant. 
sage in den hof und in daz lant, 
daz ich belibe in dirre not 

under wegen üf der verte tot. 7460 

min gesinde, daz ich noch da habe, 
daz lä benamen niht komen abe: 
sich, daz si min da biten 
biz zuo den selben ziteu, 

als ich dir hie gesaget hän. ^ 7465 

und ist ez aber also getan, 
daz mir in dirre järes frist 
gelücke niht geschehen ist, 
' so muget ir iuch min wol bewegen, 

so lät ir got der sele pflegen * 7470 

und nemet ir iuwer selbes war: 
so nim du min liut unde var 
hin heim ze Parmenie wider 
und lä dich bi Rüäle nider; 

minem lieben vater, dem sage von mir, 7475 

daz er mir miner triuwe an dir 
durch sine triuwe lone 
und biete dir ez schone 
(189) und tugentliche, als er wol kan, 

und underwise in ouch dar an: 7480 

die mir habent gedienet her, 

daz er mich an den gewer 

einer bete unde deheiner me; 

als iegeliches dienest ste, 

daz er im danke und lone also. 7485 

nu, lieben liute», sprach er do 



7462 abe homcn, abgehen, weggehen (aus dem Dienste). — 7481 fg. die 
abhängig von an den. — 



XI. TANTRIS. 253 

«hie mite so Sit ir gote ergeben, 

vart iuwer sträze und lät mich sweben: 

ich muoz ze disen ziten 

der gotes genäden biten; 7490 

so habet ouch ir zit, daz ir vart, 

iuwern li'p und iuwer leben bewart: 

ez nähet vaste gein dem tage.» 

Sus kerten si mit maneger klage 
und mit manegem jämer hin, 7495 

mit manegem trahene liezen s' in 
swebende üf dem wilden se. 
in getete nie scheiden alse we. 
ein iegelich getriuwer man, 

der ie getriuwen friunt gewan 7500 

und weiz, wie man den meinen sol, 
entriuwen der verstät sich wol 
umbe Kürvenäles swsere; 
swie swaere im aber wsere 

al sin herze und al sin sin, 7505 

do schiffete er doch allez hin. 
Tristan beleip al eine da: 
der swebete da wä, unde wä 
mit jämer und mit sorgen 

unz an den liebten morgen. 7510 

und alse die von Develin 
daz wiselose schifFelin 
in dem wäge ersähen, 
sie hiezen balde gäben 

und nemen des schiffelines war. 7515 

die boten kerten iesä dar. 

Nu si begunden nähen 
und dannoch niemen sähen, 
(190) nü gehorten s' al dort her 

suoz' unde nach ir herzen ger 7520 

eine slieze harphen klingen 



7491 ich habe zit, nicht: ich habe Zeit übrig, sondern : es ist Zeit, hohe Zeit 
für mich. 

7496 trahen atm. , hier: Thräne stf. (diese Form aus dem Plural 
trahene); pl. in V. 1208. — 7502 fg. verstau refl. umbe, sich verstehen auf, 
Verständniss haben für. — 7512 wiselos adj., führerlos. — 7513 wäc atm. 
= Woge (2460), hier allgemeiner: Meer. 



254 XI. TANTRIS. 

und mit der harphen singen 

einen man so rehte siioze, 

daz si'z in z'einem gruoze 

und z' äventiure nämen 7525 

und von der stat nie kämen, 

die wile er harphete unde sanc. 

diu fröude diu was aber unlanc, 

der si von im haeten an der stete, 

wan swaz er in da spils getete 7530 

mit banden oder mit munde, 

däzn gie niht von gründe: 

daz berze daz was nibt dermite. 

so enist ez ouch nibt spiles site, 

daz man ez debeine wile tuo, 7535 

daz berze daz enste derzuo; 

al eine gescbebe es barte vil, 

ez enbeizet doch nibt rebte spil, 

daz man sus uzen bin getuot 

äne berze und äne muot. 7540 

wan daz diu jugent Tristanden 

mit munde und oucb mit banden 

ir z'einer kurzewile twanc, 

daz er ir barpbete unde sanc, 

ez was dem martersere 7545 

ein marter unde ein swsere. 

Und alse er sin spil do verliez, 
daz ander scbif dar näber stiez: 
sus griffen s' an sin scbiflfelin 

und warten widerstrit dar in; 7550 

nu si sin begunden nemen war 
und in so jsemerlicbe var 
und so getanen säben, 
nu begünde ez in versmäben, 
daz er daz wunder künde 7555 

mit banden und mit munde; 
doch gruozten si'n als einen man. 



7526 von der stat, von der Stelle: sie hielten an, um Geräusch zu 
vermeiden während des wunderbaren Spiels. — 7545 marteraere stm., Mär- 
tyrer [nhd. beschränkter], der Marter Leidende, der Dulder. 

7547 verläzen, hier; aufgeben, beenden. — 7554 versmähen swv. hier 
mit dat. (vgl. zu 3892) ; der Sinn kann hier nicht sein : es dünkte ihnen 
verächtlich , sondern : sie waren betroffen. — 



XI. TANTRIS. 255 

der guoten gruoz verdienen kan, 
(191) mit munde und ouch mit banden 

und bäten do Tristanden, 7560 

daz er in seite msere, 

wie ez im ergangen waere. 

«diz sage icb iu», spracb Tristan 

«icb was ein bövescber spileman 

und künde genuoge 7565 

hövescbeit unde fuoge: 

sprecben unde swigen, 

liren unde gigen, 

harpben unde rotten, 

scbimpfen unde spotten: 7570 

daz künde icb allez alse wol , 

als so getan liut (von) rehte sol. 

da mite gewan ich so genuoc, 

biz micb daz guot übertruoc, 

und mere baben wolte, 7575 

dan ich von rebte solte. 

sus liez icb mich an köufrät, 

daz mir den lip verraten bat. 

ze gesellen ich gewan 

einen riehen köufmän 7580 

und luode wir zwen' einen kiel 

mit allem deni, als uns geviel, 

da heime ze Ispanje 

und weiten ze Britanje. 

alsus bestuont uns üf dem mer 7585 

in einem schiffe ein röupher, 

die nämen uns klein' unde groz 

und sluogen minen koufgenöz 

und allez, daz da lebende was. 

daz aber icb eine genas 7590 

mit dirre wunden, die icb bän, 

daz hat diu bärphe getan, 

an der ir iegelicber sach, 



7570 schimpfen swv., scherzen. — spotten swv. ist hier wohl nicht ganz 
unser: spotten, sondern steht mehr synonym mit schimpfen, Scherzreden 
führen; beide Worte zusammen gewissermaßen formelhaft. — 7574 über- 
tragen mit acc, zu hoch tragen, übermüthig machen. — 7577 koufrät stm., 
hier: Handelschaft. — 7578 verraten stv., (verrathen, verleiten), unglück- 
lich machen. — 7586 roupher stn., Bäuberechaar. — 7588 koufgenöz stra., 
Handelsgefährte. — 



256 XI. TANTRIS. 

als ich in s^lbe verjach, 

ich wsere ein art spileman. 7595 

siis gewän ich in mit nceten an 
diz selbe kleine schiffelin 
und so vil spi'se dar in, 
(192) daz ich ir hän biz her gelebet. 

sus bin ich eine sider geswebet 7600 

mit marter und mit maneger klage 

wol vierzec naht und vierzec tage, 

swar mich die winde sluogen, 

die wilden ünde truogen 

wilen her und wilen hin; 7605 

und enkan niht wizzen, wä ich bin, 

und weiz noch minner, war ich sol. 

nu tuet ir herren alse wol, 

daz iu lone unser trehti'n, 

und helfet mir, da Hute sin!» 7610 

«geselle», sprächen aber die boten 

«diner süezen stimme und diner noten 

der soltu hie geniezen: 

dune sölt niht langer fliezen 

äne trost und äne rät; 7615 

swaz so dich her gefüeret hat, 

got oder wazzer oder wint, 

wir bringen dich, da liute sint.» 

Diz täten s' ouch: si fuorten in 
mit schiffe mitalle hin 7620 

reht' in die stat, als er si bat. 
sin schif daz haften s' an daz stat 
und sprächen aber: ^sich, spileman, 
nim war, sich dise bürc an 

und dise schoene stat hie bi! 7625 

weistu noch, waz stete ez si?» 
cnein, herre, ichn weiz niht, waz ez ist.» 
«so säge wir dir daz, daz du bist 
ze Develine in Irlant.» 

«des lobe ich den heilänt, ' 7630 

daz ich doch under liuten bin. 
wan eteswer ist under in, 



7596 an gewinnen mit dat., hier ziemlich = uns erm : einem abgewinnen; 
von einem erhalten. — 7599 ir gen. spise, mit ihr; vgl. 7432. 



XI. TANTRIS. 257 

der sine güete an mir begät 
und tuot mir eteslichen rät.» 

Hie mite kerten die boten hin 7635 

linde begunden under in 
mit rede von sinen saclien 
vil michel wunder machen. 
(193) si Seiten wider ze m?ere, 

daz in widervaren waere 7640 

äventiure an einem man , 

da man sich es lützel an 

und niemer sölte versehen. 

si Seiten, alse ez was geschehen: 

e si dar näher ksemen, 7645 

daz si äklort her vernaemen 

einen also süezen harphen klanc 

und mit der harphen einen sanc: 

got möhte in gerne beeren 

in sinen himelkoeren; 7650 

und jähen, daz daz waere 

ein armer marteraere, 

ein totwünder spileman: 

<(Wol hin, ir seht ez ime wol an, 

er stirbet morgen oder noch; 7655 

und in der marter hat er doch 

einen müot so lebelichen, 

in allen künicrichen 

enfunde man ein herze niht, 

daz also grozer ungeschiht 7660 

möhte genemen so kleine war.» 

Die bürgaere kerten dar 
und triben maneger hande 
maere mit Tristande 

und frägeten in sus unde so. 7665 

aber seite er iegelichem do 



7634 ete^Jichen rät (nach Hg. IM und H^ , einige Hülfe {tuot, schafft). Die 
Lesart arzätlichen rat ist der Situation nicht angemessen, auch weiß Tri- 
stan, daß ihn diese Leute von seiner Wunde nicht befreien können. Für 
eleslic/i spricht auch stilistisch cteswer in V. 7632. 

7638 wunder maclien (vorher in V. 3714) hier mit praep. von, über etwas 
«eine Verwunderung äußern; die Wendung scheint im Mhd. nicht hiiufig 
zu sein. 

GOTTFRIED VOK STRA8SBURO. I. 2. Aufl. 17 



258 XI. TANTRIS. 

in der gelegeiiheito , 
als er den boten e seite. 
sus bäten si'n, er harphet' in: 
und er kert' allen sinen sin 7670 

an ir gebot und an ir bete, 
wan er'z von allem herzen tete; 
swä mite er sich in künde 
mit banden oder mit munde 

gelieben, daz was al sin ger, 7675 

des fleiz er sich und daz tet er. 
und alse der arme spileman 
wider sihes libes State began 
(194) sin harphen und sin singen 

so rehte suoze bringen, 7680 

ez begünde s' alle erbarmen: 

sus hiezen si den armen 

üz sinem schiffeline tragen 

und einem ärzäte sagen, 

daz er'n ze hüse nseme; 7685 

und swaz im rehte kaeme, 

daz er des fliz hsete 

und umbe ir guot im tsete 

beidiu helfe unde gemach. 

diz wart getan und diz geschach. 7690 

und alse er in heim brähte, 

al sin gemach bedähte, 

als er ez allerbeste 

von sinen sinnen weste, 

do half ez allez kleine. . 7695 

Diz mpere wart gemeine 
über al die stat ze Develin: 
ein schar gieng üz, diu ander in 
und klägeten sin ungema'ch. 
in der wile ez do geschach, 7700 



7667 gelegenkeit stf., hier übertragen wie auch: Lage=Beschaffenheitr 
Umstände gebraucht wird; in V. .3433 wörtlich; Gottfried bringt das "Wort 
in der 2. Hälfte des Gedichtes öfters an in diesen verschiedenen Functio- 
nen. — 7675 gelieben swv., verst. lieben (174), beliebt machen. — 7678 State 
stf. hat hier deutlich und geradezu den Begriff: Kraft; vgl. 7884 und zu 
7339. — 7680 bringen, vorbringen, vortragen. 

7696 gemeine adj., hier: allgemein (verbreitet). ■ — 



XI. TANTRIS. 259 

daz ein pfaffe dar in kam 
und sine füoge veruam 
an banden unde an mimde; 
wan er ouch selbe künde 

list unde kunst genuoge, 7705 

mit banden manege fuoge 
an iegelicbem seitespil 
und künde oucb fremeder spräche vil. 
an fuoge unde an bövescheit 

hset' er gewendet unde geleit 7710 

sine tage und sine sinne, 
der was der küniginne 
meister unde gesinde 
und bsete si von kinde 

gewitziget sere 7715 

an maneger guoten lere, 
mit manegem fremedem liste, 
den si von ime wiste. 
(195) oucb lerte er ie genote 

ir tobter Isote 7720 

die erwünscbeten maget, 

von der diu werlt elliu saget, 

und von der disiu msere sint: 

diu was ir einigez kint, 

und bsete alle ir flizekeit 7725 

Sit des tages an si geleit, 

daz si ibt gelernen künde 

mit banden oder mit munde : 

die bsete er oucb in siner pflege, 

die lerte er do und alle wege 7730 

beidiu buocb und seitespil. 

Do der an Tristand' alse vil 
scboener kunst und fuoge ersacb, 
in erbärmete sin ungemacb 

vil inneclicbe sere 7735 

und enbeite oucb dö nimere: 



7701 pfaffe swm. ohne Übeln Nebensinn, Geistlicher, insbesondere: Welt- 
geistlicher; in der formelhaften Wendung pf äffen und leien (1630) ist uns 
die harmlose Bedeutung noch geläufig. — 7715 witzigen swv. , witzic 
machen, unterrichten; vgl. zu 153uy. — 7724 einic adj. = nhd. einzig. — 
772b ßizekeii stf., synonyme Bildung von yfiz; seltenes Wort, zu Gottfried's 
Stile passend. 

17* 



260 XI. TÄNTRIS. 

er gie zer küniginne dan 
und Seite ir, daz ein spileman 
in der stat da waere, 

der waere ein martersere 7740 

und tot mit lebendem libe, 
und daz nieman von wibe 
siner künste als üz erkorn 
noch baz gemüot würde geborn. 
«ä», sprach er «edeliu künigin, 7745 

möhte ez iemer gesin, 
daz wir dar zuo gedaehten, 
daz wir in etswar braehten, 
dar ir mit fuoge kaemet, 

daz wunder vernaemet, 7750 

daz ein sterbender man 
als innecliche suoze kan 
geharphen unde gesingen 
und doch an sinen dingen 

weder rät noch helfe kan gewesen; 7755 

wan ern kan niemer genesen: 
sin meister unde sin arzät, 
der sin biz her gepflogen hat, 
(196) der hat in üz der pflege verlän, 

ern mag im niht ze staten gestän 7760 

mit deheiner slahte sinne.» 

«sich», sprach diu küniginne 

«ich so! den kameraeren sagen, 

müge er ez iemer vertragen 

und verdöln, daz man in handele 7765 

und under banden wandele, 

daz si'n uns her üf bringen, 

ob ime ze sinen dingen 

deheiner slahte helfe tüge 

oder öbe in iht generen müge.» 7770 



7743 üz erkorn part. adj. = unserm: auserkoren, ausgezeichnet; der 
folgende Gen. (stner künste) = nhd. in, an; vgl. 2124. — 7747 gedenken dar 
zuo, darauf denken, Bedacht nehmen. — 7748 etswar adv., irgendwohin: 
vgl. zu 899. — 7753 geharphen, gesingen, verst. harphen, singen. — 7757 mei- 
ster , hier = magister in der speciellen Bedeutung von Arzt; in der nhd. 
Prosa könnte ähnlich gesagt werden : sein Doctor und sein Arzt. — 
7763 karneroere stm., hier nicht: Xämmerer in unserm Sinn = Kammerherr, 
hoher Hofbeamter, sondern: Kammerdiener, Lakai. — 7765 verdoln swv., 
ertragen, aushalten; vgl. zu 12602, — handelen swv., (mit der Hand) 
angreifen; hier insbesondere: heben und tragen. — 7766 wandelen swv. 
trans., (einen umwandeln, in andere Lage bringen), wegschaffen. — 
7770 generen swv., verst. nern (1891), genesen machen, heilen. 



XI. TANTRIS. 261 

Diz wart getan und diz geschach. 
nu daz diu künigiu gesacli 
sin angest al begarwe, 
die wunden unde ir varwe, 

nu erkande si'z gelüppe da.' 7775 

«ach, armer spilman», sprach si sä 
«du bist mit gelüppe wunt. » 
«i'ne weiz», sprach Tristan sä zestunt 
«i'ne kän niht wizzen, waz ez ist, 
wan mir enmac kein arzätlist 7780 

gehelfen noch gefrumen hie zuo: 
nune weiz ich mere, waz ich tuo, 
wan daz ich mich gote muoz ergeben 
und leben die wile ich mac geleben, 
swer aber genäde an mir bege, 7785 

Sit ez mir kumberliche ste, 
dem lone got: mir'st helfe not, 
ich bin mit lebendem übe tot.» 

Diu wise sprach im aber zuo: 
«spilman, sag an, wie heizest duo?» 7790 

«frouwe, ich heize Tantris.» 
«Tantris, nu wis an mir gewis, 
daz ich dich benamen neren sol: 
wis gemüot ünde gehabe dich wol! 
ich wil din arzät selbe sin.)) 7795 

«genäde, süeziu künigin, 
diu zunge diu gruone iemer, 
daz herze ersterbe niemer, 
(197) diu wisheit diu müez' iemer leben, 

den helfelosen helfe geben, 7800 

din name der müeze werden 

gewirdet üf der erden!» 

«Tantris», sprach die künigin 

((möht' ez an dinen staten gesin, 

wan daz du ab älse unkreftic bist, 7805 

als ez kein wunder an dir ist, 

so horte ich gerne harphenspil: 

des kanstu, hoere ich sagen, vil. » 



7773 begarwe adv., s. zu 1297. — 7781 gehelfen, verst. helfen. 
7797 fg. diu, daz, diu nicht bloße Artikel, sondern demonstrativ ; dra- 
matisch lebendig mit einer Handbewegung des Sprechenden gedacht, — 



262 XI. TANTRIS. 

«nein, frouwe, sprechet also niht: 

mich enirret kein min ungeschiht, 7810 

ich entüo und müge ez harte wol, 

daz iuwer dienest wesen sol. » 

Sus wart sin harphe dar besant. 
ouch besande man zehant 

die jungen küniginne, 7815 

daz wäre insigel der minne, 
mit dem sin herze sider wart 
versigelt unde vor verspart 
all^r der werlt gemeiner 

niuwan ir al einer. 7820 

diu schoene Isot si kom ouch dar 
und nam vil flizecliche war, 
da Tristan härphende saz. 
DU harphete er noch michel baz 
dan er ie da vor getsete, 7825 

wan er gedingen ha^te, 
sin ungelücke wsere hin. 
da sang er unde harphete in 
niht alse ein lebeloser man, 

er vieng ez lebelichen an 7830 

und alse der wol gerauote tuot. 
er machte ez in so rehte guot 
mit banden und mit munde, 
daz er in der kurzen stunde 

ir aller hulde also gevienc, 7835 

daz ez im z'allem guote ergienc. 
und al des spils, des er getete, 
beidiu änderswä und an der stete, 
(198) so smacte ie der veige slac 

und machete einen solhen smac, 7840 



7810 irren mit acc, stören, hindern. — 7812 dienest stm., hier: der entgegen- 
gebrachte Dienst: was dienen kann; insofern entspricht das Wort unserm: 
Gefalle, Wunsch, 

7816 insigel (ingesigel 17020) stn., Siegel; wendet Gottfried öfters bild- 
lich an in der Bedeutung: Abbild. — 7818 versigeln swv., versiegeln, über- 
haupt: verschließen; vgl. 17822; auch dieses Verbum wendet der Dichter 
gerne an. — versperren swv. (14767), absperren , ausschließen, vor versp. 
mit dat. (wie vor behalten, verbergen, verhelen), vor einem abschließen. — 
7830 lebelichen adv., lebendig, lebhaft. — 7835 gevahen stv. ; hier ähnlich 
wie in V. 7276: empfangen, gewinnen. — 7837 al des spils, wohl zu fassen 
als gen. absol. : bei allem Spiel oder =^swaz des spils? — 7839 smacte prset. 
von smacken (s. zu 11602) oder smecken swv. intrans., riechen (wie noch 
in den süddeutschen Mundarten); vgl. 7280. 



I 



XI. TANTRIS. 263 

daz niemen keine stunde 
bi ime beliben künde. 

Aber sprach diu küniginne do : 
•((Tantris, swenn' ez gefüege so, 
daz dir din ding also geste, 7845 

daz dirre smac an dir zerge 
und iemen bi dir müge genesen, 
so lä dir wol bevolhen wesen 
die jungen maget Isöte, 

diu lernete ie genöte 7850 

diu buoch und dar zuo seitespil 
und kan des ouch billiche vil 
nach den tagen und nach der frist, 
als si derbi gewesen ist. 

und kanstu keiner lere 7855 

und deheiner fuoge mere 
danne ir meister oder ich, 
des underwise si durch mich, 
dar umbe wil ich dir din leben 
und dinen lip ze miete geben 7860 

wol gesunt und wol getan: 
diu mag ich geben unde län, 
diu beidiu sint in miner hant. » 
«ja, ist ez danne also gewant», 
sprach aber der sieche spileman 7865 

«daz ich so wider komen kan 
und mit spile genesen sol, 
ob got wil, so genise ich woi. 
saeligiu küniginne, 

Sit daz iuwer sinne 7870 

also stänt, als ir da saget, 
umb' iuwer töhter die maget, 
so trüwe ich harte wol genesen, 
ich hän der büoche gelesen 

in der mäze und alse vil, 7875 

daz ich mir wol getrüwen wil, 
ich gediene iu wol ze danke an ir. 



7844 gefüegen awv. , 0>ier nicht refl. =nhd. , vgl. 3503), sich fügen, 
passend sein; vgl. 15795. — 7845 gestdn, hier nicht wie in V. 6778, sondern 
im Verbum steckt der Begriff der Bewegung wie in V. 844: sich stellen, 
eine Wendung nehmen, ausgehen. — 7847 genesen, hier in allgemeiner 
Bedeutung: bleiben, aushalten. — 7358 underwisen hier mit gen. (des, 
darin); in V. 7480 dar an. — 



264 XI. TANTRIS. 

da zuo so weiz ich wol an mir, 
(199) daz miner järe dehein man 

so manic edele seitspil kan; 7880 

swaz ir dar über geruochet 

und her ze mir gesuochet, 

daz ist ällez getan, 

als verre als ich es State hau.» 

Sus beschiet man ime ein kam erlin 7885 

und schuof im alle tage dar in 
alle die pflege und daz gemach, 
daz er selbe vor gesprach, 
alrerste was diu w^sheit 

ze frumen und ze staten geleit, 7890 

die er in dem schüfe begienc, 
do er den schilt zer siten hienc 
und bare sine wunden 
vor den ünkimden, 

vor der Trlandeschen diet, 7895 

do si von Kurnewäle schiet. 
hie von so was in unkunt 
und enwisten niht, daz er was wunt. 
wan haeten s' iht befunden 

umb' deheine sine wunden, 7900 

so wol als in daz was erkant, 
wie'z umbe die wunden was gewant, 
die Morolt mit dem swerte sluoc, 
daz er in allen noeten truoc, 

ez enwaere Tristände nie 7905 

ergangen, alse ez ime ergie. 
nu half ab in, daz er genas, 
daz er so vorbedaehtic was. 
hie mag ein man erkennen an 

und wizzen wol, wie dicke ein man 7910 

guote vorbedaehte 



7881 swaz nicht abhängig von geruochet, welches den Gen. verlangt, auch 
keine Attraction, sondern = su-ie: in welcher Weise ihr auch darüber ver- 
fügt. — 7882 gesuochen swv. , verst. suoc/ien, ein Gesuch richten , ein An- 
suchen haben oder stellen, her ze mtV = nhd. an mich; ersuchen mit acc. 
— 7883 daz ist allez getan ist eine Höflichkeitsformel = das wird gethan, 
das geschieht. 

7885 bescheiden stv. , hier: anweisen. — 7908 vorbedaehtic adj. [nhd. 
fast aufgegeben, geläufig nur: bedächtig], vorbedacht, vorsorglich. — 
7911 vorbedaehte kaum pl. von vorbedähi stf. [vgl. Andacht] , sondern sing. 
vorbedoehte stf., vorausgehende Bedachtsamkeit. — 



XI. TANTRIS. 26& 

ze guotem ende braehte, 
der gerne siunebaere 
und vorbesihtic wsere. 

Diu wise küuiginne 7915 

diu kerte alle ir sinne 
und alle ir witze dar an, 
wie si generte einen man, 
(200) ümbe des li'p und umbe des leben 

si gerne hsete gegeben 7920 

ir li|Ji und alle ir ere. ^ 

si hazzete in noch mere 

dan si sich selben minnete, 

und swes si sich versinnete, 

daz ime ze senfte und ze fromen 7925 

und ze heile möhte komen, 

da was si späte unde fruo 

beträhtic unde geschäffec zuo: 

daz enwäs kein wunderlich geschiht: 

sine erkande ir vindes niht; 7930 

und möhte si daz wizzen, 

an wen si was verflizzen 

und wem si half üz tödes not, 

waere iht ergers danne der tot, 

den haete si'm zewäre gegeben 7935 

vil michel gerner dan daz leben. 

nu enwiste s' aber da niht wan guot 

und truog im niuwan guoten muot. 

Ob ich iu nu vil seite 
und lange rede vür leite 7940 

von miner frouwen meisterschaft, 
wie wunderliche guote kraft 
ir erzenie hsete 
und wie si ir siechen taste, 



7913 sinnebacre adj., besonnen. 

7922 Aufklärung dieser auf den ersten Blick seltsamen Wendung^ 
gleich im Folgenden, namentlich in V. 7930. — 7924 versinnen swv. (neben 
vertinnen stv.) mit gen., sich auf etwas besinnen, etwas ausfindig machen. 
— 7928 geschäffec adj., schaffend, thätig. — 7932 verßhzcn (part. von ccr- 
ßxzen sm an einc/i, eifrig bemülit sein um einen. 

7939— 58 Die folgende Stelle ist wiclitig für die Beurtheilung der 
sogenannten höfischen Sprache und wurde deshalb auch angezogen von 
Franz Pfeiffer in seinem Aufsatze : Unhöfische Worte (Freie Forschung, 
Kleine Schriften zur Geschichte der deutsclien Litteratur und Sprache. 
Wien 1864, S. 354). — 



266 XI. TANTRIS. 

- waz hülfe ez und waz solte daz? 7945 

in edelen ören lütet baz 
ein wort, daz schone gezimt, 
den daz man üz der bühsen nimt. 
als verre als ich's bedenken kan, 
so sol ich mich bewarn dar an, 7950 

daz ich iu iemer wort gesage, 
daz iuwern oren missehage 
und iuwerm herzen widerste. 
ich spriche ouch deste minner e 
von iegelicher sache, ' 7955 

e ich lu daz msere mache 
unlidic unde unsenfte bi 
mit rede, diu niht des hoves si. 
(201) umbe mfner frouwen arzätlist 

und umbe ir siechen genist 7960 

wil ich iu kürzliche sagen : 

si half im inner zweinzec tagen, 

daz man in allenthalben leit 

und niemen durch die wunden meit, 

der anders bi im wolte sin. 7965 

Sit gie diu junge künigin 
alle zit ze siner lere: 
an die so leite er sere 
sinen fliz und sine stunde; 

daz beste daz er künde 7970 

so schüollist, so hantspil, 
daz ich niht sunder zalen wil: 
daz leite er ir besunder vür, 
daz si nach ir selber kür 
ze lere dar üz nseme, 7975 



7948 hühse swf. ist hier wohl anders aufzufassen als in V. 4669; gemeint 
acheint die Büchse des Arztes und Apothekers, bildlich gebraucht für 
Medicin. Ein wohl anstehendes "Wort lautet in edeln Ohren besser als 
eines aus der Sprache der Medicin, die sich vor übel anstehenden nicht 
zu scheuen hat. — 7957 unlidic adj., unleidlich, unliebsam. — unsenfte 
adj., unangenehm. — 7958 die Ausdrucksweise, die nicht hofgemäß ist; 
unter hof haben wir nicht in unserm Sinne den Hof der hofhaltenden 
regierenden Fürsten zu verstehen, sondern in allgemeinerer Fassung; die 
feinen Gesellschaftskreise, die gute Gesellschaft; als Wort entspricht hof 
öfters wie hier unserm (prosaisch ausgedrückt) : Salon, Parket. — 7962 inner 
adv. prsep. mit dat., innerhalb. 

7971 schüollist stm., die Kenntnisse (in Wissenschaft oder Kunst), die 
man durch die Schule, durch Bücher, durch theoretischen Unterricht er- 
wirbt. — hantspil stn. ist wohl nicht, wie das mhd. Wb. II, 2,50X1' erklärt: 
«eine besondere Art Saitenspiel», sondern, im Gegensatze zu schüollist, da» 
Spiel mit der Hand, praktische Musik. — 



XI. TANTRIS. 267 

swes so si gezaeme. 
Isot diu schcene tete also: 
daz allerbeste, daz si do 
under allen sinen listen vant, 

des underwant si sich zehant 7980 

und was ouch flizec dar an, 
swes si in der werlte began. 
ouch half si harte sere 
diu vordere lere. 

si künde e schcene fuoge 7985 

und hövescheit genuoge 
mit banden und mit munde: 
diu schcene si künde 
ir spräche da von Develin, 

si künde franzois und latin, 7990 

videlen wol ze prise 
in wälhischer wise. 
ir vingere die künden, 
swenne si's begunden, 

die lireu wol gerüeren 7995 

und üf der harphen füeren 
die doeue mit gewalte: 
si steigete und valte 
(202) die noten behendecliche. 

ouch sanc diu saeldenriche 8000 

suoz' unde wol von munde; 

und swaz si fuoge künde, 

da kom si do ze frumen an 

ir meister der spileman: 

der bezzerte si sere. 8005 

Under aller dirre lere 
gap er ir eine unmüezekeit, 
die heizen wir moräliteit 

■ c_ »^ 

r976 yezemen stv. mit acc, hier: einem anstehen, gefällig sein. — 7984 t>or- 
ier adj. (compar.V), früher, vorhergehend. — 7998 steiyen swv. [nhd. aufge- 
geben, dafür: steigern], steigen machen, erhölien. — valte prjet. von vellen 
äwv., fallen machen , erniedrigen. Sollen sich diese Ausdrücke auf den 
LTmfang des Tönematerials beziehen, auf die Fertigkeit sowohl der rechten 
ils der linken Hand, oder ist mit steigen das Forte, mit vellen das Piano 
jemeint? Becli ist für ersteres mit Hinweis auf steic mhd. Wb. II, 2, 632^ 
and tnelodia Diefenbach .SSS'"* : «sie verstand es, ihre Hände sowohl auf- 
wärts als niederwärts gleiten zu lassen auf den Saiten , in hohen wie in 
tiefen Tönen zu spielen.» 

8008 Tüor^Ürei/ 4tf., Fremdwort, (Moralität) , Sittenlehre (in mittel- 
ilterlichem" Sinne), Unterricht und Wissenschaft des Auslandes. — 



268 XI. TANTRIS. 

diu kunst diu leret schoene site: 

da solten alle frouwen mite 8010 

in ir jugent unmüezic wesen. 

moräliteit daz süeze lesen 

deist saelec unde reine. 

ir lere hat gemeine 

mit der werlde und mit gote. 801& 

si leret uns in ir geböte 

got linde der werlde gevallen: 

si ist edelen herzen allen 

ze einer ämmen gegeben, 

daz si ir lipnar unde ir leben " 8020 

suochen in ir lere, 

wan sine hänt güot noch ere, 

ez enlere si moräliteit. 

diz was ir meiste unmüezekeit 

der jungen küniginne. 8025 

hie bankete si ir sinne 

und ir gedanke dicke mite. 

hie von so wart si wol gesite 

schön' unde reine gemuot, 

ir gebaerde süeze unde guot. ^ 8030 

Sus kom diu süeze junge 
ze solher bezzerunge 
an lere und an gebäre 
in dem halben järe, 

daz von ir saelekeite 8035 

allez daz laut seite, 
unde ir vater der künec dervan 
vil groze fröude gewan; 
(203) ir muoter wart es sere fro. 

Nu gefiiogte ez sich dicke so, 8040 

ir vater so der was fröudehaft 
oder älse fremediu ritterschaft 
da ze höve vor dem künege was, 
daz Isot in den palas 



8012 lesen subst. inf. stn. (wie in V. 167), hier: Bericht (s. zu 134), Lehre. 
— 8014 gerneine stf., Gemeinschaft; vgl. zu 16611. — 8030 geöoerde stf., hier 
deutlich nicht: Gebärde in unserm Sinne [der Plural Gebärden stimmt 
mitunter mit dem alten Begriffe], sondern synonym mit gebär und mit site 
(8140), Benehmen, Wesen. 



XI. TANTRIS. 269 

vür ir vater wart besant; 8045 

und allez daz ir was bekant 

hövescher liste und schcener site, 

da kürzte si im die stunde mite 

und mit im manegem an der stete. 

swaz fröude si dem vater getetc, 8050 

daz fröute s' alle geliche: 

arme unde riebe 

si hseten an ir beide 

«ine sselege ougenweide, 

der oren unde des herzen last: 8055 

tiz^n und innerhalp der brüst 

da was ir lust gemeine. 

diu süeze Isot, diu reine, 

si sanc, si schreip und si las; 

und swaz ir aller fröude was, 8060 

daz was ir banekie. 

si videlte ir stampenie, 

leich' und so fremediu notelin, 

diu niemer fremeder künden sin, 

in franzoiser wise 8065 

von Sanze und San Dinise: 

der künde s' üzer mäze vil. 

ir liren unde ir harphenspil 

sluoc si ze beiden wenden 

mit härmblänken henden 8070 

ze lobelichem prise. 

in Liit noch in Thamise 

gesluogen frouwen hende nie 

selten süezer danne hie 

la duze Isot, la bele. 8075 

si sang ir pasturele, 

ir rotruwange und ir rundate, 

schanzüne, refloit und folate 



8068 liren acc. von li7-e swf, (deutlicher in V. 7995), Leier, ein harfen- 
ihnliches Instrument. — harplienspil stu. hier = harfe, als Instrument; in 
V. 7807 das Spiel auf der Harfe. — 8069 ze beiden wenden (s. zu 6669), auf 
beiden Seiten, also: mit der rechten und linken Hand. — 8070 harmblanc 
»dj., hermelinweiß; vgl. 3550. — 8073 ^esiwoj^en = haben geschlagen. — 
<076 pasturele stf. (?) Fremdwort, Pastoreil. Hirtenlied. — 8077 rotinvange 
itf. (?) Fremdwort, altfranz., rotruenge eine "Weise, vielleicht zur Rotte ge- 
lungen. — rundate (nicht rundate) stf. (?), eine "Weise, vielleicht mit ron- 
leau, Rundreim zusammenhangend; noch einmal erwähnt in Y. 19215. — 
^01 ii folate stf. (?), eine "Weise; sonst nicht nachgewiesen, darum etymolo- 
(iscli unklar. — 



270 XI. TANTRIS. 

(204) wol unde wol und alze wol: 

wan von ir wart manc herze vol 8080 

mit senelicher trahte. 

von ir wart maneger slahte 

gedanke und ahte vür bräht. 

durch si wart wunder gedäht, 

als ir wol wizzet, daz geschiht, 8085 

da man ein solich wunder siht 

von schoene und von hövescheit, 

als an Isöte was geleit. 

Wem mag ich si geliehen 
die schoenen, saelderichen, 8090 

wan den Syrenen eine, 
die mit dem agesteine 
die kiele ziehent ze sich? 
als zoch Isöt, so dunket mich, 
vil herzen unde gedanken in, 8095 

die doch vil sicher wänden sin 
von senedem ungemache, 
ouch sint die zwo sache 
kiel äne anker unde muot 

ze ebenmäzenne guot. 8100 

si sint so selten beide 
an stseter wegeweide, 
so dicke in ungewisser habe, 
wankende beidiu an und abe, 

ündende hin unde her. 8105 

sus swebet diu wiselose ger, 
der ungewisse minnenmuot, 
reht' als daz schif an' anker tuot 
in ebengelicher wise. 

diu gefüege Isot, diu wise, 8110 

diu junge süeze künigin 
also zöch si gedanken in 
üz maneges herzen arken. 



8083 ahte stf., hier: (Aufmerksamkeit), ürtheil. 

8089 geliehen swv. = vergleichen. — 8092 agestein stm., Magnetstein. — 
8099 muot (nominativ) steht hier allein, was vorher in V. 8095 durch her- 
zen unde gedanken ausgedrückt ist; später deutlicher erklärt als minnen- 
muot in V. 8106. — 8100 ebenmäzen swv., (gleich abmessen), gleichstellen, 
vergleichen. — 8102 wegeweide stf., Wegreise, dann überhaupt: Fahrt, 
Gang. — 8105 ünden swv., wogen; vgl. zu 2428. — 8113 arke swf., Arche 
sing, stf., wird öfters namentlich von den Dichtern der jüngeren mhd. Zeit 
in solcher bildlichen Weise gebraucht. — 



i 



XI. TANTRIS. 271 

als der agestein die barken 

mit der Syrenen sänge tuot. 8115 

si sang in maneges herzen muot 
offenliche und toiigen 
durch oren und durch ougen. 
(205) ir sanc, den s' offenliche tete 

beidiu änderswä und an der stete, 8120 

daz was ir süezez singen, 

ir senftez selten klingen, 

daz lüte und offenliche 

durch der oren künicriche 

hin nider in diu herze klanc. 8125 

so was der tougenliche sanc, 

ir wunderlichiu schoene, 

die mit ir muotgedoene 

verholne unde tougen 

durch die venster der ougen 8130 

in vil manc cdele herze sleich, 

und daz zouber dar in streich, 

daz die gedänke zehant 

vienc unde vähende bant 

mit senede und mit seneder not. 8135 

Sus hsete sich diu schoene Isöt 
von Tri'ständes lere 
gebezzert alse sere: 
si was süoze gemuot, 

ir site und ir gebaerde guot. 8140 

si künde schoeniu häntspil, 
schoener behendekeite vil: 
briev' und schanzüne tihten, 
ir getihte schöne slihten, 
si kuüde schriben unde lesen. 8145 



8128 muotgedcEne stn., etwa = unserm : Lustgetön. — 8129 verholne {=zver- 
holene) part. adv., verhohlen, heimlich. 

8142 behendekeite wohl gen. pl., Fertigkeiten. — 8143 unter bn'eve. 
sind im Gegensatze zu schanzüne (2292) zunächst Liedertexte zu verstehen 
ohne Melodie (denn synonym sind wohl hrief und schanzvne nicht); ins- 
besondere sind wohl unter dem Worte Liebesbriefe gemeint , kürzere 
Dichtungen, die auch unter dem Namen: Büchlein bekannt sind; vgl. 
Bech's Einleitung zu Hartmann II, und daselbst die Vorbemerkungen 
/.um ersten und zweiten Büchlein. — 8L44 sliltten swv. steht hier ähnlicli 
wie pOenvn (457), glätten, feilen; es geht auf die kunstgemäße Form der 
Oediclite. 



.272 XI. TANTRIS. 

Nu was ouch Tristan genesen 
ganz unde geheilet garwe, 
daz ime lieh unde varwe 
wider lüteren begunde. 

nu vorhte er alle stunde, 8150 

daz in etswer erkande 
von gesinde oder von lande, 
und was in staeter trabte, 
mit wie gefüeger ahte 

er ürloup genaeme 8155 

und üz den sorgen kseme; 
wan er wol wiste, möhte ez sin, 
im solte ieweder künigin 
(206) küm' oder niemer urloup geben. 

nu bedabte er aber, daz sin leben 8160 

ze allen ziten was geleit 

in michel ungewisheit. 

er gie zer küniginne 

und begunde in schcenem sinne 

sine rede besetzen an der stete, 8165 

als er an allen steten tete; 

er kniete vür si unde sprach: 

«frouwe, genäde unde gemach 

und helfe, die ir mir habet getan, 

die läze iu got ze staten gestän 8170 

in dem ewigen riebe! 

ir habet so sselicliche 

mit mir geworben und so wol, 

daz es iu got iemer Ionen sol, 

und ich ez iemer dienen wil 8175 

unze an mines todes zil, 

an swelher stat ich armer man 

iuwer lop gefürdern kan. 

sseligiu künigin, 

ez sol mit iuwern hulden sin, 8180 

daz ich wider ze lande var, 

wan mfn dinc stät mir also dar, 

daz ich länger niht beliben kan.» 



8149 lüteren swv., lauter, rein werden. — 8165 besetzen, hier wieder 
in Verbindung mit rede nicht: festsetzen, Entschluß kundgeben, sondern 
wie unser: Rede setzen, Worte setzen, d. h. sich ausdrücken, Vortrag hal- 
ten. — 8175 dienen swv. mit acc, verdienen, vergelten. — 8178 gefürdern, 
verst. fürdern , befördern, erhöhen. 



XI. TANTRIS. 273 

Diu frouwe lachete in an. 
«din smeicben'), sprach si «deist ein wiht, 8185 
ich engibe dir urloiibes niht, 
dune kümest niht hinnen zwäre 
vor disem ganzen jare.» 
«nein, edeliu küniginne, 

nemet in iuwer sinne, 8190 

wie ez umbe die gotes e 
und umbe herzeliebe ste. 
ich hän da heime ein elich wip, 
die minne ich als min selbes lip 
und weiz wol, daz sich diu versiht 8195 

und enhat euch zwivel dar an niht, 
ich ensi benaraen tot; 
und min angest und min not, 
(207) wirt si eim anderen gegeben, 

so ist min trost und min leben 8200 

und al diu fröude da hin, * 

ze der ich dingende bin, 

und enwirde niemer mere fro.» 

« entriuwen » , sprach diu wise do 

«Tantris, diu not ist ehäft: 8205 

alsus getane geselleschaft 

sol niemen guoter scheiden. 

got der genäde iu beiden, 

dinem wibe unde dir! 

swie rehte ungerne ich din enbir, 8210 

so wil ich din durch got enbern. 

urloubes muoz ich dich gewern 

und bin dir willec unde holt. 

ich und min tohter Isolt 

wir geben dir ze diner var 8215 

und ze diner li'pnar 

zwo marc von rotem golde: 



8185 svieichen (swv.) subst. inf. stn., schmeicheln. — 8191 gotes e, die 
von Gott eingesetzte, die heilige Ehe. — 81!)5 versehen refl. hier mit folgen- 
dem Satze, glauben, vermuthen. — 8202 dingende bin =: dinge, dingen swv., 
gedinge (1186), Hoffnung hegen. — 8205 efia/t adj., gesetzmäßig; zu der 
ehaften Noth (noch heute bekannter juristischer Terminus), d. h. zu der 
wirklich zwingenden und darum entschuldbaren Verhinderung zählen 
Krankheit , Gefängniss und Tod ; das Wort e/ia/t verliert dann in dieser 
Verbindung den ursprünglichen Sinn und bedeutet: dringlich, begründet. 
— 8206 gesel(r.ic/ia/t stf. , die auf gesellekeit , Freundschaft und Liebe ge- 
gründete Verbindung: Gemeinschaft; vgl. 19125. — 8215 var stf., Fahrt. — 

GOTTFRIED VON STEASSBXIHG. I. 2. Aufl. 18 



274 XI. TANTRIS. 

die habe dir von Isolde!» 

sus vielt der eilende 

ietwedere sine hende 8220 

des libes unde der sinne, 

ietwederr küniginne , 

beidiu der muoter unde der maget: 

«iu beiden», sprach er «si gesaget 

von gote genäde und ere!» 8225 

und enbeite ouch do niht mere, 

er fuor von dannen z'Engelant, 

von Engelanden al zehant 

ze Kurnewäle wider heim. 



8218 habe dir, hier: nimm dir. — 8220 ietwedere ist Dativ. 



XII. 
DIE BRAÜTFAHRT. 

über Tristan's glückliche Eückkelir herrscht große Freude ; mau 
lacht und scherzt über den gelungenen Streich. Mit Begeisterung preist 
Tristan die Schönheit der jungen Isolt. — Fröhlich beginnt er wieder auf- 
zuleben , aber am Hofe regt sich gegen ihn der Neid. Wegen seiner 
wunderbaren Thaten und seines seltenen Glückes wird er für einen Zau- 
berer gehalten. Darum liegen seine Feinde den König au, er solle ein 
"Weib nehmen und einen Erben gewinnen. Marke weist auf Tristan als 
auf seinen Erben hin. Da wird des Hasses noch mehr, Tristan fühlt 
sich nicht mehr sicher und will den Hof verlassen, wünscht aber auch, 
daß Marke seine Räthe in dieser Sache befrage. Einer derselben räth, er 
solle die schöne Isolt von Irland nehmen. Der König glaubt wegen der 
Feindschaft mit Gurmun nicht an die Möglichkeit eines solchen Schrittes, 
gibt aber doch scheinbar nach. Ferner wird gerathen, Tristan solle als der 
Geschickteste und Glücklichste die Werbung übernehmen. Tristan ist 
bereit und gegen des Oheims Willen entschlossen, verlangt aber, daß 
außer zwanzig bewährten Rittern und sechzig Söldnern sich zwanzig der 
ihm feindlich gesinnten Landbarone anschließen sollen. — (Eine andere 
Überlieferung der Sage von der Schwalbe und dem Frauenhaar sowie von 
Tristan's zielloser Fahrt verwirft hier der Dichter als ungereimt.) Die 
Barone treten voll Reue und mit großer Sorge die Reise an. Bei Weise- 
fort in Irlant, wo der König sich aufliält, werfen sie die Anker aus. Tri- 
stan befiehlt, sie sollten sich still im Schiffe halten; kehre er nicht in 
zwei oder drei Tagen zurück, so sollten sie wieder heimfahren. Des Kö- 
nigs Marschall eilt mit einer b^affneten Schaar an den Hafen , um die 
Ankömmlinge zu erforschen. Tristan besteigt ein Schifflein, in das er 
einen schweren goldenen Becher tragen lässt, und lenkt auf den Zuruf 
der Irländer dem Lande zu. Er äußert sich ungehalten über ihr unfreund- 
liches Begegnen, erzählt wiederum eine erlogene Geschichte und bittet 
gegen Belohnung um die Gunst eines kurzen und sicliern Aufenthalts, 
um seine verlorenen Gefährten zu erkunden. Auf des Marschalls Frage 
bietet er dem Könige für jeden Tag zum Zinse eine Mark Goldes und ihm 
selbst verheißt er zum Geschenke den goldenen Becher, welchen der Mar- 
schall entgegennimmt und dafür Gnade und Schutz gewährt. 



Nu Märke sin deheim 8230 

und daz läntliut vernam, 
daz er gesunder wider kam, 
si wurden al geliche 

IS* 



276 XII. DIE ERAUTFAHRT. 

von allem dem riebe 

reht' imde iiz allem herzen fro. 8235 

der küuec sin friunt der fragte in so , 
wie ez im ergangen wa?re. 
und er seit' ime daz maere 
(208) von obene bin ze gründe , 

so er ebeneste künde. 8240 

des nam si alle wunder 

und begünden hier under 

vil scbimpfen unde lachen 

und michel labter machen 

von siner verte in Irlant; 8245 

von siner viendinne baut, 

wie schone in diu generte; 

von allem dem geverte, 

daz er under in begie. 

si jähen, sine gefriescben nie 8250 

solhes Wunders gemach. 

Nu diz ällez geschach, 
daz sin genist und sin vart 
ser' unde wol belachet wart, 

do frägeten si'n genote 8255 

von der maget Isote. 
«Isot», sprach er «daz ist ein maget, 
daz al diu werlt von schoene saget, 
deist al hie wider alse ein wint. 
diu liebte Isot, daz ist ein kint 8260 

von gebserden und von libe, 
daz kint noch maget von wibe 
als lustic unde als üz erkorn 
nie wart noch niemer wirt geborn. 



8239 ze gründe^ bis herunter, bis zu Ende; das "Wort kann öfters das 
bezeichnen, was wir mit : gründlich ausdrücken ; hier in Verbindung mit 
obene aber nicht; die Wendung et\va=:von vorn bis zum Schlüsse. — 
8248 geverte stn., (Fahrt), Verlatif, Begebenheit, dann wie hier allgemein: 
Dinge; das Wort namentlich in der zweiten Hälfte vom Dichter in verschie- 
dener Bedeutung gerne angewandt. — 8250 gefrieachen prset. plur. conj. 
von gefreischen stv. , erfahren, kennen lernen; eine Form vom einfache-D- 
f reischen 'kovavaiira. Tristan nicht vor; hier aber ge- wohl plusquamperf. = 
hätten erfahren. — 8251 in der nicht unhäufigen und halb formelhaften 
Wendung Wunders gemach ist gemach ein substantivisches Adjectiv mit 
der Bedeutung : das Gleiche (ohne solhes heißt wunders gemach : was einem 
Wunder gleich ist) ; bei Gottfried nur an dieser Stelle. 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 277 

diu lütere, diu liehte Isolt, 8265 

diu ist lü'ter alse aräbescli golt. 
des ich ie wtenende was, 
als ich ez an den buochen las, 
diu von ir lobe geschriben sint, 
Auroren tohter unde ir kint, 8270 

Tintarides diu mrere, 
daz an ir eine wagre 
aller wibe Schönheit 
an einen blüomen geleit: 

von dem wäne bin ich komen, 8275 

isot hat mir den wän benomen. 
ichne geloube niemer me, 
daz sunne von Mycene ge; 
(209) ganzlichiu schcene ertagete nie 

ze Kriechenlant, si taget hie. 8230 

alle gedanke und alle man 

die kaphen niuwan Irlant an: 

da nemen ir ougen wunne, 

sehen, wie diu niuwe sunne 

nach ir morgenrote 8285 

Isöt nach Isöte, 

da her von Develine 

in elliu herze schine! 

diu liehte wunnecliche 

si erliuhtet elliu riebe. 8290 

daz si alle lobes von wiben sagent, 

swaz si mit lobe ze maeren tragent, 

deist allez hie wider ein niht. 

der Isöt' under ougen siht, 

dem lütert herze unde muot, 8295 

reht' als diu gluot dem golde tuot: 

ez liebet leben unde lip. 

mit ir enist kein ander wip 



8269 ir= Tintarides = Jlelena. — 8278 sunne (nach drei Hss.) = rf'«^ s. 
(Ha. M). — Mycene steht hier pars pro ^o<o = Argoli8 = Griechenland. — 
sunne von M. wird mit Beziehung auf Helena gesagt wegen ihres Gemahls 
Menelaus, dessen Vater Atreus König von M. war. — gun, hier ähnlich wie 
in V. 5295: kommen, ausgehen. — 8279 «r/a«;«« swv., (wie der Tag) erschei- 
nen. — 8280 tagen svw., hier wohl im Gegensatze zu ertagen nicht: erschei- 
nen, sondern: leuchten. — 8282 fg. kaphen, neiaen, sehen Conjunctive mit 
imperativischem Charakter. — 8283 wunne nemen nicht mehr gcbräuclüich, 
dafür etwa: Wonne suchen; »Wonne schöpfen». Kurtz. — 



278 XII. DIE BRAUTFAHRT. 

erlescliet noch geswachet, 

als maneger maere machet: 83^0 

ir schdene diu schoenet, 

sie zieret imcle kroenet 

wip unde wiplichen namen. 

des ensol sich ir deheiniu schämen.« 

Nu Tristan hnete gesaget 8305 

von siner fröuwen der maget, 
der wunneclichen von Irlant, 
dar nach als ez im was erkant, 
swer do da bi dem maere was 

und ez reht' in sin herze las, 8310 

dem süozte diu rede den muot, 
reht' alse des meien tou die bluot: 
si haeten alle muot da van. 



Der wol gemuote Tristan 
der greif do wider an sin leben. 8315 

im was ein ander leben gegeben, 
er was ein niubörner man. 
ez huop sich erste umbe in an, 
(210) er was do geil ünde fro. 

künec ünde hof die wären do 8320 

ze sinem willen gereit, 

biz sich diu veige unmüezekeit, 

der verwazene nit, 

der selten iemer gelit, 

under in begunde üeben, 8325 



8299 fg. erleschen swv., auslöschen, vertilgen (vgl. 16399), zu nichte machen. 
Durch Isoldens hohe Vorzüge werden die andern Frauen keineswegs ganz 
in den Schatten gestellt, wie mancher moere machet, sagen, glauben wird 
(wegen meines begeisterungsvollen Lobes), sondern sie ziert und erhebt 
vielmehr ihr ganzes Geschlecht. 

8311 süezen swv. hier mit acc. (vgl. zu 11889J , (versüßen), erquicken. 



8317 nhdorn (nach den drei ältesten Hss.) a-dj. = niuwe ^e6or« = unserm : 
neugeboren. — 8318 sich an licben = sich heben-=Ji\idL. anheben, ez steht 
wohl nicht unpersönlich in Vertretung des Subjects, sondern ist auf leben 
in V. 8316 zu beziehen. — erste adv.^= alr erste, jetzt erst. — umbe in^ 
mit ihm, bei ihm. — 8319 geil adj., heiter [geil, lascivus, libidinosus, jünger]. 
— 8321 gereit adj. = bereit. — 8328 verwäzen part. adj., verwünscht, ver- 
flucht. — 8324 geligen , verst. ligen , daniederliegen , ruhen. — 8325 üeben 
swv. refl., etwa: sein "Wesen treiben. — 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 279 

der herren vil betrüeben 
tin ir muote und an ir siten, 
daz si in der eren beniten 
unde der werdekeite, 

die der hof an in leite 8330 

und al daz lantgesinde. 
si begünden vil swinde 
reden ze sinen dingen 
und in ze maere bringen, 

•er wsere ein zouberaere. 8335 

diu vorderen msere, 
wie er ir vint Morolden sluoc, 
wie sich sin dinc ze Irlanden truoc, 
des begünden s' under in dö jeben, 
ez wsere üz zöuber geschehen. 8340 

<(seht)), sprächen s' alle «merket hie 
und sprechet, wie genas er ie 
vor dem stärken Morölde? 
wie betröug er Isolde, 

die wisen küniginne, 8345 

-sine totvindinne, 
daz si sin als flizec was, 
biz daz er von ir haut genas? 
merket wunder, beeret her: 

der partiersere, wie kan er 8350 

gesehendiu ougen blenden 
und allez daz verenden, 
daz er ze endenne hat.» 

Hie mite gevielen s' an den rät, 
die Markes rätes pflägen, 8356 

daz si Marke an lägen 
beidiu fruo und späte 
mit flizeclichem rate, 
(211) daz er ein wip naeme, 

von der er z'erben kaeme 8360 

einer töhter oder eines suns. 



8332 su'inde adv., (geschwind), stark, hart, feindselig. — 8334 ze moere 
bringen, auch ze mceren br. wird wie unser: ins Gerede bringen meist in 
Übelm Sinne gebraucht; vgl. 14777. 153S3. Sommer zu Flore 1553. — 8350 />ar- 
tiercerc (Lesart pärätiere) stra., Betrüger; vgl. zu 874. 



280 XII. DIE BßAÜTFAHRT. 

Marke sprach: «got der hat uns 

einen güoten erben gegeben; 

got helfe uns, daz er müeze leben! 

Tristan, die wile er leben sol, 8365 

so wizzet endeliche wol, 

sone sol niemer künigin 

noch frouwe hie ze hove gesin. » 

hie mite wart des hazzes me, 

des nides aber do me dan e, 8370 

den si Tristande truogen, 

und begünde ouch an genuogen 

üz brechen alse sere, 

daz si'z in do niht mere 

vor verhelen künden 8376 

und ime ze manegen stunden 

die gebserde buten und diu wort, 

daz er ervorhte den mort 

und was in den sorgen ie, 

daz si eteswenne und eteswie 8380 

den rät enein getrüegen, 

daz si'n mortliche slüegen. ♦ 

sinen deheim Marke den bat er, 

daz er der läntherren ger 

ze einem ende brsehte 8385 

und durch got bedachte 

sin angest unde sine not. 

erne weste, wenne ez sin tot 

und sin ende wsere. 

Sin Geheim der gewsere 8390 

der sprach: «neve Tristan, 
swic, ich enkume hie niemer an: 
i'ne ger niht erben niuwan din; 
ouch soltu gar an' angest sin 

umbe diiien lip und umbe din leben: 8395 

ich wil dir guoten fride geben. 
ir aller niden unde ir haz 



8375 vor verheln mit dat. = vor einem verhehlen. — 8378 erfärhten. 
8WV., befürchten. — 8380 eteswenne adv., irgendwenn, einmal. — eteswie 
adv., irgendwie. — 8382 7r/or«tcÄe adv., mörderisch. — ^i^i wenne (= wanne) 
adv. conj., wann. 

8397 niden (stv., nhd. beneiden swv.) subst. inf. stn., Beneiden, Neid; 
hier und im Folgenden (vgl. auch V. 8328) stimmen nit und niden mit dem 
modernen Begriffe zusammen [Haß und Neid noch heute formelhaft]. — 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 281 

nu, SO dir got, waz wirret dir daz? 
(212) hazzen unde niden 

daz muoz der biderbe liden: 8400 

der man der wirdet al die frist, 

die wile und er geniten ist. 

wird' unde nit diu zwei diu sint 

reht' alse ein muoter unde ir kint. 

diu wirde diu birt alle zit 8405 

und füeret häz unde nit. 

wen gevället ouch me hazzes an 

dan einen sselfgen man? 

diu saelde ist arm unde swach, 

diu nie deheinen haz gesach. 8410 

lebe iemer und wirp iemer daz, 

daz du einen tac sist äne haz: 

du enwirbest niemer daz, 

daz du iemer werdest äne haz. 

wellest aber von boeser diet 8415 

ungehäzzet sin, so sing ir liet 

und wis mit in ein boese wiht, 

söne hazzent si dich nilit. 

Tristan, swaz ieman getuo, 

so rihte du dich ie dar zuo, 8420 

daz du hohes muotes sis: 

wis vor bedenkende alle wis 

dinen frümen und din ere 

und enrät mir daz uiht mere, 

daz dir ze schaden müge ergän. 8425 

swaz rede hier umbe wirt getan, 

des envölge ich weder in noch dir.» 

«herre, so gebietet mir, 

so wil ich von dem hove varn: 

i'ne mäc mich vor in niht bewarn. 8430 

sol ich bi disera hazze wesen, 

sone kän ich niemer genesen. 

e ich sus angesliche 

elliu künicriche 



8399 und die folgenden Zeilen bis 8418 haben einen sprichwörtlichen Charak- 
ter, namentlich 8411 — 14 wegen der Wiederholung der Reime. — 8401 wir- 
den Bv-'v. hier intrans., würdig sein. — 8407 an gefallen mit acc, einem 
anfallen, einem zufallen, beschieden sein. — 8416 ungehaztet adj. part. = 
nilit gehazzet. 



282 XII. DIE BRAUTFAHRT. 

wolte haben ze ininer hant, 8435 

ich waere e iemer äne lant.» 

Do Marke sineu ernest sach, 
er bat in swigen unde sprach: 
(213) «neve, swie gerne ich stoete 

und triuwe zuo dir hsete, 8440 

söne gestatest du mir's niht. 

swaz so nü hier üz geschiht, 

da bin ich gar unschuldic an. 

swie ich dir nü gevolgen kan, 

da bin ich aber bereite zuo 

sage an, wie wildu daz ich tue?« 

«da besendet iuwern hoverät, 

der iuch hier üf geleitet hat, 

und erväret iegeliches muot: 

fraget, wie si dunke guot, 8450 

daz ir hie mite gebäret; 

ir willen so geväret, 

daz ez mit eren müge gestän.» 

Nu diz wart schiere getan, 
daz si alle wären besant. 8455 

nu die gerieten ouch zehant 
und niuwan durch Tristandes not, 
möht' ez gesin, diu schcene Isöt 
diu gezseme im wol ze wibe 

an gebürt, an tugent, an libe, 8460 

und stäten ouch den rät also. 
vür Marken kömen s' alle do; 
ir einer, der ez künde, 
der sprach mit einem munde 

ir aller willen unde ir muot: 8465 

«herr^», sprach er «uns dunket guot, 
diu schoene Isot von Irlant, 
als al den landen ist bekant, 



8439 fg. stcete (Beständigkeit, Treue) und triuwe steht hier formelhaft 
für den Begriff: Treue und Liebe und //ce/e = bewährte. — 8449 ervaret 
der Hss. wohl niclit mit Maßmann erväret (erlauert, erlistet), welches 
Wort bei Gottfried, der sonst vären und gevären (s. zu 8452. 11800) ge- 
braucht, nicht vorkommt, sondern errare/ = erforschet (vgl. zu 12762. 
13673. 13745). — 8452 gevären swv., verst. vären, belauern, beobachten. 

8461 stäten =stceteten prset. von stceten swv., hier: feststellen. — 



XII. DIE BRAUTFAHKT. 283 

diu uns und in gelegen sint, 

diu ist ein maget unde ein kiut, 8470 

an die wiplicliiu saelekeit 
al die sa^lde hat geleit, 
die si dar gelegen künde, 
als ir ze maneger stunde 

von ir selbe habet vernomen, 8475 

diu ist sfelic unde vollekomeu 
an lebene unde an libe; 
mag iu diu ze wibe 
(214) und uns ze frouwen werden, 

sone kän uns üf der erden 8480 

an wibe niemer baz geschehen.» 

der künic sprach: «lät, herre, sehen, 

ob ich die gerne wolte hän , 

wie solte ez iemer ergän? 

wan nemet ir doch in iuwern sin, 8485 

wie'z ünder uns und under in 

nu guote wile si gewant: 

uns hazzet Hute unde lant. 

Gurmün ist mir von herzen gram 

und hat ouch relit, ich bin im sam. 8490 

wer getrüege iemer under uns zwein 

so gröze friuntschäft enein?» 

«herre», sprächen s' aber do 

«ez flieget sich vil dicke also, 

daz under landen schade ergät; 8495 

so suln si beidenthalben rät 

beidiu süochen unde vinden 

und suln ez mit ir kinden 

wider ze suone bringen. 

üz häzli'chen dingen 8500 

wirt dicke michel friuntschäft. 

Sit ir hie zuo gedänchäft: 

ir mugct noch wol geleben den tac, 

daz Irlant iuwer werden mac. 

Irlant stät niuwan an in drin: 8505 

künic unde künigin 



8469 gelegen pari, adj., (nahe gelegen), benachbart. — 8473 gelegen, verst. 
legen. — 8488 liazzet sing, statt pl. trotz des Plurals Hute; diese Freiheit 
gestattet sich die ältere Sprache; vgl. Gr. 4, 199. — 8490 sam adv., so, 
ebenso; bei Gottfried sonst häufiger alsaiu. — 8496 beidenthalben adv. 
(dat. pl.), auf beiden Seiten. — 



284 XII. DIE BBAUTFAHRT. 

an Isot' eine geerbet sint. 
si ist ir einigez kint. » 

Des antwurt' in do Marke: 
«Tristan der hat mich starke 8510 

in gedanke durch si bräht: 
ich hän vil durch si gedäht, 
als er si lobete wider mich, 
von den gedanken bin ouch ich 
von den andern allen 8515 

s6 sere an si gevallen, 
sine müge mir danne werden, 
sone Wirt üf dirre erden 
(215) niemör deheiniu min wip , 

sem mir got und min selbes lip.» 8520 

den eit tet er niht umbe daz, 

daz ime sin gemüete iht baz 

so hin stüende danne her: 

durch die kündekeit swuor er, 

daz es im gar was ungedäht, 8525 

daz ez iemer würde z'ende bräht. 

Des küneges rät sprach aber do: 
«herre, gefüeget ir'z also, 
daz min her Tristan, der hie stät, 
der da ze hove künde hat, 8530 

iuwer böteschaft da werben wil, 
so ist ez allez an ein zil 
und an ein stsetez ende bräht. 
der ist wis' unde wol bedäht 

und saelic z'allen dingen; 8535 

der mag ez z'ende bringen: 
er kan ir aller spräche wol, 
er endet, swaz er enden sol.» 
cir ratet übel», sprach Marke 
«ir flizet iuch ze starke 8540 



8507 erben swv., hier: vererben, als Erbe bestimmen. 

8511 in gedanke bringen^ auf Gedanken bringen, nachdenklich macheu. 
— 8512 entsprechend unserm: sie hat mir viel im Sinne gelegen. — 
8525 ungedälit adj. part., hier nicht: unbewusst (vgl. 916), sondern etwa: 
undenkbar; indem es ihm nicht einfiel, daran zu denken; zu beachten ist 
es (nicht ez wie das mhd. Wb. citiert) = sCre (wie auch Hs. W hat), wegen, 
des Genetivs bei denken und gedenken; ebenso es in V. 6328. 

8530 künde stf., hier: Bekanntschaft: der am Hofe sich auskennt. — 
8531 böteschaft werben, Botschaft ausrichten, als Gesandter dienen. — 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 285 

Tristandes schaden und siner not. 

er ist doch z'einem male tot 

vür iuch und iuwer erben. 

ir sult in aber sterben 

ze dem änderen male. 8545 

nein ir von Kurnewäle, . 

ir müezet selbe da hin: 

nimere enrätet mir üf in ! » 

«Herr^», sprach aber Tristan 
«sine misseredent niht hier an. 8550 

ez waere wol gefüege, 
swä iuch der muot zuo trüege, 
griff' ich ez bältlicher an 
und bereiter danne ein ander man; 
und ist ouch reht, daz ich ez tuo. 8555 

herr', ich bin harte guot derzuo: 
ez enwirbet zwäre niemen baz. 
gebietet et in allen daz, 
(216) daz si selbe mit mir varn, 

hin unde her mit mir bewarn 8560 

iuwer dinc und iuwer ere.» 

«nein, du enkumest niht mere 

in ir gewalt und in ir haut, 

Sit dich got wider hat gesant.» 

«herre, zwäre diz muoz wesen: 8565 

suln si da sterben oder genesen, 

daz muoz ouch mir mit in geschehen. 

ich wil si selbe läzen sehen, 

belibet diz laut erben fri, 

op daz von minen schulden si. 8570 

heizet si sich bereiten; 

ich wil den kiel leiten 

und füeren mit min selbes haut 

in daz sselege Irlänt 

hin wider ze Develine 8575 

gein der sunnen schine, 

der manegem herzen fröude birt. 

wer weiz, ob uns diu schcene wirt. 

herrö, würd' iu diu schcene Isot, 

laegen wir dan alle tot, 8580 



8544 sult, hier wieder = wollt. — sterben swv. mit acc, verderben. 



286 XII. DIE BRAUTFAHRT. 

da wsere lützel schaden au.» 

und alse Markes rätniäu 

gehörten, war diu rede gie, 

sine würden alse riuwic nie 

in allen ir jären, 8585 

so si der rede wären. 

nu muose ez unde solte wesen. 

Tristan hiez üz dem hove lesen 
des küneges heinlichsere 

zweinzec ritter gewaere 8590 

und zuo der not die besten, 
von lande und von gesten 
gewan er sehzic umbe solt. 
des rätes hsete er äne golt 

zweinzec lantbarüne. 8595 

sus was der cumpanjüne 
hundert unde deheiner me. 
mit den fuor Tristan über se, 
(217) die wären sin geselleschaft, 

und fuorte ouch rates die kraft 8600 

an spise unde an waete, 
an anderni schifgeraete , 
daz so vil liuten zuo ir vart 
nie kiel so wol beraten wart. 

Si lesent an Tristande, 8605 

daz ein swälwe ze Irlande 
von Kurnewäle kseme, 
ein frouwen här da naeme 
ze ir bü'we und z'ir geniste, 

(i'ne weiz, wä si'z da wiste) 8610 

und fuorte daz wider über se. 
geniste ie kein swalwe me 
mit solhem ungemache, 



8582 rät man pl., Eathleute, Kathgeber. — 8584 riuwic adj.: hier: 
betrübt. 

8589 heinlichoEre stm., Vertrauter (vgl. zu 15075), g"eheimer Eatli (das 
Wort: Heimlicher hat sich in dieser Bedeutung lange erhalten). — 
8595 lantbarun stm. synonym mit lantherre , lantfürste , der im Land ein- 
gesessene hohe Adeliche. 

8605 an Tristande, ganz wie unser: im Tristan. — 8609 geniste stn., 
hier nicht collectiv = Nester, aber auch nicht = Nest, sondern würde dem 
Begriff: Nistung entsprechen. — 8612 geniste =■ genistete , hat genistet. — 
ie — me, jemals — noch, schon. — 8613 ungemach stn. (18219), hier: Un- 
bequemlichkeit; vgl. 1274, — 



I 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 287 

SO vil SO si büsache 

bi ir in dem lande vant, 8615 

daz si über mer in fremediu lant 

nach ir bugeraete streich? 

weiz got, hie spellet sich der leich, 

hie lispet daz maere. 

ouch ist ez ahvaere, 8620 

swer saget, daz Tristan üf daz mer 

nach wäne schifFete mit her 

lind solte des niht nemen war, 

wie lange er füere oder war, 

und wiste ouch niht, wen suochen. 8625 

waz räch er an den buochen, 

der diz hiez schriben unde lesen? 

ja, waeren s' alle samet gewesen, 

der künic, der iiz sande 

sinen rät von dem lande, 8630 

die boten gouche unde soten, 

waerön si also gewesen boten. 

Nu Tristan was üf sine vart 
und schiffete allez hinewart 

er unde sin geselleschaft; 8635 

der was ein teil vil sörchäft : 
ich meine die barüne, 
die zweinzic cumpanjüne, 
(218) den rät von Kurnewäle: 

die haeten ze dem male 8640 

vil michel angest unde not; 
si wänden alle wesen tot. 



8614 SU vil so st, wie viel sie auch, während sie doch so viel. — busache 
stf.) Bauzeug. — 8618 spellen swv. refl., sich zum spei, zum Geschwätz 
machen, lügenhaft werden. — leich, hier in übertragener und allgemeiner 
Bedeutung: Gedicht, Erzählung? Bech fasst dagegen mit Hinweis auf Mar- 
tina 165, 15 fg. der leich spellet sich als sprichwörtlichen Ausdruck, alsdann 
leich in ursprünglicher Bedeutung. — 8619 lispen swv., lispeln (in welcher 
Bedeutung: schwatzen oder stammeln?) — 8622 nach wäne, auf Gerathe- 
wohl. — 8626 rechen stv., hier im Sinne: was, welches Unrecht hat er an 
den Büchern zu rächen ? was ließ er die Bücher entgelten ? «was thaten 
die Bücher zu Leide dem.») Kurtz; ähnlich Simrock: «was that dem wohl 
das Buch zu Leid.» — 8628 fg. Die Construction der folgenden beiden 
Sätze von den Übersetzern missverstanden oder nicht scharf genug gefasst; 
die Schwierigkeit liegt in der "Wortstellung von V. 8628, nhd. dafür: ja, es 
wären u. s. w. oder: ja, sie allesaramt (der König [und] die Boten) wären 
Narren gewesen, wären sie gewesen d. h. wenn sie gewesen wären also 
(darauf liegt der Nachdruck), auf solche "Weise Boten. — 86.31 <jouch stm.^ 
(Kukuk), Narr; vgl. zu 1035. — soie swra. Fremdwort, franz. sot, Thor. 
."^636 sorchaft adj., s. zu 79. — 



288 XII. DIE BRAÜTFAHET. 

si fluocheten der stunde 

mit herzen und mit munde, 

daz der reise unde der vart 8645 

ze Irland' ie gedäht wart. 

sine künden umbe ir eigen leben 

in selben keinen rät gegeben: 

si rieten her, si rieten hin 

und enkünden nie niht under in 8650 

geraten, daz in tohte 

und daz rät geheizen mohte. 

und was ouch daz kein wunder: 

hier umbe noch hier under 

was rätes niht wan zweier ein, 8655 

in müeze einez under zwein 

bringen umbe ir leben frist, 

äventiure oder list: 

der list was aber da tiure; 

so was ouch äventiure 8660 

ir deheime in wäne: 

si wären beider äne. 

doch sprächen ir genuoge: 

«wisheit unde fuoge 

der ist härte vil an disem man. 8665 

ist, daz uns got gelückes gan, 

wir mugen vil wol mit ime genesen, 

wolt' er deheiner mäze wesen 

an siner blinden frecheit; 

der ist ze vil an in geleit, 8670 

er ist ze frech und ze gemuot, 

ern ruochet hiute, waz er tuot; 

ern gsebe niht ein halbez bröt 

umb' uns noch umbe sin selbes tot. 

und iedoch unser bester wän 8675 

der muoz an sinen sselden stän: 

sin witze muoz uns lere geben, 

wir wir gefristen daz leben. 



8657 frist kann hier unmöglich in unserm Sinne: Frist, Aufschub sein, 
sondern entsprechend fristen in V. 6916 : Erhaltung, Kettung. — 8659 tiure 
adj., in solchen Wendungen = selten, dann: in geringem Maße vorhanden 
oder auch: ganz abhanden; hier scheint wirklich eine Ironie zu Grunde 
zu liegen (vgl. zu 269); [vgl. die noch erhaltene Redensart: da ist guter 
Eath theuer]. — 866d frecheit stf., Dreistigkeit, Tollkühnheit; vgl. zu 641. 
— 8673 nifit ein halbez brot, nicht das Geringste; ähnliche Wendung: niht 
eine halbe bone 15995; vgl. 1682 und zu 3641. 8873. 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 289 

(219) Nu si ze Irlande kämen, 

ir gelende da genämen, 8680 

da man in seite msere, 

daz der künic wiere 

ze ^Veiseforte vür die stat, 

Tristan den anker werfen bat 

wol alse verre von der habe, 8685 

daz man mit einem bogen dar abe 

niht mohte haben geslagen ze in. 

sine läntbarüne bäten in, 

daz er durch got in seite, 

mit waz gelegenheite 8600 

er weite werben umbe daz wip; 

ez gienge in sere an den lip, 

ez diuhte si und wsere oueh guot, 

daz er in seite sinen muot. 

Tristan sprach: «da entuot niht me, 8695 

bewart daz iuwer keiner ge 

hin vür den liuten z' ougen; 

weset alle hinne tougen 

wan knehte und marnaere, 

die vorsehen der msere ^ 8700 

iif der brücke vor der schiftür, 

und iuwer keiner kome dervür. 

swiget unde tuot iuch in; 

ich wil selbe da vor sin, 

wan ich die läntspräche kan. 8705 

man wirt uns schiere komende an 

von den bürgseren 

mit übelichen mseren; 

den muoz ich liegen disen tac, 

swaz ich in geliegen mac. 8710 

helet ir iuch hier inne; 

wan wirt man iuwer inne, 

so haben wir strit an der hant, 



8687 slaheh stv. (mit einem boyen) steht hier ungewöhnlich in der Be- 
deutung: treffen, und insofern für: schießen. Vgl. zu dieser Stelle Grimm's 
Kcchtsalterthümer, S. t)0. — 8698 hinne (= hie inne) adv. ; noch einmal im 
Reime 10645. — 8701 brücke = schif brücke , s. zu 13372. — schiftür stf. = 
schiftor, Schiffseingang; vgl. 8720. — 8708 übelich { = übellich) adj., übel 
beschaffen, bösartig. — 8709 liegen stv. hier mit dat., einem Unwahrheiten 
sagen, etwa unser: vorlügen; bei Gottfried in dieser Weise einigemal. — 
8710 geliegen stv. mit acc. und dat., verst. liegen. — 8711 helen stv. refl., sich 
verbergen, sich verborgen halten. — 8713 an der hant, wolil ii\ch\. ^= zch<mt, 
sofort, sondern: in Händen, wie unser: auf dem oder am Halse haben. — 

GOTTFRIED VON STRASSBURO. I. 2. Aufl. 19 



290 XII. DIE BRAUTFAHRT. 

und bestät uns ällez daz lant. 

die wile ich morgen uze si; 8715 

wan ich wil ri'ten hie bi 
üf äventiure vil früo, 
mir gelinge oder entuo: 
(220) so si Kurvenal da vor 

und ander mit im an dem tor, 8720 

den diu spräche si bekant. 

und eines dinges sit gemant: 

ist, daz ich under wegen si 

zwene tage oder dri, 

zehant enbitet min niht me, 8725 

entrinnet wider über se 

und erneret leben unde lip; 

so hän ich eine daz wip 

verzinset mit dem libe, 

so ratet ir ze wibe 8730 

iuwerm herren, swar iuch dunke guot: 

diz ist min rät und ouch min muot.» 

Des küneges marschalc von Irlant, 
in des gewalt und in des haut 
ez allez stuont, stat unde habe, 8735 

der kom gerüeret dort her abe 
gewäfent unde wi'cgär 
mit einer michelen schar 
beidiu der burgser' unde ir boten, 
als in von hove was geboten, 8740 

und als daz mgere hie vor gibt, 
der da vor an daz mgere siht: 
swer dar ze Stade gestieze, 
daz man in vähen hieze, 

biz man vil rehte erkande, 8745 

ob er von Markes lande 
und des gesindes wsere. 
die selben wizensere, 



8718 entuon (nicht tliun) steht hier Verbum vertretend = wjä^ gelinge; die 
moderne Sprache setzt dafür die einfache Negation: nicht (oder je nach 
Umständen nicht thun mit dem Accusativ eines Pronomens: oder thue es 
nicht), — 8729 verzinsen swv., bezahlen: ich habe njein Leben für das 
Weib zum Opfer gebracht. 

8737 utcgar adj. kampfgerüstet; vgl. zu 5956. — 8741 fg. Wortspiel 
mit vor: hie vor, vorher, da vor, vornehin. vor sehen, entsprechend unserm ; 
nachsehen. — 8748 wizenoere (von wizenen swv. , strafen , bei Gottfried 
nicht vorkommend) stm., Peiniger. — 



XII. DIE BRAÜTFAHKT. 291 

die leiden mortrseteu, 

die manegen mört haeten 8750 

begangen mit Unschulden 

ir herren ze hulden, 

die körnen in die habe gezogen 

mit ärmbrüsten und mit bogen 

und mit ander wi'cwer, 8755 

also von rehte ein röupher. 

Des kieles meister Tristan 
leit' eine reisekappen an 
(•221) durch anders niht wan umbe daz, 

daz er sich hsele deste baz. 8760 

euch hiez er einen köpf dar tragen 

von rotem gölde geslagen 

und gewörht ze fremedem prise 

in engeloiser wise. 

sus trat er in ein schiffelin 8765 

und Kurvenal zuo z'ime dar in 

und kerte hin engegen der habe 

und bot in siuen gruoz hin abe 

mit gebeerden und mit munde, 

so er süozeste künde. 8770 

swaz aber des gruozes wsere, 

genuoge bürgaere 

zen schifielinen liefen, 

von Stade genuoge riefen : 

«habe an laut, habe an laut!» 8775 

Tristan stiez in die habe zehant. 

«ir herren», sprach er «saget mir. 



j 



wie komet ir sus? waz tiutet ir 



8749 mortrcete adj. subst., Mordstifter. — S751 mit Unschulden = sing, mit 
Unschuld, ohne Schuld ; die Worte beziehen sich aber nicht etwa auf das 
Verbum und auf die u-lzencere und mortrcefen, was man aus dem folgenden 
Verse schließen könnte, weil sie es gezwungen thaten, sondern auf mort, 
der unschuldig, unverdient war. — 8752 ze hulden (dat. pl.) = zu Lieb, zu 
Gefallen. — 8755 u-tcwer stf., Kriegsrüstung. 

8761 kop/ stm., Becher [Kopf für das ganze Haupt jünger]. — 8762 ge- 
slagen bezieht sich auf die Gediegenheit des Metalls; es war keine getrie- 
bene Arbeit. — 8769 hier stimmt mit yeboerden im Gegensatze zu mit dem 
munde mit dem heutigen Ausdrucke, doch liegt mehr im Worte als die 
bloße rein körperliche Bewegung der Gliedmaßen, etwa: das Winken und 
Verneigen. — 8775 habe an lant, elliptisch = halte das Schifif dem Lande zu, 
steuere ans Land! — 8778 tiuten mit acc. = andeuten : was soll euer nnge- 
verte bedeuten? (in V. 6799 unpersönlich: waz tiutet (/az = was bedeutet 
das r ) — 

19* 



292 XII. DIE BRAUTFAHRT. 

mit disem UDgeverte? 

iur gebaerde die siut herte. 8780 

i'n weiz, wes ich mich versehen sol. 

durch gotes willen tuot so wol, 

si iemen bi iu an der habe, 

der gewält von dem lande habe, 

der hoere imde verneme mich!» 8785 

«ja», sprach der marschalc «hie bin ich: 

min geb^erde und min geverte 

diu werdent iu so herte, 

daz ich beuamen wizzen wil 

iuwer geverte iinz üf ein zii.» 8790 

«entriuwen, herre», sprach Tristan 

«da habet ir mich bereiten an; 

der mir geswigen hieze 

und mich ze spräche lieze, 

des selben wolte ich gerne biten, 8795 

daz man mit güotli'chen siten 

und so min wort vernaeme, 

als ez dem lande zaeme. •> 

(222) Hie mite wart ime ein stille gegeben. 

«herr^». sprach Tristan «unser leben, 8800 

unser geburt und unser lant 

dar umbe ist ez also gewant, 

als ich iu hie bediute: 

wir sin werbende Hute 

und mugen uns des niht geschamen. 8805 

koufliute heizen wir benamen 

ich und min cumpanie 

und sin von Normandie. 



8779 ungeverte stn., hier in übertragener uud allgemeiner Bedeutung: übele 
Art, unfreundliches Begegnen. — 8780 herte adj., liart, rauh. — 8787 ge- 
verte stn., auch hier allgemein: Art, Wesen. — 8790 geverte hat dagegen 
in stilistischem Gegensatze hier die Bedeutung : Absicht der Fahrt, Beise- 
zweck. — unz vf ein s«7 = bis zu Ende, d. h. ganz genau. — 8793 yeswiyen 
stv., verst. steigen; ob der Dativ 7nir direct zu geswigen zu ziehen ist, wie 
das mhd. Wb. II, 2, 788'', 3 anführt (also: wenn einer hieße vor mir zu 
schweigen, wenn einer befähle , daß man mir schweigend zuhöre), scheint 
mir fraglich; wegen der stilistischen Congruenz mit der folgenden Zeile 
(mich lieze) möchte ich ?/«/> zu hieze ziehen, und gesivxgen stünde dann 
nahezu substantivisch : wenn einer mir , für mich , in meinem iHteresse 
Schweigen anbefehlen wollte ; wenn man mir Gehör verschaffen wollte. — 
8796 guotlich adj., gütig, freundlich; vgl. 2676. 

8799 eine stille geben = unserm : Ruhe schaffen. — 8805 geschamen^ 
verst. schämen. — 8806 heizen steht in älterer Sprache öfters, wo wir: sein 
anzuwenden pflegen. — 



XII. DIE BRAUTFAHRT. 293 

unser wi'p und unser kint sint da. 
wir selbe sin wä uude wa 8810 

von lande ze lande 
koufende aller liande 
und gewinnen, daz wir uns betragen, 
und innen disen drizec tagen 

do fuoren wir von lande dan, 8815 

ich und zwen' ander köufmän. 
wir dri wir wolten under uns drin 
mit geselleschaft ze Iberne sin; 
und sint wol ahte tage iezuo, 
daz uns an einem tage fruo' 8820 

von hinnen verre ein wint bestuont, 
als uns die winde dicke tuont; 
der hat uns dri gescheiden, 
mich einen von in beiden, 

und enweiz niht, wie si sin gevarn, 8825 

wan got der müeze si bewarn, 
si sin lebende oder tot! 
ich bin mit micheler not 
vil manegen übelen wec geslagen 
in disen swseren ahte tagen; 8830 

und gester umbe den mitten tac, 
dö stürm ünde wint gelac, 
do erkände ich berge unde laut, 
durch ruowen kerte ich dar zehant 
und ruowete unze hiute da;» 8835 

hiut' an dem morgen iesä 
do ez liehtende wart, 
dö streich ich aber üf mine vart 
(223) alhie her wider Weisefort. 

nu vert ez hie wirs danne dort. 8840 

ich waene, ich bin noch ungenesen; 
doch wände ich hie genesen wesen. 



SS13 betrauen swv. refl. (in jüngerer Zeit auch stv. und mit dem andern 
betrayen stv. scheinbar zusammenfallend ähnlich wie bei laden stv. und 
8WV.), sich ernähren. — 8814 innen adv. prtep. mit dat. (ähnlich wie inner 
7962), innerhalb; vgl. zu 18182. — ^^2'd geslagen wie in V. 7(i03 = getrieben. 
— 8831 mitte adj., mittler [jetzt die völlige Zusammensetzung: Mittag au» 
mittetac allein geläufig]. — 8832 gelac = i\c\i gelegt hatte. — 8837 liehten 
8WV., licht werden, tagen; vgl. hhW. — 8841 ungenesen adj. part., hier par- 
ticipialer zu fassen als in V. G9ö7 = w/ä< genesen im Anschluß an genesen 
im folgenden Verse, welches aber selbst als Adjectiv zu nehmen ist. un- 
gencsen von Kurtz gut getroffen «ungeborgen». — 



294 XII. DIE BRAUTFAHRT. 

wan ich die stat erkenne 

und bin ouch eteswenne 

mit koufliuten hie gewesen. 8845 

deste baz wand' ich genesen 

und hie genäde vinden. 

nu bin ich stürmwinden 

alrerste in die hant gevarn, 

doch mac mich got noch wol bewarn; 8850 

Sit ich bi disem gesinde 

weder fride noch ruowe vinde, 

so kere ich wider üf daz mer. 

da hän ich al der werlde wer 

und strit genuogen an der fluht. 8855 

geruochet aber ir iuwer zuht 

und iuwer ere an mir begän, 

der mäze als ich hie guotes hän, 

daz teile ich iu vil gerne mite 

umb' eine kürzliche bite, 8860 

daz ir mir unde miner habe 

schaffet fride in dirre habe, 

biz ich besuoche unde besehe, 

op mir diu seelde geschehe, 

daz ich min lantgesinde 8865 

ervorsche unde ervinde. 

und wellet ir mich des gewern, 

so heizet mir ouch fride bern. 

si gähent vaste dort her, 

i'ne weiz weihe oder wer, 8870 

in kleinen schiffelinen; 

oder ich var wider zen minen 

und fürhte iuch alle niht ein strö.» 

Der marschalc der hiez s' alle do 
wider keren an daz laut. 8875 



8854 al der werlde gen. abhängig von wer, Wehr, Schutz : ich habe (finde) 
Schutz vor aller Welt in der Flucht; oder ist al der werlde zu fassen als 
emphatische Umschreibung für : all : ich finde allen nur erdenklichen 
Schutz? — 8855 genuogen kaum Advörb, son&eTn. = genuogen, bedeutenden, 
vollkommenen, strtt. — Die Übersetzer geben strtt mit: Streitkraft; das 
liegt hier wohl nicht im Worte , sondern strtt steht metaphorisch wie in 
der Wendung den strtt lau, für: Sieg, Kettung. — 8858 der mäze adv. gen., 
(dermaßen), im Verhältnisse, so viel. — 8860 bite stf., hier: Verweilen, Auf- 
enthalt. — 8863 besuochen swv., versuchen , nachsuchen. — 8866 ervinden 
stv., finden, ausfindig machen. — 8869 vaste adv., fest, sehr; vgl. 15551. — 
8873 niht ein stro, nicht einen Strohhalm, d. h. gar nichts; ähnliche Wen- 
dungen bei Gottfried ni/it eine ber (Beere) 16272, nild ein här 16537, niht 
eine bone 16880; vgl. zu 3641. 8673. 



XII. DIE BRAÜTFAHRT. 295 

zem gaste sprach er al zehant: 
«waz wellet ir dem künege geben, 
daz ich iu guot unde leben 
(224) in disem riche bewar?» 

aber sprach der eilende dar: 8880 

«herre, ich gibe im alle tage, 

swä ich ez gewinne oder bejage 

eine märe von rotem golde; 

und sult ir iu ze solde 

und ze miete disen köpf han, 8885 

ob ich mich's an iuch mac Verlan.» 

«ja», sprächen s' alle zehant: 

«er ist hie marschalc über diz laut.» 

der marschalc sine gäbe nam, 

diu dühte in riche und lobesam, 8890 

und hiez in stozen in die habe; 

sinem libe und siner habe 

fride ünde genäde er do gebot. 

da wären si rieh unde rot, 

ich meine zins ünde solt: 8895 

rieh unde rot des küneges golt, 

des boten solt rot unde rieh: 

si wären beidiu ri'li'ch. 

daz half ouch ime, daz ime geschach 

beidiu genäde unde gemach. 8900 



xiir. 

DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

Durch einen Drachen war das Land in , große Noth versetzt. Der 
König hatte dem Eitter, der ihn erlegen würde, seine Tochter gelobt. 
Tausende waren schon im Kampfe umgekommen. Davon hatte auch Tri- 
stan gehört und darauf baute er seinen Plan. Andern Tages reitet er 
wohlgewappnet nach dem Thal Anferginan, dem Aufenthalt des Drachen. 
Er sieht auf dem Wege vier Kitter dahinfliehen, unter ihnen den feigen 
Truchseß der Königin, welcher die junge Königin begehrte. Tiistan 
findet den Drachen und erlegt ihn in heißem Kampfe. Sein Ross büßt 
er ein. Tristan schneidet die Zunge aus dem Drachenhaupte und steckt 
sie zu sich. Ermüdet senkt er sich, Kühlung suchend, in eine kleine 
Lache, aber der Dunst der Drachenzunge raubt ihm die Besinnung. 

Der Truchseß bemächtigt sich des erlegten Drachen, aber den Ritter, 
der ihn erschlagen , entdeckt er nicht. Er bricht seinen Speer entzwei 
und stößt das vordere Stück zum Schein in des Drachen Schlund. Er 
reitet nach Weisefort zurück, verkündet seine Heldenthat und [lässt auf 
einem Lastwagen das Haupt des Drachen nach Hause schaffen. Darauf 
mahnt er den König Gurmun an sein Gelübde. 

Des Truchseß Sieg schmerzt die schöne Isolt, lieber will sie injden 
Tod, als des Verhassten Weib werden. Ihre Mutter wahrsagt ihr zum 
Tröste, ein Fremder habe den Drachen erschlagen. Die Frauen reiten in 
Begleitung ihrer Niftel Brangsene und des Knappen Paranis zur Kampf- 
stätte und entdecken endlich den Eitter, den sie entwaffnen, von der be- 
täubenden Zunge befreien und durch ein Heilmittel wieder ins Leben 
zurückrufen. Die junge Isolt erkennt in ihm den Spielmann Tantris. Sie 
schaffen ihn unbemerkt mit sich und nehmen ihn in ihre Pflege. Andern 
Tages erklärt sich Tantris aus Dankbarkeit bereit , im Nothfalle mit dem 
Truchseß kämpfen zu wollen. 



Unterdessen ist Tristan's Reisegesellschaft in Ungewissheit und Sorge. 
Sie haben vernommen, daß ein Ritter im Kampfe mit dem Drachen todt 
geblieben sei , und senden deshalb Kurvenal auf Kundschaft aus. Dieser 
findet den Drachen und das verstümmelte Ross, welches er als das seines 
Herrn erkennt. Schmerzvoll kehrt er zurück. Die Mehrzahl der Gefähr- 
ten beschließt zum Leidwesen der Barone noch mindestens zwei Tage aus- 
zuharren und weitere Forschungen anzustellen. 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 297 

Der Truchseß macht vor der Versammlung des Hofes und der^Ritter- 
schaft seine Ansprüche geltend und beruft sich auf das mitgebrachte 
Wahrzeichen. Die Königin leugnet sein Verdienst; ein anderer habe den 
Drachen erschlagen. Der Truchseß erbietet sich, es auf einen Kampf mit 
dem Unbekannten ankommen zu lassen. In drei Tagen soll dieser Kampf 
stattfinden. 



Nu Tristan der ist ze fride komen. 
ie noch hat nieman vernomen, 
waz er welle ane gän: 
nu sol man ez iuch wizzen lan, 
son' erlänget iuch des mseres niht. 8905 

diz msere saget unde giht 
von einem serpände; 
der was dö da ze lande, 
der selbe leide väla'nt 

der haete Hute unde laut 8910 

mit also schädelichem schaden 
so schädelichen überladen, 
daz der künec swuor einen eit 
bi küniclicher wärheit, 

swer ime benseme daz leben, 8915 

er wolte im sine tohter geben, 
der edel und ritter wsere. 
diz selbe läntmsere 
(225) und daz vil wunnecliche wip 

verluren tüsenden den lip, 8920 

die dar ze kämpfe kämen, 

ir ende da genämen; 

des maeres was daz länt vol. 

diz maere erkande euch Tristan wol: 

diz eine starcte in dar an, 8925 

daz er der reise ie began, 

diz was sin meistiu zuoversiht, 

anders trostes haete er niht. 

nu ist es zit, nu kere zuo! 



S905 mich erlanget mit gen., (wie sonst belanget) mich langweilt etwas. 

— 8907 serpant stm., Fremdwort, gen. serpandes, Schlange, Drache; sonst 
gebraucht Gottfried auch trache. — 8917 der = swer , wenn, falls derselbe. 

— 8918 lantmaere stn., allgemeines Gerücht; vgl. 8923. — 8920 Verliesen stv. 
hier traus. , verderben, zu Grunde richten; vgl. 9S11. 16520. — 8922 ende 
nemen, (/e/iemen := Ende finden, in älterer Sprache häufiger [nhd. Ende 
meist mit Adjectiv verbunden]. — 8929 kere tuo'. wörtlich : eile herbei (5490) 
= fang an ! ruft sich der Dicliter im Sinne eines Zuhörers selbst zu ; auf 
Tristan ist es wohl kaum zu beziehen. 



298 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

Des änderen tages fruo 8930 

so wäfende er sich alse wol, 
also ein man ze noeten sol. 
üf ein starkez ors saz er, 
er hiez im reichen ein sper 

groz ünde veste, 8935 

daz Sterkeste und daz beste, 
daz man in dem kiele vant. 
üf sinen wec reit er zehant 
über velt und über gevilde; 

er nam im in der wilde 8940 

manege kere und manege vart. 
und alse der tac stigende wart, 
do liez er vaste hine gän 
wider daz tal ze Anferginän, 

da was des trachen heimwist, 8945 

also man an der geste list. 
DU sach er verre dort hin dan 
vier gewiiifende man 
über üngeverte und über velt 

ein lützel balder danne enzelt 8950 

fliehende gälopieren. 
der einer von den vieren 
truhsaeze was der künigin, 
der was ouch und wolte sin 

der jungen küniginne amis 8955 

wider ir willen alle wis; 
und alse ieman ze velde reit 
durch gelücke und durch mänheit, 
(226) so was ouch der truhsaeze da 

eteswenne und eteswä 8960 

durch niht, wan daz man jaehe, 

daz man ouch in da ssehe, 

da man nach äventiure rite, 

und anders was ouch niht dermite, 



8943 hier die Ellipse gän läzen (5054) in der Verbindung mit hin, hin- 
sprengen. — 8945 heimwist stf., Heimwesen, "Wohnsitz. — 8946 geste stf., 
Fremdwort, lat. gesta, Geschichte = mcere, äventiure, istSrje. — 8949 ünge- 
verte stv., hier: Unweg, unwegsame Strecke. — 8950 balder comp, adv., 
schneller. — emelt {=inzelt) adv., im Zeltgange (eine Art Trab). — 
8960 eteswenne und eteswä hier formelhaft nebeneinander in der Bedeu- 
tung: immer und überall. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 299 

wan ern gesacli den trachen nie, 8965 

er enkerte bälderichen ie. 

Nu Tristan wart vil wol gewar 
an der fliehenden schar, 
der trache der waere etswä da, 
und Stapfete ouch des endes sä 8970 

und reit unlange, unz er gesach 
siner ougen ungemach, 
den egeslichen trachen; 
der warf üz sinem rächen 

rouch unde flammen unde wint 8975 

rehte alse des tiuvels kirit 
und kerte gein im aldort her. 
Tristan der säncte daz sper, 
daz ors er mit den sporen nam: 
so swinde er dar gerüeret kam, 8980 

daz er'm daz sper zem giele in stach, 
so daz ez ime den rächen brach 
und innen an dem herzen want, 
unde er selbe üf den serpant 

so sere mit dem orse stiez, 8985 

daz er daz ors da totez liez 
und er da von vil küme entran. 
der trache gieng ez aber an 
mit phnäste und mit fiure, 
unz ez der ungehiure 8990 



8966 leeren, hier: umkehren. — bälderichen (M bälderichen, H beldertchen) 
adv. macht Schwierigkeiten ; eine befriedigende Erklärung des in den 
Haupthss. ziemlich einheitlich überlieferten Textes ist bisjetzt nicht ge- 
funden; eine von mir erlassene öffentliche Frage und Bitte um Aufklä- 
rung (in Pfeiffer's Germania 12, 318 fg.) ist leider nicht beantwortet wor- 
den. Den Text gegen die Überlieferung zu ändern, scheint gewagt. Nahe 
liegt balde den rucken: ohne daß er nicht bald den Rücken wendete. Ver- 
sucht wurde ferner im näheren Anschluß an die Hss. beide (gen. von beide 
stf., Muth) rlche : daß er nicht mutlivoll (in ironischem Sinne) immer wie- 
der umgekehrt wäre, ferner: beldeclichen adv,, muthxg, zuletzt beldcricher 
compar. (von v. Hagen, Germ. Studien, 1, 5«) : als daß er (ern abh. von niht 
in Y. 8964) stets unverschämter (in seinen Bewerbungen um Isolt) zurück- 
kehrte. Wahrscheinlich liegt ein sprichwörtlicher Ausdruck vor, der noch 
zu deuten ist. 

8969 etswä adv., hier in der ersten Bedeutung : irgendwo. — 8970 stapfen 
swv., treten, schreiten, insbesondere wie hier: langsam reiten. — Sdü eges- 
Itch adj., schrecklich, j^reulich. — 8980 swinde adv., hier = geschwind. — 
8981 ijiel stm., Sclilund, Eachen. — 8982 Hagen schreibt mit F so daz ez 
im in (in) zem rächen brach (=W, nur fehlt ?m) ; Groote folgt H, hält aber 
die Lesart von O so daz ez in dem rächen brach für die richtigste; das 
mild. Wörterbuch citiert nach F. Die gewählte Lesart übereinstimmend 
in M und H bedeutet : sodaß er (der Speer) ihm (dem Drachen) gewaltsam 
durch den Rachen drang. — 8989 phnäst stm.. Schnauben. — 



300 XIII. DER KÄMPF MIT DEM DRACHEN. 

vor dem sätele gar verswande. 

nu was im aber als ande 

daz sper, daz in da serte, 

daz er von dem orse kerte 

hin wider ein steingevelle. 8995 

Tristan sin kampfgeselle 
der kerte im nach, reht' üf sin spor. 
der veige streich im allez vor 
(227) mit solher ungedulte, 

daz er den wält vülte 9000 

mit egeslicher stimme 

und hürste vil von grimme 

abe brande und üz der erden sluoc. 

des treip er vil und so genuoc, 

biz in der smerze überwant, 9005 

und under eine steinwänt 

vil nähen sich gedructe. 

Tristan daz swert dö zucte 

und wände, er funde in äne strit. 

nein, ez wart ängeslicher sit, 9010 

dan ez e mäles wsere. 

doch enwäs ez nie so swsere: 

Tristan ruort' aber den trachen an, 

der trache wider an den man 

und brähte in z'alse grozer not, 9015 

daz er wände wesen tot. 

er liez in nie ze were komen, 

er hsete ime schiere benomen 

beidiu siege unde wer. 

do was sin ouch ein michel her: 9020 

er fuorte mit im an den kämpf 

beidiu röuch ünde tampf 

und ändere stiure 



8991 verswan(ie = ver'iwend€te , verswenden swv, , (verschwinden machen), 
vertilgen. — 8992 ande adj., widerwärtig, unleidlich; von Gottfried nicht 
ungerne gebraucht, auch das Adverbium ; vgl. zu 7088. — 8993 seren swv., 
schmerzen. — 8995 hin gehört zu kerte, wider ist prsep. mit acc, gegen, 
nach — zu; vgl. 2567. 5609. — steingecelle stn. , ein durch Staine unweg- 
samer Platz, >i Steingeklüft». Kurtz. 

9002 hür.'ite gen. pl. (abh. von vil) von hurst, Strauch; das Geschlecht 
stm. oder stf. nicht ersichtlich. — 9007 gedrücken, verst. drücken. — 9013 an 
rüeren, hier deutlich = an 'jän 8988, angreifen, denn im folgenden Verse 
steht CS ebenfalls vom Drachen und Tristan's Boss ist todt; vgl. zu 6981. 
9049. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 301 

an siegen unde an fiure, 

an zenen unde an griffen: 9025 

die wären gesliffen, 
sere schärph unde wahs, 
noch wahser danne ein scharsahs. 
da mite treip er in umbe 

manege ängesliche krumbe 9030 

von böumen ze busclien: 
da muose er sich vertuschen 
und fristen, swie er mohte, 
wan ime der kämpf niht tohte; 
und haete ez doch so sere 9035 

versuochet mit der kere, 
daz ime der schilt vor der hant 
vil nach ze kolen was verbrant, 
(228) wan er gienc in mit fiure an, 

daz er im küme vor entran. 9040 

Doch werte ez niht vil lange, 
der mörtsame slange 
der kom schiere dar an, 
daz er zwivelen began 

und ime daz spar so nähen gie, 9045 

daz er sich aber nider lie 
und want sich ange und ange. 
Tristan was aber unlange, 
er kom gerüeret balde her, 

daz swert daz stach er zuo dem sper 9050 

zem herzen !n unz an die hant. 
nu lie der veige välänt 
einen doz und eine stimme 
so griulich und so grimme 
üz sinem veigen giele, 9055 



9025 (jr'if stm. , (Griff), hier: Klaue. — y026 fg. sind wohl auf beides, auf 
Zähne und Klauen zu beziehen. — gesliffen ist aufzufassen als Adj. part., 
nicht als reines Particip, das folgende scharph ist Adj., nicht Adv. zu sitfen. 
und sere ist Adv. zu scharph, nicht zu gesliffen. — 9027 xcahs adj., schart. 
— 9028 scharsahs stn., Scheermesser. — 9029 fg. ähnliche Wendung in V. 
16064 fg. — 9032 vertuschen swv., verbergen [nhd. beschränkt im Gebrauch, 
nicht mehr reflexiv]. — 9040 vgl. zu 730. 

9044 zvxvelen swv., (zweifeln), verzweifeln, verzagen (F schreibt swi- 
belen swv., welches keineswegs das echte Wort, sondern ein schlecht be- 
zeugtes ir.ll, Ki'fr'j^zt"'* ist). — 904S unlange adv. bei iresen (vgl. zu .5.i64) : 
er war nicht lange aus, blieb nicht lange, zögerte nicht. — 9049 rüpren, 
hier übertragen und allgemein wie unser: sprengen auch von Fußgängern 
gesagt wird; ebenso in V. 16053, in V. 8736 zweifelhaft, da der Marschall 
auch zu Ko38 gewesen sein kann. — 9053 doz stm., Getöse. — 9054 grimme 
adv., grimmig, wüthend. — 



302 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

als himel und erde viele, 

und daz der selbe mörtschäl 

verre in daz lant erhal, 

und Tristan harte sere erschrac. 

und alse der trache do gelac, 9060 

daz er in toten gesach, 

den giel er ime u'f brach, 

mit micheler arebeit; 

üz dem rächen er im sneit 

der Zungen mit dem swerte 9065 

der mäze, als er ir gerte; 

in sinen buosem er si stiez, 

den giel er wider ze samene liez. 

Sus kerte er gein der wilde hin. 
daz tete er aber durch den sin: 9070 

er wolte sich verbergen da, 
den tac geruowen eteswä 
und wider komen ze siner mäht 
und wolte danne hin ze naht 

ze sinen lantgesellen wider. 9075 

nu zoch in aber diu hitze nider, 
die er beidiu von der arebeit 
und da zuo von dem trachen leit, 
(229) und müedete in so sere, 

daz er iezuo niht mere 9080 

und vil küme mohte leben. 

nu gesach er eine lachen sweben 

smal unde mäzliche groz, 

in die von einem velse flöz 

ein küelez kleinez brunnelin. 9085 

da viel er also gewäfent in 

und sancte sich unz an den grünt: 

er lie hie vor niwan den munt. 

da lag er den tac und die naht, 

wan ime benam al sine mäht 9090 

diu leide zunge, die er truoc; 



9057 mortschal stm., Todesschrei. — 9058 erhellen stv., erhallen, ertönen. — 
9068 idzen, hier wie unser: machen: er machte den Rachen wieder zu. 

9072 geruowen swv., verst. ruowen, ausruhen. — 9075 lantgeselle swm., 
hier: Genoß aus dem Vaterland, Landsmann. — 9079 müeden swv. trans., 
ermüden. — 9082 sweben, s. zu 888. — 9083 mäzliche adv. , mäßig, nicht 
sehr. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 303 

der rouch, der von der an in sluoc, 

der eine entworhte in garwe 

an krefte und an der varwe, 

daz er von dannen niht enkam , 9095 

nnz in diu künigin da nam. 

Der truhsaez', alse ich hän gesaget, 
der der s?eligen maget 
friunt unde ritter wolte sin, 

dem begünden die gedanke sin 9100 

üf swellen harte gröze 
von des trachen döze, 
der also griulich und als gröz 
über wält und über velt doz. 

in sin herze er allez las, 9105 

reht' alse ez ouch ergangen was, 
und dähte: «er ist benamen tot 
oder aber in so grözer not, 
daz ich in mag gewinnen 

mit eteslichen sinnen.» 9110 

von jenen drin er sich verstal, 
eine hälden stapfte er hin ze tal 
und He wol balde hine gän, 
hin da der schrei dö was getan; 
und alse er zuo dem orse kam, 9115 

eine ruowe er ime da nam., 
bi dem so habte er lange 
trahtende kleine und ange : 
(230) in nam der kurzen reise 

gröz angest unde freise. 9120 

ledoch genante er über lanc 
und reit als äne sinen danc 
erschrocken unde herzelös 
die rihte hin, da er da kos, 
daz daz löup und daz gras 9125 



9093 entwürken swv. anom., auflösen, vernichten. 

9118 kleine adv., hier: genau. — 9119 fg. nemen hier wie mich nimet 
wunder verbunden mit angest: mich ergreift, befällt Angst. — 9120 /rme 
stf., Schrecken. Der Genetiv der kurzen reise ebenso wie bei wunder 
nemen: wegen der kurzen Reise, über die kurze Reise. 

9121 genante prset. von yenenden swv., Muth fassen; vgl. zu 18063. — 
über lanc (adj. neutr.), bald darauf; vgl. zu 11687. — 



304 XIII. DEK KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

vor ime abe gesenget was. 

und kom in kurzer friste, 

e danne er sin iht wiste, 

reht' üf den trachen, da er lac; 

und er der trühsseze erschrac 9130 

als innecliche sere, 

daz er nach eine kere 

zer erden hsete genomen, 

durch daz er ime so bi was komen 

und ime so nahen gereit. 9135 

nu was er aber zehant bereit, 

daz ors warf er so balde wider, 

daz er mit dem orse nider 

ze einem hufen gelac. 

nu er sich wider üf gewac 9140 

(ich meine von der erden), 

done mohte im State niht werden 

vor vorhten, die er haete, 

daz er so vil getsete, 

daz er üf daz ors gesseze: 9145 

der leide trühsseze 

er liez ez stan ünde floch. 

do ime do niemen nach zoch, 

do gestüont er unde sleich do wider, 

nach sinem spere greif er nider, 9150 

daz ors er bi dem zügele nam, 

z' einem rönen er gezogen kam, 

uf daz ors er gesaz, 

sines schaden er vergaz, 

er sprancte verre dort hin dan 9155 

und sach her wider den trachen an, 

waz ämpsere er haete, 

ob er lebete oder entsete. 

(231) Nu er in toten ersach, 

«heil, obe got wil!» er do sprach 9160 

«hie ist aventiure funden: 
ich bin ze guoten stunden 
und ze heile komen her.» 



9140 «}/ gewegen, aufwärts bewegen, erheben. — 9143 vorfite im Mhd. öfters 
im Plural, nhd. nur: vor Furcht. — 9152 rone swm.. Klotz, abgehauener 
Baumstrunk. — 9157 ampcere (aus ani-boere) stf., Aussehen. 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 305 

hie mite so neigete er tlaz sper, 

mit dem zügel er hancte, 9165 

er hiu üncle sprancte 

und lie hin gän punieren, 

punierende croieren: 

<(scheve]ier damoisele, 

ma blunde Isot, ma bele!» 9170 

er stach üf in mit solher kraft, 

der starke eschi'ne schaft 

daz er im durch die hänt reit. 

daz er ab do niht mere streit, 

daz liez er niuwan durch den list: 9175 

er dähte: «op dirre in lebene ist, 

der disen trachen hat erslagen, 

sone kän ez mich niht vür getragen, 

daz ich hie mite hän üf geleit.« 

er kerte dannen unde reit 9180 

und suochte her ünde hin 

iif den gedingen, obe er in 

iender hsete funden 

so müeden oder so wunden, 

daz ime der strit töhte 9185 

und mit im striten möhte, 

daz er'n erslagen wolte haben 

und in erslägenen begraben. 

und alse er sin dö niht envant, 

<(lä, herre, varn!» däht' er zehant, 9190 

«sweder er lebe oder entuo, 

bin ich der erste derzuo; 

mich enwi'set niemän dervan: 

ich bin gefriunt ünde geman, 

so wert und so genaBme, 9195 

swer sich es an genseme, 

der hsote doch dar an verlorn.» 

er lie hin riten gän mit sporn 



9165 hancte praet. von hengen swv., hängen lassen, insbesondere den 
Zügel; hier tritt mit dem zügel hinzu; die Wendung etwa: er sprengte 
daher mit verhängtem Zügel. — 9169 damoisele =:: dcmoi seile. — 9170 7na = 
neufr. — 9173 rtten stv., (reiten), hier intrans. wie unser: fahren; im Worte 
liegt der Begriff des Gewaltsamen: dringen; vgl. zu 2565. — 9182 uf den 
gedingen, auf die Hoffnung hin, in der Hoffnung. — 9183 iender adv., 
irgendwo. — 9194 gefriunt adj., befreundet, im Besitz von Freunden. — 
geman adj. ebenso gebildet, eigentlich: bemannt, im Besitze von Mannen; 
ein anderes geman in V. 17298. — 

OOTTFEIED VON STB ASSELTO. I. 2. Aufl. 20 



300 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

(232) zc sinem stritgesellen wider 

und erbeizete da zer erden nider. 9200 

an sinen strit er wider vie 

relit' an der stat, da er in lie: 

mit dem swerte, daz er truoc, 

da mite gebecte er imde gesluoc 

den vint so vil wä unde wä, 9205 

biz er'n verschriet da unde da. 

genuoc versuochte er'z an den kragen: 

den hsete er'm gerne abe geslagen; 

do was er so harte und so groz, 

daz in der arebeit verdroz. 9210 

über einen ronen brach er daz sper: 

daz vorder stucke daz stach er 

dem trachen ze dem gorgen in , 

als ez ein tjoste solle sin. 

Uf sinen spanjöl saz er do: 9215 

er begünde frolich unde fro 
ze Weisefort in rüeren • 

und hiez balde üz füeren 
vier pfärt und einen känzwagen, 
der daz houbet solte tragen; 9220 

und Seite in allen maere, 
wie ime gelungen wsere 
und waz er angeste hie mite 
und kumberlicher ncete lite. 

«ja herre, al diu werlt» sprach er 9225 

«diu enbiete niuwan ore her, 
betrahte und sehe daz wunder an, 
waz der geherzete man 
und der gestandene muot 



9199 stritgeselle swm., Kampfgenoß (wird hier der Drache scherzweise ge- 
nannt); in V. 6985 nicht: Gegner, sondern: Mitstreiter. — 9201 an ist 
prsep.; s. zu 696. — 9204 gebecte prset. von gebecken swv., stechen; in ge- 
die Function der Wiederholung. — 9206 verschroten stv. (s. zu 2906), zer- 
hauen, zerhacken. — da tinde da, da und dort, hier und da. — 9210 mich 
verdriuzet mit gen., ich werde einer Sache überdrüssig. — 9211 einen ronen 
nach W (M fehlt, H und F haben fem. eine r.). — 9214 tjoste stf., Fremd- 
wort, franz. joste, juste, lat. juxta, Speerzweikampf; hier: der Speerstoß. 

9215 spanjol stm., Spanier, spanisches Eoss; vgl. 5364. — 9219 kanz- 
wagen stm., Eüstwagen, Lastwagen. — 9223 angest hier im Plural, (Ängste), 
Gefahren. — 9228 geherzet part. (von herzen, geherzen 6152) adj., ermuthigt, 
entsprechend unserm: beherzt; vgl. 11337 und zu 118; daneben braucht 
Gottfried geherze adj. 13343. — 9229 gestanden part. adj., hier bei einem 
Abstractum , kann hier nur: standhaft bedeuten; vgl. zu 6488. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 307 

durch liebes wibes willen tiiot! 9230 

(laz ich der not, in der ich was, 
ie dannen kom und ie genas, 
des wundert unde wundert mich 
und weiz ouch wol benamen, wser' icii 
senft' alse ein ander man gewesen, 9235 

i'ne wtere niemer genesen, 
i'ne weiz niht, wer er waere: 
ein aventiurfere , 
(233) der ouch nach äventiure reit, 

der was ze siner veicheit 9240 

e danne ich koeme, zuo z'im komen, 

der hat sin ende da genomen. 

got haete sin vergezzen: 

si sint beidiu vrezzen, 

ros unde man ist allez mort. 9245 

daz ros daz lit noch halbez dort 

zekuwen unde besenget. 

waz töhte ez iu gelenget? 

ich hän rae ncete erliten hie mite, 

dan dehein mau ie durch wip erlite. » 9250 

sine friunt er alle zuo sich nam , 

zc dem serpande er wider kam 

und zeigete in sin wunder. 

er bat ouch al besunder , 

daz si der wärheit jaehen, 9255 

als si si da gesaehen. 

daz houbet fuorte er mit im dan. 

sine mäge und sine man 

die ladte er, die besander, 

nach dem künegc rander 9260 

und mante in siner Sicherheit. 

der rede wart ein tac geleit 

ze Weiseforte vür daz laut. 

hie mite so wart daz lant besaut, 



i<23S äcentiuranre stm. entspricht hier ziemlich unserm: Abenteurer, welches 
in Verbindung mit der folgenden Zeile ein neuerer Dichter ebenso brau- 
chen könnte; sonst hat das Wort in der Regel bei uns Übeln Nebensinn. 
— ^'2J0 veicheit stf., (Feigheit), Unheil; vgl. zu 1*374. — 924ö viort adj. hier 
Fremdwort, todt; vgl. zu 5488. — 9247 zekuwen part. von zekiuwen stv., 
(zerkauen), zerbeißen. — besengen swv. = versengen. — 92*J2 (ac legen, 
Termin festsetzen. — der rede ist Genitiv: wegen der Sache, dazu, darauf- 
hin. — 92()4 lant zusammenfassend für : die Landbewohner mit der im Fol- 
genden gleich angemerkten Bedeutung: die landsässigen Herren. — 

20* 



308 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

die lantbarüne die mein' ich. 9265 

nu die bereiten alle sich, 
als in von hove was getaget. 

Nu wart oiich al zehant gesaget 
ze hove den frouwen niaere. 

die marter und die swaere, 9270 

die si alle hseten da van, 
dien' gesäch an frouwen nie kein man. 
diu süeze maget, diu schoene Isot, 
diu was reht' in ir herzen tot: 
so leiden tac si nie gesach. 9275 

Isot ir muoter zuo ir sprach: 
«nein, schoeniu tohter, nein, lä stän, 
lä dir ez niht so nähen gän; 
(234) wan sweder ez mit der wärheit 

oder aber mit lüge ist üf geleit, 9280 

wir suln ez doch wol undervarn; 

euch sol uns got dervor bewarn. 

niht weine, tohter mine: 

diu klären ougen dine 

diu ensülen niemer werden rot 9285 

umb' also swächli'che not.» 

«ä muoter», sprach diu schoene 

«frouwe, niene gehoene 

dine gebürt ünde dich. 

^ ich es gevolge, so stich' ich 9290 

reht' in min herze ein mezzer e; 

e sin wille an mir erge, 

ich nim mir selber e den lip. 

ern gewinnet niemer wip 

noch frouwen an Isöte, 9295 

ern habe mich danne tote.» 

«nein, schoeniu tohter, fürhte niht: 

swes er od iemen hie von gibt, 

daz ist allez samet verlorn; 

und haete es al diu werlt gesworn, 9300 

ern wirdet niemer diu man.» 



9267 iagen = tac legen, bestimmen. 

9277 lä stän, hier anders als in Y. 2792: laß es gehen, etwa = unserm: 
lalo es gut sein. — 9281 undervarn mit acc, hintertreiben, hindern; vgl. 
zu 9529. — 9286 su-ächlich adj., gering. — 9288 gehoenen swv., verst. Itcenen, 
(verhöhnen), beschimpfen. — 9290 gevolgen mit gen., in einer Sache nach- 
geben. — 9299 verlorn part. adj. = unangewandt, vergeblich. 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 309 

Und alse ez nähten began, 
diu wise frägete unde sprach 
umbe ir tohter ungemach 

ir tougenliche liste, 9305 

von den si wunder wiste, 
daz si in ir troume gesach 
daz ez niht also geschach, 
also der lantschal sagete. 

und iesä dö ez tagete, 9310 

si rief Isote und sprach ir zuo: 
«ä süeziu tohter, wachest duo?» 
«ja», sprach si «frouwe muoter min.)) 
«nu lä diu angesten sin; 

ich wil dir liebiu maere sagen: 9315 

ern hat den trachen niht erslagen; 
swaz äventiure in her getruoc, 
er ist ein gast, der in da sluoc. 
(235) wol üf, wir suln vil balde dar, 

der mrere selbe nemen war. 9320 

Brangsene, stant üf lise 

und sage uns Paranise, 

daz er uns satele schiere: 

wir müezen varn wir viere, 

ich und min tohter, du und er; 9325 

und bringe er uns diu pfärit her, 

so ez schiereste müge sin, 

vür unser haltürli'n, 

da der böumgäite 

hin ze velde warte.» 9330 

Nu diz waz ällez gereit, 
diu rotte saz üf unde reit 
des endes, da si horten sagen, 
daz der trache was erslagen. 

nu si daz ors fünden , 9335 

daz gereite si begunden 



9303 sprechen hier mit acc. eines Abstractums: sich besprechen, be- 
fragen. — 9305 tougenliche liste, geheimnissvoUe Künste, Zauberkünste; ge- 
meint ist insbesondere: die Wahrsagekunst. — 9309 lantschal stjn. = lant- 
VKvre, aUgemeines Gerücht. — 9314 angesten subst. inf. stn., Ängstigen, 
Angst (hier in unserm Sinne). — 9322 sagen mit dat. der Person und acc. 
der Person nicht mehr gebräuchlich: ansagen, melden. — 932S hältürlln 
stn., verborgenes Pfortlein. — 9330 warten swv., ausschauen (2498) mit der 
Bedeutung: Richtung nehmen, hinliegen. 

9336 gereite stn., Reitzeug. — 



110 XIII. DER KAMPF MIT DEM DßXCHEN. 

bemerken uude betrahten 
und in ir sinnen ahten, 
sin' gestehen nie ze Irlande 

gereite solher bände, 9340 

und körnen alle dar an, 
swer so er wsere der man, 
den daz ors dar trüege, 
daz der den traclien sliiege. 

vürbaz riten si do zebant 9345 

und körnen üf den serpänt. 
nu was des tiuvels genöz 
als ungehiure und alse gröz, 
diu liebte fröuwi'ne schar 

daz diu wart alse ein töte var 9350 

vor ängesten, do si in ersach. 
diu muoter aber zer tobter spracb: 
«ei wie sieber ich es bin, 
der truhsseze daz er in 

ie getörste bestän! 9355 

wir mugen ez äne sorge län: 
und zwäre, tobter IsÖt, 
dirre man si lebende oder tot, 
(236) mich andet sere, daz er si 

verborgen eteswä hie bi: 9360 

ez wi'saget mir min muot. 

von dannen, dunket ez dich guot, 

so keren an die suoche, 

ob unser got so ruoche, 

daz wir in etswä vinden 9365 

und mit im überwinden 

die grundelösen berzenöt, 

diu uns beswseret alse der tot.» 

des berieten si sieb schiere : 



9337 bemerken swv., prüfen. — 9355 ie, hier = 7iie. — 9356 ez äne sorge län, 
«wegen etwas unbesorgt sein«. Groote; ebenso Hagen; « deshalb unbeküm- 
mert bleiben». Mhd. Wb. Das ist allerdings ziemlich der Sinn, aber es ist 
wohl keine {bestimmte Kedensart anzunehmen wie äne ntt, äne haz län, 
sondern län hier = aufgeben, auf sich beruhen lassen. — 9359 mich andet 
(Hs. HundW; M lie^i dunchet) ■= anet (Hs. F), ahnt (neuerdings häufiger: 
mir ahnt als: mich ahnt). — 9362 von dannen, hier causal: darum, des- 
halb; vgl. zu 1618. 4227. — 9364 ruochen swv. mit gen., um etwas besorgt 
sein, sich annehmen, in der Verbindung mit got etwa entsprechend unserm : 
gnädig sein. — 9367 grundelos adv. hat nicht wie das nhd. Wort die dop- 
pelte Bedeutung: ohne Grund, ohne Anlaß und zugleich: bodenlos, son- 
dern nur die letztere = ungemein tief. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN". 311 

ilic gereisen alle viere, 9370 

si riten von ein ander sa, 
<liu suochte hie und disiii da. 

Nu ergieng ez, alse ez solte 
und alse der billicli wolte, 

diu junge künigin Isot 9375 

daz si ir leben unde ir tot, 
ir wunne unde ir ungemach 
ze allererste gesacli. 
von sinem lielme gienc ein glast , 
der vermeldete ir den gast. 9380 

nu si des helmes wart gewar, 
si kerte und rief ir muoter dar: 
«frouw'j ile, rit her näher baz! 
ich sihe dort glesten, i'ne weiz waz : 
■ez ist reht' alse ein heim getan: 1-385 

ich w?ene in rehte ersehen hän.» 
-« entriuwen » , sprach diu muoter do 
«mich selben dunket ouch also, 
«ot der wil unser ruochen: 

ich waene, den wir suochen, 9390 

daz wir den haben funden.» 
sus riefen s' an den stunden 
den änderen zvvein zuo z'in 
und riten alle viere hin. 

Nu si im begunden nähen 9395 

und in so ligen sähen, 
nu wänden s' alle, er waere tot. 
«er ist tot!» sprach ieweder Isot 
(237) «uns^r gedinge der ist hin. 

der trühseeze der hat in 9i00 

mortliche ermordet unde erslagen 
und hat in in diz mos getragen.» 
si erbeizeten alle viere 



Silo gercise swm. (gebildet wie geselle, geiinde, yevertc) , eigentlich: der 
Mitreisende, der Gefährte. 

9374 biUich stni. (s. zu (3429), hier etwa: Schicksal; ähnliche Wendung 
in V. 100G2. — [K',7S nicht : zum allerersten Male in ihrem Leben sah (denn 
sie hat ihn ja schon gesehen), sondern: zuerst beim Nachsuchen, vor den 
andern, ersah, fand. — 9:)79 fftasl stm., Glanz (mit dem aber glast spracli- 
lich nicht zusammenhängt), [glast in moderner Dichtung noch hier und 
da gebraucht]; Gottfried hat daneben aucli gleste stf. 17071. 

9.!98 ieweder pron., jeder von beiden (in der Bedeutung, nicht in der 
Form = ielueder). — 9402 mos stn., (Moos), Sumpf, Pfütze. — 



312 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

und h?eten in vil schiere 

her üz gezogen an claz lant. 9405 

den heim entstricten si im zehant 

und stricten ime die kuppen dan. 

diu wise Isot diu sach in an 

und sach wol, daz er lebete, 

und aber sin leben klebete 9410 

küm' also an einem häre. 

«er lebet«, sprach si «zewäre: 

nu balde entwäfenet in ! 

ist, daz ich alse sselic bin, 

daz er niht verchwünden hat, 9415 

so mag es alles werden rät.» 

Die schoenen alle drie, 
diu liehte cumpanie, 
dö si den eilenden 

mit snewi'zen henden 9420 

entwäfen begunden, 
die Zungen si da funden. 
«sich, warte», sprach diu künigin 
«waz ist diz oder waz mac daz sin? 
Brangsene, hövesche niftel, sprich!» 9425 

«ez ist ein zunge, dunket mich.» 
«du sprichest war, Brangaene: 
mich dunket unde ich waene, 
so was ouch si des trachen: 

unser s^elde diu wil wachen. 9430 

herzetohter, schoene Isot, 
ich weiz ez wärez alse den tot, 
wir sin zer rehten verte komen: 
diu zunge hat ouch ime benomen 
beidiu kraft ünde sin.» 9435 

hie mite entwäfenten s' in 
und dö si an ime niht funden 



9406 entStricken swv., aufknüpfen. — 9407 stricken dan ( = weg) dasselbe 
was entStricken. — 9415 verchwunde swf., Wunde die ans Leben (verch stn.) 
geht, insofern: Todwunde. 

9423 warte imper. wie noch in Mundarten = schau. — 9425 ni/tel (fem. 
zu neve, Neffe) swf., Nichte (dies eine niederdeutsche Form), aber nicht 
immer im heutigen engen Sinne von: Tochter der Schwester oder auch 
des Bruders, sondern überhaupt : Verwandte mütterlicherseits. Wie Bran- 
gsene mit dem Königshause verwandt ist, erfahren wir nicht. — 9430 hier 
streift soelde an die Personification. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 313 

weder siege noch wunden, 
(238) dö wären s' alle samet frö. 

driakel nam diu wise dö 9-440 

diu listige künigin 

und flozte im der also vil in , 

biz daz er switzen began. 

«er wil genesen», sprach si «der man, 

der tampf gerümet schiere hie, 9-i45 

der von der zungen an in gie, 

so mag er sprechen unde üf sehen. » 

daz was ouch schiere geschehen: 

er lag unlange, unz ez geschach, 

daz er beidiii üf und umbe sach. 9450 

Nu er der sseligen schar 
bi ime und umbe in wart gewar, 
er gedähte in sinem muote: 
«ä herre got der guote, 

du hast min unvergezzen: 9455 

mich hänt driu lieht besezzen, 
diu besten, die diu werlt hat, 
maneges herzen fröude und rät 
und maneges ougen wunne: 

isüt diu liebte sunne^ 9460 

und ouch ir muoter Isot 
der froli'che morgenrot, 
diu stolze Brangyene 
daz schoene völmfene.« 

hie mite genante er unde sprach 9465 

küm" unde kümeclichen : « ach , 
wer Sit ir unde wä bin ich?» 
«ä ritter, mahtu sprechen? sprich! 
wir helfen dir ze diner not!» 



9440 driakel stm., Theriak. — 9441 lislic adj., hier: kenutnissreicb. — 
9442 der ist Genitiv pl. auf driakel bezogen; somit wurde der Theriak in 
einzelnen Dosen gereicht. — 9445 gerinnen swv. , verst. rumen, intrans,, 
(räumen)', den Baum verlassen, sich entfernen, schverwinden. 

9455 uncergezzen eigentlich adj. part., aber hier participial = «/A< ver- 
gezzen, darum auch min. — 9456 besitzen stv., hier bildlich: belagern (vgl. 
zu 383), umgeben. — 9464 volma:ne stn., Vollmond; so nennt der Dichter 
im Gegensatze zu der liehten sunne, zur Isolt, Brangsene öfters z. B. 11086. 
11513. Ein neuerer Dichter würde dieses Bild, weil es leicht eine komische 
Wirkung hervorbringen kann , vermeiden und Brangsene lieber mit einem 
Sterne vergleichen ; der mäne wird als Bild ruhiger Klarheit in der älteren 
Poesie häufiger verwendet; in der neueren knüpft sich an den Mond leicht 
ein Zug der Sentimentalität. — 



314 XIII. DER KAMPF MIT DEM DEACHEN. 

sprach aber diu sinneriche Isot. 9470 

<(jä, süeziu frouwe, sselic wip, 
und icli enweiz, wie mir der lip 
und al min kraft in kurzer frist 
geswachet unde geswichen ist.» 
diu junge Isot diu sacli in an: 9475 

«diz ist Tantris der spileman» 
sprach si, «ob ich in ie gesach.» 
der anderen ietwederiu sprach: 
(239) «uns dunket ouch entriuwen so.» 

diu wise diu sprach aber dö: 9480 

«bistu'z Tantris?» «frouwe, ja.» 

«sage an», sprach aber diu wise sä 

«wä bistu her komen od wie 

oder waz wirbestu liie?» 

«sseligest aller Avibe, 9485 

i'ne han ez an dem libe 

noch leider an der krefte niht, 

daz ich iu mihe geschiht 

bescheidenliche müge gesagen. 

heizet mich füeren oder tragen 9490 

durch gotes willen eteswar, 

da min lernen neme war 

doch disen tag und dise naht. 

und kume ich wider ze miner mäht, 

so ist reht, daz ich tuo und sage, 9495 

swaz iu geliche und iu behage.» 

Sus nämen si Tristanden 
si viere ze banden 
üf ein pfärit huoben s' in 

und under in fuorten si in hin 9500 

und brähten si'n so heinlich in 
wider durch ir hältürlin, 
daz umbe ir reise und umbe ir vart 
nie niemen nihtes innen wart. 

da schuofen si'm helf unde gemach. 9505 

die Zungen, also ich e da sprach, 
sin isen und sin ander dinc 



9474 geswichen part. von geswichen stv., entweiclien, entsprechend öfters 
unserm: sinken; vgl. 14321. — 9486 haben an dem liöe, etwas vermögen 
[vgl. auf den Bippen haben]. 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DKACHEN. 315 

des enbleip du weder vadem noch rinc: 

si fuorten'z allez mit in dan 

beidiu harnasch unde man. 9510 

Ku daz der ander tac dö kam, 
diu Avise in aber ze Landen nam: 
unu Tantris», sprach si «sage mir 
bi den genäden, alse ich dir 

nu unde e males hau getan, 9515 

daz ich dich zwir erneret hän, 
und bin dir willic unde holt, 
und als du dinem Avibe solt, 
(240) wenne kiume du in Irlänt? 

wie sli'iege du den serpänt?» 9520 

«Frouwe, daz wil ich iu sagen; 
ich kom in disen kurzen tagen, 
ez sint dri tage von hiute, 
ich und ander köufli'ute 

mit einem kiele in dise habe; 9525 

dö kom ein roupher hinnen abe, 
i'ne weiz , durch weihe geschiht , 
die wolten uns, hset' ich ez niht 
mit minem guotc underkomen, 
den lip zem guote hän genomen. 9530 

nu ist ez uns also gewant , 
wir müezen dicke fremediu lant 
heinlichen unde büwen 
und enwizzen wem getrüwen, 

wan man uns vil gewaltes tuot. 9535 

so weiz ich wol, mir waere guot, 
mit swelher slahte dingen 
ich ez da zuo möhte bringen, 
daz mich diu lant erkanden. 

künde in fremcden landen 9540 

diu liehet den köiifmän. 
seht, frouwe, da gedähte ich an, 
wan mir ist umbe den serpant 
daz läntma're lange erkant, 



9529 underkomen stv. trans. , dazwischentreten, hintertreiben, ver- 
hindern; vgl. zu 9281. — 9533 heinlichen %\\\., heimlicli, heimisch, zur Hei- 
mat machen; vgl. zu 1507.3. — tuwoi swv., (bauen), bewohnen. 



316 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

und sluog in niuwan umbe daz: 9545 

ich waene, daz ich deste baz 
fride ünde genäde vinde 
bi disem lantgesinde.» 

«Fride ünde genäde», sprach Isot 
«die müezen dich an dinen tot 9550 

mit wernden eren bringen; 
du bist ze guoten dingen 
dir selben unde uns komen her. 
nu trahte, wes din herze ger, 

daz ist getan, daz schaffe ich dir 9555 

von minem herren und von mir.» 
«genäde, frouwe, so ergib ich 
minen kiel ünde mich 
(241) vil verre an iuwer triuwe. 

seht, daz mich iht geriuwe, 9560 

daz ich iu guot unde leben 

an iuwer triuwe hän gegeben.» 

«nein zwäre, Tantris, ez entuot; 

umbe din leben und umbe din guot 

ensorge nü niht mere. 9565 

mine triuwe und min ere 

se hie, die nim in dine haut, 

daz dir niemer ze Irlant 

bi minem lebene leit geschiht. 

entwer mich einer bete niht 9570 

und biut mir eteslichen rät 

umb' eine sache, an der nu stät 

min ere und al min sselekeit.» 

und Seite im, alse ich hän geseit, 

wes sich der trühsseze 9575 

umbe dise tat vermaeze: 

wie sere und wie genöte 

er sprseche nach Isote; 

und wie er den valsch und die lüge 

ze offenlichem kämpfe züge: 9580 



9563 das thut's nicht, das wird nicht der Fall sein (daß es dicli ge- 
reut). — 9567 in die hant nemen, durch Handschlag empfangen. — 9570 ent- 
wern swv, mit acc. und gen., einem etwas nicht gewähren, versagen; vgl. 
zu 12272. — 9579 valsch stm., Falschheit, Betrug. — 9580 ziehen ist hier 
Terminus aus der Rechtssprache: eine Sache vor die Entscheidung eines 
(höheren) Gerichtes, einer weiteren Instanz (hier der offenliche kämpf) 
loringen, appellieren. 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 317 

ob iemen über in kseme, 
der sich ez an genseme. 

«Steligiu frouwe», sprach Tristan 
«hie enhabet deheine sorge van: 
ir habet mir zwir lip iinde leben 9585 

mit gotes helfe wider gegeben, 
diu suln ouch in ze rehte 
beidiii ze dirre vehte 
und z'allen noeten bestän, 

die wile ich si gesunde hän.» 9590 

«got lone dir, lieber Täntris: 
des bin ich gerne an dir gewis: 
und wil dir ouch des wol verjehen, 
ist, daz diz wunder sol geschehen, 
so sin wir beide ich unde Isot 9595 

iemer mit lebendem libe tot.» 
«nein, frouwe, tuot die rede hin: 
Sit ich in iuwerm fride bin 
(242) und minen lib und swaz ich hän 

an iuwer ere hän verlän 9600 

und dar an sicher wesen sol, 

trüt frouwe, so gehabet iuch wol. 

helfet mir ze libe wider, 

ich gelege ez allez eine nider. 

und saget mir, frouwe, ist iu bekant: 9605 

diu zunge, die man bi mir vant, 

beleip diu oder war tete man die?» 

«entriuwen, nein ich hän si hie 

und allez, daz du haben solt: 

min schoeniu tohter selbe, Isolt, 9610 

und ich, wir brähten'z allez dan.» 

«diz kumt uns rehte», sprach Tristan 

«nu sj^eligiu künigin, 

lät aller slahte sorge sin 

und ratet mir ze miner kraft, 9615 

so ist ez allez endehaft.» 



9587 ze rehte, mit Recht, billig; vgl. 16978. — 9589 bestän mit dat. 
vielleicht: beistehen? (H gestän, M bl stän)\ eher die gewöhnliche Bedeu- 
tung: bleiben, verbleiben. — 9597 hin tuon, bei Seite thun, sein lassen. — 
9598 //-jde stm., Schutz, Sicherheit. — 9604 nider gelegen, hier: beilegen. 
— 9612 rehte adv., gelegen, eben recht. — 9616 endehaft adj., was zu Ende 
gebracht wird , ausführbar ; vgl. zu 16942. 



518 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

Die küniginne beide 
beide an' iinderscheide 
si nämen in ze banden 

und swaz si beide erkanden, 9620 

daz ime ze heile und ze froraen 
an sinem ]ibe mohte komen , 
daz was ir meiste unmüezekeit. 



Hier under hsete micbel leit 
sin kiel und sin geselleschaft, 9625 

der was genuoc als angesthaft, 
daz si üngenesen wänden wesen: 
ir deheiner trüwete genesen 
wan si innerhalp den zwein tagen 
nie niht von ime gehorten sagen. 9630 

euch hseten si den schal vernomen, 
der von dem trachen üz was komen; 
und was des mseres vil getriben, 
da waere ein ritter tot beliben, 
daz ors daz Isege halbez da. 9635 

nu dähten ouch die sine sä: 
«wer wa3re daz niwan Tristan? 
dane ist benamen kein zwivel an, 
(243) hset' ez im der tot niht benomen, 

er waere sit her wider komen..» 9640 

Hie mite gerieten s' under in 
und santen Kurvenälen hin, 
daz er des orses naeme war. 
daz tete er: Kurvenal reit dar, 
er vant daz ors, (und) erkande daz. 9645 

nu reit er aber vürbäz: 
den trachen vant er ouch zehant, 
und alse er do niht mere vant 
von deheinen sinen dingen 



9626 der geht nicht auf tiel^ sondern ist gen. plur. nach dem Sinne: 
derer (aus dem Kiel und der Gesellschaft) war genug, derer waren viele. 
— angesthaft adj., sorgenvoll. — 9631 schal stm. (vgl. lantschal 9309), Ge- 
rücht; doch kann sich sclial auch doppelsinnig beziehen auf mortschal in 
V. 9057. 

9641 geraten stv., hier: (zusammen berathen), berathschlagen. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 319 

an gewandc noch au ringen, 9650 

dö kom in niichel zwivel an: 

<(ä», dahte er «licrre Tristan, 

weder bistu lebende oder tot? 

owe owi», sprach er «Isot, 

owi, daz din lop und diu nam 9655 

ie hin ze Kurnewäle kam! 

daz din schoen' und din edelkeit 

ze solhem schaden ist üf geleit 

einer der s^legisten art, 

diu ie mit sper versigelt wart, 9060 

der du ze wol geviele!» 

Sus kerte er wider zem kiele 
weinende unde klagende, 
diu man-e wider sagende, 

als er si haete erfunden. 9665 

diu nnere begunden 
genuogen missevallen 
und iedoch niht in allen: 
daz selbe swrere msere 

was niht ir aller swaäre; 9670 

genuoge ez wol vertruogen. 
ouch sach man an genuogen, 
daz ez in groze riuwc bar, 
und was ouch der diu meiste schar, 
sus was ir wille unde ir muot 9675 

undersniten übel und guot. 
mit disera wehsele geviel 
der gezweiete kiel 
(244) an sprächen unde an runen. 

den zweinzic barünen 9680 

den was niht innecliche leit 
der zwivel, der in was geseit: 



9658 uj leyen hat hier die Bedeutung: hestimmen; entsprechend etwa 
unserm : gereichen. — 9659 art stf., hier ähnlich wie in V. 6723 , Natur, 
Wesen abstract für: Mensch. — 9660 sper stn., Speer, concrot für; Ritter- 
lichkeit. — versi'jeln swv., bekräftigen, beurkunden, bewäliren. 

9676 undersniden stv., hier geradezu: untermischen; undersniten part. 
= verschieden ; vgl. zu 942. — 9677 wehsei stin. = nhd. (vgl. 12049, danebeu 
stn. in mitteld. Quellen), Wechsel, Yerschiedenlieit, Gegensatz. — gevallen 
stv., hier: verfallen; n«t=auf; gerathen. — 9678 r/eziveiet part., adj., ent- 
zweit, zwiespältig. — 9679 spräc/ien swv. subst. inf., Besprechen, Berathung. 
— Hier liegt in runen swv. subst. inf. mehr als in V. 4049 der Begriff des 
Heimlichen wie im Nhd.: Raunen, Flüstern. — 9682 ru-trei stm., Ungewiss- 
heit, Befürchtung (daß Tristan todt sei). 



320 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

si wänden dannen komen dermite; 

und daz man sin niht langer bite, 

des bäten s' al gemeine, 96S5 

die zweinzic meine icli eine; 

si rieten alle dar an , 

daz man des nahtes füere dan. 

so rieten aber ander daz , 

daz si beliben unde baz 9690 

erfüeren diu maere, 

wie'z ime ergangen waere. 

Alsus zehullen s' under in: 
dise wolten gerne hin, 

jene wolten da bestän. 9695 

sus wart ez do dar an verlän, 
Sit daz sin tot niht wsere 
gewis noch oftenbsere, 
daz si da länger beliben, 

ir vorsehe unde ir frage triben 9700 

zem minnesten doch zwene tage: 
daz was der barüne klage. 



Hie mite so was euch der tac komen, 
der ze Weiseforte was genomen, 
dar Gurmün hsete getaget 9705 

umbe sine töhter die maget 
und umbe den truhssezen. 
Gurmünes umbesa?zen, 
sine man und sine mäge, 

als er si durch rätfräge 9710 

ze sinem tage haete besant, 
die wären alle da zehant. 
die nam euch er besunder 
und suochte rät hier under 
so verre und alse sere, 9715 



9693 zehullen pl. praet. von zehellen, zerh. stv., nicht übereinstimmen. 
9700 vorsehe stf., Forschung, Erkundigung. 



9703 fg. taCi Termin, hier verbunden mit netnen, festsetzen, anberau- 
men; vgl. zu 9262. — 9708 umbesceze swm., (Umsasse), Umwohner, Nach- 
bar; vgl. 13467. — 9710 rätfräge stf., Rathsverbandlung. — 



XTII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 321 

als dorn ez umbe sin ere 
und oiich niht anders enstät. 
dar zuo besande er an den rat 
(245) sin liebez wip, die künigin. 

si mohte ime ouch wol liep sin, 0720 

wan er hcet' an ir einer do 

sunderlicher saälde zwo 

der allerbesten, die der man 

an liobom wibe vinden kan: 

scboene unde wi'sbcit, 0725 

der was der maze an si geleit,^ 

daz si im wol liep mobte sin. 

diu sselige künigin, 

diu scbojne wise was oucli da. 

Ir friunt der künic nam si sä 0730 

von dem rate dort hin dan: 
«wie ratest du?» sprach er «sag an: 
mir ist disiu rede swser' alse der tot.» 
('gehabet iuch wol», sprach aber Isot 
«wir suhl uns wol hier an bewarn: 0735 

ich hän ez allez undervarn.» 
«wie? hcrzefrouwe, sage ouch mir, 
so frönwe ich mich der rede mit dir.» 
«unser triihsa3ze, als er dö gibt, 
seht, der ensluoc des trachen niht, 0740 

und der in sluoc, den weiz ich wol: 
daz bewjere ich, swenne ich sol. 
al iuwer angest leget nider. 
get balde z'iuwerm rate wider: 
saget in allen unde jeht, 0745 

als ir gohoeret unde geseht 
des trülissezen warheit, 
ir loeset gerne iuwern eit, 
den ir dem lande habt getan. 

heizet si alle mit in gän Ol 50 

und sitzet an'z gerihte: 



9716 fg. stall umhe el^u"., sich handeln um, auf dem Spiele stehen. — 
972G der mäic, hier: dermaßen, so viel. 

9735 bpwarn refl. hier a« = sicli in Bezug darauf bewahren, hiUen. — 
9746 alf coii.j., hier: wenn, sol)ald. — 9747 uär/icit stf., hier: (VValuhaftig- 
keit), Erhärtung der VValirheit, Beweis. — 

GOTTFRIED VON STRASSBUJIO. I. 2. Aufl. 21 



322 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

enfürhtct iu ze iiiLto, 
litt den trülistezeji klagen 
und sagen, swaz er welle sagen; 
und alse ez danne zi't si', 9755 

so bin ich unde Isot da bi: 
so gebietet mir ez , so sprich' ich 
vür iuch, vür Isot' und vür mich. 
(246) hie mite lät die rede stän: 

ich wil nach miner tohter gän 9760 

und kernen ouch iesä wider, wir zw6.>) 

Nach ir tohter gie si dö. 
der künec gienc in den palas wider: 
an daz gerihte saz er nid er 

und mit im vil barüne, 9765 

des landes cumpanjüne. 
da was schceniu ritterschaft, 
von ritterschefte michel kraft, 
niht durch des küneges ere 

so starke noch so sere, 9770 

so daz si gerne wolten sehen, 
wäz da sölte geschehen 
üz disem lantschälle: 
des wunderte s' alle. 

Die sselegen Isote zwo 9775 

nu daz si mit ein ander dö 
zem palas in gegiengen, 
si gruozten unde enpfiengen 
die herren al besunder. 

hie mitten unde hier under 9780 

wart vil gesprochen unde gedäht, 
rede unde gedanke vil vür bräht 
von ir beider sselekeit. 
und iedoch mere geseit 

von des truhssezen linge 9785 

dan von der frouwen dinge, 
si sprächen unde gedähten dar: 
«nu kieset alle, nemet war, 
wirt disem unsasligen man, 
der nie sielde gewan, 9790 



97(J9 fg. niht so — 60 Ja; = niclit so — als daß. 



XIII. DER KAMPF IMlT DEM DRACHEN. o2o 

disiii srolige maget, 
so ist im elliii sselde ertaget, 
diu imc oder deheincm man 
an einer maget ertagen kan.» 

Sus komen si zem künege hin. . 0795 

der künec stuont iif eugegen in. 

liepliche sazte er si ze sich: 

«niD), sprach der künec «truhsa^ze, sprich! 
(247) waz ist din bete und din ger?» 

«vil gerne, herre künec»; sprach er 9800 

«herre, ich gcr unde bite, 

daz ir dem lande küneges site 

niem(!!r zebrechet an mir. 

weit ir es jehen, so sprächet ir 

und lobetet es ouch beide 9805 

mit rede und mit dem eide , 

swelh ritter disen serpänt 

slüege mit sin eines haut, 

ir gsebet ime ze solde 

iuwer tohter Isolde. 9810 

der eit verlos vil manegcn man; 

da sach ab ich vil lützel an, 

durch daz ich minnetc daz wip 

unde wägete den lip 

dick' ängeslicher danne io man, 9815 

biz mir ze jungest dar an 

also gelanc, daz ich in sluoc. 

ist ez da mite genuoc, 

hie lit daz houbet, seht ez an: 

daz selbe urkünde brähtc ich dan. 9820 

nu loeset iuwer warheit: 

künoges wort und küneges eit 

die suln war unde bcwccret sin.» 
• 

« Truhsaizc » , sprach diu künigin 

"der also richli'chen solt, 9825 

also min tohter ist, Isolt, 

ungedienet haben wil, 



U792 ertagen swv., (leuchtend wie der Tag) aufgehen, erscheineu, liiev 
mit dat.; vgl. /u 8279. 

HsrJ an aehen, berücksichtigeu, — 9820 urkünde stii., (Urkunde stf.), 
Zeugniss, Wahrzeichen. 

9S27 ungedienet adj. part., unverdient, ohne verdient zu haben. — 

21* 



324 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

entriuwen, des ist alze vil.» 
«ei», sprach der truhsseze do 
((frouw', ir tuot übel, wie redet ir so? 9830 

min herre, der ez enden sol, 
der kan doch selbe sprechen wol: 
der spreche imde antwürte mir. » 
der künec sprach: «frouwe, sprechet ir 
vür iiich, vür Isöt' und vür mich.» 9835 

«genäde, herre, daz tuon ich.» 
aber sprach diu küniginne: 
((truhsceze, dine minne 
(248) die sint lüter unde guot 

und hast so mänlichen muot: 9840 

du bist wol guotes wibes wert. 

swer aber so hohes lönes gert, 

da er sin niht verdienet hat, 

entriuwen, deist ein missetät. 

du hast dir selben üf geleit 9845 

eine tat und eine mänheit, 

der du mitalle unschuldic bist, 

als ez mir zuo gerünet ist.» 

«frouwe, ir redet, i'ne weiz wie: 

ich hau doch diz Wortzeichen hie.» 9850 

«so hast du bräht ein houbet dan: 

daz brachte ouch lihte ein ander man, 

ich meine, ob er Isolde 

dermite verdienen sohle. 

sine wirt aber gewannen niht 9855 

mit alse kleiner geschiht.» 

«nein zwäre», sprach diu junge Isot 

« durch also msezli'che not 

enwil ich niemer veile sin.» 

«ahi, frou junge künigin», 9860 

sprach aber der truhsseze do 

«daz ir ze minen dingen so • 

mit arge sprechende sit 

der not, der ich ze maneger zit 



9S48 zuo runen swv. , s. zu 9679. — 9850 irorizeichen stn., eigentlicli : eiu 
Zeiclien für das Wort; genügender äuljerliclier Bav^'eis = Urkunde , ent- 
ßprecheiid unserin: Wahrzeichen (über welclies Wort noch Zweifel herrscht, 
oh = irarzpic/u'n oder = wdrzeicfi<'ii oder EntsteUuug aus worfzeichpn, öster- 
reichisch warf zeichen; Gr. 2, 481). — 9SbS ii/cvzlic/i &(i}., mäßig, gering; vgl. 
11605. — 9863 arc stm., (Argheit), Bosheit, übele Gesinnung; ruft anje, 
feindselig. — sprechen mit dat. (der not), von einem oder von etwas 
sprechen, sich über etwas äußern. — 



XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 325 

durch iuwer miüue erliten liän, 9865 

daz sol zc guoten staten gestän. » 
« daz ir mich minnet», sprach Isolt 
«i'ne wärt iu nie getriii noch holt 
noch zwäre iemer werden sol.« 
«ja», sprach der ander «ich weiz wol, 9870 

ir tuot vil rehte als elliu wip; 
ir Sit alle also gelip, 
also geartet unde gemuot, 
iucli dunket ie daz arge guot, 
daz guote dunket iuch ie arc: 9875 

diu art ist au iu allen starc; 
ir Sit verkeret alle wis, 
iu sind die tumben alle wis, 
(249) iu sint die wisen alle lump ; 

ir machet üz dem sichten krump 9880 

und üz dem krumhen wider sieht; 

ir habet allen ungereht 

an iuwer seil gevazzet: 

ir minnet, daz iuch hazzet; 

ir hazzet, daz iuch minnet. 9885 

wie Sit ir sus gesinnet, 

wie minnet ir so harte 

der dinge widerwarte, 

daz man der so vil an iu siht! 

der iucli da wil, desn weit ir niht, 9890 

und weit den, der iuch niht enwil. 

ir sit daz irresameste spil, 

daz lernen üf dem brete kan. 

er ist ein sinneloser man, 

der äne bürgen durch daz wip 9895 

iemer geveilet den lip. 

und zwäre iedoch dar umbe niht, 

swaz ir jeht oder min frouwe gibt, 

ez wirt al anders üf geleit,' 

oder man brichet mir den eit.» 9900 



9^72 f/e(ip adj., (mit lip, mit einem Leibe, Wesen vorsehen), beschaffen. — 
9873 '.leiiiiiot atlj. = gesinnt. — P882 unypreht stm., das Unreclite, Verkehrte, 
das Gegentheil. — 9Ss3 die Wendung an das {ein, min) seil als Bild ist 
wohl aus dem .Tägerleben gonommcu: wie der Jäger seinen Hund; es 
heißt also: an sich fesseln, sich zu eigen machen, annehmen. — 9888 wider- 
uartr stf. (10262), zunächst: die Gegnerin, dann auch von Sachen: das 
Gegentheil. — 9892 irresani adj., unsicher, schwankend; vgl. 11830. — 
9896 geveilen swv., verst. veilen (9965), feil machen, preisgeben, wagen. 



326 XIII. DER KAMPF MIT DEM DRACME.Y. 

Aber sprach diu küniginne: 
«truhsreze, dine sinne 
die sint starc unde spsehe: 
der spfche an sinnen sselie, 

si habent dem geliehen schin, 9905 

als si ze kemenäten sin 
in der fröuwen tougenheit bedäht. 
da zuo hast du si vür braht 
rcht' alse ein frouwen ritter sol. 
du weist der frouwen art ze wol: 9910 

du bist dar in ze verre komen, 
ez hat dir der manne art benomen. 
du minnest ouch ze harte 
der dinge widerwarte. 

mich dunket, dir si ouch wol dcrmite: 9915 

du hast den selben frouwen site 
ser' an din seil gevazzet: 
du minnest, daz dich hazzet; 
(250) du wilt, daz dih niht enwil: 

diz ist doch unser frouwen spil; 9920 

wes nimestu dich hie mite an? 

so dir got, du bist ein man, 

läz uns unser frouwen art, 

dune bist niht wol dermite bewait. 

habe di'nes mannes sinne 9925 

und minne, daz dich minnc; 

weile, daz dich welle: 

daz spil hat guot gevelle. 

du sagest uns ie genote, 

du wellest Isote, 9930 

und si enwelle din niht. 

daz ist ir art: wer mac des iht? 



9904 der ist niclit Artikel {gan. oder dat.) zu spci'hc (.'»034), sondern 
Relativ ;=s»'Cr, wenn einer. — spwlie (im Wortspiel mit spd'he. adj. pl., fein, 
scharfRinnig in 9903) ist hier Singular des Adj. in der Bedeutung: ver- 
ständig, synonym mit irtx. spa?lip. an siiijien ist nur Verstärkung des ein- 
fachen Wortes. Wenn einer sich darauf ^e^stehend zuselien würde (so 
würde er find'Ui). — 9907 to'ifjfnhcit stf., Heimlichkeit. — 990S «Frauen- 
ritter« würde auch im Tnodernen Gediclite halbwegs verstanden werden; 
speciell A^erstand aber die alte Zeit unter froutvcn ritter denjenigen, der 
von einer Frau irgend ein Kleidungsstück, ein Haarband, einen Ärmel, 
Gürtel oder Ring u. s. w. zum Geschenk erhält, welches ihn während des 
Kampfes an die Geliebte erinnern und ihm zum yiege verhelfen soll ; 
vgl. Frommann zu Herbort 9516. — 9927 irclle imper. im Wortspiel mit 
dem folgenden welle conj. praes. — 9928 gevelle stn., (Gefälle), hier: Fall 
der Würfel, überhaupt des Spiels, Chance; vgl. spügevelle in V. 16442. — 



XIH. DKß KAMPF MIT DEM DßACUEN. 527 

si Kit der dinge vil hin gan, 

der si doch vil wol möhte hän. 

ir ist der vil unmsere, 0035 

dem si doch vil liep wsere, 

der du ze hant der erste bist. 

daz selbe ir von mir gartet ist: 

ich selbe enwart dir ouch nie holt. 

ich weiz wol, alsam tuet Isolt: 00-10 

cz ist ir gartet von mir. 

du verliusest michel minne an ir. 

diu schdene, diu reine, 

si wcere ze gemeine, 

ob si iegelichen solte 0045 

wellen, der si weite. 

truhsaize, als du hast geseit, 

min herre der sol sinen eit 

vil gerne an dir bcwceren. 

sich, daz du dinen mseren 0050 

und diner rede so mite gast, 

daz du s' iht under wegen last: 

volge dinen. Sachen. 

ich ho3re sagen, den trachen 

den habe ein ander man erslageu: 0055 

sich, waz du da zuo wellest sagen.» 

«wer waire der?» «ich weiz in wol 

und wil in bringen, swenne ich sol.» 

(251) «Frouwe, cz enist kein man, 

der sich hier umbe iht nimet an 0060 

und mich von minen eren 

mit valsche wsenet keren; 

der mir State und reht wil geben, 

dane si' min lip umb' und min leben 

gewäget unde geveilet, 0065 

swie mir der hof erteilet, 

hänt wider hende, 

e ich den fuoz gewende!» 



D937 ze hant wesen , bei der Hand, zur Stelle, da sein. — 9938 arten svw., 
[vgl. nlul. ausarltn, erlialten geartef] entspricht hier ziemlich unserm: 
an-, auferbeii (eine Naturaulaf^e) ; Kurtz: angeartet, V. 9941 angeerbt; 
•Simrock desgleichen. — 90(;r) vcitcn swv., preisgeben ; vgl. 989G. — 99üG er- 
(i'ilen 8WV., urtheilen, Entscheidung geben. — Ü907 haut wider hende, ent- 
sprechend unserm: Mann gegen Mann. -^ 



328 XTII. DER KAMPF MIT DEM DRACHEN. 

«diz lobe ich», sprach diu künigin 

«und wil des selbe bürge sin, 9970 

daz ich dich diner rede gewer 

und dir'n ze kämpfe bringe her 

von hiute unz an den dritten tac, 

wände ich iezuo enmac, 

den selben der den trachen sluoc. » 9975 

der künic sprach: «des ist genuoc.» 

ouch sprächen al die herren do: 

«truhsseze, es ist genuoc also; 

diz ist ein kürzli'chiu bite: 

gä dar, bestaete den kämpf hie mite, 9980 

und tuo min frouwe selbe alsam. » 

der künec do von in beiden nam 

triuw' unde gewisse giselschaft, 

daz dirre kämpf endehaft 

des dritten tages wsere. 9985 

hie mite zergie diz msere. 



9979 hH.e stf., hier: Verzug, Aufschub; vgl. zu SSfiO. — 9980 bestaten swv., 
bestätigen , festsetzen. — 9983 yUtlschaft stf., Bürgschaft, Versprechen. 



Druck von F. A. Brcckhaus in Leipzig. 



DEUTSCHE CLASSIKER 



DES 



MITTELALTERS. 



MIT WORT- UND SACHERKLÄRUNGEN. 



BEGRÜNDET 



VON 



FRANZ PFEIFFER. 



ACHTER BAND. 

aOTTFRIED'S VON STRASSBURG TRLSTAN. 

ZWEITER THEIL. 




LEIPZIG: 

F. A. BROCKHAÜS. 

1873. 



GOTTFßlED'S VON STRASSBURG 



TRISTAN. 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



REINHOLD BECKSTEIN. 



ZWEITER THEIL. 



ZWEITE AUFLAGE. 




LEIPZIG: 

F. A. BRO CKH AUS 

1873. 



INHALT. 



Seite 

XIV. Der Splitter 1 

XV. Das Wahrzeichen 25 

XVI Der Minnetrank 44 

XVII. Das Geständniss . . . .' GO 

XVIII. Brangsene 78 

XIX. Rotte und Harfe 99 

XX. Marjodo HO 

XXI. List wider List 117 

XXII. Melot 135 

XXIII. Belauschtes Stelldichein 146 

XXIV. Das glühende Eisen IGl 

XXV. Petitcriu . 185 

XXVI. Die Verbannung 204 

XXVII. Die Minnegrotte .213 

XXVIIL Entdeckung und Versöhnung 233 

XXIX. Scheiden und Meiden 245 

XXX. Isot als blansche mains 267 

Kurze Nacherzählung der Fortsetzungen Ulrich's von 
Türheim und Ileinrich's von Freiberg. 

Vorbemerkung 300 

I. Ulrich von Türheim 302 

IL Heinrich von Freiberg 311 

Wortregister 323 

Namenverzeichniss 361 



XIV. 
DER SPLITTER. 

Zufällig gewahrt die junge Isolt im Schwerte des Spiolmaniis eine 
Scharte und macht die Entdeckung, daß jener Splitter in Morold's Haupte 
in die Lücke passe. Auch findet sie, daß die Xamen Tantris und Tristan 
zusammcnstinnuen. Kachsüchtig geht sie mit dem Schwerte auf Tristan 
los, der in einem Bade saß, um für ilires Oheims Tod Vergeltung zu üben ; 
aber die Mutter kommt herzu und hindert sie. Die Königin ist in Hin- 
blick auf den Truchseß versöhnlicher gestimmt. Tristan vertraut ihnen, 
er habe, wenn sie ihn leben ließen und ihren Haß aufgeben wollten, ihnen 
Frohes zu verkündigen. Auf Brangrenens Rath, die sicher ist, daß Tristan 
nur um ernster Dinge willen nach Irland gekommen sei, wird zwischen 
ihm und den drei Frauen eine Versöhnung zu Stande gebracht, und 
Tristan bringt seine Werbung für König Marke vor. König Gurmun wil- 
ligt ebenfalls ein und ist geneigt, daß in die Versöhnung auch König 
Marke und seine beiden Lande eingeschlossen werden. Tristan lässtKur- 
venal zu sich bescheiden und ertheilt ihm den Auftrag, den Gefährten 
Bericht zu erstatten zugleich mit dem Befehle, sich bereit zu halten. 



Die frouwen giengen beide dan 
und nänien aber ir spileman 
in ir fliz und in ir pflege. 

ir beider fliz was aller wege 9990 

mit süezer bedajhtekeit 
niuwan an diu dinc gtleit, 
diu sin helfe solten wesen. 
ouch was er iezuo wol genesen, 
lieht an dem libe und schöne var. 9995 

nu nam Isöt sin dicke war 
und marcte in üz der mäzc 



9991 bedcehtekeit stf., (Bedächtigkeit), Bedachtsamkeit, — 09^7 merken 
8WV., hier von einer Person gesagt, beachten, betrachten. 

GOTTF.TIED VON STR.\,SSBÜEG. IT. 2. Aufl. 1 



XIV. DER SPLITTER. 

an libe und an geläze; 
(252) si blicte im dicke tougen 

an die hende und under ougen; lOOOO 

si besach sin arme und siniu bein, 

an den ez offenliche schein, 

daz er so tougenliche lial; 

si bespehte in obene hin zetal: 

swaz maget an manne spehen sol, 10005 

daz geviel ir allez an im wol 

und lobte ez in ir muote. 

Nu daz diu schoene guote 
sine geschepfede so rieh 

und sine site so herlich 10010 

sunder bespehete unde besach, 
ir herze tougenliche sprach: 
«got herre, wunderaere, 
ist iht des wandelbare , 

dest' ie begienge oder begast, 10015 

und deste an uns geschaffen hast, 
so ist hie zwäre wandel an, 
daz dirre herliche man, 
an den du solhe Scclekeit 

libes halben hast geleit, 10020 

daz der als irrecliche 
von ri'che ze riche 
sine notdürfte suochen sol. 
im solte billich unde wol 

ein riche dienen oder ein laut, 10025 

des dinc also wsere gewant. 
diu werlt stät wunderliche, 
so vil manc künicriche 
besetzet ist mit swacher art, 

daz ime der eines niht enwart. 10030 

ein lip also gebaere, 
der so getugendet waere, 



10013 u-under(cre strn., Wunderthäter ; vgl. zix 16220. — 10014 icandel- 
hccre adj., (wandelbar), verkehrt, mangelhaft. — 100i5 dest' (Hs. M. deste, 
H dest) = des de, des du. — lOOlG deste (=M. H dest). — 10017 wandet 
stni., Mangel. — 10021 irrecliche adv. , in der Weise eines Umherirrenden, 
auf der Irrfahrt. — 10023 notdürfte ist wohl Plural von noidurft, nicht 
Sing, notdürfte stf.; nStdurft stf., (Nothdurft), nothwendiger Unterhalt. — 



XIV. DER SPLITTER. ö 

der solle guot und ere hän. 
an ime ist sere missetän. 

got lierre, du hast ime gegeben 10035 

dem libe ein ungelichez leben. » 
SU3 redete s' öfte diu maget. 
nu hn^te ir rauoter euch gesaget 
(•253) ir vater umbe den koufman 

allez von ende her dän, 100-tO 

als ir ez selbe habet vernomen , 

diz dinc, wie'z allez her ist komen , 

und wie er nihtes gerte, 

■\van daz man in gewerte 

frides da nach mere, 10045 

swenn' er deheine kere 

niem' in daz künicriche. 

daz hsete si'm heinliche 

von ende unze ende gesaget. 

Hier under liiez ouch ime diu maget 10050 

ir knappen Paranisen 
sin harnasch und sin isen 
wiz unde schoene machen 
und z' andern sinen Sachen 

wol unde flizeclichen sehen. 10055 

nu diz was allez geschehen: 
ez was schon' unde wol bereit 
und über ein ander hin geleit. 
nu gie diu maget heinliche dar 
und nam es alles sunder war. 10060 

nu ergieng ez aber Isolde, 
also der billich wolde, 
daz si aber ir herzequäle 
zem anderen male 

vor den andern allen vant. 10065 

ir herze daz was dar gewant, 
ir ouge allez dar wäc, 
da der harnasch da läc; 
und enweiz niht, wie si des gezam, 



10036 ungelich adj. mit dat., nicht entsprechend, unangemessen. — 10040 für 
her dan (= herwärts, von da her) brauchen wir nur: /ifr (vcn Anfani? au). 
100«^7 liegen stv., hier vom Auge gesagt : bewegen, richten. — lOOtii) 9*;- 
zemen stv. mit acc. und gen., hier: zu etwas Veranlassung finden. — 



XIY. DEK SPLITTER. 



daz si daz swcrt ze Landen nara, 
als JLincfrouwen imde kint 
gelustic linde gelängic sint 
und weizgot oucli genuoge man. 
si zocli ez üz und sach ez an 
und schouwete ez wä unde wä. 
nu ersach si den gebresten da: 
si begünde an die scharten 
lang' unde sere warten 
(254) und gedähte in ir muote: 
« sem mir got der guote, 
ich w£ene, ich den gebresten liän, 
der hie inne soltc stän, 
und zwäre ich wil es nemen war.» 
si brähto in unde sazte in dar: 
nu füogte diu luckc 
und daz vertane stucke 
und wären alse cinba3rc, 
als obe ez ein dinc w£ere, 
als oucli gewesen wären 
innerhalp zwein järcn. 



10070 



10075 



10080 



10085 



10090 



Nu begünde ir herze kalten 
umbe ir schaden den alten, 
ir varwe diu wart beide 
von zorne und von leide 
tötbleich und iesä fiuwerrot: 
«ä», sprach si «sseldelose Isot, 
owe mir unde wäfen! 
wer hat diz veige wäfen 
von Kurnewäle her getragen? 
hie wart min ceheim mite erslagen, 



10095 



10100 



1007:.' gelustic adj., begehrlich. — gelänf/ic adj., verlangend. — 10074 be- 
zieht sich uz zifhen, was das ISTächstliegende zu sein scheint, auf das Aus- 
ziehen des Schwertes aus der Scheide? oder ist uz zielten nicht viel- 
mehr das Ausstrecken, Vorsiclihalten? — 10076 gebrente swm., Mangel, 
synonym mit schartf! und hat wie dieses Wort verschiedene Bedeutung; 
hier ist geöreste das fehlende Stück im Schwerte, die Lücke, also in un- 
serm Sinne: Scharte. — 10081 gebreste, hier in dem andern Sinne: Stück 
aus dem Schwerte. — 10085 fliegen swv. (oder ein fiiogen anzunehmen?) 
hier intransitiv: füglich sein, passen. — 10086 vertan part. adj., eigentl. : 
hingegeben (vgl. veige), verurtheilt, verdammt, verwünscht; von Gottfried 
ferner noch wirksam angewandt in V. 13887. 14515. 

10091 halten swv. intrans., erkalten, erstarren ; vgl. 130G8. — 100% scelde- 
los adj., ohne scclde, Glück, unglücklich. — 10097 wäfen (eigentlich dat. pl. 
zu den Waffen), ein Weheruf, Wehe! (wobei vielleicht der Anklang an 
vuof, wuofen, Klage, klagen, mitgewirkt hat); bei Gottfried nur liier. — 



XIV. DER SPLITTER. O 

und der in sluoc, der hiez Tristan. 

wer gab ez disem spileman? 

der ist doch Täntris genant.» 

die namen begunde si zehant 

beid' in ir sinnen aliten, 10105 

ir beider Kit betrabten. 

«ä herre», sprach si wider sich 

«dise namen die beswserent mich. 

i'ne kan niht wizzen, wie in si: 

si lütent nähe ein ander bi. 10110 

«Tantriso, sprach si «und Tristan, 

da ist benamen heinliche an.» 

Xu si die namen begunde 
ze tri'benne in dem munde, 

nu geviel si an die buocbstabe, 10115 

da man si beide schephet abe, 
und vant in disem al zehant 
die selben, die si in jenem vant. 
(255) nu begunde s' an in beiden 

die sillaben scheiden 10120 

unde sazte nach als vor 

und kom reht' üf des namen spor: 

si vant ir ursuoche dar an: 

vür sich so las si Tristan, 

her wider so las si Tantris. 10125 

hie mite was si des namen gewis. 

«ja ja», sprach aber diu schoene do 

« ist disen mseren danne so , 

diseu valsch und dise trügeheit 

hat mir min herze wol geseit. 10130 



10110 sie lauten dicht nebeneinander, sie nähern sich durchaus in ihrem 
Laute; sie stimmen fast zusammen. — • 10112 heinliche stf., hier wie iu 
V. 7441: Geheimniss; liierin steckt gewiss ein Geheimniss ; oder sollte /<mi- 
Ltche zu fassen sein als: Vertraulichkeit, enjjer Zusammenhang? 

Iull4 ze (rtOenne, abh. von boijitnde (Maßmann gegen die Hss. ze- 
trlben^= zertrtbcii wohl nach V. 122^8). (riöen , hin- und herjagen, wen- 
den; vgl. 10608. — 101 1() aöe gehört niclit zu schfiphfl, sondern zu da: da- 
von, womit. — schephen swv., hier ähnlich wie in V. 21: scliaffen, bilden. 
— 10123 ursuoche stf.. Nachsuchung, JJ^achforschung (objectiv), das Ge- 
suchte; so wird das \V^rt meist (Groote, Hagen, Kurtz, mlul. Wörterbuch) 
verstanden; danach bezieht sich ir auf Isolt. Auch Becli: sie crreicJite 
ihren Zweck auf folgende Weise (dar an). Simrock: «da sie den 
Schlüssel gewann»; dann wäre tirsuoc/'e= Ursache, und »V bezöge sich auf 
namen. Sollte nicht ursuoche stehen ähnlich wie in V. 14,3')4: Verdacht, 
Gegenstand des Verdachts, dann in weiterer Bedeutung; Geheimniss (ir= 
namen)? dar an: im Tolgenden. — 



XIV. DER SPLITTER. 

wie wo] ich weste al dise vart, 

Sit ich in merkende wart, 

Sit ich an ime lip unde gebär 

und sin dinc allez also gar 

besunder in min herze las, 10135 

daz er gebürte ein herre was ! 

wer hsete ouch diz getan wan er, 

daz er yon Kurnewäle her 

ze sinen totvinden vert, 

und wir in zwir haben ernert. 10140 

ernert? er'st nü vil nngeneseu. 

diz swert daz muoz sin ende wesen! 

nu ile, lieh din leit, Isöt! 

gellt er von dem swerte tot, 

da mite er dinen oeheim sluoc, 10145 

so ist der räche genuoc!» 

Si nam daz swert ze banden, 
si gienc über Tristanden, 
da er in einem bade saz. 

«ja», sprach si «Tristan, bistu daz?» 10150 

«nein frouwe, ich bin ez Tantris.» 
«so bistu, des bin ich gewis, 
Tantris unde Tristan: 
die zwene sint ein veiger man; 
daz mir Tristan hat getan, 10155 

daz muoz üf Tantrisen gän: 
du giltest minen cßhein.!» 
«nein, süeziu juncfrouwe, nein! 
(256) durch gotes willen, waz tuot ir? 

gedenket iuwers namen an mir: 10160 

ir Sit ein frouwe unde ein maget. 

swä man den mort von iu gesaget, 

da ist diu wunnecliche Isot 

iemer an den eren tot. 

diu sunne, diu von Irlant gät, 10165 

diu manic herze erfröuwet hat, 

ä, diu hat danne ein ende! 

owe der liebten hende, 

wie zimet daz swert dar inne!» 



10131 vart stf., hier: Hergang, Eewandtniss. 

10157 gelten stv., entgelten, für etwas büßen. 



XIV. DER SPLITTER. ( 

Kii gic diu küniginne, 10170 

ir imioter, zuo der tür hin in: 
«wie nü?» sprach si «waz sol diz sin? 
tohter, waz tiutest du hie mite? 
sint diz schcene frouwen site? 

hästu dinen sin verlorn? 10175 

weder ist diz schimph öder zorn? 
waz sol daz swert in diner haut?» 
«ä, frouwe muotor, wis geniant 
unser beider herzeswaere: 

•diz ist der mordrere 10180 

Tristan, der dinen bruoder sluoc. 
nu habe wir guoter State genuoc, 
daz wir uns an im rechen 
und diz svvert durch in stechen: 
ez enkümet uns beiden niemer baz.» 10185 

«ist diz Tristan? wie weistu daz?» 
«ich weiz ez wol, ez ist Tristan, 
diz swert ist sin, nu sih ez an 
und sich die schärten da bi 

und merke daune, ob er ez si. 10100 

ich sazte ieziio diz stuckelin 
ze dirre veigen scharten in: 
owe , dö sach ich , daz ez schein 
einbsereliche und rehte als ein.» 
«ä», sprach diu müoter zehant, 10195 

"Isot, wes hastu mich gemant? 
daz ich min leben ie gewan! 
und ist diz danne Tristan, 
(257) wie bin ich dar an so betrogen!» 

Nu haete ouch Isot üf gezogen 10-200 

daz swert und trat hin über in. 
ir muoter kerte zuo z'ir hin: 
<(li\ stän, Isot», si)rach si, «lä stän! 
weist iiiht, waz ich vertriuwet hän?» 
«i'ne rüoche, zwäre, ez ist sin tot.» 10-205 



101S9. 10192 scharte hat hier wieder verschiedene Bedeutung: zuerst 
1^ stuckelin, Splitter, dann in unserra Sinne: Scharte, Lücke. 

10200 v/ zii'hf.n , in die Höhe heben (ausholend zum Sclilage). — 
10204 verdiuwen, 6wv., versprechen. — 1020Ö ruochen swv., sich kümmern, 
beachten, hier allein stellend. % nc ruo:h>' entaprecheiid uuserm : kümmert 
mich nicht, einerlei; — 



XIV. DER SPLITTER, 

Tristan sprach: «merzi, bele Isöt!» 

«i, übeler man», sprach Isöt, «i, 

linde vorderst du merzi? 

merzi gehoeret nilit ze dir: 

din leben daz lazestu mir!» 10210 

«nein tohter», sprach diu muoter dö 

« ez enstat nu leider niht also , 

daz wir uns mügen gerechen, 

wir enwellen danne brechen 

unser triuwe und unser ere. 10215 

cngahe niht ze sere: 

er ist in miner huote 

mit libe und mit guote. 

ich hän in, swie'z derzuo si komen, 

gänzliche in minen fride genomen. » 10220 

«genäde, frouwe» sprach Tristan: 

«frouwe, gedenket wol dar an, 

daz ich iu guot unde leben 

an iuwer ere hän ergeben , 

unde enpfienget mich also.» 10225» 

«du liugest!» sprach diu junge dö 

«ich weiz wol, wie diu rede ergie: 

sin' gelöbete Tristande nie 

weder fride noch huote 

an libe noch an guote.» 10230» 

Hie mite so lief si'n aber an: 
hie mite rief aber Tristan: 
«ä, bele Isöt, merzi, merzi!» 
ouch was diu muoter ie da bi , 

diu durnähte künigin: 10235' 

er mohte äne sorge sin. 
ouch wsere er ze den stunden 
in daz bat gebunden, 
(258) und Isöt eine da gewesen: 

er wsere doch vor ir genesen. 10210' 

diu süeze, diu guote, 
diu siure an wibes muote 
noch herzegallen nie gewan, 



10206 merzt hat wie genade die beiden Bedeutungen Gnade und Dank; hier 
= Gnade. — 10221 dieser Vers ist an die alte Isot gerichtet, und genäde=^ 
Dank (für ihre gute Gesinnung). — 10222 fg. an die junge Isot. 
10242 siure stf., Bitterkeit. — 



XIV. DER SPLITTER. 

wie solJo diu geslahen man? 

wan (laz si von ir leide 10245 

und oucli von zorne beide 

solhe gebärde haete , 

als ob si'z gerne taste; 

lind hrete oucli lihte getan, 

möhte si daz herze hän. 10250 

daz was ir aber tiure 

ze sus getaner siure. 

Doch was ir herze niht so guot, 
sine hrete zorn und unmuot, 

wan si den horte unde sach, 10255- 

von dem ir leide geschach. 
si horte ir viant unde sahen 
und mohte sin doch niht geslahen: 
diu süeze wipheit lag ir an 

unde zucte si da van. 102GO 

an ir striten harte 
die zwo widerwarte, 
die widerwarten conterfeit: 
zorn unde wipheit, 

diu übele bi ein ander zement, 10265- 

swä si sich ze banden nement. 
so zorn an Isolde 
den viant slahen wolde, 
so gie diu süeze wipheit zuo : 

«nein», si)rach si suoze «niene tuo!» 10270 

sus was ir herze in zwei gemuot: 
ein herze was iibel unde guot. 
diu schoene warf daz swert dernider 
und nam ez aber iesa wider: 

sine wiste in ir muote 10275 

under übele und under guote , 
ze wederem si solte: 
si wolte unde enwolte. 
(250) si wolte tuon unde län. 



10244 geslahen stv., verst. slahen, erschlagen. 

10259 wipfteit stf. entspricht hierunserm: Weiblichkeit; vgl. zu 12409.. 
179'^3. — 10263 widenrart ad.j. (im Wortspiel mit ividerivarte pl. subst.)^ 
(widerwärtig"), feindlich. — 10271 in zicei, in zwei Theile (entzwei^, zwei- 
fach; in »nci geiuu'jt , zwieträchtig; « zwiegeraiith ». Kurtz (was Simrock. 
abschreibt). — 



10 XIV. DER SPLITTER. 

sus lie der zwivel iimbe gän, 10280 

l)iz doch diu süeze wipheit 
an dem zorne sige erstreit, 
so daz der totvint genas 
und Morolt ungerochen was. 

Hie mite warf si daz swert von ir, 10285 

weinende si)racli si: «ouwe mir, 
daz ich ie disen tac gesach!» 
diu wise ir muoter zuo ir sprach: 
«herzetohter mine, 

die herzeswsere dine, 10290 

die selben die sint leider min 
haz unde harter danne din; 
nach gotes gcnäden si engänt dir 
niht alse nähen alse mir. 

min bruoder, leider der ist tot: 10295 

daz was biz her min meistiu not. 
noch fürhte ich eine not von dir, 
entrimven, tohter, diu gät mir 
vil näher, danne jeniu tuo: 

mir wart nie niht so liep so duo. 10300 

e daz mir iht an dir geschehe, 
daz ich rehte ungerne sehe, 
ich läze e gerne disen haz; 
ich lide sanfter unde baz 

eine swfere danne zwo. 10305 

min dinc daz stät mir iezuo so 
umbe den uns^eligen man, 
der uns mit kämpfe sprichet an: 
wir ensehen genote dar zuo , 

din vater der künec, ich unde duo 10310 

wir haben iemer mere 
verloren unser ere 
und werden niemer mere fro.« 



10280 umbe gan lan steht liier wie umbe gän; die Elli])se von ros , sein'/ 
u. a. w. ist in diesen Fällen nicht zu ergänzen, län dient nur zur Kedens • 
art, deren Ursprung vergessen ist; vgl. zu 13530. — 10284 ungerodien lüer 
I)art. adj., ungerächt (ohne gerächt worden zu sein); vgl. zu 1S408. 

1030S an sprechen mit acc. ndt etew., gegen einen seinen Anspruch 
geltend machen mit einer Maßregel. — 10309 wenn wir nicht eifrig darauf 
achten, auf der Hut sind, so haben wir u. s. w. — 



i 



XIV. DER SPLITTER. 



11 



Jeuer in dem bade der spracb do 
«sseligeii froiiwen beide, 
ez ist war, ich hän iu leide, 
und aber mit grözer not getan. 
Avelt ir iuch, alse ir sult, entstän, 
(260) so wizzet ir wol, daz diu not 
niiit anders was niwan der tot: 
den lidet note ein ieclich man, 
die wile er sich generen kan. 
swie'z aber dar umbe ergangen ist, 
swie ez iu nü ze dirre frist 
ze dem truhsaezen ist gewant, 
daz keret allez z'einer haut, 
dem sol ich ein guot ende geben; 
ich meine, ob ir micli lazet leben, 
und es enirre mich der tot. 
frouwe Isot und aber Isot, 
ich weiz wol, daz ir alle zit 
sinnec unde saälic sit, 
getriuwe unde bescheiden: 
möht' ich mich hin ze iu beiden 
einer rede verläzeu 
und woltet ir iuch mäzen 
übeler gebserde her ze mir 
und ouch des häzzes, den ir 
Tristande lange habet getragen,' 
ich wolte iu guotiu miere sagen. » 



10315 



10320 



10325 



10330 



10335 



10340 



isote muoter, Jsöt, 
si sah in lange an und wart rot: 
ir liebten ougen wurden vol. 
«owe!» sprach si «nu beere ich wol 
und weiz vür war, daz ir ez sit; 
ich zwiVelte imze.an dise zit. 
nu habt ir mir die wärheit 



10345 



10317 iiiil fjroze)- not , höchst nothgedrungen. — l(i326 wird verschieden 
gefasst; Kurtz: «Darauf ... sei euer ganzer Sinn gestellt» (Simrock ab- 
schreibend: «sei euer Sinn allein gestellt»); ich glaube nach dem Zusam- 
menhange eher das (iegentheil mit Groote: z' einer /lant kereii, läzen, (.alles 
einerlei sein, auf sich beruhen lassen"; vgl. 14223. — ze einer ],an( = zer 
liant, und //a7i< = Seitc ; die Wendung: bei Seite legen, unbeachtet lassen; 
vgl. ferner 1G518. — 10329 irren swv., hier: liindern ; dieselbe "Wendung in 
V. l-luOT. — 10335 verläzen refi. mit gen. ze einem, sich auf einen in einer 
Sache verlassen, auf ihn rechneu. — 1033(J mäzen swv. mit gen., sich einer 
Sache enthalten; vgl. 12144. 



12 



XIV. DER SPLITTER. 



üngefräget geseit. 
owe , owe her Tristan , 
(Jaz ich mwer ie gewalt gewan 
so guoten, alse ich iezuo hän, 
lind der also niht ist getan, 
daz ich in also geüeben müge , 
als ez mir wage imde tilge! 
gewalt ist aber so manicvalt: 
ich waene, ich mac wol disen gewalt 
an minem vinde üeben, 
daz reht so vil getrüeben 
(261) an einem übelen manne, 
ja herre, wil ich danne? 
entriuwen ja, ich wsene.» 



10350 



10356 



1036a 



lemitten kom Brangaene 
diu stolze, diu wise 
lachende unde lise, 
schön' unde wol gestrichen 
aldort her in geslichen , 
und sach daz swert da ligen bar, 
die frouwen beide riuwevar : 
«wie nü?» sprach diu gefüege do 
('disen gebaerden wie ist den so? 
waz maere tri'bet ir driu? 
disiu frouwen ougen, wie sint diu 
alsus trüebe und alse naz? 
diz swert hie lit, waz tiutet daz?» 
«sich», sprach diu guote künigin, 
«Brangaene, herzeniftel min, 
sich, wie wir alle sin betrogen: 
wir haben ze blintliche erzogen 
den slangen vür die nahtegalen, 
dem rappen kernen vür gemalen, 
der der tüben solte sin. 
wie haben wir, herre trehtin, 



10365- 



10370 



10375 



10380 



1Ö3.J3 geüeben swv., verst. üeben, ausüben. — 10354 wegen stv. mit dat.^ 
eigentlich: für einen Gewicht haben, ihm helfen. — 10355 manicvalt adj.,, 
raanigfaltig, vielfach. — 10358 getrüeben swv., verst. trüeben (kommt bei 
Gottfried nicht vor), trüb machen. 

10362 lemitten adv., inzwischen (Abstammung noch nicht erwiesen); 
vgl. 11690. — 10365 gestrichen part. adj., geglättet, entspricht unserm: ge- 
putzt; vgl. 10756. — 10368 riuwevar adj., schmerzlich aussehend (6592), 
verstört. — 103S0 kernen acc. von kerne swm., Kern, Korn. — 



XIV. DER SPLITTER. 13 

den viaiit vür den friunt ernert, 

dem übelen tode zwir erwert 

nnt unser selber banden 10385 

unsern vint Tristanden! 

sich, wä er sitzet: deist Tristan. 

nu hän ich zwi'vel dar an, 

weder ich mich reche oder entuo. 

niftel, waz rsetest du derzuo?» 10390 

«Nein, frouwe, tuot die rede hin: 
iuwer saehle und iuwer sin 
diu sint hie züo ze guot, 
daz ir iemer keinen muot 

üf solhe untät gewinnet 10395 

und iemer sO geunsinnet, 
daz ir ze manslahte 
iemer gewinnet ahte 
.(262) unde ouch danne z'einem man, 

den ir iuch habt genomen an 10400 

ze fride und ze huote, 

ez enwärt iu nie ze muote, 

des ich got wol getrüwen sol. 

ouch sult ir des gedenken wol, 

waz rede iuch mit im ane gät, 10405 

diu niwan umb' iuwer ere stät. 

soltet ir iuwer ere geben 

umb' deheines iuwers vindes leben?» 

«waz wildu danne, daz ich tuo?» 

«frouwe, da denket selbe zuo: 10410 

get hinnen , lät in üz gän. 

die wile muget ir rät hän, 

waz iu daz wsegeste si.» 

llie mite giengen s' dan, si dri 
durch rät in ir heinliche. 10415 

Isöt diu sinneriche 



103S4 ericern swv. mit dat., erhalten, errettou vor etwas. 

10396 ffeun.iinnen swv., vei-st. iinsinnen (19149), unsinnig, nuverständig 
sein. — 10397 manslaht Bif., Menschenmord. — 10398 ahte gt;winnen=:alden, 
bedenken, sinnen, Gedanken fassen; 2e=auf. — 10399 ouch dannt; ^=noch. 
dazu. — :e eteht niclit = 2e in V. 10397, sondern ist = gegen. — 10412 rät 
A««r=Kath lialten. — 10413 daz n-cegeste adj. subst., das Vortheilhafteste, 
Kathsamate; vgl. zu 5392. 

10415 heinitche stf.. geheimer Ort, etwa: Cabinet, Boudoir. — 



14 XIV. DER SPLITTER. 

(-seht», spracli si «ir beide, sprechet an, 
waz mac er meinen dirrc man? 
er sprach wider uns beiden daz, 
wolten wir läzen disen haz, 10420 

den wir im hinge haben getragen, 
er wolte uns guotiii msere sagen: 
waz mac diz sin? des wundert mich.» 
Brangsene sprach : « da rate ich , 
daz in niemen innen bringe 10425 

deheiner slahte Undinge, 
biz wir bevinden sinen muot. 
sin muot ist li'hte vil guot 
hin z' iuwer beider eren. 

man sol den mantel keren, 10430 

als ie die winde sint gewant. 
wer weiz , ob er in Irlant 
durch iuwer ere komen ist. 
hüetet sin ze dirre frist 

und lobet ouch eines iemer got, 10435 

daz dirre ungefüege spot 
umbe des truhssezen valscheit 
mit ime sol werden hin geleit. 
(263) got der hset' unser ruoche 

an ünserre suoche; 10440 

wan wtere er an den stunden 

niht kurzliche funden, 

weiz got, so wsere er iesä tot. 

wizze Krist, juncfrouwe Isot, 

so füere ez wirs, danne ez var. 10445 

habet niht ungebserde dar, 

wan wirt er ihtes innen 

und mag er danne entrinnen , 

des hat er reht, daz er daz tuo. 

von diu da denket beide zuo 10450 

und bietet ime ez alse wol, 



10425 innen bringen mit gen. (undinge), inne werden lassen, merken lassen. 
— 1042t) undinc stn., unrechtes, schlechtes Ding, überhaupt: etwas Übeles ^ 
Singular in V. 12694. — 10439 ruoche ist wohl nicht Plural von ruoch stm., 
welches Gottfried sonst braucht (vgl. 89. 3563), sondern Singular ruoche stf., 
Sorgfalt, Sorge, ruoche haben mit gen. (unser), für einen sorgen, gnädig 
sich eines annehmen. — 10444 wizze Krist, eine Betheuerung, ähnlich wie 
weiz got; im Tristan nur hier. — 10446 dar haben, (hinhalten), zeigen, 
sehen lassen. — ungeboerde stf., übele Gebärde, unfreundliches Betragen; 
vgl. 15891. — 



XIV. DER SPLITTER. 



15 



alse man von rehte sol. 

(laz rate ich iu, des volget mir: 

Tristan der ist als edel als ir 

linde ist hövesch unde wis, 

voUekomen alle wis. 

swie iu daz herze hin ze im si, 

Sit ime doch höveschliche bi. 

benamen, swes er habe gedäht, 

in hat ernest uz bräht. 

sin gewerp und sin gerinc 

der ist umb' ernestlichiu dinc. » 



10455 



10460 



Sus stuonden s' üf und giengen dau 
und komen hin, da Tristan 

heinliche an sinem bette saz. 10465 

Tristan sin selbes niht vergaz: 
er fuor üf balde gegen in 
und viel sa gein in allen hin 
und lac den höveschen süezen 

flehliche zuo den füezen 10470 

und sprach ouch mit dem valle: 
«igenäde, ir süezen alle, 
habet geuäde wider mich! 
lat mich geniezen, daz ich 

durch iuwer ere und iuwern fromen 10475 

her bin in iuwer richc komen.» 
diu liebte cumpanie, 
die liebten alle drie, 
(•264) ieglichiu warf ir ougen dan 

und sähen alle ein ander an. 10480 

si stuonden, unde er lag also. 

nfronwe», sprach Brangrene do 

«der ritter lit ze lange da.» 

diu küniginne sprach iesä: 

"waz wildu nü, daz ich im tuo? 10485 

min herze stät mir .niht dar zuo, 

daz ich sin friunt gewesen müere: 



10458 bi Wesen (st/i). hier: sich nähern, begegnen ; vgl. zu l.')2ri. — 104.')9 den- 
ken hier mit gen. (<wes, wovon auch}; was auch seine Absicht gewesen 
sein mag. — 10460 i/z bringen ist wohl elliptisch zu fassen: aus dem 
Lande, aus seiner Heimat bringen, führen, «zur Reise bewegen». Groote, 
insofern dann uz^her zu uns). — 10461 'jewerp stm., [Gewerbe sin., Er- 
werb stra.], Handeln, Geschäft. 



16 XIV. DER SPLITTER. 

i'ne weiz nilit, waz ich tuo, daz tage.» 

Brangaene diu sprach aber z'ir: 

onu, liebiu frouwe, volget mir 10490 

ir und min juncfrouwe Isot: 

ich weiz ez wärez alse den tot,' 

daz ir'n in iuwern sinnen 

unsanfte müget geminnen 

vor iuwerm alten leide. 10495 

so gelobet im doch daz beide, 

ilaz er des libes sicher si. 

€r geredet vil li'hte da bi 

sines frumen ab eteswaz.» 

die frouwen sprächen: «nu si daz.» 10500 

hie mite so hiez si in üf stän. 

Xu diz gelübede was getan, 
si säzen alle viere nider. 
Tristan greif an sin msere wider: 
«seht», sprach er «frouwe liünigin, 10505 

weit ir nu min guot friunt sin , 
ich wil iu daz enein geti agen 
noch innen disen zwein tagen 
(deist war an' allen argen list), 
iuwer töhter, diu iu liep ist, 105 IC 

daz si einen edelen künic nimet, 
der ir ze herren wol gezimet, 
scboene unde mute, 
zem spere und zem schilte 

ein ritter edel und üz erkorn, 10515 

von künegen unze her geborn 
und ist ouch dänne da bi 
vil lieber danne ir vater si.» 
(265) «entriuwen», sprach diu künigin 

«möht' ich der rede gewis sin, 10520 

ich volgete unde taete, 
swes mich lernen bsete.» 
«frouwe», sprach aber Tristan 
'; ich gewisse iuch schiere dar an : 



10494 unsanfte adv., (nicht sanft), nicht leicht, schwerlich.^ — 1Ö493 r/7 
iVite adv. kommt hier unserm: vielleicht nahe; sonst ist vil /i/.te = wahr- 
scheinlich und /('/(^e^ vielleicht; vgl. zu 6766. — 10499 sines frumen , zu 
seinem Frommen, zu seinen Gunsten. 

10524 gewissen swv., hier etwas anderes als in V. 6497: versichern, 
,-geloben; vgl. 12102. — 



XIV. i)ER SPLITTER. 

"bewcere ich'z in zeliänt iiilit, 

so diu süone gescliiht, 

so lät mich üz dem fride wesen 

und lat mich niemer genesen.» 

diu wise sprach: «Brangasne, sprich, 

waz ragtest du, wie dunket dich?» 

«da dunket mich sin rede guot 

imd rate ouch, daz ir ez tuot. 

leget allen zwivel hin 

und stät üf heide und küsset in. 

al si ich niht ein künigin, 

ich wil ouch an der suone sin: 

er was min mäc, swie arm ich si.» 

«US kusten si'n do alle dri; 

doch tet ez Isot diu junge 

mit langer widerunge. 



17 

10525 



10530 



10535 



105-tO 



Nu disiu suone alsus geschach, 
Tristan aher zen frouwen sprach: 
«nu weiz ez got der guote, 
i'ne wärt in minem muote 

so frö nie, alse ich iezuo bin; 10545 

ich hän al den sorgen hin 
gewartet unde nach gesehen, 
die mir mühten geschehen , 
daz ich mich des versehen sol: 
ich versihe mich's niht, ich weiz ez wol, 10550 
daz ich in iuwern hulden bin. 
nu leget alle sorge hin: 
ich bin iu z'eren und ze fromen 
von Kurnewäle z'Irlant komen. 
si't miner erren vart, 10555 

daz ich hie generet wart, 
Sit sprach ich iemer mere 
iuwer 16p und iuwer ere 
{2GG) ze mincm herron Marke, 

unz ich im den nuiot so starke 105G0 



10527 das Gegentheil von V. 0ö98; so schließt mich aus euerin Schutze 
aus. — 10536 ich will bei der Veraühnuug auch mit inbegrilTen sein. — 
10540 riiderunrje stf. [erhalten : Erwiderung], Widerstreben. Sträuben. 

10547 hin warten mit dat., hinschauen auf etwas, achten. — nach sehen, 
berücksichtigen. — 10555 erre = erer adj. comp, von e, früher. — 

GOTTFRIED VON STRASSBURG. II. 2. Aufl. 2 



18 XIV. DER SPLITTER. 

mit rate an iuch gewante, 

daz er dar an genante — 

küm', linde sage in umbe waz: 

beidiu er vörhte den haz 

und wolte onch durch den willen min 10565 ü 

eliches wibes äne sin, 1 

daz ich sin erb?ere 

nach sinem töde wcere. 

hie wisete aber ich in van, 

unz er mir völgen began. 10570 

sus wurden wir zwen' under uns zwein 

dirre selben reise enein : 

durch daz kom ich in Irlant, 

durch daz sluoc ich den serpant; 

und habet ir iuwer arebeit 10575 

vil sselecliche an mich geleit, 

des sol min juncfrouwe sin 

frouwe unde künigin 

ze Kurnewäle und z'Engelant. 

nu ist iu min geverte erkant. 10580 j 

saeligiu massenie, ' 

sseligen alle drie: 

nu lät ez onch verholen sin.» 

«nu saget mir» sprach diu künigin 

«ob ich ez minem herren sage 10585 

und eine suone enein getrage: 

missetuon ich iht dar an?» 

«nein ir, frouwe» sprach Tristan 

«er sol'z von rehte wizzen. 

Sit et dar an geflizzen, 10590 

daz mir kein schade iht üf erste.» 

«nein, herre, fürhtet iu niht me, 

dane ist niemere sorgen an.» 

Hie mite giengen die vrouwen dan 
in ir heinliche sunder 10595 



10562 genenden swv. hier mit dar an, zu etwas Muth fassen. — 10563 kvme 
adv. steht mit Absicht nach dem Verbum ; wir müssen uns nach diesem 
eine Pause denken: daß er (auf mein Zureden hin) Lust dazu bekam — aber 
freilich nur mit Mühe, und zwar aus zwei Gründen u. s. w. — 10567 erbcere 
stm., Beerber, Erbe. — 10580 geverte sin., hier: Lebensverhältnisse, 
Schicksal. — 10592 fürhtet iu (Hs. M) niht ist sicher die erste Lesart: 
fürchtet nicht für euch, seid nicht um euch besorgt. — 10593 sorgen gen. 
pl. abh. von niemere {^=niht rnere): von nun an ist keine Gefahr mehr. 



XIV. DER SPLITTER. 19 

und ahteten hier under 
sin gelücke und sine linge 
an iegelichem dinge. 
(267) ir iegelichiu seite 

von siner wisheite: 10600 

diu muoter sus, Brangrene so. 

c'sich, muoter», sprach diu tohter dö 

«wie wunderlichen ich bevant, 

daz er Tristan was genant: 

do ich des swertes z'ende kam, 10605 

die namen ich ze banden nam 

Tantris unde Tristan; 

nu ich si tri'ben began, 

nü b'edühte mich an in zwein, 

si haeten etewaz enein. 10610 

da nach begunde ich trabten 

und anclichen ahten 

und vant do mit den buochstaben, 

die man ze beiden namen sol haben , 

daz ez allez ein was; 10615 

wan swederhalp ich hin las 

söne was ie nime dar an 

wan Tantris oder Tristan 

und ie an einem beide: 

nu mi'ioter, nu scheide 10620 

disen namen Tantris 

in ein Tan und in ein Tris 

und sprich daz Tris vür daz Tan, 

so sprichest du Tristan; 

sprich daz Tan vür daz Tris, 10625 

so sprichestu aber Tantris.» 

diu muoter segenete sich : 

<'got)), sprach si «der gesegene mich! 

von wannen kom dir ie der sin,?» 

Nu si dri von im under in 10630 

geredeten maneger bände, 
die künigin diu sande 
nach dem künege; der kom dar. 



10605 ze ende komen mit gen., etwas von Gmind aus erforschen; vgl. 
12015. 14591. — 10616 suedcr/talp adv. correl., nach welcher Seite hin. 



20 



XIV. DER SPLITTER. 



(■seilt, herre», sprach si «nemet war: 
ir sult uns einer bete gewern, 10635 

der wir dri ernestliche gern: 
tuot ir'z, ez kumt uns allen wol.» 
eich volge, swes ich volgen sol; 
(268) swaz ir weit, daz si getan.» 

«habet ir'z danne an mich verlän?» 10640 

sprach aber diu guote künigin. 
«ja, swaz ir wellet, daz sol sin.» 
«genäde, herre, des ist genuoc: 
herre, der minen bruoder sluoc, 
Tristan den hän ich hinne; 10645 

den sult ir iuwer minne 
und iuwer hulde läzen hän. 
sin gewerp der ist also getan, 
daz diu suone fuoge hat.» 

der künec sprach: «triuwen, disen rät 10650 

den läze ich baltliche an dich: 
er gät dich mere an danne mich. 
Morolt din bruoder der was dir 
näher gesippe danne mir. 

hästu'z umbe in varen län, 10655 

wil du. so hän euch ich ez getan.» 
sus Seite si dem künege dö 
Tristandes maere rehte also, 
• als er ir selber sagete. 
diz msere daz behagete 10660 

dem künege wol und sprach ir zuo: 
«nu sich, daz er'z mit triuwen tue.» 



Diu künigin do sande 
Brangsenen nach Tristande ; 
und alse Tristan in gie, 
dem künege er sich ze füezen lie : 
«genäde, herre künec!» sprach er. 
«stet üf, her Tristan, und get her» 
sprach Gurmün «unde küsset mich: 



1066! 



10650 triuven adv. (dat. pl. von triuwe), traun; vgl. zu 1037. — 
10651 bauliche, baltliche adv., kühn (1096) ; unser: kühnlich, kecklich würde 
hier von einem neuern Dichter gesagt werden können; prosaisch würde 
entsprechen: anstandslos. — 10654 gesippe adj., verst. sippe (147S9), ver- 
wandt. 



XIV. DER SPLITTER, 



21 



ungerne so verkiuse ich: 10670 

iedocli verkiuse ich disen zorn, 

Sit in die frouwen hänt verkorn.o 

«herre», sprach aber Tristan 

(«an dirre suone da ist an 

min herre und beidiu siniu lant?» 10675 

«ja herre», sprach Gurmun zehant. 

Nu disiu suone z'ende kam, 
diu künigin Tristanden nam 
(269) und sazte in zuo ir tohter nider 

und bat in ouch, daz maere wider 10G80 

ir herren al von erste sagen, 

wie ez sich haete dar getragen 

an allen disen sachen 

beidiu umbe den trachen 

und umbe des küneges Markes ger: 10685 

daz seite er aber von ende her. 

der künec sprach aber: «her Tristan, 

nu wie bewar ich mich hier an, 

daz ich der rede gewis si?» 

«vil wol, herre, ich han hie bi 10690 

mines herren fürsten alle. 

swaz gewisheit iu gevalle , 

die saget mir. diu ist getan, 

die wile und ich ir einen han. » 



Hie mite so schiet der künic dan. 
die frouwen unde Tristan 
die beliben aber eine da. 
Tristan nam Paranisen sä: 
«geselle», sprach er «gä hin abe : 
da stät ein kiel in der habe, 
da ganc geswäsliche hin 
und frage, welher under in 
Kurvenal da si genant: 
dem selben ru'ne zehant, 
daz er ze sinem herren ge; 
und saffe ouch nieman niht me 



10695 



10700 



10705 



10670 verkiesen stv. intrans. (in der folgenden Zeile trans.) verzich- 
ten, aufgeben. 

10682 dar t ragen = zutragen. 

10701 geswäsliche adv., heimlich; vgl. 187S3. 



22 XIV. DER SPLITTER. 

und bringe in lise, als hövescli du sis.» 

nu herre, daz tet Paranis, 

er brähte in alse lise dar, 

daz sin niemen wart gewar. 10710 

nu si in zer kemenäten 

vür die frouwen träten, 

im neic diu küniginne 

und niemen me dar inne. 

si nämen sin durch daz niht war, 10715 

ern kom niht alse ein ritter dar. 

Nu Kurvenal Tristanden 
den frouwen under banden 
(270) frolichen unde gesunden sach, 

in franzoiser wise er sprach: 10720 

«ä, beä duz sir, 

durch gotes willen, waz tuet ir, 

daz ir so wunnecliche 

in disem himelriche 

sus luzet verborgen 10725 

und lät uns in den sorgen? 

wir wänden alle sin verlorn; 

biz iezuo hsete ich wol gesworn, 

daz ir niht lebende wahret. 

wie habt ir uns beswseret! 10730 

iuwer kiel und iuwer liute 

die geswüoren wol noch hiute 

und habent ez da vür, ir sit tot, 

und sint mit micheler not 

her unze an dise naht beliben 10735 

und hseten daz enein getriben , 

si wolten hinaht hinnen sin.» 

«nein», sprach diu guote künigin 

«er lebet gesunder unde frö.» 

und Tristan der begunde dö 10740 

britünisch sprechen wider in: 

«Kurvenal», sprach er «gä balde hin 

und sage hin uider, min dinc ste wol. 



10721 beä = beas (wie roi und rois) vgl. zu 2395; doch ist vielleiclit 
hier beä zu fassen als Adverbium zur Verstärkung von duz. — 10725 lüze?i 
swv., (lauschen), sich heimlich aufhalten. — 10732 geswiw7-en perf. in der 
Function des Futurum exactum : die werden wohl geschworen haben (ge- 
swüeren, wie v. d. Hagen schreibt und Paul S. 17 vertheidigt, ist ganz 
gegen die Situation). — 10736 enein triben steht ähnlich wie enein fragen, 
zu Stande bringen, festsetzen, beschließen. — 



XIV. DER SPLITTER. 23 

und ich ez allez enden sol, 

da nach wir uz sin gesant. » 10745 

hie mite so seite er ime zehant 

sine linge al von gründe, 

so er ebeneste künde. 

Nu er im lia^te geseit 
sin gelücke und sine arebeit. 10750 

«nu», sprach er «balde gä hin nider. 
sage mihcn lantherren wider 
und ouch den ritteren dar zuo, 
daz ir iegelicher fruo 

mit sinen dingen si bereit 10755 

wol gestrichen unde gekleit 
mit der aller besten wät, 
die ir iegelicher hat, 
(271) und nemen mines boten war: 

swenne ich in den sende dar, 10760 

so riten her ze hove ze mir. 

ouch sende ich morgen fruo ze dir, 

so sende mir den kleinen schrin, 

da miniu kleinoed' inne sin 

und miniu kleider da mite, 10765 

diu von dem allerbesten suite. 

dich selben kleide ouch alse wol, 

also ein hövesch ritter sol.» 

Kurvenäl neic unde kerte dan. 

Brangtene sprach: «wer ist der man? 10770 

in dunket waerliche 

hier inne ein himelriche: 

weder ist er ritter oder knebt?» 

«frouwe, swä vür ir'n gesellt, 

er ist ein ritter unde ein man; 10775 

(laue habet deheinen zwivel an, 

(laz disiu sunne nie beschein 

tugenthafter herze dehein. » 

«ä, sa?lic müeze er iemer sin!» 

sprach ietwederc künigin 10780 

und min frou Brangaene dermite, 

diu hövesche und diu wol gesite. 



10747 ron gründe, von Grund aus, durchaus, alles; vgl. 14031. 
10774 gesehen, verst. sehen, ansehen. 



24 



XIV. DER SPLITTER. 



Nu Kurvenal zem schiffe kam, 
sin 3 rede ze liäuden genam 
da nach, als ime was vür geleit, 
er Seite in, alse im was geseit, 
und ouch, wie er Tristanden vant. 
nü gebarten si zehant, 
reht' alse der tot ist gewesen 
und von dem tode wider genesen: 
als frönten si sich alle dö. 
du wären aber genuoge frö 
durch die lantsuone mere 
dan durch Tristandes ere. 
die nidegen barune 
si griffen an ir rune 
und an ir sprächen wider als e. 
si zigen Tristanden aber dö me 
(•272) durch dise riche linge 
zouberlicher dinge ; 
iegeli'cher sprach besunder : 
«hie merket alle wunder, 
waz dirre man wanders kan. 
ja herre, waz kan dirre man, 
daz er ez aliez endet, 
dar an er sich gewendet!» 



1078^ 



1079O 



10795' 



10800 



10805« 



10785 fg. vür legen ist nicht = vorlegen, vorschreiben, «auftragen) (die- 
Übersetzer), auch nicht mit Benecke: «vor Augen stellen», sondern: dar- 
legen, mittheilen, erzählen; es bezieht sich auf die Mittheilung Tristan'» 
von seinem Glück und seiner Xoth (V. 10750). Im folgenden Verse ist Seite 
nicht einfach: sagte, sondern: richtete aus, hieß und bezieht sich auf Tri- 
stan's Befehl (10752 fg.). Und V. 10787 enthält dann die Andeutung von 
einem selbständigen Berichte Kurvenal's. — 10793 lantsuone stf., Land- 
sühne, allgemeine, das ganze Land umfassende Versöhnung. — 10795 nidec 
adj., neidisch, eifersüchtig. — 1079G rüne stf. (17382) = r«««« (9679),, 
Geflüster. 



XV. 
DAS WAHRZEICHEN. 

Am bestimmten Tage erscheint die Eitterschaft und eine große Menge 
Volks wie auch Tristan's Begleitung am Hofe, um dem Gerichte beizu- 
wohnen. Xeben dem Könige lassen sich die beiden Isolden nieder. Der 
Truchselö fordert sein Kampf recht. Auf einen Wink der Königin tritt- 
Brangiene mit Tristan ein, der von den Seinen freudig empfangen wird. 
Unter der allgemeinen Begrüßung feiern auch die Jünglinge, welche zum 
Zinse von Kurncwal nach Irland gegeben waren, ihr Wiedersehen mit 
ihren Vätern und Freunden. Der Truchseß beansprucht, den Drachen 
erschlagen zu haben und- will es beweisen mit dessen Haupte. Tristan 
erbietet sich zurückzutreten, wenn man die Zunge in diesem Haupte finde. 
Sie wird nicht gefunden, und Tristan lässt die Zunge bringen, die als die 
des Drachen erkannt wird, und das Gericht erklärt Tristan für den Sie- 
ger. Der Truchseß will nun mit dem Unbekannten den Kampf bestehen, 
zieht sich aber, als er merkt, daß es Ernst werden soll, mit seinem An- 
hange zu einer Besprechung zurück. Es wird ihm gerathen, er möge von 
seiner Forderung abstehen. Er willigt ein, verkündet es dem Könige und 
muß mit seiner Schmach auch des Spottes viel erdulden. 



Hie mite so was oiicli der tac körnen , 
der da zem kämpfe was genomen, 
und was vil michel herscbaft, 

des lantvolkes michel kraft 10810 

vor dem künege in dem sal. 
oucli was da maneger hande zal 
uud^r den guoten kneliteu; 
si frageten, wer da vehten 

vür die maget Isolde 10815 

mit dem triihs?ezen wolde? 
diu frage gie her unde hin. 
nune was et niemen under in, 
der iht hier umbe erkande. 
under diu was oucli Tristande 10820 



2G 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 



sin sein in und siniu kleider komen; 
da hsete er sunder üz genomen 
dii gürtele den frouwen drin, 
daz keiserin noch künigin 
nie deheinen bezzeren gewan. 
schapel unde vürsi)an, 
senkel unde vingerlin 
der was ebenvol der sclirin, 
und was daz allez alse guot, 
daz niemer keines herzen muot 
des gedenken möhte, 
waz ez bezzer tobte, 
desn kom ouch nie nibt dervan, 
wan alse vil daz Tristan 
im selben dervan genam: 
einen gürtel, der im rehte kam, 
ein schapel unde ein spengelin, 
diu ime gebaere mohten sin. 
(273) «ir schcenen«, sprach er «alle dri, 
disen schrin und swaz dar inne si, 
da mite so schaffet alle 
und tuot, swaz iu gevalle.» 

Mit disen niaeren gieng er dan; 
siniu kleider leite er an 
und kerte dar zuo sinen pin 
und fleiz sich, wie er sich dar in 
gefeitierte alse wol, 
als ein volmüete ritter sol. 
ze wünsche stuonden ime ouch die. 
nu er wider in zen frouwen gie 
und si in begunden schouwen, 
nu begunden in die frouwen 
durch ir gedanke läzen gän. 
er dühte s' alle dri getan 
schon' unde sselecliche. 
die dri saeldenriche. 



10825 



10830 



10835 



10840 



10845 



10850 



10855 



10826 vürspan stn., Spange zum Heften des Gewandes. — 10827 senJcel 
(nach Hs. F) stm., wahrscheinlich aus lat. cingulum, franz. sengle , sangle, 
Kestel. (Hs. M ändert hafetel, B heftelin, H und W seckele, Täschclien). — 
108.32 waz, hier ^uie; vgl. zu 7881. — tohte , Umschreibung für: sein 
könnte, hätte sein können. 

10845 ptn stm., synonym mit ßiz , Eifer, Sorgfalt. — 10847 ge/eitieren 
swv., verst. feitieren (670) ausschmücken. — 10848 volmüete adj. , hoch- 
gemuth; daneben volmüetec 15167. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 27 

si gcdahten alle in einer frist: 

«zewäre, dirre man der ist 

ein manlicli creatiure; 

sin wät und sin figiure 10860 

die scliephent wol an ime den man: 

si zement so wol ein ander an; 

sin dinc ist allez wol gewant.» 

Nu hsete ouch Tristan besant 
sine cümpanie: diu was komen, 10865 

und bieten einen stuol genomen 
näcb ein ander in dem sal. 
da gie diu micbel werkle al 
und bescböuweten besunder 

der kleidere wunder, 10870 

diu si an in sähen, 
genüoge da jähen, 
ezn getrüege nie so manic man 
als ebenguotiu kleider an. 

daz si aber alle stille swigen, 10875 

dem lantgesinde rede verzigen , 

daz geschach durch die geschiht: 
sine künden der lantspräche niht. 

(274) Hie mite sant' ouch der künic hin 

einen böten nach der künigin, 10880 

daz si ze hove ksemc 

und ir tohter zuo z'ir naeme. 

«Isüt», sprach si «wol üf, gä wir! 

her Tristan, so belibet ir: 

ich tuon zehant nach iu gesant, 10885 

so neme iuch Brangsen' au die haut, 



lu862 zemen mit adv. on = dera einfachen zemen, passen. 

lOt't;«; stuol stm., hier allgemein: Sitz; einen stuol nemen entsprechend 
unscrm : Platz nehmen. — 10868 diu viichel v:erlde, nicht: die große, die 
vornehme Welt, die haute volee , sondern die Gesellschaft in großer Zahl, 
viele Leute. — werUle statt werlt in Hs. M und H, ebenso in V. 18050, 
woraus hervorgeht, daß uerlde schon frühe als Nebenform gilt; ob als 
unorganische, bliebe noch zu untersuchen. — 10S74 als ebenguotiu kleider, 
nicht: ebenso gute Kleider, sondern: so gleichmäßig, durchaus gute, voll- 
kommene ; hier hat ebene wie iu eJjengellch 4987 die zweite Function im Gegen- 
sätze zu Worten wie ihengroz, ebenher \ vgl. zu 248 [vgl. unser: ebenvoll]. 
— lOsTfi verzlhen stv. hier mit dat. und gen. wie in V. 5380, doch nicht 
so direct: versagen im Sinne von: abschlagen, sondern milder im Sinne 
von: versclimähen , nicht gönnen. 

10885 tuon mit dem Part. pra>t. entspricht: heißen, lassen mit inf. ; bei 
Gottfried nur hier. 



28 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 

und gat ir zwei nach uns dar in!» 
«gerne, frouwe künigin.» 

Sus kom diu küniginne Isöt, 
daz fröliche morgenröt, 10890 

und fuorte ir suunen an ir haut, 
daz wunder von Irlänt, 
die liebten raaget Isöte; 
diu sleich ir niorgenröte 

lis' unde stsetecliche mite 10895 

in einem spor, in einem trite, 
suoze gebildet über al, 
lanc, üf gewollen unde smal , 
gestellet in der w?ete, 

als si diu Minne drsete 10900 

ir selber z'einem vederspil, 
dem Wunsche z'einem endezil, 
da vür er niemer komen kan. 
si truoc von brunem samit an 

reo unde mantel, in dem snite 10905 

von Franze, und was der roc dermite ^ 

da engegene, da die siten 
sinkent üf ir liten, 
gefranzet unde geenget, 



10S98 üf gewoUen part. adj., (aufgewälzt, -gerollt), in die Höhe ge- 
wölbt, rund, voll. — lO'JÜO droejen swv., hier im Sinne von: auf der Dreh- 
bank drehen, drechseln, rundlich formen. — 10901 vederspil wie in ähn- 
lichem Bilde in V. 11989 der Minnen vederspil Isöt. «Die beiden letzten 
Stellen bezieht Grimm, Deutsches Wörterbuch, 3, 1408 auf künstlich gebil- 
dete Spielvögel, mit denen die Falken gelockt werden; doch ist das veder- 
spil, der Falke auch ein Spielwerk der Frauen.» Mhd. Wb. II, 2, 504. 
Bech: «Die Falken wurden auf das sorgfältigste gehegt und gepflegt, ja 
sogar gehätschelt, geliebkost (wie heutzutage die Hunde, die Schooß- 
hündchen) ; hiernach : ein Liebling, ein School5kind der Minne, ihr Zeitver- 
treib.» — 10902 endezil stn., das letzte Ziel, das Höchste, was der Wunsch (hier 
personificiert), das Ideal nur haben, was es nicht übertreffen kann. — 10906 
von Franze schreibe ich mit v. d. Hagen, Groote, den Übersetzern und J. 
Grimm, sowie nach Hs. H (eine Lesart vonfrantzois icas)\ es kann nur Frame 
(Geschl. ?), Frankreich gemeint sein. Maßmann schreibt franze vielleicht 
wegen des folgenden gefranzet in V. 10909 und denkt wohl an: Franse. 
Xach Gottfried's Stile sind hier verschiedene Worte oder mindestens ver- 
schiedene Bedeutungen anzunehmen; vgl. Bech zu Erec 1546. — dermite auf 
snit zu beziehen: darnach. — 10907 da engegene adv., nicht: da entgegen, 
gegenüber, sondern wörtlich da in gegene, dabin zu, in der Gegend; vgl. 
1175. — l(i908 Itte swf., eigentlich: Bergabhang, hier übertragen: Absen- 
kung des Wuchses, Hüfte. — 10909 gefranzet part. adj., mit Fransen ver- 
sehen; so wird das Wort immer gefasst; die Etymologie von Franse, ge- 
franst ist noch nicht sicher. Aus unserer Stelle scheint hervorzugehen, 
daß volksetymologisch das Wort mit Franze, Frankreich, zusammengestellt 
wurde. Ob aber wirklich gefranzet bedeutet: mit Fransen, ist mir un- 
wahrscheinlich. Auf den alten Trachtenbildern ist davon nichts zu seilen. 
Vielleicht: geschnürt? — engen swv., enge anschließend machen. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 29 

näh' an ir lip getwenget 10910 

mit einem borten, der lac wol, 
da der borte ligen sol. 
der roc der was ir heinlich, 
er tete sich nähe zuo der lieh: 
crn truoc an keiner stat hin dan, 10915 

er suochte allenthalben an 
al von obene hin ze tal: 
er nam den valt iinde den val 
(275) und^r den füezen alse vil, 

als iuwer iegelicher wil. 10920 

der mantel was ze flize 

mit härminer wize 

innen al üz gezieret, 

bi zilen gefloitieret; 

er was ze kürz noch ze lanc: 10925 

er swebete, da er nider sanc, 

weder zer erden noch enbor. 

da stuont ein hövescher zobel vor 

der mäze, als in diu Mäze sneit, 

weder ze smäl noch ze breit, 10930 



lo'.UU twenfien swv. = zwängen, andrücken. — lliOll borte swni. ist hier 
deutlich =: Gürtel. — 10913 heinltcfi adj., liier bildlich: eng vertraut, wie 
mit ihr verwachsen. — 10914 lieh stf., hier ausnahmsweise: Körper; vgl. 
zu 1297. — 10915 /lin dan trayen entspricht unsenn: abstehen. — 1091« an 
Knochen, sich anschmiegen; vgl. 15741. — 1091S valt stm., Faltenwurf. — 
val stm. gebrauchen wir weniger von den Kleidern als das Verbum: fallen. 

— den valt (vgl. 109.^0) und den vai }ie>nen^=deT Rock schlug Falten und 
fiel (vgl. 15Ö92). — 10919 under den füezen. wohl nicht: «unter den Füßen« 
(Kurtz), wobei man an die Schleppe denkt (Simrock : i und sclileppt am 
Koden nach so viel»), sondern eher: zwischen den Füßen; der Rock 
schlug im Gehen Falten und war dabei doch so eng, daß es nicht gegen die 
Zucht verstieß und doch die Schönheit des Wuchses zum A'orscheiu kam. 
Durch diese Fassung gewinnt erst ai^e vil und die folgende fein humoristische 
Zeile einen Sinn. — 10921 ze ßize, hier: im Gegensatze, als Gegenstück (zum 
Rocke); vgl. Bech zu Gregor 3262. — 10922 n-Ue stf., Weiße [fast abgekom- 
men, Schwärze erhalten]. — 10924 zUe stf., Zeile, Reihe; Oi ztlen, reihweis. 

— gefloitieret nach Hs. II, W, F; die Nebenhandschriften haben ^e/Zo^/ere^, 
(jeßoreret B (Haupths. M fehlt), N, 0. Groote schreibt im Glossar flottireri, 
g'ßottieret und erklärt : «aus dem Franz. wahrscheinlich vonßot, daher wellen- 
förmig ausgezackt». Y. d. Hagen: «vermuthlich vom franz. ßotter, wogen.» 
INIhd. Wb. III, 3ö4: «wahrscheinlich ist yeßoijieret. vonßoijieren, schmücken, 
zu lesen; \gh ßoyir, ßoi/iere (wogen, schweben, flattern, lat. ßuere); oder 
yeß6ri>'rit ? doch könnte auch ßoitiemi eine Nebenform sein von ßuctuare 
wie dieses von ßuere. ^i Die Lesart geßorieret der Nebenhss. mit ihrer all- 
gemeinen Bedeutung ist abzuweisen; ßoitieren bedarf noch weiterer Erklä- 
rung. Aus dem Zusatz 6t zilen geht hervor, daß der Hermelin nicht aus 
glatt angesetzten Stücken bestand; wahrscheinlich bildeten die Zierde die 
Bcliwarzen Schwänzenden, die reihweis aufgelegt waren; und dieses gibt 
allerdings dem Pelze ein wellenartiges Ansehen. — 1092.5 das Mhd. kann 
vor noc/i das sonst übliche weder oder noch sparen, während wir unser: 
weder nicht missen können; vgl. 1388. — 10928 vor stän, als Vorstoß an- 
gesetzt sein. — 10929 Afäze personificiert. — 



30 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 



gesprenget, swärz ündc grä: 
swarz unde grä diu wären da 
also gemischet under ein , 
daz ir dewederez da schein, 
der nam oiich sine krumbe 
reht' an der wize al umbe, 
da der zobel die fuoge nimet, 
da diz bi dem so wol gezimet. 
diu tassel, da diu selten sin, 
da was ein kleinez snuorlin 
von wizen berlin in getragen, 
da haete diu schoene in geslagen 
ir dümen von ir linken hant. 
die rehten h<"ete si gewant 
hin nider baz, ir wizzet wol, 
da man den mantel sliezen sol, 
und sloz in höveschliche enein 
mit ir vingeren zwein: 
vürbaz da viel er selbe wider 
und nam den \alt al z'ende nider, 
da man diz unde daz da sach, 
ich meine vederen unde tach: 
man sah ez innen und uzen 
und innerhalben lüzen 
daz bilde, daz diu Minne 
an übe und an dem sinne 
so schone h?ete gedraet: 
diu zwei, gedrset unde genaet, 
(276) diu envöllebrähten nie bäz 
ein lebende bilde danne daz. 
gevedere schächblicke 
die fingen da snedicke 
schächende dar unde dan: 
ich waene, Isöt.vil manegen man 
sin selbes da beroubete. 



10935 



10940 



10945 



10950 



10955 



10960 



10965 



10931 gesprenget part. adj., gesprenkelt, bunt. — gra adj. (im folgenden 
Verse substantivisch), grau. — 10933 under ein, seltene Wendung; unter- 
einander, zusammen. — 10939 tassel stn., Spange (zum Schließen des Man- 
tels). — 10941 in tragen, einsetzen, «anbringen» (Paul). Die erste Er- 
klärung in <ra^e/i = einfassen, umschließen gebe ich auf; vgl. 11119. — 

10952 vederen pl., hier insbesondere: Pelzwerk. — tach stn.. Decke (des 
Kleides), Überzug, Stoff (hier der Sammt) im (Gegensätze zum Futter. — 

10953 s. zu 268S. — 10954 innerhalben adv. (dat. pl.), innerhalb ; vgl. 11188. 
— 10961 gei'eder adj., befiedert. — schächblic stm., Käuberblick, bildlich für: 
gefangen nehmender Blick. — 10962 snedicke adj., schneedick, dick wie 
Flocken. — 10963 schächen swv., rauben, auf Eaub ausgehen. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 3t 

si triioc üf ir lioubete 

einen zirkel von golde 

smal, alse er wesen solde, 

geworht mit sprehem sinne. 

da lagen gimmen inne, 10970 

erwünschete steine 

vil lieht und iedoch kleine, 

die besten von dem lande: 

Smaragde und jacliande, 

Saphire und calzedone, 10975 

und wären die so schone 

wä unde wä dar in geleit, 

daz wercmannes wisheit 

nach rehter spseheite 

nie steine baz geleite. 10980 

da luhte gölt ünde golt, 

der Zirkel unde Isolt 

enwiderstrit ein ander an. 

da enwäs kein alse wise man , 

htet' er der steine niht gesehen, 10985 

daz er iemer hiete verjehen, 

daz da kein zirkel wsere: 

so geli'ch und alse einbaere 

was ir här dem golde. 

Sus gieng Isöt Isolde, 10990 

diu töhter ir muoter bi, 
fro und aller sorgen fri. 
ir trite die wären unde ir swanc 
gemezzen weder kurz noch lanc 
und iedoch beider mäze. 10995 

si was an ir geläze p 

üfreht und offenbaere, 
gelich dem spärwsere. 



10966 — 8(1 eutlelint vom Dichter des Schwankes von Aristoteles und Phillis. 
Gesamratab. Nr. II, V. 23H—2b2. — U)%7 zirkel stm., Reif. — 10972 iedoc/t 
adv., doch, entspriclit ziemlich unserm: dabei; trotzdem die Steine klein, 
zierlich waren, waren sie doch sehr glänzend; ein großer Stein gibt eben 
ein größeres Licht als ein kleiner. — 10974 jachant {jächant unerwiesen) 
stm., ein Edelstein; Hyacynth? — 10979 spoeheit stf , Kunstfertigkeit. 

10991 — 11106 ebenfalls entlehnt in Aristoteles u. Ph. V. 269 — 2S4. — 
10993 swanc stm., Schwang, (schwingende) Bewegung; vgl. 17161. — 10995 bei- 
der inaze, von beider Art, nämlich sowohl kurz als lang, d. h. weder das 
eine noch das andere. — 10997 offenbcere adj., (offenbar), offen; etwa: 
natürlich, ungezwungen; vgl. 12993. — 



32 XV. DAS WAHRZEICHEN. 

(277) gcstreichet alse ein papegän; 

si liez ir ougen umbe gän llOCO 

als der välke üf dem aste; 

ze linde noch ze vaste 

hseten si beide ir weide. 

si weideten beide 

als ebene unde als lise 11005 

und in so süezer wise, 

daz da vil lützel ougen was , 

in enwairen diu zwei Spiegelglas 

ein wunder unde ein wunne. 

diu wunne bernde sunne IIOIO 

si breite ir schin über al, 

si erfröute Hute unde sal 

suchende neben ir muoter hin. 

si zwo si wären uuder in 

in süezer unmuoze 11015 

mit zweier bände gruoze 

grüezende unde nigende, 

sprechende unde swigende. 

ir reht was an in beiden 

besetzet unde bescheiden: 11020 

ir eine gruozte, diu ander neic, 

diu muoter sprach , diu tohter sweic. 

diz triben die wol gezogen zwo: 

diz was ir unmuoze do. 

Nu daz sich Isot unde Isot, 11025 

diu sunne unde ir morgenrot, 
halten nider geläzen, 
dem künege bi gesäzen, 
nu nam der truhssez' allez war 
und frägete her unde dar, 11030 

wä der gewaltessere, 
der frouwen kemphe wsere. 
des was er unberihtet da. 
sine mäge nam er sä: 



10999 gestreichet part. adj., gestreichelt (15885), glatt; vgl. 10365. 17542. — 
11003 fg. weide stf. und weiden swv. braucht Gottfried öfters in solcher 
halb bildlichen Weise; vgl. 14381. 16760. 17827 fg. — 11019 reht stn., hier: 
Pflicht, Obliegenheit. — 11020 benetzen swv., hier: festsetzen, bestellen. — 
bescheiden stv., hier ebenfalls: festsetzen, bestimmen. 

11031 gewaltesaere stm., Gewalthaber, der Gewaltige; vielleicht: Be- 
vollmächtigter:' — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 33 

der was ein micliel her umb' in. 11035 

vür den künec so gienc er hin. 
dem gerihte antwurte er sich: 
«nu herre», sprach er «hie bin ich 
(278) und vordere min kampfreht. 

^vä ist nü der guote kneht, 11040 

der mich von minen eren 

hie -wallet umbe keren? » 

ich hän noch friunde unde man. 

ouch ist min reht so guot hier an , 

tuet mir daz lantreht, alse ez sol, 110-45 

ich geteidinge wol. 

gewalt entsitze ich kleine, 

ir entiiot ez danne al eine.» 

«Truhsseze», sprach diu künigin 

«sol dirre kämpf unwendic sin, 11050 

sone weiz ich rehte, waz ich tuo: 

ich bin dar ungewaruet zuo. 

und zwäre Moltest dü'n noch län 

üf solhe rede understän, 

daz isot dirre maere 11055 

ledec und ane waere, 

truhsa^ze, zware ez koeme dir 

ze alse guoten staten als ir.» 

<(ledic?» sprach der ander dö 

{'ja frouwe, ir tsetet ouch also, llOGO 

ir liezet ouch gewannen spil. 

swaz ir geredet, ich wtene, ich wil 

mit fromen und mit eren 

von disem spile keren. 

ich hcete michel arebeit 11065 

unsinneclichen an geleit, 

solte ich nü dar vone gän: 

fromv', ich wil iuwer tohter hän: 



11037 anlwürtcn svw. erklärt Groote: a sich überantworten, anvertrauen»; 
nach dem letzten Worte scheint mir antworten zu innerlich gefasst; um- 
gekehrt ist die Erklärung im mhd. Wb. III, 599'^ aer erschien vor dem 
Gerichte- wieder zu allgemein; sic/i antwürteu wird vielmelir entsprechen 
unserm: sich stellen. — 11046 geteidhu/en swv. , verst. teidingeii, tage- 
dingpH. vor Gericht verhandeln, processieren. — 11047 entsitzen stv,, fürch- 
ten [vgl. sich entsetzen]. 

IIOÜO fg. sind irouisch zu fassen. — 11061 geicunnen spil lazcn, ge- 
wonnenes Spiel aufgeben, ungenützt lassen. — 110t>t5 an ie^c« = anwenden. 

GOTTFKIED VON STRASSBL'KG. II. 2. Aufl. 3 



34 XV. DAS WAHRZEICHEN. 

daz ist daz ende dar an. 

ir wizzet in so wol, den man, 11070 

der den trachen da sluoc. 

den bringet, so ist der rede geniioo) 

«Trulisseze», sprach diu künigin 
«ich hcere wol, ez muoz et sin: 
ich muoz min selbe uemen war.» .11075 

si wincte Paranise dar: 
«gä hin!» sprach si «und brinc den man.» 
nu sähen s' alle ein ander an 
(279) ritter und barüne. 1 

under in wart michel rüne, 11080 

vil frage und manic mtere, 
wer der kempfe wsere. 
nune weste ez ir deheiner da. 

Hie mite kom euch geslichen sä 
diu stolze Brangsene, 11085 

daz schoBne volmaeue 
und füorte ze banden 
ir geverten Tristanden, 
diu stolze und diu wol gesite 

si gieug im siteliche mite, 11090 

an libe und an geläze 
liutsaelec üz der mäze, 
ir muotes stolz ünde fri. 
ouch gieng ir ir geverte bi 

in stolzlicher wise; 11095 

des dinc was ouch ze prise 
und ze wunder üf geleit 
an iegelicher saelekeit, 
diu den ritter schephen sol: 

ez stuont allez an im wol, 11100 

daz ze ritters lobe stät. 
sin geschepfede und sin wät 
die gehüllen wunnecliche enein: 
si bildeten under in zwein 
einen ritterlichen man. 11105 



11090 siteliche adv., (sittlich), entspricht unserm: sittig (mhd. siiec), 
anstandsvoll. — 11092 liutscelec adj., nicht in unserm Sinne: leutselig, 
freundlich, herablassend, sondern: anrauthig, (»holdselig«. Kurtz. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 35 

er truoc ciclädcs kleider an, 
diu wären üzer mäze rieh, 
fremede unde lobelicli. 
sine wären nilit von liove gegeben: 
daz golt daz was dar in geweben 11110 

niht in der hovemäzc: 
die si'diiien sträze 
die kos man kümeliclie da: 
si wären wä ünde wä 

so mit dem golde ertrenket 11115 

und in daz golt versenket, 
daz man daz werc da küme sacli. 
ein netze daz was üf daz tach 
(280) von kleinen berlih getragen: 

die maschen alse wit geslagen, 11120 

als ein liant an der breite hat. 

da durch so bran der ciclät 

rehte alse ein glüender kol. 

er was von timit' innen vol, 

vil brüner danne ein violate, 11125 

reht' ebenbrün der gloicn blate. 

der selbe pfelle der tet sich 

an den valt und an den strich 

alse nähe und alse wol, 



lUOG riclddes kleider, Kleider von ciclaf stm. Fremdwort (11122), mit GüIJ 
durchwirktet Seidenstoff. — llluT vzer -iitäte , über die Maßen, außerge- 
wöhnlich. — lllOy bezieht sich auf die Sitte, die fahrenden Leute mit 
Kleidern, namentlich mit getragenen, zu beschenken. — Hill ]toveinäz<', 
stf., Art und Weise des Hofes. Der Vers ist nur im Zusamnienliauge mit 
V. 11109 zu nehmen. Kostbare Stoffe trug man wohl am Hofe, aber mau 
vers^enkte solche nicht. In hoceinäze liegt wohl auch wortspielend zu- 
gleich der Begriff der Mäßigkeit und Zurückhaltung. — 11112 sträze stf., 
liier : Streif. — 11115 für er/renken swv. würde ein neuerer Dichter: tränken 
sagen. — 11117 werc stn., hier: das Gewirkte, der Stoff. — llllS fach ist 
hier in demselben Sinne zu fassen wie in V. 10952, doch, weil kein Gegen- 
satz vorhanden, allgemeiner: Bekleidung, Bock. — 11119 tragen, liiere 
legen. — 11122 brinnen stv., brennen swv., glühen, glänzen; vgl. 11137. — 
11123=17573. — 11124 tinat Btra. Fremdwort, gr. 0'|j.ito;, Seidenstoff, aus 
doppelten Fäden gewebt. — vol adj., gefüttert; vgl. zu 2548. — 11125 violate 
(Kürze erwiesen durch blate) stm. (sonst violät), veilchenfarber Stoff. — 
1112*3 'jloie (auch (/leie) = affleie. agelfic, swf., Aglei, A(ji/ilf>gia LiunC, Rluwi- 
niis. — 11127 j)/elle stm. wird hier allgemein gesagt für die besondere Be- 
zeichnung ciclät, aber in eigener Bedeutung. — 1112S stric/i stm., wie noch 
heute: die Eichtung der Fäden im Gewebe der Länge nach. Die "Wen- 
dung wird nur dann verstanden, wenn pfelle nicht als Stoff im Allgemei- 
nen, sondern hier direct als «Goldgewebe» gefasst wird im Gegensatze zu 
dem verc von Seide. Die Goldgewebe sind leicht starr und fallen scliwer. 
Daß dies bei dem ciclät Tristan's, in dem das Gold so vorherrschend war, 
nicht stattfand, sollen uns diese Verse sagen. Das Goldgewebe schmiegte 
sich dem Faltenwurfe und dem Striche des Seidengewebes, dos eigentlichen 
Stoffes auf das engste an, wie wenn sie aus ein und denselben Fäden hc- 
stinden. — 

3* 



36 XV. DAS WAHRZEICHEN. 

als ein pfelle beste sol: 11130 

er stuont dem lobelicheii man 

wol linde lobelichen an 

und alle wis nach siner ger. 

üf sinem houbete truoc er 

von spsehem werke spaehen schin, 11135 

ein wunneclich scliapelekin, 

daz rehte alsam ein kerze bran: 

da lühten alse Sterne van 

topäzen und sardine, 

krisoli'ten und rubine. 11140 

ez was liebt ünde klär, 

ez bsete im boubet unde bar 

klärliclien umbevangen. 

sus kom er in gegangen 

riebe unde höbe gemuot. 11145 

sin gebär was berlicli unde guot. 

al sin geverte daz was rieh: 

er was selbe richlich 

an allen sinen Sachen. 

si begunden ime rüm machen, 11150 

da er zem palas in gie. 

Hie mite so wurden sin ouch die 
von Kurnewäle gewar: 
si Sprüngen froliche dar, 

si gruozten unde enpfiengen, 11155 

da si behanden giengen, 
Brangaenen und Tristanden; 
si nämen si ze banden 
(281) die geverten beide, si und in, 

und condewierten s' under in 11160 

schon' unde herliche 
hin vür daz künicriche. 
künec, ietwedere künigin 



11139 sardln stm., ein Edelstein; Sardonyx? — 11143 klärlichen ^Ar., mit 
Klarheit, glänzend. 

11156 behanden adv. fasst Simrock wörtlicli = 6t handen als: Hand in 
Hand; Kurtz: uda sie her näher giengen», also behanden uugeiäibx wie in 
V. 2173. Gegen die erste Auffassung scheint mir stilistisch ze handen in 
V. 11158 zu sprechen; dagegen trifft «her näher» die Bedeutung nur zum 
Theil. Ist vielmehr behanden nicht zu fassen als: bei Seite, vorbei? und 
da wäre dann wörtlich zu nehmen = da, wo. — 11162 Jcwiicriche stu. steht 
hier als Abstractum [vgl. unser: Herrschaft] für die Person des Königs, 
wobei allerdings auch die königlichen Frauen mit eingeschlossen sein 
mögen; ebenso steht kröne, s. zu 3328, — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 37 

si täten ime ir tugende schiu: 

si stuonden üf und giuozten in. 11165 

Tristan der neig in allen drin; 

dar nach grüozten si drie 

Tristandes cumpanie 

herliche unde alse wol, 

als man von rehte herren sol. 11170 

Hie mite kom al diu ritterschaft 
zuo gedrungen herhaft, 
und grüozten die geste, 
der geverte ir keiner weste. 

jene bekanden aber iesä 11175 

ir Väter e unde ir mäge da, 
die von Kurnwäle ze Irlant 
ze zinse waren gesant. 
da lief vor fröuden manic man 
vätere und mäge weinende an: 11180 

fröud' unde klage der was da vil, 
der ich niht sunder rechen wil. 
der künic do Tristanden nam 
selb andern, alse er dar kam, 
in und Brangsenen die mein' ich, 11185 

unde sazte si ze sich 
und fuogte aber under in daz, 
daz Tristan. innerhalben saz. 
so säzen anderhalben sin 

die scelegen zwo künigin. 11190 

ritter und barüne, 



11164 fg. charakteristische Stelle für ciie Bedeutung von tiigent , welches 
im Gegensatze zum modernen ethischen Inhalte oft die äußerliclie Wohl- 
anständigkeit und etikettenmaßige Haltung bezeichnet, wobei freilich, wie 
auch aus unserer Stelle hervorgeht, das Gefühl der Werthschätzung mit 
in Bechnung kommt; vgl. Benecke zu Iwein .340. 

111S2 rechen-=^rechenen swv., (rechnen), aufzählen, gedenken; der Genitiv 
der ist gen. part. — 11184 5^/6 andern {silOe andern in M, H und W; s^^lö 
ander F; Maßmann sdpandern ohne Noth); aus selbe ander die noch ge- 
bräuchliche Composition seWander, paarweise zusammen. An unserer Stelle 
liegt im Worte ein scherzhafter Doppelsinn, den wir nicht nachahmen 
können; unser: zix zweit würde steif klingen. Zunächst kann es heißen: 
der König nahm den Tristan zu sich: selb ■= selbe (nom.), er selbst ihn als 
den andern^ den zweiten ; sodann als Zusammensetzung sclbandern=:se!ben 
andern, ihn selbst als den andern mit Bezieliung auf Brangfene. Und daß 
er letzteres meint, sagt dann der Dichter ausdrücklich. Deshalb wurde 
im Texte trotz der Hss. selb andern geschrieben ohne den sonst system- 
gemäßen Apostroph (selb' andern), weil er das Wortspiel vernichten würde; 
auf der andern Seite würde das die Schreibung selbandera thun. — lll^y 
anderhalben adv. (dat. pl): auf der andern Seite; siVi^von ihm; vgl. 2498. — 



38 XV. DAS WAHRZEICHEN. 

Tristandes cuinpanjime 

die säzen üf den esterich: 

und aber also, daz iegelicli 

dem geribte imder ougen sacb, 11195 

und säben, swaz so da gescbacb. 

Hie mite buop von Tristande 
daz gesmde von dem lande 
(282) manec gerüne und manic zal. 

ich weiz ez wol, daz in dem sal 11200 

üz maneges mannes munde 

lobebrünnen vil begunde 

üf wallen unde enspriugen 

von allen sinen dingen: 

si sageten ime lop unde pris 11205 

maneger bände und manege wis. 

ir genuoge sprächen daz: 

«wa gescbüof ie got figiure baz 

ze ritterlichem rehte? 

hei, wie ist er vehte 11210 

und ze kampfwise 

gestellet so ze prise ! 

wie sint diu kleider, diu er treit, 

so rilichen üf geleit! 

ezn gesäch nieman in Irlant 11215 

sus rehte kei serlich gewant. 

sin massenie diu ist gekleit 

mit küniclicher richeit. 

und Wcerlicbe, swer er si 

er ist müotes unde guotes fri. » 11220 

alsolher rede was da genuoc. 

der trühsceze der trüoc 



11193 die Barone werden sich nicht glatt, ohne Sessel auf den esterich, den 
Fußboden («auf des Estrichs Dielen» Simrock) niedergelassen haben; aus 
der Stelle geht hervor, daß der Sitz des Königs erhöht war. 

11199 gerüne stn., heimliches Sprechen, Geflüster. — 11202 lohehry.nnen 
ist gen. pl. von lobebrunne svvm., abh. von vil. Grimm d. Wb. 2435 hat 
den Fehler des mhd. \Yb. I, 270, wo hrwinen als Verbum angesetzt ist, 
bereits corrigiert, aber es ist nicht lohequellen zu lesen, sondern lobebrünnen 
mit «Lobquellen, /on^e.s laudisn zu übertragen ; ähnlich braucht der Dichter 
loberts 4645. — 11209 re//< stn., hier: Stand; im Kitterstande. ■ — 11211 la'upf- 
tcise stf., nicht eine bestimmte Art des Kampfes, sondern was zum Kampfe 
gehört, gebildet wie schifwtse 7348; das "Wort steht synonym mit vehte. — 
11220 /rj adj., hier: unabliängig, unbeschränkt in seiner Gesinnung und 
in seinem Vermögen; d. h. er ist kein Vasall, sondern ein selbständiger 
Fürst, vom höchsten Stande. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 39 

den czzicli in den ongen. 
diu rede ist äne lougen. 

Nu liiez man ruofen in den sal 11225 

eine stille über al. 
diz was getan; nii daz gescliacli, 
daz niemen wort noch halbez sprach, 
der künic sprach: «truhsseze, sprich, 
wes vermizzestu dich?» 11230 

(t herre , ich sluoc den serpant. » 
der gast stuont üf und sprach zehant: 
<(herr', ir entätet.» «herre, ich tete, 
ich bewiere ez wol an dirre stete.» 
«mit waz bewserde?» sprach Tristan. 11235 

«diz houbet, seht, daz brähte ich dan.» 
«herre künec», sprach Tristan do 
«Sit er des houbetes so 
(283) ze bewserde wil jehen, 

so heizet in daz houbet sehen: 11240 

vindet man die zungen da, 
ich entwiche mines rehtes sä 
und wil von minem kriege gän.» 

Sus wart daz houbet üf getan' 
und niht dar inne fuuden, 11245 

Tristan hiez an den stunden 
die zungen bringen : diu kom dar. 
«ir herren», sprach er «nemct war 
und seht, ob si des trachen si. » 
nu stuonden si's im alle bi 11250 

und jähen s' al gemeine 
wan der truhsaaze al eine, 
der wolte ez Widerreden ie; 
nunc wistc er aber rehte wie: 
der veige der bcgunde 11255 

mit zungen und mit munde, 
mit rede und mit oedanken 



11223 nicht: er hatte schmerzende Tliräncn in den Augen, sondern: er 
machte ein saures Gesicht. — 11224 diu 7'eäe ist äne, lougen, formelhafte 
Wendung, die sich öfters findet, z. B. Engelhard 1224. änp lowjea subst. 
inf. stn., (ohne Läugnung), ohne Zweifel, wahr; vgl. zu 139>i'). 

1122") eine stille ruofen, Stillschweigen gebieten; vgl. 8700. — 11235 he- 
uicvrde stf., hier: äußerer Beweis, "Wahrzeichen. — 11242 entu-ichen stv. mit 
gen., von etwas abstehen. — 11243 Avjcc stm., Streit, hier insbesondere: 
Rechtsstreit, Process. 



40 XV. DAS WAHKZEICHEN. 

schranken nnde wanken, 

er enkünde sprechen noch gelän, 

er enwiste, waz gehserde han. 112G0 

«ir herren alle», sprach Tristan 

«hie merket alle wunder an, 

wie sich diz hie ziio habe getragen, 

dö ich den trachen haete erslagen 

und ich im mit lihter arebeit . 11265 

üz sinem toten rächen sneit 

dise Zungen und si dannen truoc, 

daz er in sider ze tode sluoc.» 

die herren sprächen alle : 

«an disem lantschalle 11270 

ist lützel eren bejaget. 

swaz. iemen sprichet oder saget , 

unser iegelich der weiz daz vrol, 

ob man ze rehte reden sol, 

der aller erste dar kam 112 '^5 

und die zungen da nam, 

der sluoc ouch den serpant.» 

des wart gevolget sä zehant. 

(284) Nu daz dem välschen gebrast 

unde der valschelöse gast 11280 

des lioves völge gewan , 

«herre küuec», sprach aber Tristan 

«nu weset der triuwen gemant : 

iuwer töhter stät in miner hant.» 

der künec sprach: «herre, des gib' ich, 11285 

als ir gelobetet wider mich.^) 



11258 scliranlen swv. wird Terscliieclen erklärt: Groote: «ausweichen, 
aus den Schranken treten, Ausflüchte suchen. o Hagen: aungewiss hin 
und her treten; . . . gleichsam auf schrägen Beinen watscheln.» Mhd. 
Wb. II. 2, 203'^: «Kreuz- und Quersprünge machen», schranken, hier syno- 
nym mit icanken: unsicher, gleichsam mit verschränkten Beinen gehen.. — 
11259 gelän stv., verst. lern, lassen, unterlassen, steht ähnlich wie entuon; 
das Object sprechen oder mindestens ez zu ergänzen. 

11279 geöresten stv., verst. bresfen (258) mit dat., gebrechen, fehlen, 
fehlschlagen. — 112^0 valscfidos adj., ohne Falsch, ehrlich. — 11283 Iriu- 
wcn gen. pl. ; triuv.e öfters im Plural; vgl. triuwen, entriuwen. — 11285 — 86 
Hermann Paul (zur Kritik u. Erkl. S. 13) schlägt vor, diese Verse um- 
zustellen, und den letzten an die Worte Tristan's anzuschließen. Die 
Überlieferung sämmtlicher Hss. spricht dagegen, und der Sinn lässt es 
nicht zu. Der König hat im Allgemeinen ein Versprechen gegeben, aber 
nicht speciell dem Tristan : umgekehrt hat aber Tristan dem Könige gegen- 
über etwas gelobt, nämlich die Erfülking einer Vorbedingung. Vgl. 11379, 
11383. 11394. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 41 

«nein herreo, sprach der valsclie dö 

«durch got, ensprechet niht also. 

swie ez hier umbe ergangen si, 

da ist zewäre uutriuwe bi 11290 

und ist mit valsche hie zuo komen. 

e aber mir werde bcnomcn 

min ere mit unrehte, 

si muoz mir e mit vehto 

und mit kämpfe hine gän : 11295 

herre, ich wil den kämpf bestän.» 

«truhsaeze», sprach diu wise Isöt 

«du teidingest äne not: 

mit wem wil du kampfrehten? 

dirre herre wil nilit vehten: 11300 

er hat doch an Isolde 

behabet, daz er wolde. 

er w£ere tumber danne ein kint, 

und vpehte er mit dir umbe den wint. » 

«war umbe, frouwe?» sprach Tristan 11305 

«e danne er j^ehe, daz wir'n hier an 

gewalten unde iinrehten, 

ich wil e mit im vehten. 

herr' unde frouwe, sprechet dar, 

gebietet ime daz, daz er var 11310 

wol balde wäfenen sich: 

bereite sich, als tuon ich mich.» 

Xu daz der truhsseze sach, 
daz sich diu rede ze kämpfe brach, 
sine mäge und sine man 11315 

die nam er alle und gie dan 
an eine spräche sunder 
und suochte rät hier undcr. 
(285) nu dühte si daz msere 



1121)3 tcidingen svw., hier doppelsinnig: processicrcn und daneben : reden, 
schwatzen. — 11299 kainp/re/i(cn swv., das kampfreht ausüben, im gericlit- 
lichen Zweikampf fechten. — 11302 behüben swv. , hier: erhalten, erreichen. 
— 11307 'jewuUen swv. mit acc, einem Gewalt anthun [vgl. vergewaltigen 
mit acc] — unrchten swv. mit acc, einem Unrecht anthun; scheint eine 
Gottfriedische Bildung. Im mhd. Wb. II, 1, 615'* wird erklärt «begehe 
ein Unrecht», also intransitiv, und citiert daz wir hier an gewalten und 
unreht'^n (dagegen III, 47ti'' unter Gewalten mit acc. : daz u-irn u. s. w. «ihm 
Gewalt und Unrecht thun»); u-irn^=wir in steht in Hs. MundH; wir ime 
in W ; nur in F wir. 

11314 brechen refl., hier wie in '>27?>: daß die Sache auf den Kampf 
hinauslaufen sollte; hier tritt möglicherweise dieBcdeutung von sich brechen 
= cinc Wendung machen, sich wenden mehr hervor. ■ — 



42 XV. DAS WAHRZEICHEN. 

SO rehte lasterbsere, 11320 

daz er da lützel rätes vant. 

ir iegelicher sprach zeliant: 

«truhsseze, diniii tagedinc 

diu liseten boesen ursprinc, 

ze boesem ende sint euch komen. 11325 

waz hast du dich an genomen? 

wil du dich mit unrehte 

bieten ze vehte, 

daz gät dir westlich an daz leben. 

waz rätes mugen wir dir gegeben? 11330 

hie enhderet rät noch ere zuo : 

verliusest du daz leben nuo 

ze gar verlorner ere, 

so ist aber des schaden noch mere. 

uns dunket alle und sehen daz wol, 11335 

der wider dich da vehten sol, 

der ist ein geherzet man zer not. 

bestästu'n, zwäre ez ist din tot. 

Sit dich des välandes rät 

verraten an den eren hat, 11340 

so behabe dinen li'p doch. 

versuoche unde besieh noch, 

obe diz laster und die lüge 

iemen hin gelegen müge 

mit deheiner slahte maere. » 31345 

dö sprach der lügensere: 

«wie weit ir, daz ich daz getuo?» 

«da raten wir dir kurze zuo: 

gä wider in unde gich, 

dine friunt die heizen dich 11350 

dise vörderunge varen län : 

nu wellest du dervone gän.» 

Der truhsseze tete also, 
er gie widr in und seite do, 
sine mäge und sine man - 11355 



11323 tagedinc stn., hier wohl wieder allgemein wie dinc, etwa: Händel; 
die Erklärung im mhd. Wb. I, 335 «deine Anträge auf Zweikampf» scheint 
mir zu eng; der übele Anfang datiert weiter zurück. — 11324 ursprinc stm. 
= Ursprung, Beginn. — 11329 wcetlich (zu loät) adv. (das Adj. fehlt bei 
Gottfried), eigentlich: schön, stattlich; dann wie hier übertragen: leicht, 
wahrscheinlich; vgl. 17885. 18272; der übertragenen und abgeschwächten 
Bedeutung mag eine Ironie zu Grunde liegen [vgl. unser: mit Glanz]. — 
11341 beheben swv., hier: bewahren, retten. — 



XV. DAS WAHRZEICHEN. 43 

die Iireten iu genomen da van, 
nu wolte er ouch da von sin. 
«truhsceze», sprach diu künigin 
(286) «daz enwande ich niemer geleben, 

daz du iemer sollest üf gegeben 11360 

alse gar gewunnen spil.» 

alsolhes spottes wart da vil 

getriben über den palas. 

der arme truhs£eze was 

ir gige unde ir rotte; 11365 

si triben in mit spotte 

umbe und umbe als einen bal. 

da wart von spotte michel schal. 

sus nam der valsch ein ende 

mit oflfenlicher sehende. 11370 



11356 da van y dervan nemen mit acc. , einen von etwas abbringen; vgl. 
18405. — 11365 ir gige unde ir rotte, wie wir sagen: ihr Spielball, welches 
andere Bild dann auch gleich im Folgenden verwertJiet ist; ähnlich unser: 
einem mitspielen; rotte, vgl. zu 13123. — 11370 sehende stf., Schändung, 
Schmach; Gottfried gebraucht sonst schände (: Tristande: Engelande). 



XVI. 
DER MINNETRANK. 

Die Landesherren •willigen mit Freuden in die zwischen dem König 
und Tristan geschlossene Versöhnung und in dessen Werbung für König 
Marke. Tristan sichert das Land Kurnewal Isolden als Morgengabe zu. 
Die Jünglinge, die von Kurnewal und Engeland einst zum Zinse gegeben 
waren, werden frei. Während sich Tristan zur Heimfahrt rüstet, bereitet 
die Königin einen Minnetrank und übergibt das Glasgefäli der Obhvt ihrer 
Niftel Brangfene, die mit ihrer Tochter fahren soll. Sie möge, wenn sich 
Isolt und Marke in Liebe vereint hätten, ihnen diesen Trank statt Weines 
schenken, solle aber auf der Hut sein, daß niemand anders davon genieße. 
Schmerzlich ist Isoldens Abschied von Altern tind Heimat. Tristan sucht 
sie auf der Fahrt zu trösten, aber sie weist in Erinnerung an ihres Oheims 
Tod seine Zutraulichkeit zurück und klagt ihn an, daß er sie zu unge- 
wissem Looße aus dem Lande gelockt habe; lieber hätte sie den Truchseß 
genommen. Tristan beschwichtigt ihren Unmuth. — Während die Reisen- 
den Kühe halten und das Volk sicJi zur Erlustigung an das Land begibt, 
besucht Tristan die Königin und begehrt während des Zwiegesprächs zu 
trinken. Von einem der anwesenden Jungfräulein wird ihm jenes Gefäß 
mit dem Tranke für Wein gereicht. Tristan bietet das Glas vorerst der 
Herrin, sie trinkt und danach auch er. In diesem Augenblicke tritt Bran- 
gsene ein, erschrickt zum Tode, wirft das Glas in die See und bricht in 
Klagen aus. In Tristan's und Isoldens Herzen erwacht alsbald glühende 
Liebe. 



Do disiii rede geendet was, 
der künic seile in den palas 
sines ländes cumpaujünen, 
rittern und barünen, 

daz diz Tristan wtere, 11375 

und kunte in diz maere, 
als er ez lisete yernomen, 
war umbe er z'Iiiant wsere komen 
und wie er gelobet bsete, 
er solte ez ime da stsete 11380 



XVI. DER MINNETRANK. 45 

mit Markes fürsteii nicachen 

mit allen den Sachen, 

als er im vor beuancle. 

daz gesinde von Irlande 

was dirre mrere sere frö. 11385 

die lantlierren sprächen do, 

daz disiii suone wsere 

gevellic unde gehtere, 

wan langez hazzen under in 

tribe ie die zit mit schaden hin. 11390 

Der künec gebot unde bat, 
daz in Tristan an der stat 
der rede gewis trete, 
als er'm gelobet htete. 

er tete ouch also: Tristan 11395 

und alle sines herren man 
die swuoren ze dem male 
daz laut ze Kurne^yäle 
(287) ze morgengäbe Isolde, 

und daz si wesen solde 11400 

frouw' über allez Engelaut. 

hie mite bevalch Gurmün zehant 

Isolde haut von hande 

ir vinde Tristaude. 

ir vinde spriche ich umbe daz, 11405 

si was im dännoch gehaz. 

Tristan der nam si an sine haut: 

« künec 0, sprach er «hcrre von Irlant, 

wir biten iuch, min frouwe und ich, 

daz ir durch si und ouch durch mich, 11410 

ez sin ritter oder kint, 

die her ze zinse gegeben sint 

von Kurnewal und von Engelaut, 

die suln in miner frouwen haut 

billichen und von rehte sin, 11415 

wan si ist der lande künigin, 

daz ir ir die läzet fri.» 

«vil gerne», sprach der künec «daz si: 



11383 vor benennen, hier: verheiloeu. 
11406 gehaz adj., feind, feindselig gesinnt. 



4.6 XVI. DER MINNETRANK. 

ez ist wöl mit minen minnen, 

varnt si alle mit iu hinnen.» 11420 

Der msere wart manc herze fro. 
• Tristan der hiez gewinnen dö 
einen kiel ze sinem kiele 
und daz oiich der geviele 

im selbem unde Isolde 11425 

und da zuo, swem er wolde. 
und alse ouch der bereite wart, 
Tristan bereite sich zer vart. 
in allen den enden, 

da man die eilenden 11430 

ze hove und in dem lande vant, 
die besande man zehant. 

Die wile und sich ouch Tristan 
mit sinen lantgesellen dan 

bereite unde berihte, 11435 

die wile so betihte 
Isot diu wise künigin 
in ein glaseväzzelin 
(288) einen tranc von minnen 

mit also kleinen sinnen 11440 

iif geleit und vor bedäht, 

mit solher krefte vollebräht, 

mit sweme sin ieman getraue, 

den muose er äne sinen danc 

vor allen dingen meinen, 11445 

und er da wider in einen: 

in was ein tot unde ein leben, 

ein triure, ein fröude samet gegeben. 

Den tranc den nam diu wise, 
si sprach Brangtenen lise: 11450 

u Brangsene )) , sprach si «niftel min, 
lä dir die rede niht swsere sin, 



11435 berihien, hier entsprechend unserm: zurecht machen, synonym 
von bereiten. — 11436 betihten swv., hier wie in V. 4941, doch liegt hier 
wohl im Worte noch mehr der Begriff des Erfindungsreichen. — 11438 glase- 
väzzelin stn., Glasgefäßchen ; s. zu 11697. — 11440 kleine adj., hier: fein, 
genau, scharf, mit M. sinnen, mit Scharfsinn. — ll^i'i getrinken, hier; zu- 
sammen Cge-) trinken. — 11446 in einen (fiectierter Acc), ihn allein. 



XVI. DER MINNETRÄNK. 47 

du solt mit miuer toliter hin-, 
da nach so stelle diiieu sin, 

swaz ich dir sage, daz vernim: 11455 

diz glas mit disem tränke nim, 
daz habe in diner huote. 
hüet' es vor allem guote. 
sich, daz ez üf der erde 

lernen innen werde. 11-4GÜ 

bewar mit allem flize, 
daz es ieman cnbize. 
flize dich wol starke, 
swenn' Isot unde Marke 

enein der minne komen sin, 11465 

so schenke in disen tranc vür win 
und la si'n trinken üz enein. 
bewar daz, daz sin mit in zwein 
ieman enbize, daz ist sin, 

noch selbe entrinc es niht mit in. 11470 

der tranc der ist von minncn: 
daz habe in dinen sinnen, 
ich bevilhe dir Isöte 
vil tiure und vil genote. 

an ir so lit min beste leben. 11475 

ich unde si sin dir ergeben 
üf alle dine sj:elekeit: 
hie mite si dir genuoc geseit.« 
(289) «trüt frouwe», sprach Brangaene dö 

«ist iuwer beider wille also, 11480 

so sol ich gerne mit ir varn, 
ir ere und al ir dinc bewarn, 
so ich iemcr beste kan.« 

Urloup nam dö Tristan 
und al sin Hut hie unde dort. 11485 

si schieden ze AVeiscfort 
mit michelcn fröuden abe. 
nu volgete ime unz in die habe 
durch isöte minne 
künec unde küniginne 11490 



11462 enbizen stv., genießen [vgl. Imbiß], — es gen., davon; vgl. sin 
1146S. — 114t)5 enein kamen mit gen., in einer Sache zusammeukorameu, 
sich in etwas vereinen. — 11409 sm stm., hier: Verstand; das ist ver- 
ständig. 



48 XVI. DER MINNETRANK. 

iiiid o\ ir massenie. 
sin iinverwände amie, 
sin iiiiverwantiu herzeiiot, 
diu liebte wimuecliclie Isot, 

diu was im z'allen ziten 11495 

weinende an der siten; 
ir vater, ir muoter beide 
vertriben mit manegem leide 
die selben kurzen stunde. 

manec öuge da begunde 11500 

riezen uude werden rot. 
Isot was maneges herzen not: 
si bar vil manegem herzen 
tougenlichen smerzen. 

diu weineten genote 11505 

ir ougen wunne, Isote. 
da was gemeine weine: 
si weineten gemeine 
vil herzen und vil ougen 

offenliche und tougen. ^ llölO 

und aber Isot und aber Isot, 
diu sunne unde ir morgenrot, 
und ouch daz volmasne 
diu schoene Brangajne, 

do si sich muosen scheiden, 11515 

diu eine von den beiden, 
do sach man jämer unde leit: 
diu getriuweliche Sicherheit 
(290) schiet sich mit manegem leide. 

isot kuste s' beide 11520 

dick' und ze manegem male. 

nu die von Kurnewäle 

unde ouch Irlandsere, 

der frouwen volgaere, 

alle ze schiffe wären komen 11525 

und hseten urloup genomen, 

Tristan der gie ze jungest in: 



11492 aniie swf. Fremdwort, lat. amica, Freundin, Geliebte; fem. zu 
amis, (2679). — 11493 unverivant part. adj. (=Hs. M und H im Wortspiel 
mit unoerwänt), unwandelbar, beständig. — 11507 weine stf., das Weinen 
[nhd. aufgegeben; vgl. die Lache]. — 11518 Sicherheit stf., hier: das Bünd- 
niss, die Freundschaft, abstract für: die getreuen Freundinnen. — 11524 vol' 
goere stm. [erhalten: Verfolger, Nachfolger], einer aus dem Gefolge. — 



XVI. DER MINXETRANK. 49 

diu lielite jiiuge künigiu, 

diu blüome von Irlant, 

isüt diu gieng im an der liant 11530 

trürec undc sere uufrö. 

si zwei si nigeu dem lande dö 

und baten den gotes scgen 

der liute undc des landes pflegen. 

si stiezcn an und fuoren dan. 11535 

mit höher stimme huobcn s' an 

und suugen eines unde zwir: 

«in gotes namen varen wir!» 

und strichen allez hinewart. 

Isu was den frouwen zuo ir vart 11540 

mit Tristandes rate 
ein kielkemenäte 
nach heinlicher sache 
gegeben ze ir gemache. 

da was diu küniginne ' 11545 

mit ir juncfrouwen inne 
und mit in Uitzel dehein man 
wan underwilen Tristan: 
der gie wTlen dar in 

und tröste die künigin, 11550 

da si weinende saz. 
diu weinde unde klagete daz, 
daz si also von ir lande, 
da si die liute erkande, 

und von ir friunden allen schiet 11555 

und fuor mit der unkunden diet, 
sine wiste war öder wie. 
so tröste si Tristan ie 
(291) so er süozeste künde 

ze iegcHcher stunde, 11560 

alse er zuo ir triure kam. 
zwischen sin arme er si nam 



11537 *'ines adv. gen., ciunial. — 11538 zu diesem Verse vgl. Hoffmauu's vou 
rallersleben Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luther's 
Zeit, zweite Ausgabe (18.')4), S. 70 lg. Philipp Wackernagel: Das deutsche 
Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts 
(1S67), II, 515 fg. 

11512 kielkemenäte swf. (4061), Schiffsgemach, Kajüte. — 11543 näc/i 
heinlicher sacfie = näcfi heinliche, der Abgeschlossenheit gemäß, und die 
ganze "Wendung := eine heinliche kielkeinenäle. 

GOTTFRIED VON STRASSI3UKG. 11. 2. Aufl. 4 



50 XVI. DER 3IIXNETRANK. 

vil suoze imcle lise 
lind niuwan in der wise, 

als ein man sine frouwen sol. 11565 

der getriuwe der versach sich wol, 
daz er der schoenen wrere 
ein senfte ziio ir sw?ere. 
und alse dicke , als ez ergie , 

daz er sin arme an si verlie, ' 11570 

so gedähte ie diu schoene Isot 
an ir oeheimes tot 
und sprach ie danne wider in: 
«lät stän, meister, habet iuch hin, 
tuot iuwer arme hin dän. 11575 

ir Sit ein harte müelich man: 
war umbe rüeret ir mich?» 
«ei, schoene, missetüon ich?» 
V,«jä ir, wan ich bin iu gehaz.» 
«sseligiu», sprach er «umbe waz?» 11580 

«'ir sluoget minen cehein.» 
«deist doch verstienet. » «des al ein: 
ir Sit mir doch unmsere, 
wan ich waer' äne swaere 

und äne sorge, enwaeret ir. 11585 

ir alterseine habet mir 
disen kümber allen üf geleit 
mit pärät und mit kündekeit. 
waz hat iuch mir ze schaden gesaut 
von Kurnewäle in Irlant? 11590 

die mich von kinde habent erzogen, 
den habet ir mich nu an ertrogen 
und füeret mich, i'n weiz wä hin. 
i'ne weiz, wie ich verkoufet bin 



11565 man^ hier: der Untergebene im Gegensatze zn frouice , Herrin; Tri- 
stan steht im Mannenverhältnisse zu der Braut seines Königs. — 11574 'mei- 
ster, hier^fZes kieles meister (i<7b7), Kapitän und zugleich: Kammerherr, 
(11658. 11685), in dessen Obhut Isolt gegeben ist. — //m haben refl., sich 
ferne halten. — 11575 hin dun tuon, wegthun. — 11576 iniieitch adj. (zu 
inüejen 6027), (mühsam), lästig. — 11582 versüenen swv., sühnen, durch 
Versöhnung ausgleichen. — des al ein (=Hs. M, H und F -, nur W : daz ist) 
wohl nicht =z des, desf, daz ist al ein, das ist all eins, einerlei, sondern die 
Wendung ist elliptisch: wenn auch dessen, dessenungeachtet und insofern 
= einerlei! — 11586 alterseine adj., eigentlich: auf der Welt allein, ganz 
allein. — 11588 pärät stf., hier : Betrügerei; vgl. zu 874. — 11591 von kindr-, 
von Kind auf. — 11592 an ertriegen mit dat. (den) und acc. (mich), einem 
jemanden durch Betrug abgewinnen. — 



XVI. DER MINNETRANK. 51 

und eiiweiz ouch, waz iniu werden soI.» 11595 

«nein, schoene Isöt, gehabet iucli wol: 
ja müget ir michel gerner sin 
in fremde ein richiu künigin 
(292) dan in der künde arm unde swacli: 

in fremedem kmde er' nnde gemach IICOO 

und schäme in vater riche, 

diu smackent ungeliche.» 

«ja meister Tristan», sprach diu maget 

«ich nseme e, swaz ir mir gesaget, 

eine miezliche sache 11G05 

mit liehe und mit gemache 

dan Ungemach und areheit 

hi micheler richeit.» 

«ir redet war», sprach Tristan 

«swa man aber gehaben kan IIGIO 

die richeit bi gemache, 

die stiegen zwo sache 

die loufent baz gemeine 

danne ietwedere al eine. 

nu sprechet, wserc ez da zuo komen, 11C15 

daz ir müeset hän genomen 

den trühs?ezen ze manne, 

wie füere ez aber danne? 

ich weiz wol, so w?eret ir frö : 

und danket ir mir danne also, 11(520 

daz ich iu kom ze tröste 

und iuch von ime erloste?» 

«des wirt iu späte» sprach diu maget 

«von mir iemer danc gesaget: 

wan löstet ir mich von im dö, 11625 

ir habet mich aber sider so 

verklüteret mit swnere, 



11595 waz min u-erd''n 3ol = uuaarm : was mit mir werdeu soll; vgl. Gr. 4, 
(;54. — 11599 kmide stf., hier; Heimat. — llf.Ol nc/nuue stf., (Scham), 
Schmach, Schande; bezieht sicli auf die Verbinduug der Isolt mit dem 
Truchselj, wovon dann im Folgenden ausführlicher die Rede. — vuirr 
riche 8tn. , wohl Zusammensetzung = Vaterland. — 11002 smackrn swv., 
hier: schmecken, bildlich für: eine Wirkung liaben ; vgl. zu 120Ü9. — 
11610 yehaben swv., verst. haben; in <je- wohl der Begriff: zusammen. — 
11'527 oeiklüteren swv. wird im mhd. Wörterbuclie oliue Erklilrung unter 
klüteren swv. (-verfertige kleine mechanische Arbeiten, ohne sie eigentlicli 
gelernt zu haben >• aufgeführt. Hildcbraud setzt Deutsches Wörterbuch 
5, I2i;i klüterrn unter klittfrn au, welches in zwei Hauptbedeutungen aus- 
einandergeht, verkliiteren wird durch keine erklärt; Eecli weist verschie- 
dene hierhergehörige Worte nach, wenn auch nicht das zusammengesetzte 
Vcrbum; danach t"erWM/(?/vre = begaukeln, vorhexen. — 

4* 



52 XVI. DER MINNETRANK. 

daz mir noch lieber wsere 
der trühsreze ze manne genomen, 
dan ich mit iu wser' üz körnen: 11630 

wan swie tugendelos er si, 
wser' er mir keine wile bi, 
er lieze sin untugent durch mich, 
got weiz, dar an erkante ouch ich, 
daz ich im liei? wsere.» ■ 11635 

Tristan sprach: «disiu msere 
sint mir ein äventiure. 
daz wider der nätiure 
(293) dehein herze tugentliche tuo, 

da beeret michel arbeit zuo: 1164:0 

ez hat diu werlt vür eine lüge, 

daz iemer unart garten müge. 

schceniu, gehabet ir iuch wol. 

in kurzen ziten ich iu sol 

einen künec ze herren geben, 11645 

an dem ir fröude und schcene leben, 

guot unde tugent und ere 

vindet iemer mere.» 

Hie mite strichen die kiele hin. 
si beide hseten under in 11650 

guoten wint und guote var. 
nu was diu fröuwine schar, 
Isüt und ir gesinde 
in wazzer unde in winde 

des uugevertes ungewon. 11655 

unlanges komen si da von 
in ungewonliche not. 
Tristan ir meister do gebot, 
daz man ze lande schielte 

und eine ruowe hielte. 11660 

nu man gelante in eine habe, 
nu ffie daz volc almeistec abe 



11628 fg. in der Participialconstruction nach liep (s. zu 218) steht der 
Nominativ statt des Accusativs in der neuen Infinitivconstruction. — 
11637 dventiure stf., hier: Seltsamkeit. — 11642 unart stf., schlechte Art, 
Beschaffenheit. — garten, gearten swv., verst. arten, zur art werden, artig, 
gut werden. 

11655 ungeverte stn. , hier: Beschwerlichkeit der Keise. — 11656 un- 
langes adv. gen., (unlängst), nicht lange, in Kurzem. — 11661 gelante prset. 
von gelenden swv., verst. lenclen, landen; doch ge- hier plusquamperf. — 



XVI. DER MINNETRANK. 53 

durch banelde üz an daz lant; 
IUI gienc oucli Tristan zehant 

begrüezen unde bescliouwen 11665 

die liebten sine fron wen; 
und alse er zuo ir nider gesaz, 
und redeten diz unde daz 
von ir beider dingen, 

er bat im trinken bringen. 11670 

nune was da niemen inne 
äne die küniginne 
wan kleiniu juncfrouwelin. 
der einez sprach: «seht, hie stät win 
in disein vazzeline. » 11675 

nein, ezn was nibt mit wine, 
doch ez im glich wtt're, 
ez was diu wernde sw^ere, 
(294) diu endelose herzenot, 

von der si beide lägen tot. 11680 

nu was ab ir daz unrekant: 

si stuont üf und gie hin zehant, 

da daz tranc und daz glas 

verborgen uAde behalten was. 

Tristande ir meister bot si daz: 11685 

er bot Isöte vürbäz. 

si tranc ungerne und über lanc 

und gap do Tristand', unde er tranc, 

und wänden beide, ez w^ere win, 

iemitteu gieng ouch Brangi^en' in 11690 

unde erkände daz glas 

und sach wol, waz der rede was: 

si erschräc so sere unde erkam, 

daz ez ir alle ir kraft benam 

und wart reht' alse ein töte var. 11695 

mit totem herzen gie si dar; 

si nam daz leide veige vaz, 

si truog ez dannen und warf daz 



llGtjö beschouwen swv., (beschauen), besuchen (wie sonst meist beseiten ge- 
braucht wird). — 11675 vazzelin, cäzzelin dim. zu vaz 11697. — 11681 un- 
rekant ■=unerkunt adj., unbekannt. — /r = dem kleinen Jungfiäulein. — 
11687 über lanc {a,A'}.), nach einer Zeit; »erst nach einigem Sträuben.» Paul. 
— 11692 uaz dtr re<'e icuf . wie sich die Sache verhielt; vgl. zu 10335. — 
1169.1 ein (dte, nicht: eine Todte, sondern: ein Todter; in solchen Fällen 
steht das Jlasculinum ; vgl. Gr. 4, l'st. — 11697 caz stn., Gefäß im all- 
gemeinen Sinn [Faß beschränkter, geht vielfach auf die Form; erhalten 
z. B. Tintenfaß]. — 



51 XVI. DER MINNETRANK. 

iu den tobenden wilden se: 

«owe mir armen!» sprach si «owe, 11700 

daz ich zer werkle ie wart geborn! 

ich arme, wie hän ich verlorn 

min ere und mine triuwe! 

daz ez got iemer riuwe , 

daz ich au dise reise ie kam, 11705 

daz mich der Tot dö niht ennara, 

dö ich an dise veige vart 

mit isot' ie bescheiden wart! 

ouw6 Tristan unde Isöt, 

diz traue ist iuwer beider tot!» 11710 



> 



Nu daz diu magct unde der man, 
Isot unde Tristan , 
den traue getrunken beide, sä 
was oucli der werkle unmuoze da 
Minn', aller herzen lägaerin, 11715 

und sleich z'ir beider herzen in. 
e si's ie würden gewar, 
do stiez si ir sigevanen dar 
(295) und zoch si beide in ir gewalt: 

si wurden ein und einvalt, 11720 

die zwei und zwivalt wären e; 

si zwei enwären dö niht me 

widerwarten uiider in: 

Isute haz der was do hin. 

diu süenserinne Minne 11725 

diu haete ir beider sinne 

von hazze also gereinet, 

mit liebe also vereinet, 

daz ietweder dem andern was 

durchlüter alse ein Spiegelglas. 11730 

si haeten beide ein herze: 

ir sw?ere was sin smerze, 

sin smerze was ir swsere; 

si wären beide einba^re 



31704 = 14404 r'niwen swv., hier: erbarmen; die Wendung fonneUiaft wie 
unser: daß Gott erbarm'!; vgl. 12131. 

11715 lägrenn stf., die Xaclistelleiin, Verfolgerin ; vgl. zu 119.37. 13842. 
— 11720 einvalt adj., (einfältig», einig; vgl. zu 19398. — 11725 süencerinne 
stf., Sühnerin, Versöhnerin. — 11730 durchlüter adj., durch und durch klar, 
durchsichtig; vgl. 1698S. — 



XVI. DER MIKNETRANK. 55 

au liebe unde an leide 11735 

und liäleii sich doch beide, 

und tete daz zwivel unde schäm: 

si schämte sich, er tete alsam; 

si zwivelte an im, er an ir. 

swie blint ir beider herzen gir 11740 

an einem willen wa3re, 

in was doch beiden swsere 

der urhap unde der begin: 

daz hal ir willen under in. 

Tristan, dö er der minne enpfant, 11745 

er gcdähte sä zehant 
der triuwen unde der eren 
und wolte dannen keren: 
«nein», dähte er allez wider sich, 
«lä stän, Tristan, vcrsinne dich, 11750 

niemer genim es keine war. » 
so wolte et ie daz herze dar; 
wider si'nem willen kricgete er, 
er gerte wider siner ger: 

er wolte dar und wolte dan. 11755 

der vergangene man 
versuochte ez in dem stricke 
ofte unde dicke 
(290) und was des lange st^te. 

der getriuwe der hrete 117G0 

zwei nähe gendiu ungemach : 

sweuu' er ir under ougen sach, 

und ime diu süeze Minne 

sin herze und sine sinne 

mit ir begunde seren,^ 11765 

so gedähte er ic der Eren, 

diu nam in dänne dervan. 

hie mite so kerte in aber an 

Minne . sin crbevofrctin : 



11743 urhap stn., Anfang. 

11753 kriryen swv., streben, trachten wollen. — 1175(j vtnjan'jtn adj. part., 
der sich vergangen, verirrt hat. — 11757 atric stm., Strick, Bestrickuug; 
ein Bihl aus dem Jägerleben , ^welclies Gottfried öfters anwendet; vgl. 
12179 fg. 13HS5. 19111. — IHiitJ Kra fem., hier personificiert, darum auch 
swf. ; dies nachzutragen zu Bcnecke's Bemerkung zu Iwein 1579. — 117*i3 an 
kCrcn mit acc, sich zu einem wenden, einen angreifen. — 117G9 erlccoge- 
t'm stf., Erblierrin, bildlich für die Macht, der er nicht cntgelien kann. — 



56 XVI. DER MINNETRANK. 

der miiose er aber gevolgec sin. 11770 

in muoten harte sere 

sin triuwe und sin ere, 

so muote in aber diu Minne me, 

diu tete ime wirs danne we: 

si tete im me ze leide 11775 

dan Triuwe und Ere beide. 

sin herze sach si lachende an 

und nam sin öuge dervan. 

als er ir aber niht ensach, 

daz was sin meistez uügemach. 11780 

dicke besazte er sinen muot, 

als der gevängene tuot, 

wie er ir möhte entwenken, 

und begünde ofte denken: 

okere dar öder her, 11785 

verwandele dise ger, 

minn' unde meine anderswä!» 

so was ie dirre stric da. 

er nam sin herze und sinen sin 

und suochte anderunge in in, 11790 

sone was ie niht dar inne 

wan Isöt unde minne. 

Alsam geschach Isote: 
si versüochte ez euch genote, 

ir was diz leben ouch ande. 11795 

dö si den lim erkande 
der gespenstigen Minne 
und sach wol, daz ir sinne 
(297) dar in versenket wären, 

si begünde staten vären, 11800 

si weite üz unde dan: 

so klebete ir ie der lim an; 

der zoch si wider unde nider. 



117S1 besetzen swv., hier wie in V. 7311. -z 11783 entwenken swv., ent- 
weichen, entfliehen. — 11790 anderunge stf , Änderung, Abwechselung. 

11796 vgl. das ähnliche Bild in V. 845 fg. — 11800 s taten ( = F; staden 
B; M fehlt) gen. pl. von state , Gelegenheit, welches Wort wir auch im 
Plural gebrauchen: Gelegenheiten; öfters nicht ersichtlich, ob State im. 
Plural steht; ganz gewöhnlich ist bekanntlich ze staten, nhd. zu statten; 
der Singular State bei vären swv., erlauern, ersiiähen, in V. 11932; ähn- 
liche Wendung in V. 1455-1 fg. (Groote nach H Stades [W statesl, ebenso 
V. d. Hagen und Maümann.) — 



XVI. DER MIXXETRAXK. 57 

diu sclioeiic strcbetc allez wider 

und stuont an iogelichem trite. 11805 

si volgete ungcruc mite; 

si versuochte ez manegen enden: 

mit füezen und mit henden 

nam si vil manege kere 

unde versancte ie mere 11810 

ir hende unde ir füeze 

in die blinden süeze 

des mannes unde der minne. 

ir gelimeten sinne 

die enkünden niender hin gewogen 11815 

noch gebrucken noch gestegen 

halben fuoz noch halben trite, 

diu minne enwsere ie da mite. 

Isüt swar si gedähte, 

swaz gedankc si vür brähte, 11820 

sone was ie diz noch daz dar au 

wan minne unde Tristan: 

und was daz allcz tougen. 

ir herze unde ir ougen 

diu missehullen undcr in: 11825 

diu schäme diu jagete ir ougen hin, 

diu minne zoch ir herze dar. « 

diu widerwärtige schar 

maget unde man, minn' unde schäm 

diu was an ir ser' irresam: 11830 

diu maget diu wöite den man 

und warf ir ougen dar van; 

diu schäme diu wolte minnen 

und brahtc es uiemen innen. 

waz truoc daz vür? schäm unde maget, 11835 

als al diu werlt gemeine saget, 



llSOö stän. hier: stehen bleiben. — IIS07 manejen enden adv, dat., nach 
manchen Seiten hin, auf mancherlei Weise; vgl. 6020. — 11S14 g-Himet 
pari, adj., gefesselt; der Ausdruck würde heute nicht mehr edel sein ; v?!. 
auch zu S65; ebenso wie der Sinn werden die Augen rjeltmet genannt in 
V. 1190S. — llSlö fg. geiregcn (unentsclneden ob stv. oder swv.) heißt zu- 
nächst: sich bewegen, ist zugleich aber auch als Verbum von w-?c gebildet 
das verstärkte ^cegen (vgl. V. -lo), Wege bereiten. Dieser Doppelsinn des 
Wortes veranlasst dann den Dichter zu g^örucken. Brücke bereiten, und 
gestegen, Stege bereiten. — 11S17 vgl. die Wendung in V. ir)S2. — trite-= 
(rit. Tritt; Plural ist wohl kaum gemeint; Änderung (rii : mit wäre ge- 
wagt. — 11S28 iciderwartic adj., (widerwärtig), feindlich, entgegenstrebend. — 



58 XVI. DER MINNETRANK. 

diu siiit ein also liaele dinc, 
so kurze wernde ein ursprinc, 
(298) sine liäbent sich niht lange wider. 

Isüt diu leite ir kriec dernider 11840 

und tete, als ez ir was gewant: 

diu sigelöse ergap zehant 

ir lip unde ir sinne 

dem manne unde der minne. 

si Llicte underwilen dar 11845 

und nam sin tougenliclie war: 

ir klären ougen unde ir sin 

die geliüllen do wol und er in. 

ir herze unde ir ougen 

diu schächeten vil tougen 11850 

und liepliehen an den man. 

der man der sach si wider an 

suoze und inneclichen. 

er begünde ouch entwichen, 

des in diu minne niht erlie. H855 

man unde iriaget si gäben ie 

ze iegelichen stunden, 

so si mit fuogen künden, 

ein ander ougenweide. 

die gelieben dühten beide 11860 

ein ander schoener vil dan e. 

deist liebe reht, deist minnen e: 

ez ist hiure und was ouch vert 

und ist, die wile minne wert, 

under gelieben allen, 11865 

daz s' ein ander baz gevallen , 

so liebe an in wahsende wirt, 

diu bluomen unde den wuocher birt 

lieplicher dinge, 

dan an dem urspringe. 11870 



11837 Jude SLtlj., verhohlen, dunkel, räthselhaft; vgl. zu 12700. — U83S mhd. 
Wortstellung, nhd. Schachtelang nöthig (vgl. 999): ein so knrz wäh- 
render ursprinc stm., hier: Hervorsprießen, etwa: Pflanze, Schöpfung. — 
11839 U'ider haben refl., sich entgegenhalten, sich widersetzen, Widerstand 
leisten. — 11840 Ar?ec stm., Krieg, Kampf, Widerstreit. — 11848 under in 
gehellen stv., s. zu 892. — 118.54 entwichen stv., zurückweichen, nachgeben. 
— 11855 erläzen mit acc. und gen. (des nach B, N; dez W) wie in V. 542fi; 
des = dem, des. — 11862 e stf., hier synonym mit rehl. — 11863 vert adv., 
vorjährig. — 11868 wuocher stm., Ertrag, Frucht. — 11870 ursprinc stm., 
hier wieder: Ursprung, Anfang. — 



XVI. DER MINNETRAXK. 59 

diu wuocherbafte miiiiie 
diu schcenet nach beginne: 
daz ist der säme, den si hat, 
von dem si niemer zergät. 

Si dunket schoener sit dan e. 11875 

da von so tiuret minnen e. 
r/ediuhte minne sit als e, 
so zergienge schiere minnen e. 



MS71 u-uocherlta/t adj., Früchte tragend. 

11876 tiuren swv., tiure werden, sich verschönen. 



XVII. 
DAS GESTÄNDNISS. 

Während der Weiterfahrt kommen die Liebenden einander leise näher 
nnd gestehen sich endlich in einsamer Stunde ihre Herzensneigung. Kur 
eine bemerkt ihres Wesens Veränderung und ihre Vertrautheit. BrangaBue 
befragt sie besorgt um den Grund ihres Ungemachs. Tristan bekennt seine 
und Isoldens Minne und klagt Brang£Enen an, sie irre und störe sie beide 
und sei schuld, wenn sie sterben müssten. Brangsene will ihnen nicht im 
Wege sein, räth ihnen aber zu strenger Verschwiegenheit. Des Nachts 
gibt Minne die Arztin die Liebenden einander zur Heilung ihres Siech- 
thums. — Hier schaltet der Dichter im Hinblick auf die Beseligung eines 
solchen Bündnisses eine kurze Betrachtung ein über die Liebe, die jetzt 
so selten in Wahrheit begehrt werde, von der nur der Name noch bestehe 
und die feil geworden sei. — Fortan ist es Tristan und Isolt wohl auf der 
Fahrt, nur das eine bekümmert sie , daß Isolt einem ungeliebten Manne 
werden solle, auch macht ihnen Isoldens «Weibheit» Sorge. In Kurne- 
wals Nähe freuen sich alle der baldigen Ankunft, nur nicht Tristan und 
Isolt. Diese bangen um ihre Ehre; aber das listige Mädchen weiß doch 
einen Rath und Ausweg zu finden. 



(299) Die kiele stiezen aber an 

und fiioren fröliche dan, 11880 

wan alse vil, daz Minne 

zwei herze dar inne 

von ir sträze haete brälit. 

diu zwei diu wären verdäht. 

bekümberet beide 11885 

mit dem lieben leide, 

daz solhiu wunder stellet: 



11879 s. zu 2307. — 11SS7 stellen swv., hier: bewerkstelligen, ver- 
ursachen. — 



XVII. DAS GESTÄNDNISS. Gl 

daz Loncgeude gellet, 

daz süezeude siuret, 

daz touweude fiuret, 11890 

daz senfteiide smerzct, 

daz elliu herze entharzet 

und al die werlt verkeret: 

daz licete si verseret, 

Tristauden unde Isöte. 11895 

si twanc ein not genote 

und in selts?ener ahte: 

ir dewederez enmahte 

gehaben riiowe noch gemach, 

wan so ez daz ändere sach. 11900 

so si aber ein ander sähen, 

daz gieng in aber nähen, 

wan si enmohten under in zwein 

ir willen uiht gehaben enein: 

daz geschüof diu fremede und diu schäm, 11905 

diu in ir wunue benam, 

so si eteswenne tougen 

mit gelimeten ougen 

ein ander solten nemen war, 

so wart ir lieh geliche var 11910 

dem herzen unde dem sinne. 

Minne diu verwerraerinne, 

die endCihte es niht da mite genuoc, 

daz man si in edelen herzen truoc 

verholen unde tougen, 11915 

sine wülte undcr ougen 



11S88 liuiiegend part. prses. von honegen, homyen swv. intrans. (179SG), voll 
Honig sein; daz honegendc bildlich für: das Süße. — geilen swv. traus., ver- 
gällen, verbittern. — ll^SS süezen swv. intrans., süß sein, süß schmecken 
(wohl nicht: süß maclicn wie in V. S311). — sturen swv., säuern, versäuern. 
— 11>90 touwen swv., thauen, nässen. — ßuren swv., feuerig machen, ent- 
zünden; vgl. zu iSOtjtJ. — li:sül sen/ten swv., selten wie hier intransitiv: 
senfte, sanft sein, wohlthun, behagen; vgl. 19117 und zu 100. — smerzen 
8WV., in Schmerz verwandeln [nhd. schmerzen swv. intrans. :=mhd. &merzen 
stv.]. — llSy2 cntherzeii swv., des Herzens, der Besinnung berauben [vgl. 
entseelen]. — 11905 fremede stf., hier: das Fremdsein, Unvertrauthelt, 
Zurücklialtung ; vgl. 12041. — li9l2 verv-erra: rinne stf., Verwirreriu, Be- 
strickerin; diese Lesart nach Hs. \V, F, B und N scheint mir ganz dem 
Stile Gottfried's zu entsprechen, zumal er auch veruerren öfters gebraucht 
(vgl. auch strickarinne in V. l'JlsO), wogegen die Lesart von Hs. H und 
O periftTfHwe^ Färberin eher durclx falsche Lesung (ceriver'inne) 2^\\?> jener 
entstanden sein kann als umgekehrt; wegen ItcJi und var in V. 11910 und 
varu-e 11919 fg. gewinnt allerdings verwerinne einen Halt, allein so specielle 
Beinamen braucht Gottfried sonst nicht von der Minne, außer etwa arzä- 
tinne; vgl. auch 1754U fg. — 11916 under ougen hier=i/7i(/cr den ougen, im 
Antlitz (vgl. zu 739), augenscheinlich, offen. — 



62 XVII. DAS GESTÄ^'DN16S. 

oucli offenboereii ir gewalt: 
der was an in zwein manicvalt. 
(300) unlange enein ir varwe erschein, 

ir varwe schein unlange enein: 11920 

si wehselten genöte 

bleich wider rOte, 

si wurden rot unde bleich, 

als ez diu Minne in understreich. 

hie mite erkande iewederez wol, 11925 

als man an solhen dingen sol, 

daz eteswaz von minnen 

in ietwederes sinnen 

ze dem andern was gewant, 

unde begunden ouch zehant 11930 

liepliche enein gebären, 

zit' unde State vären 

ir rüne unde ir maäre. 

der minnen wildenoere 

leiten ein ander dicke 11935 

ir netze unde ir stricke, 

ir warte unde ir läge 

mit antwürt' und mit frage : 

si triben vil msere under in. 

isote rede und ir begin 11940 

daz was vil rehte in megede wis: 

si kom ir trüt und ir amis 

alumbe her von verren an: 

von ende mante si her dan, 

wie er ze Develine 11945 

in einem schiifeline 

geflozzen wunt und eine kam; 

wie in ir muoter an sich nam 

und wie si'n ouch generte; 

von allem dem geverte, 11950 

wie si selbe in siner pflege 

schriben lernete alle wege, 



11924 understnchen stv. ist im mhd. Wörterbuch II, 2, 687^* uacli Wacker- 
nagel erklärt: cmalen mit wechselnden Farben»; ich glaube vielmehr, daß 
hier Ellipse zu Grunde liegt = un(Ier ouffen strichen, also etwa : einstreichen, 
einmalen; vgl, 17545, Bech: understnchen, allgemein = schminken, färben. 
— 11935 fg. legen sagen wir noch in Verbindung mit: Fallstrick, Hinter- 
halt; hier auch nacheinander verbunden mit netze, warte (s. zu 3427) und 
läge stf. = Hinterhalt; rgl, die ähnlichen Wendungen in V. 13706. 14372 (lüge 
und läge). 16797 (rät legeyi), — 



XVII. DAS GESTÄNDNISS. Go 

latine uiule seitespil. 
der iimberede der was vil, 

die si im vür ougeu leite 11955 

von siner manlieite. 
lind ouch von dem serpande ; 
und wie si'n zwir erkande 
(301) in dem mose und in dem bade. 

diu rede was uuder in gerade, 11960 

si Seite ime und er seit' ir. 

«a», sprach Isöt «do ez sich mir 

ze also guoten staten getruoc, 

daz ich iuch in dem bade niht sluoc, 

got herre , wie gewarb ich so! 11965 

daz ich nu weiz, wist' ich ez do, 

benamen so waere ez iuwcr tot.» 

«war umbe?» sprach er «schcene Isöt. 

waz wirret iu? waz wizzet ir?» 

«swaz ich weiz, daz wirret mir; 11970 

swaz ich ich sihe. daz tuet mir we: 

mich müejet himel uudc se; 

lip unde leben daz swaeret mich.» 

si stiurte unde leinde sich 

mit ir ellebogen au in: 11975 

daz was der beide ein begin. 

ir spiegelliehten ougen 

diu vülleten tougen. 

ir begünde ir herze quellen, 

ir süezer munt üf swellen, 11980 

ir houbet daz wac allez nider. 

ir friunt begunde ouch si dar wider 

mit armen umbevahen, 

ze verre noch ze nähen 

niwan iu gastes wise. 11985 

er sprach suoz' unde lise: 

«ei, schoene süeze, saget mir: 

waz wirret iu, waz klaget ir?» 



Iiy54 uutberede stf., Herumreden, Unischweif. — U'jOO gerade adj., gleicli, 
gleichartig; vgl. 16856 fg. — 11973 swuren swv. mit acc, beschweren, be- 
trüben; vgl. 11991. 12Ü27 u. zu 7281. — 11974 stiuren swv. refl., sich 
stützen. — 11976 beide stf. (von bnlt ; vgl. 1096. 12039), Kühnheit; vgl. zu 
8966. — 1197s vollen swv.. voll werden. — 11979 <jiiellen stv., hier (iu an- 
derer Bedeutung als in V. Il2(i3=:uhd.) ; schwellen, sich dehnen [nhd. 
vom Backwerk gebraucht]. — 119S1 nidfr icegen stv., sich niederwärts be- 
wegen, sich neigen. — 11985 gast stm., hier: Fremder, Fernstehender. 



64: XVII. DAS GESTÄXDNISS. 

Der Miniieii vederspil Isot, 
«lameir» sprach si «daz ist min not, 11990 

lameir daz s\Y8eret mir den mnot, 
lameir ist, daz mir leide tuot. » 
do si lameir so dicke sprach, 
er bedähte unde besach 

anclichen unde kleine 11995 

des selben wortes meine. 
BUS begünde er sich versinnen, 
l'ameir daz wa3re minnen, 
(302) l'ameir bitter, la meir mer: 

der meine der dühte in ein her. 12000 

er übersach der drier ein 

unde frägete von den zvvein : 

er versweic die minne, 

ir beider vogetinne, 

ir beider trost, ir beider ger; 12005 

mer unde sür beredete er: 

((ich wsene», sprach er «schoen« Isot, 

mer unde sür sint iuwer not; 

iu smecket mer unde wint: 

ich W3ene, iu diu zwei bitter sint.» 12010 

«nein, herre, nein! waz saget ir? 

der dewederez wirret mir, 

mir ensmecket weder luft noch se: 

lameir al eine tuot mir we.» 

Do er des wertes z'ende kam, 12015 

minne dar i'nne vernam, 
er sprach vil tougenliche z'ir: 
«entriuwen, schoene, als ist ouch mir, 
lameir und ir, ir sit min not. 

herzefrouwe, liebe Isot, 12020 

ir eine und iuwer minne 
ir habt mir mine sinne 
gar verkeret unde benomen, 
ich bin üzer wege komen 
so starke und also sere: 12025 



11990 lameir, vieldeutiges Fremdwort, im Polgenden entwickelt. — 
12006 bereden swv., besprechen, erwähnen; vgl. 5450. 17191. — 12009 smecken 
swv. mit dat., übel schmecken, einen widerlichen Eindruck machen. 

12024 uzer prcep. mit dat., (außer), aus mit dat., außerhalb mit gen.; 
vgl. zu 11107. 15798. — 



XVir. DAS GESTÄNDNISS. 65 

ich erhol mich niemer mere. 

mich müejet und mich sw?eret, 

mir swachet unde unmferet 

allez, daz min oiige siht: 

in al der werkle enist mir niht 12030 

in minem herzen liep wan ir.» 

Isot sprach: «herre, als sit ir mir.» 

Do die gelieben under in 
beide erkanten einen sin, 

ein herze und einen willen, 12035 

ez begünde in beide stillen 
und offenen ir ungemach. 
ietwcderez sprach unde sach 
(303) daz ander baltlicher an: 

der man die maget, diu maget den man. 12040 

fremd' under in diu was do hin: 

er kuste si und Bi kust' in 

lieplichen unde suoze. 

daz was der minnen buoze 

ein sseleclicher anevanc. 12045 

ietwedcrz schancte unde tranc 

die süeze , diu von herzen gie. 

so si die State gewunnen ie, 

so gie der weh sei under in 

suchende her unde hin 12050 

vil tougeulichen unde also, 

daz niemen in der werlde do 

ir willen unde ir muot bevant 

wan si, der er doch was erkant. 

Brangsene diu wise, 12055 

diu blicte dicke lise 
und vil tougenliche dar 
und nam ir tougenheite war 
und dähte dicke wider sich: 

«ouwi, nü verstau ich mich, 12060 

diu minne hebet mit disen an.» 



12028 sicachen swv, mit dat., swach , gering, wcrthlos , gleichgültig 
■werden. 

12044 der minnen buoze (oder mit Kurtz Zusammensetzung minnen- 
buozef), der Heilung von der Licbcsnoth, ist gen. abhängig von anecanc; 
ebenso gut auch als dat. zu fassen : für die Minnebuße. — 12049 u-eftsel 
8tm., hier: der gegenseitige Verkehr [vgl. Liebeshandel]; vgl. zu 129S5. 

GOTTFRIED VON STEASSEURG. 11. 2. Aufl. .') 



66 XVII. DAS GESTÄNDNISS. 

vil schiere wart, daz si began 
den ernest an in beiden sehen 
und uzen an ir libe spelien 

den inneren smerzen 12065 

ir muotes unde ir herzen. 
si muote ir beider ungemach, 
wan si si z'allen ziten sach 
ameiren unde amüren, 

siuften unde trüren, 12070 

trabten und pensieren, 
ir varwe wandelieren. 
sin' genä'men nie vor trabte war 
deheiner slahte lipnar, 

biz si der mangel und daz leit 12075 

an dem libe als überstreit, 
daz ez Brangsenen angest nam 
und ir diu vorhte da von kam, 
(304) ez waere ir beider ende, 

und dähte; «nü genende, 12080 

ervar, waz dirre rasere si!» 

Si gesäz in eines tages bi 
heinlichen unde lise, 
diu stolze, diu wise: 

«hie ist niemen» sprach si «wan wir driu: 12085 
saget mir ir zwei, waz wirret iu? 
ich sihe iuch z'allen stunden 
mit trähte gebunden, 
siuften, trüren unde klagen.» 

«höfsche, getorste ich'z iu gesagen, 12090 

ich sagete ez iu» sprach Tristan, 
«ja herre, vil woi: sprechet an; 
swaz ir weit, daz saget mir!» 
«sseligiu, guotiu», sprach er z'ir 
«i'n getär nilit sprechen vürbaz, 12095 

irn gewisset uns e daz 
mit triuwen und mit eiden, 
daz ir uns armen beiden 



12069 ameiren swv. Premdwort , deutsche Bildung von ameir, l'ameir 
= amer, amare, lieben. — aiiiuren swv. Fremdwort, deutsche Bildung von 
ainur (1360), amour , amor, lieben. Dieselbe Verbindung beider Worte in 
V. 14914. Ygl. Jacob Grimm, Kl. Sehr. 1, 343 Anmerk. — 12071 pensieren 
swv. Fremdwort, franz. penser. synonym mit irahten. 



XVII. DAS GESTÄNDNISS. 67 

giiot iiiule genaedic wellet wesen : 

anders so sin wir ungenesen.» 12100 

Brangsene bot ir triuwe hin: 
si gelöbete iinde gewissete in 
mit ir triuwen und mit gote 
ze lebene nach ir geböte. 

«getriuwiu, guotiu», sprach Tristan 12105 

«nu sehet et got ze vorderst an 
und da nach iuwer saelekeit: 
bedenket unser zweier leit 
und unser angesliche not. 

ich armer und diu arme Isot, 12110 

i'ne weiz, wie'z uns Ergangen ist, 
wir zwei wir sin in kurzer frist 
unsinnic Avorden beide 
mit wunderlichem leide: 

wir sterben von minnen 12115 

und enkünnen niht geAvinnen 
weder zit noch State derzuo; 
ir irret uns spät' unde fruo, 
(305) und sicherliche sterben wir: 

da ist niemen schuldic an wan ir: 12120 

unser tot und unser leben 

diu sint in iuwer haut gegeben. 

hie mite ist iu genuoc gesaget. 

Brangsene, saeligiu maget, 

nu helfet unde genädet ir 12125 

iuAverr frouwen unde mir.» 

Brangsene Avider Isote sprach: 
"frouwe, ist iuAver ungemach, 
als er da gibt, von solher not?» 
wjä, herzeniftel» sprach Isöt. 12130 

Brangosne sprach: «daz riuwo got, 
daz der välant sinen spot 
mit uns alsus gemachet hat! 
nu sihe ich wol, es ist niht rät, 
i'ne müeze durch iiich beide 12135 



'5 



12125 genäden swv., gnädig sein. 



68 XVII. DAS GESTÄNDNISS. 

mir selber nach leide 

und in nach laster M^erben; 

e ich iiich läze sterben, 

ich wil iu guote State e län, 

swes ir wellet ane gän. 12140 

durch mich enlät nie mere, 

swes ir durch iuwer ere 

niht gerne wellet läzen; 

swä ir iuch aber gemäzen 

und enthäben müget an dirre tat, 12145 

da enthabet iuch, daz ist min rät. 

lät diz laster under uns drin 



v'erswigen unde beliben sin. 
breitet ir'z iht mere, 

ez gät an iuwer ere; 12150 

ervert ez iemen äne uns driu, 
ir Sit verlorn und ich mit iu, 
herzefrouwe, schoene Isot, 
iuwer leben und iuwer tot 

die sint in iuwer pflege ergeben: 12155 

leitet tot unde leben, 
als iu ze miiote geste. 
nach dirre zit enhabet nime 
(306) deheine vorhte her ze mir: 

swaz iu gevalle, daz tuot ir. » 12160 

Des nahtes, do diu schoene lac, 
ir triure unde ir trahte pflac 
nach ir trütamise, 
nu kom geslichen lise 

ze der kemenäten iu 12165 

ir ämis unde ir arzätin, 
Tristan und diu Minne: 



12136 fg. nach leide ^ nach laster werben, zum Leid, zur Scliancle Lan- 
dein. — 12144 gemäzen swv. refl., sicli mäßigen, sich bezwingen. — 
12145 enthüben swv. refl., sich enthalten; hier zugleich mit gemäzen mit 
der Prsep. an, sonst steht bei enthäben wie im Nhd. bei: enthalten der 
Gen. wie in V. 17973. 19378. — 12148 beliben part. hier halb adjectiviscb, 
unterblieben, nicht weiter zu erwähnen. — 12156 leiten swv. gebraucht 
Gottfried in diesem letzten Theile der Erzählung öfters ; hier kann es nur 
gemeint sein ähnlich im Sinne von V. 18354: lenken, in der Ge^valt haben, 
frei herbeiführen können. — 12157=16623 gesten steht öfters für sm; 
die VS''endung einem ze muote gesten entspricht unserm: einem belieben. 

12163 ^/•«fa?r/('5 stm., Zusammensetzung: trauter Geliebter; vgl. zu 1417. 
5860. — 



XVII. DAS GESTÄNDNISS. 69 

Minu^ diu arzätinne 

si füorte ze handen 

ir siechen Tristandeiiv 12170 

oucb vant si Isöte ir siechen da. 

die siechen beide nam si sä 

und gab in ir, im sie 

ein ander z' arzätie. 

wer hfiete ouch dise beide 12175 

von dem gemeinen leide 

vereinet unde bescheiden, 

wan einung' an in beiden, 

der stric ir beider sinne? 

Minne diu strickaerinne 12180 

diu stricte zwei herze an in zwein 

mit dem stricke ir süeze enein 

mit also grözer meisterschaft , 

mit also wunderlicher kraft, 

daz si ünerlceset wären 12185 

in allen ir jären. 

Ein langiu rede von minnen 
diu swccret höveschen sinnen: 
kurz rede von guoten minnen 
diu guotet guoten sinnen. 12190 

Swie lützel ich in minen tagen 
des lieben leides habe getragen, 
des senften herzesmerzen, 
der innerhalp des herzen 

so rehte sanfte unsanfte tuot, 12195 

mir wisaget doch min muot, 
des ich im wol gelouben sol, 
den zwein gelieben wa3re wol 
(307) und sanfte in ir muoto, 

dö si die leiden huote, 12200 

die wären suht der minne, 
der Minnen viandinne 



12173 Sit' acc. sing. = . st; diese sonst nngcwöhuliche zweisilbige Form wolil 
nur durch den Reim veranlasst. — 12174 arzatle stf. Fremdw., Arzenci. — 
12177 vereinen svfv., liier nicht = nhd. vereinen, vereinigen (wiein.V. 11727), 
sondern: absondern (vgl. zu 1170), trennen, befreien. — bescheiden stv., 
hier: scheiden, trennen. — 12179 utrlc stm., hier wieder bildlich: Band, 
Verknüpfung; vgl. 11757. — 12180 strickccrinne stf., Bcstrickerin. — 
121S1 stricken swv., verknüpfen. 

12190 guoten swv., gut sein, wohlthun, behagen. 



70 XVII. DAS GESTÄNDNISS. 

von ir stigen hseten brälit. 

ich hau von in zwein vil gedäht 

und gedenke hiute und alle tage; 12205 

swenne ich liebe und senede klage 

vür miniu ougen breite 

und ir gelegenheite 

in minem herzen ahte, 

so wahsent mine trabte 12210 

und muot min hergeselle, 

als er in die wölken welle. 

swenn' ich bedenke sunder 

daz wunder und daz wunder, 

daz man an liebe funde, 12215 

der cz gesuochen künde; 

waz fröude an liebe la^ge, 

der ir mit triuwen phlsege: 

so wirt min herze sä zestunt 

groezer danne setmunt (?); 12220 

und erbarmet mich diu miune 

von allem minem sinne, 

daz meistic alle, die der lebent 

an minnen hangent unde klebent 

und ir doch niemen rehte tuot. 12225 

wir wellen alle haben muot 

und mit minnen umbe gän. 

nein, minne ist niht also getan, 



12203 sligen (nach den Hss., nur B siegen; uiclit stigen Maßmaun, 
auch nicht stiegen Hagen) ist der Dat. pl. von stic, hier bildlich wie unser : 
aus dem Wege schaffen. — 12212 die wölken nach den Hss., nicht diu, 
danach der Singular der wölke swm. statt des regelmäßigen daz u-olken 
stn. [nhd. die "Wolke jünger]. — 12214 daz wunder und daz leunder ist 
ein bezeichnendes Beispiel von der Verstärkung und Steigerung des Aus- 
drucks durch Wiederholung; ähnliche Wendungen bei Gottfried sind: 
daz wundert unde wundert mich 9233. er wil und wil 104(3. ouge und ouge 
1082 (s. die Anmerk.). ange und ange 1982. vil und vil 4138. incere und 
meiere 4057. xool und wol 8079. utube und umbe (wie noch im Nhd.) 11367. 
16737. alumbe und umbe 17436. ein und ein 13015. — 12220 setmunt habe 
ich gewählt nach Hs. F in ungefährer Übereinstimmung mit B (setin zint); 
die Hss. gehen hier auseinander. Septimunt =Sie\)engehirge (bei Bonn) 
ist Conjectur von Groote, welcher Maßmann in seiner Ausgabe, Simrock 
in seiner Übersetzung folgten. Es ist hier sicher etwas anderes gemeint, 
aber die Erklärung noch nicht gefunden. Eine Anfrage (in Pfeiffer's Ger- 
mania 12, 321 fg.) blieb leider ebenfalls erfolglos (vgl. zu 8966). Ich ver- 
muthe einen astronomischen Ausdruck; xieUeicht spheremunf, Sphärenwelt 
(Hs. H se/remunt)? Oskar Jsenicke entscheidet sich (Zeitschr. f. d. Phil. 
[1370] 2, 184) für den a Septimer, über den man im Mittelalter häufig aus 
dem südwestlichen Deutschland nach Italien zog.« Wenn auch formal 
gegen diese Deutung nichts einzuwenden ist, so doch von Seiten der Poesie. 
Das Räthsel ist auch mit diesem Bergnamen noch nicht gelost. — 12223 mei- 
stic adv., meistens; hier bei Gottfried vereinzelt, sonst öfters die Zusammen- 
setzung almeistic; vgl. zu 3340. — 



XVII. DAS GESTÄNDNISS. 71 

als wir s' ein ander machen 

mit välschlichen Sachen. 12230 

wir nemen der dinge unrehte war, 
wir ssejen bilsensämtn dar 
und wellen danne, daz uns der 
liljen undc rösen her. 

entriuwen, des mac niht gewesen; 12235 

wir müezen daz her wider lesen , 
daz da vor gewerket wirt , 
und nemen, daz uns der säme birt. 
(308) wir müezen sniden unde masn 

daz selbe, daz wir dar gessen. 12240 

wir buwen die minne 

mit gegelletem sinne, 

mit valsche und mit äküst 

und suochen danne an ir die liist 

des libes unde des herzen: 12245 

sone birt si niuwan smerzen, 

unguot und unfruht unde unart, 

als ez an ir gebüwen wart. 

als ez uns danne riuwe birt 

und innerhalp des herzen swirt 12250 

und toetet uns dar inne, 

so zihen wir's die minne 

unde schuldegen si dar an, 

diu schulde nie dar an gewan. 

wir saejen alle valscheit, 12255 

so sniden laster unde leit. 

tuo uns daz leit iht sere we, 

so bedenken ez e, 

saejen bezzer unde baz 



12230 i'ähchlich adj. [fälschlich,^ meist adv.], falsch, treulos; mit v. saclien = 
mit Falschheit. — 12232 hiht-nsame, J?amo vom (giftigen) Bilsenkraut, Toll- 
kraut. — 12237 werken swv., ins Werk setzen, insbesondere : Feld bestellen, 
säen, ilä ist wolil nicht zum Kelativum (daz). auch nicJit, wie Paul S. 9 will, 
zum folgenden Yerbum wie in V. 12282, sondern zu vor zu ziehen : vorher, im 
Voraus. — \22\() yesfen-='jesa'jen, gesäet haben. — 12241 buicvn swv. (dagegen 
gleich im Folgenden V. 1224S f/eOiiwen starkes Partie), bauen, bebauen, be- 
stellen, sagt der Dichter im Bilde fortfahrend. — 12243 uküst (Gottfried betont 
sonst so oder ukust ; vgl. anam 321) stf. (übeles Gegentheil von A-j^s^ 6677), 
Schlechtigkeit, Unredlichkeit ; vgl. 14520. — 12247 unguot stu., (Ungute), Übel. 
— unfruht stf., übele Frucht; vgl. zu 17S97. — 122.50 swirt 'i. pras. von sivm 
stv., schmerzen, weh thun [schwären ; vgl. Geschwür]. — 122.")3 tchuldegen swv. 
mit acc, beschuldigen, Schuld beimessen. — \22^>(^ sniden elhpt\sch=sniden 
v:ir indic. (wie auch einige jüngere Hss. haben). Hs. F hat, wie wir Neueren 
sagen würden: und sntdpn ; sü, liier: sonach, darum. — 122öS bedenken elliptisch 
=bi>d. "wVconjunct. : sosollen wir bedenken. — \22h^ scejen istnicht als Infinitiv 
zu fassen, abh. von 6<?rfe«Aen, sondern steht coordiniertelliptisch=5cr;en wir. — 



72 XVII. DAS GESTÄNDNISS. 

imde smden oucli daz. 12260 

wir, die zer werlde haben niuot, 
swie so er si boes' oder guot, 
wie tuon wir iinseren tagen, 
die wir vertriben iinde verjagen 
in dem namen der minne 12265 

und vinden nibt dar inne 
niwan die selben arebeit, 
die wir haben an si geleit, 
misselinge und ungeschiht: 

des guoten vinden wir da niht, 12270 

des unser iegelicher gert 
und des wir alle sin entwert: 
daz ist der stsete friundes muot, 
der stgetecliche sanfte tuot, 

der die rosen bi dem dorne treit, 12275 

die senfte bi der arebeit; 
an dem ie lit verborgen 
diu minne bi den sorgen, 
(309) der an dem ende ie fröude birt, 

als ofte als er beswseret wirt, 12280 

den vindet man ie lützel nuo: 
als Vorwerke wir dar zuo. 

Ez ist vil war, daz man da saget: 
«Minn' ist getriben unde gejaget 
in den endelosten ort.» 12285 

wir haben an ir niwan daz wort: 
uns ist niwan der name beliben 
und haben ouch den also zctriben, 
a^.sö verwortet unde vernamet, 



12260 snidcn dagegen ist wieder Indicativ: und alsdann schneiden wir, 
ernten wir auch das, nämlich bezzer unde haz. — 12272 entwern swv. steht 
hier in passivischer Construction (vgl. zu 9570) : das uns allen versagt ist. 
— 12276 senfte stf., hier wohl nicht im Sinne von V. 4425, sondern: An- 
nehmlichkeit, Behagen, Wohlgefühl. — 12282 Vorwerken swv. ist wohl 
als Composition anzunehmen, wenn auch vor trennbare Partikel scheint 
(vgl. 12234) ; der Sinn: vorarbeiten, weiter bildlich das Land bestellen, dann 
überhaupt: streben, t-orwerÄe« als Bildung von ro/-w<?rc stn., Landgut, wie 
Paul S. 9 annimmt, würde selbst bei Gottfried ohne Analogie sein. 

12285 endelost (in Hs. W) nach mhd. Wörterbuch I, 439'"* superl. von 
endelos adj. (11679), endlos, unerreichbar, weit entfernt; nach Grimm 
Deutsches Wörterbuch III, 458 alter Superl. von endel in der Bedeutung 
ultimus. In Gottfried's Redeweise wohl beides. Paul (S. 9) will schreiben 
endeleste und erklärt: ende-leste, endletzte, allerletzte. — 12289 verworfen 
swv., mit Worten, in der Sprache missbrauchen, durch zu häufige Anwen- 
dung abnutzen und herunterziehen. — vernamen swv. synonymer Ausdruck. 
Beide Bildungen scheinen vom Lichter herzurühren. — 



XYII. DAS GESTÄNDNISS. 73 

(laz sich diu müede ir namcn schämet 12290 

lind ir daz wort uiimoeret; 
si swachet unde swaeret 
ir selber üf der erde;" 
diu erelöse unwerder, 

si suchet under hüsen biten 12295 

und treit von lasterlichen siten 
gemanicvaltet einen sac, 
in dem si ir diube und ir bejac 
ir selbes münde verseit 

und ez ze sträze veile treit. 12300 

owe! den market schaffen wir: 
daz wunder triben wir mit ir 
und wellen des unschuldic sin. 
Minn', aller herzen künigin, 

diu frie, diu eine 12305 

diu ist umb' kouf gemeine, 
wie habe wir unser herschaft 
an ir gemachet zinshaft! 
wir haben ein bcese conterfeit 
in daz vingerliu geleit 12310 

und triegen uns da selbe mite. 
ez ist ein armer trügesite, 
der friunden also liuget, 
daz er sich selben triuget. 

wir valschen minnaere, 12315 

der Minnen trügentere, 
wie vergänt uns unser tage, 
daz wir ünserre klage 
(310) so selten liebez ende geben! 

wie vertuon wir unser leben 12320 

äne liep und ane guot! 

nu git uns doch daz guoten muot, 

daz uns ze nihte bestät. 

swaz iemen schccner ma-re hat 



rJ295 hitcn stv., hier: betteln. — 12297 luanicvalten swv., manigfaltig macheu, ' 
bunt durcheinander zusammensetzen, gemanicvaltet, «buntscheckig) (Kurtz), 
gehört zu sac, ist nicht auf Minne zu beziehen; nhd. Schachtelung nöthig : 
trägt einen schmählich , scheußlich (von lästerlichen siten) buntscheckigen 
Sack. — 1229S diube stf., Diebstahl, Ertrag des Diebstahls, gestolilenes 
Gut. — bejac stm. , Erwerb; vgl. zu 12971). — 12309 coiterf,>it stm., hier: 
die Nachahmung, das Falsche, das Unechte. — 12.512 ar//< adj., hier: arm- 
selig, erbärmlich. — trügesite stm., betrügerische Art, « Lügonbrauch ». 
Kurtz (ebenso Simrock). — 1231.', viinna;re stm., der Liebende, Verliebte; 
von Gottfried im letzten Theile öfters angewendet ; vgl. 12432. 13489. 193G7. 
— 1231G trügenwre stm., Betrüger. — 



74 



XVII. DAS GESTANDNISS. 



von friuntliclien dingen, 
swaz wir mit rede vür bringen 
von den, die wilen wären 
vor manegen hundert jären, 
daz tiiot uns in dem herzen wol 
und sin der selben State so vol, 
daz lützel iemen wsere 
getriuwe unde gewsere 
und wider den friunt an' aküst, 
ern möhte sus getane lust 
von sin selbes sachen 
in sinem herzen machen, 
wan uns daz selbe z'aller zit 
mit jämer under füezen lit, 
da von ez allez üf erstät: 
deist triuwe, diu von herzen gät; 
diu treit sich uns vergebene an; 
so kere wir daz ouge dan 
und tri'ben die süezen 
unwertlich under füezen; 
wir haben si mit unwerde 
vertreten in der erde; 
ob wir si gerne suochten da, 
wir enwizzen alles gähes wä. 
so guot, so lonba^re 
triuw' under friunden wsere, 
war umbe lieben wir si niht? 
ein blic, ein inneclich gesiht 
üz herzeliebes ougen 
der leschet äne lougen 
hunderttüsent smerzen 
des libes unde des herzen, 
ein kus in liebes munde, 
der von des herzen gründe 
(311) her üf geslichen ksemc, 
ahi, waz der benseme 
seneder sorge und herzenöt! 



12325 



12330 



12335 



12340 



12345 



12350 



12355 



12360 



12344 unwertlich, unwertliche adv., (unwürdig), geringschätzig, verächtlich ; 
Tgl. 13414. 15984. — 12345 unwert stm., (Unwerth), Geringschätzung. — 
12348 alles gähes erklärt Bech: vor leidenschaftlichem Ungestüm, im Un- 
gestüm; danach ist dieses gähes nicht absolutes Adverbiura, sondern sub- 
stantivisch zu fassen; unter daz gähe würden sich auch die andern Wen- 
dungen (s. mhd. Wörterbuch I, 453) stellen lassen. ■ — 12349 lonbcere adj., 
preiswürdig. — 12352 gesiht stn., nicht in unserm Sinne: Gesicht, Antlitz, 
sondern: Ansehen, Blicken, 



XVII. DAS GESTANDNISS. 



75 



Ich weiz wol, Tristan unde Isot, 
die gebiteloseu beide 
bcnämen ouch ir leide 
linde ir triure ein ander vil, 
do si begriffen daz zil 
gemeines willen under in. 
jener gelange was do bin, 
der die gedanken anget. 
swes gelieben gelanget, 
des triben s' under in genuoc. 
so sich diu zit also getruoc, 
so si ze ir State kämen, 
si gäben unde nämen 
mit getriuwelichem sinne 
in selben unde der minne 
willigen zins unde zol. 
in was vil inneclichen wol 
an der reise und an der vart; 
do diu fremede liine wart, 
do was ir heinliche 
rilich unde riebe, 
und was daz wisheit unde sin: 
wan die sich helent under in, 
Sit daz si sich enbärcnt 



12365 



12370 



12375 



12380 



12385 



12363 gebitelos adj., (ohne Abwarten; vgl. bite 385ä), ungeduldig. — 
12366 beyrifen stv., begreifen, erfassen, erreichen. — 12368 gelanffe swm.. 
Verlangen, Sehnsucht; vgl. 16433. — 12369 angen swv. mit acc., einengen, 
fesseln; ein im letzten Theile gern angewandtes Wort; älinliche Wendung 
in Y. 17f^2.^; vgl. ferner 137^3. 18073; ohne acc. 17866. 18037. — 12370 7)iic/i 
gelanget mit gen., mich verlangt nach etwas, ich sehne mich; vgl. 17595. 
— 12380 hiJie werden, vorbei sein, schwinden; vgl. hin wesen^^rihd.. 12368. — 
12384—86 werden im mhd. Wörterbuch I, 142 folgendermaßen citiert und 
erklärt: «rf/e sich helent under in, sit daz si sich enbarnt [3. pl. praes. von 
enbarn, entblößen] und danne in schäme varnt und gestent sich an liebe, die 
sint u. s. w. Liebende, die, nachdem sie sich einander unverhüllt gezeigt 
haben, einander etwas verbergen und sich vor einander schämen (in schäme 
statt ir sshame lesen alle Handschriften außer der Heidelberger. Wie 
Maßmann [311, 28] und v. d. Hagen ir schaute vürent [s. Wörterbuch, 
S. 437] verstehen, ist schwer zu errathen).^) Dagegen ist zu bemerken, 
daß von den Haupthandschriften (M fehlt) nur F in schäme hat; von den 
Nebenhss. schreiben B und N wie H und W ir schauie. Die Änderung 
varnt statt värent macht metrisch keine Schwierigkeit, nur müsste unde 
geschrieben werden, aber der Ausdruck in schäme varn für «sich scliä- 
men» wäre auch in Gottfried's gewählter Sprache sonderbar. Dagegen 
enbarnt statt enhärent ist metrisch unzulässig, auch schreibt H slt daz sich 
tnbarent. Das Wort enbarrn ist vielleiclit eine Gottfriedische Bildung zu- 
sammenhängend mit gebär. Benehmen, und bedeutet das Gegentheil von 
gebären: sich rückhaltslos betragen. Oder ist enbärcn^^ oiTenhären? Nach 
dem Sinne würde dies mit enbarn zusammenstimmen. Auch die Lesart 
von B einbarent (N et/tiebarent) verdient Beachtung, sich einbären (die 
einfache Bildung von unserm: sich vereinbaren), einbocre, cmig weidevL, Bic]i 



76 XVIT. DAS GESTÄNDNISS. 

und tlaimc ir schäme vareut 

und gestent sich an liebe, 

die sint ir selber diebe. 

so si sich danne ie mere helent, 

so si ie mere in selben stelent 12390 

und mischent liep mit leide. 

dise gelieben beide 

die enhälen sich ze nihte: 

mit rede und mit gesihte 

v/ären si heinlich under in. 12395 

Sus triben si die reise hin 
mit wunneclichem lebene 
und doch niht gar vergebene. 
(312) in tete diu vorvorhte we: 

si bevörhten daz e, 12400 

da ez euch sider züo kam, 

daz in sit fröude vil benam 

und brähte si ze maneger not: 

daz was, daz diu schoene Isot 

dem manne werden solte, 12405 

dem si niht werden wolte. 

ouch twanc si beidiu noch ein leit: 

daz was Isöte wipheit. 

hier umbe was in leide: 

diz leidete si beide. 12410 

doch was in disiu swaere 

liht' unde tragebaere, 

wan si ir willen under in zwein 



vereinigen. — 12386 ir schäme värent ist elier zu verstehen als in seh. varnt. 
V. d. Hagen setzt das Wort unter vären in der Bedeutung «nachstellen, 
nachtrachten, beobachten» und mit vollem Kechte. vären, gevären mit gen. 
sind Lieblingsworte Gottfried's, ebenso gebraucht er im letzten Theile 
auch sehr gerne väre stf.; vgl. zu 8452. 11800. 12989. ört/-(?;i heißt hier: 
hütend beobachten, etwa entsprechend unserm: auf etwas eifersüchtig sein. 
Der Sinn ist also vielmehr: Xiiebende, die, nachdem sie einig geworden 
sind (die Schamhaftigkeit einmal hintangesetzt haben) und alsdann doch 
eifersüchtig aufihr Schamgefühl halten u.s. w. — l2Z'il gesten swv. refl. kann 
hier nur heißen: sich als gast, fremd behandeln, sich entfremden. — 
12393 ze nihte, hier nicht im Sinne von nhd. : zu nichts, für nichts wie in 
V. 3069, sondern verstärktes niht, durchaus nicht, keineswegs. 

12398 vergebene adv., hier : gratis ; ihr wonnevolles Leben war ihnen nicht 
geschenkt, sie mussten es bezahlen dadurch, daß sie sich ängstigen mussten. 

— 12408 wipheit stf., hier: Prauenthum (im G-egensatze zum magetuom), 
verlorene Jungfernschaft. — 12409 leide hier als Adverbium bei wesen mit 
dat. (ähnlich wie mir tuot leide 1044. 11992), einem weh sein, betrübt sein. 

— 12410 leiden swv. mit acc, Leid verursachen, betrüben; vgl. 13756 und 
zu 17831. — 12412 trageöcere aflj., (tragbar), erträglich. 



XVII. DAS GESTANDNISS. i i 

friliche haeten enein 

dick' und ze mauegem male. 12415 

Nu daz si Kuruewäle 
gefuoren also nähen, 
da-z si daz laut wol sahen, 
des frönten si sich alle do: 

si wären sin alle frö ^ 12420 

wan eine Tristan unde Isot; 
der angest was ez unde ir not: 
dei' wille, waere der geschehen, 
sine hceten niemer laut gesehen, 
diu vorhte ir beider eren 12425 

diu begünde ir herze seren, 
sine künden sich beraten nie, 
waz si getj?eten oder wie, 
daz Isote wipheit 

dem küuege würde verseit; 12430 

und doch, swie unrätb^ere 
kindesche niinnaere 
in ir kintheite sint, 
d'er rät geviel doch an daz kiiit. 

So minne an tumbeu kinden 12435 

ir spil geratet vinden, 
so mugen wir an den kinden 
witz' unde liste vinden. 



12430 versagen swv., vorenthalten und insofern hier: verheimlichen; 
vgl. zu 152G2. — 12431 unrätbcere adj., zum Käthen nicht geschickt. — 
12434 fjevallen mit prajp. an mit acc steht hier = f<« gevallen mit acc. (S407), 
einem zufallen: der Rath, die gute Auskunft, vrar doch dem unerfahrenen 
jungen Mädchen beschieden und vorbehalten. 

12436 geratet (=geräth) 3. prses. von geraten stv., (gerathen), gelangen, 
anfangen. 



XVIII . 
BRANG^NE. 

Auf Isoldens Eath bitten die Liebenden Brangsene, sie möge in der 
ersten Nacht das Beilager mit König Marke halten. Branga^ne willigt 
endlich mit Schmerzen und Beschämung ein, weil sie sich wegen ihrer 
Unachtsamkeit schuldig fühlt, und entdeckt ihnen jenen verhängnissvollen 
Zufall und das Geheimniss des Minnetranks. — Tristan meldet dem Oheim 
die baldige Ankunft, und dieser bereitet einen festliclien Empfang. Nach 
achtzehn Tagen ist Marke's Vermählungsfest. Der Königin wird Kurnewal 
und England mit der Bedingung übereignet, daß, wenn sie ohne Erben 
bliebe, Tristan Erbe wäre. 

In der Brautnacht waren atißer dem Paare in Marke's Kemenate nur 
Tristan und Brangsene. Tristan führt Brangsene in der Königin Kleidern 
dem Könige zu; Isolt löscht die Lichter. Zu rechter Zeit entfernt sich 
Brangsene, und an ihrer Statt setzt sich Isolt vor das Bette. Alsbald ver- 
langt auch der König den Wein der Sitte gemäß. Tristan bringt Licht 
und "Wein. König und Königin trinken. Dem Könige ist eine wie die 
andere, der Täuschung wird er nicht gewahr. 



"Wie bei dem Könige so auch bei Land und Leuten steht Isolt in 
hohen Ehren, niemand ahnt Schlimmes in ihrem Verkehr mit Tristan. 
Die Königin ist in Sorgen, weil Brangsene um ihre Heimlichkeit weiß, 
und fürclitet ihren Verrath. Darum gewinnt sie zwei Knechte durch 
Versprechungen und beauftragt sie , die Jungfrau zu ermorden. Gegen 
Brangaene klagt sie Schmerzen und bittet sie, Heilkräuter zu suchen. 
Brangsene reitet mit jenen Knappen zum "Walde; als Hand an sie gelegt 
werden soll, fleht sie, ihre Unschuld betheuernd, um ihr Leben; nur das 
sei vielleicht ihr Verbrechen gewesen, daß. sie der Königin in der Braut- 
nacht ihr reines Hemde statt ihres beschmuzten geliehen habe. Die 
Knechte erbarmen sich , binden die Getreue auf einem Baume fest , bis 
sie zurückkehren, und schneiden einem ihrer Hunde die Zunge aus zum 
"Wahrzeichen. Darauf melden sie der Königin den vollbrachten Mord 
und erzählen ihr Brangsenens Kede. Isolt, aufs höchste bestürzt, droht 
ihnen mit dem Tode, wenn sie sie nicht zurückbrächten. Darauf ge- 
stehen sie, daß sie noch lebe. Einer bleibt zurück, der andere holt 
Brangsene herbei, die von der Königin mit Liebkosungen empfangen 



XVIII. BRANG^NE. 79 

wird. Seit dieser Prüfung sind beide wieder sich innig zugethan. — Die 
beiden Liebenden geben sich sorglos und unbeachtet ihrer Wonne hin. 
Ihre Zuneigung wird auf ihre Verwandtschaft bezogen. Isolt ist überall 
beliebt und Tristan berühmt und gefürchtet im ganzen Königreich. 



(313) ^ Lang' umberede si hin geleit: 

isöt vant in ir kintheit 12440 

eine witze imd einen list, 

den allerbesten zuo der frist, 

daz si nie mere taeten, 

niwan Brangtenen bieten, 

daz si an der ersten naht 12445 

sunder rede und simder braht 

bi Marke ir herren laege, 

geselleschefte im pflsege. 

ez enwürde im niemer baz entsaget, 

wan si was schcene und was ouch maget. 12450 

alsus so leret minne 

duruähtecliche sinne 

ze valsche sin verüizzen, 

die doch iiiht solten wizzen, 

waz ze sus getaner trüge 12455 

und ze valscheit gezüge. 

Die gelieben also täten: 
Brangienen si dö bäten 
alse lange und alse vil, 

biz si si brähten üf daz zil, 12460 

daz si'n ze urtaete 
gelobete, daz si'z tsete, 
und lobete ez ouch mit maueger not: 
sine wärt niht z'cinem male rot 
und missevar von dirre bete, 12465 



12441 u-it:e stf., hier: verständiger Einfall, listiges Auskunftsmittel. — 
12446 brcü.t stm., [Pracht stf.], Geräusch; sunder ör., stille, verschwiegen; 
vgl. 12603. — 12449 enfsaffen swv. mit dat., absprechen, sein Recht vor- 
enthalten; auf taz ruht der Nachdruck: nicht besser könnte dem Könige 
eine Entsagung auferlegt, sein Recht vorenthalten werden. Oder sollte 
':ntfar/cn = unserm: entsprechen sein? ihm könnte nimmer ein besserer 
Ersatz geboten werden? — 12450 maget stn., Mädchen, Jungfrau; vgl. 
zu 105S. 14770. — 124Ö2 durnälitecllch adj., tüchtig, wacker, edel. — 
12455 trürje stf., Betrug. — 1245G geziehen stv., verst. ziehen, sich beziehen, 
gehören. 

12461 urtcEie dat. von urtut stf , Ausführung. — 124G5 missevar adj. hat 
hier deutlich den Begriff: blaß; vgl. zu 15205. — 



80 



XVIII. BRANG.^NE. 



als ez ir michel not tete. 
diu bete was ouch seltsaene. 
«trüt frouwe», sprach Brangaene 
«iuwer müoter, diu frouwe min, 
diu sselige künigin 

diu bevälcli iucli mir in mine pflege, 
und solte iucli selbe an disem wege 
unde an dirre veigen vart 
von disem leide haben bewart, 
nu habet ir laster unde leit 
von miner warlosekeit. 
von diu so darf ich'z mäze klagen, 
muoz ich daz laster mit iu tragen; 
(314) ez waere ouch wol gefüege, 
daz ich ez eine trüege: 
möhtet ir dervon gesin. 
gensedeclicher trehtin, 
wie vergseze du min so!« 
Isot sprach zuo Brangaenen do: 
«stolziu niftel, sage mir, 
waz meinest du, waz wirret dir? 
mich wundert sere, waz du klages.» 
«frouwe, da warf ich anders tages 
üz dem schiffe ein glasevaz.» 
«so taete du: waz wirret daz?» 
«owi!» sprach si «daz selbe glas 
und der tranc, der dar inne was, 
der ist iuwer beider tot.» 
«war umbe, niftel?» sprach Isot 
«wie ist disem maere?» «im ist also»: 
Brangaene Seite in beiden do 
die rede von ende her dan. 
«nu walte es got!» sprach Tristan 
«ez waere tot oder leben: 
ez hat mir sanfte vergeben. 
i'ne weiz, wie jener werden sol: 
dirre tot der tuet mir wol. 



12470 



12475 



12480 



12485 



12490 



12495 



12500 



12472 elliptisch = i'c// solte. — 12476 warlosekeit stf. [nhd. noch mitunter 
gebraucht; vgl. verwahrlosen], Unachtsamkeit. — 12477 mäze adv. (dat. 
sing.?), mäßig, wenig. — 124SS anders tages, nicht in unserm Sinne: an- 
dern Tags, Tags darauf; sondern: neulich, vor Kurzem. — 12500 vergeben 
stv. mit dat., einem etwas Übeles geben, einen vergiften [wie noch ver- 
geben in Mundarten]. 



XVIII. BRANG^liXE. 8[ 

solle diu wunnecliche Isot 

iemer alsus sin min tot . 

so wolte ich gerne werben 12505 

umb' ein evveclichez sterben.» 

Lät alle rede beliben: 
■^•ellen wir liebe triben, 
ez enmac so nilit beliben, 
wirn müezen leide ouch triben. 12510 

Swie sanfte nns mit der liebe si, 
so müezen wir doch ie da bi 
gedenken der eren. 
swer sich an niht wil keren 

wan an des li'bes gelust, 12515 

daz ist der eren verlast, 
swie wol Tristande t£ete 
daz leben, daz er h?ete, 
(315) sin ere zoch in doch dervan. 

sin triiiwe lag im allez an. 12520 

daz er ir wol gedashte 

und Marke sin wip brsehte. 

die beide triuwe und ere 

die betwüngen ime sere 

sin herze und sine sinne; 12525 

die da vor an der minne 

wären worden sigelös, 

do er die minne vür si kos : 

die selben sigelösen zwo 

die gesigeten an der minne dö. 12530 

Tristan der sante boten zehant 
in zwein batelen wider lant 
und enbot Marke msere, 
wie ez ergangen wasre 



I2.il(i leide stf., Leid, Kummer; vgl. 1^4>^^). 

12520 (in ligen eineni = n\n\., doch hier nur von Personen gesagt |vgl. 
<;In Anliegen haben], mhd. : antreiben, veranlassen; vgl, zu 5098. — 
1252!» die selben zw6 = triuwe und ere. — 12530 gesigen swv., verst. sigen 
(t;ii5>7) mit prrep. an mit dat., über einen oder über etwas den Sieg davon- 
tragen, die Oberhand behalten; vgl. an sigen mit dat. 1129. Hier an der 
3iiinne = iXheT die Minne in stilistischem Gegensatze zu an der rninne = ia 
der Minne in V. 1252tj. 

12532 i/atele Geschlecht unbestimmt, Fremdwort, franz. batel, batcau 
Barke. 

€OTTFEIED V0>- STEASSBUBG. II. 2. Aufl. 6 



82 XVIII. BRANG^NE. 

iimbe die schoenen von Iilant. 12535 

Marke besaute zehant, 

swaz er besenden kiinde. 

da riten an der stunde 

tüsent boten nach ritterschaft : 

man empfie mit micheler kraft 12540 

die künden und die geste. 

daz ergeste und daz beste, 

daz Marke an disen zwein enpfie, 

mit den sin leben ouch hine gie, 

daz selbe enj^hieng er alse wol, 12545 

als ein man daz enpfähen sol, 

daz ime vor allen dingen ist. 

Marke der hiez an der frist 
den lantbarimen allen sagen, 

daz si in ähzehen tagen 12550 

alle ze hove k^emen, 
als si im wol gezaemen 
ze siner brütleite, 
diz allez was bereite. 

si körnen riliche dar: 12555 

dar kom manc wunnecliche schar 
von rittern und von frouwen 
ir ougen wunne schouwen, 
(31 G) die liebten Isöte. 

diu wart vil unde genöte 12560 

und ze wunder an gesehen 

und niwan des einen gejehen: 

«isot, isüt la blunde 

marveil de tu le munde : 

isot diu ist besunder 12565 

über äl die werlt ein wunder. 

ez ist war, daz man da saget 

von dirre sfeligen maget: 

si git der werlde wunne 

gelich alsara diu sunne. 12570 

ezn gewünnen elliu riebe 

nie maget so wunnecliche.» 



. 12553 brutleite stf. (Bildung wie tnlpite, svertlpitp.) , eigentlich : Braut- 
führung, dann : Vermählung, Hochzeitsfest. — 12564 murveil franz., Wunder, 
— tu adj. franz. = ^ow<, totus. — le Artikel, sonst li ; vgl. 332. — munde 
franz., iitutidus , neufranz. tnonde. 



XVIII. erang.v:ne. S3 

Xu si ze ir e bcstatct wart 
'iml an ir rehte bewart, 

(laz Kurnewal iind.Eiigelant 12575 

so wart besetzet in ir hant, 
ob si niht erben brere, 
daz Tristan erbe w?ere, 
linde ir liulde wart getan : 

des nahtes so si solte gkn 12580 

slaf^n ze ir herren Marke, 
nu hseten si sich starke 
si lind Brangsene und Tristan 
vor hin geflizzen dar an, 

daz si ir State nnde ir stat 12585 

wislichen ha*ten besat 
imd wol vor hin beraten, 
in Markes kemenaten 
was niemen wan si vieriu, 

der künic selbe und si drin. 12590 

nu was ouch Marke nider komen. 
Brangiene bsete an sich genomen 
der küniginne kleider: 
diu kleider ir beider 

wären verwandelt under in. 12595 

Tristan fiiorte Brängienen hin 
die marter liden und die not. 
diu lieht diu laschte ir frouwe Isot. 
(31 7) Marke Brangienen zuo im twanc. 

i'ne weiz, wie ir der anevanc 12C0O 

geviele dirre sache: 

si dolte so gemache, 

daz ez gar äne braht beleip; 

swaz ir gespil mit ir getreip, 

si leiste unde werte, 12605 

swes er hin z'ir gegcrte, 



12573 les(a'en swv., bestellen, bringen, c^?- e hf'!tf.=: cotlocare in nia- 
trin:onirnn , verheirathen. — 1*J574 hpwarn swv., hier: schützen, sicher 
stellen. — V2'ü^'> b>'si>tz<'n swv., hier: mit Bestimmung festsetzen, ans- 
eetzen, vermachen. — 12.").'<4 rnr hin adv., vorher [nhd. vorhin beschränk- 
ter]. — Vlh^h utatp stf. und stat Stf. hier wortspielend nebeneinander: Ge- 
legenheit und Platz; unser: Ort und Gelegenheit (so auch Kurtz, ebenso 
Simrock). — ll'öst:; h''si't:eii swv., hier etwa: wahrnehmen. — rJ595 ver- 
vdVfl'ln swv., verwechsehi, vertauschen. — 12G02 r/o/^^ pra-t. von r/')/H swv., 
dulden, ertragen, geschehen lassen. — fiemachp adv. (von i/nriach adj. oder 
dat. von fjcinnrh stn.?), ruhig. — 12004 yrspil swm., Gespiele, (Jefiihrte, 
Liebhaber; vgl. lG4'.i'>. — 12<"05 Ichtcn swv., hier: entrichten. — vrrn swv., 
gewähren, zahlen. — 12€0(j gpgern swv., verst. 'jrrn, begehren. — 

C* 



81 XVIIl. i?RAN(..l':NE. 

mit iiKssing' und mit gokle, 

als wol, also er wolde. 

ich wil mich oiich des wol versehen, 

daz ez e selten si geschehen, 12G10 

daz ie so schoene mcssinc 

vür guldiniu tagedinc 

ze bettegelte würde gegeben. 

deiswär, ich sazte es wol min leben, 

daz Sit Adames tagen 12015 

als edel valsch nie wart geslägen, 

noch nie so gsebiii trügeheit 

an mannes siten wart geleit. 

Die wile ouch si zwei lägen, 
ir bettespiles pflägen, 12020 

al die wile heete Isot 
michel angest unde not; 
si dähte allez wider sich: 
cgot herre, nü beware mich 

und hilf mir, daz min niftelin 12625 

wider mich getriuwe müeze sin! 
tribet si diz bettespil 
iht ze lange und iht ze vil, 
ich fürhte, ez ir so wol behage, 
daz si vil lihte da betage: 12030 

so werden wir alle 
ze spotte und ze schalle.» 
nein ir gedanke unde ir nuiot 
die waren lüter unde giiot: 
dö si vür Isolde 12035 



12G07 virsshic stm. (stn.^uhd. nur in mittoliL Quellen) ; niclit ganz was 
unser: Messing, sondern: Bronze; das Wort gebraucht Jiier der Dichter 
wie auch in Y. 12675 bildlicli und schalichaft im Gegensätze zu dem echten 
Gold als Ausdruck für die Unechtheit und die Täuschung. — 12(;r2 fa;/f'- 
dinc stm., hier: Abtragung eiuer Schuld, Zahlung; ebenso im Folgendeu, 
V. 12637 und namentlich 12676, doch liegt hier zugleich im Worte der 
Doppelsinn'der Allgemeinheit : fjuldiniii tchlinc^=g. dinc=Gro\d. — 1261,) bctfe- 
gelt stn., das Geld, die Zahlung, die im Bette, im Beischlaf geleistet wird; 
die Bildung rührt wohl vom Dichter her nach Analogie der vielen Zu- 
sammensetzungen mit ffell. — 12614 sr/zea swv. , hier: als Pfand setzen, 
einsetzen; r'.s, darum, darauf. — 12616 vctlsdi stm., hier bestimmt: falsches 
Geld. — 12617 gaebc adj., -annehmbar, angenehm [erhalten in cgaag und 
gäbe»]. 

12620 hettca2^il stn., Lust im Bette; der Ausdruck ist edeler als unser: 
Beischlaf. — 12630 hetugoi, swv., den Tag erwarten, bis zum Tage ver- 
weilen; vgl. 17335. — 12631 fg. scJial stm., hier wieder: Gerücht, Gerede 
wie in V. 9631. 1G208. ze schalle werden, ins Gerede kommen, [ze spulte 
n-crden=z\\m. Spotte werden im Nhd. orlialten.] — 



xviir. brang^:ne. 85 

geleiste, daz si solde, 
unde ir tagedinc ergie, 
von dem bette si sich lie. 
(318) DU was euch Isöt hantgar, 

viir daz bette saz si dar, 12640 

als ez diu selbe solte sin. 

zehant iesch ouch der küuec den win: 

da volgete er dem site mite, 

wan ez was in den ziten site, 

daz man des älliche phlac, 12045 

swer so bi einer megede lac 

und ir den bluomen abe genam, 

daz eteswer mit wiue kam 

und lie si trinken beide 

samet an' underscheide. 12G50 

der selbe site ergieng ouch da: 

Tristan sin neve der brähte iesä 

beide lieht unde win. 

der künec tranc und diu künigin. 

ouch sagent genuoge msere, 12055 

daz ez des trankes wsere, 

von dem Tristan unde Isot 

gevielen in ir herzenot. 

nein des trankes was niht me: 

Eranga^ne warf in in den se. 12ÖG0 

Nu si dem site gegiengen mite, 
beidiu getrunken nach dem site, 
diu junge künigin Isot 
diu leite sich mit maneger not, 
mit tougenlichem smerzen 120G5 

ir muotes unde ir herzen 
zuo dem künege ir herren nider. 
der greif an sine fröude wider: 
er twanc si nahe an sinen lip. 



i2V,M r/it'isf'-n swv., verst. Iris/Pti: doch hier r^eleisfe^=ge\Qistct liattc. — 
V2a:iH läzen refl., sich bewegen, sicli begeben [lihd. mit Adverbien verbun- 
»lon: sich herablassen u. dgl.]; vgl. zu 7(ij:». — 1JG39 hanfyar adj., wört- 
lich: handbercit, hier aber nicht: ..schlagfertig» (mhd. Wörterbuch I, 480), 
sondern liberhaupt: bereit, bei der Hand; vgl. zu '>^:>6. &737. — 1-2Ü42 iesch 
pra-t. von eischen stv., lioischcn, verlangen [uhd. heischen meist swv. nur 
noch in poetischer Sprache]. — l'iO.'iO underscheide stf., Unterschied; äne 
undenchtide verstärkt formelhaft den Begriff samet u. äliiil.; vgl. 183Ö«. 



86 XVIII. BRANG.IONE. 

in (lullte wi'p älse wip: 12670 

er vant oiich die vil schiere 

von guoter maniere. 

imc was ein als ander, 

an ietwederre vander 

golt unde messinc. 12675 

oucli leisten si'm ir tagedinc 

also dan und also dar, 

daz er nie nihtes wart gewar. 



(319) isot diu was dö starke 

von ir herren Marke 126 SO 

geminnet unde gelieret, 

gepriset unde geeret 

von liute und von lande. 

wan man so maneger hande 

fuog' unde sselde an ir sach. 12685 

ir lop unde ir ere sprach, 

swaz lop gesprechen künde. 

under dirre stunde 

haete si und ir amis 

ir kurzewile manege wis, 12690 

ir wunne späte unde fruo. 

wan niemen wände niht derzuo, 

dane dä'hte weder wip noch man 

deheiner slahte Undinges an. 

wan si was in siner pflege 12695 

alle stunt und alle wege 

und lebete, swie si dühte guot. 

Hie mite so nam si in ir muot 
unde bedähte al ir dinc: 

Sit nieman ir hselinc 12700 

unde ir trügeliste 
iiiwan Brangsene wiste , 
enwsero si dan eine, 
so dürfte s' iemer kleine 



12679—83 fast gleiche Wendung wie in V. I.j7ö')— 5i. — 12694: undinc 
stn, liier im Singular; vgl. zu 10426. 

12700 hoelinc stm., Verhehlung, Crelieimniss ; von nun an von Gottfried 
gerne gebraucht; vgl. z. B. 13088. 13554. — 12701 trü'jeitst stni., betrügerische 
List, «geheime Ränke». Kurtz. — 



XVIII. BRANG.T.NE. 87 

gesoi'gcn umbe ir ere. 12705 

bi sorgete vil sere 
und vorlite harte starke, 
lirangaene ob si ze Marke 
delieiue liebe bsete, 

daz si ime kimt tcete i2710 

ir laster unde ir m£ere, 
als ez ergangen wajre. 
diu sorchafte künigin 
diu tete an disen dingen scbin, 
daz man laster unde spot 12715 

mere fürbtet danne got. 
zwene knebte si besande 
fremde von Engelande: 
(320) die selben biez si beide 

sweren eide und eide, 12720 

triuwe über triuwe geben. 

da zuo gebot si'n an ir leben, 

swaz si si bieze ane gän, 

daz daz beidiu getan 

und oucb verholen wsere. 12725 

sus Seite si in ir nuere: 

diu mortraite sprach zuo zMn: 

muu merket beide minen sin: 

ich sende eine maget mit iu, 

die uemet und' ri'tet ir driu 127^0 

beinlicben unde balde 

etswar ze einem walde , 

er si verre oder bi, 

der iu dar zuo gevellcc si , 

da niemen heinliche habe, 12735 

und slahet ir daz houbet abe; 

und alle ir rede die merket ir, 

und swaz si sage, daz saget mir. 

ir Zungen bringet mir her dan. 

und Sit oucb des gewis dar an, 127-10 

swie so ich ez enein getrage, 

daz ich iuch morgen an dem tage 



l-'TOö fffHorfirn swv. , verst. sonifii. — 12727 inortrwte adj. subst. liier swf. 
wie iu V 12S77; vgl. 8749. — 12731 heinl'ichen hier und 12>i2S vereinzelt adv., 
heimlich sonst bei Gottfried häutiger das Adjectiv. — 12733 Oi adv.= 
nahe (A, nahe. — 12735 heinlic/ie stf., hier: Wohuuug, Aufenthalt. — 



-88 XVllI. ERANG.T.NE. 

mit ritterlicher saclie 

Ijeide ritter mache 

und wil iu lihen iinde geben, 12745 

die wile ich iemer sol geleben.» 

Diu rede diu wart gewisset da. 
Isot diu nam Brangsenen sä: 
«•Brangaene», sprach si (cnim hie war, 
bin ich iht sere missevar? 127ÖO 

i'ne weiz, wie mir min dinc ste: 
min houbet tuot mir sere we. 
du muost uns würze bringen; 
wir müezen disen dingen 

ete suchen rät geben 1275:> 

öder ez gät mir an daz leben.» 
diu getriuwe Brangsene sprach: 
«frouwe, iuwer ungemach 
(321) daz müet mich harte sere. 

nune bi'tet ouch niht mere: 12700 

heizet mich wisen eteswar, 

da ich eteswaz ervar, 

daz z' iuwern dingen guot si.» 

('Sich, zwene knappen sint hie bi, 

mit den rit, die wisent dich.» 12765 

"gerne, frouwe, daz tuon ich.» 

si saz üf unde reit mit in. 

Xu si zera walde komen hin, 
da würze, krüt unde gras 

der volle nach ir willen was, 12770 

Brangsene wolte erbeizet sin. 
nu fuorten si si baz hin in 
in die wüeste und in die wilde, 
nu si von dem gevilde 
verre hin in kämen, 12775 



12745 lihen stv. mit dat. (oder ist iuch der Hss. richtig?), hier nicht allein : 
zu Lehen geben, sondern: belehnen. — ^e6e/i hier vielleicht nicht stv., son- 
dern swv. : begaben. — 

12762 ercarn stv. wird im mhd. Wb. III, 247^ unter der Bedeutung 
«erreichen, einholen» erklärt: bekommen; sollte ervar n, hier nicht unter 
die Bedeutung «erfahren, erforschen» gehören: finden, ausfindig machen? 
vgl. 13725. 

12770 der volle ist nicht rolle swm. im Nominativ, von dem Genitive 
abhängig sein müssten, sondern adverbialer Genitiv von eoUe stf., Fülle: 
in PüIIe. — 



XVIII. brang.i<:ne. 89 

die böveschcn si iiamen, 

die getriuwen, die werden, 

und sazteii si zer erden . 

mit triure und mit leide 

und zucten swert beide. 12780 

Brangaene do so sere erschrac, 

daz si an der erden gelac 

und lac also lange nider: 

ir herze erbibete und alle ir lider. 

erscbrockenlicbe si üf sach: 12785 

«herre, genädel» si do sprach 

«durch got, waz weit ir ane gän?»^' 

«da sult ir iuwer leben län. » 

«owe, war umbe? saget mir!» 

ir einer sprach: «waz habet ir 12790 

begangen wider die künigin? 

diu hiez iuch slahen; nu muoz ez sin: 

iuwer und unser frouwe Isöt 

diu hat geschaffet iuwern tot.» 

Brangaene vielt ir hende enein; 12795- 

weinende sprach si: «herre, nein, 
durch iuwer güete und durch got, 
so fristet beide diz gebot 
(322) und lät mich also lange leben, 

daz ich iu antwurt müge geben. ^2800 

da nach habt ir mich schiere erslagen. 

ir sult miner frouwen sagen 

und wizzet selbe, daz ich nie 

wider ir hulden niht begie, 

dar an ich mich versaehe, 12805 

daz ir leit gcschsehe, 

ez enwsere danne alse vil, 

des ich doch niht getrüwen wil: 

do wir zwo fuoren von Irlant, 

dö haeten wir zwo zwei gewant, 12810 

diu haiten wir uns beiden 

erweit und üz gescheiden 

von anderem gewaude; 



VJlS't erschrockenliche adv., erschrocken. — 1279-1 schaffen swv., liier: be- 
fehlen [wie noch in süddeutsclier Mundart]. 

121^'^ fristen swv., hier: (Frist geben), aufschieben. — 12S;00 antwurt 
(=Hs. W; M fehlt); vgl. zu 140'J.'5. — 12SÜ8 (jetruwen swv. mit gen., nicht: 
getrauen (9534), sondern: glauben, vermuthen, — 



^0 XVIII. BRANGyi;NE. 

diu fuortcn wir von lande, 

zwei hcmede wiz alsam ein sne. 12815 

do wir do körnen üf den se 
her wider laut üf unser vart, 
so heiz ir von der sunnen Wiirt, 
daz si vil selten in den tagen 

an ir ilit künde vertragen 12820 

niwan ir hemede al eine, 
daz wi'ze, daz reine, 
sus liebete ir daz hemede an, 
do si ez üeben began,, 

biz daz si'z übcrüebete, 12825 

sine wi'ze gar betrüebete. 
dö ha^te ich aber daz mine 
heinliche in minem schrine 
in reinen wizen valten 

verborgen unde behalten. 12830 

und als min frouwe her kam, 
den künec ir herren genam 
und zuo im släfen solte gän, 
nune was ir hemede niht getan 
so schoene, alse ez solte 12835 

und als si gerne wolte: 
daz ich ir dö daz mine lech 
und ir's et eines verzech 
(323) und min so vil an ir vergaz, 

ir enwerre danne daz, 12840 

so wizze got wol, daz ich nie 



12817 lier wider lant, hierher zu Land, her zu diesem Lande, — 1'2S23 an 
lieben swv. mit dat., stärker als das einfache lieben mit dat. (4631), be- 
hagen. Gefallen finden [vgl. anstehen]. — 12^24 we^e« swv., hier: benutzen. 
— 1282r> übeiueben svw., im Überma/Ö benutzen. ^ 12823 beträebeu swv., 
trüb machen, beschmuzen. — 12829 calte fem. (sw. oder st. bei Gottfried 
nicht ersichtlich), (Falte), Tuch zum Einschlagen guter Stoffe oder Klei- 
der. — 12836 fg. Die Stelle ist zuaiichst hinsichtlich der Constructiou 
nicht leicht. Groote interpungierte (Semicolon) in der Ausgabe 12836, ver- 
bessert dies aber in der Anmerkung und erklärt: «Der Sinn scheint sicli 
mit sf) scha'ue alse ez solte zu sclilie(ien : dann folgt : vmd als sie nun wünschte, 
daß ich ihr das meinige leihen möchte, und ich mich so an ihr vergaß, 
daß ich ihr, wenn auch nur diese einzige Eitte (eht eines) abschlug, es sei 
denn, daß sie deshalb noch zürnt, sonst möge Gott wissen u. s. w.» Hagen 
setzt nach 12836 Doppelpunkt, Maßmann Komma, letzterer nach 12839 
Punkt. Auch die Üt)ersetzer verschieden: Kurtz: «... wollte: Daß ich 
ihr lieh das meine nun, Und wollt's vielleicht nicht willig thun , Und 
mich so gegen sie vergaß. Das müsste ihr wirren, und ist's nicht das, So 
weiß Gott, daß ich u. s. w.» Simrock: «... wollte. So daß ich ihr das 
meine gab. Zwar schlug ich ilir es anfangs ab Und vergaß insoweit wohl 
der rflicht. Verdachte sie mir dieses nicht, So weiß es Gott, ich über- 



XVIII. BRANG.l'JNE. 91. 

zc deheiuon ziten übergle 

weder ir bete noch ir gebot. 

iiu tuot ez beide saniet durch got, 

grüezet si von mir also wol, 12845 

als ein juncfrouwe ir frouwen sol. 

und got durch sine güete 

der bewär ir unde behücte 

ir ere, ir lip unde ir leben! 

und min tot si ir vergeben. 12350 

die sele die bevilhe ich gote, 

den lip hin z' iuwerme geböte.» 

Nu sähen dise zwene man 
erbärmecliche ein ander an 

und erbarmete s' an der reinen 12855 

ir inneclichez Aveinen: 
si geröu vil sere beide 
und nämen'z in ze leide, 
daz si gelobet hceten, 

daz si den mort taeten, 128GO 

dö si an ir niht funden 
noch erviuden künden, 
daz morde gebajre 
und tötbaere wa^re. 

si giengen raten under in zwein 128G5 

unde gerieten cnein, 
ez ergienge in swie ez in möhte ergän: 
si wolten si leben lan. 
die getriuwcn bünden si sä 



gieiig u. s. w." Mild. Wb. III, S79 «und ihr das, docli nur einmal, ah- 
6cliluf{.> V. r-'S37 fg. kann nur von V. 12.S4u abliiingig sein; V. 12808 ist 
anders aufzufassen als in den biblierigen Erklärungen. Von einem i ab- 
schlagen" oder (.nicht willig thun» kann nicht die liede sein; das Gleich- 
niss würde aUdann ganz anders lauten als die Erzählung der vorhergehen- 
den Situatiiin. vfrzlhfn mit dat. (ir) und gen. ('s, es) lieiLM allerdings: 
jemandem etwas abschlagen , aber diese Bedeutung passt nicht. Man 
könnte dann irs auch nehmen als (ienitiv des Possessivpronomens »V, 
dann würde, da verzthen mit gen. «auf etwas verzichten" bedeutet, die 
Stelle lauten: >• und auf ihr beschmuztes Hemd nur (H) einmal (eines adv. 
gen.) verzichtete, es niclit des Tausches lür werth hieit.» Aber auch das 
genügt nicht, auch ist jener Genitiv irs für Gottfried's Zeit allzu unwahr- 
scheinlich. Vielleicht ist die Stelle verdorben und für verzi'di das seltene 
rerdich von rerdxhcu stv. zu lesen, mit der Bedeutuug: einem mit etwas 
zuvorkommen. 

rj'<.')4 Piijärmecüche adv., crbarmungsvoll. — l2S."i.s ze leide nemen refl. 
mit dat., ähnliche Wendung wie unser: sich zu Herzen nehmen; sich 
^iner Sache mit Leid annehmen, es sich leid sein lassen; vgl. sich :<• stm-re 
netwn V.nH) und zu IUI?. — 12864 tC'.bücre adj., todeswürdig. — 



92 XVIII. BRANGuENE. 

hohe üf einen boum da, 12870 

daz si die wolve iht nahmen, 

biz daz si wider ksemen; 

und sniten an der stunde 

einem ir vogelhunde 

die Zungen üz und riten dan. 12875 

Sus Seiten dise zwene man 
Isöte der mortrseten 
daz si den mort treten 
(324) mit jämer und mit leide. 

si sageten ir beide, 128^^0 

diu zünge diu wsere ir. 

Isot diu sprach: «nu saget mir, 

waz mseres sagete iu diu maget?) 

si sageten, alse in was gesaget, 

al von ende ir rede her dan 12886 

unde verswigen nie niht dar an. 

(fja», sprach si «seite s'iu niht me?» 

«nein, frouwe.» Isot diu rief: «ovre 

und wäfen dirre maere! 

unseelegen raordsere, 12890 

waz habet ir an gegangen? 

ir müezet beide hangen!» 

((herre», sprächen jene dö, 

«wie lütent disiu msere so, 

vil wunderlichiu frouwe Isot? 12895 

ir habet uns doch mit maneger not 

erflehet unde ernoetet, 

daz wir si haben ertoetet.» 

«i'ne weiz, waz ir von flehe saget: 

ich bevalch iu mine maget 129CO 

in iuwer huote und iuwer pflege, 

daz ir ir pflseget üf dem wege, 

daz si mir solte bringen 

ein teil ze minen dingen. 

die müezet ir mir wider geben ~ 12Sü5 

oder ez gät iu an daz leben: 



12S74 vofjelhuHt stm.: in iinserm « Vogelhund» unbestimmter Ausdruck j 
wir unterscheiden: Wachtelhund uiid Hühnerhund. 

12S97 erflelien swv., erbitten, durch Flehen nöthigen, bewegen; vgl. 
1G037. — p.ramten swv., nöthi;jen, durch Nothigung bewegen. — 1289S './- 
toiten swv., verst. toiten. [nhd. ertödten hat einen leise andern Sinn]. — 



XVIII. BRANGvENE. 98 

ir voigen mortslaiigcn 
ir werdet beide erhangen 
oder üf einer hurt verbrant.» 

« entriuwen )' , sprachen jene zehant 12?10 

cfrouw', iuwer herze und iuwer muot 
die ensint niht lüter unde guot, 
iuwer zi'mge ist harte manicvalt. 
nu frouwe fristet disen gewait; 
e wir Verliesen unser leben, 12915 

wir wellen s' iu e wider geben 
schceu' unde wol gesunde.» 
Isot sprach an der stunde 
(325) weinende harte sere: 

«nune lieget mir niht mere: 12920 

lebet Branga^ne od ist si tot?» 

«si lebet noch, wunderliche Isot.» 

«owe, so bringet mir si her 

den Worten, daz ich iuch gewer, 

swes ich iu gelobet hän.» 12925 

frouwe Isot, daz si getan.» 

Isöt behabete ir einen da; • 

der ander reit dännen sä 
hin wider, da er Brangaenen lie; 
isote ir frouwen brähte er die. 12930 

und dö si vür Isote kam, 
Isot si zwischen arme nam 
und kuste ir wangc unde ir munt 
ze einer und ze maneger stuut. 
den zwein gaj) si ze solde 12935 

zweinzec marc von golde 
den Worten, daz diz mcere 
von in verholen wtere. 

IS'u daz diu künigin Isot 
Branga^nen in der endenöL 12940 



12'Ji)S erhanf/en part. von erhahen stv., erliängcn stv. und swv. erh(inypnz=: 
nhd. gehangen oder erhangt. — 12909 hurt stf., Hürde. Flechtwerk, zum 
Verbrennen der Übeltliäter. — Vl^Vi manictaU SlA']., liier: verschiedenartig, 
ungleich, unbeständig. — 12924 clfn tcorten, unter der Bedingung, mit dem 
Versprechen: ebenso gleich im folgenden V. 12937, aber beide ^Vendungeu 
verschieden subjectiv und objectiv. 

12927 behaben swv., hier=:belialten, zurückbehalten. 

12940 endenot stf., letzte Koth, Todesnoth. — 



94: XVIII. BRAXG7ENE. 

getriuwe nnde staete 
und an ir muote h?ete 
(liirnähte in alle wis bekant 
nnd in dem tegele gebrant 

nnde geliutert alse ein golt, 12945 

Sit des was Brangaen' imde Isolt 
von herzen und von sinne 
so getriuwe und so geminne, 
daz nie nilit under in beiden 

ir dinges wart gescheiden: 12950 

si wären mit ein ander dö 
ir muotes unde ir herzen fro. 
Brangaene was des hoves dö wol, 
der hof der was ir lobes vol: 

si was geminne in allen; 12955 

sine trüoc niemanne gallen 
uzen noch innerhalp der wät. 
si was rätgebe unde rät 
(326) des küneges unde der künigin. 

ze kamere künde ouch niht gesin, 129CO 

Brangaene enmüese ez wizzen. 

ouch was si verflizzen 

ze dieneste Isolde: 

si diende ir, swie si wolde, 

an Tristand' ir amise. 129C5 

Diz triben s' alse lise , 
daz nie nieman dervan 
wän noch arcwän gewan. 
ir gebierde, ir rede, ir moere 

oder swäz ir dinges w^ere, 12970 

des nam in Kitzel iemen war: 
niemen haete wän dar. 
in was sanfte und alse wol, 
alse zwein gelieben sol, 

den ir State unde ir zit 12975 

ze staten und ze willen lit. 
da was amie unde amis 
alle zit und alle wis 



12948 f/fiminne adj., in Liebe vereint, zugethan, freundlich; mit dat. int 
V. 129:)r., mit prsep. r„it in V. 13094. — 12960 ze kamere, (in der Kammer)» 
im engeren Kreise, in den intimen Verhältnissen des Hofes; vgl. zu 142.^5» 



XVIII. brang.i-:ne. i)5 

in der minnen bejagc. 

si begünden dicke in dem tage 12980 

ir ougen imderstricken 
mit inneclichen blicken 
in der menege und under liuten, 
da blicke sulen tiuten 

lind wehselmsere meinen, 12985- 

mit den man sich vereinen 
aller gelieben liebe mac. 
daz triben si naht unde tac 
und was daz äne väre: 

an rede und an gebäre 12990 

wären si beidiu gende, 
sitzende unde stende 
frilich und oiFenbsere. 
ir oifenlichiu maere, 

mit den si wunder künden, 12995- 

diu begünden s' under stunden 
mit klebeworten underweben; 
man sach dick' in ir maeren kleben 
(327) der minnen were von worten 

also golt in dem borten. 13000 

es gedähte aber niemen niht, 

daz ir wort und ir geschiht 

an liebe hseten keine kraft 

wan eine von der macschaft, 

die man so gröze erkande 13005 

under Marke und Tristande, 

mit der verkouften si vil, 

mit der ertrugen s' ir minnespil; 

mit der verspilte Minne 



12979 bejac stm. ; liier scheint im Worte die Bedeutung: jagen, Jagd' 
durchzuklingen. — 129.S1 iinderntricleii swv., untereinander, gegenseitig vor- 
stricken. — iL'yH.'i we/i sfüna'/fl stn., Wechselrede, bildlich für: gegenseitige» 
Kiuverständniss. — r29!S7 fjeliep hier adj., gegenseitig lieb; vgl. Itls^'i. a. g. I. 
ist Genitiv abh. von sich tv'/-<'//t^« = nhd., d. h. sich verstiindigen in oder über 
etwas. — 12989 väre stf. (l.')070), Gefahr, d. h. Aufpasserei; vüre ein Licb- 
lingswort Gottfried's im letzten Theile. — lL'998 (= 1771.')) //-tiu;// adj., frei, 
schrankenlos. — 12997 klfhrwoit stn., wohl eine originale Bildung, festsitzen- 
des Wort; Wort, das die Aufniorksamkeit erregt. — underweben stv., da- 
zwischcnweben, iihnlicli unserm : eiiitiechten, einfließen lassen. — l3(Hi3 krajf, 
hier: die innere Wirkung, Ursaclie, (irund. — i;^004 cori der /näc^c/ui/t^ 
von der Verwandtschaft (2'ü>) her, in Folge der Verwandtschaft. — l.'^l»n7 vr- 
kotiffn swv., Kauf. Handelschaft treiben, kann hier nur bildlicli })e(icuten : 
(tinredlichen) (Jewinn ziehen, täuschen. — l.'^008 ertrugen prset. i)l. von. 
^-rtrirgen stv. mit acc. , hier nicht: betrügen, sondern: über etwas täu- 
schen, dnrch Betrug etwas verhehlen. — l.'iOU9 Cfrynln swv., (verspielen), 
durch Spiel zu nichte machen, täuschen. — 



ÖG XVIII. BRANG^NE. 

vil maneges herzen sinne, 13010 

der sich nie keinez künde enstän, 

wie'z umbe ir liebe was getan. 

diu was an in rein' iinde guot. 

ir beider sin, ir beider muot, 

daz was allez ein und ein, 13015 

ja unde ja, nein unde nein; 

ja unde nein, nein unde ja, 

eutriuwen, daz was niender da. 

an in was niht gescheiden, 

da wären beide an beiden. Io020 

Sus triben si zwei under in 
die stunde liepliche hin 
wilen sus und wilen so: 
si wären underwilen fro 

und underwilen ungemuot, 13025 

als liebe under gelieben tuot: 
diu briuwet in ir herzen 
die senfte bi dem smerzen, 
bi fröude kumber unde not. 

so Tristan und sin frouwe Isot 13030 

ir State zuo ir dingen 
niht künden vollebringen, 
daz was ir not; sus unde so 
wären si trürec unde frö. 

euch enwärt niht under in verhorn, 13035 

dane waere oucli underwilen zorn: 
ich meine zorn ane haz. 
und sprichet aber iemen daz, 
(328) daz zorn üngebsere 

under so gelieben wa^re, 13010 

benamen da bin ich sicher an, 

daz der nie rehte liep gewan; 

wan diz daz ist der Minnen site, 

hie enzüudet si gelieben mite, 

hie mite so fiuret si den muot: 13045 



1301Ö ein und ein, verstärktes ein, wie sonst al ein (4530), durchaus eins, 
einig. 

13027 briuwen stv. (Hs. F u. B prüeven), [brauen, brauen], bereiten, 
erzeugen. — 13035 verbern stv. (2590) hier in passivischer Wendung: es 
wurde nicht unterlassen, es unterblieb nicht, es ließ sich nicht vermeiden, 
daß auch war, stattfand u. s. w. (mhd. negative "Wendung mit Conjunctiv), — 



XVIII. BRANG-r*:NE. - ^7 

waii alse in zorn vil we getuot, 

so süenet si diu triuwe, 

so ist aber diu liebe niuwe 

und aber der triuwen me dan e. 

wie aber ir zorn üf erste, 13050 

wie si ane rat ze suone komen, 

daz habet ir dicke wol vernomeu. 

^elieben dunket lihte, , 

die dicke und ie gedihte 

ein ander mugen gewesen bi, 13055 

daz eteswer da lieber si 

und näher gende dan si sin, 

und machent umbe ein dunkelin 

€in michel zornma^re, 

iiz einer kleinen swsere 13060 

ein riliche suone; 

und ist oucli daz ze tuone; 

daz sol man in billichen: 

hie von sol liebe riehen, 

jungen unde niuwen 13065 

und fiuren an den triuwen. 

lieb' armet unde altet, 

si kuolet unde kältet, 

swä si ir fiures niene hat. 

so der zorn an ir zergät, 13070 

zehant engrüonet si niht. 

swenn' under friunden geschiht 

deheiner slahte zornelin, 

so ist triuwe ie da diu süenserin, 

frisch und iteniuwe: 13075 

diz niuwet die triuwe, 

diz liutert liebe alse golt. 

Alsus treip Tristan unde Isolt 
(329) mit liebe und leide ir stunde hin: 



13054 gedihte adv., dicht, häufig, synonym mit dicke; vgl. 1209. — 1305S dun- 
kettn stn. (dimin. von dune stm., Bedünken), kleine Vcrmuthung, scliwacher 
Argwohn. — 130;)9 zornmara stn., Zornrede, doch kann aucli riKjere allge- 
meiner genommen werden, und zortuiuMre würde nur eine Gottfriedische 
Umschreibung von zoni sein. — 1306:» jungen swv., jung werden, sich ver- 
jüngen. — Hiuivfii swv. intrans., neu werden, sich erneuen. — i;ju6<; j'uuen 
swv. hier intrans., feurig werden, sich entzünden. — 13067 armen swv., 
arm werden, verarmen. — alten swv., alt werden, altern [Bildung von 
Alter; alten in: veralten]. — 130t)8 kuolen swv., kühl werden, sich ab- 
kühlen. — 13073 zornelin stn., kleiner Zorn. — i;!(i7,') ituniuue adj., ver- 
stärktes niuK-e, ganz neu, erneut. — 13076 niuuen swv. trans. , erneuern. 

COTTllUED VON STEASSBUiJG. II. 2. Aufl. 7 



98 XVIII. ERANG^NB. 

liep linde leit was under in 1308O 

in micheler iinmüezekeit: 

liep meine ich äne herzeleit. 

sine hinten dannoch beide 

(leheine herzeleide 

noch niht solher ungeschiht, ISOSS 

diu hin in daz herze siht. 

si verswigen ouch ir dinc 

und hälen ir hselinc 

vil anclich und vil ange 

und triben ouch daz lange. 3 309O 

si wären beide höchgemuot, 

ir muotes fri unde fruot. 

isöt diu küniginne 

diu was so geminne 

mit Hute und mit lande; 13095 

ouch sagete von Tristande 

beidiu liut unde laut: 

er was genenne unde erkant, 

orvorhten wunderliche 

in al dem künicriche. 13100 



13084 Icrzeleide stf., Herzeleid; vgl. zu I2rjl0. — 130SÖ sehen steht 
hier poetisch für: dringen, gelangen. — 13u98 gt nenne adj., berühmt. — 
13099 ercorhien part. adj., gefürchtet. 



XIX. 
ROTTE UND HARFE. 

Zu der Zeit kam ein Baron aus Irland, Gaudin mit Namen, an Marke's 
Hof. Er führte eine kleine Kotte auf dem Rücken, die er auch bei Tafel 
nicht ablegte. Marke bittet ihn , sein Kotteuspiel hören zu lassen. Der 
Gast willigt bedingungsweise ein. Da verspricht der König, ihm jede For- 
derung zu gewähren. Gundin spielt und verlangt die Königin und besteht 
auf seinem Rechte. Niemand wagt den Kampf mit ihm, und Gandin nimmt 
Isolt mit sich in sein Zelt am Gestade, wo er den Eintritt der Fluth er- 
warten will. Tristan kehrt von der Jagd zurück, erfährt den Vorfall und 
eilt mit seiner Harfe dem Ufer zu, nachdem er vorher sein Ross in einem 
Busche festgebunden. Er bittet Gandin, ihn mit nach Irland zu nehmen. 
Gandin willigt ein, wenn er liarfe und mit seinem Spiele die weinende 
Frau tröste. Dafür verheißt er ihm überdies das beste Gewand im Zelte. 
Während des Spiels kommt die Fluth. Ohne ein Ross kann man nicht 
zum .Schiffe gelangen. Tristan holt sein Ross lierbei, und die Königin will 
nur von dem Spielmann übergeführt sein. Gandin hebt sie selbst aufs 
Ross, und sogleich sprengt Tristan hinweg. Was Gandin dem Könige mit 
dem Rottenspiel betrügerisch abgewonnen liabe, das führe er mit der 
Harfe davon ; das beste Gewand sei ihm zu Tlieil geworden. Tristan 
bringt Isolt dem Oheim zurück; er möge die Königin künftig nicht wieder 
so leichten Kaufes hingeben. 



Nu Tristan was gemuothaft: 
ze erneste und ze rittcrschaft 
vertete er siner stunde vil. 
er dienete mit vedcrspil 

sinen müezigen tagen; 13105 

er reit birsen unde jagen, 
so ez an der zit also geviel. 

In den ziten kom ein kiel 
ze Kurnewäle in Markes habe. 



13107 yctallcn Btv., hier: zufällig sein, etwa: sich machen. 

7* 



100 XIX. ROTTE UND HARFE. 

da reit ein ritter iiz^ und abe. 13110 

ein edel barün von Irlant, 
der was Gandin geoant 
und was bövescli, schoeu' unde rieh, 
des libes alse manlich, 

daz allez Irlant seite 13115 

von siner manheite. 
der kom schone gekleit 
mit ritterlicher Schönheit 
(330) und mit herlichen siten 

al eine üf Markes hof geriten 13120 

äne schilt und äne sper. 

über sihen rucke fuorte er 

eine rotten, diu was kleine, 

mit golde und mit gesteine 

geschoenet unde gezieret, 13125 

ze wünsche gecordieret. 

und alse er erbeizet was, 

er gienc in den palas 

und gruozte, alse er solde, 

Marken unde Isolde; 13130 

der ritter unde der amis 

was er gewesen manege wis 

und ouch ze manegem male 

und kom ze Kurnewäle 

durch ir willen von Irlant. 13135 

nü bekande ouch si'n zehant: 

«de US säl, messire Gandin!)) 

sprach diu gefüege künigin. 

«merzi!» sprach Gandin «bele Isolt, 

schcen' unde schcener danne golt 13140 

in Gandines ougen!)) 

nu Seite ouch Isot tougen 

dem künege, wer er wsere. 

den dühte ez alwsere 

und wunderte in genuoc, 13145 

daz er die rotten üf im truoc. 

und nam si's alle wunder; 



13123 rotte swf., Fremdw. altfranz. rote, aber keltischen Stammes, ein 
Saiteninstrument, eine Art Harfe, insofern sie gegriffen wird, wohl der 
Zither entsprechend; rottenspil in 13166. — 13126 cordieren swv. Fremdw., 
mit Saiten beziehen. — 13131 beide dfr sind DemonstratiTa = (VMi". — 
13137 messire masc. Fremdw. = neufranz. rnonsieur. — 



XIX. ROTTE UND HARFE. 101 

samet unde sunder 
hemarkteii si ez starke. 

iedoch so fleiz sich Marke 13150 

ze sinen eren scre 
so durch sin selbes ere 
so durch die bete Isote: 
diu bat in ie genote, 

daz er im ere bsere, 13155 

wan er ir lantman wpere. 
des was er gerne gemant. 
er sazte in bi sich zehant 
(331) und fragte in aller hande 

von Hute und von lande, 13160 

von frouwen und von hövescheit. 

Nu daz daz ezzen was bereit, 
und daz gesinde wazzer nam, 
und daz wazzer hin ze im kam, 
dö wart er vil unde vil 13165 

gebeten, daz er sin rottenspil 
von ime biete getan, 
des enkünde in niemen übergän. 
künic unde künigin 

die liezen ez mit guote sin. 13170 

so dühte ez aber genuoge 
unhöfscheit unde unfuoge. 
ouch engieng ez so niht hin, 
sine begunden 's under in 

vil lachen unde spotten. 13175 

der ritter mit der rotten, 
der herre mit der harnschar 
der nam es alles keine war : 



131Ö7 gerne adv., hier: leicht; er ließ sich leicht dazu erbitten. 

13168 üöeryän stv. mit acc. und gen., einen zu etwas veranlassen. — 
13172 unliCfi'Jieit 1 uuhi'iveschi'it stf., das Gegeutheil von hövescheit (2260), 
Unhöflichkeit, Unanständigkeit. — vnfuogp stf. [verloren, erhalten: IJnfug 
£tm.], Gegentheil von fuoge (1049), Unschicklichkeit. — 13177 harnschar = 
harins:har stf., nwas zur Kränkung, Pein und C^ual auferlegt oder angestiftet 
■wird, Strafe, Noth.' Mhd. Wb. II, 2, l.')3. Kurtz behält -Harenschar» bei 
und erklärt in der Anmerkung S. .'»92: harnschor, altgermanische Ehren- 
Etrafe, besonders im Sattel- und Huudetragen für treulose Lehensmannen, 
wie es unter Heinrich dem Finkler vorkommt und noch im Jahre 1156 von 
Kaiser Friedrich dem Pfalzgralen Hermann auferlegt wurde.» Simrock : 
der Ritter mit der Rotten, die er wie zur Strafe trug." Bech macht auf die 
Alliteration aufmerksam ritter mit der rotten, herre mit fter hdrunchar als 
Mittel neckenden Spottes; treflend ist Bech's Übersetzung: .der Herre 
mit der Hocke.» 



102 XIX. KOTTE UNI) HARFE- 

or was nider gesezzen 

ze Markes siten ezzen; 13180 

er tranc und az, als ime gezam. 

Nu man die tische dan genam, 
er stuont üf und gie dannen 
sitzen ze Markes mannen; 

die gäben ime geselleschaft, 13185 

die wären mit im kumberhaft 
mit manegem liovem?ere. 
der künec der hovebsere, 
Marke der tugenderiche 

der bat in offenliche, 13190 

ob er iht rotten künde, 
daz er in allen gunde, 
daz si vernsemen sin spil. 
der gast sprach: «herre, ich enwil, 
i'ne wizze danne umbe waz. » 13195 

«herre, wie meinet ir daz? 
wellet ir iht, des ich hän? 
daz ist ällez getan: 
(332) lät uns vernemen iuwern list, 

ich gib iu, swaz iu liep ist.» 13200 

« diz si ! » sprach der von Irlant. 

er tete in einen leich zehant, 

der in allen sanfte tete. 

der künec der bat in sä ze stete, 

daz er aber einen machete. 13205 

der trügensere erlachete 

vil innecliche wider sich : 

«diu miete» sprach er deret mich, 

daz ich iu rotte, swaz ich sol.») 

und tete den zwir alse wol. 13210 

Xu daz der ander w^as getan, 
Gandin gie vür den künic stän, 
die rotten truog er an der haut: 
«nu herre», sprach er «sit gemant. 



13186 kumberhaft adj., mit Icumber, Kummer, Bedränguiss behaftet, be- 
lästigt, aber hier ist gewiss nicht der Sinn "die waren bei ihm, in sei- 
ner Gesellschaft, belästigt» (mhd. Wb. I, 91Ü), sondern kumhei-haft ist ia 
weiterem Sinne «beschäftigt» [vgl. sich kümmern, bekümmern]. — 13208 er- 
lacheri swv. , hier nicht: zu lachen beginnen (mhd. Wb. I, 922), sondern: 
lachen, auflachen, in Lachen ausbrechen; vgl. zu 149Ö9. 



XIX. ROTTE UND HARFE. 103 

<les ir gelobetet wider mich.» 13215 

der künec sprach: «gerne, duz tuon ich: 
saget mir, waz wellet ir?» 
<' Isolde» sprach er «gebet mir.» 
«friuüt», sprach er «swaz ir äne die 
gebietet, daz ist allez hie. 13220 

diz mac noch sus noch so gesin.» 
« entriiiwen, herre», sprach Gandin 
«i'ne wil groz noch kleine 
niwan Isöte al eine.» 

der künec sprach: « triuwen, dazn geschiht.» 13225 
«herre, so enwelt ir niht 
behalten iuwer wärheit? 
werdet ir des iiberseit, 
daz ir urweere sit, 

so ensult ir nach der selben zit 13230 

deheines landes künic wesen. 
heizet küneges reht lesen: 
und vindet ir ez niht da, 
ich gän von minem rehte sä. 

ouch jehet ir oder swer es gibt, 13235 

ir gelobetet mir niht, 
da volge ich minem rehte hin 
wider iuch und wider in, 
((333) swie mir der hof erteilet: 

min lip der ist geveilet 13240 

mit kämpfe und mit vehte, 

i'ne kome ze minem rehte. 

swer so ir wellet oder ir, 

der rite in einen rinc mit mir: 

ich wil bereden an dirre frist, 13245 

daz diu schd?ue tsot min ist.» 

Der künic sach her unde dar 
und nam allenthalben war, 
übe er iemen möhte hän, * 

der in getörste bestän. 13250 

nune was da niemen, der sin leben 
an eine wäge weite geben; 



13227 l.phaltcn stv., l)ier=nhd. lialtcn. — 1322S ühevia'jen swv. mit 
gCQ., einer Sache überführen. — 13229 vrwa're adj., nicht wahr, treulos. — 
1323J oudi, hier: dagegen. — 13243 Ellipse =:;(a-^H s6 ir u-elU-(. da:: er rite, 
oder ir nclli't nten, der rite u. 3. w. 



104 XIX. EOTTE UND HARFE. 

roch Marke selbe cnwolde 

iiilit vehten urabe Isolde, 

wan Gandin was von solher kraft, 13255 

so mänlich und so herzehaft: 

ir deheiner kerte sich dar an. 

Nu was ouch min her Tristan 
hirs^n geriten ze walde; 

der enwäs ouch nie so balde 13260 

von walde wider ze hove komen, 
ern hsete üf dem wege vernomen 
diu leiden niuwen msere, 
. daz si im gantwürtet wsere. 
ez was ouch war, si was also: 13265 

Gandin h?ete die schoenen dö 
vil innecliche weinende 
und manege klage erscheinende 
von hove gefüeret an daz stat, 
und an daz stat was ime gesät 13270 

ein pavelüne, diu was rieh, 
wol schcene unde herlich: 
da gieng er und diu künigin 
al die wile sitzen in, 

unz daz mer wider kseme 13275 

unde der kiel genseme 
den flüz und die flieze, 
wan er lac an dem grieze. 

(334) Nu Tristan wider heim kam 

und von der rotten vernam ' 13280 

diu msere baz unde baz, 

zehant er üf sin ors säz, 

sine härphen nam er an die hant, 

er kom wol bälde gerant 

bi unde nahe zuo der habe 13285 

und kerte do mit listen abe 



132Ö0 nie so balde adv. mit folgendem negativ gewendeten Satze ent- 
spricht unserm: kaum ■ — so; vgl. zu 17f)3l. 18249. Die Erklärung im mhd. 
Wb. I, 84 : «er kam durchaus nicht so schnell , daß er nicht schon unter- 
wegs ...» ist wörtlich, aber nicht deutlich. — 13261 ze hoce kornea bezieht 
sich nicht auf die wirkliche Ankunft am Hofe, sondern deutet ganz all- 
gemein die Rückkehr an. — 13277 ßlpze stf. (1467.')) synonym mit fluz; von 
Gottfried im letzten TheiJe des Gedichtes öfters angewandt. — 13278 ijriez 
stm., Sand, Ufersand. 



XIX. ROTTE UND HARFE. 105 

z'einem büsche und bant da vaste 

sin ors ze einem aste. 

sin swert daz hienc er dar an; 

mit siner harphen lief er dan 13290 

und kom zer pavelüne 

und vant oueh dem barftne 

sitzende under armen 

die fröudelosen armen, 

die weinenden Isöte: 13295 

die tröste er ie genöte. 

nu half ez aber kleine, 

biz daz si den al eine 

mit der harphen gesach. 

den gruozte Gandin unde sprach: 13300 

«de te saut, beäs harpiers!» 

«merzi, gentil scheveliers. 

herre, ich hän» sprach aber er 

«gegähet harte sere her: 

man sagete mir an dirre zit, 13305 

daz ir von Irlande sit: 

herre, dannen bin ouch ich. 

durch iuwer ere, füeret mich 

hin wider heim in Irlant!» 

Der von Irlant sprach zehant: 13310 

«geselle, daz gelobe ich dir, 
nu sitze nider, harphe mir: 
getroestest du die frouwen min, 
daz si ir weinen läzet sin, 

ich gib dir die aller besten wät, 13315 

die disiu pavelüne hat.» 
«diz lobe ich, herre»; sprach Tristan 
«ouch hän ich guoten tröst dar an, 
(335) ezn si danne alse vil, 

daz si durch kein mannes spil 13320 

ir weinen welle läzen, 

so muoz si sich es mäzen.» 

sines werkes er begunde, 

er harphete an der stunde 

so rehte suoze einen leich, 13325 



13301 saut tTa,Txz. = xaleet, TerscLieden von aal', vgl. zu 2(;79. — //«/•■ 
j'iers masc. Fremdwort = /<ar/«rf, Harfner. 



106 



XIX. ROTTE UND HARFE. 



der isöt' in ir herze sleich 
und ir gedanken alle ergie 
so verre, daz si ir weinen lie 
und an ir amis was verdäht. 



Nu daz der leich was vollebräht, 
do was dem kiele wazzer komen, 
und liaete sinen fluz genomen. 
hie mite so sprächen jene her abe 
von dem kiele in die habe: 
«herre, herre, gät her an!' 
und kumet min her Tristan, 
die wile ir an dem lande sit, 
uns begät ein übel zit. 
ez stät gar in siner hant 
beide liut unde lant. 
ouch ist er selbe, so man seit, 
von also grozer manheit, 
so geherze und so gemuot, 
daz er iu lihte schaden tuot.» 
diu rede was Gandin' ungemach. 
üz grozem unwerde er sprach : 
«nu müeze ich haben gotes haz, 
ob ich von hinnen umbe daz 
tälanc dest' e ze schiffe ge! 
geselle, mache du mir me 
den leich von Didone : 
du harphest also schone, 
daz ich ez an dich minnen sol. 
nu harphe miner frouwen wol. 
ich füere dich ze minnen 
mit mir und mit ir hinnen 



13330 



13335 



13340 



13345 



13350 



13355 



13332 Das Subject ist er (der kiel), nicht ez (daz wazzer); vgl. 13275 fg. 
<^len fluz oder wie hier shien fluz nenien (wie noch in unserm : Weg neh- 
men = gehen, Ende nehmen = enden) =.^/>2en; vgl. 10918. — 13338 begdn 
stv. mit acc, hier: treffen, über einen kommen. — 13343 geherze adj., be- 
herzt; vgl. zu 9228. — gemuot adj. muß hier nach dem Zusammenhange 
ähnliche Bedeutung haben wie in V. 6824 : unerschrocken , muthig. — 
13346 unwert stm., hier nicht ganz in der Bedeutung wie in V. 12345, son- 
dern, an die Bedeutung von: Zorn anstreifend, = Indignation [vgl. un- 
wirsch aus unwirdisc/il. — 13353 ininuen mit prsep. an mit acc. ist unge- 
wöhnlich ; an hat hier die Bedeutung: gegen, gegenüber; in moderner 
Sprache würden wir eher den Dativ setzen. Der Sinn der ganzen Wen- 
dung wohl : daß ich es dir in Liebe gedenken , dir dafür dankbar seia 
muß. — 13355 ze minnen, hier: zum Geschenk, aus Dankbarkeit, Erkennt- 
lichkeit. — 



XIX. ROTTE UND HARFE. 107 

und gibe dir ouch alliie zeliant 
dint!n geheiz und diu gewant, 
(336) daz aller beste, daz ich hän.» 

Tristan sprach: «herre, deist getan.» 13360 

Der spilenian huop aber an: 
sin harphenspil er aber began 
so rclite suoze bringen, 
daz Gandin sinen dingen 

vil flizeclichen ore bot 13365 

und sach ouch wol , daz Isot 
ser' an die harphen was verdäht. 
nü der leich was vollebräht, 
Gandin der nam die künigin 

und wolte hin ze schiffe sin. 13370 

nu was diu fiioze unde der floz 
vor der schifbrucken also gröz, 
daz niemen an der stunde 
an' ein vil hoch ors künde; 

zer schifbrucken komen in. 13375 

«waz getüon wir nü?» sprach Gandin 
«wie kumet min frouwe dar an?» 
«seht, herre '^, sprach der spileman 
~ «Sit daz ich des gewis bin, 
daz ir mich mit iu füeret hin, 133SO 

swes ich ze Kurnewale hän, 
des sei hie lützel bestäh. 
ich hän ein hohez ors hie bi, 
ich wöene , ez ouch so hoch si, 
mine fröuwen, iuwer friundin, 13385 

daz ich si wol zer brücken in 
so schone gefüere. 



13358 ijcheiz stm., Verheißung, versprocliciier Lohn. 

13371 rin: stni. synonym mit //iVic, Fluß, Strömung; dicsoUjc Wendung 
iu V. I!t4;;9. — 13372 die Erklärung in der 1. AuHagc befriedigt nicht, liier 
ist schifbrucke die Landungsbrücke , das vom Ufer nach dem Schiffe ge- 
legte, schräg aufwiirtssteigende l'.rct oder Uretergcrüst, dessen unterer Theil 
vom Wasser bespült war. In V. 1337.') dieselbe Bedeutung, wenn nicht doch 
vielleicht ein stilgemäßer Wechsel anzunehmen ist, etwa allgemein : Schiffs- 
eingang, und dieser wäre dann oben auf dem Schiffe zu denken. In 
Y. 13.i><t; hat wohl />r*/c^^' jedenfalls die Bedeutung von scldf brücke in V. 13373 
^auf der Brücke hineinführe). — Daß brurkp. in V. )S7()1 das <( Verdeck» be- 
deute, wie Bech vermuthete [vgl. eine Stube brücken], glaube icii nicht, 
weniRstens nicht schlechthin. An dieser Stelle wird brücke das den alten 
Schiffen eigenthümliciie vordere llalbdeck. Back genannt, sein, von dem aus 
die Be()l)aclitungea angestellt werden. Die Schiffsthür ist dann nicht all- 
gemein ' Scliiffseingang», sondern die Thür, welche zur KajiUc führt. — 



108 XIX. ROTTE UND HARFE. 

daz si daz mer iht rüere.» 

Gaiidin sprach: «lieber spileman: 

bald' ile, brinc dm ors her an 13390 

linde oiich iesä diu gewant!» 

Tristan der brähte daz ors zehant 
und iesä, do er wider kam, 
sine härphen er ze rucke nam: 
«nu herre von Irlant», sprach er 13395 

«bietet mir mine frouwen her, 
ich füere si vor mir dar in.» 
« nein spileman » , sprach Gandin 
(337) «dune solt si niht rüeren, 

ich wil si selbe füeren.» ^ 13400 

«we, herre!» sprach diu schcene Isöt 

«diz m^ere ist allez äne not, 

daz er mich niht rüeren sol: 

nu wizzet endeliche wol, 

daz ich niemer kume dar an, 13405 

mich enfüere der spileman.» 

Gandin bot ime Isote dar: 

<- geselle», sprach er «nim ir war 

und füere s' also schone, 

daz ich dir's iemer lone.» 13410 

nu er Isolde z'ime gewan, 

er sprancte ein lützel her dän. 

und alse ez Gandin gesach , 

unwertlich er im nach sprach: 

«inä gouch ! waz sol diz sin?» 13415 

«nein nein», sprach Tristan «gouch Gandin! 

friunt, ir stät an des gouches zil, 

wan daz ir mit dem rottenspil 

dem künege Marke ertrüget an , 

daz füere ich mit der harphen dan: 13420 

ir trüget, nu sit ouch ir betrogen; i 



13388 rüeren swv. mit acc, berühren. — iht (=H8. H u. F ; M fehlt)=n/Äf. 
13414 unwirtlich adv., hier nicht wie in V. 12344, sondern im Sinne 
von unwert in V. 13346: indigniert, zornig. — 13415 inä interj. im Mhd. 
nicht häufig, bei Gottfried nur hier (vgl. Gr. 3, 248), entsprechend unserm: 
he! heda! — gouch stm., hier etwas anders als in V. 8631: Betrüger, aber 
nicht ganz so herb wie dieses nhd. Wort, Schalk; d.igegen im folgenden 
Verse nähert sich das Wort doppelsinnig der Bedeutung: Narr. — 13417 zil 
stn. mit gen. dient im Mhd. zur Umschreibung in poetischer Sprache und 
kann in diesem Falle selten durch unser: Ziel wiedergegeben werden j 
gewöhnlich ist zil gar nicht zu übersetzen. Bei Gottfried nur hier: j> 
ütüt an des goudies ii7 = ihr seid der Gauch. — 



XIX. ROTTE UND HARFE. 



109 



Tristan der hat iu nach gezogen, 
biz daz er iuch beswichen hat. 
friunt, ir gebet riliche wät: 
ich hän daz beste gewant, 
daz ich dem sezelte vaut.» 



13425 



Tristan reit sine sträze. 
Gandin was äne niäze 
trüric unde tiüresam. 
im tete schade unde schäm 
vil sere und innecliche we. 
er kerte wider über se 
mit schäme und mit leide, 
jene geverten beide, 
Tristan und Isöt kerten hin. 
ob si ünder wegen under in 
iender ze fröuden kaemen , 
ruow' in den bluomen naemen, 
(338) daz wil ich äne wac-nen län: 
ich sol waenen unde wän 
minenthalben legen nider. 
Tristan der brähte Isöte wider 
sinem d'heime Marke 
und sträfete in starke: 
«herre», sprach er «wizze Krist, 
als liep als iu diu künegin ist, 
so ist ez ein michel unsin, 
daz ir si gebet so lihte hin 
durch harphen oder durch rotten, 
ez mac diu werlt wol spotten: 
wer gesach ie mere künigin 
durch rottenspil gemeine sin? 
her nach so bewaret daz 
und hüetet miner frouweu baz!') 



13430 



13435 



13440 



13445 



13450 



13423 beswichen stv., betrügen, überlisten. 

13429 truresam adj. synonym mit ti'un'c ; vgl. zu 17<i^. — 13441 ntinent- 
halben (nach Hs. H, W, F; Hs. M fehlt) adv., meinethalben, meinerseits; 
bei Gottfried nur hier. Das unorganische euphonische t war nicht zu til- 
gen, da Hs. M auch allent/ialOen 249^ schreibt. 



XX. 

MARJODO. 

Am Hofe besaß Tristan einen Freund, den Triicliseß Marjodo. Sic 
pflegten als Sclilafgenossen sich vor dem Einsclilafeu mit Eizälilungon 
zu unterhalten. Eines Nachts hatte Marjodo wieder mit Tristan geplau- 
dert und war dann eingeschlummert. Tristan schlich zur Königin. Brau- 
gsene lehnte ein Schachbret vor das Licht, vergaß aber die Thüre zu 
schließen. Derweil hatte der Truchseß einen erregten Traum. Er erwacht 
und will ihn dem Freunde erzählen. Da er keine Antwort erhält und 
Tristan's Entfernung gewahr wird, steht er auf, geht zur Thüre hinaus 
und erblickt Tristan's Spur im Schnee. Er verfolgt sie und gelangt zur 
Kemenate, kommt endlich auch unbemerkt an der Königin Bette und be- 
lauscht die Liebenden. Darauf kehrt er schmerzlich bewegt und voll 
Eifersucht nach seinem Lager zurück. Bald kommt auch Tristan wieder. 
Beide schweigen. Tristan merkt, daß ihn Marjodo beargwöhne. Dieser 
vertraut dem Könige, es gehe am Hofe ein übeles Gerücht über Tristan 
und Isolt, er möge auf der Hut sein. Marke aber findet keinen Anhalt, 
denn Tristan hatte der Königin des Truchseß Argwohn kundgethan. 



Tristandes lob und ere 13455 

die bluoten aber do mere 
ze hove und in dem lande, 
si lobeten an Tristande 
sine füoge und sine sinne. 

er und diu küniginne 13460 

si wären aber frö unde fruot, 
si gäben beide ein ander muot, 
so si iemer beste künden. 

In den selben stunden 
haete Tristan einen cumpanjün, 13465 

der was ein edeler barün, 
des küneges lantsseze, 



13467 lantSKze swm., Landsasse, ein im Lande Eingesessener =Za«N 
hcrre, barün. — 



XX. MARJODO. 



111 



sin oberster truhsaeze, 
und was geheizen Marjodö: 

der selbe was Tristande dö 13470 

gefriunt unde geminne 
durch die süezen küniginne, 
der truog er toiigenlichen muot, 
als manec man maneger frouwen tuot, 
da si sich lützel keret an. 13475 

der truhsaez' unde Tristan 
si zwene hseten under in zwein 
gemeine herberge enein 
(339) und wären gerne ein ander mite. 

ouch was des truhssezen site, 13480 

wan Tristan schoener m?ere phlac, 
daz er im ie nahtes bi gelac, 
daz er bereite hin ze im sprach. 



Eines nahtes ez geschach, 
dö h^ete er mit Tristande 
TÜ unde maneger hande 
rede unde mivre getriben 
und was släfende beliben. 
der minnaere Tristan 
der stal sich tougenliche dan 
an sine strichweide 
ze manegem herzeleide 
im selben unde der künigiu. 
do er unvermeldet wände sin 
und sicher siner dinge, 
dö haete im misselinge 
ir stricke, ir melde, ir arebeit 
an den selben pfat geleit, 
den er underwilen ie 



13485 



13490 



13495 



13471 gefriunt adj. hier mit dat., befreundet. — 13481 uan conj., weil. — ■ 
134S3 bereite adv. von öfreit, bereite, bereitwillig, gerne. Bei dieser Auf- 
fateang ist in beiden Versen 13482 u. 83 das Subj. er der Truchseß , die 
Conj. da: aber verschieden: das erste abh. von site, das zweite = weil, in- 
dem (er sich gerne mit ihm, mit Tristan, unterhielt). Anders Paul (S. 18): 
her'ite^in einer Weise, daß er ihm zur Hand war, bequem; auch will 
Paul lesen nach Hs. AV und F: so" /n, so nahe (lag, daß er, Tristan, bequem 
zu ihm, dem Truchseß, reden konnte). 

13491 strichiveide stf., hier wieder in dem bekannten Bilde aus der 
Jägerei: der Jagdgang. — 13494 untern leldet part. adj., unverrathen, sicher. 
— 13497 melde stf., Mehlung, Verrath [die harmlose Bedeutung unseres: 
melden = verkündigen in älterer Zeit vereinzelt, fehlt aber nicht ganz,. 
Ä. B. Ezzo'e Lied von den AYundern Christi, Strophe 10, Zeile 3]. 



112 XX. MARJODO. 

ze isote froliche gie: 13500 

der was des iiähtes besnit. 

oucli schein der mäue ze der zit 

vil Hellte und vil kläre. 

Tristan nam keiner väre 

noch deheiner slahte merke war, 13505 

wan gieng et baltliche dar, 

aä man im sine tougenheit 

bescheiden haete und üf geleit. 

nu er in. die kemenäten kam, 

Brangsene ein schähzabel nam: 13510 

vür daz lieht leinde s' daz. 

nunc weiz ich, wie si des vergaz, 

daz si die tür offen lie 

und si wider släfen gie. 

Die wile und aber daz geschach, 13515 

der truhsaeze der gesach 
in sinem troume, da er slief, 
einen eher, der üz dem walde lief, 
(340) freislich unde freissam; 

üf des küneges hof er kam 13520 

schümende unde wetzende 

und sich ze wige setzende 

üf allez daz, daz er da vant. 

nu kom geloufen al zehant 

des hovegesindes michel kraft. 13525 

da lief michel ritterschaft 

umbe den eher her unde hin, 

und enwäs doch niemen under in, 

der in getörste bestän. 

sus liez er allez hine gän 13530 

limmende durch den palas; 

da Markes kemenäte was, 

da brach er zuo den türen in. 

daz sin bette solte sin, 

daz zewarf er hin und her 13535 



13505 merke stf., Absicht, Hinterlist. — 13503 bescheiden stv., hier ziem- 
lich unserm: bescheiden entsprechend, veranstalten. 

I5bl9 freislich adj., schrecklich. — freissara adj., ebenfalls: schreck- 
lich, entsetzlich. Beide Worte sind Adjective und gehören als unflectierte 
Apposition zu eher im vorhergehenden Verse. — I353u hine gän lüzea ist 
hier eine ähnliche Wendung wie in V. 102S0 und steht für hine gan, 
umherlaufen. — 13531 liinmen stv., brummen, grunzen. — 13535 zewerfeni 
zerwerfen stv., durcheinanderwerfen. — 



XX. MAEJODO. 



113 



mit sinem schüme solgete er 
daz bette und al die bettewät, 
diu küneges bette bestät. 
diz sähen alle Maikes man 
und nam sicb'z doch ir keiner an. 



13540 



Nu Marjodoc erwachet was, 
den troum er in sin herze las : 
wan er was im sere ande. 
hie mite rief er Tristande 
und wolte im sagen ma?re, 
waz ime getroumet wsere. 
nu antwurte im niemen da. 
nu rief er aber und aber sä 
und reichete mit der hant do dar, 
und alse er nihtes wart gewar 
noch an dem bette niemen vant, 
nü bewände er in zehant 
umbe töugenüchiu tagedinc; 
aber ümbe sinen hrelinc 
hin zuo der ktiniginne 
des euha'He er keine sinne, 
ern ha'te deheinen wän dar an. 
doch nam er ime hin z'ime dar van 
(34:>) ein friuntlichez zornelin, 

so liep als er im solte sin, 
daz er im niht enseite 
von siner toufrenheite. 



13645 



13550 



13555 



135GO 



Marjodoc stuont üf zehant 
und leite an sich sin gewant. 
er sleich vil lise hin zer tür 
ünde wartete dervür 
und sach Tristandes spor dervor. 
hie mite so volgete er dem spor 
hin durch ein boumgärtelin. 



135G5 



13.i3ß sol'jen swv., beschmuzen. — 13537 betlewat stf., Bettzeug; das Wort 
steht in Verbindung mit bett" , welches in diesem Gegensatze als das fest- 
fctehende Bette , das Gestell und zugleich das Unterbett zu neluueu ist, 
formelhaft; noch mehr in V. 15204; vgl. auch zu 15rj8. — l35.'iS vgl. zu 
4ÖS0. Dieser Zusatz ist culturgeschichtlich beachtenswerth. 

13.')4ti mir ist ytroutnet ist im Mhd. die gewöhnliche Wendung, seltener 
•die dem Nhd. entsprechende niir hat getr. — 13052 Oewaunen swv. mit acc, 
beargwöhnen ; vgl. 13(jt)2. 



GOTTFHIED VON' STRASSBUBG. 11. 2. Aufl. 



8 



IM XX. MARJOßO. 

oucli leite in des raäucn schin 13Ö70 

über siie und über gras, 

<lä er vor hin gegangen was, 

iinz an der kemenäten tür. 

da gestüont er vorhtende vür, 

nnd misseviel ini^al zehant, 13575 

daz er die tür als offen vant. 

sus trabte er da lange 

nach Tristandes gange: 

er bedä'hte übel unde guot. 

iezuo so kom im in den miiot, 13580 

Tristan der waere komen dar in 

durch eteslich juncfrouwelin. 

so der wän iezuo was getan, 

so was al zehant sin wän, 

er wiere dar inne 13585 

durch die küniginne. 

der wän der gie hin unde her. 

Ze Jungeste genante er 
und gie vil li'se dar in 

und envänt da lieht noch mänen schin; 13590 

Avan von der kerzen, diu da bran, 
da gesach er lützel van : 
da leinde ein schähzabel vor. ■» 

sus gieng er ällez enbor 

und greifende mit henden 13595 

an müren unde an wenden, 
biz er z'ir beider bette kam, 
si beidiu samet dar an veruam 
(342) und hurte al ir gelegenheit. 

diz was im innecliche leit 1360O 

und tete im in dem herzen we, 
wan er hsete Isolde allez e 



135S2 eteslich adj., hier: der eine oder andere und insofern = irgend ein. 

13594 enbor yen heißt wohl nicht: empor, in die Höhe schreiten, denn 
Stufen werden kaum im Saale gewesen sein, und an die Tritte, welche 
sich vor den Betten befanden, ist Marjodoc noch nicht gelangt. Das mhd. 
Wb. I, l.'iO citiert: »er gie enbor weiterhin (hoher) )->\ das Gegentheil würde 
eher hierin liegen, wenn enbor = hoher genommen wird, denn höher gän, 
heißt sonst: weiter weg gehen und hoher stan zurücktreten (vgl. 2794). 
Sollte vielleicht enbor = in. der Höhe sein, in die Höhe gerichtet, d.h. auf 
den Fußspitzen, wie es auch Groote fasst, als ein anderer Ausdruck für 
■eil Ilse in V. 135S9? Bech dagegen verbindet richtiger enbnr mit rnuren und 
wenden; und darf nicht stören. — 13595 greifen swv., greifen stv. (=mhd.. 
yrljen), tasten. — 



XX. 3IAKJ0D0. 115 

lieb' imde holden imiot getragen. 

nu was daz allez underslagen 

mit hazze und mit leide. 13605 

er haete an ir dö beide 

baz linde leit, leit luule baz; 

in muote diz, in muote daz: 

erne künde sieb verriliten nibt, 

wie er ze dirre gescbibt 13G10 

also gewerben möbte, 

also ez fuogte und tobte. 

in reizete baz unde leit 

üf die gröze unbövescbeit, 

daz er ir dinc lütbferete 13615 

und ez al da vermserete. 

so zocb in aber Tristan 

und diu vorbte dervan, 

die er bin z'ime biete, 

ob er im ibt leides taete. 13G20 

sus kerte er umbe und gie dan: 

als ein geleidegeter man 

leit' er sieb aber wider nider. 



j 



Xu kom ouch Tristan scbiere wider. 
vil Ilse er an sin bette seic. 13625 

er sweic unde jener sweie, 
daz ir deweder nie wort gesprach, 
daz in doch selten e gescbach 
und des si e waren ungewon. 

von dirre fremede und hie von 13630 

so sach im Tristan daz wol an, 
daz er eteswaz hie van 
arcwände in sinem muote 
und bsete sine buote 

an rede und an geläze 13635 

in bezzerre mäze, 
dan er e mäles tsete. 
nu was ez aber ze spsete: 
(343) sin tougen was vermseret, 

sin bselinc goffenbseret. 136-iO 



13604 underslahen stv., unterbrechen. — 13GV) iCäbocren swv., laut bekannt 
machen. — 13616 tennaeren swv., bekannt machen, verrathen ; vgl. l36o9. 14944. 
— 13622 geleideget part. (adj.) von leiilegen, beleidigen, betrüben, kränken. 
1363s Das Adjectiv spccte ist im Mhd. im Gegensätze zu dem häufigen 
Adv. fpäte selten. 



116 XX. MARJODO. 

Der iiidige Marjodo 
der nam den künec verholne do 
und Seite im, daz ein msere 
da ze liove entsprungen wasre 

von Isolde und von Tristande,' 13G45 

daz liute unde lande 
harte sere misseza^me, 
daz er es war nseme 
und rät dar umbe haete, 

v/az er dar zuo getsete; 13650 

ez gienge im harte sere 
an sin e und an sin ere. 
ern gewuog im aber des niht, 
daz er die wären geschiht 

als endecliche weste. 13655 

der getriuweste unde der beste, 
der einvalte Marke, 
den wunderte es starke 
und völgete es ungerne, 

daz er den leitesterne 13G60 

siner fröuden an Isolde 
iemör bewsenen solde 
ze deheiner slahte unguote. 
doch triiog er'z in dem muote 

leitlichen unde swäre 136G5 

und was in stseter väre 
alle zi't und alle stunde, 
ob er si ervinden künde 
an deheiner bewserde. 

ir rede und ir gebserde 13670 

daz bemärcte er allez sunder 
und enkünde si hier under 
an deheiner wärheit ervarn, 
wan Tristan der bat si'z bewarn 
und hsete Isolde kunt getan 13675 

des truhsöezen arcwän. 



13655 endecliche ady.^^endeltcJie , hier: genau, gewiss. — 13657 einvalt 
adj., hier: (einfältig) , leichtgläubig. — 13665 leitLichen adv., mit Leid, 
schmerzlich. — 13666 vare stf., hier deutlich: Lauer; er hatte immer seiu 
Augenmerk. — 13673 ervarn stv., hier: erforschen, ertappen. 



XXL 
LIST WIDEK LIST. 

Um die Königin zu prüfen, gibt Marke vor, er beabsichtige eine Bitt- 
fahrt zu ujiternehmen, und fragt, in wessen Obhut sie während der Zeit 
bleiben wolle. Isolt nennt als den Geschicktesten Marke's Schwestersohn 
Tristan. Der König wird dadurch in seinem Argwohn bestärkt und theilt 
09 dem Truchseß mit, der hierin den vollen Beweis ihrer Liebe erblickt. 
Isolt sagt fröhlich der Brangjene von der Bittfahrt ihres Herrn, und dann 
von ihrem Gespräch. Brangsene merkt die List, die vom Truchseß aus- 
gehe, und lehrt die Königin, sich das nächstemal anders und besser zu 
äußern. — Der Dichter sclialtet hier eine Betrachtung ein über den Zwei- 
fel und Argwohn in der Liebe. — Isolt sucht den König in demselben 
Strick zu fangen, welchen er ihr legte. Sie stellt sich höchst betrübt und 
unglücklich über seinen Entschluß, sie zu verlassen; und als er ihr Tri- 
stan nennt, bei dem sie gut aufgehoben sei, schildert sie ihn als einen 
Schmeichler, der ihrem Hasse durch Freundlichkeit zu begegnen strebe; 
sie habe nur zum Scheine sich ihm huldreich erwiesen; in seiner Obhut 
wolle sie nicht sein. Marke, seines Argwohns wieder entledigt, gibt dem 
Truchseß davon Kunde, der ihn aufs neue bewegt, Isolt nochmals zu ver- 
suchen. Er will, da seine Gemahlin dem Xetfen feindlich gesinnt sei, ihn 
nach Parmenien senden. Isolt dankt ihm dafür, gibt ihm aber zu beden- 
ken, sie würde als die L'rsache von Tristan's Verbannung angesehen wer- 
den; auch würde sich kein Mann finden, der wie er die beiden Lande 
schützen könnte. Aufs neue ist Marke's Argwohn rege. Brangsene, un- 
zufrieden mit Isoldens Rec'e, gibt ihr nochmals Kathschläge. Isolt ge- 
steht dem Könige, sie glaube, er wolle sie nur versuchen. Er möge sie 
von Tristan befreien, ihn nach Hause schicken oder mit auf die Fahrt 
nehmen ; der Zeit solle sie der Truchseß Marjodo behüten. Der König 
hält nun seine Gemahlin für unschuldig und den Truchseß für einen 
Lügner. 



ledocli versuoclite ez Marke 
änclichen unde starke 
(344) und warte es naht iinde tac. 

eines nähtes, do er bi ir lac 13G80 

und si zwei triben under in 
ir wehselrede her unde hin, 



118 XXI. LIST WIDER LIST. 

er rillte iincle leite 

mit einer kündekeite 

einen strfc der künigiune , 13685 

und vienc si oiicli dar inne. 

«nu frouwe», sprach er «saget mir, 

wie dimket iiich, wie ratet ir? 

ich wil in kurzen ziten 

in beteverte riten ♦ 13690 

und bin vil lihte lange in wege: 

in wes huote und in wes pflege 

weit ir al die wile sin?» 

«got segene!» sprach diu künigin 

«durch weihe not sprechet ir daz? 13695 

in wes huote w£ere ich baz 

und iuwer liut und iuwer laut 

danne in iuwers neven haut, 

der unser wol gepflegen kan? 

iuwer swestersun, her Tristan, 13700 

der ist manhaft unde wis 

und wol bedoehtic alle wis.» 

Die rede begunde Marke 
bewsenen harte starke 

und misseviel im harte. 13705 

sine läge und sine warte 
leit' er ir aber me unde me 
und huote ir aber do me dan e 
und Seite dem truhssezen sä, 

als er ez hsete erfunden da. 13710 

der truhsseze antwurte im dö: 
«zewär«, herre, im ist also: 
ir müget hie selbe merken an, 
daz si sich niht gehelen kan 
der grozen liebe, die si'm treit, 13715 



13683 rillten swv. hier in Verbindung mit (atric) l'';/en (in V. 138(55 mit 
tlhten), zurecht maclieu, stellen (Netze, Falle). — 13'j'H) beteverte dat. von 
betevort stf., Bittfahrt, Wallfahrt [vgl. Eittgang]. — in steht hier unge- 
wöhnlich; kaum darf übersetzt werden: zu einer Jiittfalirt, sondern in 
beteverte ist ein bestimmter Terminus, den Begriff: als Wallfahrer aus- 
drückend. — 13G91 in ifpge (auch entcegc) , auf dem Wege, unterwegs. — 
13694 got segene (Pronominalellipse ; vgl. Gr. 4, 265), Ausruf wie iinser : Gott 
bewahre! da sei Gott vor! vgl. zu 2960. " 

13714 gehelen stv., verst. lieler», refl. mit gen. (nicht von niht abhängig:), 
etwas verhehlen, sich mit oder in etwas verstellen. — 



XXI. LIST WIDER LIST. 



HO 



und ist ein michel tumpheit, 
daz ir in li'det da bi. 
als liep iu wip und ere si, 
(345) so enli'det in nimere.» 
diz muote Marken sere: 
der zwivel unde der arcwän, 
den er zein neven solte hän, 
der tote in z'allen stunden, 
und in oucli unerfimden 
und unervaren ha?te 
an aller slahte untcete. 



13720 



137 



Diu betrogen Isöt diu was do fro 
si Seite Branga?nen do 
vil froliche lachende 
und michel fröude machende 
von ir herren betevart , 
und ouch wie si gefräget wart, 
in wes pflege si wolte sin. 
Branga?ne sprach do: «frouwe min, 
lieget mir nibt und saget mir, 
so helfe iu got, wen ieschet ir?» 
isot seit' ir die wärheit, 
reht* alse ez da wart üf geleit. 
«ä, tumbe!» sprach Brang^ene dö 
owar umbe sprächet ir also? 
swaz so hier an geredet ist, 
daz hoere ich wol, daz ist ein list, 
und weiz vür war, daz disen rät 
der truhssez' üf geleget hat. 
hie mite so wellent s' iucli ervarn. 
ir sult iuch her nach baz bewarn, 
gewähne er's iu iht mere, 
so tuot, als ich iuch lere, 
sprechet sus unde so.» 
ir frouwen lerte si do. 



13730 



1ri —r, ' 



13740 



13745 



13750 



13716 tumpheit stf. ist nicht so stark wie unser: Dummheit, selbst: Thor- 
heit dürfte sich der Truchseß nicht erlauben; das Wort entspricht hier 
unsefm: Unklugheit, Unvorsichtigkeit; vgl. 13797. 14722 und zu 10-13. — 
13724 und a. zu 212. — unerfunden part. adj. = «///.' erfunden, nicht wahr- 
genommen. — 13725 u7Xfirrarrn=zniht ervcrfn, niclit ertappt. 

13742 list stm., hier entsprechend dem nhd. Worte; vgl. 13S71. — 
13747 'ifVfUini'n, g>'vüli»'n''n swv. mit dat. der Person, gen. der Sache, einem 
gegenüber etwas erwähnen; vgl. zu 7GJ. 



120 XXI. LIST WIDER LIST. 

Tvaz antwürt' ir gebsere 
ze disen listen wsere. 

Hier micler was ie Marke 
"bekumbert harte starke 

mit zweier hande leide: 13755 

in leideten beide 
der zwivel unde der arcwän, 
den er hsete und muose hän: 
(346) er arcwände genöte 

sin herzeliep Isote; 13760 

er zwivelte an Tristande, 

an dem er niht erkande , 

daz välsche gebsere 

und wider den triuwen wa^re. 

sin friunt Tristan, sin frouwe Isöt 13765 

diu zwei wären sin meistiu not: 

si twungen ime herz' unde sin. 

er arcwände si und in 

und zwivelte si ouch beide. 

dem gebeidetem leide 13770 

dem gieng er rehte nach dem site 

und nach dem billiche mite, 

wan alse er an Isolde 

der liebe dienen wolde , 

so wante es in der arcwän. 13775 

dem wolte er danne ie nach gän. 

und volgen üf die wärheit; 

als ime diu danne wart verseit, 

so tete im aber der zwivel we, 

so was ez aber rehte als e. 13780 

Waz mag ouch liebe näher gän, 
dan zwivel unde arcwän? 



13759 arcHucnen swv. hier trans., beargwöhnen. — 137G9 zictvelen swv. 
hier trans. (selten), einen bezweifeln, in Verdaclit haben. — 13770 yebeidet 
part. defect. von beide, zweifach, etwa: gedoppelt. — 13774 dienen swv. 
trans. wie in V. 8175, verdienen, der liebe vielleicht gen. partit. statt des 
Acc, wie im Franz.: Liebe, etwas von Liebe. Kurtz übersetzt: «der 
Liebe fröhr.en wollte-, fasst also dienen^nhd. dienen und der liehe halb 
personificiert als Dativ. Simrock ist frei und unbestimmt. Groote erklärt 
in der Anmerkung und ähnlich im Glossar: uder liebe, wegen, in Rück- 
sicht der, aus Liebe zu Dienst sein; Minnepflicht erfüllen.) Sollte nicht 
der (deren) für ir stehen? — 13775 wenden swv. trans., zurückwenden, 
bindern ; es, daran. 

13782 zwioel stm. wird durch xmser : Zweifel annähernd erreicht; es 
steht synonym mit arcu:<in wie ferner zicxvel und uän in V. 13M)2. 13S14. 
14017. — 



XXI. LIST WIDER LIST. 



121 



waz anget liebe gernden muot 
so sere, so der zwivel tiiot? 
da mite enweiz er, war er sol, 
wan iezuo so geswüere er wol 
von eteslicher ungeschiht, 
die er gehoäret oder gesiht, 
er Wcere iif dem ende, 
e man die hant gewende, 
so widerwirfet sich daz; 
linde geschiht ab eteswaz, 
daz ime aber zwivel birt, 
da von er aber verirret wirt; 
■wan daz ez al diu werlt tuot, 
so ist ez ein harte imwiser muot 
und ist ein michel tumpheit, 
daz man an liebe zwivel treit; 
(347) wan niemen ist mit liebe wol, 
an dem er zwivol haben sol. 
so ist aber noch serer missetän, 
swer so den zwivel unde den wan 
üf die gewisheit bringet; 
wan swenne er daz erringet, 
daz er den zwivel wären weiz , 
swes er sich ie da vor gefleiz 
ze birsene üf die wärheit, 
daz ist im danne ein herzeleit 
vor allem herzeleide, 
diu vorderen beide, 
diu im e beswärten den muot, 
diu diuhten in dan beide guot; 
möht' er si danne wider hän, 
so naeme er zwivel unde wan, 
daz er der wären künde 
niemer niht befünde. 

Sus kumot, daz übel übel frumet, 
biz daz daz ergere kumet; 



13785 



13790 



13795 



13800 



13805 



13810 



13815 



13786 (jesu-ern stv., verst. swern. — 137>i7 uiigeschilit stf., hier nicht im Siuiie 
von V. KU.'), sondern: Unthat, Unrecht. — 137.si) ■«/ dem ende wesen, am 
Ziele sein, auf den Grund gekommen sein. — 13791 wideruerjen stv. refl., 
sich zurückwenden, sich umwenden, sich in das Gsfjentheil verkeliren. — 
l.'{7i»2 fg. und*' geschUit a. e., und wenn aber etwas geschielit; so nach Hg. 
M und F; Malimann mit Hs. II und W gesi/it, was eine gewagte Ellipse 
nach sich ziehen würde. Xhd. Wortstellung in V. 13794: (dann oder so) 
wird er davon u. s. w. Bech schlägt vor: nach 13791 Komma, nach 13794 
Punkt. — 13b06 fjejlizen stv. refl., verst. jiizen. 



122 XXI. LIST WIDER LIST. 

SO daz daiuie wirs tuot, 

so diulite danne übel guot. 13820 

swie swsere an liebe zwivel si, 
ern ist ir nie so swsere bi, 
man e;?li'de in vil und verre baz 
danne den bewaerten haz. 

oucli niac daz nieman verbern, 13825 

diu liebe rnüeze zwivel bern. 
zwivel sol an liebe wesen: 
mit dem muoz liebe genesen; 
die wile si den zwivel hat, 

die wile mag ir werden rät. 13830 

so si die wärheit ersiht, 
zeliant enist ir dinges niht. 
ouch hat diu liebe einen site, 
da si sich allermeiste mite 

verwirret unde verworren hat: 13835 

swä ir dinc nach ir willen stät, 
dane wil si keiner stsete warn, 
•da lät si harte lihte varn; 
(348) und swä so si den zwivel siht, 

da von enscheidet si sich niht, 13840 

dar ist ir not uude gäch: 

dem gät si lagende nach 

und strebet noch mere durch daz dar, 

daz si ir herzeleit ervar 

dan durch die lust, die si dar an 13845 

ervinden unde gehaben kan. 

Dem selben sinnelosen site 
dem gieng ouch Marke vaste mite: 
er wante späte unde fruo 

allen sinen sin dar zuo, 13850 

daz er den zwivel unde den wän 
gerne hsete hin getan, 
und daz er mit der wärheit 
üf sin herzeclichez leit 



13819 daz ist Demonstrativ = (7a3 firrjorp. — 13835 peruü.rret ist 3. Pers. 
des Praesens, nicht Particip ; vgl. zu 83(>. Solche Verbindung des Praesens 
mit dem Perfect öfters bei Gottfried , z. B. 30G5. — 13837 warn swv. mit 
geu., etwas gewahren, beachten, beobachten, halten. — 13838 vorn län, 
lahren lassen (wie V. 10^,55 auch ein heutiger Dichter sagen könnte), ver- 
gessen, verzeihen. — 13842 lägen swv., nachstellen, lauern; vgl. zu 11715. 
11937. i 



XXI. LIST WIDER LIST. 12') 

vil gerne komen wsere: 13855 

des was er gevsere. 

Aber körn ez eines nabtes so, 
als er ez iincle Marjodo 
cnsament bieten üf geleit, 

daz er ab sine kündekeit 13860 

Isolde vür leite 
und si mit kündekeite 
gerne biete ervaren baz. 
do verkerte sich daz: 

den stric, den er ir ribte 13865 

und üf ir scbaden tibte, 
da vie diu küniginne 
■ den künec ir berren inne 
mit ir Brangsenen lere. 

da balf Brangrene sere, 13870 

da frumte in beiden samet, daz list 
wider list gesetzet ist. 
der künec der twanc die künigin 
vil nähen an daz herze sin 

und kuste si ze maneger stunt 13875 

an ir ouge und an ir munt: 
«schoene», sprach er «nü ist mir 
niht herzelicbe liep wan ir; 
(319) und ich von iu nu scheiden sol, 

daz weiz got von bimele wol, 13880 

daz nimet mir mine sinne.» 

Diu gelerte küniginne 
si stiez sin wider sin; 
siuftende sprach si wider in: 

«owe mir, innecHcbe owe! 13885 

owe ! nu wände ich allez e , 
daz diz vertane miere 
durch schimpf gesprochen wsere: 



13S56 getoerp adj. mit gon., versessen auf etwas; vgl. 157'^8. 

l^^h'd ensament a.6.\-.. zusammen; sonst im Tristan ««?/<<?«/ und santef. — 
13'^6(i tihtpji 8WV., Ulichten), erfinden, aussinnen. 

V^'^9'2 gi'lert adj., belehrt, unterriclitet, gewitzigt, u gewitzt". Kurtz. — 
13S>t.3 .«/n steht hier entscliieden synonym mit list ; vgL KiSTl fg. und zu 2299. 
— xtnzen stv., hier wie in V. \'^^'t2^=si'tzen , einsetzen: ist das Bild vom 
Spiel genommen oder ist es allgemeiner? Bech: von Kampf und Streit. — 



124 XXI. LIST WIDER LIST. 

nu hocre ich imde wciz ez wol, 

daz ez ein ernest wesen sol.» 13890 

si huop an imde begunde 

mit Öligen und mit munde 

leitliche klage erscheinen, 

so klageliche weinen, 

daz si dem einvalten man 13895 

sinen zwi'vel allen ane gewan, 

und wol gesworen h?ete, 

daz si'z von herzen t?ete. 

wan an den frouwen allen 

enist niht mere gallen , 13900 

also man üz ir munde giht, 

noch enhabent deheiner trüge niht 

noch aller valsche deheinen, 

wan daz si kunnen weinen 

äne meine und ane muot, 13905 

als ofte so si dunket guot. 

Isöt diu weinde starke. 
der geloubige Marke 
«schoene», sprach er «saget mir, 
waz wirret iu, waz weinet ir?;) 13910 

«ich mac wol weinen»; sprach Isot 
«klage ich, daz tuot mir michel not. 
ich bin ein eilende wip 
und hän nime wan einen lip, 

und so vil sinne, so ich hän, 13915 

diu zwei hän ich so gar verlän 
an iuch und iuwer minne, 
daz ich in minem sinne 
(350) niht dinges kan gemeinen 

noch geminnen wan iuch einen. 13920 

mirn ist niht rehte liep wan ir 



13897 Ellipse: er wol g. 7i. — 13901 der Satz steht parenthetisch; Kurtz 
richtig: «wenn man nach ihrem Munde spricht»; Simrock frei und vrenig^ 
zutreffend: «aus ihrem Munde kommt sie (die Galle) nicht". — 13905 meine 
stf., Meinung, Gedanken, innerer Beweggrund. 

13908 geioubic adj, , gläubig, hier im Sinne von: leichtgläubig. — 
13912 mir tuot mt (stf., vgl. zu 7075), ez t. iii. n. wie in V. 1560S entspricht 
ziemlich der gleichen modernen Wendung, ich Ifabe Ursache, ich kann 
nicht anders; mit gen. in V. 14069. 19255 (s. die Anmerk.). An unserer 
Stelle ist rnichel Adject. und darum Beweis für not als Subst., da Gottfried 
sonst nicht michel als Adverb verwendet. — 13910 diu 2nei^=lip und sinne. 
— 13919 gemeinen swv., geminnen^ verst. meinen, minnen; vgL zu 1111. 



XXI. LIST WIDER LIST. 125 

und woiz daz wärez, daz ir mir 

so holdez herze nilit eiltraget,- 

als ir gebäret iinde saget. 

daz ir den muot gewännet ie, 13925 

daz ir hin füeret und mich hie 

in dirre fremede soltet län , 

da bi mac ich mich wol enstän, 

daz ich iu vil unma^re bin: 

des sol min herze und min sin * 13930 

vil selten iemer werden fro. » 

(cWar umbe, schoene?» sprach er do 
«ir habet doch ze iuwerr haut 
beidiu liute unde laut, 

diu sint iuwer unde min: 13935 

dar über Sit gebietcerin; 
daz sol ze iuwerm geböte stän, 
swaz ir gebietet, deist getan, 
die wile ouch ich bin under wegen, 
die wile so muoz iuwer pflegen, 13940 

der iuwer wol gepflegen kan: 
min neve der hövesche Tristan; 
der ist bedsehtic unde wis, 
der flizet sich in alle wis, 

wie er iu fröude und ere 13915 

gemache unde geniere. 
dem getrüwe ich alse wol, 
als ich von grözem rehte sol. 
dem Sit ir liep, also bin ich: 

der tuot ez durch iuch und durch mich.» 13950 

((her Tristan?» sprach diu schoene Isot 
«zwäre ich waere gerner tot 
und e wolt' ich begraben sin, 
e danne ich mit dem willen min 
in siner pflege waere. 13955 

der selbe lössere, 
der ist mir z'allen ziten 
gelichsende an der siten 
(351) und allez smeichende bi 



1394tj y^inac/i^n s-wv., verst. machen. — 139r)2 /^erwsr ad v. compar. [nlid. 
abgekommen] von yerne txdv., lieber. — 13956 los<Kre stm., Schmeichler; \jX. 
KU 14001 — I I <s 



12G XXI LIST WIDER LIST. 

und gilit, wie liep ich ime si. 139GO 

iedoch weiz got wol sinen muot, 

in weihen triuwen er ez tuot. 

ouch weiz ich's selbe genuoc, 

wan er mir minen oeheim sliioc 

und an mir fürhtet den haz. 13965 

durch die vorlite und umhe daz 

ist er mich allez streichende, 

listende unde smeichende 

in einem välschlichem site 

und warnet ällez da mite 13970 

erwerben mine friuntschaft. 

nu hat ez aber arme kraft, 

sin smeichen hilfet kleine; 

und weizgot wan ir eine, 

daz ich durch iuch noch mere 13975 

dan durch min selbes sere 

friuntliche dar gebäre, 

son' gestehe ich in zewäre 

mit friundes ougen niemer an; 

und Sit ich niht verberen kan, 13980 

i'ne m.üeze in beeren unde sehen, 

so sol ez aber also geschehen, 

daz mines herzen da bi 

und miner triuwen lützel si. 

ich hän, daz ist unlougen, 13985 

mit herzelösen ougen, 

mit lügelichem munde 

dick' und ze maneger stunde 

an in gewendet minen fliz 

niuwan durch den itewiz: 13990 

man sprichet von den frouweu, daz 

si tragen ir manne friunden haz: 

durch daz hän ich im dicke 

mit manegem lückem blicke, 



13967 streichen swv. mit acc, hier: streicheln, schön thun mit einem; vgl. 
15885. — 13968 listen swv. mit acc, list an einem üben , einem heucheln 
[erhalten: überlisten]. — smeidien swv. mit acc, schmeicheln; vgl. zu 
.S185. — 13985 iinldu'jen stn. steht wie äne lougen in V. 11224 , Wahrheit. 
Die Hss. schreiben übereinstimmend daz ist unl., während der Genitiv 
steht: des in Hartmann's Gregor 264. 2670, im Wigalois 8569. der rede 
(statt die r.) in Hartmann's 1. Büchlein 374; vgl. zu 14346. — 13987 lügc- 
lich adj., lügenhaft. — 13990 durch den itewiz (vgl. zu 1489), um dein Vor- 
wurf zu entgehen. — 13994 lücke adj., ebenfalls: lügenhaft; sollte nicht 
auch ein Wortspiel gesucht sein mit lücke adj. = locker? — 



XXI. LIST WIDEK LIST. 

mit herzelosem munde 

'^^ betrogen sine stunde, 

daz er wöl gesworen htete 
daz ich ez von herzen taete. 

(352) herre , eulät iuch niht dar an. 
iuwer neve, min her Tristan 
dern gepfliget min niemer tac, 
ob ich es iuch erbiten mac; 
ir müezet min zwar' under wegen, 
ob ir gebietet, selbe pflegen, 
swar ir weit, dar wil ouch. ich, 
ir eine enwendet es mich, 
und es euirre mich der tot. » 



127 
13995 



1400O 



1400& 



Sus losete diu löse Isöt 
wider ir herren unde ir man, 
biz daz si'm lösende ane gewan 
beidiu zwivel unde zorn , 
und er wol hjete gesworn, 
daz ir ernest .wsere. 
Marke der zwivelaere 
der was da wider ze wege komen. 
sin gesellin diu haet' ime benomen 
beidiu zwivel unde wän. 
ez was allez wol getan, 
daz si gesprach unde getcte. 
der künec der seite sä ze stete 
dem truhsiezen von gründe, 
£0 er ebeneste künde, 
ir antwurt unde ir maere, 
und an ir dingen waere 
deheiner slahte valscheit. 



14010 



1401i> 



14020 



14025 



13999 läzen refl., an, dar an entspricht unserer Wendung: sich an etwas- 
kehren. — 14001 gepriegen stv., verst. pßeyen. — 14002 erbiten mit acc. und 
gen., einen um etwas bitten [nhd. erbitten nur mit acc. der Person oder 
erbitten von einem mit acc. der Sache]. — 14006 ivemlen swv. s. zu 1377i> 
(Ha.M erwenden, was dasselbe bedeutet, aber die Negation darf nicht fehlen}. 
1400s lasen swv., schmeicheln. — lo.'s adj. ein Wortspiel mit dem vor- 
hergehenden Verbum = nhd. loa (im schalkhaften Sinne), verschlagen. — 
14014 fg. zwivelcere stm. ist nicht ganz unser: Zweifler (während: Zweifel 
dem alten zwivel näher kommt); gemeint ist: der Unentschiedene, Schwan- 
kende, der in der Irre herumschweifende; darum im folgenden Verse bild- 
lich pr was icidcr ze wege ("auf den rechten Weg) komen. — 14016 gesellin 
stf., Freundin. — 14023 antwurt (Hs. M, W und H) stf. und stn., Antwort, 
sonst bei Gottfried antwürte im Vers (2735) und Reim (15420). 



128 



XXI. LIST WIDER LIST. 



diz was dem truhssezen leit 
und tete im in dem herzen we; 
iedocli lert' er in aber do me 
und Seite im, wie er Isolde 
aber versuochen solde. 



14030 



Des nahtes, do Marke aber lac, 
siner betemaere mit ir pflac, 
er leite ir aber mit frage 
sine stricke und sine läge 

unde betrouc si aber dar in. 14:035 

«seht'), sprach er «frouwe künigin, 
ich wsene, es muoz uns not geschehen; 
nu lät mich kiesen unde sehen, 
(353) wie frouwen kimnen lant bewarn. 

frouw', ich muoz von dem lande varn, 14040 

unde ir hie derbi bestän 

bi minen friunden, die ich hän. 

ez si der mäc, ez si der man, 

der mir deheines guotes gan, 

der muoz iu guot und ere bern, 14045 

als ir an in es wellet gern. 

und swer iu niht vil senfte bi 

und liep in iuwerii ougen si 

under frouwen unde mannen: 

die scheidet alle dannen. 14050 

irn sult widr iuwerm muote 

an liuten noch an guote 

niht weder hoeren noch gesehen, 

dar an iu leide müge geschehen. 

i'ne wil ouch niht des minnen 14055 

von herzen noch von sinnen, 

dem ir unholdez herze traget: 

daz si iu vür war gesaget. 

weset ir fro unde fruot 

und lebet, swie iucb dunke guot: 14060 



14032 betemaire ist geschrieben nach Hs. M, H und W, welche öfters, 
namentlich M, einfaches t statt doppeltem setzen (vgl. zu 587. 53äl); an 
betemoere, Gespräch über die betevart ist nicht zu denken, sondern gemeint 
ist beltenimre (wie auch F hat), Bettgespräch, nicht mit Groote: « Euhe, 
Lust, das Spiel des Bettes»; unbestimmt übersetzt Kurtz : Bettgesellschaft; 
richtig Simrock: «Bettgespräche« (pl. slner b.) — 14050 scAe/cfe/« stv. trans., 
hier entfernen, dannen seh., wegschicken. 



XXI. LIST WIDER LIST. 



129 



da habet ir minen willen an. 
und Sit min neve Tristan 
unsenfte in inwerm herzen ist, 
so scheide ich in in kurzer frist 
von hove und von gesinde, 
swie ich die fuoge vinde; 
er sol ze Parmenie varn 
und sol sin selbes dinc bewarn, 
des ist im unde dem lande not.» 



14065 



«Genäde, herre», sprach Isot 14070 

« ir redet getriuweliche und wol ; 
Sit ich an iu nu wizzen sol, 
daz ir daz gerne unmoeret, 
daz minem herzen swseret, 

so dunket ouch mich reht da bi, 14075 

swaz iuwern ougen senfte si 
und iuwerm muote liehe, 
daz ich dar an entwiche, 
(354) so ich verreste müge; 

und swaz iu z'iuwern eren tüge, 14080 

daz ich da späte unde fruo 

rät unde helfe biete zuo. 

und seht ir, herre, waz ir tuot: 

ez enwirt min rät noch min muot 

weder hiute noch niemer, 14085 

daz ir iuwern neven iemer 

von iuwerm hove gekeret, 

wau so wser' ich geuneret: 

da mite so seite man zehant 

über hof und über lant, 14090 

ich haete iu geraten daz 

durch die schulde und durch den haz, 

daz er mir minen ceheim sluoc. 

da würde rede von gcnuoc, 

diu mir laster baere 14095 

und iu kein ere waere. 



14073 unmceren swv. hier trans., für unmcere ansehen, verschmähen; 
vgl. zu 14Ui»d. — 14078 entwic/ien stv. hier mit du>- an, in etwas, hierin 
uacligeben, sich darein schicken. — 14079 verrate adv. superl. von verre, 
fern, weit, sehr; nhd. : so weit ich es vermag, ao gut ich kann. — 14088 geun- 
eret part. von uncren; vgL zu 6137. — 

aOTTFEIED VON STEASSBURG. II. 2. Aufl. 9 



130 XXI, LIST WIDER LIST. 

i'ne gevolge es uiemer, 

daz ir durch mich iemer 

iiiwer friuut geunmseret 

oder ieman beswaeret .14100 

und hazzet durch den willen min, 

dem ir genasdic sület sin. 

Ouch sult ir iuch versinnen, 
und keret ir von hinnen, 

wer beschermet iuwer zwei länt? 14105 

diu enstant in eines wibes hant 
noch wol noch frideliche. 
swer zweier künicriche 
reht' und nach eren pflegen sol, 
der bedarf sinn* unde herzen wol: 14110 

so enist in disen zwein landen 
äue mi'nen hern Tristanden 
dehein herre, läzet ir in da bi, 
daz er den landen frume si. 

an' in so kumet da niemen zuo, 14115 

dur den man läze oder tuo. 
ist daz urliuges not geschiht, 
des man sich alle tage versiht 
(355) und z'allen ziten muoz versehen, 

so mag ez lihte also geschehen, 14120 

daz uns da misselinget an; 

so wirt mir min her Tristan 

mit itewiz' und mit archeit 

dick' under öugen geleit; 

so wirt des m^eres vil gelesen: 14125 

«waere Tristan hie gewesen, 

uns enwsere niht ze dirre frist 

so misselungen, alse ez ist.« 



14099 geunmaren swv., verst. unmccren , hier in etwas anderem , nämlich 
nocli stärkerem Sinne als kurz vorher: geringschätzig behandeln, wohl 
kaum mit dem mhd. \Vb. II, 1, 70 uin Übeln Ruf bringen.» 

14107 frideliche adv., (friedlich), hier anders als in V. 6401 : unter/r/de, 
geschützt, sicher. — 14114 frume ist nicht adject. , sondern subst. : ein 
Nutzen, ein Vortheil, d. h. zum Vortheil sei. — 14115 zuo konien stv.. vielleicht 
Lier wie das einfache komen mit einem Adverbium (vgl. zu 5694. 17338) und 
dem Dat.: dazu passen? oder nach Bech : «dahin gelangen, dahin bringen 
(daß man um seinetwillen lasse oder thue, d. h. sich nach ihm füge, ge- 
horche),» — 14124 ander ougea legere, vorhalten [vgl. unter die Nase rei- 
ben]. — 14125 die Wendung mcEre lesen i?,t sprichwörtlich; lesen steht hier 
ähnlich wie in V. 134 in der Bedeutung: erzählen, sprechen. — 



XXI. LIST WIDER LIST. 131 

uml werdent mir Jan alle 

mit gemeinem schalle 14130 

gebende die schulde, 

ich habe im iuwer hulde, 

in und in ze schaden, verlorn. 

herr', ez ist bezzer verborn. 

versinnet iuch der dinge baz: 1-1135 

bedenket diz unde daz; 

eintweder hit mich mit iu varn 

oder heizet in diu laut bewarn. 

swie so min herze hin ze im si, 

er ist mir lieber doch da bi, 141-40 

danne ob uns ein ander man 

süm' unde velle dar an.» 



j 



Der künec enstuont sich ai zehant 
daz al ir herze was gewant 

ze Tristaudes eren 14145 

und begunde ouch iesa keren 
an zwivel unde an wän als e. 
hie von so was er aber dö me 
versunken unde vervallen 

wider in die zorngallen. 14150 

Isöt tet ouch Brangcenen kunt 
ir beider rede unz üf den grünt 
und Seite ir wider diz unde daz, 
daz si nie Wortes vergaz. 

uiz was Brangfenen sere leit, 14155 

daz si also hcTte geseit 
und daz diu rede ergangen was. 
einen niuwen briet' si'r aber dö las, 
(356) waz aber ir rede solte sin. 



14129 werden mit folg. Part, prses. umschreibt hier wie in V. 870'' das Futurum. 
— 14134 verbern %t-<f., hier in passivischer Construction (vgl. zu 25'JO) : unter- 
lassen werden, unterbleiben. — 14i:?.!) verrinnen verb. rett. hier mit gen., 
sich auf etwas besinnen, etwas bedenken, Eath schaffen wie in V. 7924. 
Hier ist wohl das starke Veibuni anzunehmen. Im mhd. Wb. II, 2, 310 
sind beide Verben nicht getrennt. — 14142 xiimen swv. hier trans. mit acc. 
der Person, einen hinhalten, hindern. — oellen swv. (=nhd. in V. 348. 
27^«'), hier in allgemeiner Bedeutung: zu Fall, zu Schaden bringen, ver- 
derben. 

141fiO zornyaUe swf., bildlich für: bitterer Zorn; vgl. zu 201ö. — 
141,i8 briof le<en, sprichwörtliche Wendung [ähnlich wie unser : Text lesen] 
für: Eathschlag ertheilen, etwas vorsagen, mittheilen. 



132 XXI. LIST WIDER LIST. 

Des nahtes, do diu künigin 14160 

ze ir herren aber släfeu kam, 
under arme si in nam: 
si halseteu, si kusten, 
ze ir senften linden brüsten 

twanc si in vil harte nähen 14165 

und begünde aber do vahen 
wider an ir wortläge 
mit antwürt' und mit frage: 
«herre», sprach si «saget mir 
durch minen willen, habet ir 14170 

von rehtem ernest üf geleit 
iuvrer dinc, als ir mir habet gescit 
von minem hern Tristande, 
daz ir in wider ze laude 

wellet senden durch den willen min? 14175 

möht' ich der rede gewis sin, 
ich wolte es iu genäde sagen 
hiut' unde in allen minen tagen, 
herr', ich getrüwe iu harte wol, 
als ich wol mac und alse ich sol; 14180 

doch ist min vorhte hie bi. 
daz ez gar ein versuochen si; 
und wiste ich es gewisheit, 
als ir mir habet vür geleit, 

daz ir mir woltet fremeden daz, 14185 

dem ich w£ere gehaz, 
so erkande ich an dem msere, 
daz ich iu liep wsere. 
ich haete lange mine bete, 

wan daz ich ez ungerne tete, 14190 

hier umbe gerne an iuch gewant; 
wan mir ist harte wol bekant, 
waz mir von ime mac üf erstän, 
sol ich sin lange künde hau. 
nu herre, nü bedenket daz 14195 



14163 halseten (=Hs. H, W und F; M fehlt) = hals et e, haUte = hel- 
sete in in Congruenz mit kusten = k:uste in. Weisen swv. trans., umhalsen, 
swv. (mhd. halsen stv.), herzen. — 141fi6 s. zu «96. — 14167 wortlöge stf., 
wörtlich: Wortnachstellung (vgl. 11937), eine Gottfriedische Bildung: 
verfängliche Rede, «Wortnetz-. Kurtz. — 141S5 fremeden swv., entfrem- 
den, entfernen. — 14194 künde stf., hier: Bekanntschaft, Umgang. — 



XXI. LIST WIDER LIST. 



133 



und iedoch uiht durch minen haz 
sol er uu dirre lande pflegen 
die wile und ir sit undenvegen, 
(357) ist, daz iu danne missegät, 
als lilite an verten üf erstät, 
so nimet er mir er' unde lant. 
nu habet ir ez gar erkant, 
daz mir an ime gewerren kan. 
nü gedenket ouch dar an 
ze guote und alse der friunt sol, 
und Iceset mich, so tuot ir wol, 
von minem hern Tristande: 
schicket in wider ze lande 
oder schaffet, daz er mit iu var, 
und mich die wile bewar 
der truhsieze Marjodo. 
stüend' aber iuwer muot also, 
daz ir mich mit iu liezet varn, 
ich lieze hie diu lant bewarn 
und berihten, swer der wolte, 
et daz ich mit iu solte. 
über daz allez so tuot ir 
mit den landen und mit mir, 
reht' alse iuch selbe dunke guot: 
daz ist min wille und min muot, 
et' ich gedenke dar zuo, 
daz ich iuwern willen tuo, 
ich läze ez allez z'einer haut 
beide liut unde lant.» 



14200 



14205 



14210 



14215 



14220 



Sus gie si ir herren losende an, 
biz daz si'm aber an gewan, 
daz er den zwivel aber lie 
und aber von dem wane gie 
ir muotes unde ir minne 
und aber die ktiniginne 
mitalle unschuldic hsete 



14225 



14230 



14l'03 gewerren stv., verst. werren 975. .39S3) , wie ferner in V. 14337, hier 
mit prsep. an, Schaden erwachsen durch einen. — 14216 et daz, dummodo. 
— 14221 et ist auch hier Conjunction: wenn nur. — 14223 z' einer hant 
UUen, hei .Seite lassen, gleichgültig erachten. 



134 XXI. LIST AVIDEE LIST. 

vor aller slalite iintaete. 

den truhssezen Marjodo 

den hsete er aber mitalle do 

ze einem lügensere, 14235 

doch er im diu wären msere 

und die reliten wärbeit 

von ir hrete geseit. 



14235 hahen j? = halten für. 



XXII. 
ME LOT. 

Der Trucbscß versucht es nun auf andere Weise. Er gewinnt den 
Zwerg Melot, der die Königin Und Tristan beobachten und ausforschen 
solle. Dieser überzeugt sich avich von ihrer Liebe und entdeckt es dem 
Könige. Um die Wahrheit noch näher zu erkunden, bittet Marke seinen 
Neffen, sich von den Frauen fern zu halten. Die Liebenden können den 
Schmerz über ihre Trennung nicht verbergen. Um sie zu versuchen, be- 
gibt sich Marke zur Jagd auf zwanzig Tage und empfiehlt dem Zwerge, 
auf der Lauer zu sein. Tristan bleibt daheim, weil er siech sei. Bran- 
gajne gibt ihm den Itath, er solle, um mit Isolt heimlich zusammenzu- 
kommen, in ein Bächlein, welches an der Kemenate vorbeiflog, zu gelege- 
ner Zeit Späne, mit T und I bezeiciinet, als Liebesboten werfen, dann 
werde sie am Brunnen beim Ölbaume erscheinen. Achtmal treffen sie sich 
80, von keinem bemerkt. Aber eines Nachts wird doch einmal der Zwerg 
den Tristan gewahr, wie er mit einer ihm unbekannten Prau zusammen- 
steht. Andern Tages bringt er ihm Grüße von der Königin , sie sei um 
iiin in großen Sorgen, er möge sie am bewussten Orte und zu gewohnter 
Zeit sprechen. Tristan entgegnet, er träume wohl und jagt ihn von dannen. 



(3o8) ^'^ (jg^jj (jgj, trubsaeze sach, 

daz sines willen niht gescbacli, 14240 

er versuochtc cz aber anders wä. 

ein getwerc was in dem bove da, 

daz selbe solte namen bän 

]\Iel6t petit von Aquitän 

und kuude ein teil, also man gibt, 14245 

umbe verbölne gescbibt 



H242 getwerc, Zwerg stn. (das einfache twerc stm. und stn. ist selte- 
ner). — 142-J4 petit (oder petit?) adj. franz.. klein; vgl. ir>8ul. — 14246 f/e- 
■scfii/it stf., (^Geschichte), Sache, Ding, verholne ffescfi., Geheimnias. — 



136 XXII. MELOT. 

an dem gestirne iiahtes sehen. 

i'ne wil ab nihtes von ihm jehen, 

wan alse ich'z von dem buoche nim. 

nnne vinde ich aber niht von im 14250 

an dem waren msere, 

wan daz ez kündic "wsere, 

listic unde rederich. 

daz was dem ktinege heinlich 

lind oiich der kemenäten. 1-1255 

mit dem begunde er raten , 

swenn' ez zen fronwen kaeme, 

daz ez da war n?eme 

Tristandes imde der künigin; 

möht' ez im dar zuo guot gesin, 34260 

daz man die wären künde 

der minne an in befünde, 

ez hsete es iemer mere 

wider Marken Ion und ere. 

Da kerte oiich ez spät' unde fruo 14265 

sine lüge und sine läge zuo: 
ez leite sine väre 
an rede und an gebäre 
ze iegelichen stunden 

und haete ouch schiere erfunden 14270 

die liebe an den gelieben zwein; 
wan si hseten under ein 
so süeze gebserde, 
daz Melot die bewserde 

der minnen al zehant da vant 14275 

und Seite ouch Marken al zehant, 
daz benämen da minne wsere. 
sus triben si dri diz msere, 
(359) Melot und Marke und Marjodo, 

biz si ünder in gevielen dö 14280 

mit gemeinem rate dar an, 



14247 gestirne stn. collect, zu sterne, die Sterne, der gestirnte Himmel [nhd. 
Gestirne beschränkter = Sternbild]. — 14252 Mnrf/c adj., (kundig), listig.— 
14253 li>itic adj. kommt hier unserm : listig nahe. — 14255 kemenäfe swf., 
vorzugsweise das Frauengemach, entspricht hier ganz dem «Frauenzimmer» 
der Rococozeit; gemeint ist die Königin und ihr weiblicher Hofstaat. — 
14260 vgl. zu 1234. — 14261 lünde hier wohl pl., Kunden, Zeichen, Beweise. 
12466 läge stf., hier nicht einfach: Lüge, sondern: Lügenhaftigkeit, 
Verlogenheit; hier l. und läge leeren, in V. 14372 l. u. l. legen. 



XXII. MELOT. 



IM 



würde min her Tristan 
von dem liove gescheiden, 
man mühte an in beiden 
die Avärheit ofFenbsere sehen. 



14285' 



Xu diz was al zehant geschehen, 
reht' alse ez wart geraten da: 
der künec bat sinen neven iesä 
durch sin selbes ere, 
daz er deheine kere 
zer kemenäten naeme 
noch niemer da hin kaeme, 
da der frouwen keiniu waere : 
der hof der tribe ein maere, 
man wolte es hüetende sin, 
da von im unde der künigin 
leit unde laster möhte enstän. 
nu diz was al zehant getan, 
daz er gebot und des er bat. 
Tristan meit iegeliche stat, 
da der frouwen heinliche was. 
kemenäten unde palas 
da enkom er niemer in. 
daz Ingesinde daz nam sin 
und siner fremede groze war: 
si redeten ime ze leide dar 
vil übel und anders danne wol. 
sin oren wurden dicke vol 
mit iteniuwem leide. 



142 90 



14295- 



1430a 



14305 



Er unde Isot, si beide 
si triben die zit mit sorgen hin. 
triur' unde klage was under in 
in micheler unmüezekeit. 
si haeten leit unde leit: 
leit ümbe Markes arcwän; 
leit, daz si niht mohten hän 
deheine State under in zwein, 
daz si geredeten enein. 
(360) ietwederem begunde 
von stünde ze stunde 



14310^ 



14315- 



1432(> 



UZ05 fremede stf., hier : Entfremdung, Entfernung, Zurückgezogenheit. 



138 



XXII. MELOT. 



herz' unde kraft gpswichen; 

bleichen unde blichen 

begunde ir varwe unde ir lip: 

der man bleichete durch daz wip, 

daz wip bleichete durch den man; 

durch isote Tristan, 

durch Tristanden Isot: 

daz tete in beiden michel not. 

es wunderet mich kleine. 

was ir not gemeine 

und ir leit ungescheiden; 

ez enwäs ouch an in beiden 

niwan ein herze unde ein muot: 

ir beider übel, ir beider guot, 

ir beider tot,, ir beider leben 

diu wären alse in ein geweben: 

swaz ir dewederem gewar, 

des wart daz andere gewar; 

swaz so dem einem sanfte tete, 

des enpfant daz ander au der stete. 

si wären beide under in zwein 

mit übele und mit guote al ein: 

ir gemeiniu herzesw?ere 

diu wart so schinbsere 

undör ir beider ougen, 

daz man vil kleine lougen 

der minnen an ir varwe vant. 



U325 



14330 



14335 



14340 



14345 



Und Marke enstuont sich al zehant 
und kos wol an in beiden, 
ir fremeden unde ir scheiden 
daz in daz an ir herze gie; 
Westen si wä oder wie. 



14350 



14322 bleichen swv., bleich werden [nhd. beschränkter], hier verbun- 
den mit blichen stv., bleichen, erblassen. — 14344 schinbcBre adj., ^schein- 
bar), offenbar. — 14346 lougen ist hier Substantiv, wie in V. 17708, 
darum wohl auch in der Wendung äne lougen 11224 Subst., nicht subst. 
Infin., letzteres nur insofern, als lougen überhaupt wie leben stn. , icesen 
stn. infinitivisches Subst. ist. Die Bedeutung von lougen, welches Gott- 
fried im letzten Theile des Gedichts öfters anwendet, ist nicht leicht 
durch ein einzelnes modernes Wort poetischer Gattung wiederzugeben. 
Hier wie in jener formelhaften Wendung ^= Zweifel ; vil kleine ^^kleinez l. 
für: die sichere Wahrheit, den Beweis. 

14350 fremeden swv. subst. inf., hier intrans. in der Bedeutung von 
fremede in V. 14305, Entfernung. — 



XXII. MELOT. 



139 



bi sjclien gerne ein ander, 
ein ursuoche vander 
und hiez an den stunden 
die jägere mit den hunden 
ze \valde sich bereiten, 
er enbot in nnde soiten 
(361) und liicz oucli in den liof sagen, 
er wolte zweinzic tage jagen, 
sw6r mit gejägede künde 
oder swer so sine stunde 
da mite vertriben wolte, 
daz sich der reiten solte. 
iirloup nam er zer künigin 
und liiez si nach ir willen sin 
da heime frolich unde frö. 
verJiolne bevalh er aber do 
dem getwerge Meldte, 
daz ez Tristaud' unde Isote 
ZUG ir tougenheite 
lüge linde läge leite, 
ez genüzze es iemer wider in. 
er selbe fuor ze walde hin 
^ mit michelme geschelle. 



14355 



14360 



14305 



14370 



14375 



Sin weidegeselle 
Tristan beleip da heime 
und enbot dem oeheime, 
daz er siech wrere. 
der sieche weiden^ere 
weit' euch an sine weide, 
er unde Isot, si beide 
beliben an ir triure 
und suochten äventiure 
in anclichcr trabte, 
mit wie getaner ahte 
daz iemer künde geschehen 



14380 



14385 



14:{.')4 ursuoche stf., hier: Versuchung; vgl. 15120. — 143G1 gejägede stn., 
Jagd, Jägerei; vgl. 17624. — A(/«//('/t mitprsep. naV, sich auf etwas verstehen ; 
vgl. zu 2^UG. — 14:564 reiten svw. refl. liier einfach, sich rüsten; vgl. zu 411. — 
14365 zer künigin , bei der Königin, und insofern: von der Königin. — 
14373 n-ider in wie in V. 14264, ilim gegenüber, von seiner Seite. 

14380 tL-eidenwre stm., Jäger, hier wieder lialb bildlich wie vorher 
n-eidegcselle und im folgenden A'erse weide. — 143?6 ivie getan part. adj., 
wie beschaffen , welch ; vgl. sus getan 977. — 



140 XXII. MELOT. 

daz si sich mühten gesehen, 
nune künden si'z ertrahten nie. 

Under disen dingen gie 14390 

Brangajne ze Tristande, 
wan si vil wol erkande, 
daz sin herzesw?ere 
vil nähe gende wsere. 

si klagete im unde er klagete ir 14395 

«ä reine», sprach er «saget mir, 
welch rät gewirdet dirre not? 
wie gewirbe ich und diu arme Isot, 
(362) daz wir sus niht verderben? 

i'ne weiz, wie wir gewerben, 14400 

daz wir behalten unser leben.» 

«Waz rätes mag ich iu gegeben?» 
sprach aber diu getriiiwe 
«daz ez got iemer riuwe, 

daz wir ie würden geborn! 14405 

wir haben elliu driu verlorn 
unser fröude und unser ere: 
wir enkomen niemer mere 
an unser friheit als e. 

isot owe! Tristan owe! 14410 

daz ich iuch mit ougen ie gesacli 
und allez iuwer ungemach 
von mir üf erstanden ist! 
und enweiz nu weder rät noch list, 
da mite ich iu gehelfen müge: 14415 

i'ne kän niht vinden, daz iu tüge. 
ich weiz ez alse minen tot, 
ir kumet es in groze not, 
belibet ir iht lange 

in huote und in getwange. 14420 

Sit ez niht bezzer mac gesin, 
so volget doch dem rate min: 
nu meine ich und ze dirre zit, 
die wile ir uns sus fremede sit, 
als ir des werdet gewar, 14425 

daz iu diu State widervar, 

14389 ertrahten swv., durch tralite finden , ersinnen, 

14396 reine adj., nicht in unserm Sinne: rein, keusch, sondern: edel, 
trefflich; vgl. 14652. 



XXII. MELOT. 



141 



so nemet ein oleboumes ris 
und snidet spaene in lange wis 
und zeichent die mit nihte me, 
wan machet einhalp ein T 
und machet anderhalp ein I, 
daz niwan der erste buochstap si 
von iuwer beider namen dar an , 
und leget da weder zuo noch van 
und get ze dem boumgarten in; 
ir wizzet wol daz bächelin, 
daz von dem brünnen da gät, 
hin da diu kemenäte stät: 
(363) dar in s6 werfet einen spän 
und lät in fliezen unde gän 
hin vtir der kemenaten ttir; 
da gän wir z'allen ziten vür 
ich und diu fröudelöse Isöt 
und weinen unser herzenöt, 
als wir in danne ersehen da, 
da bi erkennen wir iesä, 
daz ir da bi dem brunnen slt, 
dii der oleboum schate git. 
da wartet unde nemet war: 
diu senede gät ie zuo z'iu dar 
min frouwe und iuwer friundiu 
und ich ouch, alse ez mac gesin 
und ez an iuwerm willen ist. 
herre, diu selbe kurze trist, 
die ich noch ze lebene hän, 
diu sol mit iu zwein hine gän, 
daz ich iu beiden gelebe 
und iu ze lebene rät gegebe, 
solt' ich unib' eine stunde, 
in der ich iu zwein künde 
ze iuwern fröuden geleben, 
miner stunde tüsent geben: 
ich vorköufte alle mine tage, 
ichn gesenfte iu iuwer klage.» 



14430 



14435 



14440 



14445 



14450 



14455 



14460 



14428 in lange wis, auf lange Weise, d. h. länglich; der Länge nach. 
— 1443(1 fg. pinhalp, ander/ialp adv., auf der einen, der andern Seite; vgl. 
zu 2bl'2. 11189. — 14463 vcrkou/cn swv., hier: hingeben, Oi^fern; in V. 3776 
= nhd. — 14464 gp.'<<>n/te^=i/esen/tele von gcsen/ten, verst. seu/ten, trans., 
besänftigen, lindern; vgl. 2459, 



142 



XXII. :m£lot. 



«Genäiie, schcene!« sprach Tristan 
«i'ne hau da keinen zwivel an, 
an in si triiiwe und ere; 
der zweier wart nie mere 
in einem herzen begraben, 
solt' ich deheine saelde haben, 
die solte ich in wol keren 
ze fröuden und ze eren. 
swie kumberliche ez aber nu ste, 
swie kume so min schibe ge, 
west' ich, wie ich nu künde 
mine tage und mine stunde 
ze iuwern fröuden hin gegeben, 
ich wolte ouch deste kurzer leben: 
(oG4) des getriiwet unde geloubet mir!» 
weinende sprach er aber z'ir: 
«getriuwe, s^eligez wip!» 
hie mite twanc er si an sinen lip 
mit armen nahe und ange: 
ir ougen unde ir wange 
kust' er mit maneger quäle 
dick' und ze manegem male, 
«schcene», sprach er «nü tuet wol, 
und alse der getriuwe sol, 
und läzet iu bevolhen sin 
mich und die seneden sorgserin, 
die sselegen Isote; 
bedenket ie genöte 
uns beidiu samet, si unde mich.» 
«gerne, herre, daz tuen ich; 
gebietet mir, nu wil ich gän. 
tuet, alse ich iu geraten hän, 
und sorget niht ze sere. » 
ugot si, der iuwer ere 
und iuwern schcenen lip bewar!» 
ßrang?ene neic weinende dar 
und gienc trü'rende chin. 



14465 



14470 



14471 



14480 



14485 



14490 



14495 



14500 



14469 begraben stv., bildlich: eingraben; Hagen setzt erklärend hinzu: 
«wie Buchstaben ; in dieser Bedeutung hätte Gottfried wohl ergraben ge- 
wählt (vgl. 16724 und zu 2225) oder das einfache gegraben (part.), wie auch 
Hs. H haben soll nach Groote's Angabe. Ich fasse dagegen begrabene 
versenken, einpflanzen. Sollte ein Doppelsinn beabsichtigt sein, so würde 
ihn das nhd. «eingraben« erreichen, welches auch Simrock anwendet. 



XXII. MELOT. 



143 



Der trürige Tristan 
der sneit und warf die sp^ene, 
als ime sin rät Brangaeue 
ze sinen dingen lere bot. 
sus kom er und sin frouwe Isöt 
zem brunnen an des boumes schate 
vil heinlicli und ze guoter State 
in ahte tagen wol ahte stunt, 
däz ez nie nieman wart kunt, 
noch ez kein ouge nie gesacb. 
wan eines nahtes ez gescbach, 
dö Tristan aber des endes gie, 
dö wart sin ]Mel6t, i'ne weiz wie, 
daz vertane getwerc, 
des välandes antwerc, 
von ungelücke gewar 
lind sleich allez nach im dar 
(365) und sach in zuo dem boume gän 
und niht vil lange da bi stän, 
und daz ein frouwe zuo z'im gie 
und er die nähe zuo z'im vie. 
wer aber diu frouwe waere, 
des was er ungewsere. 



1450^ 



145l(> 



1451ä 



14ö2(> 



Do des andern tages wart, ]4ö2t> 

Melot sleich aber üf sine vart, 
ein lützel vor dem mitten tage, 
und haete mit välschlicher klage 
und mit vil arger äküst 

wol understözen sine brüst 14530 

und kom ze Tristande hin: 
(i entriuwen » , sprach er «herre, ich bin 
mit sorgen her gegangen, 



14.^1« anfvcrc stn. , die Maschine, das Handwerkzeug [Handwerk 
öfters aus aw^«v/v entstellt und niissverstanden], hier bildlich : «das Werk- 
zeug in des Teufels Hand.n Kurtz, dem Simrock wiederum nachschreibt. 
— 14.M7 ron ungdücke, unglücklicherweise. — 14524 xnjeu-xre adj. mit gen., 
ungewiss einer Sache. 

14.^30 undfirstihen stv. mit acc, unter etwas stoßen, schieben; diese 
■wörtliche Erklärung im mhd. \Vb. II, 2, üöC Groote dagegen mit Verwei- 
sung auf <in sfozen: (entzünden, anstecken, leidenschaftlich anregen»; 
Hagen: « unter futtern». Kurtz: «verpolstert», Simrock lialb abschreibend : 
(gepolstert". Diese letzten Fassungen sind wohl richtig: ?/nrf^/- hat manch- 
mal auch die Function von: hinein, und stozeti ist= stecken, understözen 
al60 = liineinsteckeu, vollstopfen. — 



144: XXII. MELOT. 

wan ir sit so bevangen 

mit merke und mit väre, 14535 

daz ich mich her zewäre 
verstolen hän mit maneger not, 
und daz mich diu getriuwe Isot, 
diu tugenthafte künigin, 

erbarmet in dem herzen min, 14540 

diu leider nü ze dirre frist 
durch iuch in grozen sorgen ist; 
diu bat mich da her zuo z'iu gän, 
wan si anders niemen möhte hän, 
der ir ze disem maere 14545 

also gevellic waere. 
si bat mich unde gebot mir, 
daz ich iuch grüozte von ir 
und daz von herzen ta^te 

und iuch vil verre bsete, 14550 

daz ir si noch gesprechet da, 
i'ne weiz, ir wizzet wol wä, 
da ir nähest bi ir wäret, 
und ouch vil rehte väret 

der selben stunde unde der zit, 14555 

als ir gewon ze komenne sit. 
i'ne weiz, wes s' iuch da warnen sol. 
und sult ir mir gelouben wol, 
(366) ir leit und iuwer ungemach, 

daz mir nie leider geschach, 14560 

dan mir geschehen ist dar an. 

nu herre min, her Tristan, 

ich wil varn, gebietet mir; 

swaz ir weit, daz sage ich ir. 

i'n getär hie langer niht gesin: 14565 

daz hovegesinde, würde ez min 

an dirre verte innen, 

ich möhte es schaden gewinnen, 

si jehent doch alle und ist ir wän, 

swaz under iu zwein ist getan, ' 14570 

daz allez si mit mir geschehen. 

des wil ich hin ze gote jehen 

und hin z'iu beiden, daz ez nie 

mit deheinem miuem rate ergie.» 



14571 mit pr£ep, hat hier die Bedeutung: im Beisein, vermittelst, durch. — 



XXII, MELOT. 145 

(■friunt, troumet iu?» sprach Tristan 14575 

owaz maere tribet ir mich an? 

waz ist der hoveliute wän? 

waz hat min frouwe und ich getan? 

Üz! strichet balde in gotes haz! 

und wizzet wierliche daz, 14580 

swes iemen waenet oder giht, 

liez' ich ez allermeiste nilit 

durch min selbes ere, 

irn geseitet niemer mere 

hin wider ze hove maere, 14585 

waz iu hie getroumet waere.» 



14ö7'> an irV>en mit acc. der Person und der ^dLQ\\Q=etev:az fr. an einen, 
etwas gegen einen vollführen; vgl. 6^32, Hier die Wendung ; welche Reden 
{iva: rna:re gen. pl.) fülirt ihr gegen mich? — 14579 uz gehört wohl nicht 
zu strichet, sondern ist nach Y. 5449 selbständige Interjection: hinweg! 
(etwa^Marscli! ) So fasst es auch Maßmann, -während Hageu ohne Inter- 
punction schreibt uz str. balde, i. g. h. ! Groote iuterpungiert gar nicht und 
schreibt im Glossar: (.i-uzstrichen , von dannen ziehen, uzstricliet in gotes 
haz, fahrt zur Hölle. « Wie Hagen, so setzt auch Maßmauu nach balde 
Komma; wenn auch in gotes haz als selbständiger Ausruf stehen kann, so 
glaube ich doch, daß hier das Yerbum mit dem Adverbium f^akl'' damit zu 
verbinden ist. Die Übersetzer folgen Maßmann's Interpunctiou. Hagen 
und Maßraann setzen nach Hs. W streichet statt strichet, natürlich fehler- 
haft ; vgl. zu 2559. 



OOTTFKIBD VON STBASSBUßO. ir. 2. Aufl. 10 



XXIII. 
. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 

ZMelot sucht den König auf und berichtet ihm, was beim Brunnen 
geschehen ; er solle die Liebenden dort zur Nachtzeit belauschen, Marke 
und Melot setzen sich in Ermangelung eines andern Versteckes auf einen 
Ölbaum in der Nähe des Brunnens. Tristan kommt, lässt seine Boten 
fließen und gewahrt dann im Mondenscheine die Schatten der beiden 
Lauscher. Als Isot sich naht, bleibt er gegen seine Gewohnheit stehen. 
Sie wird auf eine GJ-efahr aufmerksam und erblickt drei Mannesschatten 
und vermuthet sofort, daß ihr Gemahl in der Nähe sei. Sie redet Tristan 
aus der Ferne an. Nur auf Brangfenens Eath sei sie hier erschienen, 
um seine Klage zu vernehmen. Sie beide seien miteinander in das Ge- 
rede gekommen, aber sie liebe nur den Mann, welchem die erste Rosen- 
blüte ihres Magdthums geworden sei. Mit Unrecht misstraue ihr der 
König. Sie habe in Tristan nur den Verwandten ihres Gemahls geehrt, 
und jetzt werde ihr das übel gedeutet. Tristan bittet, sie möge den König 
bewegen, seinen grundlosen Zorn mindestens noch die letzten acht Tage 
2U verbergen bis zu seiner Abfahrt, damit es nicht heiße, Tristan sei in 
Ungnaden geschieden. Isolt versagt das; sie könne zu nichts rathen, wa& 
zu Tristan's Gunsten sei; sie verstärke nur dadurch den Argwohn des 
Königs. Sie versichert Tristan ihres Mitleids, später wolle sie ein gutes 
Wort für ihn einlegen. Tristan dankt und empfiehlt sie der Gnade des 
Kimmeis. Unter Seufzen scheiden sie. 

Der König, nun fest überzeugt von Tristan's und Isoldens Unschuld, 
zürnt dem Zwerge wegen seiner Verläumdung. Sie kehren zur Jagd zurück^ 
die der König Tags darauf wieder verlässt. Er fragt die Königin nach 
Tristan. Isolt bringt dessen Klage vor, wie sie Marke vom Baume herab 
vernommen. Er erklärt, seinen Verdacht aufgeben zu wollen, Tristan 
solle bleiben, und die Königin wird wieder seiner Obhut anvertraut. 



Melötgie dan und reit zehant 
ze walde, da er Marken vant. 
vür war er ime dö seile, 

daz er der wärheite 14590 

ze ende wsere komen da; 
und seile ime wie unde wä 



XXIIl. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 



147 



als ez zem brimiien was geschehen: 
t'ir müget die wärheit selbe sehen», 
sprach Melot uherre, wellet ir, 
ze naht so ritet ir mit mir: 
i'n versihe mich keines (liuges baz, 
swie so si gefüegen daz, 
(367) sine körnen noch hinaht beide dar, 
SU müget ir selbe nemen war, 
wie si gewerben under in.» 



14595 



14600 



Der künec reit mit Meldte hin 
sines herzeleides warten, 
nu si in den boumgarten 

bi nahtzite kamen, 14605 

ir gewerbes war genämeu, 
done vant der künec noch daz getwerc 
deheine stat noch kein geberc, 
daz in reht unde gebsere 

zuo ir läge wffire. 14610 

nu stuont da, da der brunne tioz , 
ein olboum, der was mäze groz, 
nider ünde doch billiche breit, 
da zno täten s' ir arbeit, 

daz si uf den beide gestigen: 14615 

üf dem säzen s' unde swigen. 



Tristan, do'z nähtende wart, 
er sleich aber iif sine vart. 
nu er in den boumgarten kam , 
sine böten er ze banden nam 
und leite s' in die giezen 
und lie si hine tliezen. 
die Seiten ie genöte 
der seneden Isote, 
daz ir geselle waere da. 
Tristan giene über den brunnen 
da beide schate unde gras 
von dem oleboume was. 



sa, 



14620 



14625 



^ 1460S ijeberc stu., (Verbergung), Versteck, Schlupfwinkel. — 14615 ge- 
stt'j' n ßtv., veret. sttgen. 

]4^')2l fiiezfn acc. pL von gieze swm., Wasser, Bach. — 14627 fg. der 
Satz ist grammatisch pedantisch zu construieren da schate von dem ole- 
bourne unde gras was; die naheliegende Änderung cor dem oleö. ist ge- 
wagt. Nach Gottfried's Redeweise soll gesagt sein : im Grase war der 

10* 



148 



XXIII. BELACJSCHTES STELLDICHEIN. 



aldä gestuont er tralitende, 
in siiiem herzen ahtende 
sin tougenlichez uugemacli. 
sus kom, daz er den schale gesach 
von Marke und von Mek>te, 
wan der mane ie genote 
durch den boum hin nider schein, 
nu er des schales von in zweiu 
bescheidenliche wart gewar, 
nu hsete er michel ang'est dar, 
(368) wan er erlvande sich iesä 
der väre unde der läge da: 
«got herre», dähte er wider sich 
«beschirme Isote unde mich! 
ist, daz si dise läge niht 
bi diseme schate enzit ersiht, 
so gät si vür sich her ze mir. 
geschult ouch daz, so werden wir 
ze jämer und ze leide, 
got herre, habe uns beide 
durch dine güete in diner pflege! 
bewar Isote an disem wege: 
beleite sunder alle ir trite; 
warne die reinen etswä mite 
dirre läge und dirre archeit, 
die mau üf uns zwei hat geleit, 
e si iht gespreche oder getuo, 
da man iht arges denke zuo. 
ja herre got, erbarme dich 
über si und über mich! 
unser ere und unser leben 
daz si dir hinaht ergeben.» 



14630 



14635 



14640 



14645 



14650 



14655 



14660 



Sin fröuwe diu künigin 
unde ir beider friundin, 
Brangsene diu reine, 
si zwo si giengen eine 
Tristandes boten warten 



14665 



Schatten vom Ölbaum. So fasst es auch richtig Kurtz, dem Sirarock wie- 
der fast wörtlich nachschreibt, scltute unde gra^ steht wde eine Zusammen- 
setzung: Grasschatten oder für den Begriff: beschattetes Gras. — 14637 be- 
scheidenliche adv., hier: deutlich. — 14651 beleiten swv. =geleiten, leiten, 
behüten. 



XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN- 149 

in ir jamergarten, 
in dem si z'allen stuiulon, 
so si vor vare künden, 
ir jämer klageten under in. 

da giengen si her iinde liin 14670 

trurende iinde klagende, 
ir senenia.n'e sagende, 
viel schiere wart Brangrene 
der boten unde der spaene 

in der flieze gewar: _ 14675 

ir frouwen wincte si dar. 
Isöt diu vie si und sach sie an, 
si las Isot, si las Tristan; 
(369) si nam ir mantel al zehant, 

umhe ir houbet si den want 14C80 

und sleich durch bluomen und durch gras , 

hin da boum unde bruune was. 

nu daz si kom so nähen, 

daz si beide ein ander sähen, 

Tristan stuont ällez ze stete, 14685 

daz er doch nie da vor getete: 

sine körn e mäles zuo z'im nie , 

ern gienge verre gegen ir ie. 

Xu^ wunderte isöte 
sere unde genate, 14690 

waz dirre nijere wsere: 
ir herze daz wart swiere. 
si begiinde ir houbet nider län 
und vorhtliche gegen im gän. 

der verte si gröz angest nam. 14695 

nu si also lise gende kam 
dem boume ein lützel näher bi, 
nu gesäch si mannes schate dri 
und weste niuwan einen da. 

hie bi verstuont si sich iesä 14700 

der läge unde der väre 
und euch an dem gebäre, 
den Tristan hin ze ir haete. 



140S5 cc stel*', auf der (selben) SteHe; -ganz stet und stille». Kurtz. 
« unbeweglich». Sirarock. 

147UU cerstati refl. hier mit gen., etwas merken; vgl. zu 7502. — 



150 



XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 



«ä dirre mortraete ! <> 
gedähte si «waz wirdet der? 
waz brähte dise läge her? 
benamen min lierre der ist hie bi, 
swä er hie bi verborgen si. 
ich wsene ouch, wir verraten sin. 
bescherme uns, herre trehtin! 
hilf uns, daz wir mit eren 
von hinnen mtiezen keren; 
herre, bewar in unde mich!» 
nu gedahte s' aber wider sich: 
«weiz Tristan dise ungeschiht 
oder enweiz er ir niht?» 
nü bedühte si zehant, 
daz er die läge hsete erkant, 
(370) wan si'n in den gebaerden sach. 



U705 



14710 



14715 



Si stuont von verre unde sprach; 
«herre Tristan, mir ist harte leit, 
daz ir miner tumpheit 
so gewis und alse sicher sit, 
und daz ir mir ze dirre zit 
deheiner spräche muotet. 
daz ir iuwer eren huotet 
wider iuwern oeheim unde mich, 
diu rede diu füegete sich 
und stüende iuwern triuwen baz 
und minen eren danne daz, 
daz ir so spsetiu teidinc 
und BUS getanen hselinc 
üf leget und ahtet her ze mir. 
nu sprechet an, waz wellet ir? 
ich stän mit ängesten hie, 
wan mich es Brangaene niht erlie. 



14720 



14725 



14730 



14735 



14704 mortrcete gen. pl. von morfrat stm., Mordanschlag. — 147Ö5 werden 
mit gen. {der mortrcete) in solchen Fragesätzen mit ii:az entspricht unserm: 
daraus werden, geschehen mit. . ., sollen mit...; vgl. 15627 und zu 11595. 
11725 rnuoten swv. hier mit gen. und dat., von einem etwas wünschen 
(vgl. zu 5681), anstreifend an: einem etwas zumuthen. — 14726 daz conj., 
liier wieder: indem, wenn. — huotet ist sicher der Conj. prset. von hüeten = 
hütetet; vgl. 6050, wo auch der Conj. eher anzunehmen ist als der Indic. — 
14733 aJtten swv., hier synonym mit vf legen: aussinnen, dann ziemlich: 
ansinnen, beantragen. — lier ze mir. eigentlich: gegen mich, an mich, 
dann: mir gegenüber; vgl. zu 78S2. — 



XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 151 

diu mich es bat und mir ez riet, 
also si hiute von iu schiet, 
daz ich her zuo z'iu kseme 

und iuwer klage verniemc. 14740 

daz aber ich ir's gevolget han, 
daz ist vil sere missetän. 
si sitzet aber hie nähen bi; 
und ouch swie sicher ich hie si, 
ich gxhe e doch zewäre 14745 

durch boeser liute väre 
ein min lit von miner liant, 
e iemen wa?re bekant, 
daz ich hie bi iu wsere. 

man hat so michel maere 14750 

von iu gemachet und von mir; 
si geswüeren alle wol , daz wir 
vil harte waeren kumberhaft 
mit valschlicher friuutschaft. 

des wänes ist der hof vol. 14755 

nu weiz ez aber got selbe wol, 
wie min herze hin ze iu ste; 
und wil ein lützel sprechen me: 
(371) des si got min Urkunde, 

und enmiieze ouch miner sünde 14760 

niemer anders komen abe, 

wan alse ich iuch gemeinet habe, 

mit welbem herzen unde wie; 

und gihe's ze gote, daz ich nie 

ze deheinem manne muot gewan, 14765 

und hiute und ienier alle man 

vor minem herzen sint verspart 



14741 vo''jpn in der Kegel im Mhd. mit liahpn construiert. volgen mit dat. 
und gen., einem in einer Sache folgen. — lAlh'i kwuberliaft adj., hier wohl: 
belastet. — 14759 urkünd'' hier swm., Zeuge; vgl. 9820. — 14760 müeze 
elliptisch = ?c/( vi. — 147')1 abe komen mit gen., von etwas loskommen: 
und ich will sonst nicht selig werden. — 14762 die Construction ist frei, 
der lebendigen Rede nachgeahmt, wan knüpft an niemer ayiders an, wäh- 
rend man grammatisch du: erwartet mit einer Erklärung über Isoldeus 
eigenthümliche Beweise der Zuneigung. Der Vers 14759 steht coordiniert, 
Kurtz trennt ihn und setzt Doppelpunkt, Simrock ändert noch stärker, 
er fasst 14759 fg. als Conditionalsatz , dem 14764 fg. als Nachsatz folgt. 
Paul (S. 13) will ein in V. 14758 streichen oder mindestens in nu verwandeln, 
dann würde lützel = nicht sein, davon abhängig V. 14762 wan . . . Die Verse 
1475.» — 61 kämen in Klammern. Paul übersetzt: «Ich will weiter nichts 
sagen, außer daß ich sn, wie ich wirklich gegen euch gesinnt gewesen bin, 
d. h. der Wahrheit gemäß sage, wie ich im Herzen gegen euch gesinnt 
gewesen bin.>< — 14767 versperren swv. mit procp. vor c. dat., ausschließen 
von etwas; vgl. vor (adv.) verxperren 7818, — 



152 XXni. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 

iiiwan der eine, dem da v/art 

der erste rosenbluome 

von minem magetuome. 147 70 

daz mich min lierre Marke 

bewsenet also starke 

durch iiiwern willen, her Tristan, 

weiz got da missetuot er an, 

so gar als er erkunnet hat, 14775 

wie min herze hin ze iu stät. 

die mich ze msere habent hräht, 

weiz got, die sint vil imbedäht; 

in ist min herze vil unlmnt. 

ich hän iu himderttüsent stunt 14780 

friundes gebierde vor getan 

durch die liebe, die ich hän 

ze dem, den ich da lieben sol, 

dan durch valsch, daz weiz got wol; 

ez wsere ritter oder kneht, 14785 

so diuhte mich und w£ere ouch reht 

und erete ouch mich starke, 

swer minem herren Marke 

liep oder sippe w?ere, 

daz ich dem ere bsere. 14790 

nü verkeret man mir daz, 

und enwil ich iu doch niemer haz 

durch ir aller lüge getragen. 

herre, swaz ir mir wellet sagen, 

daz saget mir, wan ich wil gän: 14795 

i'ne mäc niht langer hie gestän.o 

«Saeligiu frouwe», sprach Tristan 
ui'ne hän da keinen zwivel an, 



147t)i) roseabiuoiue swni., Eoseublume stf., Koseublüte, Knospe; das ein- 
fache bluoine in ähnlicher Wendung in V. 12647. — 14770 magetuuiu stm., 
(Magdthnm stn.), Jungfernschaft ; vgl. zu 12450 und 12408. — 14782 zu dieser 
Stelle schrieb mir Bech: «hier scheint me zu fehlen; F hat es vor friundes; 
wegend an in V. 14784, das ich sonst nicht verstehen kann, ist nach meinem 
Dafürhalten nothweudig ein Comparativ wie me. » Dasselbe macht jetzt 
Paul (S. 13) geltend und sagt: uoder ist es eine elliptische Redeweise?» 
Ich glaube letzteres und liabe darum Bech's Erinnerung unbeachtet ge- 
lassen. Man muß sich nur die Bede laut vorsprechen und das Wort iieöe 
betonen, so kommt der Sinn auch ohne die grammatische Strenge heraus. 
Dann wäre es Willkür //te gegen die Hss. zu setzen. — 14789 ^ippe adj., 
verwandt; daneben bei Gottfried yesijjpe 10654. — 14791 verktren swv., hier: 
fälschen, schlecht machen, übel auslegen; etwa: verketzern. 



XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 153 

(372) tlaz ir's die volge hoetet, 

irn sprechet unde taetet, 1-4800 

swaz tilgende und ere woere: 

inine länt iucli lügensere, 

die iuch mit mir sus hänt bedäht 

und uns undurften habent bräbt 

üz mines hcrren bulden 14805 

mit michelen unscbulden: 

daz got vil wol erkenneu sol. 

sseligiu, nü bedenket wol, 

tugenthaftiu küniginne 

und nemet in iuwer sinne, 14810 

daz icb so rehte unschuldic bin 

wider iuch und wider in, 

und ratet minem herren daz, 

sinen zorn und sinen baz, 

den er mir äne scbuble treit, 14815 

daz er den dur sine hövescbeit 

hele linde böveschliche trage 

niht langer wan dis abte tage. 

biz daz hab er und habet ouch ir 

die gebferde her ze mir, 14820 

als obe ir mir gensedic sit; 

so bereite ouch ich mich in der zit, 

daz ich von hinnen kere*. 

wir Verliesen unser ere, 

der künec min hcrre, ir und ich, 14825 

ist, daz ir alsus wider mich 

gebäret, alse ich hinnen var; 



147iiy daz nicht abhängig von zwictl/i (sonst lüeße es en/toütet)., au 
welches sicli olme daz der folgende Vers anschlielot , sondern liier wieder 
= ja7 dcz, wenn. — vol'jc stf. ist hier objectiv zu fassen: die Zustimmung 
von Seiten anderer wie in V. 4%3; in weiterer Bedeutung ist dann vül(/e 
Beifall, Gunst. — 14!SÜ2 halbwegs im Nhd. zu verstehen : nun lassen eucli 
nicht, d. h. nun gestatten es euch nicht, halten euch ab. — 14803 bedenken 
swv. steht hier im Sinne von verdenken, Verdacht haben, beargwöhnen; 
vgl. ll>\lf> und zu 14yi;5. — 14SC4 undurften (übereinstimmend in den Hss.) 
adv. (wohl dat. pl. von undurft), unnöthig; vgl. zu 346Ö. Der Umlaut un- 
dür/te, iindür/ti'n , den nur Hs. W andeutet, müsste systemgemäß etymo- 
logisch angenommen werden, wenn nicht die Worte mit verengtem und 
speciellcm Sinne, mit Begriffen xaT £;oy/;v die Neigung hätten, die altcr- 
thümlichen Formen zu bewahren. — 14S24 — 27 sind nur von Groote (und 
nach ihm von Simrock) richtig verstanden worden, der nach 14S27 stärker 
iuterpuLgiert, während Hagen und Maßmann Komma setzen und es da- 
durch zweifelhalt lassen , wie sie vJ in Y. 14S28 nehmen. i5ei Kurtz; ist 
die Construction unklar. — 14S2(i alsus, so, d. h. in der bekannten, bisher 
eingehaltenen ungnädigen Weise. — 14827 alsc=aisv , s6 = sivenne, wann: 



154 



XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 



SO sprechent unser vinde dar: 
«entriuwen, hie was etswaz an: 
nemet war, wie min her Tristan 
gescheiden ist von hinnen 
mit des küneges ucminnen.» 



14830 



«Min her Tristan», sprach Isot 
«ich lite sänfter den tot, 
dan ich mi'nen herren bsete, 
daz er iht des dur mich taete, 
daz hin ze in wrere gewant. 
nu ist iu doch daz wol erkant, 
(373) daz er mir iezuo lange frist 
durch iuch vil ungeuaidic ist, 
und weste er unde wsere im kunt, 
daz ich bi iu ze dirre stunt 
ein' unde nahtes waere, 
ich kaeme es in daz msere, 
daz er mir niemer mere 
erbute liep noch ere. 
ob ouch daz iemer sus geschiht, 
entriuwen, des enweiz ich niht, 
und wundert mich des starke, 
wä von min herre Marke 
an disen arcwän kaeme, 
von wem er den rät naeme; 
unde ich mich doch nie enstuont, 
als doch diu wip vil schiere tuont, 
daz ir mir keine valscheit 
mit gebserden hsetet vür geleit. 
noch ich selbe hin ze iu nie 
valsch noch üppekeit begie. 
i'ne weiz, waz uns verraten hat, 
wan unser beider dinc daz stät 
übel unde erbärmecliche , 
alse ez got der riebe 
enzit bedenken miieze 
und ez bezzere unde büeze. 



14835 



14840 



14845 



14850 



14855 



14860 



sogar beim Abschied. — 14828 so demonstrativ, alsdann. — 14332 unrninnen 
dat. pl. von rmminne stswf., (Tnliebe), Ungnade, Haß. 

14837 wörtlich: was auf euch hin gerichtet wäre, d. h. was euere 
Person anlangte. — 14844 in daz ma're komen entspricht unserm: in das 
Gerede kommen: vgl. zu 8334. — 14858 üppekeit stf., (Üppigkeit), Leicht- 
fertigkeit. — 14863 em'it adv., hier: bei Zeiten, bald; in V. 14644 schwankt 
der Begriff zwischen dieser Bedeutung und der in Y. 1599. 



XXIII. BELArSCHTES STELLDICHEIN. 155 

Nu herre, nü gebietet mir: 14865 

ich wil gän, so gät ouch ir. 
iuwer swa^re und iuwer arebeit, 
(laz \vizze got, diu siut mir leit. 
ich hcete schulde hin ze iu vil, 
der ich doch nü niht haben wil, 14370 

daz ich iu solte sin gehaz; 
mich erbarmet aber daz, 
daz ir dur mich ze dirre zit 
äne schulde sus beswa}ret sit. 

durch daz wil ich ez übersehen, 14875 

und swenne der tac sol geschehen, 
daz ir von hinnen müezet varn, 
herre, so müeze iuch got bewarn; 
(374) der himelischen künigin 

der müezet ir bevolhen sin! 14880 

iuwer bete und iuwer boteschaft, 

und weste ich, obe diu keine kraft 

von minem rate hsete, 

ich riete unde ttete, 

swes so ich mich verssehe, 14885 

dar an iu wol gesch^ehe. 

nu fürhte ich aber sere, • 

daz er mir'z verkere. 

swie so ez dar umbe erge, 

swie harte ez mir ze väre ste, 14890 

ich wil iuch doch geniezen län, 

daz ir niht valsches habet getan 

wider mi'nen herren unde mich; 

swie mir gelinge, so wirb' ich 

iuwer bete, so ich beste kan.» 14895 

(iGenäde, frouwe», sprach Tristan 
«und swaz rede ir vindet da, 
daz enbietet mir iesä; 
wird' aber ich ihtes gewar 

und lihte also von hinnen var, 14900 

däz ich iuch nie mere sehe, 



14'^7t; rjeschehen sagen wir nicht mehr von Zeitbestimmungen ; dafür : 
eintreten, kommen u. dgl. — 14.H81 boteschuft stf.. hier objectiv: (Entbie- 
tung), Auftrag. — 14890 ze vöre atön mit dat., gefälirlich für einen'stehen, 
7uin i'bolu sich wenden, zum Nachtheil gereichen. 



156 XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 

swaz SO mir claniie geschehe, 

vil tugenthaftiu küuigin, 

so müezet ir gesegenet sin 

von allem himelischera her! 14905 

wan got weiz wol> erd' iinde mer 

diu getrüogen nie so reine wip. ' 

froiiw', iüwer sele und iuwer lip, 

iiiwer ere und iuwer leben 

diu sin iemer gote ergeben!» 14910 

Sus schieden si sich under in. 
diu küniginne diu gie hin 
siuftende unde trürende, 
ameirende unde amürende, 

mit tougenlichem smerzen 14915 

ir libes unde ir herzen- 
der trürffire Tristan 
der gienc ouch trürende dan 
(375) und weinende starke. 

der trürige Marke, 14920 

der üf dem boume da saz, 

der betrürete aber daz 

und gieng im rehte an sinen lip, 

daz er den ueven und daz wip 

ze arge hsete bedäht; 14925 

und die in dar an hseten bräht, 

die verflüochte er tüsent stunde 

mit herzen und mit munde. 

er verweiz ie genöte 

dem getwerge Melote, 14930 

daz ez in hsete betrogen 

und ime sin reine wip belogen. 

si stigen von dem boume nider 

und riten an daz gejägede wider 

mit jämer und mit leide 14935 



14917 truroerii stm. (gebildet wie minncere), der Trauernde; wohl eine 
Gottfriedische Bildung; ferner in V. I.j790. Eine Hs. hat manchmal tru- 
rcere, wo die andere truii(/e. — 14925 bedenken swv. , hier wie in V. 14803, 
doch erst durch den Zusatz ze ar^je, und solche Zusätze mögen überhaupt 
die Bedeutung von bedenken = verdeuken veranlasst haben. — 14929 ver- 
letzen stv. mit dat. der Person = nhd. verweisen, einen tadeln, schelten; 
Gottfried braucht sonst das einfache wizen in V. 1015. lb39S. — 14932 be- 
ilegen stv., hier nicht=nhd. belügen (wie Kurtz übersetzt), sondern mit 
acc. und dat., einen bei jemand durch Lügen bereden , verleumden. Sim- 
rcck richtig: «verlügen». 



XXIII. BELAUSCHTES STELLDICHEIN. 157 

Mark' unde Melot bei